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Marken- und Produktpiraterie: Wirtschaftliche Auswirkungen und strategische Möglichkeiten der Gegenwehr

Diplomarbeit 2012 65 Seiten

BWL - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Titelblatt

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Marken- und Produktpiraterie
2.1 Begriffsdefinition und Abgrenzung
2.2 Produktpiraten
2.3 Gründe und Ursachen
2.3.1 Geschichtlicher Hintergrund
2.3.2 Globalisierung
2.3.3 Kulturelle Gründe
2.3.4 Herstellerverhalten vs. Konsumentenverhalten
2.4 Herkunftsländer
2.5 Statistische Erhebungen und aktuelle Entwicklungen

3. Betroffene Produktbereiche und Branchen

4. Erkennungsmerkmale von Marken- und Produktpiraterie
4.1 Screening
4.2 Incentive-Systeme

5. Wirtschaftliche Effekte von Marken- und Produktpiraterie
5.1 Schäden für Anbieter
5.2 Schäden für Händler und Konsumenten
5.3 Schäden für das Gemeinwesen

6. Strategische Möglichkeiten der Gegenwehr
6.1 Competitive Intelligence
6.2 Unternehmerische Grundstrategien
6.3 Maßnahmen im unternehmerischen Wertschöpfungsprozess
6.3.1 Einkauf und Logistik
6.3.2 Forschung und Entwicklung
6.3.3 Produktion
6.3.4 Vertrieb
6.3.5 Kundenmagement
6.3.6 Unternehmensübergreifende Schutzmechanismen
6.3.7 Anti-Counterfeiting-Manager und Corporate Identity
6.4 Juristische Maßnahmen
6.4.1 Vorbeugende Maßnahmen
6.4.2 Entdeckende Maßnahmen
6.4.3 Bekämpfende Maßnahmen
6.5 Politische Maßnahmen
6.6 Technische Maßnahmen
6.6.1 Schutzziele
6.6.2 Optisch sichtbare Technologien
6.6.3 Versteckte bzw. unsichtbare Lösungen

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Dimensionen von Marken- und Produktpiraterie

Abb. 2: Unterschiedliche Wertschöpfungsketten

Abb. 3: Herkunftsländer beschlagnahmter Waren

Abb. 4: Beschlagnahmte Artikel nach Art der Erzeugnisse

Abb. 5: Entwicklung der Anzahl der Aufgriffe ausgewählter Herkunftsländer

Abb. 6: Vergleich der Beschlagnahmefälle in den Jahren 2010 und 2011

Abb. 7: Produktkategorien beschlagnahmter Waren

Abb. 8: Verteilung der Schutzrechtsverletzungen

Abb. 9: Beschlagnahmefälle nach Art des Transports

Abb. 10: Wert der Waren nach Art des Transports

Abb. 11: Beschlagnahmen nach Fällen/Artikeln in den Mitgliedsstaaten

Abb. 12: Grenzbeschlagnahmeanträge in den EU-Mitgliedsstaaten

Abb. 13: Vergleich von Anträgen und ex-officio-Maßnahmen 2008-2011

Abb. 14: Zivilrechtliche Ansprüche aus Schutzrechtsverletzung

Abb. 15: Zivilrechtliche Rechtsdurchsetzung von Ansprüchen

Abb. 16: Verpackungssiegel

Abb. 17: Hologramm

Abb. 18: Kinegramm

Abb. 19: Sicherheitsdrucke Stanz- und Prägedrucke

Abb. 20: Sicherheitspapiere

Abb. 21: Sicherheitstinten

Abb. 22: Mikropartikel

Abb. 23: Funktionsprinzip DNA-Etikett

Abb. 24: Digitales Wasserzeichen

Abb. 25: RFID-Transponder und Lesegerät.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Der Mensch hat dreierlei Wege klug zu handeln: durch Nachdenken ist der edelste, durch Nachahmen der einfachste, durch Erfahrung der bitterste.“

(Konfuzius)

1. Einleitung

Marken- bzw. Produktpiraterie gewinnt immer mehr an Aktualität. Ein gutes Beispiel dafür ist das internationale Handelsabkommen ACTA (Anti Counterfeiting Trade Agreement), ein Anti-Piraterie-Abkommen, mit welchem die Europäische Union (EU) geistiges Eigentum schützen und Marken- und Produktpiraterie bekämpfen wollte. Auch wenn dieses Abkommen gescheitert ist, macht es doch deutlich, wie sehr umstritten dieses Thema derzeit ist.[1] Selbst vor Achterbahnen machen Produktpiraten mittlerweile nicht halt.[2] Gemäß einer Studie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) von 2012, bei welcher 405 Unternehmen teilgenommen haben, sind mittlerweile 67 Prozent der befragten Unternehmen von Produktpiraterie betroffen.[3] Marken- und Produktpiraterie zeigt sich in verschiedenen Facetten, Ausprägungen sowie Erscheinungsdimensionen (rechtlich, politisch, ökonomisch und soziokulturell).[4] Auch Urlauber werden bewusst oder unbewusst mit dieser Problematik konfrontiert. So z.B. beim Kauf von nicht originalen Waren im Ausland, die meist in kleineren Mengen in das Heimatland eingeführt werden. In unserer globalisierten und vernetzten Welt, in der Handels- und Importhemmnisse immer mehr reduziert werden, hat diese Thematik gerade jetzt eine hohe Brisanz. Marken- und Produktpiraterie ist nicht mehr nur im Textilbereich bzw. Hochpreissegment anzutreffen, sondern vielmehr in nahezu allen Bereichen des täglichen Bedarfs. In den letzten Jahren ist ein Anstieg im Bereich der Investitionsgüter, Pharmazie, Software, bei Kfz-Ersatzteilen, aber auch im Niedrigpreissegment vorzufinden.[5] Innovation, der Motor für Erfolg, und die daraus gewonnenen Produkte werden immer häufiger und schneller kopiert und können somit folglich weniger Umsatz und Gewinne generieren, um z.B. die eingesetzten Forschungs- und Entwicklungskosten auszugleichen. Akteure aufseiten der Produktpiraten sind häufig kriminellen Organisationen angehörig und nutzen meist strukturierte Vertriebswege, die auch für andere kriminelle Aktivitäten genutzt werden. Interessant mag da der Vergleich sein, dass diese durch Geschäfte mit Fälschungen mehr Geld verdienen können, als z.B. durch den Verkauf von weniger harten Drogen.[6] Es ist nahezu unmöglich, alle Warenströme, die in ein Land eingeführt werden, umfassend zu kontrollieren, so dass das Aufdeckungsrisiko bei der Einfuhr solcher gefälschten Waren einen verschwindend geringen Anteil ausmacht.[7] Statistiken der einschlägigen Verbände, Interessenvertretungen und Regierungsorganisationen, die aus der einschlägigen Literatur zu entnehmen sind, können einen exakten Schaden durch Produktpiraterie aus den oben genannten Gründen nur schwer einschätzen. Unternehmen, die entweder bereits betroffen sind oder sich präventiv davor schützen wollen, bieten sich vielfältige Möglichkeiten zum Schutz vor Marken- und Produktpiraterie an. In der Praxis gestaltet sich die Durchsetzung der Schutzrechte in einigen Ländern dennoch häufig schwierig.[8] Welche wirtschaftlichen Auswirkungen ergeben sich durch die Produkt- und Markenpiraterie und welche strategischen Möglichkeiten der Gegenwehr bestehen? Ziel dieser Diplomarbeit ist es, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Produkt- und Markenpiraterie aufzuzeigen und die verschiedenen strategischen Möglichkeiten der Gegenwehr detailliert zu betrachten, wobei der Kostenaspekt nur beiläufig betrachtet wird. Sie ist wie folgt gegliedert: Im 2. Kapitel wird dem Leser zunächst ein Überblick über die Grundlagen vermittelt, in welchem die Begriffe Marken- und Produktpiraterie definiert und abgegrenzt werden. Im Anschluss erfolgt eine Differenzierung der Produktpiraten. Darauf folgt ein Überblick über die Gründe und Ursachen. Welche geschichtlichen Hintergründe oder kulturellen Gründe gibt es hierfür? Dazwischen wird noch die Globalisierung thematisiert. Welche Motivationen haben Hersteller, Piraterieprodukte anzubieten, und Konsumenten, diese käuflich zu erwerben? Welche Herkunftsländer gibt es? Statistische Erhebungen und die aktuellen Entwicklungen schließen dieses Kapitel ab. Im 3. Kapitel werden die betroffenen Produktbereiche und Branchen vorgestellt. Danach folgen Erkennungsmerkmale von Produktpiraterie im 4. Kapitel. Im 5. Kapitel werden die wirtschaftlichen Effekte für die jeweils betroffenen Personenkreise aufgezeigt. Das 6. Kapitel umfasst die strategischen Möglichkeiten der Gegenwehr, das Competitive Intelligence, die unternehmerischen Grundstrategien, die umfangreichen Maßnahmen im unternehmerischen Wertschöpfungsprozess sowie die juristischen, politischen und technischen Maßnahmen. Abschließend erfolgt im 7. Kapitel das Fazit.

2. Grundlagen der Marken- und Produktpiraterie

2.1 Begriffsdefinition und Abgrenzung

Die Begriffe Marken- und Produktpiraterie werden oft synonym verwendet, da es keine einheitliche und klare Abgrenzung im wissenschaftlichen und gesetzlichen Kontext gibt.[9] Dies liegt daran, dass die Grenzen zwischen beiden Begriffen fließend sind.[10] In der Literatur existieren unterschiedliche Auffassungen und Erklärungsversuche.

Unter Markenpiraterie bzw. Counterfeiting versteht man im Allgemeinen eine Markenrechtsverletzung, durch die Verwendung von gewerblichen nichttechnischen Schutzrechten wie z.B. Markenzeichen, Markennamen, Markenlogos, geschäftlichen Bezeichnungen und geographischen Herkunftsangaben, wie z.B. „Made in Germany“. Diese werden für die illegale Kennzeichnung detailgetreuer Produktimitationen, welche in schlechterer Qualität produziert werden und zu erheblich billigeren Preisen angeboten werden, verwendet. Auch Verpackungen und Produktpräsentationen sind immer häufiger Gegenstand solcher Imitationen. Zunutze machen sich die Fälscher vor allem die Bekanntheit einer Marke bzw. eines Produktes, für welches der Rechteinhaber bzw. der Hersteller hohe Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) investiert hat, um sich einen Namen, z.B. in Sachen Qualität zu machen.[11]

Unter Produktpiraterie bzw. Piracy versteht man im Allgemeinen das bewusste, nicht erlaubte Nachahmen und Kopieren von Waren, für welche eingetragene gewerbliche technische Schutzrechte (Patent- und Gebrauchsmuster), nichttechnische Schutzrechte (Geschmacksmuster) und das Urheberrecht[12] bestehen. Produktpiraterie wird hier sozusagen als Oberbegriff für diese illegalen und kriminellen Handlungen verwendet.[13]

Sonstige synonym angewandte Begriffe, die der Marken- und Produktpiraterie nahe stehen, sind z.B. Plagiat, sklavische Nachahmung, Konzeptpiraterie, Falsifikat, Knock-Offs, Imitat, Replik, Intellectual Property[14] u.v.m.[15]

Im Folgenden werden nur einige wichtige Varianten der Produktpiraterie näher erläutert. Als Plagiat[16] versteht man die unrechtmäßige Aneignung geistigen Eigentums bzw. Urheberrechtsverletzungen, z.B. von[17] „Schrift- und Sprachwerken, Musik-, Opern- und Theaterwerken, Architektur, fotografischen Werken, Filmwerken, Entwurfszeichnungen und Computersoftware.“[18]

Raubkopien basieren auf urheberrechtlich geschützten Materialien, z.B. Ton-, Schrift- und Bildwerken, welche ohne Erlaubnis des Rechteinhabers kopiert und verbreitet werden.[19]

Sklavische Nachahmungen sind im Gegensatz zu Plagiaten genaue bzw. 1:1-Kopien, welche neben dem reinen Design auch in Funktionalität und Qualität dem Original in nichts nachstehen.[20]

Falsifikat ist die lateinische Bezeichnung für Fälschung und bedeutet, dass einem eigenen Produkt, welches nicht zwangsläufig gefälscht sein muss, die Herkunft von einem Anderen, z.B. dem Originalhersteller unterstellt wird, ohne diesem tatsächlich zu entstammen. Hieraus wird erkennbar, dass die Absicht zu täuschen höher ist als bei den anderen Formen von Nachahmungen. Nicht nur sind die Anbieter solcher Waren häufig dem kriminellen Milieu angehörig, auch ist die mit einem solchen Produkt verbundene Qualität in der Regel nicht mit einem Originalprodukt vergleichbar.[21]

Knock-Offs sind Imitate, die ein Originalprodukt kopieren und auch als solche zu erkennen sind. Sie bedienen sich des guten Rufes des Originals und täuschen nicht über ihre Herkunft.[22]

Factory Overruns stellen Abweichungen der vertragsgemäß bestimmten Menge an zu produzierenden Waren dar. Diese Mehrproduktionen werden ohne Zustimmung des Originalherstellers von lizenzierten Unternehmen oder Zulieferern veräußert.[23]

Konzeptpiraterie bezieht sich weniger auf die gewerblichen Schutzrechte als vielmehr auf die einem Produkt zugrunde liegenden Technologien, Prozesse, Methoden und Geschäftsmodelle.[24]

Wie in Abbildung 1 ersichtlich, kann die in diesem Kapitel angesprochene Unterscheidung von Marken- und Produktpiraterie der rechtlichen Dimension zugeordnet werden. Die Konzeptpiraterie und die damit zugrunde liegende Frage, ob Prozesse, Methoden oder Geschäftsmodelle betroffen sind, zählen zu der inhaltlichen Dimension. Die strategische Dimension klärt die Frage, ob Fälscher Produkte gewerbemäßig für einen Massenmarkt herstellen oder vertreiben bzw. welche Markteintrittsstrategie, z.B. vor oder nach dem Originalhersteller, diese verfolgen. In der Zieldimension kann festgestellt werden, ob Fälscher neben der reinen Absicht Gewinne zu erzielen ggf. auch die Intention einer Schädigung von Originalherstellern beabsichtigen. Auch Fragen zur Funktionalität und Qualität gefälschter Produkte können hier zugeordnet werden.[25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Dimensionen von Marken- und Produktpiraterie[26]

Marken- und Produktpirateri e kann in die Varianten klassisch und modern eingestuft werden. Bei der klassischen Variante ist der Konsument im Glauben, ein Originalprodukt des Herstellers zu erwerben und nicht eine Fälschung. Der Verkaufspreis ist ähnlich dem des Originals. Neben dem wirtschaftlichen Schaden, den ein Konsument erleiden kann, besteht eine Gefahr für Leib und Leben, z.B. durch den Erwerb gefälschter Arzneimittel.[27] Bei der modernen Variante ist dem Konsument bewusst, kein Original zu erwerben. Hauptumschlagsplätze sind die bekannten Straßen- und Großhandelsmärkte[28] in Asien und Osteuropa, auf welchen Fälscherwaren zu günstigen Preisen erworben und verteilt werden.[29]

Ferner gibt es noch eine Unterscheidung der Fälschungshandlungen in Low-Tech- u. High-Tech-Counterfeiting. Unter Low-Tech-Counterfeiting sind relativ einfach zu fälschende Massenprodukte, wie z.B. Taschen oder T-Shirts zu verstehen. Ziel dieser ist es, ein Markenprodukt vorzutäuschen. High-Tech-Counterfeiting ist hier viel aufwendiger, da das Fälschen von Hologrammen meist den Einsatz neuester Technologien voraussetzt und für massentaugliche Produkte ungeeignet ist.[30] Was die Unterscheidung nach Fälschungsobjekten angeht, können Produkte, die gezielt nachgeahmt werden, sowohl als Original gekennzeichnet[31] als auch ohne Kennzeichnung[32] in Umlauf gebracht werden. Des Weiteren ist es möglich, Produkte mit einem gefälschten Markenemblem zu versehen, obwohl der Inhaber der Marke diese gar nicht in seinem Sortiment führt, um die mit einer Marke verbundenen Assoziationen hervorzurufen.[33]

2.2 Produktpiraten

Produktpiraten agieren haupt- bzw. nebenberuflich und lassen sich wie folgt einteilen[34]:

Markenparasiten bedienen sich des positiven Images eines Markenherstellers von Bekleidungsmitteln und Luxusartikeln, wobei die Qualität und auch die Haltbarkeit der Fälschungen nicht denen der Originale nahe kommen. Als Zielgruppe können Kunden aus Entwicklungs- und Schwellenländern genannt werden, die aufgrund ihrer finanziellen Ausstattung die Waren der Markenparasiten auf den Straßenmärkten kaufen und Einbußen bewusst in Kauf nehmen. Der Aufwand für Investitionen ist gering, so dass im Falle des Entdecktwerdens auch das Risiko von Verlusten begrenzt ist. Ferner haben diese i.d.R. keine Strafverfolgungsprozesse zu befürchten. Produktion und Absatzmärkte befinden sich häufig nah beieinander .

Im Gegensatz dazu zielen die Imitatoren darauf, die Originale in allen ihren Eigenschaften, sowohl optisch, qualitativ als auch funktional zu imitieren. Häufig handelt es sich um Waren aus der Unterhaltungselektronik und der hochwertigen Bekleidungsbranche samt Accessoires. Aufgrund des hohen Anspruchs sind höhere Investitionen notwendig, die auch aus dem Einsatz von Know-how und Technik resultieren. Auch die Imitatoren haben i.d.R. keine rechtlichen Folgen zu befürchten. Die Abnahme der Waren erfolgt im Land der Produktherstellung. Imitatoren können durch die Herstellung von Piraterieprodukten Wissen und Erfahrungen sammeln; entsprechende Losgrößen ergeben dazu noch hohe Produktionskapazitäten und damit Skaleneffekte, so dass es sich für diese anbietet, den Markt mit eigenen innovativen Entwicklungen zu betreten.

Blender und Betrüger wiederum legen besonders Wert auf die optischen Qualitäten der gefälschten Produkte, wie z.B. Kosmetika, Lebensmittel, Unterhaltungselektronik und ihrer Verpackungen. Ziel der Blender ist es, durch Eindringen in die offiziellen Vertriebskanäle die gefälschten Produkte neben die originären zu platzieren, so dass Kunden diese unbewusst erwerben, einhergehend mit den an den Originalen orientierten hohen Preisen. Da der Funktionalität weniger Aufmerksamkeit beigepflichtet wird, sind die Wertschöpfungsleistungen und auch die Erfordernisse für Investitionen gering. Blender und Betrüger sind dem Dunstkreis der organisierten Kriminalität zugehörig.

Kriminelle fälschen Produkte, wie z.B. Kfz-Ersatzteile und Arzneimittel und deren Verpackungen oft nur in mittelmäßiger optischer Qualität. Die funktionelle Qualität ist den Produktfälschern nicht von Wichtigkeit, so dass bisweilen auch mit gesundheitsgefährdenden Auswirkungen gerechnet werden muss. Die Täter sind sehr stark mit der organisierten Kriminalität verwickelt. Im Vergleich zu den Imitatoren, produzieren kriminelle Fälscher in kleineren Losgrößen mit Investitionen in geringerem Umfang.

Der Typus Schmuggler widmet sich ähnlich wie die Imitatoren, Produkten, die in optischer und funktionaler Qualität sowie ihrer technischen Komplexität dem Original sehr nahe kommen, für welche sie erhebliche Investitionen in die Erstellung von gefälschten Produkten und besonders den Vertrieb aufwenden. Schmuggler bedienen sich hierbei primär solcher Produkte, wie z.B. Alkoholika und Zigarettenwaren, die i.d.R. hoch versteuert verkauft werden. Die Umgehung dieser Steuerzahlungen ist beabsichtigtes Ziel. Analog zu den Blendern und Betrügern sowie kriminellen Fälschern sind auch die Schmuggler der organisierten Kriminalität zuzuordnen.

Produktpiraten können nach Stephan und Schneider ferner anhand ihrer Aktivitäten entlang der Wertschöpfungskette charakterisiert werden . An sich können diese die einzelnen Prozesse einer Wertkette im Gesamten vollständig autonom bewerkstelligen, häufiger werden Piraterieunternehmen jedoch bei komplizierten Erzeugnissen und Systemen der Produktion, als vollständig integrierte Akteure, für einzelne spezielle Aktivitäten zu Rate gezogen. Neben der legalen Wertschöpfungskette gibt es auch eine parallel agierende, illegale «Pirateriewertschöpfungskette», die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie einzelne Aktivitäten bruchstückhaft beinhalten kann. Eine Infiltration der legalen Wertschöpfungskette erfolgt in diesem Fall dann im Bereich der einzelnen Fragmente, z.B. können sie, wie mit den gestrichelten Pfeilen gekennzeichnet, als Zulieferer von Roh- und Hilfsstoffen fungieren.[35] Die beiden unterschiedlichen Wertschöpfungsketten und die dazugehörigen Aktivitäten sind in Abbildung 2 ersichtlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Unterschiedliche Wertschöpfungsketten[36]

2.3 Gründe und Ursachen

2.3.1 Geschichtlicher Hintergrund

Um das Vorgehen von Produktpiraten zu ergründen, ist zunächst eine Betrachtung des menschlichen Verhaltens interessant. Eigentlich dürfte es uns nicht überraschen: biologisch bedingt ahmen wir positives Verhalten zu unserem eigenen Vorteil nach. Nicht nur gehört dies zu den Trieben eines Menschen, wir sind von Natur aus auf ein solches Verhalten konditioniert.[37] Dies könnte als erster Erklärungsversuch in Erwägung gezogen werden. Aus der Literatur ist zu entnehmen, dass erste Versuche der Produktpiraterie vermutlich bereits um ca. 27 vor Christus vorkamen. Italienische Winzer versiegelten ihre Weinflaschen mit signierten Tonstöpseln, um diese von billigeren Weinen zu unterscheiden. Gallische Winzer haben diese Methode für ihre minderwertigeren Weine übernommen und kopierten die signierten Tonstöpsel, um eine höhere Qualität vorzutäuschen und dadurch höhere Gewinne zu erzielen.[38] „Marken- und Produktpiraterie existiert seit Jahrtausenden.“[39] Auch im Mittelalter um das 9. bzw. 10. Jahrhundert soll es Vorfälle des „Kopierens“ und „Nachahmens“ gegeben haben.[40] Die politische und wirtschaftliche Öffnung Chinas, auch gegenüber dem Welthandel, welche 1978 vollzogen wurde, ebnete den Weg für eine kommerzialisierte Marken- und Produktpiraterie. Waren es in den 80er Jahren noch Fälschungen von Textilien und Spielwaren, wurden diese Mitte der 90er Jahre durch Fälschungen aus der Unterhaltungselektronik bzw. der Unterhaltungsbranche ergänzt. Zum neuen Millennium sind Fälschungen kompletter Automobile, Maschinen und sogar Industrieanlagen dazu gekommen.[41] Gegenwärtig ist durch die Verbreitung der neuen Medien wie des Internet, die Globalisierung, durch Rezessionen und Krisen und vor allem durch ökonomische Anreize für Produktpiraten, eine Ausweitung der Produktpiraterie in nahezu allen Produktbereichen mit steigender Tendenz festzustellen.[42]

2.3.2 Globalisierung

Marken- bzw. Produktpiraterie ist also keine Erscheinung der Neuzeit, doch gerade in den letzten Jahren hat diese einen enormen Zuwachs erfahren. Um hierfür eine Erklärung zu finden, ist eine Betrachtung der in Frage kommenden begünstigenden Faktoren notwendig. Einer der ausschlaggebenden Faktoren ist die Globalisierung, welche einen enormen Anstieg des weltweiten Waren-, Dienstleistungs- und Informationsverkehrs und der damit verbundenen Vergrößerung der Absatzmärkte begünstigt hat. Die Verknüpfung dieser Marktgegebenheiten mit den Möglichkeiten der neuen Medien, wie z.B. des Internet, erlaubt einen nahezu weltweiten Verkauf von Waren, Dienstleistungen und Informationen. Produktpiraten sind somit ebenfalls Profiteure dieser Entwicklungen. Sie nutzen außerdem die bereits etablierten Transportsysteme und Logistiknetze.[43] Bevölkerungsschichten, deren Bedürfnisse nach Markenwaren durch die Globalisierung geweckt worden sind, greifen in Ermangelung entsprechender finanzieller Mittel auf Fälschungen zurück, da sie somit die vermeintlich selben Produkte erwerben.[44] Durch die Globalisierung bzw. Öffnung von Ländergrenzen sind ebenfalls die abnehmenden Handels- und Importhemmnisse, vor allem in Europa zu berücksichtigen. Bei letztgenanntem besteht die Gefahr, dass durch Transfertransporte die Herkunft der Ware nicht mehr eindeutig nachzuvollziehen ist und diese verwässert wird.

Ein Großteil der nach Europa exportierten Waren stammt aus dem (ost-)asiatischen Raum. Asien ist mittlerweile Hauptexporteur sowohl von originalen als auch von gefälschten Waren, bedingt z.B. durch günstige Herstellungskosten und große Gewinnspannen für Produktpiraten.[45] Durch die Masse der Waren sind Zollkontrollen in vollem Umfang nur schwer zu realisieren. Klassische Vertriebswege von Piraterieprodukten sind üblicherweise Straßen- u. Flohmarktverkäufe; Mailorder und das Internet lösen diese aber mittlerweile größtenteils ab. Da das Internet fast schon als rechtsfreier Raum angesehen werden kann, bietet dieser ein sehr hohes Potential für Produktpiraten. Neben den Handelsplattformen Ebay , Ricardo, Hood, Amazon Marketplace und ähnlichen sind vor allem Internethändler, die bewusst oder unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Fälschungen anbieten, stark vertreten.[46]

2.3.3 Kulturelle Gründe

Andere Länder, andere Sitten. China als eine der größten Marktwirtschaften dieser Welt kann als Versinnbildlichung der kulturellen Unterschiede der westlichen und der fernöstlichen Welt betrachtet werden. Viele Lebens- und Arbeitsbereiche der Chinesen sind auch heute noch stark geprägt von den traditionellen philosophischen Lehren wie z.B. dem Konfuzianismus, dem Taoismus, dem Sun Tzu u.v.m.[47] Der Konfuzianismus, als eine der bekanntesten chinesischen Philosophien basiert auf traditionellen Werten wie Pflicht, Loyalität und Respekt. Der Taoismus als weitere einflussreiche Philosophie sieht Wissen als nicht absolut an. Viel wichtiger sei es, aus welcher Perspektive das Wissen betrachtet wird. In der Kunst verfolgt man die Maxime, zuerst einen Meister zu kopieren, bevor man eine eigene Idee in Angriff nimmt. Das Sun Tzu basiert auf dem gleichnamigen Militärstrategen, welcher für die Militärführung die Wichtigkeit der Anwendung von Wissen und das Umwandeln von Schwächen in Stärken hervorhob, was schlussendlich dazu führte, wirtschaftliche Handlungen danach auszurichten.[48]

Guanxi ein Netzwerk persönlicher Beziehungen, welches nahezu alle Entscheidungen in China beeinflusst, beruht auf Gefälligkeiten wie z.B. der Weitergabe von Informationen.[49] „Die westeuropäische Erfindermentalität ist eng mit dem Bewusstsein verbunden, dass Erfindungen als geistige Leistung und wirtschaftliches Gut zu schützen sind.“[50] „In der Volksrepublik China wird das Eigentum des Einzelnen in viel stärkerem Umfang als Gemeineigentum angesehen.“[51] Kommunistische, kollektivistische und traditionelle konfuzianische Lehren stützen sich hierauf.[52] In diesem Zusammenhang können neben China vor allem auch die sog. Tigerstaaten, wie z.B. Thailand, Singapur, etc. genannt werden, die diese kulturellen Einflüsse teilweise übernommen haben. Lokale Regierungen, insbesondere in China, haben ebenfalls großen Einfluss auf die Marken- und Produktpiraterie, da diese das Nachahmen von Produkten fördern. So gibt es in China Regionen wie z.B. Fujian, Guangdong u.v.m., welche sich auf das Kopieren und Exportieren von Produkten spezialisiert haben. Dadurch entstehen gewollte Wechselwirkungen, wie die Schaffung von Arbeitsplätzen und Steuermehreinnahmen. Das Nachahmen von Produkten stellt in den oben genannten Ländern sozusagen eine ehrende Anerkennung der erbrachten Leistungen dar. Auch in anderen asiatischen Kulturkreisen gibt es ähnliche Geisteshaltungen. Die Kaizen-Philosophie ist eine japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie, welche das Streben nach ständiger Verbesserung vorsieht. Verbesserung wohlgemerkt einer schon bestehenden Idee und nicht im Sinne einer eigenen Entwicklung.[53]

Kritisch zu betrachten ist allerdings, dass viele der heutzutage tätigen Marken- und Produktpiraten nicht etwa den konfuzianischen Lehren getreu handeln, sondern bewusst Fälschungen herstellen, um maximale Gewinne einzustreichen. Die erwähnten Lehren dienen eigentlich einer Verbesserung der eigenen Fähigkeiten. Vielmehr sind sich die Fälscher sehr wohl darüber im Klaren, geistiges Eigentum zu verletzen, da sie die Regelungen häufig sehr gut kennen und somit gezielt täuschen.[54] „Die konfuzianische Lehre enthält ohnehin keine Rechtfertigung der Täuschung über die Echtheit der Produkte, sondern ist ganz im Gegenteil vom Respekt für das Original geprägt.“[55] Übermäßiges Gewinnstreben ist dem Konfuzianismus fremd. Korruption kann als einer der weiteren Gründe genannt werden, da z.B. lokale Behörden häufig entweder unterbesetzt und ihre Beamten unterbezahlt sind oder einfach keinen Sinn in der Bekämpfung von Marken- und Produktpiraterie sehen.[56]

2.3.4 Herstellerverhalten vs. Konsumentenverhalten

Hersteller von Piraterieprodukten werden in der Regel durch hohe Absatz- und Gewinnmöglichkeiten angetrieben. Ihr Auftreten auf dem Markt erfolgt entweder früher oder später als das der Originalhersteller. Die an eine Marke bzw. ein Produkt geknüpften Assoziationen, wie z.B. Attraktivität, Sportlichkeit, Prestige, gehobene Qualität, Statussymbolik und Luxus, sind oft ausschlaggebend für den Erwerb von teureren Markenprodukten. Diese Waren stehen im Fokus der Piraterieindustrie. Im Vergleich zur Herstellung eigener Produkte ist das Nachahmen von Markenwaren, z.B. durch das Einsparen von F&E, Marketing, Lizenzgebühren sowie geringe Arbeitslöhne, minderwertige Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen (RHB), niedrigere Steuern, Abgaben sowie günstige wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen meistens viel billiger und durch die teilweise enormen Preisspannen bzw. an den Originalprodukten orientierten Verkaufspreise erheblich lukrativer.[57]

Pirateriewaren aus dem Konsumgüterbereich können sowohl bewusst als auch unbewusst erworben werden. Nur selten erfahren Kunden hochwertiger Nachahmungen, dass es sich um Fälschungen handelt. Bei minderwertigen Produktfälschungen ist aber davon auszugehen, dass der Konsument weiß, eine Fälschung erworben zu haben.[58] „Vor allem bei Luxusartikeln, die sich viele Konsumenten nicht leisten können, wird immer wieder bewusst auf billigere Fälschungen zurückgegriffen. Mit steigender Qualität der Fälschungen wächst jedoch auch die Nachfrage bei Kunden, die sich die Originalwaren leisten könnten.“[59] Eine pauschale Aussage, dass ggf. fehlende finanzielle Mittel für den Erwerb solcher gefälschter Waren verantwortlich sind, kann daher nicht getroffen werden. Die Bedeutung einer Marke hat somit teilweise einen essentiellen Wert und begünstigt auch die Zunahme von Produktpiraterie. Vielen Kunden sind die vielfältigen negativen Auswirkungen von Pirateriewaren nicht bewusst. Erst wenn sie selber mit den konkreten Folgen konfrontiert werden, bspw. wenn durch die Einnahme gefälschter Arzneimittel aus dem Internet gesundheitliche Schäden die Folge sind, werden diese aufmerksam. Interessant ist die Tatsache, dass es keinen typischen Käufer von Pirateriewaren gibt, den man kategorisch bestimmen könnte, denn diese erwerben natürlich auch Originalwaren. Im Industriegüterbereich erfolgt der Erwerb von gefälschten Produkten oder Bauteilen eher unbewusst. Die durch ein solches Bauteil erzeugten Endprodukte sind bestenfalls geringerer Qualität, können aber beim Kunden im Zweifelsfalle Probleme bereiten. Folglich könnten Rückrufaktionen und Regressansprüche vonseiten der Kunden geltend gemacht werden. Um diesem Umstand Einhalt zu gebieten, stehen die Unternehmen in der Pflicht, die eingehenden Waren umfangreichen Kontrollen zu unterwerfen, damit die eigene Wertschöpfungskette nicht unterminiert wird.[60]

2.4 Herkunftsländer

„Ein Großteil der Fälschungen wird heute in Ostasien hergestellt. Die Hauptproduktionsländer Ostasiens sind China, Thailand, Indien, Malaysia, Taiwan und Hongkong. Ferner sind die Türkei, Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate und Algerien sowie einige osteuropäische Länder wie Bulgarien, Polen und Tschechien als relevante Produktionsländer für Piraterieprodukte zu nennen.“[61]

Abbildung 3 verdeutlicht, dass 72,95% der beschlagnahmten Waren 2011 dem Herkunftsland China entstammten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Herkunftsländer beschlagnahmter Waren[62]

„Einige Herstellerländer haben sich besonders auf bestimmte Piraterieprodukte spezialisiert.“[63] Im Folgenden werden einige der oben genannten Herstellerländer näher betrachtet. Bulgarien ist mittlerweile Spitzenreiter in Sachen gefälschter Parfüms und Kosmetika. China ist sozusagen das Mutterland der Fälschungen, wobei neben den gewöhnlichen Fälschungen der anderen Länder hier auch spezialisierte und komplexe Technologien kopiert werden. Es sind heute somit nahezu alle Produktbereiche und Industriezweige betroffen. Hongkong ist bekannt für seine gefälschten Uhren, Schmuck, Kleidung und besonders für die Fälschung von Elektroartikeln. Mittlerweile ist Hongkong aber eher der Umschlagshafen für die auf dem chinesischen Festland gefertigten Piraterieprodukte. Indiens Piraterieindustrie konzentriert sich primär auf die Fälschung von Textilien, Kosmetika und Parfüms, wobei die Produktion von gefälschten Arzneimitteln hier eine besondere Bedeutung hat. Russland ist bekannt für das Fälschen von Lebensmitteln und Spirituosen. In Thailand sind es Produkte aus dem Bereich der Textilien, Sonnenbrillen, Ledergürtel, Luxusuhren, Schmuck sowie unlizenzierte DVDs bzw. CDs, mit urheberrechtlich geschützten Inhalten wie Hollywood-Filmen, Musik und Software, die gefälscht und vertrieben werden. Die Türkei ist bekannt für Fälschungen von traditioneller Markenkleidung und Lederwaren.[64] Es ist davon auszugehen, dass gefälschte Produkte aber nicht nur aus dem Ausland bezogen werden können, sondern auch im Inland aus eigener Herstellung stammen.[65] Wichtig für die Betrachtung des Ursprungs von Piraterieprodukten ist die Tatsache, dass ein Herkunftsland nicht zwangsläufig auch das Herstellerland sein muss, da die Produktpiraten vielfach Transfertransporte durchführen, damit die Herkunft der Ware nicht mehr eindeutig nachvollziehbar wird.[66]

2.5 Statistische Erhebungen und aktuelle Entwicklungen

Grundsätzlich ist es schwierig eindeutige Zahlen zu erhalten, die die Dimensionen der Marken- und Produktpiraterie beziffern können, da viele Fälle aufgrund der Dunkelziffer statistisch gar nicht erfasst werden können. Dennoch können z.B. die Zollbeschlagnahmestatistiken der EU zum einen überhaupt einen Überblick betroffener Produktkategorien bieten, zum anderen können sie auch als Gradmesser fungieren und bspw. eine Zunahme in bestimmten Produktenbereichen aufzeigen helfen.[67]

Abbildung 4 stellt eine Auflistung der gängigen Fälscherwaren nach Art der Erzeugnisse in Stückzahlen auf, die von den Zollbehörden der EU 2006 beschlagnahmt wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Beschlagnahmte Artikel nach Art der Erzeugnisse[68]

Die Statistik der Aufgriffe ausgewählter Herkunftsländer in Abbildung 5 bietet die Möglichkeit, prozentuale Entwicklungen innerhalb der Jahre 2006 bis 2011, sowohl pro Land, als auch länderübergreifend vergleichend in Augenschein zu nehmen. Am Beispiel China ist ersichtlich, dass ein Vergleich der Jahre 2010 und 2011 einen Zuwachs von 24,42% der Aufgriffe aufzeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Entwicklung der Anzahl der Aufgriffe ausgewählter Herkunftsländer[69]

Abbildung 6 weist auf, dass die Zahl der Beschlagnahmefälle an den EU-Grenzen innerhalb eines Jahres, von 2010 auf 2011, um 12.133 Fälle angestiegen ist. Vergleicht man die Zahl der Artikel, ergibt sich ein Zuwachs der Stückzahlen um 11.465.884 Stück, mit einer Wertsteigerung von 1.162.302.393 Euro im selben Vergleichszeitraum.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Vergleich der Beschlagnahmefälle in den Jahren 2010 und 2011[70]

Abbildung 7 zeigt die drei Top-Kategorien der EU-Grenzbeschlagnahmen 2011. Arzneimittel mit 23,93%, Verpackungsmaterialien mit 21,21% und Zigaretten mit 17,63%.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Produktkategorien beschlagnahmter Waren[71]

In Abbildung 8 ist ersichtlich, dass 97,00% der 2011 beschlagnahmten Waren Markenrecht von Originalherstellern verletzten. Design- und Modellrechte, Urheber- und verbundene Rechte und Patente ergeben die restlichen 3,00% Schutzrechtsverletzungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Verteilung der Schutzrechtsverletzungen[72]

Abbildung 9 zeigt einen Anstieg der Postbeschlagnahmungen im Zeitraum 2005 bis 2011 um ca. 42.000 Fälle. Dies ist wohl mit einer Zunahme des Internetshoppings zu begründen. Ein Großteil der beschlagnahmten Waren wird aber primär per Seefracht in Containern verschifft. Diese werden jedoch nur als ein Beschlagnahmefall erfasst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Beschlagnahmefälle nach Art des Transports[73]

Geht man nach dem Wert der Fälschungen, werden 63,50% der Waren auf dem Seeweg und 15,48% auf dem Luftweg transportiert, wie in Abbildung 10 ersichtlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Wert der Waren nach Art des Transports[74]

In Abbildung 11 ist ersichtlich, dass Deutschland an vierter Stelle der Mitgliedsstaaten der Beschlagnahmestatistik der EU für Fälle und Artikel aufgeführt ist. „The top 10 of Member States account for 91 % of the overall amount of cases and 90% of the overall amount of articles. 6 Member states in the top 10 of both cases and articles.“[75]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Beschlagnahmen nach Fällen/Artikeln in den Mitgliedsstaaten[76]

3. Betroffene Produktbereiche und Branchen

Der überwiegende Teil der gefälschten Produkte beschränkte sich noch vor wenigen Jahren hauptsächlich auf das Luxusartikelsegment, den Bereich der Unterhaltungselektronik und Elektrogeräte. Hierzu zählten z.B. Uhren, Markentextilien, Taschen, Sonnenbrillen, Spielkonsolen und DVD-Spieler, gemeinhin also zum Konsumgütermarkt gehörig. Alle diese beispielhaft genannten Produkte waren im Vergleich zu den Originalen qualitativ meist minderwertiger verarbeitet. Als Vertriebskanal dienten vorrangig Floh- bzw. Straßenmärkte und einschlägig bekannte Verkaufsstellen, wie z.B. bei Zigarettenverkäufen. Mittlerweile werden Piraterieprodukte in wesentlich größeren Stückzahlen und verschiedenen Qualitätsstufen auf den Markt „geschwemmt“, wodurch ein erhöhter Grad von Organisation und Verteilung dieser Produkte erkennbar wird. Durch die rasante Verbreitung des Internet in nahezu allen Bevölkerungsschichten und Ländern dieser Welt, ist nunmehr eine vierundzwanzigstündige, weltweite, bewusste oder unbewusste Zugangsmöglichkeit zu Piraterieprodukten ermöglicht worden. Es gibt heutzutage kaum einen Produktbereich bzw. eine Branche, in welcher es noch zu keiner Produktfälschung gekommen ist. Selbst vor kompletten Großanlagen und z.B. Autos wird kein Halt gemacht. Es ist jedoch ein starker Trend erkennbar, dass Fälschungen und Kopien im Bereich der neuen Medien, der Unterhaltungsbranche, im Spielwarenbereich, der Sportartikelbranche, der Hochtechnologien und erschreckender Weise auch im Bereich der Arzneimittel weiter zunehmen werden.[77]

[...]


[1] Vgl. Spiegel Online (Hrsg.), Acta 2012 u. Ablehnung 2012.

[2] Vgl. Ruf, J., GA 2012.

[3] Vgl. VDMA (Hrsg.), Studie 2012, S. 5.

[4] Vgl. Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011a, S. 25.

[5] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 18-22; Kroboth, D., Prävention 2006, S. 1; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 19.

[6] Vgl. Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, SS. 11 f. u. 19 f.; Winkel, I., Wang, X., Made 2007, S. 73.

[7] Vgl. Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011a, S. 21; Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 18 f.

[8] Vgl. Kroboth, D., Prävention 2006, S. 1 f.

[9] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 28; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 24; Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 11.

[10] Vgl. Kuhn, K. C., Produktpiraterie 2012, S. 6; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 4.

[11] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 29; Fussan, C., Management 2010a, S. 28; Geiger, R., Piraterierisiken 2008, S. 9; Kroboth, D., Prävention 2006, S. 4 f.; Merten, H.-L., Luxus 2009, S. 52; Schneider, M. J, Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 50 f.; Staake, T., et al., Net 2008, S. 33; Staake, T., Fleisch, E., Counterfeit 2008, S. 17; Wurzer, A., Kaiser, L., Know-how 2011a, S. 497.

[12] Urheber kann z.B. ein Autor, Musiker oder Programmierer sein. Bei ihm liegen die Rechte zur Verwertung des geistigen Eigentums.

[13] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 29; Fussan. C., Managementmaßnahmen 2010a, S. 188; Geiger, R. Piraterierisiken 2008, S. 8; Kuhn, K. C., Produktpiraterie 2012, S. 7; Merten, H.-L., Luxus 2009, S. 52; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 50 f.; Staake, T., et al., Net 2008, S. 34; Staake, T., Fleisch, E., Counterfeit 2008, S. 17 f.; Wurzer, A., Kaiser, L., Know-how 2011a, S. 497.

[14] Engl. für: geistiges Eigentum.

[15] Vgl. Braun, E., Piraterie 1993, S. 4; Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 28; Geiger, R., Piraterierisiken 2008, S. 8; Kroboth, D., Prävention 2006, S. 6; Kuhn, K. C., Produktpiraterie 2012,S. 6 ff.; Rehn, S. C., Management 2010c, S. 133; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 43; Staake, T., Fleisch, E., Counterfeit 2008, S. 17 f.

[16] Bspw. können hier die Plagiatsvorwürfe gegenüber deutschen Politikern genannt werden.

[17] Vgl. Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, S. 16; Sitte, B., Schutz 2006, S. 17; Sokianos, N. P., Herausforderung 2006, S. 20; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 24.

[18] Chrocziel, P., Sobieraj, J. R., Know-how 2011b, S. 622.

[19] Vgl. Lang, K.-H., Schäfer, A., WISO 2007, S. 2; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 24.

[20] Vgl. Geiger, R., Piraterierisiken 2008, S. 7; Jenny, A., Nachahmung 1996, S. 176 f.; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 52.

[21] Vgl. Geiger, R., Piraterierisiken 2008, S. 8; Jenny, A., Nachahmung 1996, S. 35 ff.; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 53.

[22] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 29 f.; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 53; Selzer, D., Schutz 2002, S. 48.

[23] Vgl. Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 53; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 26.

[24] Vgl. Jenny, A., Nachahmung 1996, S. 27; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 52; Sokianos, N. P., Herausforderung 2006, S. 20.

[25] Vgl. Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 49 ff.

[26] Abbildung aus: Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 50.

[27] Vgl. Lang, K.-H., Schäfer, A. J., WISO 2007, S. 2.

[28] Auflistung der verschiedenen Märkte in China in: Winkler, I., Wang, X., Markt 2007, S. 47.

[29] Vgl. Kroboth, D., Prävention 2006, S. 7; Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 46 f.

[30] Vgl. Kroboth, D., Prävention 2006, S. 7 f.; Selzer, D., Schutz 2002, S. 47 f.; Sitte, B., Schutz 2006, S. 24; Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 40 f.

[31] Gezielt nachgeahmte und original gekennzeichnete Produkte sind z.B. 1:1-Kopien.

[32] Gezielt nachgeahmte Produkte ohne Kennzeichnung sind z.B. „Knock-Offs“ oder Produkte, die erst später mit einer Kennzeichnung „gelabelt“ werden.

[33] Vgl. Braun, E., Piraterie 1993, S. 18; Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 28; Selzer, D., Schutz 2002, S. 48 f.

[34] Vgl. Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, S. 13.

[35] Vgl. Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011c, S. 130-141.

[36] Abbildung aus: Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011c, S. 135.

[37] Vgl. Witte, C. M., Management 2010b, S. 28.

[38] Vgl. Fussan, C., Management 2010c, S. 128.

[39] Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 11.

[40] Vgl. Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011a, S. 19.

[41] Vgl. Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 39 ff.

[42] Vgl. Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 55 ff.

[43] Vgl. Kroboth, D., Prävention 2006, S. 13 f., Rehn, S. C., Management 2010c, S. 128.

[44] Vgl. Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, S. 12.

[45] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 25; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 24.

[46] Vgl. Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, S. 22 f.; Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 39; OECD (Hrsg.), Eco 2007, S. 14; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2010c, S. 166 f.; Staake, T., Fleisch, E., Counterfeit 2008, S. 12; von Welser, M., González, A., Marken 2007, SS. 23 u. 40 f.; Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 55 f.

[47] Vgl. Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 60; Witte, C. M., Management 2010b, S. 36 f.

[48] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 63 ff.; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 63; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2010c, S. 122; Witte, C. M., Management 2010b, S. 36 f.

[49] Vgl. Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, S. 28 f.; Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 69 ff.; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 63; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 196; Witte, C. M., Management 2010b, SS. 33 u. 35; Lackner, M., Konfuzius 1998, S. 430.

[50] Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011b, S. 60.

[51] Ebenda.

[52] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S. 65 ff.; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 195.

[53] Vgl. Fricke, M., Management 2010d, S. 189; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 196; Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 45.

[54] Vgl. von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 196 f.; Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 83.

[55] von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 197.

[56] Vgl. von Welser, M., González, A., Marken 2007, SS. 197 u. 255

[57] Vgl. Braun, E., Piraterie 1993, S. 18; Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, S. 19 ff.; Rehn, S. C., Management 2010c, S. 132; Selzer, D., Schutz 2002, S. 21 ff.; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 22.

[58] Vgl. Fuchs, H. J. (Hrsg.), Strategien 2006, S: 39; Rehn, S. C., Management 2010c, S. 143; Staake, T., Fleisch, E., Counterfeit 2008, S. 6; Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 42.

[59] Rehn, S. C., Management 2010c, S. 143.

[60] Vgl. Rehn, S. C., Management 2010c, S. 144.

[61] von Welser, M., González, A., Marken 2007, SS. 27 u. 187.

[62] Abbildung aus: Europäische Kommission, Report 2011, S. 15.

[63] von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 29.

[64] Vgl. von Welser, M., González, A., Marken 2007, SS. 30 ff., 239 f., 253 f., 271 u. 287 f.

[65] Vgl. Braun, E., Piraterie 1993, S. 21; Rehn, S. C., Management 2010c, S. 130 f.

[66] Vgl. Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, S. 136; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 27-40.

[67] Vgl. Erd, R., Rebstock, M., P&R 2010, S. 135; Kroboth, D., Prävention 2006, S. 9 f.

[68] Abbildung aus: Europäische Kommission (Hrsg.), EC-Statistik 2006, S. 1.

[69] Abbildung aus: Zoll (Hrsg.), Zoll-Statistik 2011, S. 11.

[70] Abbildung aus: Europäische Kommission (Hrsg.), Report 2011, S. 3.

[71] Abbildung aus: Europäische Kommission (Hrsg.), Report 2011, S. 13.

[72] Abbildung aus: Europäische Kommission (Hrsg.), Report 2011, S. 18.

[73] Abbildung aus: Europäische Kommission (Hrsg.), Report 2011, S. 17.

[74] Abbildung aus: Europäische Kommission (Hrsg.), Report 2011, S. 30.

[75] Europäische Kommission (Hrsg.), Report 2011, S. 11.

[76] Abbildung aus: Europäische Kommission (Hrsg.), Report 2011, S. 11.

[77] Vgl. Braun, E., Piraterie 1993, S. 13; Kroboth, D., Prävention 2006, S. 11 f.; Selzer, D., Schutz 2002, S. 46 f.; Schneider, M. J., Stephan, M., Fälscher 2011c, SS. 123 u. 166 f.; Staake, T., et al., Net 2008, S. 34; Staake, T., Fleisch, E., Counterfeit 2008, S. 9; von Welser, M., González, A., Marken 2007, S. 19 f.; Winkler, I., Wang, X., Made 2007, S. 12 f.; Witte, C. M., Management 2010b, S. 37 f.

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Titel: Marken- und Produktpiraterie: Wirtschaftliche Auswirkungen und strategische Möglichkeiten der Gegenwehr