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Think Tanks als Akteure der wissenschaftlichen Politikberatung in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme

Hausarbeit 2012 30 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gegenstand: Politikberatung durch Think Tanks
2.1 Was ist Politikberatung? Definition, Aufgaben, Erscheinungsformen, Akteure
2.2 Was ist ein Think Tank? Definition, Funktionen, Typen

3. Think Tanks in Deutschland - Eine Bestandsaufnahme
3.1 Wie hat sich die Anzahl deutscher Think Tanks im Zeitverlauf entwickelt?
3.2 Welche Arten von Think Tanks lassen sich in Deutschland unterscheiden?
3.3 In welchen Forschungsfeldern sind deutsche Think Tanks tätig?
3.4 Konklusion: Grundlegende Merkmale der deutschen Think Tank-Landschaft

4. Fazit und Diskussion

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1 Verzeichnis deutscher Think Tanks, sortiert nach Entstehungsjahr
6.2 Forschungsfelder deutscher Think Tanks

1. Einleitung

Im März 1996 widmete sich der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog in einer Ansprache vor der Stiftung Wissenschaft und Politik im bayrischen Ebenhau- sen dem Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft und stellte dabei die Frage: „ Warum ist in Amerika eigentlich Politikberatung selbstverständlich, während sie bei uns doch eigentlich immer noch als Luxus gilt? “(Herzog 1997: 211). Herzog monier- te einerseits, dass zu viele deutsche Politiker offenbar Angst davor hätten, „ ihre Ent- scheidungen einer konzeptionellen oder auch nur empirischen Vorbereitung oder gar Überprüfung zu unterziehen “, dass auf der anderen Seite aber auch wissenschaftli- che Analysen wohl bisweilen zu so abstrakten Ergebnissen kämen, dass die Politiker es leicht hätten, „ einen billigen Vorwand zu finden, die angebotenen Hilfen in das Reich der Phantasie zu verweisen “(ebd.). Herzog brachte damit das Dilemma im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik treffend auf den Punkt: Zwar ist es unbestritten, dass Politiker in der praktischen Tagespolitik und bei der Erarbeitung von Gesetzes- entwürfen regelmäßig auf wissenschaftliches Fachwissen angewiesen sind, um kom- petente und sachgerechte Entscheidungen treffen zu können; andererseits produzie- ren Wissenschaftler jedoch nicht zwangsläufig auch politisch verwertbare Ergebnisse.

Um diesem Problem zu begegnen und Abhilfe zu leisten, sind seit Beginn der 1990er-Jahre in Deutschland vermehrt Think Tanks nach amerikanischem Vorbild entstanden, die sich als wissenschaftliche politik- und öffentlichkeitsberatende For- schungsinstitute - ihrem eigenen Selbstverständnis nach - bei der Erarbeitung von wissenschaftlichen Studien und Expertisen um einen stärkeren Praxis- und Anwen- dungsbezug bemühen und somit bestrebt sind, die unterschiedlichen Funktions- und Handlungslogiken von Politik und Wissenschaft1 stärker in Einklang zu bringen als dies andere Akteure der Politikberatung vermögen (vgl. z.B. Thunert 2003: 30). Gleichwohl spielen Think Tanks in der politikwissenschaftlichen Forschung in Deutschland bislang überraschenderweise eine eher untergeordnete Rolle - und das obwohl Politikberatung in den vergangenen Jahren fraglos zu einem „ Modethema “(Siefken 2010: 128) in der deutschen Politikwissenschaft und Politischen Soziologie mit einer Vielzahl von Sammelbänden, Monographien, Dissertationen und Fachkon- ferenzen geworden ist. Doch während Studien zum Interaktionsverhältnis zwischen Politik und Wissenschaft und zur Anwendbarkeit sozialwissenschaftlichen Wissens in der Politik; zu den grundsätzlichen Funktionen, Strukturen, Akteuren und Anwendungs- feldern von Politikberatung sowie zur Politikberatung durch Lobbygruppen, Experten- kommissionen oder professionelle PR- und Wahlkampfagenturen mittlerweile ganze Regalwände füllen, stellt die deutsche Think Tank-Forschung einen noch vergleichs- weise jungen und bis zum heutigen Tage eher vernachlässigten Forschungszweig dar.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es deshalb, sich - zumindest in Ansätzen - an ei- ner überblickartigen, einführenden Bestandsaufnahme der deutschen Think Tank- Landschaft zu versuchen und damit Ausgangs- und Anknüpfungspunkte für weitere, tiefergehendere Forschungsarbeiten zu diesem Thema zu schaffen. In Kapitel 2 werden dazu zunächst einige grundlegende Begrifflichkeiten geklärt und Think Tanks in den Kontext der wissenschaftlichen Politikberatung und des politischen Prozesses einge- ordnet. Eine - in drei Teile gegliederte - Betrachtung der deutschen Think Tank- Landschaft schließt sich in Kapitel 3 an und bildet den Mittelpunkt der Arbeit. In Kapitel 4 werden die gewonnenen Ergebnisse abschließend zusammengefasst und diskutiert.

2. Gegenstand: Politikberatung durch Think Tanks

Da sich Politikberatung „ in allen möglichen Facetten und Formen “(Schützeichel 2008: 15) abspielen kann und somit „ ein Untersuchungsgegenstand mit beträchtli- cher Variationsbreite und -tiefe “(Falk et al. 2006: 13) ist, erscheint es sinnvoll, an die- ser Stelle zunächst in Kürze zu umreißen, was Politikberatung überhaupt ist (Kapitel 2.1) und wie sich Think Tanks in diesem Forschungsfeld verorten lassen (Kapitel 2.2).

2.1 Was ist Politikberatung? Definition, Aufgaben, Erscheinungsformen, Akteure

Ganz allgemein kann unter dem Begriff Politikberatung „ eine Rollendifferenzierung “verstanden werden, „ in der dem Politiker ein Berater gegenübertritt, von dem jener Entscheidungshilfe erwartet “(Nohlen/Schultze 2010: 747). Unabhängig vom jeweili- gen Beratungsverhältnis vollzieht sich bei der Politikberatung somit ein Informations- und Wissenstransfer vom Beratungsakteur zum Beratungsnachfrager, wobei der Be- rater im Normalfall über Informations- und Wissensressourcen verfügt, die der Bera- tende nicht besitzt; deshalb fragt dieser aktiv nach jenen Informationen nach (vgl. Kuh- ne 2008: 27). Grundsätzlich können mit der wissenschaftlichen Politikberatung, dem Lobbying und der professionellen Politikberatung drei verschiedene Formen der Poli- tikberatung unterschieden werden, wobei die wissenschaftliche Politikberatung bis heute „ der allgemein mit Politikberatung in Verbindung gebrachte Bereich “ist und somit „ getrost als die klassische Form der Politikberatung “(Kuhne 2008: 28) be- zeichnet werden kann. Sie beschreibt gemeinhin ein Kooperations- und Interaktions- verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft, in dem die Politik, ihre Institutionen und Akteure als Adressaten und die Wissenschaft und deren Vertreter als Berater auftre- ten. Die Wissenschaft wird bei der wissenschaftlichen Politikberatung durch mehr oder minder politisch unabhängige Institutionen - in der Regel Universitäten sowie akademische oder advokatische Think Tanks - bzw. einzelne Personen aus diesen Institutionen repräsentiert; der Wissenstransfer erfolgt in Form von Expertenanhö- rungen, Gutachten oder Studien (vgl. Kuhne 2008: 27f. und 76f.). Insbesondere für Universitäten ist Politikberatung jedoch „ eher ein Nebengeschäft, welches entweder indirekt (in Form von wissenschaftlichen Publikationen) oder direkt (z.B. durch Auf- tragsforschung) erfolgt “(Hustedt et al. 2010: 19).

An die skizzierten Grundeigenschaften der wissenschaftlichen Politikberatung anknüp- fend, subsumiert Schmidt (2010: 606) unter dem Terminus Politikberatung folglich „ al- le Institutionen und Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, die an politischen Wil- lensbildungs- und Entscheidungsprozessen verantwortlich Beteiligten, insbesondere die Entscheidungsträger, durch Bereitstellung und Bewertung von Informationen zu den zu erörternden oder zu entscheidenden politischen Materien zu beraten “. Da For- scher als Experten in ihren jeweiligen Disziplinen gelten, sind wissenschaftliche Bera- ter üblicherweise im Bereich der politischen Inhalte aktiv, während die Nachfrage nach Politikberatung in den Bereichen Polity und Politics eher gering ist (vgl. Kuhne 2008: 32).

In den vergangenen Jahren erfuhr der Begriff der Politikberatung „ eine Ausweitung seines Bedeutungsgehaltes “(Kuhne 2008: 27), indem sich neben die wissenschaftli- che Politikberatung mit dem Lobbying und der professionellen Politikberatung zwei weitere bedeutende Beratungsformen gesellten. Wenn heute von Politikberatung die Rede ist, muss damit also nicht zwangsläufig die wissenschaftliche Politikberatung gemeint sein. Das Lobbying wird von Verbänden und Interessengruppen betrieben, die ebenso wie wissenschaftliche Berater für sich in Anspruch nehmen, „ politisch be- ratend im politischen Prozess eine Rolle zu spielen “(Kuhne 2008: 28). Es erfolgt durch gezielte Kommunikationsstrategien in Form von Fachinformationen, der Verbrei- tung von Unterlagen und Argumenten oder der Kontaktpflege mit Parlamentariern und Entscheidungsträgern, wobei die Artikulation und Durchsetzung partikularer Inte- ressen im Vordergrund steht. So sind Lobbygruppen beispielsweise bestrebt, den In- halt künftiger Gesetze und Verordnungen bereits im Entstehungsstadium in ihrem Sin- ne zu beeinflussen (vgl. Kuhne 2008: 33f.). Dies macht deutlich, dass das Lobbying ausdrücklich von der wissenschaftlichen Politikberatung abzugrenzen ist, „ da es hier nicht primär um sachliche Entscheidungshilfen geht, nicht einmal um normative, wert- gebundene Beratung, sondern um reine Interessenvertretung “(vgl. Kuhne 2008: 34).

Die professionelle Politikberatung, die in Deutschland erst in den vergangenen Jah- ren an Relevanz gewonnen hat, stellt als dritte Beratungsform schließlich Dienstleis- tungen für bestimmte Aufgaben bereit, die politische Akteure immer weniger selbst erfüllen können. Anbieter dieser Beratungsebene sind meist Meinungsforschungsin- stitute sowie Wahlkampf-, PR- und Politikberatungsagenturen, wobei sich ihre Bera- tung hauptsächlich auf die politische Kommunikation, das politische Management und auf Wahlkämpfe erstreckt. Unter professioneller Politikberatung ist somit eine fi- nanziell entlohnte Dienstleistung in den Bereichen Kampagnenmanagement, politi- sche Werbung, Public Relations oder Public Affairs zu verstehen. Im Unterschied zur wissenschaftlichen Politikberatung benötigt die professionelle Politikberatung als Dienstleistung jedoch einen Auftraggeber, dies muss bei der wissenschaftlichen Be- ratung nicht zwangsläufig der Fall sein (vgl. Kuhne 2008: 27 und 35).

Think Tanks lassen sich prinzipiell - wie bereits kurz angerissen - dem Bereich der wissenschaftlichen Politikberatung zuordnen, wenngleich auch sie - ähnlich wie Verbände und Lobbygruppen - bisweilen interessengebunden sind, wie sich noch zeigen wird. Doch was überhaupt sind Think Tanks, welche Aufgaben übernehmen sie und welche Arten von Think Tanks können unterschieden werden? Diesen Fragen soll im folgenden Abschnitt nachgegangen werden.

2.2 Was ist ein Think Tank? Definition, Funktionen, Typen

Martin Thunert, der sich - neben Winand Gellner und Josef Braml - als einer der ers- ten deutschen Politikwissenschaftler eingehend mit Think Tanks beschäftigt hat, de- finiert diese als „ privat oderöffentlich finanzierte praxisorientierte Forschungsinstitu- te, zu deren Hauptaufgabe die wissenschaftlich fundierte, häufig interdisziplinär an- gelegte Untersuchung und Kommentierung eines breiten Spektrums politisch rele- vanter Themen und Vorhaben gehört “(Thunert 1999: 10). Indem sich Think Tanks mit politikbezogenen und praxisrelevanten Fragestellungen beschäftigen, liefern sie damit „ im Idealfall entscheidungsvorbereitende Ergebnisse und Empfehlungen “(Thunert 2003: 31) für politische Akteure und Entscheidungsträger.

Die grundlegenden Aufgaben und Funktionen von Think Tanks liegen somit in der Generierung, Verbreitung und Vermarktung von anwendungsorientiertem wissen- schaftlichen Wissen und der Bereitstellung von mittel- und längerfristigen Zukunfts- bildern, um damit - mittelbar oder unmittelbar - Einfluss auf den politischen Ent- scheidungsprozess zu nehmen (vgl. Braml 2006: 263; Fretschner/Hilbert 2006: 69). Dies verdeutlicht, dass die wissenschaftliche Politikberatung für Think Tanks - im Gegensatz zu Universitäten - nicht nur ein Nebengeschäft, sondern vielmehr Haupt- aufgabe ist und dass Think Tanks stärker auf die Anforderungen ihrer außeruniversi- tären Adressaten eingestellt sind als die Hochschulen (vgl. Fretschner/Hilbert 2006: 69). Zu den wichtigsten Zielgruppen deutscher Think Tanks zählen neben Politikern auch andere Forschungsinstitute und Universitäten, Wirtschaftsunternehmen, Ge- werkschaften, Arbeitgeberorganisationen, Nicht-Regierungsorganisationen sowie die Politik- und Fachredaktionen von Printmedien, Fernseh- und Radiosendern (vgl. Thunert 1999: 15; Fretschner/Hilbert 2006: 69f.). Think Tanks sind dabei Organisati- onen des dritten Sektors, die in rechtlicher Hinsicht einen Gemeinnützigkeitsstatus genießen, vom zentralen politischen Entscheidungssystem unabhängig sind und zwischen der Zivilgesellschaft und dem zentralen politischen Entscheidungssystem vermitteln (vgl. Braml 2006: 262f.). Think Tanks agieren folglich „ an der Schnittstelle von Wissenschaft, Öffentlichkeit und staatlicher Politik “(Fretschner/Hilbert 2006: 70).

Der Think Tank-Begriff entstand während des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten von Amerika und beschrieb zunächst einen abhörsicheren Raum (tank), in dem zivile und militärische Experten militärische Strategien vorbereiteten (think). Ab den 1960er- und 1970er-Jahre wurde der Begriff auch außerhalb der Sicherheitspoli- tik zur Bezeichnung von praxisorientierten Forschungsinstitutionen herangezogen (vgl. Thunert 2003: 30), die in den USA bereits ab Beginn des 20. Jahrhunderts ent- standen waren (vgl. Speth 2010: 395). Heute existieren in den Vereinigten Staaten von Amerika mehr als 300 solcher Einrichtungen, weltweit sind es 3000, davon 600 in Europa (vgl. Thunert 1999: 11; Thunert 2003: 31). Im deutschen Sprachgebrauch ist der Terminus Think Tank - ersatzweise wird bisweilen auch von Denkfabriken oder Ideenagenturen gesprochen - allerdings umstritten, da er für Deutschland et- was anderes beschreibt als für die USA. Zwar sind die Vorbilder heutiger deutscher Think Tanks in Amerika zu finden, doch deutsche Think Tanks umfassen - anders als in den USA - nicht nur private, sondern insbesondere öffentlich finanzierte For- schungsinstitute (vgl. Braml 2004: 617). So ist Speth (2010: 394) zuzustimmen, wenn er konstatiert, dass der Begriff Think Tank im deutschen Sprachgebrauch „ etwas un- scharf “sei, „ keine bestimmte Organisationsform, sondern eher eine spezifische Handlungsweise und Funktion “beschreibe und somit beispielsweise auch Stiftungen und intermediäre Organisationen mit einschließe.

[...]


1 vgl. zum Spannungsverhältnis zwischen Politik und Wissenschaft beispielsweise Kümmel 2002 oder die prägnante Darstellung bei Kuhne 2008: 28f.

Details

Seiten
30
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656313861
ISBN (Buch)
9783656314356
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205011
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Max-Weber-Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Politische Soziologie; Soziologie; Politikberatung; Think Tank; Wissenschaftliche Politikberatung; Politikwissenschaft; Politische Wissenschaft; Think Tanks Politik Wissenschaft

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Titel: Think Tanks als Akteure der wissenschaftlichen Politikberatung in Deutschland – Eine Bestandsaufnahme