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Das Zusammenspiel von Körper, Zeit und Raum im Theater für Kleinstkinder

Am Beispiel der "Dschungel Wien"-Produktion "Sand"

Bachelorarbeit 2012 26 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionsversuch

3. Entwicklung des Theaters für Kleinstkinder
3.1. Erste Impulse aus Europa
3.1.1. Italien
3.1.2. Frankreich
3.1.3. Norwegen
3.1.4. Deutschland
3.2. Die Situation in Österreich
3.2.1. ASSITEJ Austria
3.2.2. Kulturverein Dachtheater
3.2.3. Toihaus Theater
3.2.4. Dschungel Wien

4. Das 2+ Stück Sand
4.1. Zur Produktion
4.1.1. Daten und Fakten
4.1.2. Inhalt
4.2. Entstehung

5. Der Körper in Zeit und Raum im Theater für Kleinstkinder
5.1. Körper
5.1.1. SpielerInnen
5.1.2. ZuschauerInnen
5.1.2.1. Kinder
5.1.2.2. Erwachsene
5.2. Zeit
5.3. Raum

6. Conclusio

7. Quellenverzeichnis
7.1. Literatur
7.2. Internetquellen
7.3. Audioquellen
7.4. Bildquellen

1. Einleitung

Vor nicht allzulanger Zeit war Theater im deutschsprachigen Raum noch etwas, das Kinder unter fünf Jahren nichts bis wenig anging. Dem lag vor allem die Annahme zugrunde, dass ein so junges Publikum nicht fähig sei, die Als-ob-Grundkonstellation im Theater zu verstehen. Das mag sein. Doch gab es zu diesem Zeitpunkt, Mitte der 2010er Jahre, bereits eine Vielzahl anderer Theaterformen als jene des traditionellen Illusionstheaters. Das Als-ob war unter jugendlichem und erwachsenem Publikum längst keine notwendige Prämisse mehr für die Theaterkunst. Warum dann für Kinder? Diese Frage könnte wahrscheinlich auf mehrere Weisen beantwortet werden. Ich denke, das hat viel mit der Tatsache zu tun, dass wir gemein­hin zuallererst mit klassischen Formen des Theaters in Kontakt kommen. Diese gelten im all­gemeinen Bewusstsein immer noch als die Norm, welche man/frau/kind kennenlernen muss, bevor es an die „Abweichungen“, wie z.B. die Performancekunst, geht. Werden nun Theater­formen, die solchen „Abweichungen“ in ihrer Vorgangsweise sehr nahe stehen, an den Be­ginn der kindlichen Sozialisation gestellt, bedeutet das eine grundlegende Hinterfragung und Neuorganisation der bisherigen Theaterkonventionen, an denen zwar spätestens seit den 1960ern nachhaltig gerüttelt wurde, die aber doch nie gänzlich umfielen, sodass dies bis in die kindliche Früherziehung hätte durchdringen können.

In den letzten sieben bis acht Jahren begann sich im deutschsprachigen Raum, in Bezug auf Theaterkunst für Kinder, allmählich eine neue Tendenz abzuzeichnen: KünstlerInnen zeigten vermehrt Interesse, auf einer theatertechnisch unkonventionellen, künstlerisch-kreativen Ebene mit kleinen Kindern zu kommunizieren. Und dieses neue Angebot für die Jüngsten wurde begeistert von Eltern und Kindern aufgenommen, sodass die Nachfrage seither beständig im Wachsen begriffen ist.

In dieser Arbeit soll erläutert werden, was unter der Bezeichnung „Theater für Kleinstkinder“ überhaupt verstanden wird, wie und wo es sich europaweit entwickelt hat, mit anschließen­dem besonderen Augenmerk auf die Situation in Österreich. Unter den gar nicht mehr so spärlichen Angeboten hierzulande, habe ich einige bereits seit längerem bestehende, etablierte Einrichtungen herausgegriffen und werde insbesondere auf den Dschungel Wien – Theater­haus für junges Publikum eingehen, der seit Dezember 2010 das Stück Sand für Kinder ab zwei Jahren im Programm hat. Am 26. November 2011 habe ich mir Sand zusammen mit zwei Komilitoninnen angesehen und im Anschluss einige Erwachsene und Kinder aus dem Publikum sowie die maßgeblich an der Produktion von Sand Beteiligten, R.T., E.R. und U.J., interviewt.[1] Die daraus gewonnen Informationen sollen mit theoretischen Konzepten zu Körper, Zeit und Raum im Theater für Kleinstkinder zusammengebracht werden. Dabei versuche ich, die Per­spektive der Produktionsseite einzunehmen.

2. Definitionsversuch

Bislang definiert sich das Theater für Kleinstkinder „lediglich über die Spezifik seines Publi­kums“: „Theater für die Allerkleinsten ist Theater für Kinder (und von Kindern) unter fünf Jahren“[2]. Darunter kann schon Theater für Kinder ab null Jahren verstanden werden, wobei die Altersbegrenzung vieler Stücke sich auf ZuschauerInnen ab ein, zwei oder drei Jahren beläuft. Wenn vom Theater für Kleinstkinder gesprochen wird, redet man/frau über ein sehr „heterogenes und offenes Feld“[3]: „‚Das‘ Theater für die Allerkleinsten gibt es ebenso wenig, wie sich jede andere Theaterform nicht auf einen ästhetischen Kanon reduzieren lässt. Seine Ausprägungen sind so unterschiedlich und vielfältig wie die Ausprägungen jeder Theater­form.“[4] Es gibt keine bestimmten Vorgaben zum Inhalt der Stücke, außer dass er den Kindern nahe und verständlich sein soll. Die Art und Weise des Schauspiels kann vielfältig ausfallen, von Sprech-, Tanz-, Musik- über Puppentheater bis zu interdisziplinären Formen war alles schon da. Trotz unterschiedlicher Ansichten über Theater für Kleinstkinder, stehen doch die meisten KünstlerInnen und RezipientInnen dafür ein, dass Theater „ein besonderer Raum der Kommunikation über eine gemeinsame Kultur [ist]“[5], der grundsätzlich keiner Altersbeschränkung bedarf.

3. Entwicklung des Theaters für Kleinstkinder

Der deutschsprachige Raum kann, wenn es auch Ausnahmen gibt, als Nachzügler in Bezug auf das Theater für Kleinstkinder bezeichnet werden. Das mag unter anderem an den gesell­schaftlichen Voraussetzungen, dem dort vorherrschenden Kindheitsbild liegen. Die Einrichtungen frühkindlicher Bildung, wie beispielsweise der Kindergarten, werden in den unten genannten nicht-deutschsprachigen Ländern als Teil des Bildungssystems und nicht als diesem vorgelagert begriffen. Die Diskussion über ein Theater für Ganzkleine ist dort in erster Linie eine ästhetische. In den deutschsprachigen Ländern muss sich diese neue Theaterform hingegen nicht nur ästhetisch, sondern auch bildungspolitisch legitimieren.[6]

3.1. Erste Impulse aus Europa

3.1.1. Italien

Die Geschwister Roberto und Valeria Frabetti und ihre Gruppe „La Baracca“ in Bologna kön­nen als die Pioniere des Theaters für Kleinstkinder schlechthin angeführt werden. Roberto Frabetti befasste sich schon 1987 mit Theaterformen für Null- bis Dreijährige und gestaltete mit „Acqua“ das erste Stück für ein ganz junges Publikum. Mittlerweile kann er auf über zwanzig Produktionen für Kleinstkinder zurückblicken. Die Beziehung zum Kind steht im Zentrum der Stü title="">[7] 1989 stellte die Theatergruppe das erste internationale Meeting mit dem Themenschwerpunkt „Das Theater und die Kinderkrippe“ in Bologna auf die Beine.[8]

Ihnen ist eine internationale Vernetzung ein großes Anliegen, weswegen sie auch 2006 „small size the net“ ins Leben riefen, welches das heute populärste Netzwerk des Theaters für Kleinstkinder in Europa ist. Das Projekt wäre im Juni 2009 ausgelaufen, jedoch haben die Mitglieder, zu denen auch das Toihaus und das Dachtheater in Österreich zählen, bei der EU das Folgeprojekt, „small size, big citizens“, welches gleich anschließend starten und bis 2014 andauern soll, eingereicht. Der bisherige Erfolg hat gezeigt, dass erstklassige Theaterkunst für Kleinstkinder funktionieren kann und durchaus kulturell und sozial wertvoll ist.[9]

3.1.2. Frankreich

Die Fotografin und Regisseurin Agnès Desfosses hat bereits 1989 ihr erstes Stück für Kleinst­kinder, „Ah! Vos rondeurs“, geschaffen, worauf 1996 „Sous la table“ und 2007 „reNais­sances“ folgten. 2004 initiierte sie das Festival „Premières Rencontres, Biennale européen en Val d`Oise, petite enfance, éveil artistique et spectacle vivant“, das als Plattform des Theaters für Kleinstkinder in Frankreich dienen sollte. Sie spricht von Theater als einem „Haus der Emotionen“[10], das

[…] dem kleinen Kind den Zugang zu einer anderen Imagination, einer anderen Sensibilität öffnen [kann], mit der sich das Kind die Welt aneignet. Es bereichert und entwickelt die Wahr­nehmung und auf diese Weise das Leben des Kindes und begünstigt seine natürlichen Reaktionen, die der Erwachsene begleitet und unterstützt.[11]

Desfosses arbeitet mit PsychologInnen und ErzieherInnen zusammen, woraus sich ein wech­selseitiger Lernprozess für beide Seiten ergibt. Sie, die Künstlerin, lernt etwas über Kinder, und die PsychologInnen und ErzieherInnen etwas über Kunst.[12]

Diese Herangehensweise macht sich auch Laurent Dupont, Regisseur, Autor und Schauspie­ler, zu Nutzen. Er betrachtet Kinderbetreuungseinrichtungen „als Forschungsfeld für seine künstlerischen Ideen und taucht direkt in die Welt von kleinen Kindern ein, in der, wie er es formuliert, diese in einer Sprache vor der Sprache leben.“[13] Kleine Kinder würden vor allem auf Bilder und Klänge reagieren und nicht so sehr eine Narration benötigen. Dass und besonders wie etwas passiert, sei viel wichtiger als die Frage nach dem Warum. In diesem Punkt befinden sich KünstlerInnen und Kleinkinder auf einer Ebene. Beiden geht Emotionalität über Rationalität.[14]

3.1.3. Norwegen

Die Motivation, Kunst für ein sehr junges Publikum zugänglich zu machen, kam in Norwegen vor allem im Zuge von nationalen Projekten auf. Kleine Kinder sollten nicht länger kulturell isoliert und damit in ihren Fähigkeiten unterschätzt werden. Ein Vorläufer diesbezüglich war „Klangfugl – kulturformidling med de minste“, das vom norwegischen Kulturrat 1998 ge­startet wurde. Dabei stand im Mittelpunkt des Interesses, einmal generell erste Erfahrungen in der künstlerischen Produktion für kleine Kinder zu sammeln. Das Folgeprojekt, „Klangfugl – kunst for de minste“ (2000-2002), sowie das internationale Projekt „Glitterbird – Art for the Very Young“ (2003-2006), das in Norwegen stattfand, bestätigten das Interesse an solch einer neuen Perspektivierung.

Das wichtigste Ziel war und ist es, Kindern unter drei Jahren den Kontakt mit und das Erleben von Kunst zu ermöglichen. Es sollte die Ansicht verbreitet werden, dass auch Kinder unter drei Jahren fähig sind, Kunst wahrzunehmen und zu genießen. Kunst sollte überall ein Teil des frühkindlichen Lebens sein dürfen.[15]

3.1.4. Deutschland

Das Kinder- und Jugendtheaterzentrum der Bundesrepublik startete 2006 das Projekt "Theater von Anfang an! Vernetzung, Modelle, Methoden: Impulse für das Feld frühkindlicher ästhetischer Bildung“. Ziel war die Erforschung und Entwicklung von Theaterformen für ein sehr junges Publikum, das in Deutschland bislang noch kaum berücksichtigt worden war.

Dieses gemeinsame Vorhaben von Wissenschaft, Kunst und Erziehung stieß in der Öffent­lichkeit auf großes Interesse und löste im künstlerischen Milieu viele Diskussionen aus. Das Ende des Projekts im November 2008 wurde mit dem ersten nationalen Festival zum Theater für Kleinstkinder, das unter der Devise „Zukunft stiften“ stand, gefeiert. Im gastgebenden Theater Junge Generation Dresden gab es neun Inszenierungen für Kinder ab zwei Jahren zu sehen: Rawums (:), Das Mond-Ei, Meins!, O Himmel blau, Das große Lalula, Holzklopfen, Fische und süsser Brei, Frau Sonne und Herr Mond machen Wetter, Funkeldunkel Lichtge­dicht. Bernd Neumann, der damalige Kulturstaatsminister, verlieh dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum für das Projekt im Juni 2009 einen Sonderpreis.[16]

Inzwischen bemühen sich an die dreißig Theater in Deutschland um das ganz junge Publikum und es werden ständig mehr. Der frühkindliche Kontakt mit Kultur ist aktueller denn je und Kooperationen von Kinderbetreuungseinrichtungen und Theatern nehmen zu.[17]

[...]


[1] Die Namen wurden aus urheberrechtlichen Gründen anonymisiert.

[2] Ute Pinkert: „Theater von Anfang an!“ – alles auf Anfang? Von der Einübung sinnlicher Wahrnehmungsweisen. In: Gabi dan Droste (Hrsg.): Theater von Anfang an! Bildung, Kunst und frühe Kindheit. Bielefeld: transcript Verlag 2009. S. 121-129. Hier S. 121.

[3] Ebd.

[4] Gerd Taube: first steps – Erste Erträge. Zu ästhetischen Eigenarten des Theaters für die Allerkleinsten. http://www.theatervonanfangan.de/texte/Dokumentation_First_Steps_Taube.pdf. Zugriff am 9.2.2012. S. 1.

[5] Melanie Florschütz: Angeborenes Wissen neu entdecken. http://www.theatervonanfangan.de/texte/Dokumentation_First_Steps_Florschuetz.pdf. Zugriff am 9.2.2012. S. 1.

[6] Vgl. Gerd Taube: first steps – Erste Erträge. S. 3.

[7] Gabi dan Droste: internacional, internazionale, international, Интернационал, mednaroden - Internationaler Austausch im Theater für die Allerkleinsten. In: Gabi dan Droste (Hrsg.): Theater von Anfang an! S. 103-117. Hier S.109.

[8] Vgl. Ebd. S. 108/109.

[9] Vgl. Ebd. S. 110.

[10] Ebd. S. 107.

[11] Ebd. S. 107/108.

[12] Vgl. Ebd.

[13] Ebd. S. 108.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Ebd. S. 106/107.

[16] Vgl. http://www.theatervonanfangan.de/main.asp?size=1280&UserID=1990704040&Nr=1&St=0 Zugriff am 7.2.2012.

[17] Vgl. http://www.theatervonanfangan.de/main.asp?size=1280&UserID=1990704040&Nr=32&St=0 Zugriff am 7.2.2012.

Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656324027
ISBN (Buch)
9783656328018
Dateigröße
929 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205036
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Kleinkinder Kleinstkinder Dschungel Wien Dschungel Sand Körper Zeit Raum Kindertheater Stephan Rabl Future Sibanda Valerie Kattenfeld Matthias Jakisic STELLA 11 Theater für die Kleinsten Theater für die Allerkleinsten Theater für Kleinkinder Theater für Kleinstkinder Theater von Anfang an

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