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Traumatisierung bei Kindern aufgrund sexueller Gewalt und deren Anforderungen an die Soziale Arbeit

Bachelorarbeit 2011 57 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fragestellungen

2. Sexuelle Gewalt
2.1 Begriffsklärung
2.2 Das Ausmaß von sexueller Gewalt
2.3 Die Täter und Täterinnen
2.4 Die Opfer und deren Psychodynamik
2.5 Die Folgen sexueller Gewalt

3. Traumatisierung
3.1 Begriffsklärung
3.2 Kinderspezifische Definition
3.3 Ebenen der Traumatisierung
3.4 Reaktionen im Körper
3.5 Reaktionen im Gehirn
3.6 Traumaverarbeitungsprozess

4. Fallbeispiel

5. Traumapädagogik
5.1 Heilende Gemeinschaften
5.2 Pädagogik des sicheren Ortes
5.3 Selbstbemächtigung
5.3.1 Förderung des Selbstverstehens
5.3.2 Förderung der Selbstakzeptanz
5.3.3 Sensibilisierung für Körperempfinden und Gefühle erhöhen
5.3.4 Förderung der Selbstregulation
5.4 Biografiearbeit mit dem Lebensbuch
5.5 Ausdrucksmalen
5.6 Geschlechtsreflektierende Pädagogik und Sexualpädagogik
5.6.1 Die Geschlechterdifferenz
5.6.2 Die Sexualität
5.6.3 Die Enttabuisierung sexueller Gewalt
5.7 Ressourcen der Gruppe
5.7.1 Die zerstörerische Kraft der Gruppe
5.7.2 Die tragende Kraft der Gruppe
5.8 Die Grundkompetenzen für professionelles Handeln

6. Zusammenfassung

7. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1. Einleitung

In meiner folgenden Arbeit beschäftige ich mich mit dem Thema ,,Traumatisierung bei Kindern aufgrund sexueller Gewalt und deren Anforderungen in der Sozialen Arbeit“.

Studien belegen, dass vor allem Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen mit dem Thema Sexuelle Gewalt und Traumatisierung überfordert sind und wenig Kenntnisse darüber besitzen. Jedoch sind es gerade Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, die in den verschiedensten sozialen Einrichtungen mit Klienten und Klientinnen konfrontiert werden, die sexuell missbraucht wurden und aufgrund dessen traumatische Erfahrungen gemacht haben. Darum ist es wichtig, dass sich Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen mit diesem Thema auseinandersetzen und wissen, welche pädagogischen Möglichkeiten genutzt werden können. Psychotherapien sind zwar hilfreich, jedoch muss nach solch einer Therapie mit den Jungen und Mädchen weiter gearbeitet werden. Denn jede noch so gute Psychotherapie hat wenig Nutzen ohne pädagogische Begleitung. Hier ist das Aufgabengebiet der Sozialen Arbeit gefragt. Damit bestimmte Verhaltensweisen von Kindern, die sexuelle Gewalt erlebt haben und traumatisiert sind, verstanden und nicht als persönlicher Angriff gedeutet werden, ist bestimmtes Wissen über die Thematik von besonderer Bedeutung.

1.2 Fragestellungen

Folgende Fragestellungen sollen in dieser Arbeit im Vordergrund stehen. Was ist sexuelle Gewalt? Was ist eine Traumatisierung? Und welche Anforderungen werden an die Soziale Arbeit gestellt?

Anhand dieser Forschungsfragen baut sich die Abschlussarbeit wie folgt auf. Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit theoretischen Grundlagen zum Thema sexuelle Gewalt an Jungen und Mädchen. Dabei werden die verschiedenen Definitionen und die Häufigkeit von sexueller Gewalt dargelegt. Auf die Täter und Täterinnen und die Opfer werde ich dabei auch näher eingehen.

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Traumatisierung bei Kindern. Neben einer ausführlichen Begriffsklärung werden die verschiedenen Ebenen der Traumatisierung, die Reaktionen im Körper und Gehirn und der Traumaverarbeitungsprozess näher erläutert.

Im dritten Teil meiner Arbeit werde ich ein Fallbeispiel anbringen. In diesem Fallbeispiel geht es um ein Mädchen, dass sexuelle Gewalt in frühester Kindheit erfahren hat und traumatisiert ist. Anhand dieses Fallbeispiels wird deutlich, welche Auswirkungen sexuelle Gewalt haben kann und wie sich dieses traumatische Ereignis auf das Leben eines Mädchens auswirkt.

Die pädagogischen Mittel und Möglichkeiten, mit denen Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen sexuell traumatisierte Mädchen besser verstehen können, werde ich im letzten Teil meiner Arbeit vorstellen. Speziell die Herangehensweisen und Methoden der Traumapädagogik werden hier erläutert.

2. Sexuelle Gewalt

2.1 Begriffsklärung

Zu Beginn ist es wichtig, zu klären was sexuelle Gewalt bedeutet. Die Informationen sind notwendig, um die daraus häufig resultierende Traumatisierung und die Ansätze der Traumapädagogik besser verstehen zu können.

In der Literatur gibt es zahlreiche Definitionen in Bezug auf sexuelle Gewalt. Verschiedene Begrifflichkeiten werden auch synonym verwendet. Weitere Bezeichnungen in diesem Kontext sind sexuelle Misshandlung, sexueller Missbrauch, sexuelle Ausbeutung, Inzest, familiäre Sexualdelinquenz oder Seelenmord (vgl. Wipplinger & Amann 1998). Die Vielzahl der unterschiedlichen Formulierungen zeigt, ,,dass es schwierig ist, ein solch sensibles Problem wie den sexuellen Missbrauch zu beschreiben“ (Bange 2002a, S. 48). Bei der Vielzahl an Definitionen bedarf es stets einer Erläuterung der inhaltlichen Definition, um mögliche Missverständnisse und Fehldeutungen von vornherein auszuschließen (vgl. Wipplinger & Amann 1998). Wichtig ist, dass die dahinter liegenden Annahmen von den jeweiligen Autoren und Autorinnen, die von den mannigfachen theoretischen, wissenschaftlichen Ausrichtungen geprägt sind, transparent gemacht werden (vgl. Bange 2002a).

Für Enders ist sexualisierte Gewalt immer dann gegeben,wenn ein Mädchen oder ein Junge von einem Erwachsenen oder älteren Jugendlichen als Objekt der eigenen sexuellen Bedürfnisse benutzt wird. Kinder und Jugendliche sind aufgrund ihrer kognitiven und emotionalen Entwicklung nicht in der Lage, sexuellen Beziehungen zu Erwachsenen und älteren Jugendlichen wissentlich zuzustimmen. Fast immer nutzt der Täter (die Täterin) ein Macht- oder Abhängigkeitsverhältnis aus. Auch wenn ein Mädchen oder ein Junge sich aktiv beteiligt, die Verantwortung für den sexuellen Missbrauch liegt immer bei dem Erwachsenen. (Enders 1990a, S. 21)

Enders beschreibt in ihrer Definition, dass es bei sexueller Gewalt um Bedürfnisbefriedigung seitens der Erwachsenen oder Jugendlichen geht und dass meist ein Macht- und Abhängigkeitsgefälle vorhanden ist. Außerdem herrscht ein signifikanter Reife- und Altersunterschied vor und somit fehlt die Fähigkeit zur Information oder Zustimmung. Vor allem die Tatsache, dass die Verantwortung für den sexuellen Missbrauch immer bei dem Erwachsenen liegt, finde ich von großer Wichtigkeit. In vielen anderen Definitionen wird dies nicht berücksichtigt.

Bange nimmt in seiner Definition noch einen weiteren Aspekt hinein. ,,Sexueller Missbrauch an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann“ (Bange 1992,S. 57). Sexuelle Handlungen vor Kindern werden von Bange auch als sexuelle Gewalt definiert und schließen somit sexuelle Gewalt ohne Körperkontakt wie z.B. das Entblößen vor einem Kind oder das Beobachten beim Ausziehen des Kindes mit ein.

In der Fachliteratur wird zwischen engen und weiten Definitionen unterschieden. Enge Definitionen sind präzise formuliert und versuchen, bereits als schädlich identifizierte bzw. nach einem sozialen Konsens normativ als solche bewertete Handlungen einzuschließen (vgl. Wetzels 1997). Sie beschreiben sexuelle Gewalt vorwiegend als körperlichen Kontakt zwischen Täter/Täterinnen und Opfer. Problematisch dabei ist, dass nicht alle Merkmale sexueller Gewalthandlungen erfasst werden und somit eine Vielzahl von sexuell-geprägten Gewalthandlungen ausgeschlossen wird.

Weite Definitionen dagegen versuchen, sexuelle Gewalt ganzheitlich zu betrachten. Dabei liegt das Augenmerk darauf, ,,alle als potenziell schädlich angesehenen Handlungen zu erfassen“ (Bange 2002a, S. 49). Demnach werden unter anderem auch obszöne Anreden und Exhibitionismus nicht als Kontakthandlungen verstanden, sondern als sexuelle Gewalt gewertet.

In meiner folgenden Arbeit wird der Begriff sexuelle Gewalt im Sinne der weiten Definition verstanden. Demzufolge wird sexuelle Gewalt in seinem gesamten Umfang beschrieben.

Viele Fachleute verwenden den Begriff ,,sexueller Missbrauch“. ,,Wenn wir von ,sexuellem Missbrauch‘ sprechen, könnte jemand auf die Idee kommen, dass es einen ,zweckmäßigen‘ oder ,richtigen Gebrauch‘ gäbe“(Suer 1998, S. 26). Daher ist dieser Begriff in Bezug auf sexuelle Gewalt recht ungünstig gewählt. Um das Macht- und Abhängigkeitsverhältins zwischen dem Täter oder der Täterin und dem Opfer deutlich zu machen, verwende ich in meinen folgenden Ausführungen den Begriff ,,sexuelle Gewalt“ .

2.2 Das Ausmaß von sexueller Gewalt

In Deutschland gibt es keine repräsentative Studie, die das Ausmaß sexueller Gewalt feststellt. Das Ausmaß oder auch die Häufigkeit von sexueller Gewalt wird durch die Begriffe Prävalenz und Inzidenz definiert. Die Inzidenz ist das Maß für alle neu auftretenden ,,Fälle“, die während eines bestimmten Zeitraumes -in der Regel während eines Jahres- in einer Population auftreten. Prävalenz bezeichnet die Anzahl der ,,Fälle“, die innerhalb einer bestimmten Periode festgestellt werden (vgl. Bange 2004). Diese Periode ist im Hinblick auf sexuelle Gewalt die Kindheit.

Rückschlüsse auf die Inzidenz können nur auf sogenannte aktenkundige ,,Fälle“ gezogen werden (vgl. Ernst 1998). Darunter sind angezeigte und verurteilte Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Auskünfte aus Akten der Jugendämter oder auch Statistiken von Spezialberatungsstellen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gibt Angaben zur Inzidenz. ,,Die PKS erfasst die Gesamtheit der in Deutschland zur Anzeige gekommenen und polizeilich registrierten Verdachtsfälle strafrechtlich relevanter Delikte, so auch den sexuellen Missbrauch an Kindern“ (Bange 2004, S. 32). Problematisch dabei ist, dass nicht alle Delikte zur Anzeige gebracht werden. Viele Taten bleiben der Polizei somit unbekannt. Diese Taten werden dann als Dunkelfeld bezeichnet. Außerdem wird das Anzeigeverhalten durch die Umstände sexueller Gewalt beeinflusst. Demnach werden häufiger unbekannte Täter oder Täterinnen angezeigt, als Täter oder Täterinnen innerhalb der Familie. ,,Die PKS liefert also kein genaues Abbild der Verbrecherwirklichkeit“ (Wetzels 1997, S. 25).

Um verlässliche Aussagen über das Ausmaß oder die Häufigkeit von sexueller Gewalt machen zu können, sind repräsentative Befragungen zur Prävalenz besser geeignet (vgl. Bange 2004). Für Untersuchungen über die Prävalenz sexueller Gewalt sind nach Bange (2002b) und Ernst (1998) drei Voraussetzungen notwendig:

- eine Falldefinition,
- eine Stichprobe und
- ein Befragungsinstrument

Die Ergebnisse der Untersuchungen variieren je nach Definitionskriterium. Dabei spielen die unterschiedlichen Altersgrenzen (14.,16. oder 18. Geburtstag), der Altersunterschied zwischen Täter/ Täterinnen und Opfer (fünf oder drei Jahre) und ob sexuelle Handlungen mit oder ohne Körperkontakt definiert werden, eine entscheidende Rolle und verändern demnach die Untersuchungsergebnisse.

In Deutschland wurde die erste größere Dunkelfeldstudie von Bange (1992) durchgeführt. Er verwendete dabei einen Fragebogen als Erhebungsinstrument und befragte 518 Studentinnen und 343 Studenten der Dortmunder Universität. Banges Definition von sexueller Gewalt schloss dabei sexuelle Handlungen mit und ohne Körperkontakt ein, die gegen den Willen des Opfers waren. Das Alter der Befragten hat Bange bis zum 16. Lebensjahr eingegrenzt. Bei dieser Studie gaben 130 der befragten Frauen und 28 Männer an, dass sie sexuelle Gewalt im gefragten Sinne erlebt hatten (vgl. Bange 2004). Bange kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland etwa jedes vierte Mädchen und jeder zwölfte Junge ein oder mehrmals sexuelle Übergriffe erleben muss. ,,Die Ergebnisse der methodisch anspruchsvolleren Untersuchungen aus Europa und den Vereinigten Staaten (Finkelhor 1997) sowie der referierten deutschen Untersuchungen zeigen eine recht hohe Übereinstimmung, wenn man ihre Definition aneinander anpasst“ (Bange 2004, S. 35). Demnach kann davon ausgegangen werden, dass 10- 15 % aller Mädchen und 5- 10 % aller Jungen von 14 oder 16 Jahren mindestens einen erzwungenen sexuellen Kontakt erlebt haben.

2.3 Die Täter und Täterinnen

Viele Studien beweisen, dass die Täter und Täterinnen nicht, wie meist angenommen, Fremde sind, sondern aus Verwandten- oder Bekanntenkreisen kommen: Väter, Stiefväter, Brüder, Onkel, Großväter, Lehrer, Nachbarn, Freunde der Familie. Sexuelle Gewalt findet somit vor allem im sozialen Nahbereich statt. Mädchen erfahren zu etwa einem Drittel von Tätern und Täterinnen aus der Familie (Väter, Brüder, Großväter) sexuelle Gewalt (vgl. Enders 2001a). Der größte Teil kommt aus dem außerfamilialen Nahbereich (Verwandte, Pädagogen). Männliche Opfer werden meist von Bezugspersonen aus dem außerfamilialen Nahraum (z.B. Bekannte, Pädagogen, Trainer) sexuell ausgebeutet (vgl. Enders 2001a). Die Täter und Täterinnen kommen mit etwa 10- 20 % etwas seltener aus der Familie (vgl. Boehme 2002).

Nach heutigen Erkenntnissen gibt es auch immer mehr Frauen als Täterinnen. Zwar sind 70-90 % Männer Täter, aber immerhin sind auch 25- 30% Frauen Täterinnen. (vgl. Brockhaus & Kolshorn 1993) Weiterhin ist belegbar, dass in allen gesellschaftlichen Gruppierungen sexuelle Gewalt vorkommt und es somit kein einheitliches Täterprofil gibt (vgl. Brockhaus & Kolshorn 1993).

Forschungen ergaben, dass die Täter und Täterinnen häufig schon im jugendlichen Alter beginnen, Mädchen und Jungen sexuell auszubeuten (vgl. Enders 1999).

Etwa zwei Drittel der männlichen Täter, die innerhalb der Familie missbrauchen, haben ebenso Opfer außerhalb der Familie. Auch Väter, die ihre Töchter und Söhne missbrauchen, waren häufig schon Täter, bevor sie die Mütter ihrer Kinder kennen lernten. Oftmals missbrauchen sie im Jugendalter zunächst kleinere Geschwister, Nachbarskinder oder die kleine Cousine, den Cousin, später die eigenen Kinder, deren Freundinnen/ Freunde, im hohen Alter die Enkelkinder. (Abel & Rouleau, zit. n. Enders 2001b, S. 56)

Sexuelle Gewalt geschieht keinesfalls im Affekt oder ist als Zufallshandlung der Täter oder Täterinnen zu bewerten (vgl. Brockhaus & Kolshorn 1993). Eine Vielzahl von Studien (Gebhard 1965; Lang und Frenzel 1988; Budin und Johnson 1989) belegen, dass die Täter und Täterinnen sich systematisch ihren Opfern nähern. Dabei drohen die männlichen Täter ihren Opfern nicht unbedingt körperliche Gewalt an, sondern die Bedrohungen kommen eher durch Autorität und kognitive Überlegenheit zum Ausdruck (vgl. Deegener 1995). Durch den Altersunterschied verfügen die Täter und Täterinnen vor allem über Ressourcen an Wissen und Erfahrungen, über die ein Kind nicht verfügen kann.

Weiterhin werden strukturelle Machtunterschiede und gesellschaftlicher Status benutzt, um Mädchen und Jungen sexuell auszubeuten (vgl. Brockhaus & Kolshorn 1993). Nicht nur die Bedürftigkeit und Offenheit des Kindes werden dabei ausgenutzt, sondern auch die naive Neugier und Unwissenheit. So genannte ,,Testrituale“ werden von einer großen Anzahl der Täter und Täterinnen praktiziert, um die Widerstandskraft des potenziellen Opfers zu prüfen. Diese ,,Testrituale“ werden in Form von scheinbar ,,zufälligen“ sexuellen Berührungen im Rahmen von Tobe- oder Doktorspielen angewandt. Vor allem Kinder die sich widerstandslos verhalten, werden dabei systematisch auf die sexuellen Grenzverletzungen in Bezug auf körperliche Berührungen desensibilisiert. Die Täter und Täterinnen haben häufig zum Ziel, dass die Kinder bei körperlichen Berührungen selbst Lustgefühle entwickeln. Somit erzeugen sie eine Abhängigkeit, die das Kind nicht überblicken kann. Dabei werden die sexuellen Handlungen als Ausdruck der Zuneigung, Zärtlichkeit und Pflege um die körperliche Entwicklung des Kindes gesehen. Demnach wird dem Kind suggeriert, dass sexuelle Gewalt,,Normalität“ darstellt und zugleich Schuldzuweisungen wie ,,du hast es doch auch gewollt“ oder ,,es hat dir doch Spaß gemacht“ ausgesprochen. Die Täter und Täterinnen manipulieren nicht nur das Kind, sondern versuchen ebenso die Wahrnehmung der Umwelt zu vernebeln. (vgl. Enders 2001b)

Enders (ebenda) kommt auf der Grundlage von Burkett und Bruni (1995) zu der folgenden Erkenntnis: ,,Je höher das Maß an Vertrauen und Autorität, desto leichter ist es für einen Erwachsenen ein Kind zu missbrauchen. Insbesondere Geistliche, Ärzte, Therapeuten und Juristen haben ein außergewöhnlich hohes Maß an Autorität.“(Enders 2001b, S.71) Für viele ist es dann unfassbar, wenn eine Person mit einem ,,guten Ruf“, zu ,, so etwas“ fähig ist.

Weiterhin nutzen die Täter und Täterinnen das Gebot der Geheimhaltung. Dem Opfer wird dabei eine aktive Beteiligung an den körperlichen Berührungen suggeriert, um es abhängig zu machen und es von den anderen Menschen zu isolieren (vgl. Brockhaus & Kolshorn 1993). Dabei werden oft Drohungen mit dem Zusammenbruch der Familie, mit Heimeinweisungen oder Gefängnis in Verbindung gebracht, um somit Druck auf die Opfer auszuüben.

Wie bereits erwähnt, sind die Strategien der Täter und Täterinnen geplant und strategisch durchdacht, um ihre potenziellen Opfer sexuell auszubeuten. Diese Strategien, die so vielfältig erscheinen, erfolgen nach den gleichen Mustern, mit denen Mädchen und Jungen getäuscht, geängstigt und manipuliert werden und dabei enge Bezugspersonen verlieren. Dabei wollen die Täter und Täterinnen an das Ziel, dem Kind sexuelle Gewalt anzutun, gelangen. (vgl. Heiliger 2002)

Nach Bullens1 ist die Ausübung sexueller Gewalt keine Sucht im Sinne einer Krankheit, sondern es handelt sich um einen Delikt, also ein Verhalten, bei dem eine Entscheidung getroffen wird. Demnach gibt es für die Täter und Täterinnen auch keine Heilung, sondern nur eine Entscheidung. (vgl. Pilgrim 2000)

Die Erklärungen der Strategien der Täter und Täterinnen sollen helfen, sexuelle Gewalt als komplexes Thema besser zu verstehen. Professionelle Fachleute können so Verhaltensweisen der Kinder besser deuten und erfassen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, denn diese Kinder leben oder lebten in einem ständigen Macht- und Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Täter oder ihrer Täterin. Wie Kinder sexuelle Gewalt erleben und welcher Psychodynamik sie ausgesetzt sind, soll im Folgenden erläutert werden.

2.4 Die Opfer und deren Psychodynamik

Besonders Kinder und junge Menschen brauchen viel körperliche Nähe und zärtliche Berührungen. Vor allem Mädchen und Jungen, die zu wenig Liebe und Nähe erhalten, sind besonders gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Einerseits haben diese Kinder meist ein starkes Verlangen nach körperlichen Berührungen und sind auf die Zuwendungen, die sie während der sexuellen Ausbeutung erhalten, angewiesen. (vgl. Suer 1998)

Außerdem verstärkt es in ihnen das Selbstbild, dass sie diese unbedingte Zuwendung nicht verdient haben und das ,,der einzige Wert, den sie haben, ihre sexuelle Ausbeutbarkeit und ihre Fähigkeit zu verführen und zu manipulieren darstellt“ (Saller 1997, S. 165). Kinder fühlen sich doppelt ausgeliefert, da sie nicht verstehen, was und warum es mit ihnen passiert. Sie versuchen wieder Kontrolle über die Situation zu gelangen, indem sie sich selbst als schuldig erklären, dass Erwachsene so mit ihnen umgehen. Diese Schuldgefühle haben für Kinder oft eine lebensrettende Funktion, denn sie erklären sich die Situation, die sie nicht verstanden haben und versuchen somit Kontrolle darüber zu gelangen. Da Kinder von den Erwachsenen Liebe und Zuwendung erwarten, machen sie sich selbst für die sexuelle Gewalt verantwortlich. (ebenda)

Mädchen und Jungen erleben sexuelle Gewalt ausschlaggebend vom individuellen Entwicklungsstand, der Persönlichkeit und der Beziehung zum Täter oder zur Täterin unterschiedlich. ,,Dennoch finden sich in allen Erzählungen missbrauchter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener Vertrauensverlust, Sprachlosigkeit, Schuld- und Schamgefühle, Ohnmacht, Angst und Zweifel an der Wahrnehmung wieder“ (Enders 2001a,S. 129).

2.5 Die Folgen sexueller Gewalt

,,Die Folgen sexueller Gewalt können sehr unterschiedlich sein“ (Enders 1990, S. 76). Es gibt Mädchen und Jungen, die sich zurückziehen und isolieren. Andere verhalten sich wiederum distanzlos und aggressiv (ebenda). Im Folgenden sollen die möglichen Folgen sexueller Gewalterfahrungen genannt und kurz erläutert werden.

Körperliche Verletzungen

Wenn Kinder in Krankenhäuser eingeliefert werden und striemenartige Spuren an der Innenseite der Oberschenkel und Bisswunden und Verletzungen im Genitalbereich haben, sind dies fast immer Folgen sexueller Gewalt (vgl. Enders 1990). Weitaus häufiger als vermutet wird, werden Kinder mit Verletzungen im Genitalbereich oder Geschlechtskrankheiten in Krankenhäuser eingeliefert (vgl. Enders 1990). An dieser Stelle müssen Mediziner und Medizinerinnen feststellen, woher diese Verletzungen rühren und das Jugendamt informieren. In der Praxis passiert dies leider noch viel zu wenig.

Körperliche und Psychosomatische Folgen

Kinder haben einen starken Überlebenswillen. Wenn Kinder sexuelle Gewalt erfahren, versuchen sie ,,die für sie destruktive Situation mit möglichst geringem Schaden zu überleben“ (Enders 1990, S. 77). An den psychosomatischen Symptomen, die Kinder aufgrund sexueller Gewalt entwickeln können, zeigt sich der Überlebenswille der Betroffenen ( ebenda).

Da Kinder eine Vielzahl psychosomatischer Folgen entwickeln können, sollen diese nur kurz aufgezählt werden: Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Sprachstörungen und Legasthenie, Hauterkrankungen, Bauchschmerzen, Lähmungen, Magersucht, Esssucht (ebenda).

Emotionale Reaktionen

Emotionale Reaktionen aufgrund sexueller Gewalt können einerseits regressive, andererseits auch aggressive Verhaltensweisen sein. Kinder, die sexuelle Gewalt erlebt haben, haben meist ein geringes Selbstwertgefühl, denn sie haben Scham- und Schuldgefühle. Auch zwanghafte Verhaltensweisen, Ängste und Kontaktstörungen zu anderen Kindern können mögliche emotionale Reaktionen sein. (ebenda)

Autoaggressionen

Aggressionen, die gegen den eigenen Körper gerichtet sind, können ebenfalls Folgen sexueller Gewalt sein. Zum Beispiel Haare ausreißen, Nägelkauen und Suizidversuche sind hier nur einige mögliche Autoaggressionen von Kindern, die sexuelle Gewalt erlebt haben. (ebenda)

Folgen für das soziale Verhalten

Während einige Mädchen und Jungen sich zurückziehen und unscheinbar machen, weil sie sich nur alleine sicher fühlen, sind andere Kinder in ihrem Verhalten distanzgemindert oder distanzlos. Da die Täter oder Täterinnen die Grenzen der Opfer missachtet haben, konnten die Kinder nicht lernen eigene Grenzen oder die der anderen zu respektieren. (ebenda)

Weiterhin fühlen sich sexuell ausgebeutete Kinder in Gruppen meist sicherer als alleine. Wenn Kinder mit einem Erwachsenen alleine im Raum sind, ,,haben einige von ihnen die (unbewusste) Angst, dass sie erneut missbraucht werden“ (Enders 1990, S. 84).

Folgen für die Sexualität

Ein Hinweis für sexuelle Gewalt kann altersunangemessenes Sexualverhalten von Jungen und Mädchen sein. Durch aktive Wiederholungen des passiv Erlebten sexualisieren sexuell ausgebeutete Kinder soziale Beziehungen. Kinder kommen zu der Einschätzung, dass sie nur Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, wenn sie sexualisiertes Verhalten zeigen (ebenda).

Das immer noch weit verbreitete Vorurteil, dass Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren haben, Körperkontakt meiden, ist grundsätzlich falsch. Sexuell ausgebeutet Kinder zeigen genauso häufig distanzloses Verhalten gegenüber Erwachsenen.(ebenda)

Insbesondere männliche Opfer zeigen als Folge sexueller Gewalterfahrungen sexuell aggressives Verhalten. Durch die aktive Wiederholung des Erlebten versuchen sie ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Nicht selten werden einige von ihnen selbst zu Tätern, da sie sich mit dem Aggressor identifizieren und so die Rolle des Täters übernehmen. (ebenda)

Traumatisierung aufgrund sexueller Gewalt

Traumatisierung kann eine mögliche Folge sexueller Gewalt sein. ,,Sexuelle Gewalt an Kindern ist immer Verletzung in [diesem] einem umfassenden Sinne. Wir können sie auch als Schädigung bezeichnen und im engeren Sinne als Traumatisierung, d.h. als Folge einer Überflutung mit schädigenden Reizen ohne die Möglichkeit der Verarbeitung und Kompensation.“(Garbe 1993, S. 12)

Auch wenn das Kind keine Symptome einer traumatischen Reaktion zeigt, ist bei jeder sexuelle Gewalterfahrung bis zum Beweis des Gegenteils von einer Traumatisierung auszugehen (vgl. Romer & Riedesser, zit. n. Romer & Saha 2004). Im Folgenden möchte ich deshalb auf das Thema Traumatisierung und speziell auf Traumatisierung aufgrund sexueller Gewalt eingehen.

[...]


1 Red Bullens ist ein Niederländischer Therapeut der mit Sexualstraftätern arbeitete.

Details

Seiten
57
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656324041
ISBN (Buch)
9783656327004
Dateigröße
686 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204713
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
1,2
Schlagworte
traumatisierung kindern gewalt anforderungen soziale arbeit

Autor

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Titel: Traumatisierung bei Kindern aufgrund sexueller Gewalt und deren Anforderungen an die Soziale Arbeit