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Armut als Heterogenitätsdimension. Zur doppelten Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Schule

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Kinderarmut als gesellschaftliches Problem

3. Folgen von Kinderarmut

4. Das deutsche Schulsystem und die soziale Ungleichheit
4.1 Schule und primäre Herkunftseffekte
4.2 Schule und sekundäre Herkunftseffekte

5. Konsequenzen für die Schul- und Unterrichtsentwicklung
5.1 Konsequenzen für die pädagogische Entwicklung von Schule
5.2 Konsequenzen für die Organisation von Schule und Bildungsangeboten
5.3 Konsequenzen für die Arbeit und die Ausbildung der Lehrer

6. Schlusswort

Literatur

1. Vorwort

Szene 1 im Lehrerzimmer: Zwei Kolleginnen beraten sich darüber, wie sie die kommende Weihnachtszeit in ihrer 3. Klasse gestalten können. Der Besuch des Weihnachtsmärchens wird befürwortet und auch Wichtelgeschenke im Wert von fünf Euro sollen unter den Kindern ausgetauscht werden.

Lehrerin A gibt zu bedenken, dass die Gesamtkosten von 15 Euro je Schüler nicht von allen getragen werden können. Sie erinnert daran, dass zwei Schülerinnen in Familien leben, die Hartz IV beziehen. Lehrerin B antwortet: „Aber es muss gehen! Wir haben so viel Schönes vor, da können wir nicht immer Rücksicht nehmen! Zur Not müssen eben die Ämter einspringen!“

Szene 2 im Klassenraum: Lehrerin B erinnert einige Schüler daran, dass das Geld für das Weihnachtsmärchen noch bezahlt werden muss. Explizit erinnert sie die beiden Schülerinnen an den ausstehenden Betrag und fragt, warum sie noch nicht bezahlt haben. Sie antworten mit einem Achselzucken. Lehrerin B halblaut zu Lehrerin A: „Habe ich mir doch gleich gedacht, dass das wieder nicht klappt!“[1]

Diese zwei kurzen Szenen zeigen, was Kinder aus armen Familien in Schulen erleben können: Überforderung durch Situationen, die sie selbst nicht beeinflussen können, direkte und indirekte Erinnerungen an ihre von Armut geprägt Lebenssituation, Bloßstellung und eine mangelnde Bereitstellung von Hilfen – dies alles trägt dazu bei, dass diese Kinder ihre Lebensumstände nicht einmal mental verlassen können. Sie werden durch die Armut doppelt benachteiligt: durch die Armut ihrer Familie und durch ein Schulsystem, das nicht adäquat auf ihre Bedingungen eingeht.

Ein gerechtes Schulsystem, das die Benachteiligung der Schüler durch Armut erkennt und auszugleichen versucht, muss deshalb andere Wege beschreiten. Wie diese Wege aussehen können, soll die folgende Arbeit zeigen. Zuvor muss das Thema „Armut“ in gesellschaftlicher und individueller Hinsicht analysiert werden, um die richtigen Maßnahmen ableiten zu können.

2. Kinderarmut als gesellschaftliches Problem

Quer durch Deutschlands Gesellschaft zieht sich ein Riss der sozialen Ungleichheit: Auf der einen Seite wächst der Reichtum, auf der anderen Seite die soziale Notlage von wirtschaftlich Benachteiligten. Zu diesem Ergebnis kommen zahlreiche Berichte zur Armutssituation in Deutschland (vgl. Deutsches Kinderhilfswerk 2010; vgl. Bundes-ministerium für Arbeit und Soziales 2008; vgl. Holz / Richter / Wüstendörfer und Giering 2006).

Insbesondere Kinder und Jugendliche sind von Armut betroffen: Ihre Zahl ist höher als die von Erwachsenen. Das Kinderhilfswerk gibt an, dass ca. 3 Millionen Kinder und Jugendliche derzeit von Armut betroffen sind (vgl. Deutsches Kinderhilfswerk 2010, S. 1 f.). Dabei steigt ihre Anzahl proportional zu ihrem Alter: Je älter ein Kind ist, desto häufiger ist es von Armut betroffen. Dies gilt somit besonders für die Jugendlichen und junge Erwachsene im Alter von15-18 bzw. 16-24 Jahren (vgl. ebd; vgl. Bundesminis-terium 2008, S. 306).

Hinzu kommt die Zahl derer, die durch die tief greifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen unmittelbar von Armut bedroht sind (vgl. Chassé / Zander / Rasch 2010, S. 11f.). Laut einer Studie der Arbeiterwohlfahrt (AWO-ISS-Studie) leben je nach Armutsdefinition zwischen 13 und 19 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in relativer Armut, d. h., dass ihre Familien ihr Leben mit weniger als der Hälfte des statistischen Durchschnittseinkommens bestreiten müssen (vgl. Holz u. a. 2006, S. 3).

Auf diese Weise geraten Familien der unteren Mittelschicht, die sogenannten „working poor“ (Chassé u. a. 2010, S. 21)) und besonders allein erziehende Frauen mehr und mehr an den Rand von Armut (vgl. Bundesministerium 2008, Teil B, S. 19 ff.). Die Armutsgrenzen sind hierbei nicht mehr eindeutig wahrnehmbar, vielmehr haben sie sich in nächsthöhere gesellschaftliche Schichten verschoben (vgl. Palentien 2005, S. 155).

Dass die wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre und insbesondere der konjunkturelle Aufschwung der letzten Monate nichts Gravierendes an diesen Zahlen geändert hat, wird durch die zahlreichen Berichte und Studien wiederholt bestätigt (vgl. Klieme u. a. 2010, S. 231 ff.; vgl. Deutsches Kinderhilfswerk 2010, passim; vgl. Holz u.a. 2006, passim). Sie legen nahe, dass die Armutssituation keine vorübergehende Erscheinung, sondern vielmehr ein strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem ist, das sich zu verfestigen droht (vgl. OECD 2008, S. 15 f.; Miller 2008 S. 44; vgl. Merten 2005, S. 149 f.).

Menschen, die in Armut leben, erleben ihre Umstände ähnlich umfassend: Sie betrifft nicht nur die ökonomische Lage, sondern greift in die gesamte Lebenslage eines Menschen ein (vgl. Weiß 2010, S. 3). So können die Bereiche Versorgung, Kontakte, Entfaltung, Bildung, Erholung, Wahlmöglichkeiten sowie die Förderung von Fähigkeiten durch Armut in unterschiedlicher Ausprägung eingeschränkt sein (vgl. Zander 2008, S. 113). Als dauerhafte Folge entsteht sowohl eine ökonomische als auch eine soziale Exklusion, aus der von Armut betroffene Familien aus eigener Kraft nur schwer hinausfinden (vgl. Weiß 2010, S. 4; vgl. Kritidis 2002, S. 1).

Diese Situation hat wiederum Auswirkungen auf die Entwicklungsverläufe von Kindern und Jugendlichen, deren Sozialisation häufig schon früh durch die elterliche Armut beeinflusst wird. Die 2. und 3. AWO-ISS-Studie, die 1999 und 2003/2004 Untersuchun-gen zur Kinderarmut durchführte, konstatiert, dass die Entwicklungen von armen bzw. nicht-armen Kindern äußerst unterschiedlich verlaufen: Während bei den nicht-armen Kindern positive Entwicklungen dominieren, überwiegen bei den chronisch armen Kindern die negativen Verläufe (vgl. Holz u.a. 2006, S. 7). Die familiäre Armut erweist sich als „zentraler Risikofaktor für eine Entwicklung zum Wohlergehen“ (dies., S. 8), da fast alle gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten durch die Armut beeinträchtigt werden.

Die schlechteren Chancen setzen sich in der Schulausbildung fort: Arme Eltern haben häufig ein geringeres Bildungsniveau und größere Schwierigkeiten, die Schulkarriere ihrer Kinder positiv zu beeinflussen. Die Kinder und Jugendlichen erhalten häufiger schlechtere Schulnoten und weniger häufig eine Empfehlung zum Besuch eines Gymnasiums (vgl. dies., S. 12). Oft wird sich auch auf Grund der familiären Erfahrungen gegen eine höhere Schullaufbahn entschieden (vgl. Palentien 2005, S. 163). Dieser Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg wird durch die Ergebnisse der PISA- und IGLU-Studien erneut bestätigt (vgl. Klieme 2010, S. 231; vgl. OECD 2007, passim).

Die Ausführungen zeigen, dass wie umfassend Armutssituationen das Leben von Familien verändern kann. Ihre Folgen sind tiefgreifend, langwierig und schwer. Um sie wirkungsvoll zu bekämpfen, sind ebenso umfassende Veränderungen vonnöten, die die gesamte Gesellschaft betreffen.

3. Folgen von Kinderarmut

Kinder und Jugendliche nehmen ihre eigene Armut unterschiedlich wahr: Ihre Wahr-nehmung weicht von der von Erwachsenen und auch untereinander deutlich ab. Die Differenzen lassen sich dadurch erklären, dass Armut stets auf ein sich dynamisch entwickelndes Subjekt trifft, das diese Anforderung auf Grund seiner individuellen psycho-sozialen Voraussetzungen unterschiedlich bewältigt (vgl. Merten 2005, S. 152).

Familiäre Armut führt demnach nicht zwangsläufig zu Schwierigkeiten, wohl aber die Kumulation von verschiedenen Faktoren: Sind z. B. die positiven Effekte eines guten Familienklimas, eines fördernden Erziehungsstiles, eines stabilen Netzwerkes sowie positive soziale Integration nicht vorhanden, führt dies zu Belastungen, Beeinträchti-gungen und Auffälligkeiten beim Kind (vgl. Holz u. a. 2006, S. 2).

Die Auswirkungen der Armut spüren die Heranwachsenden sowohl im materiellen als auch im kulturellen Bereich ihres täglichen Lebens: So leben sie in kleineren und schlechter ausgestatteten Wohnungen, ihr Wohnumfeld bietet weniger Spiel- und Freizeitmöglichkeiten, sie fahren seltener in Urlaub, erhalten weniger Taschengeld und können sich kostenintensivere Kleidung und Freizeitaktivitäten häufig nicht leisten (vgl. dies., S. 5; vgl. Bundesministerium 1999, S. 92). Die betroffenen Kinder und Jugendlichen erleben ihre Armut besonders intensiv im unvermeidbaren Vergleich mit Gleichaltrigen aus besser gestellten Elternhäusern. Sie wünschen sich öfter bestimmte Kleidung, die ihrem Alter entspricht und die ihnen die Anerkennung durch andere sichert (vgl. Chassé u. a. 2003, S. 119; vgl. Butterwegge 2010, S. 1).

Im Grundschulalter ist die gesundheitliche Verfassung armer und nicht-armer Kinder noch relativ ähnlich. Mit zunehmendem Alter entwickeln arme Jugendliche jedoch eher einen problematischen Medienkonsum, nehmen unregelmäßig eher ungesunde Mahlzeiten ein und haben vermehrt Gewichtsprobleme (vgl. Bundesministerium 2009, S. 4). Zudem haben sie tendenziell früheren Kontakt zu Suchtmitteln als ihre nicht-armen Altersgenossen (vgl. Holz u. a. 2006, S. 6.).

Im kulturellen Bereich zeigen sich Armutsfolgen vor allem bei den Schulleistungen. Dies ist auf mangelnde Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten sowie fehlendem Schulerfolg (schlechtere Schulnoten, Klassenwiederholung) zurückzuführen. Auftretende Schulschwierigkeiten können von nicht-armen Familien besser bewältigt werden (vgl. dies., S. 5).

Da die monetären Ressourcen von armen Familien begrenzt sind, werden Freizeitange-bote aus dem Bildungsbereich (z. B. Musikunterricht etc.) weniger gewählt. Der Erwerb von Fähigkeiten sowie die Ausprägung von Neigungen bleiben auf diese Weise unterentwickelt, was wiederum Einfluss auf die Schulleistungen haben kann (vgl. ebd.).

Als Folge vieler Faktoren weist der soziale Bereich zum Teil beträchtliche Unterschiede zwischen armen und nicht-armen Kindern und Jugendlichen auf: Arme Kinder bringen zum Beispiel seltener andere Kinder mit nach Hause, feiern erheblich weniger ihren Geburtstag und haben seltener die Gelegenheit, soziale Kontakte zu schließen und zu pflegen (vgl. ebd.).

Wie eine Untersuchung von Chassé belegt, hat die Summe der Einfluss nehmenden Faktoren auch unmittelbare Auswirkungen auf das Wohlfühlen in der Schule: Kumulieren sich die Faktoren, sind die Schulleistungen schwächer, das Verhältnis zur Lehrperson ist teilweise angespannter und der Kontakt zu den Mitschülern gestaltet sich schwieriger, da er sich zumeist ausschließlich auf die Schule beschränkt. Es kommt vor, dass arme Kinder von anderen gehänselt, ausgelacht und ausgegrenzt werden (vgl. Chassé u. a. 2003, S. 137 ff.).

Die Folgen von Armut zeigen sich vor allem dann, wenn die Armutssituation andauert. So haben Kinder, die unter „multipler Deprivation“ (Holz u. a. 2006, S. 6) leiden, im Vergleich zu anderen Kindern signifikant schlechtere Entwicklungschancen (vgl. Bundesministerium 1999, S. 93). Sie sind in fast allen Lebenslagen in größerem Maße beeinträchtigt und befinden sich in der ständigen Gefahr wachsender Benachteiligung (vgl. ebd.). Ihre Eltern sind kaum in der Lage, die Folgen der Armut aufzufangen und diese nicht an die Kinder weiterzugeben (vgl. Edelstein 2007, S. 4).

Arme Kinder und Jugendliche wachsen in einem belasteten und belastenden Umfeld auf. Die dauerhaft beeinträchtigten Handlungs- und Entwicklungsspielräume haben letztlich negative Auswirkungen auf ihren Selbstwert: Nicht selten entstehen existenzielle Verunsicherungen, die mit der eigenen Entwertung und dem Verlust von Zukunftsperspektiven einher gehen (vgl. Weiß 2010, S.4).

[...]


[1] Anm. d. Verf.: Beide Szenen (und weitere) habe ich während meiner Tätigkeit als Lehrerin erlebt.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656550778
ISBN (Buch)
9783656548294
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v204987
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Armut Benachteiligung Heterogenität

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