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Rezension des Buches „Was sich liebt, das nervt sich“ von Jean-Claude Kaufmann

Rezension / Literaturbericht 2011 10 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Buchkritik

2. Soziologische Wirkungsmechanismen
2.1 Interaktionen innerhalb der Partnerschaft
2.2 Kommunikation zwischen den Akteuren
2.3 Identitäten in der Beziehung

3. Schlussplädoyer

4. Literaturverzeichnis

1. Buchkritik

Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann beschäftigt sich seit einigen Jahren mit den Algorithmen innerhalb von Paarbeziehungen. In seinem neusten Werk „Was sich liebt, das nervt sich“ fokussiert Kaufmann die alltäglichen und scheinbar banalen Quellen des Ärgers in Partnerschaften und zerlegt diesen in all seine Bestandteile anhand des jeweils dargestellten Beispiels.

Das Buch wurde im Jahre 2008 aus dem Französischen übersetzt und in Konstanz veröffentlicht. Dabei bleibt der Autor seinem Stil treu, indem er die kurzweiligen Episoden stets mithilfe von wiederkehrenden Fallbeispielen und Akteuren illustriert und es somit dem Leser ermöglicht, auch bei ständig wechselnden Handlungsträgern den Überblick nicht zu verlieren. Dennoch ist an dieser Stelle auf ein Novum hinsichtlich der Erhebungsmethodik zu verweisen, da Jean-Claude Kaufmann erstmalig auf seine favorisierte Methode, das Interview mittels Tonbandgerät, verzichtet und stattdessen über E-Mails seiner Probanden das Rohmaterial erhält, um somit seine Theorien bezüglich des aufkommenden Ärgers innerhalb der Paarbeziehung direkt aus dem Feld abzuleiten. Dabei ist es nicht sein Anliegen, repräsentative Ergebnisse zu generieren, dessen er sich durchaus bewusst ist. Vielmehr strebt Kaufmann eine präzise Sektion der vielschichten Prozesse des aufkommenden Beziehungsärgers an. So wandte sich der Soziologe in der belgischen, französischen und schweizerischen Presse an Paare, ihre Beziehungsprobleme per E-Mail zu übermitteln, sodass er Unmengen an kritischen Berichten erhielt und auswertete.

So erscheinen die Marotten des oder der Liebsten zu Beginn der Liebschaft als reizvolle und verführerische Eigenschaften, welche stets durch eine exzessive Verliebtheit betrachtet und hingenommen werden. Doch mehr oder minder schnell zieht der Alltag in die Liebesbeziehung, beispielsweise in Folge des Beziehens einer gemeinsamen Wohnung, in die Verhaltensweisen der Partner ein, sodass die individuellen Lebensarten offenbart werden und automatisch miteinander kollidieren. Dadurch wird das Streitpotential beträchtlich erhöht, da mindestens ein Partner versucht, dem Liebsten in spe die eigene kulturelle Identität aufzudrängen. Jener Vorgang läuft dabei stets wechselseitig ab. Dies schildert Kaufmann immer wieder anhand von unzähligen Erfahrungsberichten seiner Probanden, wodurch dem Leser die Nähe zum Feld suggeriert wird. So kann beispielsweise der gewünschte Ausstellungsort der Anglertrophäe oder das Benehmen der Akteure bei Tisch die Quelle für den aufkommenden Ärger innerhalb der Paarbeziehung sein.

Im Bezug auf die Struktur des Werkes bleibt festzuhalten, dass es sich in drei große Abschnitte sowie in die Einleitung und den Schluss gliedert. Aufgrund der episodischen Organisation der Unterthemen wirken die Darstellungen Kaufmanns stets interessant und kurzweilig. Dies erreicht er nicht zuletzt durch den kontinuierlichen Rückgriff auf die unzähligen Beispiele, welche gekonnt um den jeweiligen Sachverhalt und somit extrem nahe an der Lebenswirklichkeit der Leser platziert werden. Durch diese Gegebenheit wird es dem Rezipienten ermöglicht, bereits bekannte Diskussionsthemen aus der eigenen Beziehung besser nachvollziehen zu können.

So führt der Soziologe in die Thematik ein, indem er zunächst den Ärger innerhalb von Paarbeziehungen allgemein analysiert und seine Grundvoraussetzungen über Beispiele seiner Probanden skizziert. Der Beginn einer Beziehung versteht sich demnach als ein Prozess des Vereinheitlichens der Partner, welche stets mit dem Finden eines gemeinsamen Mittelwegs beschäftigt sein sollten, sodass individuelle Veränderungen keine Probleme sondern vielmehr ertragreiche Lösungen darstellen sollten. Des Weitereren untersucht Kaufmann die Harmonie der Rollen in der Partnerschaft, wobei zu konstatieren bleibt, dass das vornehmste Ziel zur Reduktion des Ärgers die Komplementarität der Partner ist. Die entscheidende Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft zum Wandel der eigenen Identität. Demnach ist ein Zusammenleben von Individuen immer als ein organisiertes Spiel zu verstehen, welches die Rollen der Beziehung kontinuierlich verteilt. So können beispielsweise Männer als inkompetent und unreif im Hinblick auf die partnerschaftliche Organisation gelten, wenn sie sich in Scheinwelten, zum Beispiel in Computerspiele oder Internetforen, flüchten.[1] Im zweiten Teil der Abhandlung beschreibt Jean-Claude Kaufmann zunächst die Ursachen des aufkommenden Ärgers innerhalb einer Paarbeziehung, welcher immer wieder durch das Zusammentreffen zweier individueller Einstellungen entsteht. So sorgen beispielsweise das schlampige Ausdrücken der Zahnpastatube oder das Ablegen des Schlüsselbundes am falschen Ort für Zündstoff, aus welchem geradezu Autonomiekämpfe um gegenwärtige und zukünftige Verhaltensweisen entstehen können. Anschließend werden die Mechanismen und Dimensionen des Ärgers analysiert, wodurch sich beispielsweise die Sozialisation des verärgerten Individuums ablesen lässt. Hierbei können die Familien der Akteure eine, für die Erregung, entscheidende Rolle einnehmen. Darüber hinaus kann sich der Ärger innerhalb der Partnerschaft von einer banalen Unzufriedenheit über die Missachtung bis hin zum Ekel oder zur Demütigung gegenüber dem Partner entwickeln. Um allerdings nicht in das Wesen eines Schwarzbuches zu verfallen, verweist Kaufmann umgehend auf die freiwerdende Energie infolge des Ärgers, welche zur Veränderung der bisherigen Situation und somit zur Verbesserung genutzt werden sollte. Durch zahlreiche Darstellungen schafft es der Autor immer wieder, dem Rezipienten einen Gedanken der Hoffnung inmitten der vielfältigen Negativberichte der Probanden zu vermitteln, was sich somit als motivierend auswirkt. Dieses Muster wird ebenso im letzten Teil des Buches aufgegriffen, in welchem die Handhabung des Ärgers mithilfe von Kommunikation und Liebestaktiken beschrieben wird. So werden die Arten der verbalen und non-verbalen Kommunikation benannt und in Relation mit dem Ärger innerhalb der Paarbeziehung gesetzt. Letztlich zeigt sich der Ärger auch als ein Kampf gegen die eigene Identität. Dabei empfiehlt es sich nach Kaufmann, mit einiger Entfernung auf die emotionalen Reaktionen zu blicken, sodass eine Isolation aus der subjektiven Welt letztlich zum Nachdenken und Kommunizieren führen soll. Im abschließenden Teil des Werkes rundet der Autor seine Aussagen ab, indem er kurz und prägnant die grundlegenden Erkenntnisse darstellt. Demnach öffnet die individuelle Autonomisierung einen Raum sowohl für die subjektive Interpretation als auch für die Improvisation durch die Akteure selbst.[2] Daraus wird deutlich, dass die Handlungsträger stets durch die Routine des Alltags zur dauerhaften und kompetenten Arbeit an der Beziehung aufgefordert werden, was nicht zuletzt auch dem Leser eine manifeste Handlungsanweisung im Umgang mit Ärger darstellen soll, von welcher jener ebenso profitiert.

[...]


[1] Vgl. Kaufmann, Jean-Claude: Was sich liebt, das nervt sich, Konstanz 2008, S. 72 ff.

[2] Vgl. Ebd. S. 241 f.

Details

Seiten
10
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656322207
ISBN (Buch)
9783656325888
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205048
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Schlagworte
Nerven Kaufmann Rezension Soziologie Beziehung

Autor

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Titel: Rezension des Buches „Was sich liebt, das nervt sich“ von Jean-Claude Kaufmann