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Wenn Sport zur Sucht wird

Aspekte des Suchtverhaltens am Beispiel von Ausdauerbelastung

Bachelorarbeit 2011 41 Seiten

Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Verhaltenssucht

3 Lauf- bzw. Ausdauersucht
3.1 Wann ist Sport eine Sucht?
3.1.1 Ausdauersportbindung
3.1.2 Ausdauersucht
3.2 Ausdauersucht fördernde Umstände
3.3 Ursachen
3.3.1 Physiologische Erklärungsansätze
3.3.2 Psychologische Erklärungsansätze
3.3.3 Prozessmodell der Entstehung von Lauf- und Ausdauersucht nach Schack
3.4 Therapie von Sport- bzw. Ausdauersucht

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Versicherung der selbstständigen Erarbeitung

1 Einleitung

Immer höher, immer schneller, immer weiter. Dies scheint nicht nur das Motto der Olympischen Spiele zu sein, sondern auch des Breitensports im 21. Jahrhundert. Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in der Laufbewegung der 70er Jahre. Was zunächst in den USA begann und sich durch ein erhöhtes Vorkommen von Laufklubs und Fitnessstudios auszeichnete, schwappte wie eine Welle auch kurz danach über Europa. Sport als Kult wurde postuliert und hält bis heute an (vgl. Schack, 2000, S. 124; Alfermann & Stoll, 2010, S. 341; Knobloch, Allmer & Schack, 2000, S. 189).

Während zunächst der Marathonlauf als eine herausragende Leistung gefeiert wurde, werden heute weltweit zahlreiche Sportveranstaltungen angeboten, an denen die sogenannten „'Ultra'-Junkies“ teilnehmen können. „'Ultra', das heißt: Dem Körper werden stundenlang im Grenzbereich Höchstleistungen abver-langt, mutwillig begeben sich die Sportler in Gefahr und treiben Dinge, über die Nicht-'Ultras' nur die Köpfe schütteln können“ (Vetten, 2011, S. 61). So gibt es, um nur einen kleinen Ausschnitt der extremen Disziplinen zu nennen, den Spartathlon, bei dem es 246 Kilometer durch Griechenland zu laufen gilt oder das Schlaflos-in-Köln-Event, bei dem 48 Stunden durch den Stadtpark gelaufen wird. Wer hier die meisten Kilometer hinter sich lässt, gewinnt. Als bekannteste Extremsportveranstaltung gilt jedoch immer noch der Iron-Man, bei dem auch Prominente wie Joey Kelly 3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Fahrrad fahren und 42,2 Kilometer laufen. Selbst diese extremen Distanzen scheinen heute nicht mehr zu genügen und werden zum Beispiel um das Zwanzigfache beim Double Deca Ultratriathlon getoppt (ebd., S. 60-61).

Doch was bewegt Sportlerinnen und Sportler solche unmenschlichen Distanzen zu überwinden? Schon während des Laufbooms der 70er Jahre begründeten dies Glasser (1976) und Morgan (1979) mit dem Phänomen der Laufsucht. Heute weiß man, dass nicht jeder Ultramarathonläufer eine suchtähnliche Beziehung zum Laufen aufgebaut hat, aber zumindest ein Prozent der Ausdauersportlerinnen und -sportler betroffen ist (vgl. Hungermann, 2010, S. 1).

Was verursacht nun eine Ausdauersucht? Um auf diese zentrale Frage näher einzugehen, wird die Thematik zunächst in ein globaleres Geflecht der Verhaltenssucht und dessen Unterkategorie - der Sportsucht - eingeordnet, sodass ein detailliertes Gesamtbild über die Lauf- bzw. Ausdauersucht möglich ist. Dabei bleiben aufgrund der spezifischen Themenstellung der Arbeit die weiteren Erscheinungsformen der Sportsucht, Extrem- bzw. Risikosportsucht und Muskelsucht, weitgehend unberücksichtigt. Zudem wird das pathologische Störungsbild „Ausdauersucht“ von einem gesunden, wenn auch extremen, Ausdauersportverhalten abgegrenzt, um einen eindeutigen Grundriss des Forschungsgegenstandes zu erhalten. Daran schließt sich eine ausführliche Erörterung basierend auf der Eingangsfrage an, die diskutiert, welche be-stimmten Umstände und Ursachen eine Ausdauersucht fördern können. Ferner werden Therapiemöglichkeiten aufgezeigt, die als Ansatzpunkte für die Be-wältigung einer Lauf- bzw. Ausdauersucht dienen können. Abschließend erfolgt die Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse in einem Fazit.

Anhand einer Literaturrecherche werden die unterschiedlichen wissen-schaftlichen Forschungsergebnisse, Erhebungen, Definitionsversuche und Er-klärungsmodelle gesammelt, analysiert, zusammengefasst und bewertet. Dabei wird nach dem Prinzip „vom Allgemeinen zum Speziellen“ vorgegangen.

Da es sich bei der Ausdauersucht um einen relativ jungen Forschungsgegen-stand handelt, ist die Literaturlage begrenzt. Im deutschsprachigen Raum gibt es lediglich Veröffentlichungen, die sich entweder im Kontext der verschiedenen Verhaltenssüchte oder der Sportpsychologie mit Sportsucht beschäftigen. Allerdings gibt es keine deutsche Publikation, außer einer Hausarbeit von Castillon (2007) mit dem Titel „Das Phänomen der Sportsucht“, die sich einzig und allein mit der Sportsucht oder spezifischer mit der Ausdauersucht auseinandersetzt. So wird die Sport- bzw. Ausdauersucht auch in den für diese Arbeit wesentlichen Veröffentlichungen: „Lehrbuch Sportpsychologie“ von Stoll, Pfeffer und Alfermann, „Nicht nur Drogen machen süchtig“ von Poppelreuther und Gross und „Verhaltenssucht – Diagnostik, Therapie, Forschung“ von Grüsser und Thalemann nur als Teilbereich behandelt. Ergänzt werden die Informationen zu dieser Arbeit durch internationale Literatur, zusätzliche Aufsätze und Internetquellen.

2 Verhaltenssucht

Bei der stoffungebundenen Verhaltenssucht werden im Gegensatz zu der stoff-gebundenen Sucht keine bewusstseinsverändernden Mittel konsumiert. Anstelle der Droge stehen hier exzessive, verstärkende Verhaltensweisen, die innere biochemische Prozesse auslösen und so auf die Psyche des Menschen wirken („psychotrop“ genannt) (vgl. Grüsser & Thalemann, 2006, S. 19).

Allgemein kann nach Tretter und Müller (2001) jedes menschliche Verhalten zu einer Sucht führen, da jede Verhaltensweise einen Rauschzustand auslösen kann. So ist es also möglich, dass ein Verhalten einen Rausch bzw. ein extrem gutes Gefühl auslösen kann, was zum Anlass genommen wird, dieses Verhalten immer und immer wieder zu wiederholen. Dies führt meist zu einer Art Exzess, bei dem die Ausführung der Verhaltensweise über einen normalen Grad hinausgeht (ebd., S.19).

Zu Beginn einer Suchtentwicklung tritt das belohnende Verhalten oft noch in Form einer positiven Verstärkung auf. Damit ist gemeint, dass die Verhaltens-weise positive Gefühle hervorrufen soll. In einem späteren Stadium der Verhaltenssucht sollen eher ungewollte Emotionen (wie zum Beispiel Stress) durch die Belohnung beseitigt werden (negative Verstärkung). Zudem werden aktive Auseinandersetzungen mit dem Problem und vor allen Dingen andere Belohnungssysteme vernachlässigt, da der absolute Fokus auf dem psychischen Effekt der Suchthandlung liegt. Dieser wird zweckentfremdet, um emotionale Missstände wie Depressionen oder Stress zu regulieren und ist hauptverantwortlich für das Aufrechterhalten und sogar Steigern des Sucht-verlangens bis hin zur Selbstzerstörung im Endstadium (ebd., S.72-73).

Aber nicht jede exzessiv ausgeführte Verhaltensweise ist auch eine Verhaltenssucht. Nach Grüsser und Thalemann (2006) ist erst eine Verhaltens-sucht gegeben, wenn ein Kontrollverlust über die Häufigkeit und die Dauer (mindestens ein Jahr) der Verhaltensausführung besteht und mit ständiger gedanklicher Präsenz die Durchführung der Verhaltensweise gesteigert wird, obwohl negative Konsequenzen drohen.

Bekannte Verhaltenssüchte sind zum Beispiel die Arbeits-, Computer-, Glücksspiel-, Kauf-, Sex- und Sportsucht. Ihre in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren gesteigerte Popularität führte jedoch nicht dazu, dass diese Verhaltenssüchte außer der Glücksspielsucht als eigenständige Störungsbilder in international anerkannte Klassifikationssysteme aufgenommen wurden. Lediglich „das Pathologische (Glücks-)Spiel“ ist bei den „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen als abnorme Gewohnheit und Störung der Impuls-kontrolle“ einbezogen worden (vgl. Grüsser & Thalemann, 2006, S. 20).

In Bezug auf den Sport gibt es verschiedene Ausprägungen der Verhaltens-sucht, da Sport unterschiedliche Auswirkungen auf den Körper haben kann (zum Beispiel Muskelaufbau, Gewichtsreduktion, Adrenalinausstoß). Nach heutigem Kenntnisstand ist Sportsucht beispielsweise in Verbindung mit Risikosportarten bekannt. Hier steht Sport als „Grenzsuche“ und „Erlebnis-suche“ im Vordergrund. Darüber hinaus gibt es Sportsucht aufgrund von Magersucht (Anorexia athletica), Muskelsucht (Bodybuilding) und Ausdauer- bzw. Laufsucht (vgl. Castillon, 2007, S. 4). Somit fallen all diese Varianten unter den Begriff „Sportsucht“, zeigen jedoch unterschiedliche Motivlagen der Suchterkrankten und verschiedene Auswirkungen auf deren Körper.

Allgemein wird Sportsucht heute folgendermaßen definiert:

„Das Streben nach Sport bekommt Suchtcharakter, übernimmt die Kontrolle der eigenen Verhaltenssteuerung und wird dominant. Alle anderen Interessen werden zur Seite geschoben“ (Brandhoff, 2011, S. 1).

Interessant ist allerdings die Entwicklung der Definitionen von Sportsucht bezüglich ihrer Ursachen, Entstehung und Abgrenzung zu anderen Störungs-bildern.

1970 wurde von Baekelund erstmalig der Begriff der „Sportsucht“ verwendet. Er traf eher zufällig auf dieses Phänomen, da er eigentlich eine Studie zu den Auswirkungen des Sports auf das Schlafverhalten geplant hatte. Allerdings weigerten sich viele Sportler, diese Erhebung zu unterstützen, da sie trotz Aufwandsentschädigung ihr eigenes Trainingsprogramm nicht vernachlässigen wollten. Daraus leitete Baekelund eine Abhängigkeit ab (vgl. Grüsser & Thalemann, 2006, S.97).

Glasser (1976) formulierte sechs Jahre später die erste Definition, die sich zunächst nur auf die Ausdauerbelastung bei Langstreckenläufen bezog. Sie besagt, dass es positive und negative Süchte gibt. Exzessives Sporttreiben ist demnach eine positive Sucht, da positive Begleiterscheinungen, wie Stärkung der mentalen Beherrschung, durch den Sport ausgelöst werden. Eine negative Sucht ist hingegen eine, die dem Menschen Schaden zufügt (zum Beispiel Drogen). Darüber hinaus beherrscht hier im Unterschied zu der positiven Sucht das Verlangen nach „Mehr“ das Leben des Betroffenen (ebd., S.97).

Morgan (1979) entgegnete Glassers Theorie kritisch, indem er aufführte, dass Sportsüchtige trotz negativer Konsequenzen in sozialen und gesundheitlichen Bereichen das Sporttreiben fortführen. So kann laut Morgan auch Sportsucht eine negative Sucht sein, wenn der Sport eine Voraussetzung darstellt, um mit den alltäglichen Problemen umgehen zu können und Entzugserscheinungen auftreten, wenn die sportliche Handlung ausgelassen wird (ebd., 97-98; Beckmann & Elbe, 2008, S. 115).

Diese Definitionen bezogen sich in diesem Zeitraum trotz des recht globalen Begriffes „Sportsucht“ nur auf die Ausdauer- bzw. Laufsucht. Auch fortge-schrittenere Definitionen, welche die Häufigkeit und Dauer des Sporttreibens berücksichtigten, bezogen sich damals nur auf diesen einen Teilbereich der Sportsucht. So beschrieben Sachs und Pargman (1979) Sportsucht als eine psychische und physische Abhängigkeit vom Laufen, die, sofern ihr 24 bis 36 Stunden nicht nachgegangen wird, Entzugserscheinungen (beispielsweise Angstzustände oder Aggressivität) auslöst (ebd., S. 97-98; vgl. Knobloch, Allmer & Schack, 2000, S. 193-194).

Im letzten Stadium der Definitionsfindung wird, wie auch bei Veale (1995), die Sportsucht in eine primäre und sekundäre Suchterkrankung unterteilt. Hierbei wird allgemein der Fokus auf die psychischen Aspekte gelegt. Dauer- oder Häufigkeitsangaben sollen hier nicht berücksichtigt werden, da diese laut Veale kein absoluter Garant für die Diagnostik einer Sportsucht sind. Die primäre Sportsucht ist ein eigenständiges Störungsbild, welches vorliegt, wenn eine permanente, kognitive und routinierte Beschäftigung mit dem Sport stattfindet und bei Nichterfüllung des Trainingspensums Entzugserscheinungen auftreten. Folgen des exzessiven Sporttreibens sind medizinisch nachweisbare physische Erkrankungen und psychische Beeinträchtigungen im sozialen Bereich. Zudem ist die primäre Sportsucht nicht durch andere psychische Störungen zu erklären. Im Gegensatz dazu tritt die sekundäre Sportsucht in Verbindung mit einer Essstörung auf (Kap. 3). Die sekundäre Sportsucht ist gegeben, wenn der Sportler andere Aktivitäten vernachlässigt, um seinem Trainingsplan routiniert und stereotypisiert nachzugehen. Darüber hinaus werden trotz des Be-wusstseins, dass ein extremer, eventuell auch krankhafter Drang zum Sporttreiben besteht, die sportlichen Handlungen ausgeführt, um etwaige Entzugserscheinungen zu vermeiden (ebd., 99-101).

„Sportsüchtige laufen nicht, weil sie Spaß daran haben, sondern einem inneren Zwang nachgeben. Auf Warnsignale des Körpers hören sie dabei nicht mehr [...] Wie ein Alkoholiker, der nicht aus Genuss trinkt, sondern aus einem inneren Zwang“ (Frank, 2008, S.1).

3 Lauf- bzw. Ausdauersucht

Die Ausdauer wird als „psychisch-physische Widerstandsfähigkeit gegen Ermüdung, die sowohl für die mentale Leistungsfähigkeit des Sportlers als auch für die Belastbarkeit des Organismus eine Rolle spielt“ (Beckmann, J. et al., 2007, S. 37), definiert. Durch das Training dieser Fähigkeit wird u.a. das Herz-Kreislaufsystem gestärkt, das Immunsystem unterstützt, die Versorgung mit Sauerstoff gefördert und die Regenerationsfähigkeit nach einer Belastung trainiert (ebd., S. 37). Um die Ausdauer zu schulen, müssen Sportlerinnen und Sportler in einem regelmäßigen Training in kleinen Schritten über sich hinaus-wachsen. Dabei müssen sie Ermüdungstoleranz aufweisen, um über ihre persönlichen Grenzen zu gehen. Jedoch sollte ein gesundes Maß eingehalten werden, indem die absoluten Grenzen der Leistungsfähigkeit akzeptiert werden.

Es sind allgemein vier Motive bekannt, weshalb Menschen Ausdauersportarten ausführen, obwohl sie viel mit Disziplin und Zeitaufwand zu tun haben. Dahingehend können psychologische Gründe (zum Beispiel Stressreduktion, Stärkung des Selbstwertgefühls), gesundheitliche Aspekte (zum Beispiel ver-ordnet durch den Arzt, Steigerung der Fitness, Gewichtsabnahme), soziale Motive (Verbesserung der visuellen Attraktivität für Partner/in und/oder sonstiges Umfeld) und leistungsbezogene Gründe (Wettkampf) verantwortlich für das Ausführen einer Ausdauersportart sein (vgl. Egloff, 2000, S. 147).

Die krankhafte, süchtige Ausführung des Sports ist allerdings nicht durch ein leistungsbezogenes Motiv zu begründen. Das heißt, dass die Sportsucht „ein suchtartiges Verlangen nach sportlicher Betätigung ohne Wettkampfambitionen“ (Autor unbekannt a, 2009, S. 1) darstellt.

Um der Ausdauersucht nachzukommen, bedienen sich die Betroffenen in der Regel der Sportarten, die eine monotone, gleichbleibende Bewegungsabfolge besitzen, welche über Stunden hinweg wiederholt werden kann. Dafür bieten sich das Laufen, Fahrradfahren, Schwimmen (Triathlon), Walken und Skaten an (ebd., 2009, S. 1).

Die Trainingseinheiten von Ausdauersüchtigen divergieren immens. Stern TV berichtete im November 2010 von der 20-jährigen Marie, die aufgrund ihrer Ausdauersucht die Schule abbrechen musste. Zu groß war aus ihrer sub-jektiven Sicht der Aufwand geworden, ihren sportlichen Aktivitäten gerecht zu werden. Die Konsequenz ist nachvollziehbar, wenn man ihr tägliches Sport-programm betrachtet. Marie ist Mitglied in einem Schwimmverein, läuft Langstrecken, fährt Fahrrad und läuft Inline-Skates. Darüber hinaus macht sie zum Ausgleich Ballett. So kommt die 20-jährige tagtäglich auf ein mindestens vierstündiges Fitnessprogramm (vgl. Neuland, 2010, S.1).

Das Trainingspensum des jungen Mädchens kann jedoch nicht als re-präsentatives Muster gelten, sondern nur als Fallbeispiel. Dies liegt daran, dass die Ursachen, Gründe und Krankheitsverläufe einer Ausdauersucht so vielschichtig sind, dass man eine Diagnose eines solchen Phänomens nicht an der Dauer bzw. Häufigkeit des Sportreibens allein festmachen kann (Kap. 2, s. Veale u. Kap. 3.2).

Allgemein lässt sich jedoch feststellen, dass bezüglich der Ausdauersucht geschlechterspezifische – und altersbezogene Unterschiede bestehen. Wäh-rend Frauen in der Regel in ausdauersuchtähnliche Zustände abgleiten, um ihr Idealgewicht zu erreichen und einen dem Schönheitsideal unterworfenen „perfekten“, jugendlichen Körper zu gewinnen, zielen Männer meist nicht auf einen schlankeren, sondern einen männlicheren Körper ab. Hier sind die Motive auch meist psychischer Natur (vgl. Autor unbekannt b, 2009, S. 1).

Frauen sind besonders im Alter von 15 bis 25 Jahren gefährdet. Mit dem Eintritt der Pubertät und der damit einhergehenden Identitätsfindung verändern sich auch die Körperproportionen. Der kindliche Körper wird zu einem fraulichen Körper. Diese Entwicklung wollen viele Frauen durch Sport verlangsamen und verlieren dabei teilweise die Kontrolle über diesen Prozess. Einige erkranken zusätzlich an Magersucht (vgl. Pollmer, Frank & Warmuth, 2003, S. 19). Yates, Leehey und Shisslak (1983) vermuten hierbei einen gemeinsamen Ursachen-komplex beider Krankheitsbilder. So meinen sie, ähnliche Symptome und Denkweisen bei Magersüchtigen und Laufsüchtigen entdeckt zu haben. Diese Ähnlichkeiten macht Yates (1991) in der gleichnamigen These („Yates-Hypothese“) an der Missachtung körperlichen Schmerzes bei beiden Krank-heiten fest. Zudem sei in beiden Fällen eine extreme Fixierung auf das Motiv Laufen oder Gewichtsreduktion zu erkennen. Diese Vermutung konnte in der Vergangenheit allerdings nicht ausreichend empirisch belegt werden, sodass wohl doch eine wechselseitige Beeinflussung beider Krankheiten als wahrscheinlich gilt (vgl. Alfermann & Stoll, 2010, S. 344).

Slay, Hayaki, Napolitano und Brownell (1998) konnten jedoch auch eine Verbindung zwischen Laufsucht und Magersucht feststellen. Sie führten empirische Studien mit 240 Läufern und 84 Läuferinnen bezüglich der Laufsucht, Essstörung und Laufmotivation durch. Hierbei fanden sie heraus, dass zwanghafte Läuferinnen und Läufer zumeist negativ verstärkt werden (Kap. 2). Das heißt, das Motiv des Sporttreibens ist nicht auf einem Herbei-führen positiver Nebenerscheinungen begründet, sondern auf der Abwehr von negativen Gefühlen (Entzugserscheinungen). Darüber hinaus ist das Miss-achten körperlicher Signale (Krankheiten) spezifisch für beide Suchtverhalten. Interessanterweise konnte diese Arbeitsgruppe zudem eher eine Verbindung von Magersucht und Laufsucht bei Frauen feststellen. Daraus formulierten sie die Vermutung, dass bei laufsüchtigen Frauen ein erhöhtes Risiko der Magersucht besteht.

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Details

Seiten
41
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656311874
ISBN (Buch)
9783656312796
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204502
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für Sportwissenschaften und Sportpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Sport Sucht Ausdauer Laufsucht

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