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Der politische Seitenwechsel des Marcus Tullius Cicero nach dessen Zeit im Exil 58-57 v. Chr. auf Grundlage seiner Beziehung zu Gaius Iulius Caesar

Hausarbeit 2011 20 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Verwirrende Verwandlungen – Eine Hinführung zur Beziehung Caesar-Cicero

2. Rückblickende Betrachtungen der Beziehung bis zum Jahr 58. v. Chr
2.1 Rivalität in der frühen politischen Karriere
2.2 Cicero als Caesars Studiengenosse

3. Ciceros Einstellung zum herrschenden Dreibund in der Zeit des Gallischen Kriegs
3.1 Nachwirkungen des Exils
3.2 Die Wiederbelebung der alten Freundschaft
3.3 Caesars Reaktion auf Ciceros Schwierigkeiten in der Politik
3.4 Cicero als Caesars Handlanger: Unterwerfung oder Zusammenarbeit?

4. Ciceros Verhalten unter dem Triumvirat aus moderner Perspektive

5. Cicero: Opportunist oder Bewahrer der römischen Republik? – Ein Fazit

Anhang 1: Zeittafel der Geschichte der römischen Republik zur Zeit Ciceros

Anhang 2: Der Lebenslauf Ciceros

1. Verwirrende Verwandlungen – Eine Hinführung zur Beziehung Caesar-Cicero

Kaum eine Person der römischen Antike ist heute bekannter als Gaius Iulius Caesar, kaum ein antiker Politiker besser erforscht. Während bei vielen seiner berühmten und bekannten Zeitgenossen, damals wie heute, ihre politischen Aktivitäten, ihre Reden und Schlachten im Mittelpunkt des Interesses standen, erfuhr und überlieferte man gerade von Caesar als Ausnahme auch viele Einzelheiten seines Privatlebens.[1] Doch in manchen Dingen gibt Caesar auch heute noch Rätsel auf: Besonders seine Beziehung zum sechs Jahre älteren Marcus Tullius Cicero ist bis dato nicht zweifelsfrei geklärt, siehe die höchst unterschiedlichen Deutungen dieser in moderner Zeit in Kapitel 4. Gerade Ciceros Verhalten wirft Fragen auf: Vom Jugendfreund Caesars[2] wandelte er sich augenscheinlich zu dessen politischem Feind[3] - um während des Gallischen Kriegs wieder mit Caesar zu sympathisieren[4], im Bürgerkrieg sich auf Pompeius’ Seite zu schlagen[5], sich anschließend mit Caesars Gewaltherrschaft zu arrangieren[6] und dessen Ermordung als herrliche Tat zu preisen[7] ! Wahrlich, auch Marcus Tullius Cicero gibt Rätsel auf. Mehrmals trieben ihn Stimmungsschwankungen einmal auf die populare, dann wieder auf die optimatische Seite. Was waren Ciceros Beweggründe für seine häufigen Politikwechsel? War es schlichtweg Opportunismus? Was hatte Ciceros politisch-philosophische Weltanschauung damit zu tun?[8] Oder war es gar Caesars Charme, der Cicero immer wieder zweifeln ließ? Zusammengefasst möchte ich mich der Frage widmen: Was liegt Ciceros Stimmungsschwankungen und politischen Richtungswechseln in Bezug auf Caesar zugrunde? Dies allerdings anhand aller genannten Schlüsselerlebnissen zu untersuchen, würde jeglichen Rahmen sprengen; die einzelnen komplexen Szenen könnten nur oberflächlich behandelt werden. Aus diesem Grund möchte ich mich ganz speziell der wohl deutlichsten Wandlung Ciceros annehmen: Seiner Wandlung vom vormals überzeugten Optimaten zum Unterstützer des popular gesinnten Dreimännerbundes. Die politische Beziehung Cicero-Caesar soll, auch auf Grundlage der persönlichen Beziehung, zur Zeit des Gallischen Kriegs und der Herrschaft des Triumvirats, in Kapitel 3 gründlich durchleuchtet werden. In Zahlen ausgedrückt entspricht dies den Jahren 58-51 v. Chr: Aus Ciceros Sicht von der Flucht ins Exil bis zu seiner Abreise ins Prokonsulat nach Kilikien[9] - aus Caesars Perspektive ungefähr vom Beginn bis zum Ende des Gallischen Krieges.

Zuvor soll in Kapitel 2 ein kurzer Rückblick über die Beziehung bis 58 v. Chr. präsentiert werden. Dem Lebensabschnitt Ciceros zwischen 58 und 51 v. Chr. meine Aufmerksamkeit zu widmen verspricht reichhaltige Ergebnisse, da zu diesen Zeiten Caesar im Mittelpunkt des Weltgeschehens stand. Cicero berichtete ausführlich über diese politischen Vorgänge der 50er Jahre des 1. Jahrhunderts vor Christus, darüber hinaus war seine Meinungsbildung intensiven Eindrücken ausgesetzt. Besonderes Gewicht möchte ich auf die Aussagen des scheinbar wankelmütigen Redners persönlich legen. Wer könnte nicht das meiste über die verwirrende Bekanntschaft der beiden aussagen, wenn nicht Cicero selbst? Ciceros Briefe sind reichhaltig an Anmerkungen über Caesar, so zahlreich wie bei wenigen anderen antiken Schriftstellern. Aus den frühen Jahren der beiden sind nicht ganz so viele Worte überliefert, wohl aber aus der Zeit, in der sich Caesars große politische und militärische Erfolge einstellten - eben aus der Zeit, die ich betrachten möchte.[10] Aus diesen Gründen möchte ich mein Hauptaugenmerk auf Ciceros Korrespondenz dieser Zeit richten: Hauptsächlich die Briefe an Atticus, aber auch die „ad familiares“ und „ad Quinto fratrem“, werden herangezogen, da eben gerade diese das Geschehen um Caesar aus Ciceros Sicht so lückenlos dokumentieren. An dafür geeigneten Stellen wird auch auf Ciceros Reden vor Gericht und vor dem Senat verwiesen. Besondere Beachtung gilt hierbei der Rede „de provinciis consularibus“. In dieser Senatsrede aus dem Jahre 56 nahm Cicero persönlich Stellung zu seinem eben vollzogenen Wechsel ins politische Lager seiner ehemaligen Gegner. Da Ciceros philosophisch-politische Schriften eher Ideale denn eine Darstellung von Ciceros Handlungen im Alltagsgeschäft der römischen Politik enthalten[11], werden diese nicht behandelt. Um nicht Cicero alleine das Wort zu erteilen, lasse ich in diese Arbeit auch die Analysen und persönlichen Ansichten einiger Cicero- und Caesar-Biografen und -publizisten wie Matthias Gelzer, Anthony Everitt, Manfred Fuhrmann, Hermann Strasburger, Rice T. Holmes und Ronald Syme einfließen. Mein Ziel ist es, Ciceros Positionswechsel zu den Popularen zu ergründen. Es ist nicht meine Absicht, zur Sache Caesar-Cicero die Standpunkte sämtlicher Parteien und aus dem gesamten Leben der beiden darzulegen. Auch der Beziehung aus Caesars Sicht wird in dieser Arbeit wenig Platz eingeräumt.

2. Rückblickende Betrachtungen der Beziehung bis zum Jahr 58. v. Chr.

2.1 Rivalität in der frühen politischen Karriere

In der Mitte des Jahres 54 vor Christus konstatiert Cicero, dass zwischen ihm und Caesar eine Freundschaft bestehe: „illud quidem sumus adepti, quod multis et magnis indiciis possumus iudicare, nos Caesari et carissimos et iucundissimos esse.“[12] Und bereits vor Mitte der 50er hat das Volk schon „umfangreiche Lobsprüche“ Ciceros über Caesar gehört.[13] Das bedeutendste Beispiel dürfte die Rede „De provinciis consularibus“ vor dem Senat im Jahre 56 sein, in der er Caesars großartige Taten in Gallien rühmte.[14] Dies verwundert, denn noch von Caesars Konsulat im Jahre 59 berichtete Cicero mit Abscheu davon, wie Caesar den Pöbel bestach und kaufte, Demagogie einsetzte und es überhaupt trieb, wie es ihm gefiel. Mit den Ordnung Liebenden aus allen Schichten habe er es sich verscherzt[15] - wohl auch mit Cicero. Besonders in der zweiten Hälfte der 60er Jahre, in der beide Protagonisten zum ersten Mal nach den höchsten Staatsämtern griffen, entbrannte ein erbitterter politischer Kampf zwischen Caesar und Cicero. „Das revolutonäre (sic!) Treiben wirklicher Popularen war ihm [Cicero] im innersten zuwider“[16] konstatiert Gelzer. Im Folgenden werden einige wenige Beispiele des politischen Kampfes ausführlich dargelegt: In das Jahr 63 fiel das Konsulat des Marcus Tullius Cicero. Aufgestellt war er als Kandidat der Optimaten und seine Kandidatur sollte ein mögliches Konsulat der Popularen unter Caesar verhindern.[17] In der Folgezeit sprach sich Cicero deutlich gegen die Popularen, vor allem gegen ihre Demagogen, aus. Er erklärte offen, sich von Caesars Handlangern deutlich zu distanzieren.[18] Cicero sah sich selbst als Optimat[19], musste um die Aufnahme in diesen Kreis aber hart kämpfen. Als „homo novus“ begegnete ihm diese politische Schicht, die gerne unter sich und unter Ausschluss aller anderen Kräfte die römische Oligarchie lenken wollte, mit Argwohn.[20] Sein Bruder beschrieb dieses Dilemma recht trefflich in Q. Cic. comm.5. Von Caesar im Hintergrund geleitet „warfen [die Popularen] der neuen Regierung sofort den Fehdehandschuh hin“.[21] Cicero antwortete prompt: Als Caesars Opposition die Todesurteile im Prozess gegen die Verschwörer um Catilina nicht anerkennen wollte, ging Cicero in harten Worten gegen sie vor.[22] Caesar musste im Folgenden aufgrund Ciceros Redegewalt verschiedene Anträge gegen die Optimaten fallen lassen.[23] Schließlich durfte er per „senatus consultum de defendenda re publica“ nicht mehr die Bestrafung Ciceros, der die Verschwörer ohne Prozess hinrichten ließ, fordern. Als Caesar zuvor den Bogen überspannte, erkennend, dass Cicero die Hinrichtung vom Senat genehmigt werde, und die Abstimmung daher auf illegale Weise blockieren wollte, wurde er von einer bewaffneten Gruppe equites angegriffen. Ausgerechnet der Jugendfreund und politische Widersacher war es, der Caesar Deckung gab - den Konsul traute sich niemand anzugreifen.[24]

Nach Ciceros Konsulat, als die Fronten verhärtet schienen, antwortete Caesar auf unerwartete Weise: Cornelius Balbus, ein Handlanger Caesars, versuchte im Dezember 60, Cicero für das neu geschaffene Dreierbündnis um Caesar zu gewinnen und Cicero in dessen politisches System einzubeziehen.[25] Caesar hatte einen „genialen Blick für Ciceros Brauchbarkeit, wenn es gelang, seine Beredsamkeit zu gewinnen.“[26] Cicero erkannte, dass seine politische Sicherheit damit gewährleistet wäre: „Coniunctio mihi summa cum Pompeio, si placet, etiam cum Caesare, reditus in gratiam cum inimicis, pax cum multitudine, senectutis otium“[27], doch damit verzichtete er auf jede Form eigener politischer Entscheidung. Seine Antwort war eine negative. Gelzer spricht von einer „moralische[n] Unmöglichkeit“[28] der Zusammenarbeit mit Caesar. Im Jahr 60 fühlte sich Cicero Caesar deutlich überlegen.[29] Cicero äußerte sich weiterhin abfallend über Caesar, er sei ein „imbecillus“ und – laut einer Aussage aus dem Konsulat Caesars im Jahre 59 – ohnehin ein Konsul ohne Kraft und Macht[30]. Ihn erfüllte mit Ekel, wie Caesar versuchte, Gesetze gegen die Mehrheit im Senat und gegen das Veto seines Mitkonsuls Bibulus durchzubringen[31]. Ciceros größte Schmähung dürfte sein Vorwurf gewesen sein, Caesar habe in seiner Zeit als Stabsoffizier des Statthalters von Asia, Marcus Minucius Thermus, eine homosexuelle Beziehung in der Rolle des Dienenden zu König Nikomedes IV. von Bithynien gepflegt.[32] Caesar sorgte daraufhin dafür, dass Ciceros schärfster Gegner Clodius zum Volkstribunat gelangen konnte – es sollte einen verhängnisvollen Ausgang für Cicero nehmen (siehe Kapitel 3.1).[33]

[...]


[1] Strasburger, Hermann: Caesar im Urteil seiner Zeitgenossen. In: Historische Zeitschrift. Jg. 175, S.
225–264. Hier: S. 230.

[2] Cic. Q. fr. 2,13,1.

[3] Gelzer, Mathias: Cicero. Ein biografischer Vergleich. Wiesbaden 1969. S.127.

[4] Fuhrmann, Manfred: Cicero und die römische Republik. Eine Biografie. Düsseldorf 19974. S. 139ff.

[5] Holmes, Rice T.: Cäsars Feldzüge in Gallien und Britannien. Aus dem Englischen von Wilhelm Schott und Felix Rosenberg. Leipzig 1913. S. 145.

[6] Gelzer, Matthias: Cicero und Caesar. In: Universität Frankfurt am Main (Hg.): Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann W. Goethe-Universität Frankfurt/Main. Bd 7. Wiesbaden 1968. S. 14.

[7] Everitt, Anthony: Cicero. Ein turbulentes Leben. Aus dem Englischen von Kurt Neff. Köln 2003. S. 367.

[8] Syme, Ronald sowie Selzer, Christoph / Walter, Uwe (Hrsg.): Die Römische Revolution. Machtkämpfe im antiken Rom. Grundlegend revidierte und erstmals vollständige Neuausgabe. Aus dem Englischen von Friedrich Wilhelm Eschweiler und Hans Georg Degen. Stuttgart 2003. S. 151.

[9] Everitt: Cicero. S. 209 und S. 260.

[10] Strasburger: Zeitgenossen. S. 229.

[11] Gehrke, Hans-Joachim: Geschichte der Antike. Ein Studienbuch. Stuttgart / Weimar 32010. S. 294 und 320.

[12] Cic. Att. 4,15,9.

[13] Strasburger: Caesars Eintritt in die Geschichte. Darmstadt 1965. S. 52.

[14] Cic. prov. cons. 32.

[15] Cic. Att. 2,19,2ff.

[16] Gelzer: Cicero. S. 64.

[17] Fuhrmann: Cicero. S. 83.

[18] Gelzer, Mathias: Cicero. S. 59.

[19] vgl. Cic. Sest. 97.

[20] Gelzer: Cicero. S. 64.

[21] Everitt, Anthony: Cicero. Ein turbulentes Leben. Aus dem Englischen von Kurt Neff. Köln 2003. S. 141.

[22] Cic. Cat. min. 32,3.

[23] Suet. Caes. 15.

[24] Cass. Dio 37,42,3. Suet. 14,2. Everitt: Cicero. S. 156ff.

[25] Cic. Prov. cons. 41.

[26] Gelzer: Cicero und Caesar. S. 22.

[27] Cic. Att. 2,3,4 und Cic. fam. 14,3,1.

[28] Gelzer: Cicero und Caesar. S. 22.

[29] Cic. Att. 2,1,6 und Strasburger, Hermann: Caesars Eintritt in die Geschichte. Darmstadt 1965. S. 53.

[30] Zitat: Cic. Att. 7,7,6. Paraphrase: Cic. fam. 6,6,4.

[31] Gehrke: Antike. S. 329.

[32] Suet. 49,3f.

[33] Gelzer: Cicero. S. 124f.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656315902
ISBN (Buch)
9783656316541
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204755
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Historisches Institut, Abteilung für Alte Geschichte
Note
1,5
Schlagworte
Caesar Cicero Optimat Popular Rom Gaius Iulius Julius Marcus Tullius

Autor

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Titel: Der politische Seitenwechsel des Marcus Tullius Cicero nach dessen Zeit im Exil 58-57 v. Chr. auf Grundlage seiner Beziehung zu Gaius Iulius Caesar