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Politische Erwachsenenbildung gegen den Rechtsextremismus der Mitte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 21 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Fragestellung

2. Konzepte der politischen Erwachsenenbildung - Umgang
mit dem Extremismus der Mitte
2. 1 Klaus Ahlheim
2. 2 Klaus-Peter Hufer

3. Praxis: Ein Workshop gegen den Rechtspopulismus durch T. Sarrazin

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung und Fragestellung

Die Sarrazin-Debatte hat im Herbst 2010 für eine breite Aufregung im „Blätterwald“ geführt. Die Thesen des ehemaligen Bundesbankers und SPD-Politikers sorgten für viel Zuspruch in der Bevölkerung und viel Kritik vor allem im akademischen Bereich an den Universitäten. Der Autor der vorliegenden Arbeit hat früh damit begonnen, sich mit den einzelnen Thesen von Sarrazin zu beschäftigen. Im Rahmen des Projekts „STOPP! Gegen Rassismus – Für Zivilcourage“ vom Sozialdienst katholischer Frauen e.V. entstand auf diese Weise ein Medienspiegel zu der Rezeption des Buches „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ (2010). Bei der Projektarbeit in „STOPP!“ wurde immer wieder bewusst, wie viel Eindruck der Bestseller Sarrazins in der Bevölkerung hinterlassen hat und wie viel Zustimmung die zentralen Thesen des Buches in der breiten Bevölkerung finden. Anfang 2012 entstand die Idee, einen reinen „Sarrazin-Workshop“ bei „STOPP!“ anzubieten. Ziel dieses Workshops soll eine Diskussion der Thesen sein, um dem oftmals praktizierten Stammtischniveau ein Korrektiv zu bieten.

In dieser Arbeit werden zwei Modelle der politischen Erwachsenenbildung gegen diesen Rechtsextremismus der Mitte beschrieben. Es handelt sich dabei um die Entwürfe von Klaus Ahlheim und Klaus-Peter Hufer. Die Frage lautet: Was sind die Konzepte der politischen Erwachsenenbildung? Gerade Hufer hat sich ausführlich in seiner Arbeit mit sog. „Stammtischparolen“ und deren Diskussion beschäftigt. Darauf folgt ein Kapitel, indem die Vorgehensweise bei dem bereits genannten „Sarrazin-Workshop“ beschrieben wird. Dieser Workshop wurde ohne besonderen pädagogischen Hintergrund erstellt. Deswegen wird in dem Kapitel auch auf eine möglich Optimierung des Vorgehens mit Hilfe der Modelle von Ahlheim und Hufer eingegangen. Es soll also nicht nur schlicht das Modell des „Sarrazin-Workshops“ beschrieben werden, sondern auch mögliche Veränderung nach der Herangehensweise von Ahlheim und Hufer. Zuletzt werden die Ergebnisse zusammengefasst und reflektiert.

2. Konzepte der politischen Erwachsenenbildung - Umgang mit dem Rechtsextremismus der Mitte

2. 1 Klaus Ahlheim

Es haben sich bereits einige Pädagogen mit dem Rechtsextremismus aus der bürgerlichen Mitte beschäftigt. Im Folgenden möchte ich Klaus Ahlheim und Klaus-Peter Hufer vorstellen.

Ahlheim bezieht sich in seinem Buch „Sarrazin und der Extremismus der Mitte“ genau auf mögliche pädagogische Modelle, diesem Extremismus zu begegnen. Zuerst beschreibt er den Extremismus der Mitte anhand von Umfragen. Dabei wird u.a. die deutliche Zustimmung auch zu klassischen Vorurteilen, wie der stärkeren Kriminalität von Zuwanderern, beschrieben (Vgl. Ahlheim 2011, S. 56). Die immer wieder erhobenen Zahlen, dass mit einem höheren Bildungsgrad auch die Anfälligkeit für Stammtischparolen abnimmt, erklärt er mit einer erhöhten Diskursfähigkeit dieses Personenkreises (Vgl. ebd., S. 68). Ahlheim geht im Gegensatz zu Hufer in seinem Ansatz davon aus, dass der Erwachsenenbildner einkalkulieren sollte, dass seine Ansätze nicht garantiert erfolgreich sind. Für ihn gehört ein Skeptizismus zur Arbeit dazu. Er nennt dies, sich den „Grenzen“ (ebd., S. 68) der eigenen Arbeit bewusst zu sein. Alheim argumentiert auch gegen Bildungsveranstaltungen mit einem sog. „Eventcharakter“ (Vgl. ebd., S. 114). Der Bildner solle nicht glauben, dass dadurch die reine „Aufklärung“ oder „Wissensvermittlung“ ihren „Charme“ (ebd., S. 114) verliert. Vielmehr zeigten die Ergebnisse der Umfragen, dass reine Wissensvermittlung an die Lernenden nicht nur an Daseinsberichtigung verwirkt, sondern vielmehr gewinnen müsste. Ahlheim schreibt: „Politische Bildung – schulische wie außerschulische – setzt eher auf mittel- und langfristige Lern- und Veränderungsprozesse, lässt den Lernenden Raum, neue An- und Einsichten auszuprobieren, Um- und Abwege zu gehen, will Einstellungen, Orientierungen, Überzeugungen vermitteln, beeinflussen, initiieren, korrigieren, problematisieren.“ (ebd., S. 117f.). Es geht Ahlheim also nicht um eine „Gehirnwäsche“, sondern vor allem bereits um eine Diskussion, ein Infragestellen der Meinungen und Ansichten. Der Lernende soll sich ausprobieren dürfen. Er soll seine bisherigen Erfahrungen und gelernten Ansichten zumindest einmal diskutieren. Immer wieder spricht Ahlheim vom Begriff der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (Vgl. ebd., S. 123). Dieser Begriff wurde vor allem von Wilhelm Heitmeyer geprägt (u. a. 2010, 2011). Er versucht, den neu aufgekommenen Rechtsextremismus und Rassismus zusammen mit anderen Formen der Diskriminierung und des Sozialdarwinismus einzupassen. Politische Bildungsarbeit muss für Ahlheim zumindest diese neue Form der Menschenfeindlichkeit in Deutschland problematisieren. Ziel der Lernprozesse muss hier eine Diskussion dieser Feindlichkeit sein. Er folgert: „Eine politische Bildung, die durch die Vermittlung politischen Wissens eine als bedrohlich und unüberschaubar erlebte Wirklichkeit analysiert und strukturiert, die ideologiekritisch Wirklichkeitsverklärungen und -verfälschungen entgegenarbeitet, macht tendenziell den Rückgriff auf Vorurteile überflüssig […].“ (Ahlheim 2011, S. 123). Ahlheim plädiert also wieder für einen Rückgriff auf die klassische pädagogische Wissensvermittlung, die hier bisher versagt hat. Dies soll aber mit Hilfe von diskutierender Analyse geschehen. Das gelingt nur, wenn gleichzeitig die Grenzen und Widersprüche der eigenen Lernprozesse und des eigenen Lerninhaltes nicht tabuisiert, sondern offen thematisiert werden. Die eigenen Widersprüche müssen ebenso diskutiert werden.

Im Folgenden stellt Ahlheim heraus, dass die Bildungsarbeit mit Rechten selbst eine sensible Dialogfähigkeit beinhaltet. Der Bildner muss die Biografien der Rechten sensibel respektieren, um mit ihnen arbeiten zu können. Es geht um eine Bildungsarbeit, in der die Lernenden auf der gleichen Höhe stehen und ihnen auf diese Art und Weise auch zu begegnen ist. Nur über den offenen Dialog gelingt die Arbeit mit den Rechten und nur über diesen werden auch andere Lebensentwürfe probiert und akzeptiert (Vgl. ebd., S. 133). Immer wieder plädiert Ahlheim für eine „aufklärende“ (ebd., S. 138) wissensbasierte Pädagogik. Hier liegen für ihn das Problem und der „Schlüssel“ zum Erfolg. U. a. die Umfragen von Heitmeyer machen deutlich, dass die Deutschen dazu neigen, viele Probleme und die Zusammenhänge zu vereinfachen. Dieses dient als Katalysator einer immer schwierigeren Welt und pluraler Lebenszusammenhänge und -entwürfe. Das machen sich wiederum rechte Parteien und Demagogen zunutze. An dieser Stelle dürfen auch nicht die gewaltigen ökonomischen Umbrüche der letzten zehn Jahre vergessen werden, Stichwort: Agenda 2010. Der Sozialstaat wurde seit dem zweiten Weltkrieg noch nie so weitreichend verändert. Es gilt, die Veränderungen und Auswirkungen auf das Individuum aufzuzeigen und zu diskutieren.

Eine sensible akzeptierende Arbeit mit den Rechten birgt natürlich die Gefahr, dass sie auch die Lernenden in ihrem Tun noch verstärkt.

Ahlheim betont, dass es in der politischen Bildung immer auch um die Veränderung eines „Klimas“ (ebd., S. 144) geht, in dem die Lernenden sozialisiert werden. So ist häufig der Erfolg der Arbeit gar nicht direkt ables- oder evaluierbar. Er ist aber trotzdem vorhanden. Bereits die Beeinflussung und Veränderung im Denken der Lernenden ist hier als Erfolg zu sehen.

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Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656307358
ISBN (Buch)
9783656311218
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204681
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Schlagworte
politische erwachsenenbildung rechtsextremismus mitte

Autor

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Titel: Politische Erwachsenenbildung gegen den Rechtsextremismus der Mitte