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Interaktion im Kontext der Pflege

Seminararbeit 2012 24 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Annäherung eines Pflegeverständnisses

3. Interaktion in der Pflege
3.1 Was leisten Interaktionen?
3.2 Interaktion in der Pflege

4. Die Pflege als Interaktionsprozess
4.1 Hildegard Peplau – Interpersonale Beziehungen in der Pflege
4.1.1 Pflegeverständnis nach Peplau
4.1.2 Pflegekraft-Patient-Beziehung
4.1.3 Die Rollen von Pflegekraft und Patient
4.2 Emotions- und Gefühlsarbeit in der Pflege
4.2.1 Emotionsarbeit in der Pflege
4.2.2 Gefühlsarbeit in der Pflege

5. Schlussbetrachtung

I Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Francis Biley sagte einmal: „Pflege ist nicht das, was Pflegende tun. Pflege ist auch nicht das, was Pflegende denken, dass sie tun. Pflege ist das, was geschieht, während Pflegende etwas tun, was sie Pflege nennen.“ In ihrer Komplexität fällt es schwer in einem Satz auszusagen, was Pflege alles beinhaltet. Sie beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf die körperliche Verrichtung körperbezogener Aufgaben. Im Zuge der Akademisierung der Pflege wird die Position des Patienten immer weiter gestärkt. Auch wenn sich Menschen infolge einer Erkrankung in eine Abhängigkeit begeben, indem sie fremde Hilfe annehmen, soll die Pflege ihnen dabei helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Pflegekräfte sollen ihre Patienten dabei unterstützen, sich in der neuen Situation zurechtzufinden und es ihnen ermöglichen, an ihrem Genesungsprozess sowie ihrer weiteren Lebensgestaltung aktiv mitzuwirken. Die Pflege stellt sich somit im Wesentlichen als ein Beziehungshandeln dar, in dem der Interaktion eine große Bedeutung zukommt.

Die vorliegende Arbeit widmet sich einer thematischen Auseinandersetzung mit der Interaktion im Kontext der Pflege. Dabei wird zunächst geklärt, was unter Pflege im Allgemeinen verstanden werden kann. Es wird eine Übersicht über Definitionsmöglichkeiten einzelner Theoretikerinnen gegeben, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte in der Pflege legten. Es schließt sich eine Bearbeitung des Themas Interaktion an. Hierbei soll zunächst dargestellt werden, was Interaktionen leisten, um darauf folgend Bezug zu Interaktionen in der Pflege zu nehmen. Im weiteren Verlauf wird die Pflege als Interaktionsprozess vorgestellt. Auch wenn es mehrere Pflegemodelle gibt, die die Interaktion zwischen Pflegeperson und Patient in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung legen, soll im Rahmen dieser Arbeit auf die Theorie der interpersonalen Beziehungen von Hildegard Peplau eingegangen werden. In einem ersten Schritt wird das Pflegeverständnis von Peplau näher beleuchtet, um dann darauf aufbauend die Beziehung zwischen Pflegekraft und Patient darzustellen. Beide durchlaufen während der pflegerischen Situation verschiedene Phasen, die die Beziehung jeweils charakterisieren. Daran anschließend wird Bezug auf die unterschiedlichen Rollen genommen, die eine Pflegeperson innerhalb der einzelnen Phasen der Interaktion einnehmen kann, um die Beziehung zum Patienten zu gestalten und seinen Gesundheitsprozess zu fördern. Abschließend wird der Blick auf die Emotions- und Gefühlsarbeit gerichtet, da diese sich innerhalb der Pflege maßgeblich auf die Gesundheitsförderung des Patienten auswirkt und ihr daher immer mehr Bedeutung zukommt. Im Schlussteil sollen die Hauptaussagen dann zusammengefasst und die Bedeutung der Interaktion herausgestellt werden.

2. Annäherung eines Pflegeverständnisses

Eine klare Definition anzugeben, was unter Pflege genau zu verstehen ist und was sie beinhaltet, ist ein schwieriges Unterfangen und immer abhängig von der Fragestellung bzw. der Reichweite der Untersuchung des Problems. So lässt sich bspw. neben der Frage, was Pflege ist, auch fragen, wer sie ausführt oder in welchen Situationen sie ihre Anwendung findet und vor allem bei wem. In der Literatur zeigen sich dabei viele Definitionen, so dass im Folgenden eine Übersicht über Definitionsmöglichkeiten gegeben werden soll.

Florence Nightingale, eine der Begründerinnen der modernen Krankenpflege, definiert „Pflege als ,Sorge für die persönliche Gesundheit‘ des Individuums, die das Individuum in den bestmöglichen Zustand bringt, damit ,die Natur an ihm wirken kann‘“ (Nightingale 1858, zitiert in: Meleis 1999: 200). Bezugnehmend auf das Werk von Florence Nightingale, legte Virginia Henderson seit Anfang der 1930er Jahre die Grundlagen zur Theorieentwicklung der Pflege in den USA. Ihrer weltweit verbreiteten Definition zufolge, besteht die einzigartige Funktion der Pflege darin, „dem kranken oder auch gesunden Individuum bei der Verrichtung von Aktivitäten zu helfen, die seiner Gesundheit oder Wiederherstellung (oder auch einem friedlichen Sterben) förderlich sind und die es ohne Beistand selbst ausüben würde, wenn es über die dazu erforderliche Stärke, Willenskraft oder Kenntnis verfügte. Sie leistet ihre Hilfe auf eine Weise, dass es seine Selbstständigkeit so rasch wie möglich wieder gewinnt“ (Henderson 1977: 42). Henderson geht folglich davon aus, dass ein Pflegebedarf bei den Menschen entsteht, die in ihrer alltäglichen Lebensaktivität eingeschränkt bzw. gefährdet sind und „dessen Bearbeitung bis zur Rückgewinnung relativer Autonomie kompensatorische Handlungen von Pflegekräften erfordert“ (Bischoff-Wanner 2000: 40). Die Aufgabe der Pflege besteht also darin, die Bedürfnisse des Patienten zu befriedigen. Theorien, die die Bedürfnisbefriedigung in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellen und dementsprechend nach den Funktionen und Rollen von Pflegekräften fragen, um die Bedürfnisse des Klienten zu erfüllen, lassen sich den Bedürfnismodellen zuordnen (vgl. Meleis 1999: 302).

Andere Theoretikerinnen, wie Ida Jean Orlando, Imogene King oder Hildegard Peplau, legten den Fokus auf die Interaktion zwischen Pflegekraft und Patient und betrachteten Pflege vor allem als einen Interaktionsprozess. Bedürfnisstrukturen werden zwar nicht außer Acht gelassen, aber der Pflegeprozess konzentriert sich hauptsächlich auf das zwischenmenschliche Geschehen, in dem es darum geht „den Hilfebedarf des Patienten zu erkunden, wahrzunehmen und zu bewerten und Informationen weiterzugeben“ (ebd.: 306).

Nach Orlando ist es Ziel der Pflege, dem Patienten die Hilfe zukommen zu lassen, die er benötigt, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Unterstützungsleistungen von Seiten des Pflegenden sollen dem Patienten dazu verhelfen, sein Gefühl von Hilfslosigkeit zu verringern oder gar zu beheben. Dies kann allerdings nur durch ein bewusst eingesetztes Wahrnehmen, Denken und Fühlen innerhalb einer offenen und effektiven Beziehung zwischen Pflegekraft und Patient gewährleistet werden (vgl. Lauber 2001: 96ff., Meleis 1999: 309).

Für King ist Pflege ein durch Wahrnehmung bedingter Prozess, der aus Aktion, Reaktion und Interaktion besteht. Indem sich Pflegende und Patient über ihre jeweiligen Wahrnehmungen in der pflegerischen Situation austauschen, können sie sich gemeinsam Ziele setzen und über Maßnahmen und Vorgehensweise kommunizieren, die zur Erreichung der Ziele führen (vgl. Meleis 1999: 309, vgl. Herold 2001: 82). Das Ziel der Pflege besteht darin, den Menschen darin zu unterstützen, seine Gesundheit zu erhalten, wiederherzustellen und zu fördern.

Als Pionierin der interaktionistischen Pflegetheorien gilt jedoch Hildegard Peplau. Bei ihr steht die interpersonale Beziehung zwischen Pflegekraft und Patient im Zentrum der Theorie. Dabei versucht sie zu klären, wie diese Beziehung aussehen sollte, um den Genesungsprozess des Pflegebedürftigen bestmöglich zu unterstützen. Ihr zufolge ist die Pflege ein „signifikanter, therapeutischer, interpersonaler Prozeß. Sie wirkt in Kooperation mit anderen menschlichen Prozessen, die dem einzelnen in der Gesellschaft Gesundheit ermöglichen. In spezifischen Situationen, in denen ein professionelles Gesundheitsteam gesundheitsbezogene Dienstleistungen erbringt, beteiligen sich die Pflegekräfte an der Organisation von Bedingungen, die die natürlichen fortlaufenden Tendenzen im menschlichen Organismus unterstützen. Die Pflege ist ein edukatives Instrument, eine die Reife fördernde Kraft, die darauf abzielt, die Vorwärtsbewegung der Persönlichkeit in Richtung auf ein kreatives, konstruktives, produktives persönliches und gesellschaftliches Leben zu bewirken“ (Peplau 1995: 39).

Zudem zeigen sich neben den Bedürfnis- und Interaktionsmodellen auch Pflegeergebnismodelle, in denen das Ziel der Pflege nicht im Prozess der Pflege selbst, sondern vielmehr im Endergebnis der Pflege liegt. Als Vertreterin gilt bspw. Martha Rogers, nach der die Pflege als Wissenschaft und Kunst gesehen werden kann. Durch wissenschaftliche Forschung und logische Analyse soll ihr nach eine theoretische Grundlage für die Pflege entwickelt werden. Die Kunst der Pflege besteht darin, das gewonnene Wissen im Dienst am Menschen in die Praxis umzusetzen. Beides dient der Förderung und dem Erhalt der Gesundheit (vgl. Lauber 2001: 103).

3. Interaktion in der Pflege

Bevor im weiteren Verlauf näher auf den Interaktionsprozess innerhalb der Pflege eingegangen wird, soll zunächst geklärt werden, was unter einer Interaktion verstanden wird. Hierbei wird in einem ersten Schritt aus Sicht der Systemtheorie dargestellt, was Interaktionen leisten, um im zweiten Schritt den Bezug zur Pflege herzustellen.

3.1 Was leisten Interaktionen?

Aus systemtheoretischer Sicht sind Interaktionen soziale Systeme. Durch das Ziehen von Grenzen konstituieren sie sich in der Kommunikation. Nach Niklas Luhmann bestehen soziale Systeme nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikation. Die Handlung wird in sozialen Systemen über Kommunikation und Attribution konstituiert als eine Reduktion der Komplexität (vgl. Luhmann 1984: 191). Der Begriff der Kommunikation ist hierbei ein wesentlicher Bestandteil, denn auf der Ebene der Operationen gibt es bei sozialen Systemen nichts außer Kommunikation, da sie die kleinstmögliche Einheit eines sozialen Systems ist. Interaktionen finden nur unter der Bedingung der Anwesenheit von Adressaten statt, die sich selbst wie auch gegenseitig wahrnehmen (vgl. Bommes/Scherr 2012: 253). Die Systemgrenze bestimmt dabei, dass nur mit Anwesenden gesprochen werden kann, jedoch nicht über sie und andersrum kann nur über Abwesende kommuniziert werden, aber nicht mit ihnen.

Neben Interaktionssystemen gibt es noch Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme, wobei Letztgenanntes das komplexeste und umfassendste soziale System ist, da es die anderen beiden Formen einschließt. Indem Interaktionen, verstanden als Kommunikation unter Anwesenden, vollzogen werden, wird die Gesellschaft reproduziert als die Differenz des jeweiligen Interaktionssystems und seiner gesellschaftlichen Umwelt (z.B. andere Interaktionen oder Organisationen) (vgl. ebd.). Die Differenz von Interaktion und Gesellschaft ist bereits in jeder Gesellschaft vorausgesetzt, da es keine Interaktion geben kann, die sich nicht bereits auf abgelaufene Kommunikation unter Abwesenden bezieht. In der modernen Gesellschaft finden Interaktionen auch in den Funktionssystemen (z.B. Wissenschaft, Gesundheit, Recht) und Organisationen (Universität, Krankenhaus, Anwaltskanzlei) statt, so dass „die Bildung einer Vielfalt von Interaktionsmodi möglich [wird], die sich an den entsprechenden Codierungen und Programmen der Funktionssysteme bzw. an den Strukturen von Organisationen orientieren“ (ebd.: 254). Interaktionsmodi können demnach Diskussionen in Seminaren im Rahmen der Universität, Gespräche zwischen Arzt/Pflegekraft und Patient oder auch zwischen Anwalt und Mandant sein.

Dadurch, dass sich das System über Kommunikation konstituiert, spricht man in der Systemtheorie auch von autopoietischen Systemen, d.h. Systeme erzeugen und erhalten sich selbst, indem sie die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst erzeugen. Die Aufrechterhaltung sozialer Systeme, also auch von Interaktionen, wird allerdings nur gewährleistet, wenn das System anschlussfähig operiert. Der Anschluss von Äußerungen in Interaktionen orientiert sich dabei am Code der Funktionssysteme sowie der Mitgliedschaftsregeln der Organisationen. In welchem Ausmaß die Orientierung an diesen Systemen stattfindet, wird von den Interaktionen selbst reguliert. So kann es durchaus vorkommen, dass innerhalb des Arzt-Patient-Gesprächs nicht mehr die Krankheit das Thema ist, sondern über Freizeitbeschäftigung gesprochen wird oder ein Student seinem Dozenten von seinem letzten Urlaub erzählt. Funktions- und Organisationssysteme sind immer auch abhängig von Interaktionen, sofern sie darauf angewiesen sind. Hierbei handelt es sich „um ein wechselseitiges Steigerungsverhältnis, in dem Interaktionen als eigenständiges Sozialsystem erst in dem Maße freigesetzt sind, wie sich Funktionssysteme und Organisationen in ihrer Differenzierungsform davon unabhängig machen“ (ebd.: 256). Hierin begründet sich zugleich auch ihre wechselseitige Abhängigkeit.

3.2 Interaktion in der Pflege

Die Pflege stellt sich im Wesentlichen als Beziehungshandeln dar. Damit kommt der Interaktion und Kommunikation eine große Bedeutung zu. Bei dem sozialen Feld der Pflege handelt es sich um ein multilaterales Beziehung- und Bindungsgefüge, dessen Strukturen von wechselseitigen Abhängigkeiten geprägt sind. Sie lässt sich nach Schroeter (2006: 37) in die personale, interaktive, organisatorische und gesellschaftliche Ebene unterteilen, „auf denen die einzelnen Akteure immer in einem interpersonalen Gefüge interagieren und in Beziehung zur organisatorischen und gesellschaftlichen Umwelt stehen.“

Auf personaler Ebene treten die Akteure (Pflegepersonal, Patient) als Persönlichkeiten auf, die durch eine Vielzahl von Eigenschaften, Gefühlen, Fähigkeiten und Handlungskompetenzen gekennzeichnet sind. Diese ergeben sich nach Hurrelmann (2001) aus der ständigen Auseinandersetzung mit der inneren und äußeren Realität, „wobei die innere Realität die physiologischen, psychischen und körperlichen Prozesse und Grundmerkmale des menschlichen Organismus bezeichnet und die äußere Realität die gesellschaftlichen Einflüsse, die Sozial- und Wertstruktur sowie die sozialen und materiellen Lebensbedingungen umfasst“ (ebd.).

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656304647
ISBN (Buch)
9783656306801
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204527
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
interaktion kontext pflege

Autor

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Titel: Interaktion im Kontext der Pflege