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Hitlers „Braune Hochburg“: Der Aufstieg der NSDAP im Land Thüringen (1920-1933)

Examensarbeit 2012 81 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Der Aufstieg der NSDAP im Land Thüringen (1920-1933)

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Die NSDAP in der Weimarer Republik

4. Die Landesgründung Thüringens

5. Die NSDAP in Thüringen
5.1 Politischer Außenseiter 1920-1923
5.2 Rechtsradikale Kräfte als Mehrheitsbeschaffer der bürgerlichen Parteien 1924-1929
5.3 Erste Regierungsbeteiligung im Landtag 1930
5.4 Landtagswahlsieg und politische Vormachtstellung 1932

6. Die Rolle der anderen Parteien

7. Wählerverhalten und -zusammensetzung

8. Die Persönlichkeit Fritz Sauckel

9. Zusammenfassung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Einleitung

Das Land Thüringen nimmt in der Weimarer Republik für viele anerkannte Historiker, wie zum Beispiel Norbert Frei von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, eine nationalsozialistische Vorreiterrolle ein.[1]

So wurde beispielsweise ein Parteiverbot der NSDAP in Folge des gescheiterten Hitler-Putsches im November 1923, anders als im restlichen Deutschland, nach kurzer Zeit wieder aufgehoben, sodass die Partei schon sehr früh wieder im Land Thüringen politisch aktiv werden konnte. In den darauffolgenden Jahren erhielten deutsch-völkische Organisationen und vor allem die Nationalsozialisten größeren Zulauf. 1926 fand in Weimar der erste offizielle Parteitag der NSDAP im Deutschen Reich statt. Während in anderen Ländern noch Redeverbote und Einschränkungen galten, fanden Adolf Hitler und seine Anhänger in Thüringen ein tolerantes und zum Teil auch entgegenkommendes politisches Klima vor. Dies führte 1930 auch zu einer ersten Regierungsbeteiligung der NSDAP in einem Land der Weimarer Republik. Wilhelm Frick, späterer Reichsminister des Innern, wurde Innen- und Bildungsminister in Thüringen und besetzte umgehend wichtige Posten in der Landesverwaltung und Polizei mit NSDAP-Mitgliedern. Der von ihm zum Direktor der Kunsthochschule von Weimar ernannte Paul Schultze-Naumburg ließ als eine seiner ersten Amtshandlungen zahlreiche Werke moderner Künstler aus dem Schlossmuseum in Weimar entfernen - ein Vorläufer für die späteren Aktionen der „Entarteten Kunst“ im Dritten Reich.[2] Im Juli 1932 erhielten die Nationalsozialisten 42,5 Prozent der Stimmen bei den thüringischen Landtagswahlen. Fritz Sauckel übernahm den Vorsitz des Staatsministeriums und benannte als Schwerpunkte seiner Arbeit: „Rasse und Volkstum, nationaler Lebens- Aufbau- und Wehrwille.“[3]

Nach dem Historiker Steffen Raßloff machte sich Sauckel umgehend daran, Thüringen zum „nationalsozialistischen Mustergau“ zu entwickeln.[4] Auf thüringischer Landesebene konnte sich die NSDAP so nach einiger Zeit infolge wirtschaftlicher und politischer Krisenerscheinungen zu einer politischen Macht entwickeln, wie nirgendwo sonst im Reich und damit die Entwicklung auf Reichsebene in gewissem Maße vorwegnehmen.

All diese Ereignisse, die ebenso maßgeblich den Aufstieg der NSDAP im gesamten Deutschen Reich begünstigten, lassen die nationalsozialistische Vorreiterrolle des Landes Thüringen erahnen.

Ziel und Aufgabe der wissenschaftlichen Hausarbeit wird es sein, den Aufstieg der NSDAP im Land Thüringen zu beleuchten und dabei auf jene politische Entwicklungen und Prozesse einzugehen, die letztendlich Thüringen zu einem „Mustergau“ werden ließen. Es ist zu fragen, warum die NSDAP ausgerechnet in Thüringen auf große politische Erfolge verweisen konnte und welche Indikatoren dies begünstigten. Um die politischen Ereignisse in Thüringen nachvollziehen zu können, ist es von Relevanz nach Klärung des Forschungstandes, die Vorrausetzungen und den Aufstieg der NSDAP im gesamten Deutschen Reich zu thematisieren. Das Kapitel über die Landesgründung Thüringens führt zum Kern der Arbeit. In diesem stehen die politischen Prozesse der nationalsozialistischen Bewegung in Thüringen. Dabei wird die Entwicklung von der Formierung an, ab dem Jahr 1920 bis hin zur Vormachtstellung 1932, behandelt. Bei dieser Auseinandersetzung sollte ebenso die Rolle der anderen Parteien in der politischen Landschaft Thüringens beleuchtet werden. Eine Analyse des Wählerverhaltens und der Wählerzusammensetzung bietet sich im Anschluss daran an, um Gründe für den politischen Aufstieg der Partei präziser untersuchen zu können. Da der Aufstieg der NSDAP in Thüringen unmittelbar mit der Persönlichkeit Fritz Sauckel verbunden ist, wird dessen Wirken in einem gesonderten Gliederungspunkt untersucht. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Zusammenfassung der dargestellten Ergebnisse.

2. Forschungsstand

Trotz der nationalsozialistischen Vorreiterrolle des Landes Thüringen lässt sich in der historischen Forschung in diesem Zusammenhang nur eine mäßige Auseinandersetzung und Bearbeitung erkennen. Im Gegensatz zu Gesamtdarstellungen über den Aufstieg der NSDAP in der Weimarer Republik, wie beispielsweise „Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik“ von Hans-Ulrich Thamer (2003) oder die „Geschichte des Nationalsozialismus“ von Michael Wildt (2008), existiert nur eine geringe Auswahl über die Prozesse in Thüringen. Als sehr nützlich erweisen sich in diesem Zusammenhang die Sammelbände „Thüringen auf dem Weg ins Dritte Reich“ und „Nationalsozialismus in Thüringen“, beide herausgegeben von Detlev Heiden und Gunther Mai (1995/96). Neben dem politischen Aufstieg der Nationalsozialisten lassen sich darin auch Aufsätze über das völkische Milieu und wahlanalytische Überlegungen für Thüringen finden. Ergänzt werden die Sammelbände durch eine vielfältige Quellensammlung. Des Weiteren sollten die „Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen“ für die Bearbeitung nicht außer Acht gelassen werden. Der dazugehörige Band 18 „Zwischen Landesgründung und Gleichschaltung“ (2001) beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung der Thüringer Regierungsbildungen seit 1920 bis zum Ende der parlamentarischen Demokratie 1933. Obwohl hierbei primär eine Gesamtdarstellung über das parlamentarische Geschehen gegeben wird, können aus den Beiträgen der beiden Autoren, Jochen Grass und Willy Schilling, reichlich Erkenntnisse über den Aufstieg der NSDAP in Thüringen gezogen werden.

Ebenfalls lassen sich aus den knappen Übersichtsdarstellungen der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen, wie etwa „Das Ende der Freiheit“ von Christian Schnitzler (1993) oder „Das Land Thüringen in der Weimarer Republik“ von Jürgen John (2004), Schlüsse zur Thematik ziehen.

Regionalspezifische Untersuchungen leistet zum Beispiel die Monographie von Eberhart Schulz (2005) mit dem Titel: „Rote Fahnen – braune Hemden. Arbeiterbewegung und Faschismus in Jena 1929 bis 1933.“ Reinhold Brunner (2002) beschäftigt sich mit der Entstehungsgeschichte der NSDAP in Eisenach in „Das Hakenkreuz im Schatten der Wartburg.“ Einen weiten bedeutenden regionalen Beitrag zur Thematik liefert der Aufsatz „Formierung und Aufstieg, die NSDAP im Landkreis Schleiz 1922 bis 1932“ von Willy Schilling (2002).

Bei einer umfassenden Analyse des Forschungstandes über den Aufstieg der NSDAP in Thüringen fällt auf, dass es bei einzelnen Themengebieten an wissenschaftlichen Beiträgen mangelt. So liegen beispielsweise die Anfänge der NSDAP in Thüringen teilweise im Dunkeln. Bis auf die Untersuchungen von Franz Walter über das Wahlverhalten in thüringischen Industrielandschaften sind Beiträge zum thüringischen Wahlverhalten und dem Parteiensystem ebenso rar gesät. Des Weiteren ist die Organisation verschiedenster völkischer Gruppen, die von 1923 bis 1925 aktiv waren und der NSDAP Schutz und Zuflucht boten, noch nicht hinreichend erforscht. Es fehlen hierzu Orts- und Territorialgeschichtliche Untersuchungen.

Die wissenschaftliche Hausarbeit sieht sich in diesem Zusammenhang herausgefordert, einen weiteren historischen Beitrag zur Analyse des Aufstieges der Nationalsozialisten in Thüringen zu leisten. Damit dieser jedoch nachvollzogen werden kann, wird in einem folgenden Kapitel zunächst die Entwicklung der NSDAP in der Weimarer Republik thematisiert.

3. Die NSDAP in der Weimarer Republik

Ausgehend von der Novemberrevolution und dem damit verbundenen Kriegsende 1918 in Europa, entstand aus dem Deutschen Kaiserreich die erste Deutsche Republik, die der Bevölkerung erstmals ein parlamentarisch-demokratisches System gewährte. Die Folgen des Ersten Weltkrieges, die obrigkeitsstaatliche Einstellung vieler Bevölkerungsteile sowie die fehlende demokratische Tradition in Deutschland führten zu zahlreichen Problemen, die die junge Republik am Anfang ihres Daseins bewältigen musste. Vor allem politische Spannungen zwischen demokratischen, sozialistischen und elitär-rechten Kräften destabilisierten den neuen Staat. Demokratische Wahlen und die ausgearbeitete Verfassung des Parlaments im Jahr 1919 konnten dabei nicht zu einer politischen Konsolidierung in der Weimarer Republik beitragen, vielmehr kam es immer wieder zu Aufständen und Putschversuchen. Zahlreiche politische Strömungen prallten dabei aufeinander. Der Versailler Vertrag, der Deutschland militärisch handlungsunfähig machte, hohe Reparationszahlungen von der Wirtschaft abverlangte sowie den Deutschen die Zuschreibung der alleinigen Kriegsschuld gab, forcierte die politische Destabilisierung.[5]

Aus dieser aufgeheizten Atmosphäre ging schließlich eine nationalsozialistische Strömung hervor, die die Weimarer Republik in ihrer Endphase bedrohte und sie letztendlich auch beseitigte. Untrennbar mit dieser Bewegung verbunden ist die NSDAP, der es besonders in Thüringen gelang, politisch „Fuß zu fassen“, um anschließend den Weg zur Machtergreifung auf Reichsebene aufzuzeigen.

Die Ursprünge der NSDAP reichen bis in die Anfangsjahre der Weimarer Republik zurück. Ihren Ausgangspunkt hatte sie in einem völkisch-antisemitischen Milieu in München.[6] Die mächtigste nationalistische Organisation der Vorkriegszeit war der „Alldeutsche Verband.“ Aus ihm waren in den Wirrungen der Nachkriegszeit mehrere nationalistische und völkische Gruppierungen hervorgegangen, die sich nun in der gesamten Republik auszubreiten versuchten. Im Kampf gegen die politischen Linken bildete sich unter diesen ein germanischer Orden heraus, welcher zugleich versuchte, die Arbeiterschaft an sich zu binden, was zur Gründung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) in München unter Anton Drexler und Karl Harrer führte. Am 12.09.1919 schloss sich der ehemalige Gefreite Adolf Hitler der Vereinigung an. Schnell avancierte er zum Hauptredner der Partei. Auffallend war seine enthusiastische und fanatische Vortragsweise, mit der er versuchte, seine Zuhörer zu überzeugen. Hierbei hetzte Hitler gegen das „Schanddiktat von Versailles“, die „Novemberverbrecher“ und gegen Juden sowie Marxisten.[7] Mit dem 25-Punkte-Programm, welches im Februar 1920 verabschiedet wurde, benannte sich die DAP in NSDAP um. Das Programm war geprägt von rassistisch-nationalistischen Ansichten sowie antikapitalistischen Denkweisen.[8] Zu den weiteren Zielen der Partei zählten die Schaffung eines Großdeutschen Reiches und die Zentralisierung politischer Gewalt. Hitler hielt eine Vielzahl von Reden, baute den Parteiapparat aus und sorgte mit einer Symbolik, wie etwa dem Hakenkreuz, dafür, dass die Partei ständig zu erkennen war. Bereits im Februar 1921 kamen über 6.000 Besucher zu den Massenveranstaltungen der Partei im Großraum München.[9] Oft kam es nun auch zu Straßenschlachten zwischen Anhängern der NSDAP und Linksradikalen. Finanzieren konnte die Partei ihre Öffentlichkeitsarbeit hauptsächlich über Bezüge von Gesinnungsgenossen, von der Reichswehr sowie mittelständischen und großindustriellen Unternehmen.[10] Mit der Zeit wuchsen auch die Mitgliederzahlen nicht nur in Bayern, sondern im gesamten Deutschen Reich. Im November 1923 hatte die Partei reichsweit bereits 55.000 Mitglieder, welche sich aus fast allen Bevölkerungsschichten zusammensetzten.[11]

Durch eine schwere politische und ökonomische Krise, die sich vor allem in Hyperinflation, Reparationszahlungen sowie separatistischen Bewegungen widerspiegelte, stand die Republik 1923 erneut unter einer harten Bewährungsprobe.[12] Hitler forderte im November eine „nationale Regierung nach faschistischem Muster“ und marschierte am 9.11.1923 mit Erich Ludendorff und weiteren Anhängern zur Münchener Feldherrenhalle.[13] Diese Aktion endete für die NSDAP in einem Desaster. Die Landespolizei hielt sich gegen den Glauben Hitlers nicht zurück und beendete die Demonstration gewaltsam in der Innenstadt. Hitler konnte flüchten, jedoch später gefangen genommen werden. In der Folge darauf wurde die NSDAP als Partei verboten und Hitler zu fünf Jahren Haft auf der Festung Landsberg verurteilt. Auffallend hierbei war, dass das Gericht unverkennbar nationale Sympathien für die Tat Hitlers aufbrachte und sein Handeln als „ehrliches Streben“ und „Selbstopferung für die Idee“ bezeichnete.[14] Symptomatisch, dass Hitler bereits frühzeitig, nach über einem halben Jahr, aus der Haft entlassen wurde.

Während der Haftzeit Hitlers gingen der NSDAP Stimmen bei der Wählergunst verloren, sodass die „Völkische Liste“ bei den Reichstagswahlen am 7. Dezember 1924 nur noch 0,9 Millionen Stimmen bekam. Diese Tatsache war auch ein Anzeichen für die sich allmählich wirtschaftlich und politisch erholende Republik, deren Krise gegen Ende 1924 überwunden schien.[15]

Nach der vorzeitigen Haftentlassung Hitlers rückte dieser schnell wieder in das Zentrum der Partei. Am 27. Februar 1925 wurde die Partei neu begründet. Hitler hatte aus seinem gescheiterten Putschversuch gelernt und wollte von nun an auf „legalem“ Wege, also über Wahlerfolge, an eine Machtergreifung kommen.[16] Der „Legalitätskurs“ der Nationalsozialisten sollte in den Folgejahren besonders in Thüringen zum Tragen kommen. Die Massen wurden noch mehr mobilisiert und die Partei straffer als zuvor im gesamten Reich ausgerichtet. Organisatorisch wirkte die Partei nun in über 30 Reichsgebieten. Träger der Parteiarbeit waren die Gauleiter, die unter Befehl des Führers standen.[17] Ab 1926 kamen weitere Organisationen und Berufsverbände hinzu, die die Anhängerschaft noch stärker an die Partei binden sollten, so etwa der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDtB) oder die Hitler-Jugend (HJ). Diese geschaffenen Organisationsstrukturen sollten es der Partei später erleichtern, die Macht an sich zu reißen. Während den wirtschaftlichen Erfolgsjahren der „Goldenen Zwanziger“ fiel es der NSDAP schwer Wahlerfolge für sich zu verbuchen.[18] Die hohen Reparationszahlungen und eine immer noch ungefestigte Demokratie ließen bei den Nationalsozialisten jedoch nie die Hoffnung verstreichen, in folgenden Krisenzeiten auch bei Landtags- und Reichstagswahlen Zuwächse bei Wählerstimmen zu erhalten.[19]

Erste vorzeigbare Wahlerfolge der NSDAP gab es bei den Kommunal- und Landtagswahlen 1929, begünstigt durch die gegen Ende Oktober einsetzende Weltwirtschaftkrise.[20] Die Mitgliederanzahl der NSDAP stieg in der Folgezeit rasant an. Bereits im Frühjahr 1930 hatte die Partei über 200.000 Mitglieder zu verzeichnen.[21] Bei den Reichtagswahlen 1930 wurde die Partei mit 18,3 % der Stimmen hinter der SPD zur zweitstärksten Fraktion gewählt. Ein Anzeichen für die wirkende Mobilisierung der NS-Propaganda und das instabile politische System.[22] Als entscheidender Schwachpunkt des politischen Systems der Weimarer Republik offenbarte sich der Umstand, dass zu wenige Kräfte versuchten, gegen die nationalsozialistische Bewegung vorzugehen. Es fehlten „echte“ Demokraten, die für das System einstanden und es verteidigten. Aus diesem Aspekt rührt auch die viel bekannte Floskel „Republik ohne Republikaner.“

Nach dem Scheitern der Großen Koalition 1930 und dem Ansteigen der Arbeitslosenzahlen reagierte die Republik im Jahr 1931 mit Notverordnungen des Reichspräsidenten und Präsidialkabinetten, um so den politischen Gefahren von links und rechts begegnen zu können.[23] In der Zwischenzeit erhielt das rechte Lager weiteren Auftrieb mit dem nationalistischen Zusammenschluss zur „Harzburger Front“ durch die NSDAP, die Deutschnationalen und konservativ-autoritäre Soldatenverbände.[24] Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 verbuchte die NSDAP 37,3% der Stimmen, was nochmals eine Verdopplung der Wählerstimmen darstellte.[25] Nach den fehlgeschlagenen Präsidialkabinetten verständigte sich der ehemalige Reichskanzler von Papen mit Hitler, der unter allen Umständen selbst zum Reichskanzler ernannt werden wollte, auch weil die NSDAP mittlerweile bei den Reichtagswahlen im November 1932 deutliche Verluste hinnehmen musste. Nachdem Reichspräsident Hindenburg überzeugt worden war, konnte der „böhmische Gefreite“ Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichkanzler ernannt werden. Eine Entscheidung, die sich im Hinblick auf die Beseitigung des demokratischen Systems, den Beginn des Zweiten Weltkriegs und der politischen Verfolgung von Millionen Menschen als folgenschwer erweisen sollte.

Nachdem ein Überblick über die ereignisgeschichtlichen Zusammenhänge in der Weimarer Republik gegeben wurde, wird im folgenden Kapitel der Fokus auf Thüringen gelegt werden. Um den Aufstieg der NSDAP in diesem Land nachvollziehen zu können, ist es zunächst von Bedeutung, den Prozess der Landesgründung zu thematisieren, bevor auf einzelne Zeitspannen eingegangen wird.

4. Die Landesgründung Thüringens

Der Sturz der Monarchie im Zusammenhang mit der Novemberrevolution 1918 machte den Weg frei, die schon lange Zeit diskutierte „Thüringer Frage“ zu lösen. Eine Thüringer Einigungsbewegung bestand bereits seit dem 19. Jahrhundert. Mit dem einhergehenden Ende einzelstaatlicher Dynastien dankten die Herzöge der Ernestinischen Staaten ab und aus Gliedstaaten des Kaiserreichs wurden republikanische Freistaaten mit parlamentarisch gestützten Regierungen.[26]

Der Impuls für die Idee eines einheitlichen Thüringens ging von der Stadt Weimar aus. Erste wegweisende Schritte stellten die Einheitsinitiativen der Weimarer Revolutionsregierung unter August Baudert, der Arbeiter- und Soldatenräte, des Erfurter „Redslob-Kreises“ und des industriellen Wirtschaftsverbandes dar. Von ihnen ging der Beschluss zur Gründung einer „Provinz Thüringen als Teil der Einheitsrepublik Deutschland“ aus.[27]

Im März 1919 trieben die Weimarer Staatsregierung unter Arnoldt Paulssen, der Jenaer Staatsrechtler Eduard Rosenthal und der reußische Staatsminister von Brandenstein die Initiative zur staatlichen Neuordnung Thüringens voran, indem sich in einem Gemeinschaftsvertrag mit allen beitrittswilligen Staatsregierungen geeinigt und mit dem „Staatsrat von Thüringen“ eine erste vorübergehende Regierung gebildet wurde. So entstand letztendlich in einer „kleinthüringischen Lösung“ ein Zusammenschluss der sieben Einzelstaaten Weimar, Gotha, Altenburg, Meiningen, Rudolstadt, Sondershausen und Reuß.[28]

Da im zu Preußen gehörenden Erfurt zu große Vorbehalte gegen einen Beitritt herrschten, sah die Stadt sich nicht bereit, dem Gemeinschaftsvertrag beizutreten.[29] Aus diesem Grund kommt Erfurt für die folgenden Ereignisse im Land Thüringen eine unbedeutende Rolle zu.

Auf dem Weg zur Thüringer Landesgründung machte aus rechter Perspektive der im Mai 1919 gegründete Thüringer Landbund (ThLB) auf sich aufmerksam, welcher auf zahlreiche Unterstützer aus Politik und Wirtschaft zurückgreifen konnte.[30] Auf der Straße versuchte der Landbund Gefolgsleute und Mitstreiter zu rekrutieren und gegen das System von Weimar mobilzumachen. Er liefert einen ersten Hinweis auf das rechtsradikale Potential in Thüringen. In Gotha kam es in der Folgezeit zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Thüringer Landbundes und der USPD-Regierung, was einen Militäreinsatz der Reichswehr notwendig machte.[31]

Ebenfalls überschattete im März und April 1920 der rechtsgerichtete Kapp-Lüttwitz-Putsch das politische Leben Thüringen in besonderer Weise, indem anstehende Beratungen und Verhandlungen über einen zu ratifizierenden Verfassungsentwurf und die bevorstehende Landesgründung gestört wurden.[32] Infolge dessen prallten linke und rechte Strömungen erneut gewalttätig aufeinander und erzeugten in Thüringen über einige Wochen bürgerkriegsähnliche Zustände. Schon zu diesem Zeitpunkt fiel auf, welche Dynamik und Brutalität von völkisch-rechtsgerichteten Gruppierungen in dieser Region ausgehen konnte.

Trotz der schwierigen politischen Umstände kam es am 1. Mai 1920 zur Landesgründung von Thüringen und nur wenige Tage später zur Annahme der Landesverfassung.[33] Der Landtag selbst wurde am 20. Juni 1920 gewählt und trat einen Monat später in der neuen Landeshauptstadt Weimar zusammen.[34] Mit der Gründung des „Landes Thüringen“, so die offizielle Bezeichnung, erfuhr das Deutsche Reich die größte territorialstaatliche Neuordnung seit dem Jahre 1866.[35]

Das Land Thüringen besaß 10 Stadt- und 15 Landkreise, in denen nun 1,6 Millionen Einwohner auf insgesamt 11.765 km2 lebten.[36] Nach Einwohnerzahl und Fläche betrachtet, stand das Land im Reichsverbund an sechster Position. Dabei konnte es über einen überdurchschnittlichen Industrialisierungs- und mittleren Urbanisierungsgrad verfügen, wobei kleinere und mittlere Städte das Landschaftsbild prägten. Noch vor der Landeshauptstadt Weimar mit 46.000 Einwohnern stellte Jena mit über 52.000 Einwohnern die größte Stadt im Land dar.[37] Damit existierte im Land Thüringen keine Großstadt.

Da sich die Weimarer Republik auf dem Fundament eines demokratischen Bundesstaats mit erweiterten Reichskompetenzen gegründet hatte, büßten die untergeordneten Länder besonders auf wirtschafts- und sozialpolitischem Terrain eigene Kompetenzen ein. Immerhin verfügten sie weiterhin über die Polizei- und Bildungshoheit.[38] Die einzelnen Landesverfassungen wurden zum Bestandteil der Weimarer Reichsverfassung, weshalb das Land Thüringen auch als „Freistaat“ und „Glied des Deutschen Reiches“ bezeichnet werden konnte.

Die legislative Gewalt hatte im politischen System der Thüringer Landtag inne, der darüber hinaus die Landesregierung als Exekutive kontrollierte.[39] Ein „leitender Staatsminister“ bildete die Spitze dieses neuen politischen Konstrukts.[40] Neben dieser Führungsposition besaß der leitende Staatsminister häufig auch noch ein landespolitisches Ressort. Weitere Staatsräte vertraten im Landtag die Territorien der vormaligen ernestinischen Staaten. Von diesen übernahm das Land Thüringen auch kulturelle und wissenschaftliche Infrastrukturen, um sie später an die neuen politischen Gegebenheiten anzupassen. So wurde zum Beispiel aus der „Ernestinischen Gesamtuniversität Jena“, die „Thüringische Landesuniversität Jena.“[41]

Es bleibt festzuhalten, dass der Umstand der neuen Thüringer Staatsgründung unter einem sich gleichzeitig neu herausbildenden demokratisch-parlamentarischen Gebilde namens Weimarer Republik erahnen ließ, dass die politischen Verhältnisse in den Folgejahren von Anfangsproblemen und parteipolitischen Grabenkämpfen überschattet werden sollten. Im „Herzen der Republik“ fehlte es zudem an einer verbindenden Historie und einer demokratischen Tradition. Diese Tatsache erleichterte es radikaleren Strömungen, sich auf der politischen Bühne zu etablieren.

Nach dem Historiker Steffen Raßloff kam extremistischen Kräften schon in der Gründungsphase des Landes Thüringen die große Spaltung des Landesparlamentes in ein linkes und rechtes Lager entgegen.[42] Gunther Mai bemerkt hierzu: „Den sozialistisch-linksbürgerlichen Landesgründern und Reformkräften standen die Beharrungskräfte der alten Eliten und ein wachsender Extremismus der Mitte gegenüber.“[43] Ebenso ist Beate Häupel der Auffassung, „dass die politischen Vorstellungen über den Aufbau des neuen Landes auseinandergingen […] und dies die Thüringer Demokratie radikalisierte.“[44]

Noch vehementer als auf Reichsebene fehlte es in Thüringen an demokratischen Kräften, welche sich auch für das neue politische System einsetzten.

Obendrein fiel die Thüringer Landesgründung in eine schwierige Phase, da eine ausbreitende Inflation, ansteigende Arbeitslosigkeit und sozialer Notstand auch nicht vor Thüringen Halt machten.[45] Vielmehr war die Wirtschaft des Landes von den ökonomischen Folgen des Ersten Weltkrieges noch schwer getroffen.[46]

Ebenso schien die „kleinthüringische Lösung“ ohne den Beitritt der „heimlichen Hauptstadt“ Erfurt für viele Landsleute nur einen vorübergehenden und unvollkommenen Charakter auf dem Weg zu einem großthüringischen Freistaat oder gar einem mitteldeutschen Verbund zu besitzen.[47] Daran konnte auch der gemeinsam bestehende Reichtagswahlkreis Nr. 12 nichts ändern, zu dem seit 1920 neben dem Land Thüringen auch das preußische Thüringen einschließlich Erfurt sowie der Kreis Schmalkalden gehörten.[48]

Raßloff teilt in der Folgezeit den Aufstieg von rechtsextremen Kräften in Thüringen in vier Phasen ein, die sich vom politischen Außenseiter in den Jahren von 1920-1923, über den Mehrheitsbeschaffer der Bürgerlichen von 1924-1929, der ersten Regierungsbeteiligung der NSDAP ab 1930 bis hin zur absoluten Vormachtstellung der Partei im Jahre 1932 erstrecken.[49] Daher wird in den folgenden Kapiteln der Fokus auf der genaueren Untersuchung dieser Phasen liegen.

5. Die NSDAP in Thüringen

5.1 Politischer Außenseiter 1920-1923

Der Aufbau der politischen Strukturen der NSDAP in Thüringen gestaltete sich in der Gründungsphase ähnlich wie im restlichen Reich. Ausschlaggebend für das Land Thüringen war dessen geographische Nähe im Norden zu Bayern, weshalb es einer politischen Expansion der Nationalsozialisten gelegen kam. Im Jahre 1921 entstanden dementsprechend, von München ausgehend, die ersten Ortsgruppen der NSDAP in Thüringen.[50] Dabei stechen besonders die Städte Gotha, Ilmenau und Hirschberg hervor.[51] Von der politischen Öffentlichkeit in Thüringen wurde dieses erste Erscheinen kaum wahrgenommen, bestanden die meisten Ortsgruppen doch nur aus wenigen Mitgliedern. Am Beispiel Ilmenaus beschrieb Fritz Sauckel, späterer Gauleiter von Thüringen, den Aufbau der NSDAP und ihrer Ortsgruppen wie folgt: „Die günstige Lage Ilmenau´s lässt es für günstig erscheinen(,) diese Stadt als Mittelpunkt zu behalten[…]. Das ganze Gebiet wird nunmehr in vier Untergebiete geteilt und dort je ein Leiter gewählt […]. Die vier Gebietsleiter tragen nun dafür Sorge, dass in einem jeden Dorf ihres Wirkungskreises mindestens ein Vertrauensmann in unserem Sinne tätig ist. Diese Leute sind mit gutem Werbematerial zu versehen, durch Besprechungen aufzuklären, damit diese (die) so unendlich wichtige Kleinarbeit leisten können. Das Ziel der Vertrauensleute muss sein, dass sie in ihren Orten unter ihren Freunden und Bekannten dahin wirken, dass ein Sprechabend stattfinden kann, an dem zugleich die Ortsgruppe gegründet werden soll […]. Die gegründete Ortsgruppe hält dann ihrerseits regelmäßige Zusammenkünfte ab […]. Es gilt auf allen Gebieten den völkischen Gedanken in die Tat umzusetzen und das gesellige Leben unserer Anhänger im völkischen Sinne zu beeinflussen.“[52]

Diesen Bemühungen kam dabei die in Thüringen vorgefundene völkische Tradition entgegen. Zahlreiche Vertreter ideologisch-rassistischer Organisationen hatten sich im Land niedergelassen. Viele von ihnen waren im „Deutschbund“, einer übergeordneten völkischen Vereinigung, engagiert.[53] So zum Beispiel Adolfs Bartels, welcher eine rassistische Literaturgeschichte verfasst hatte.[54] In diesem politischen Milieu stieß auch der Schriftsteller Artur Dinter hervor, der unter anderem in Zeitungen und politischen Schriften für seine grotesk-religösen Ansichten und Antisemitismus warb.[55] In seinem Roman „Die Sünde wider das Blut“ heißt es beispielsweise: „Eine der deutschen Rasse körperlich und geistig entgegengesetzte Rasse ist die jüdische. Die das Judenvolk zusammensetzenden Rassenbestandteile sind nach Ursprung und Eigenart den deutschen bluts- und seelenfremd […]. Ein im Gegensatz zu der deutschen hervorstechenden Merkmal der jüdischen Rasse ist es, nicht selber fruchtbringende und aufbauende Werte zu schaffen, sondern die von ihren Wirtsvölkern hervorgebrachten Werte zwischenhändlerisch zu verschieben, ihre Wirtsvölker dadurch auszubeuten und in Abhängigkeit von sich zu bringen.“[56]

Bei der Veröffentlichung solcher Werke konnten sehr hohe Auflagenzahlen erreicht werden. Allein „Die Sünde wider das Blut“ erreichte auf Anhieb deutschlandweit eine Auflagenzahl von 70.000 Exemplaren. Das völkische Milieu in Thüringen war über Verlage, Buchversandhäuser und Zeitschriftenzirkel besonders auf der kulturellen Ebene sehr gut aufgestellt und organisiert.[57]

Trotz einer ersten Formierung von einzelnen nationalsozialistischen Vereinigungen in Thüringen konzentrierte sich die Bewegung in der Folgezeit weiterhin auf München und Bayern. In dieser Phase kann das Auftreten der NSDAP in Thüringen mit einer Außenseiterrolle charakterisiert werden. Dabei stellte die Partei eine von mehreren Splittergruppen dar und agierte in einem rechten Lager neben Organisationen wie dem „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“, dem „Jungdeutschen Orden“ sowie dem „Stahlhelm“.

Aufgrund des vorhandenen völkischen Milieus und ungeachtet der festgestellten Außenseiterrolle der NSDAP in den ersten drei Jahren des Landes Thüringen lässt sich nach dem Historiker Eduard Kolb schon ab dem Jahr 1920 bei der bürgerlichen Mitte eine Tendenz nach rechts feststellen.[58] Der Kapp-Putsch vom März 1920 bildete nach ihm einen „Radikalisierungsschub mit politischer Langzeitwirkung“, von dem die völkische und rechtsextreme Szene auch in Thüringen nachhaltig zehren konnte.[59] Der Historiker Gunther Mai schließt sich dem an, indem er die Auffassung vertritt, dass SPD und Deutsche Demokratische Partei (DDP) im Vergleich zu den Wahlen zur Nationalversammlung des Jahres 1919 im Jahr 1920 über die Hälfte an Wählerstimmen verloren und sich damit ein „Rechtsruck“ andeutete.[60] Fritz Sauckel erkannte rückblickend im Jahr 1926: „In keinem Lande außer Bayern und Sachsen fasste wohl der Nationalsozialismus so schnell Boden, gewann er so zahlreiche begeisterte Anhänger wie in dem im Herzen Deutschlands gelegenen Lande Thüringen.“[61] Der Grundstein für die Mobilisierung der nationalsozialistischen Bewegung wurde demnach in den Anfangsjahren des Freistaats Thüringen gelegt.

In dieser Phase kam es neben der rechtsextremen Mobilisierung auch zum Zulauf zu linksgerichteten Parteien, die in den ersten drei Jahren nach der Landesgründung zunächst die parlamentarische Politik im Wesentlichen mitbestimmten. Aus diesem Grunde kann die Zeitspanne auch als „sozialistische Phase“ bezeichnet werden.

Bei den ersten Landtagswahlen am 20.06.1920 bildeten sich zwei große Wählerblöcke, zum einen aus den sozialistischen Parteien KPD, USPD sowie SPD und zum anderen aus den bürgerlichen-rechten Parteien DNVP, ThLB, DVP und dem Zentrum heraus.[62] Beide Blöcke lehnten Koalitionen für gewöhnlich untereinander ab, weshalb es durch diese Konstellation von Anfang an schwer war, eine mehrheits- und vor allem konsensfähige Regierung auf parlamentarischer Ebene zu etablieren. Lediglich die liberale DDP kam für beide Blöcke unter Umständen als Koalitionspartner in Frage.

Die Situation verdeutlicht die schwierige politische Anfangsphase Thüringens in der Weimarer Republik. Dies erkannte zu seiner Zeit auch der rechtsliberale DVP-Abgeordnete Arno Neumann in einer Landtagsdebatte am 10. November 1920, indem er äußerte: „Es gibt im Lande nur noch zwei große Strömungen, […] eine Linksströmung und eine Rechtsströmung.“[63] Unter diesen Umständen war es kaum realisierbar, stabile demokratische Verhältnisse aufzubauen. Aus diesem Grund kam es beispielsweise nach den Wahlen zum ersten Thüringer Landtag zu einem über fünf Monate andauernden Regierungsbildungsprozess - ein Signal für die schwierigen politischen Umstände im Land.[64]

Der Historiker Jochen Grass sieht in Fehlkonzeptionen der Landesverfassung einen Mitgrund für die schwierigen politischen Verhältnisse in Thüringen, in dem er der Auffassung ist „dass die Väter der Verfassung und der Geschäftsordnung, die Schwierigkeiten offenbar unterschätzten, die sich einem interfraktionellen Konsens entgegenstellen konnten.“[65] Nach ihm hätte es des Weiteren an einem Initiator gefehlt, der auch für scheinbar unvereinbare politische Standpunkte und Positionen ein Übereinkommen zustande bringen konnte, wie zum Beispiel der Reichspräsident in der Weimarer Republik. Die Thüringer Landesverfassung sah eine Berufung eines solchen „Initiators“ für das Staatsministerium nicht vor. Darüber hinaus wurde bei den Landtagswahlen immer über eine gesamte Regierung von den Wahlberechtigten entschieden und nicht einfacher Weise nur über einen Ministerpräsidenten oder Vorsitzenden des Staatsministeriums, was den Umstand einer potentiellen Regierungsbildung noch mühseliger machte.[66] Diese Konstruktionsfehler brachten die politischen Verhältnisse im Land Thüringen „in ein Fahrwasser voller Untiefen und Hindernisse […] und ließ künftige Fährnisse erwarten.“[67] Im Kontext der Untersuchungen Eberhard Kolbs zu den Konstruktionsfehlern der Weimarer Verfassung lassen sich demnach auch in Thüringen schwerwiegende Fehlkonzeptionen in der Landesverfassung feststellen.[68] Obwohl diese im Kontext der aktuellen Weimar-Forschung nur eine sekundäre Bedeutung haben, sollten sie bei den Gründen für die Destabilisierung des politischen Systems trotzdem Erwähnung finden.

[...]


[1] Vgl. Frei, Norbert, Der Führerstaat. Nationalsozialistische Herrschaft 1933 bis 1945, 8. Aufl., München 2007, S. 195 f.

[2] Vgl. Neliba, Günter, Wilhelm Frick und Thüringen als Experimentierfeld für die

nationalsozialistische Machtergreifung, in: Heiden, Detlev; Mai, Gunther, Thüringen auf dem

Weg ins „Dritte Reich“, Erfurt 1996, S. 108 f.

[3] Sauckel, Fritz, Der Kampf um Thüringen. Ein Bericht über die Tätigkeit des ersten

nationalsozialistischen Staatsministers und der thüringischen nationalsozialistischen

Landtagsfraktion im Jahre 1930, Weimar 1930, S. 22.

[4] Raßloff, Steffen, Fritz Sauckel. Hitlers „Muster-Gauleiter“ und „Sklavenhalter“, Erfurt

2008, S. 10 f.

[5] Vgl. Neumann, Sigmund, Parteien in der Weimarer Republik, 4. Aufl., Stuttgart-Berlin-Köln-

Mainz 1977, S. 76.

[6] Vgl. Thamer, Hans-Ulrich, Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik, in:

Nationalsozialismus I. Von den Anfängen bis zur Macht, Bundeszentrale für politische Bildung,

Bonn 2003, S. 10.

[7] Vgl. Wildt, Michael, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 24.

[8] Vgl. Thamer, Hans-Ulrich, Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik,

S. 10.

[9] Vgl. Büttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik, Bundeszentrale für politische Bildung,

Bonn 2008, S. 195.

[10] Vgl. Büttner, Ursula, Weimar. Die überforderte Republik, S. 195.

[11] Vgl. Wildt, Michael, Geschichte des Nationalsozialismus, S. 58-66.

[12] Vgl. Erdmann, Karl Dietrich, Die Weimarer Republik, Gebhardt Handbuch der deutschen

Geschichte, Bd. 19, München 1989, S. 172.

[13] Wildt, Michael, Geschichte des Nationalsozialismus, S. 31.

[14] Föllmer, Moritz; Graf, Rüdiger (Hrsg.), Die Krise der Weimarer Republik, Frankfurt a. Main

2005, S. 143-145.

[15] Vgl. Thamer, Hans-Ulrich, Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik,

S. 19.

[16] Vgl. Deutsches Historisches Museum,

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/innenpolitik/nsdap/index.html ; vom 03.07. 2012.

[17] Vgl. Thamer, Hans-Ulrich, Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik,

S. 21.

[18] Vgl. Thamer, Hans-Ulrich, Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik,

S. 22.

[19] Vgl. Niedhart, Gottfried, Deutsche Geschichte 1918-1933. Politik in der Weimarer Republik

und der Sieg der Rechten, Stuttgart-Berlin-Köln 1996, S. 113.

[20] Vgl. Blaich, Fritz, Der Schwarze Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise, München 1990, S. 58.

[21] Vgl. Thamer, Hans-Ulrich, Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik,

S. 24.

[22] Vgl. ebd., S. 25.

[23] Vgl. Niedhart, Gottfried, Deutsche Geschichte 1918-1933, S. 121-125.

[24] Vgl. Deutsches Historisches Museum,

http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/innenpolitik/nsdap/index.html ; vom 03.07. 2012.

[25] Vgl. Thamer, Hans-Ulrich, Die nationalsozialistische Bewegung in der Weimarer Republik,

S. 30f.

[26] Vgl. John, Jürgen, Das Land Thüringen in der Weimarer Republik, in: Blätter zur Landeskunde

Thüringens, Erfurt 2004.

[27] Vgl. ebd.

[28] Vgl. Häupel, Beate, Die Gründung des Landes Thüringen. Staatsbildung und Reformpolitik

1918-1923, Weimar-Köln-Wien 1995, S. 80 ff.

[29] Vgl. Raßloff, Steffen, Landesbewusstsein und Geschichtsbild im preußischen Thüringen.

Das Erfurter Bürgertum 1871-1933, in: Werner, Matthias, Im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik, Köln-Weimar-Wien 2005, S. 45-64.

[30] Vgl. John, Jürgen, Das Land Thüringen in der Weimarer Republik.

[31] Vgl. ebd.

[32] Vgl. Häupel, Beate, Die Gründung des Landes Thüringen, S. 95 f.

[33] Vgl. John, Jürgen, Das Land Thüringen in der Weimarer Republik.

[34] Vgl. ebd.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. ebd.

[37] John, Jürgen, Das Land Thüringen in der Weimarer Republik.

[38] Vgl. Häupel, Beate, Die Gründung des Landes Thüringen, S. 95 ff.

[39] Vgl. ebd.

[40] Vgl. ebd.

[41] Vgl. ebd.

[42] Vgl. Raßloff, Steffen, Landesbewusstsein und Geschichtsbild im preußischen Thüringen,

S. 45-64.

[43] Mai, Gunther, Thüringen in der Weimarer Republik, in: Heiden, Detlev; Mai, Gunther,

Thüringen auf dem Weg ins „Dritte Reich“, Erfurt 1996, S. 15.

[44] Häupel, Beate, Die Gründung des Landes Thüringen, S. 107.

[45] Vgl. Grass, Jochen, Studien zur Politik der bürgerlichen Parteien Thüringens in der Weimarer

Zeit 1920-1932. Ein Beitrag zur Landesgeschichte, Hamburg 1997, S. 97.

[46] Vgl. John, Jürgen, Das Land Thüringen in der Weimarer Republik.

[47] Vgl. ebd.

[48] Vgl. ebd.

[49] Raßloff, Steffen, Fritz Sauckel, S. 48.

[50] Vgl. Schnitzler, Christian, Das Ende der Freiheit. Der Aufstieg der NSDAP in Thüringen, in:

Blätter zur Landeskunde Thüringen, Erfurt 1993.

[51] Vgl. Schilling, Willy, Die Sauckel-Marschler-Regierung und das Ende des Parlamentarismus in

Thüringen 1932/33, in: Zwischen Landesgründung und Gleichschaltung. Die

Regierungsbildungen in Thüringen seit 1920 und das Ende der parlamentarischen Demokratie

1932/1933, Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen, Rudolstadt 2001,

S. 44.

[52] Sauckel, Fritz, Vorschlag zur Organisation der N.S.D.A.P. im Bezirk des Thüringerwaldes,

ThHStAW, NSDAP-GL/1, B11. S. 54 f.

[53] Vgl. Ulbricht, Justus H., Kulturrevolution von rechts. Das völkische Netzwerk 1900-1930, in:

Heiden, Detlev; Mai, Gunther, Thüringen auf dem Weg ins „Dritte Reich“, Erfurt 1996, S. 48.

[54] Vgl. Schnitzler, Christian, Das Ende der Freiheit. Der Aufstieg der NSDAP in Thüringen, in:

Blätter zur Landeskunde Thüringen, Erfurt 1993.

[55] Vgl. ebd.

[56] Dinter, Artur, Die Sünde wider das Blut. Ein Zeitroman, Leipzig 1920, S. 239.

[57] Vgl. Ulbricht, Justus H., Kulturrevolution von rechts, S. 42.

[58] Vgl. Kolb, Eberhard, Die Weimarer Republik, München 2009, S. 189.

[59] Kolb, Eberhard, Die Weimarer Republik, München 2009, S. 189.

[60] Vgl. Mai, Gunther, Thüringen in der Weimarer Republik, in: Heiden, Detlev, Mai, Gunther,

Thüringen auf dem Weg ins „Dritte Reich“, Erfurt 1996, S. 18.

[61] Sauckel, Fritz, Unsere Entwicklung in Thüringen, in: Der Nationalsozialist, Nr. 27,

Juli 1926.

[62] Vgl. Grass, Jochen, Von Links bis Rechts - die thüringischen Regierungsbildungen der Weimarer Zeit

im Spiegel des Landtages, in: Zwischen Landesgründung und Gleichschaltung. Die

Regierungsbildungen in Thüringen seit 1920 und das Ende der parlamentarischen Demokratie

1932/1933, Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus, Rudolstadt 2001, S. 18.

[63] Stenographische Berichte, I. Landtag von Thüringen (1920/21) Bd. I., S. 150.

[64] Vgl. Grass, Jochen, Von Links bis Rechts. S. 19.

[65] ebd., S. 20.

[66] Vgl. Grass, Jochen, Von Links bis Rechts, S. 19.

[67] ebd., S. 20.

[68] Vgl. Kolb, Eberhard, Die Weimarer Republik, S. 181.

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Titel: Hitlers „Braune Hochburg“: Der Aufstieg der NSDAP im Land Thüringen (1920-1933)