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Die Evokation und Funktion des Wahnsinns in Edgar Allan Poes "The Tell-Tale Heart"

Hausarbeit 2007 13 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Evokation des Wahnsinns – Ist der Erzähler verrückt?
2.1. Der Konflikt zwischen der Realität des Erzählers und der Wirklichkeit
2.2. Die Rhetorik des Erzählers
2.3. Das blassblaue Auge
2.3.1. Das Auge als Trigger
2.3.2. Die Identifikation des Erzählers mit dem Auge

3. Die Funktion des Wahnsinns
3.1. Die Unterscheidung von Fantasie und Realität
3.2. Der Aufbau von Spannung
3.2.1. Die Rhetorik
3.2.2. Die Zeit
3.3. Der Horroreffekt

4. Schluss

5. Bibliografie

1. Einleitung

“True! – nervous – very, very dreadfully nervous I had been and am; but why will you say that I am mad?”[1] Mit diesen Worten lässt Edgar Allan Poe den Erzähler seiner berühmten short story „The Tell-Tale Heart” beginnen und fokussiert den Leser dadurch von Anfang an auf das Hauptthema dieser Geschichte: den Geisteszustand des Erzählers – oder besser gesagt: seine Geistesgestörtheit. Obwohl der Erzähler bis zum Ende durchweg versucht, den Leser davon zu überzeugen, dass er nicht verrückt ist, indem er aufzeigt, wie ruhig, wohl bedacht und logisch er vorgeht („You should have seen how wisely I proceeded – with what caution – with what foresight – with what dissimulation I went to work!“[2] „And have I not told you that what you mistake for madness is but over-acuteness of the senses?“[3] „If still you think me mad, you will think so no longer when I describe the wise precautions I took fort he concealment of the body.“[4] ), erreicht er damit nur das Gegenteil. Aber nicht nur durch seine Äußerungen, auch durch die Art, wie er erzählt, agiert und auf bestimme Dinge reagiert, überzeugt der Erzähler den Leser ungewollt nach und nach davon, dass er doch wahnsinnig, verrückt ist. Die zwei Hauptindizien hierfür sind der Konflikt zwischen der realen Welt und der Fantasiewelt des Erzählers und sein Verhalten bezüglich des für ihn so bedeutsamen blaublassen Auges des alten Mannes.

Nachdem festgestellt wurde, dass der Erzähler wahnsinnig ist, stellt sich die Frage, welche Funktionen seine Verrücktheit bezüglich der Geschichte erfüllt. Die Differenzierung zwischen der Fantasie des Erzählers und der Realität ist hier besonders wichtig, sowie der Aufbau von Spannung und letztendlich die Erzeugung von Horror – aufgrund dessen „The Tell-Tale Heart“ heute zu den Klassikern der Horrorliteratur zählt.

2. Die Evokation des Wahnsinns – Ist der Erzähler verrückt?

Diese Frage wird dem Leser gleich zu Beginn vom Erzähler höchstpersönlich gestellt, indem er fragt, warum der Leser dies denn denken sollte „[…] why will you say that I am mad?“[5]. Die darauf folgende Erzählung des Mordes soll eigentlich ein Plädoyer zu Gunsten des Erzählers sein, er versucht immer wieder zu beweisen, dass er gar nicht verrückt sein kann, zum Beispiel mit Aussagen wie „[…] would a madman have been so wise at this?“[6] oder indem er beschreibt, wie wohl bedacht und clever er vorgeht[7]. Zu seinem Pech macht er genau dadurch den Leser misstrauisch.[8] Sein Verhalten jedoch beweist genau das Gegenteil. Einen wichtigen Hinweis auf den wahren Geisteszustand des Erzählers gibt die Unterscheidung zwischen der realen Welt und seinen Fantasien.

2.1. Der Konflikt zwischen der Realität des Erzählers und der Wirklichkeit

Auffällig ist gleich zu Anfang, dass sich der Erzähler übermenschliches Hörvermögen zuschreibt: „I heard all things in the heaven and in the earth. I heard many things in hell.“[9] Er bezeichnet dies als „over-acuteness of the senses“[10] Aufgrund dieser Gabe könnte man glauben, dass er auch das Herz des alten Mannes schlagen hört „I knew that sound well, too. It was the beating of the old man’s heart.“[11]. Allerdings hat der Erzähler Angst, dass die Nachbarn durch diesen ‚Lärm’ aufmerksam gemacht werden könnten „[…] the sound would be heard by a neighbour!“[12] und auch am Ende ist es für ihn nicht nachvollziehbar, dass die Polizisten das Schlagen des Herzens unter den Dielen nicht hören und daraus folgt für ihn, dass sie sich über ihn lustig machen und an seinem Horror erfreuen[13]. Eine logische Erklärung hierfür könnte sein, dass er „the ticking sound of the “death watch“ beetles [in the wall]“[14] hört und missdeutet. Eine bessere Erklärung wäre, dass es sein eigener Herzschlag ist, den er fühlt oder sogar auch hört[15], zum Beispiel durch dieses „[…] Summen im Ohr, das manchmal entsteht, wenn man sich […] die Ohren [zuhält und man dann] ’die Geräusche im Inneren’ lauter als sonst hört, darunter das nervöse Pulsieren des eigenen Herzens.“[16]

Auch dem Auge des alten Mannes wird etwas Übernatürliches zugeschrieben. Der Erzähler bezeichnet es als das Evil Eye, das die Fähigkeit besitzt, ihn zu quälen[17] und von dem er sich ständig beobachtet, verfolgt[18] und durchschaut fühlt. Vielleicht hat er in der Vergangenheit schon einmal gemordet oder sonstige Gräueltaten begangen und hat nun Angst, dass das böse Auge in ihn hineinsehen und dies entdecken könnte.[19] Dazu kommt, dass er dem Auge auch ein übernatürliches Sehvermögen zuschreibt: Nachdem der Mord begangen wurde, reinigt der Erzähler den Tatort so gründlich, „that no human eye – not even his – could have detected anything wrong.“[20] Die Ironie hierbei ist, dass das Auge des alten Mannes in Wirklichkeit blind ist, denn es wird als „pale blue eye, with a film over it“[21] und „with a hideous veil“[22] beschrieben[23]. An dem Auge ist also nichts Übernatürliches, es besitzt keine besonderen Gaben. Allerdings ist es schon nachvollziehbar, dass man sich bei solch einem Auge, das einen ohne Ausdruck anstarrt und verschleiert ist, gruseln kann. Das passiert jedoch nur Kindern, da sie eine große Fantasie haben, und eben Menschen, die nicht mehr klar und rational denken können, psychisch Kranken, die in einer Fantasiewelt leben. Einem gesunden Menschen könnte vielleicht ein Schauer über den Rücken laufen, er würde jedoch wissen, was es mit dem Auge auf sich hat und es realistisch betrachten.

2.2. Die Rhetorik des Erzählers

Auch die Art, wie der Erzähler berichtet, gibt Hinweise auf seinen wahren Geisteszustand[24]. Er gibt zwar zu, nervös (gewesen) zu sein, behauptet jedoch immer wieder, ruhig, wohl bedacht, vorsichtig und clever vorgegangen zu sein.[25] Betrachtet man aber nicht nur den Inhalt seiner Rede, sondern auch die Form, kommt schnell sein tatsächlicher Gemütszustand zu Tage. Er hat eine „ hektische eindringliche Art“[26] zu erzählen, die durch die vielen Gedankenstriche und Epanalepsen „I undid the lantern cautiously – oh, so cautiously – cautiously […] – I undid it […]“[27] sowie Ausrufe „Hearken! […] Oh, […] Ha!“[28] und viele Ausrufezeichen deutlich wird. Umso aufgeregter der Erzähler wird, desto häufiger benutzt er diese Stilmittel; so ist der Schluss ein einziges hysterisches Kreischen:

[...]


[1] Poe, Edgar Allan. „The Tell-Tale Heart.“Great American Short Stories. Hg. Horst Bodden und Herbert Kraußen. Stuttgart: Ernst Klett Schulbuchverlag, 2002. 19.

[2] Poe, „The Tell-Tale Heart“, 19.

[3] ebd. 21.

[4] ebd. 22.

[5] ebd. 19.

[6] ebd. 19.

[7] vgl. ebd. 22.

[8] vgl. Magistrale, Tony. Student Companion to Edgar Allan Poe. Westport, Connecticut (a.o.): Greenwood Press, 2001. 82.

[9] Poe, „The Tell-tale Heart“, 19.

[10] ebd. 21.

[11] ebd. 21.

[12] ebd. 21

[13] vgl. ebd. 23

[14] Joswick, Thomas. “Moods of Mind: The Tales of Detection, Crime, and Punishment.” A Companion to Poe Studies. Ed. Eric W. Carlson. Westport, Connecticut (a.o.): Greenwood Press, 1996. 249.

[15] vgl. May, Charles E. Edgar Allan Poe: A Study of the Short Fiction. Boston: Twayne Publishers, 1991. 77.

[16] Collmer, Thomas. Poe oder der Horror der Sprache. Augsburg: Maro-Verlag, 1999. 105.

[17] Poe, „The Tell-Tale Heart“, 20.

[18] vgl. Collmer, Poe oder der Horror der Sprache, 99 und 104.

[19] vgl. Burduck, Michael L. Grim Phantasms: Fear in Poe’s Short Fiction. New York, London: Garland Publishing, 1992. 94.

[20] Poe, „The Tell-Tale-Heart“, 22.

[21] ebd. 19.

[22] ebd. 21.

[23] vgl. Collmer, Poe oder der Horror der Sprache, 103.

[24] vgl. May, Edgar Allan Poe: A Study of the Short Fiction, 76.

[25] vgl. Poe, „The Tell-Tale Heart“, 19-22.

[26] Collmer, Poe oder der Horror der Sprache, 103.

[27] Poe, „The Tell-Tale Heart“, 19.

[28] ebd. 19.

Details

Seiten
13
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656319542
ISBN (Buch)
9783656321675
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204948
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Edgar Allan Poe Englisch Anglistik Literaturwissenschaft The Tell-Tale Heart Psychologie

Autor

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