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Die Lebenssituation von illegal in Deutschland lebenden MigrantInnen

Zugangschancen zum sozialen und ökonomischen System und die daraus entstehenden Handlungsoptionen

Bachelorarbeit 2008 48 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Illegale MigrantInnen in Deutschland – eine Übersicht
2.1. Wanderungsmotive und Wege in die Illegalität
2.2. Umfang und Zusammensetzung der illegalen MigrantInnen

3. Soziale Rechte illegaler MigrantInnen, das Problem der Inanspruchnahme und das staatliche Kontrollsystem

4. Illegale MigrantInnen und ihre Zugangschancen, -probleme und -strategien zum sozialen und ökonomischen System
4.1. Wohnen
4.1.1. Zugangschancen und -probleme
4.1.2. Handlungsoptionen und Strategien zur Verbesserung der Zugangschancen
4.2. Arbeit
4.2.1. Zugangschancen und –probleme im gewerblichen und privaten Bereich
4.2.2. Ausbeutung und Rechtsschutz
4.3. Gesundheitliche Versorgung
4.3.1. Probleme bei der (Nicht-) Nutzung des öffentlichen Gesundheitssystems
4.3.2. Strategien der MigrantInnen und Provisorien aus der Zivilgesellschaft
4.4. Kindergarten und schulische Bildung
4.4.1. Rechtliche Regelungen, Zugangschancen und –probleme
4.4.2. Zugangsstrategien, Netzwerkunterstützung und Folgeprobleme

5. Stellenwert und Funktion informeller und formeller Netzwerke
5.1. Informelle Beziehungen und Netzwerke
5.2. Formelle Beziehungen und Netzwerke

6. Fazit

1. Einleitung

Ein Ziel der Europäischen Union stellt die zunehmende Abschaffung von Grenz­kontrollen innerhalb der EU dar. Doch durch den freien Personenverkehr wuchs laut Bommes auch der Druck im Inneren durch Zuwanderung aus Drittstaa­ten.[1] Als Reaktion darauf, ist eine zunehmende Schließung gegenüber unerwünsch­ter Zuwanderung zu beobachten. Die Definitionsmacht, was als erwünschte bzw. unerwünschte Migration verstanden wird, liegt dabei bei der EU und ihren Mitglieds­staaten. Wer also durch Aufenthalts- bzw. Niederlassungsgenehmigungen Zugang zum Staatsgebiet bekommt, wird mit der staatlichen Migrationspolitik ent­schieden. Dass heißt, nur durch Zugangserlaubnis können sich MigrantInnen[2] aus Drittstaaten legal in Deutschland aufhalten.[3] Die negativen Entscheidungen, also die Ablehnung bestimmter Personen, sind in dieser Politik somit implizit angelegt.“[4] Illegale Migration wird deshalb „als wiederkehrende regelmäßige Infragestellung die­ses Anspruches verstanden.“[5]

Von einem illegalen Aufenthalt wird juristisch dann gesprochen,[6] wenn Migran­tInnen in Deutschland den erforderlichen Aufenthaltstitel in Form von Visum, Aufent­haltserlaubnis oder Niederlassungserlaubnis nicht bzw. nicht mehr besitzen oder wenn das Recht zum Aufenthalt nach dem Gemeinschaftsrecht der Europäi­schen Union oder nach dem Assoziationsabkommen der EWG/Türkei von 1963 nicht bzw. nicht mehr besteht.[7] In dieser Arbeit sollen daher nur diejenigen Perso­nen thematisiert werden, die unter Verstoß des bestehenden Gesetzes sich unrechtmä­ßig in Deutschland aufhalten, dabei gegen die Meldepflicht der Bundeslän­der verstoßen und weder im Ausländerzentralregister noch anderweitig behördlich erfasst sind.[8] Es geht somit immer um den rechtswidrigen Aufenthalt, und nicht allein um die illegale Erwerbstätigkeit von MigrantInnen, die sich legal in Deutschland aufhalten.

Die Differenzierung in legale und illegale Migration hat vielfache Konsequen­zen, was die Lebenssituation derjenigen illegalen MigrantInnen betrifft, die sich schon unrechtmäßig in der EU aufhalten. Denn während illegale Migration weltweit existiert, prägen einige grundlegende Rahmenbedingungen in den einzelnen Län­dern sie auf unterschiedliche Weise.[9] So ist der Umfang, in dem diesen MigrantIn­nen soziale Leistungen gewährt werden, maßgeblich abhängig von dem Staat, in dem sie leben. Anknüpfend an diese Tatsache soll daher im Zentrum die­ser Arbeit geklärt werden, wie sich die spezifische, durch den Status der Illegalität ge­prägte Lebenssituation derjenigen MigrantInnen darstellt, die in Deutschland le­ben. Die konkrete Fragestellung lautet somit: Wie wirkt sich der illegale Aufenthalt und die darauf bezogene Migrationspolitik auf die Zugangschancen von MigrantIn­nen zum sozialen und ökonomischen System aus? Nachdem Kapitel 2 eine Über­sicht bezüg­lich der Wege in die Illegalität sowie Umfang und Zusammensetzung ille­galer MigrantInnen liefert, soll Kapitel 3 den Anspruch sozialer Rechte im Kon­text der problematischen Inanspruchnahme thematisieren. Die Zugangschancen und somit auch -probleme sollen anschließend in Kapitel 4 ausführlicher in den einzel­nen Le­bensbereichen Wohnen, Arbeit, gesundheitliche Bildung sowie Kindergarten und schulische Bildung aufgezeigt werden. Doch welche Handlungsoptionen beste­hen, wenn sich der reguläre Zugang zu staatlichen Leistungen als versperrt erweist? Wel­che Strategien nutzen die betroffenen MigrantInnen, um diese Leistungen zu kompen­sieren bzw. welche Strategien entwickeln sie, um dennoch einen Zugang zu erhalten? Anhand der vorliegenden Literatur soll dieser weiteren Fragestellung in den einzelnen Kapiteln nachgegangen werden. Dabei wird sich zeigen, dass die infor­mellen und formellen Netzwerke eine wichtige Rolle bei der Kompensation staatlicher Leistungen spielen (vgl. Kapitel 5).

Da sich die Lebenslagen in der Illegalität als sehr heterogen darstellen, sind Durchschnittsaussagen oder idealtypische Konstruktionen dahingehend nicht ange­messen. So sind von Familien, die mit Kindern ein ‚normales’ Leben in der Illegali­tät führen, bis hin zu Frauen, die Opfer von Menschenhändlern wurden, sehr unter­schiedliche Personengruppen betroffen. Daher können in den Kapiteln nur mögli­che und in den einschlägigen Studien genannte Zugangsprobleme sowie -strategien the­matisiert werden. Angesichts des begrenzten Umfanges kann die Ausarbeitung zu­dem nicht auf spezifische Personengruppen eingehen, da diese z.B. im Falle der Pros­titution ganz neue Problemsituationen mit sich bringen würden. Auch kann nicht be­antwortet werden, was politisch gegen illegale Migration getan werden kann und welche Rolle die EU-Politik für die deutsche Migrationskontrolle spielt.

Das im Folgenden die Bezeichnung ‚illegal’ beibehalten wird, soll zudem nicht bedeuten, dass ‚illegal’ als ein Attribut einer Person verstanden wird. Denn der hier verwendete Begriff ist umstritten. So vermeiden einige AutorInnen diese Terminolo­gie, um eine dadurch implizite Kriminalisierung der betroffenen Personen bewusst zu vermeiden.[10] Mit der in dieser Arbeit genutzten Begrifflichkeit ist jedoch keine Her­abwürdigung der betroffenen MigrantInnen beabsichtigt, „sondern die Hervorhe­bung eines wesentlichen Aspekts ihrer Lebensrealität, nämlich des perma­nenten Konflikts mit Rechtsnormen.“[11] ‚Illegal’ soll demnach als ein Attribut eines Zu­standes bzw. rechtlichen Faktes gelesen werden, der durch staatliche Politiken und Praktiken, dass heißt durch Illegalisierung, entsteht. Der Begriff illegal weist - neben den in der Literatur synonym verwendeten Begriffen wie irregulär, unauthori­zed, unkontrolliert, ohne Aufenthaltsstatus oder klandestin[12] - zudem darauf ­hin, dass sich die MigrantInnen abseits der legalen und regulären Migrati­onspfade bewe­gen. Darüber hinaus weist das Attribut der Illegalität auch auf eine be­sondere Verletz­lichkeit der MigrantInnen hin, die aufgrund ihres illegalen Status entsteht und beschreibt zutreffend, dass immer auch der Versuch vorliegt, „das ei­gene Han­deln rechtsförmige Beobachtung zu entziehen.“[13]

Dass sich bislang noch kein einheitlicher Begriff endgültig etablieren konnte, mag daran liegen, dass in Deutschland wie auch in Europa insgesamt die sozialwissen­schaftliche Forschung zu dieser Thematik zumeist jüngeren Datums ist, wenngleich illegale Migration als empirisches Forschungsfeld wie auch in der migra­tionstheoretischen Debatte an Gewicht gewinnt und die Literaturgrundlage seit Anfang/Mitte der neunziger Jahre zunehmend umfangreicher wird.[14] Aufenthalts­rechtliche Illegalität ist unbestreitbar zu einem Bestandteil gesellschaftli­cher Wirklichkeit geworden, auch in der Bundesrepublik Deutschland. Zeitungsberichte, wissenschaftliche Forschungsprojekte, aber auch die Darstellun­gen von Behörden belegen die Aktualität.[15] Die empirische Datenlage gerade in Be­zug auf Herkunft, Motive und Hintergründe ist dennoch eher mangelhaft. Charakte­ristisch ist auch, dass ExpertInnenwissen in hohem Maße bei nichtwissenschaftli­chen ExpertInnen konzentriert ist und sich die Grenzen zwischen dieser und wissen­schaftlicher Arbeit diffus gestalten. Während die öffentliche Meinung und die Me­dien praktisch unerforscht sind und die Politik wenig evaluiert wird, bildet die For­schung bezüglich der Lebenslagen der illegalen MigrantInnen einen Schwerpunkt. Dabei lässt sich zugespitzt sagen, dass sich die vorhanden Ergebnisse auf Personen konzentrieren, „die sich mit aus ihrem illegalen Aufenthalt resultierenden Proble­men konfrontiert sehen, daher bei sozialen Einrichtungen um Hilfe nachsuchen und in Großstädten leben.“[16]

2. Illegale MigrantInnen in Deutschland – eine Übersicht

Menschen ohne regulären Aufenthaltstitel sind - wie in der Einleitung erläutert MigrantInnen, die im Spannungsfeld von Migration und der nationalstaatlichen Ho­heitsrechte nicht der definierten Kategorie von gewünschter Zuwanderung entspre­chen. Doch wie Kapitel 2.1 zeigen wird, entstehen die Wanderungsmotive und der Weg in die Illegalität für viele auf sehr unterschiedliche Weise. Als sehr heterogen zeigen sich auch der in Kapitel 2.2. dargestellte Umfang sowie die Zusammenset­zung der illegalen MigrantInnen. Neben diesen unterschiedlichen Einreisemethoden und Wegen in die Illegalität lässt sich konstatieren, dass das Leben in der Illegalität oft kein dauerhafter Zustand ist und die Menschen sich zwischen rechtmäßigen und unrechtmäßigen Situationen bewegen.[17] Generell gilt, dass illegale MigrantInnen keine homogene Gruppe darstellen, so dass die in Kapitel 2.2 genannten Daten zu Um­fang und Zusammensetzungen mehr als Schätzwerte verstanden werden sollten.

2.1. Wanderungsmotive und Wege in die Illegalität

Wanderungsmotive und Wege nach Deutschland und in die Illegalität sind vielfäl­tig. Dabei besteht hinsichtlich der Triebkräfte heutiger Migrationsbewegun­gen und der Wanderungsmotive zunächst kein Unterschied zwischen legalen und ille­galen MigrantInnen.[18] Viele reisen ein, um durch Arbeit auf dem informellen Ar­beitsmarkt das wirtschaftliche Überleben ihrer Familien in der Heimat zu sichern. An­dere haben trotz lebensbedrohlicher Lebenslagen in ihrer Heimat keine Möglich­keit, ein gesichertes Aufenthaltsrecht in Deutschland zu erhalten, so dass einige ein Leben in der Illegalität den unsicheren Lebensverhältnissen in ihrem Herkunftsland vorziehen.[19] So schreibt Martínez,

„Sie haben Berichte gehört, bzw. im Fernsehen gesehen oder gelesen, dass in manchen Ländern Europas ein Leben in Wohlstand für alle erreichbar sei. Es gibt auch Zeitungsberichte, die regelrechte Anwerbung betreiben. El Dorado befinde sich in einigen Ländern der europäischen Union, besonders in der Bundesrepublik. Manche haben auch Verwandte oder Bekannte, die als Immigranten in Europa wun­derschöne Erlebnisse und Erfahrungen verbreiten.“[20]

Form und Ausmaß illegaler Migration sind jedoch nicht nur durch Push-Fakto­ren in den Herkunftsregionen erklärbar, sondern auch mit der Migrationspolitik der Aufnahmeländer selbst. Insbesondere die von der EU vollzogene Abschottung nach außen bewirkt, dass MigrantInnen, deren Arbeitskraft weiterhin auf Nachfrage inner­halb der Aufnahmebevölkerung stößt, notfalls den Weg in der Illegalität wäh­len.[21] Doch neben Flucht, materieller Bedürftigkeit und persönlichen Bindungen zum Zielland zum Beispiel aufgrund von Verwandten konnte Anderson auch – wenngleich oftmals in Kombination mit zuvor genannten Motiven – Abenteuer­drang, Neugierde und den Wunsch nach Weiterqualifikation als Wanderungsgrund feststellen.[22]

Stange und weitere Autoren stellen derzeit primär vier Wege in die Illegalität fest.[23] Im Fokus des medialen Interesses stehen dabei die Versuche, ohne Doku­mente über die Außengrenzen eines Landes zu gelangen. Die Bilder sind eingängig: Menschen versuchen, mit kleinen Booten Meer­wege zu passieren oder aber Stachel­drahtzäune zu überklettern, um Grenzkon­trollen zu umgehen. Für Deutschland er­folgt die Mehrzahl dieser Einreisen über die so genannte ‚grüne Grenze’ und zuneh­mend durch Schleusung. Dabei stellen die Bin­nengrenzen Deutschlands zu Öster­reich, Frankreich, den Niederlanden und Bel­gien die Brennpunkte der illegalen Mig­ration nach Deutschland dar. Frankreich wie­derum gewinnt an der deutschen Westgrenze an Bedeutung, wenngleich sich nach wie vor die meisten Feststellungen an der Grenze zu Österreich ergeben.[24] Doch diese illegalen Grenzübertritte machen nur eine geringe Anzahl der später in der EU lebenden illegalen MigrantInnen aus.[25] Denn die wichtigste Erscheinungs­form des illegalen Aufenthalts beginnt mit der legalen Einreise bzw. Grenzüberquerungen als TouristInnen, Saisonbeschäftigte oder Geschäftsreisende.[26] So bestehen für Italien Hinweise, dass circa 75% der illega­len MigrantInnen legal ein­gereist sind.[27] Demgemäß wird von den MigrantIn­nen oftmals die visumsfreie Ein­reise, Cyrus spricht von der sichtvermerksfreien Einreise, oder die Einreise mit einem legal erworbenen Visum gewählt, jeweils mit anschließender Überschreitung der erlaubten Aufenthaltsdauer.[28] Oder der illegale Aufenthalt beginnt bei zunächst legal aufhältigen Flüchtlingen oder Asylsuchenden „mit dem ‚Abtauchen’ nach dem Eintreffen der Ablehnung des Asylgesuchs, der Aus­reiseaufforderung oder der An­kündigung von aufenthaltsbeendenden Maß­nahme, vulgo ‚Abschiebung’ ge­nannt.“[29] Als weitere Möglichkeit ist die Einreise mit gefälschten oder manipulierten Do­kumenten zu nennen, die gerade bei der Anwer­bung von Opfern von Zwangsarbeit aus Ländern, die unter die Visumspflicht fallen, gängige Praxis zu sein scheint.[30] Dabei werden oftmals Papiere von ausländi­schen Staatsangehörigen mit Aufenthaltgenehmigung mit einem Foto der zu schleu­senden Person versehen oder aber es werden aus Botschaften gestohlene Visumsauf­kleber verwendet. „Letztlich“, so Alt, „gibt es eigent­lich über kommer­zielle Anbieter nichts, was es nicht gibt.“[31] So sei neben Berlin und Frankfurt Mün­chen der drittbeste Ort, um gefälschte Dokumente von Agenturen, die diese von über­all her besorgen, zu erhalten. Freilich richten sich die Nutzung dieser Agentu­ren und die Art der erhaltenen Papiere nach den finanziel­len Möglichkeiten der MigrantInnen. Daher ist auch die Verwendung gültiger Dokumente, die einem Ver­wandten des Benutzers der Papiere gehören, eine wei­tere verbreitete Vorgehens­weise. Laut Cyrus nutzen dies oftmals Verwandte von Personen mit langjähriger Aufenthaltsgenehmigung, wie zum Beispiel die kroati­schen oder bosnischen Staatsan­gehörigen während des Bürgerkrieges.[32] Auch die Einreise mit einem durch falsche Angaben erworbenen Visum oder durch Täuschung erwor­bene Dokumente begründet eine aufenthaltsrechtliche Illegalität. Beson­ders langfris­tig planende MigrantInnen haben sich auch Papiere aus den EU-Beitrittsstaa­ten zugelegt, da sie mit deren Aufnahme in die EU von der Reise- und Niederlassungsfreiheit in der ge­samten Europäischen Union profitieren. Weitere Wege, sich einen nur scheinbar lega­len Status zu geben, sind die auf Ausbeutung ba­sierende Scheinehe sowie die auf Nettigkeit beruhende Kontraktehe.[33] Und frei­lich gibt es auch eine nicht unbedeu­tende Zahl an Fälle, bei denen reine Unkenntnis oder versäumte Antragfris­ten zu einer aufenthaltsrechtlichen Illegalität geführt ha­ben.[34]

Doch das Leben in der Illegalität ist oft kein dauerhafter Zustand, so dass zwi­schen legalen und illegalen Aufenthaltsformen mehrfach gewechselt werden kann. Schönwälder, Vogel und Sciortino stellen dafür für den deutschen Raum fest:

„Menschen bewegen sich zwischen rechtmäßigen und unrechtmäßigen Situatio­nen, und ihr Leben ist daher nicht anhaltend von den Bedingungen der Illegalität ge­prägt. Es gibt einige Anhaltspunkte für die Annahme, dass die meisten derjenigen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, dies nur für eine begrenzte Zeit tun.“[35]

So beispielsweise ein Vietnamese, der zwischen seines Grenzübertritts und sei­ner Asylantragsstellung in der Illegalität lebte, dann durch den Antrag bis zu seiner An­tragsablehnung legalisiert wurde und anschließend scheinlegal mit gekauften Papie­ren in Deutschland lebt(e).[36]

2.2. Umfang und Zusammensetzung der illegalen MigrantInnen

Bedenkt man, dass illegale Migration per definitionem statistisch nicht erfasst werden kann, erschwert der Wechsel der Aufenthaltsformen das Erstellen von verläss­lichen Informationen über die soziale, demographische und ethnische Struk­tur illegaler MigrantInnen zusätzlich. Zu der mangelhaften statistischen Ausgangs­lage kommt zudem, dass schon gewonnene Daten „oft auf methodisch fragwürdige Weise zustande gekommen sind und […] häufig eher politische Interessen als die tat­sächliche Lage [reflektieren].“[37] Auffällig ist, mit welch unterschiedlichen Zahlen einzelne Wissenschaftler und Organisationen argumentierten, so dass die im Folgen­den genannten Daten mit Vorsicht zu betrachten sind und lediglich grundsätzli­che Entwicklungstrends aufzeigen können.

Unstrittig bei vielen WissenschaftlerInnen ist, dass illegale Migrationen in Indust­riestaaten tendenziell zunehmen. Denn dort, wo „legale Kanäle der Zuwande­rung geschlossen bleiben, die Notwendigkeit der Wanderung jedoch hoch bleibt, steigt die illegale Zuwanderung.“[38] Schätzungen gehen daher davon aus, dass sich weltweit unter den MigrantInnen und Flüchtlingen zwischen ein Achtel bis zu ein Viertel in illegalen Migrationssituationen befindet.[39] Zahlenangaben für die Europäi­sche Union basieren zumeist auf Aussagen der International Organisation for Migration (IMO). So lebten vor der Osterweiterung der Europäischen Union schät­zungsweise 3,3 Millionen illegale MigrantInnen in den fünfzehn Mitgliedstaa­ten, was wiederum rund 15 Prozent der circa 22 Millionen Drittstaatsangehörigen in der EU sind.[40] Die IOM bemerkt in ihrem Welt-Migrationsbericht von 2003 zu ihrer Zahl von „at least thee million irregular migrants in the European Union“, jedoch auch an, dass „this figure can be regarded as an educated guess in the absence of any official count, which would be hard to establish anyway because of the clandes­tine nature of irregular migration flows.”[41]

Das International Centre for Migration Policy Development (ICPMD) nimmt ei­gene Schätzungen von Zuwanderungszahlen vor. So wurde für das Jahr 2000 von 400 000 Personen ausgegangen.[42] Hier wurde das für den Grenzbereich USA/Mexiko bekannte Multiplikatorenprinzip auf die EU angewandt, demnach da­von ausgegangen wird, dass auf jede an der EU-Außengrenze aufgegriffene Person drei weitere MigrantInnen kommen, die die Grenzsicherungsanlagen überwinden kön­nen.[43] Dieses Multiplikatorenprinzip als Schätzprinzip für den Gesamtumfang ist nach Meinung vieler WissenschaftlerInnen jedoch zu verwerfen, zumal sich die amerika­nischen Verhältnisse nicht direkt auf die europäischen übertragen lassen.[44]

Letztlich gibt es somit auch für Deutschland keine zuverlässigen Aussagen über den Gesamtumfang der illegal aufhältigen Drittstaatsangehörigen, wenngleich vor­sichtige Prognosen aus den zur Verfügung stehenden Datenquellen erstellt werden. So z.B. anhand der Polizeilichen Kriminalstatistik, Statistiken der Bundesagentur für Arbeit im Bereich der illegalen Beschäftigung von MigrantInnen, Asylstatistiken sowie Statistiken der Bundespolizei.[45] Viele Autoren betrachten aufgrund dieser Da­ten die Zahl von 100 000 Personen als absolute Untergrenze, während bei der Ober­grenze oftmals von mehr als dem Zehnfachen ausgegangen wird.[46] Cyrus wie­derum bezeichnet in seinem 2004 erschienen Gutachten für den Sachverständigen­rat für Zuwanderung die Zahl von knapp einer Million illegaler MigrantInnen in Deutschland lediglich als „realistische Untergrenze“.[47] Alt - mit seiner immer noch viel zitierten Schätzung von „mehr als einer Million illegaler Migranten“[48] - geht aktu­ell jedoch nur noch von 500.000 bis einer Million illegaler MigrantInnen aus, da die zuvor unrechtmäßig in Deutschland lebenden BürgerInnen der seit 2004 der Europäischen Union beigetretenen Länder aufenthaltsrechtlich legalisiert wurden.[49] Lederer wiederum ist mit seiner Prognose weit vorsichtiger. So schätzt er anhand der Zahl nichtdeutscher illegaler Tatverdächtiger in der Polizeilichen Kriminalstatis­tik, dass seit Mitte der 1990er Jahre die Mindestanzahl konstant circa 100 000 Men­schen betrage.[50]

Ferner vermuten WissenschaftlerInnen, dass sich nach einem Anstieg zwischen 1990 und 1996 ein tendenzieller Rückgang, zumindest aber eine Stagnation bei der Zahl der Personen ohne legalen Aufenthaltsstatus beobachten lasse. Schönwälder, Vogel und Sciortino schließen dabei nicht aus, „dass weniger ein Rückgang als ein Formwandel der illegalen Einreise stattgefunden hat und mehr Personen heute Touristenvisa zur Einreise nutzen.“[51] Nach Sinn, Kreienbrink, Loeffelholz und Wolf sei die Stagnation auch mit der schon erwähnten EU-Osterweiterung zu erklä­ren.[52]

Diese Tatsache hat auch Einfluss auf die Zusammensetzung der nationalen Her­kunft der illegalen MigrantInnen. So bilden OsteuropäerInnen einen ersten, wenn­gleich deutlich abgeschwächten Schwerpunkt. Auch Personen aus Staaten wie Türkei, Ukraine, ehemaliges Jugoslawien, mit denen Deutschland Migrationsbezie­hungen aufwies oder noch aufweist sind häufig vertreten. Ebenso wie MigrantInnen „weiter entfernter visumspflichtiger sowie politisch und/oder wirtschaftlich unsi­cherer Herkunftsstaaten (China, Irak, Afghanistan, z.T. Staaten in Afrika und La­teinamerika).“[53] So wurden beispielsweise 2002 laut Bala 16 649 unerlaubte Ein­reisen an deutscher EU-Außengrenze entdeckt, die häufigsten Nationalitäten wa­ren Russische Föderation, VR China, Ukraine, Irak, Afghanistan und Bulgarien.[54]

Illegale MigrantInnen leben in ganz Deutschland, wenngleich eine Kon­zentra­tion in den Großstädten besteht und wirtschaftlich stärkere Gebiete mit ei­nem hohen Anteil ausländischer Bevölkerung am häufigsten fokussiert werden. Doch auch im ländlichen und suburbanen Raum seien laut Cyrus diese aufgrund von Arbeitsmarkt­opportunitäten und der lokalen Anwesenheit von Landsleuten anzu­treffen.[55] Ferner wird angenommen, dass das Durchschnittsalter der illegalen Migran­tInnen zwischen 20 und 40 Jahren liegt und insgesamt etwas mehr Männer als Frauen in der Illegalität leben.[56] Aber auch ältere Mitglieder zugewanderter Fami­lien sind illegal nachgezogen.[57] Viel höher als vermutet gestaltet sich zudem die Zahl der Kinder, die in der Illegalität geboren bzw. nachgeholt wurden.[58] Allein für München wird die Zahl der Kinder ohne Aufenthaltsstaus auf mehrere Hundert geschätzt.[59]

[...]


[1] Vgl. Bade 2002b, S. 18f.

[2] Wenn bei Personengruppen sowohl die weibliche als auch die und männlichen Form gemeint ist, wird im Folgenden der Lesbarkeit halber die Groß-I-Schreibung verwendet.

[3] Vgl. Tomei 2001, S. 24f.; Klos 2006, S. 149. [3]

[4] Klos 2006, S. 149.

[5] Bommes 2006, S. 107.

[6] Die illegale Einreise und der illegale Aufenthalt von AusländerInnen sind nach deutschem Recht Strafbestände und seit dem 01.01.2005 in den § 95-97 des Aufenthalts­gesetzes geregelt. Vgl. BAMF, Worbs 2005, S. 4.

[7] Vgl. BAMF, Worbs 2005, S. 3.

[8] Vgl. Cyrus 2004, S. 14.

[9] Vgl. Schönwälder, Vogel, Sciortino 2004, S. ii.

[10] Vgl. Bommes, Wilmes 2007, S. 18.

[11] Schönwälder, Vogel, Sciortino 2004, S. 6f.

[12] Vgl. Stobbe 2004, S. 8. Um Mehrfachnennungen zu vermeiden, werden dennoch Terminologien wie ‚ohne gültigen Aufenthaltsstatus’ oder ‚irregulär’ beizeiten verwendet.

[13] Bommes 2006, S. 97.

[14] Vgl. Stobbe 2004, S. 7.

[15] Vgl. Cyrus 2004, S. 8.

[16] Sinn, Kreienbrink, von Loeffelholz, Wolf 2005, S. 20.

[17] Vgl. Schönwälder, Vogel, Sciortino 2004, S. 35.

[18] Vgl. Schönwälder, Vogel, Sciortino 2004, S. 3.

[19] Vgl. Martínez 2007, S. 119.

[20] Martínez 2007, S. 119.

[21] Vgl. Bommes, Wilmes 2007, S. 6.

[22] Vgl. Anderson 2003, S. 17.

[23] Vgl. Stange 2006, S. 140.

[24] Vgl. BMI 2007, S. 5.

[25] Vgl. Straubhaar 2007, S. 4.

[26] Vgl. Bade 2002b, S. 30.

[27] Vgl. Cyrus, Vogel 2008, S. 1. Für Deutschland liegen keine verlässlichen Schätzungen vor.

[28] Vgl. Cyrus 2005, S. 47.

[29] Bade 2002b, S. 30.

[30] Vgl. Cyrus 2005, S. 47.

[31] Alt 2004, S. 67.

[32] Vgl. Cyrus 2005, S. 47.

[33] Vgl. Alt 2003, S. 170.

[34] Vgl. Lederer 2004, S. 167f.

[35] Schönwälder, Vogel, Sciortino 2004, S. 35.

[36] Vgl. Alt 2003, S. 112.

[37] Angenendt, Kruse 2002, S. 13.

[38] Süssmuth 2006, S. 108.

[39] Vgl. Angenendt, Kruse 2002, S. 13.

[40] Vgl. Schwenken 2005, S. 13.

[41] International Organisation for Migration 2003, S. 253.

[42] Vgl. Schönwälder, Vogel, Sciortino 2004, S. 28f.

[43] Vgl. Bala 2007, S. 15.

[44] Vgl. Sinn, Kreienbrink, Loeffelholz, Wolf 2005, S.8f.

[45] Vgl. Sinn, Kreienbrink, Loeffelholz, Wolf 2005, S.8f.

[46] Vgl. Sinn, Kreienbrink, Loeffelholz, Wolf 2005, S.8f.

[47] Cyrus 2004, S. 33.

[48] Alt 1999, S. 48ff.

[49] Vgl. Alt, zit. nach BAMF, Worbs 2005, S. 7.

[50] Vgl. Lederer 2004; BAMF, Worbs 2005, S. 7.

[51] Schönwälder, Vogel, Sciortino 2004, S. 31.

[52] Vgl. Sinn, Kreienbrink, Loeffelholz, Wolf 2005, S. 8f.

[53] Sinn, Kreienbrink, Loeffelholz, Wolf 2005, S. 8f.

[54] Vgl. Bala 2007, S. 15.

[55] Vgl. Cyrus 2004, S. 3f.

[56] Vgl. Sinn, Kreienbrink, Loeffelholz, Wolf 2005, S. 8f.

[57] Dies ist vor allem bei AussiedlerInnen oder registrierten AusländerInnen der Fall, bei denen die Voraussetzungen einer Familienzusammenführung nicht bestehen oder der enge deutsche Familien­begriff dieses ausschließt. Vgl. Cyrus 2004, S. 27.

[58] Vgl. Cyrus 2004, S. 4.

[59] Vgl. Anderson 2003, S. 15.

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Details

Seiten
48
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656305002
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204201
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,15
Schlagworte
Migration Illegalität EU Deutschland Einwanderung Klandestin Irregulär

Autor

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Titel: Die Lebenssituation von illegal in Deutschland lebenden MigrantInnen