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Dimensionen der Naturerfahrung - Eine Vermessung auf Grundlage der Hainich-Studie 2002

Magisterarbeit 2003 173 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Theoretische Vorüberlegungen zum Naturbegriff
2.1 Allgemeine begriffliche Vorüberlegungen zum Naturbegriff
2.1.1 Lexikalische Definition des Naturbegriffs
2.1.2 Philosophischer Definitionsversuch nach Spaemann: Definition in Abgrenzung zum begrifflichen Gegensatz
2.1.3 Untersuchungsergebnisse nach Trommer
2.2 Überblick über die historische Bedeutung des Naturbegriffs
2.2.1 Naturverständnis in der Vorzeit der Zivilisation
2.2.2 Griechische Antike
2.2.2.1 Theorien des Denkens vor Sokrates
2.2.2.2 Aristoteles
2.2.3 Römisches Naturverständnis
2.2.4 Christliches Naturverständnis im Mittelalter
2.2.4.1 Lehre der Scholastik
2.2.5 Renaissance
2.2.6 Frühe Neuzeit
2.2.7 Aufklärung
2.2.8 Romantik und ihre Vorläufer
2.2.9 Weiterentwicklung im 19. Jahrhundert
2.3 Naturverständnis heute
2.3.1 Natur als Ausdruck der weltlichen Harmonie
2.3.2 Die Umweltproblematik als negative Natürlichkeit
2.3.2.1 Defintion des Begriffs „Ökologie
2.3.3.2 Das Verhältnis Mensch – negative Natürlichkeit
2.4. Traditionelles Naturverhältnis vs. Forderungen nach einem neuen Naturverständnis
2.4.1 Naturgefährdung vs. Reales Handeln
2.4.1.1 Psychologischer Erklärungsansatz
2.4.1.2 Forderung einer neuen ökologischen Vernunft
2.5 Moderne sozialwissenschaftliche Theorie zur Natur- und Ökologieproblematik
2.5.1 langwierige Aufnahme des Naturbegriffs in die Sozialwissenschaften
2.5.2 Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung
2.5.3 Marx: Natur und Arbeit
2.5.4 Max Weber: Exkurs des Naturverhältnisses
2.5.5 Karl Popper: Kritischer Rationalismus
2.5.6 Natur in der Systemtheorie Niklas Luhmanns
2.5.6.1 Grundlagen der Luhmannschen Systemtheorie
2.5.6.1.1 Einführung des Umweltbegriffs 28
2.5.6.1.2 Komplexitätsreduktion, Binäre Codes 29
2.5.6.2 Möglichkeiten der gesellschaftlichen Reaktion auf Umweltprobleme
2.5.6.3 Folgen der Umweltproblematik aus der Sicht Luhmanns
2.5.7 Jürgen Habermas: Kritische Theorie
2.6 Empirische Untersuchungen
2.6.1 Bögeholz: Qualitäten primärer Naturerfahrung
2.6.1.1 Naturerfahrung, Naturwissen, Naturhandeln
2.6.1.2 Definition von Naturerfahrung
2.6.1.3 Naturerfahrungsdimensionen nach Bögeholz
2.6.1.4 Klassifizierung von Naturerfahrungstypen
2.6.2 Armin Lude: Naturerfahrung und Naturschutzbewusstsein
2.6.2.1 Naturerfahrungsdimensionen nach Lude
2.6.2.2 Ergebnisse der Studie
2.6.2.2.1 Naturerfahrungstypen
2.7 Zusammenfassung der Vorüberlegungen und Ausblick

3. Faktorenanalyse
3.1 Abgrenzung faktorenanalytischer Verfahren
3.1.1 Unterscheidung explorative- konfirmatorische Faktorenanalyse
3.1.2 Unterscheidung nach Zielen bei der Faktorenanalyse
3.1.3 Hauptkomponentenanalyse und Explorative
Faktorenanalyse bzw. Hauptachsenanalyse
3.2 Variablenauswahl
3.2.1 Frage 1: Die ersten Eindrücken der nach dem Nationalparkbesuch
3.2.2 Frage 2: Die besonders beeindruckenden Erlebnisse während des Nationalparkbesuchs
3.2.3 Frage 4: Dauer des Nationalparkbesuchs
3.2.4 Fragen 13 und 14: Anzahl der bisherigen Besuche im Nationalpark
3.2.5 Frage 21: Motive für den Nationalparkbesuch
3.2.6 Fragen 24-27: Informationsgewinnung der Besucher
3.2.7 Frage 29: Bewertungen von Angebotserweiterungen
3.2.8 Frage 30: Zustimmung zu weiteren Veränderungsvorschlägen
3.2.9 Frage 38: Nichterfüllte Erwartungen nach dem Nationalparkbesuch
3.3 Datenbasis der Faktorenanalyse
3.3.1 Problem der fehlenden Werte (Missing-Value-Problem)
3.4 Korrelationsmatrix
3.4.1 Korrelationsmatrix des vorliegenden Datensatzes
3.4.1.1 Signifikanzniveau der Korrelationen
3.4.1.2 Inverse der Korrelationsmatrix
3.4.1.3 Bartlett-Test auf Sphärizität
3.4.1.4 Anti-Image-Kovarianz-Matrix
3.4.1.5 Kaiser-Meyer-Olkin-Kriterium (KMK)
3.5 Hauptkomponentenanalyse
3.5.1 Bestimmung der faktoriellen Struktur und der Anzahl der Faktoren
3.5.1.1 Vereinfachter Ablauf der Hauptkomponentenanalyse
3.5.2 Faktorenextraktion
3.5.2.1 Faktorladung
3.5.2.2 Eigenwert
3.5.2.3 Mathematisches Modell der Faktorenextraktion
3.5.2.4 Bestimmung der Kommunalitäten
3.5.2.5 Variablenvarianz bei der Faktorenanalyse
3.5.3 Bestimmung der Faktorenzahl
3.5.3.1 Entscheidungshilfen zur Bestimmung der Faktorenanzahl
3.5.3.1.1 Kaiser-Guttman-Kriterium
3.5.3.1.2 Screeplot/ Scree-Test
3.5.3.1.3 Inhaltliche Plausibilität
3.5.4 Die inhaltliche Bedeutung der gefundenen Faktoren
3.5.4.1 Faktorenarten
3.5.4.2 Eignung der Faktorladungsmatrix
3.5.5 Rotation
3.5.5.1 Rotationsmethoden
3.5.5.1.1 Varimax-Rotation
3.5.5.2 Interpretation der rotierten Faktorladungsmatrix
3.5.5.2.1 Interpretation des ersten Faktors 86
3.5.5.2.2 Interpretation des zweiten Faktors
3.5.5.2.3 Interpretation des dritten Faktors
3.5.5.2.4 Interpretation des vierten Faktors
3.5.6 Beurteilung der Güte der Faktorlösung
3.5.7 Zusammenfassung
3.6 Explorative Faktorenanalyse/ Hauptachsenanalyse
3.6.1 Wiederholung: Abgrenzung Hauptkomponentenanalyse und explorative Faktorenanalyse
3.6.2 Vor- und Nachteile der Verfahren
3.6.3 Vereinfachter Ablauf der Explorativen Faktorenanalyse
3.6.4 Korelationsmatrix und Kommunalitätenschätzung
3.6.5 Faktorenextraktion, Rotation und Interpretation
3.7 Weitere Verfahren der Faktorenanalyse
3.8 Probleme bei der Hauptachsenanalyse
3.8.1 Vorselektion der Probandengruppe
3.8.2 Bezugsgruppenabhängigkeit
3.8.3 Trennschärfe der Items
3.8.4 Offene Fragen
3.9 Faktorenanalystische Ergebnisse durch separate Analyse von offenen und geschlossenen Fragen
3.9.1 Ergebnisse der getrennten Analyse
3.9.2 Bedeutung der separaten Analyseergebnisse
3.10 Vergleich der gefundenen Naturerfahrungsdimensionen mit den Ergebnissen früherer empirischer Untersuchungen
3.10.1 Naturerfahrungsdimension: „Synthetische Natur“
3.10.2 Naturerfahrungsdimension „Ästhetik ursprünglicher Natürlichkeit“
3.10.3 Naturerfahrungsdimension „Abenteuer Natur“
3.10.4 Naturerfahrungsdimension „Tierbegegnungen“
3.10.5 Resümee des Vergleichs der Naturerfahrungsdimensionen
3.11 Zusammenfassung und Auswertung
3.12 Zusammenfassung und weiterführende Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Das Wissen um Naturerfahrungen und Naturerleben steht im engen Zusammenhang mit der steigenden Anzahl von Naturparks und Nationalparks. Der erste Nationalpark, der Yellowstone-Nationalpark, wurde vor über 130 Jahren in den USA gegründet. Seitdem ist die Zahl weltweit auf ca. 2000 Nationalparks angestiegen. Seit der Gründung des ersten deutschen Nationalparks 1970 im Bayerischen Wald stieg deren Anzahl auf mittlerweile 13. Diese Tendenz verdeutlicht das immerfort steigende Interesse, ökologische Zusammenhänge publik zu machen und einzigartiges Naturgut vor weiteren Eingriffen zu schützen. Dementsprechend lautet auch das Ziel der Errichtung von Nationalparks, nämlich „großräumige natürliche oder naturnahe Landschaften als einmaliges Naturerbe unserer Erde auch für zukünftige Generationen zu bewahren.“[1]

Auf den ersten Blick scheint das rasche Vorantreiben derartiger Projekte, mit erheblicher finanzieller staatlicher Unterstützung, geradezu populistische Züge anzunehmen. Doch die anfängliche Euphorie über diese, ganze Regionen betreffenden, Naturschutzaktivitäten hat nachhaltig nachgelassen beziehungsweise starken Gegenwind bekommen. Letzterer findet Ausdruck in Bürgerprotesten, dem Missachten von Vorschriften der Nationalparks oder gar in der Bildung von Bürgerinitiativen.[2] Streitthemen sind dabei der Verlust von Arbeitsplätzen, eine Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung oder aber auch Enteignungen. Vor dem Hintergrund derartiger Entwicklungen wurden Aufklärungs- und Werbekampagnen in Vorbereitung oder als Begleitung zur Planung und Verwirklichung von Nationalparkprojekten durchgeführt. In diesem Kontext wurden zudem empirische Studien durchgeführt, die sich mit dem Naturverständnis, dem Naturschutz und vor allem auch der Naturerfahrung auseinandersetzen. Neben dem reinen Verständnis der Beziehung des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt wird mit Hilfe der Studien versucht, handlungsorientierte Lösungen zu entwickeln, um Schwierigkeiten wie jenen oben genannten bei Ausweisungen von Naturschutzprojekten entgegen treten zu können. Außerdem sollen im Vorschul- und Schulbereich didaktische Möglichkeiten eröffnet werden, um den Schülern schon früh ein vernunftbegründetes Verhältnis zur Umwelt mit auf den Weg geben zu können.

An dieser Stelle werden sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede zu empirischen Besucherbefragungen in Nationalparks deutlich. Die genannten Untersuchungen versuchen zu eruieren, ob und auf welche Weise Menschen Naturschutzbewusstsein entwickeln und wie dieses vor allem in Anbetracht groß angelegter Naturschutzprojekte umgesetzt werden kann. Besucherbefragungen an den Orten, an denen sich jenes Naturschutzbewusstsein in Abgrenzung zur Ablehnung gut messen lässt, sind die Nationalparks. Da sie in den Medien sowie im politischen Alltag harte Konfrontationen hervorrufen, werden sie von manch einem Autor gar als „Schauplätze des Naturschutzes bezeichnet“.[3] Diese Plätze erscheinen außerordentlich geeignet, um herauszufinden, wie nahezu unberührte Natur empfunden wird, welche Emotionen sie auslöst und schließlich auch welche Einstellungen sie in welcher Weise mit beeinflusst. Und genau dem versucht die vorliegende Arbeit an einem konkreten Fall nachzugehen, nämlich auf der Basis der Besucherbefragung im jüngsten deutschen Nationalpark, dem Hainich.[4] Die Befragung wurde im Sommer und Herbst 2002 durchgeführt und die daraus resultierenden Daten bilden die Grundlage für diese Arbeit, deren Ziel die Identifikation von Naturerfahrungsdimensionen darstellt. Der Grundgedanke der Befragung bestand nicht darin, allgemeingültige Aussagen über Arten der Naturerfahrung treffen zu können, sondern ganz speziell über die Besucher des Nationalparks Hainich herauszufinden, durch was sie den Park als etwas Besonderes erleben und wie sich diese Naturerfahrung im Speziellen ausdrückt. In der folgenden Ausarbeitung soll nun dargestellt werden, wie die Besucher die Natur im Nationalpark Hainich erfahren und erleben. Es soll herausgefunden werden, ob sich diese Naturerfahrungen dort von jenen des alltäglichen Erlebens unterscheiden. Damit stellt sich auch die Frage, wie Natur denn gewöhnlich erlebt wird. Kann man dazu generelle Aussagen treffen? Und wie oder überhaupt hat sich das Verhältnis der Menschen zu ihrer ökologischen Umwelt verändert? Im Verlauf der Arbeit, durch historische und theoretische Abrisse, durch die Anwendung multivariater Datenanalysetechniken sowie den Vergleich zu existierenden Forschungsergebnissen sollen Antwort- und Lösungsansätze zu diesen Fragen gefunden werden.

2. Theoretische Vorüberlegungen zum Naturbegriff

2.1 Allgemeine begriffliche Vorüberlegungen zum Naturbegriff

Im Folgenden ersten Abschnitt der vorliegenden Arbeit soll der Begriff „Natur“ bezüglich Naturverständnis und Naturinterpretation aus der Sichtweise von Philosophen, Biologen und sozialwissenschaftlichen Theoretikern untersucht werden. Um der eigentlichen Frage nach den Dimensionen von Naturerfahrung nachzukommen, muss zunächst klar sein, was unter Natur allgemein verstanden wird. Das Natur, das in der Alltagssprache so vielschichtig verwendete Wort, nicht ohne Weiteres inhaltlich zu analysieren ist, wird dem Betrachter schnell deutlich. Ich werde anschließend die unterschiedlichen Dimensionen, die bei der Erörterung des Naturbegriffs augenscheinlich auftreten, darstellen und später darauf aufbauend auf bestehende Theorien zu Naturerfahrungsdimensionen Bezug nehmen. Von vorneherein sei an dieser Stelle noch angemerkt, dass sich meine folgenden Ausführungen mit wenigen Ausnahmen ausschließlich auf den europäischen Raum und seine Kulturen und Gesellschaften beziehen. Durch ähnliche und parallele Entwicklung in den einzelnen Kulturen lässt sich dieser begrenzte Raum leicht zusammenfassen, die Ausweitung auf andere Kulturkreise würde den Rahmen der Arbeit bei weitem überschreiten.

Die zentralen Fragen bei der näheren Betrachtung des Naturbegriffs lauten: Gibt es eine einheitliche Definition des Naturbegriffs? Was verstehen Menschen unter Natur? Was wird mit diesem Begriff assoziiert?

2.1.1 Lexikalische Definition des Naturbegriffs

Bei der lexikalischen Definition durch den „Brockhaus“ werden drei Facetten von Natur betont. Erstens wird Natur definiert als der Kosmos mit seiner Materie und seinen Kräften, Veränderungen und Gesetzlichkeiten. Zweitens wird all das unter Natur verstanden, was vom Menschen (durch beispielsweise Kultur und Technik) nicht verändert wurde. Und drittens und im weiteren Sinne versteht der „Brockhaus“ Natur abgeleitet von griechischen „physis“ als die ursprüngliche Art eines Seienden.

Schon diese drei Punkte zeigen einige der Schwierigkeiten auf, die sich dem Betrachter bei einer inhaltlichen Analyse des Naturbegriffs in den Weg stellen. Wo noch an erster Stelle die Natur als Inbegriff des kompletten Kosmos dargestellt wird, bedeutet sie an zweiter Stelle nur die von Menschen unberührte Sphäre.

2.1.2 Philosophischer Definitionsversuch nach Spaemann: Definition in Abgrenzung zum begrifflichen Gegensatz

Der Philosoph Spaemann versucht sich dem Naturbegriff von der Seite seines Gegensatzes her zu nähern.[5] Er konstatiert, dass der Begriff Natur erst durch die Bedeutung eines gegensätzlichen Begriffes eindeutig wird. „Der Begriff Natur bezeichnet dann jeweils das, was mit dem Gegenbegriff nicht gemeint ist.“[6] Als markante Beispiele dienen hier die Wortpaare natürlich-unnatürlich oder Natur-Kultur. Da eine Vielzahl solcher `Gegenwörter` existiert, ist die inhaltliche Vielfalt von Natur ebenso groß. Es wird deutlich, dass die unspezifische Deutbarkeit des Naturbegriffes erst unter Hinzunahme eines weiteren Begriffes überwunden werden kann. Dies führt zu einer anderen Überlegung: Die Bedeutung des Naturbegriff variiert mit dem Kontext, indem er gebraucht wird. Im alltäglichen Sinne meint er schon eine kleine grüne Ecke im Hinterhof, in ökologischen Diskussionen kann kaum ein flächendeckendes geschütztes Biotop den Anforderungen an „wirkliche Natur“ genügen.

Es kann somit hier und mithilfe dieser Definition nicht festgestellt werden, ob Natur den Menschen und dessen beeinflusste Umwelt beinhaltet oder kategorisch ausschließt. Seel und Sichler hingegen sind an diesem Punkt für sich bereits zu einer Definition gelangt. In ihren Buch „Mensch und Natur“ distanzieren sie sich davon, den Titel analog dem Wortpaar „Mensch und Umwelt“ aufzufassen, da Umwelt „als die den Menschen umgebende Welt aufgefaßt werden [kann], Natur jedoch nicht“.[7] Außerdem soll Natur nicht als Teil der Umwelt gesehen werden, wie etwa als unberührte Welt, um ihn nicht auf die Bedeutung in der Alltagssprache zu reduzieren. Und zuletzt kann Natur ihres Erachtens nach nicht als Komplementärbegriff von Mensch gesehen werden, da der Mensch prinzipiell einen Teil der Natur darstellt. Letzteres gilt selbstverständlich nicht für den Umweltbegriff, da die Aussage, der Mensch sei auch Teil seiner Umwelt, keine definitorische Bedeutung für den Umweltbegriff enthält.[8] Seel und Sichler schließen sich somit der oben erwähnten ersten lexikalischen Definition an, derzufolge Natur als allumfassende Kraft interpretiert wird, in die der Mensch, vor allem als leibliches Wesen, eingebunden ist.

2.1.3 Untersuchungsergebnisse nach Trommer

Trommer untersuchte 1988 das alltägliche Naturverständnis von Schülern.[9] Dabei stellte sich heraus, dass die Schüler (ähnlich der allgemeinen Definitionsunklarheit) keine begrifflichen Assoziationen zur Naturproblematik finden konnten. Weiterhin besaßen sie äußerst geringe Kenntnisse über ökologische Zusammenhänge und das bestehende Wissen wurde meist nicht direkt, sondern aus einer gewissen Distanz erfahren. Damit in Verbindung steht eine weitere Erkenntnis, nach der der Mensch nur selten mit Natur assoziiert wurde, ergo Natur eher als der nicht-menschlichen Welt zugehörig empfunden wird.

2.2 Überblick über die historische Bedeutung des Naturbegriffs

In den folgenden Kapiteln soll die Bedeutung des Naturbegriffs unter dem Blickwinkel verschiedener Epochen erfasst werden, um so Klarheit darüber zu schaffen, was Natur für den Menschen darstellt und wie Natur in diesen Epochen erfahren wurde. Ich beschränke mich dabei allerdings auf einige ausgewählte Epochen, in denen die Natur und das gesellschaftliche Naturverhältnis besonders relevant erscheinen respektive außergewöhnlichen Veränderungen unterworfen waren. Ich gehe davon aus, dass die Betrachtungsweisen vergangener Epochen unser heutiges Naturbild beeinflusst haben. Somit liegt es nahe, durch einen historischen Rückblick mehr Verständnis über unsere heutige Naturwahrnehmung zu erhalten. Immerhin wird der Naturbegriff seit mehr als 2500 Jahren unter anderem in der Philosophie thematisiert. Stefan Heiland hat in seinem 1992 erschienen Buch „Naturverständnis“ eine Vielzahl interessanter Gedanken entwickelt, die ich bei meinen folgenden Darstellungen aufgreifen werde. Naturverständnis kann zwar weder synonym für Naturerfahrung oder Naturschutz verwendet werden, doch das Verständnis für die mittelbare und unmittelbare Natur bildet mit Sicherheit die Grundlage für das subjektive und gesellschaftliche Naturverhältnis einer Kultur, so dass daraus Rückschlüsse auf die Naturerfahrungen gezogen werden können.

2.2.1 Naturverständnis in der Vorzeit der Zivilisation

Bereits in den vorzivilisierten Gesellschaften können Spuren der Natureinwirkung der Menschen nachgewiesen werden. So ist beispielsweise in den Jäger- und Sammlergesellschaften eine Mitschuld am Aussterben der großen Säugetiere an 15000 v. Chr. nicht zu bezweifeln.[10] Mit einsetzender Verbreitung der Landwirtschaft, der Agrarischen Revolution, begann auch in Mitteleuropa eine Naturnutzung, deren Ausmaße sich in den folgenden Epochen jeweils potenzieren sollten.

2.2.2 Griechische Antike

Das Thema Natur beschäftigte die griechischen Denker insoweit, dass sie versuchten, die harmonische Ordnung des Kosmos zu erkennen, um daran ihr Handeln ausrichten zu können.[11] Wie auf Seite 1 definiert, verwendeten sie den Begriff „physis“ für unser heutiges Wort Natur. Zum einen wurde darunter alles verstanden, was ohne Einwirkung des Menschen existiert bzw. geschieht, d.h., auch der Mensch selber fällt unter diesen Gesichtspunkt, da sich seine eigene Entwicklung ohne sein Zutun vollzieht. „Physis“ beinhaltet somit alles, was nicht „gemacht“ ist und das Prinzip des eigenen Werdens in sich trägt.[12] Zum anderen beschreibt „physis“ die anzustrebende weltliche Ordnung, in der alles (nicht nur der Mensch, sondern auch das Zusammenleben und die Staatsordnung) seine Verwirklichung findet. Durch die Betrachtung des Kosmos seiner Zusammenhänge versuchte man, diese zu verstehen und das Wissen über diese komplexen Zusammenhänge in eine harmonische Ordnung bzw. Theorie der menschlichen Existenz zu überführen.

2.2.2.1 Theorien des Denkens vor Sokrates

Beeinflusst davon waren die Theorien der vorsokratischen Denker. Sie versuchten, rationale Antworten auf Fragen bezüglich des Kosmos und der Natur zu finden. Die teleologische Naturphilosophie Platons steht im engen Zusammenhang mit seiner Ideenlehre. „Physis“ wird bei ihm durch die dem Menschen innewohnende Seele verkörpert. Sie ist Ursprung des Körpers und hat Zugang zu der Welt der Ideen, jenen unveränderbaren Urbildern aller Dinge. Die Ideen sind unserer Sinneswahrnehmung entzogen, wir können lediglich deren Abbilder in der tatsächlichen Welt erkennen. Verbunden ist die menschliche Seele mit der Weltseele, die ihrerseits den gesamten lebendigen Kosmos erfüllt. Als Verbindung zwischen der Ideenwelt und des weltlichen Kosmos sieht Platon eine dem menschlichen Wissen nicht zugängliche Kraft, welche die wahrnehmbare Welt der Menschen nach den Ideenvorbildern plant und zweckvoll gestaltet. Der Kosmos ist folglich planvoll und vernünftig angelegt.[13]

2.2.2.2 Aristoteles

Aristoteles führt diesen Gedanken weiter und versteht unter „physis“ nicht nur die Dinge an sich, sondern auch das Prinzip, dass ihrer zweckbestimmten Entwicklung zugrunde liegt. Die ideellen Formen der Lebewesen sind diesen nicht schon von Anfang an immanent, sondern eher als keimhafte Möglichkeiten vorhanden, die sich erst im Werdeprozess entfalten und entwickeln. Auf diesen Zustand der Verwirklichung strebt jede Entwicklung zu und hat die Vollendung erst im Erreichen der Verwirklichung gefunden. Die ideelle Gestalt liegt somit jedem Lebewesen zugrunde und ist gleichzeitig sein teleologisches Ziel und auch sein Zweck, nämlich das Erreichen desselben ideellen Zustandes.[14] Anders als Platon sind die in der Welt vorkommenden Dinge Grundlage vollkommener Erkenntnis und nicht nur unvollständige Abbilder. Im Gegensatz zu Platon können Menschen also mit ihren Sinnen die Welt erfahren. Diese Erkenntnis kann allerdings nur erlangt werden, solange man passiv beobachtet. Sobald man in natürliche Vorgänge, z.B. mit Hilfe eines Experiments, eingreift, kann man nichts über sich oder die Welt erfahren.[15]

Ohne allerdings über die möglich Folgen nachzudenken, konnten die griechischen Denker das Einwirken der Menschen auf die Natur miterleben. Schon in der griechischen Antike wurde extremer Holzschlag betrieben, um die athenische Flotte auf- und nachrüsten zu können. Auf diesem Weg wurden ganze Hügelketten gerodet. Direkten Einfluss auf das Denken hatten diese Aktivitäten allerdings nicht. Die unmittelbare Natur wurde lediglich als nützlicher Rohstofflieferant betrachtet.

2.2.3 Römisches Naturverständnis

In der Philosophie der Stoa drehte sich der Begriff der Natur eher um den Menschen selbst. Propagiert wurde ein naturgemäßes Leben, welches frei von Leidenschaften und Gefühlen ist und von der Vernunft getragen wird. Ziel einer solchen Lebensweise war es nicht, die Natur zu verstehen und deren Gesetze anzuwenden, sondern sich die Natur Untertan zu machen und deren Ressourcen zu nutzen. Gemäß dieser Lehre nutzten die Römer die ihnen greifbare Natur als unerschöpflichen Ressourcenfundus. Ackerbau wurde exzessiv bis zur Erosion betrieben; die in den römischen Kanälen in die Flüsse abgeleiteten Abwässer führten nicht selten zu Fäulnis in den Flussmündungen.[16] Die stoische Lehre beeinflusste offenbar dieses narzisstische Naturverhältnis und unterband jegliches öffentliches Denken über Konsequenzen oder ökologische Zusammenhänge.

2.2.4 Christliches Naturverständnis im Mittelalter

Zentral für das Verhältnis des Christentums zur Natur ist die Existenz des Glaubens an einen Gott. Da dieser den Menschen ähnlich sich selbst geschaffen hat, ist die Abgrenzung oder gar Dominanz von anderen Spezies offensichtlich. Im Schöpfungsbericht des Alten Testaments weist Gott die Menschheit zur Unterwerfung der Welt und des darauf lebenden Wesens an.[17] Noch heute wird diese Interpretation heftig diskutiert. Extreme Deutungen gehen sogar soweit, die Bibel als Mitursache für die heutige globale Gefährdung zu sehen.

Im weiteren Verlauf bis ins Mittelalter hinein charakterisierte tiefe Religiosität das Verhältnis der Christen zur Natur. Natur wurde als eines der Sprachrohre Gottes betrachtet und erhielt dementsprechend eine große Bedeutung an Symbolik. Es erfolgte außerdem ein tiefer Bruch mit den Vorstellungen der Antike. Der Glaube an den Schöpfungsakt löste die Idee des Kosmos ohne Anfang und Ende ab. Außerdem konnte die gedankliche Spaltung der Christen – entsprungen aus der augustinschen Lehre - in ein Diesseits und ein Jenseits der griechischen Vorstellung von der natürlichen Schönheit nicht mehr folgen. Das möglichst reine Verlassen des sündigen Diesseits mit dem Ziel der Erlösung im göttlichen Jenseits ließ die Welt zu einem Ort degradieren, dessen Qualen zu erleiden sind. Natürliche Phänomene wie Geburt, Krankheit, Tod oder Unwetter wurden als Lob für asketisches Leben bzw. Strafe für Sünden interpretiert. Durch den relativ primitiven Stand der Medizin, wurden Krankheiten, die durch „göttlich berufene“ Mediziner wie z.B. Priester nicht geheilt werden konnten, als göttlichen Fluch gedeutet. Im frühen Mittelalter wurde besonders im Wald ein hoher Unheilsfaktor gesehen, der durch seine Wildnis und Undurchdringlichkeit den Menschen bedroht. Aus diesem Grund und wegen des enormen Holzbedarfs wurde der Waldbestand extrem dezimiert. Der verstärkte Ackerbau und die mit der Viehhaltung verbundene Weidelandnutzung erhöhten zum einen den Holzbedarf, führten zum anderen auch zum Auftreten von starken Bodenerosionen. Besonders in den Städten war der Holzbedarf enorm. Ein Grund dafür war der verstärkte Haus- und Kirchanbau in den größeren Siedlungen.[18] Erst im späten Mittelalter begann man diese Entwicklung zu realisieren und sie als Ressourcenbedrohung wahrzunehmen, so dass Schutzmaßnahmen eingeleitet wurden. Dabei ging es allerdings nie „um den Schutz der Natur um ihrer selbst willen, sondern immer um die Sicherung der Ressourcen der Städte bzw. der herrschaftlichen Jagd“[19]. Mitteleuropa war zu diesem Zeitpunkt weitestgehend besiedelt, so dass das vorangegangene Wachstum die Bevölkerung stets an natürliche Grenzen stoßen ließ.[20] Knappe Lebensmittel und fehlende ökologische Ressourcen führten oft zu Teuerungen und Hungersnöten. Das Naturverhältnis war somit von ausgeprägtem Pragmatismus charakterisiert, ein ideeller Aspekt ist zu dieser Zeit nicht zu erkennen. Grundsätzlich bestand in der symbiotischen Beziehung zwischen Mensch und Natur in der mittelalterlichen Gesellschaft jedoch noch ein relatives Gleichgewicht. Obwohl sich in den Klöstern durch Arbeit und Gebet die protestantische Selbstdisziplinierung manifestierte und damit auch Handel und Gewerbe einen Aufschwung erlebten, wurde dieser Produktivitätsgedanke weder theoretisch noch praktisch zu Ende gedacht bzw. umgesetzt. Technische Neuerungen wurden noch weitestgehend abgelehnt, so dass es nicht zu einem umfangreicheren Eingriff in die Natur kam.[21] Trotzdem waren die religiöse und selbsterhaltende Dimension der Naturbeziehung vorherrschend. Die Umwelt wurde zugleich aufgrund des göttlichen Zeichens gefürchtet wie zur Existenzsicherung als Ressource genutzt. Nicht zu unterschätzen ist ein positives Nebenprodukt, welches die extensive Landwirtschaft mit sich brachte: „Der Mensch war nicht nur Zerstörer. Der gepflügte und gedüngte Boden wurde oft fruchtbarer, als er ursprünglich gewesen war.“[22] Außerdem entstanden auf diese Weise neue Lebensräume für Tier- und Pflanzenarten. Trotzdem waren diese Folgen eher Zufallsprodukt neben den exzessiven Natureingriffen.

2.2.4.1 Lehre der Scholastik

Erst als sich im 13. Jahrhundert die Gelehrten der Scholastik den griechischen Denkern Platon und Aristoteles zuwandten, begann sich, zwar sehr langsam, das Verhältnis der Menschen zur Natur wieder zu wandeln. Aristoteles` vernünftige und rationale Sichtweise trug dazu bei, die Natur in gewissen Schritten zu entmystifizieren und den natürlichen Realien neben ihrem symbolischen Gehalt auch wieder eine weltliche Bedeutung zu geben.[23] Allerdings erstarrte diese Geistesbewegung später leider darin, die aristotelische Weltsicht als über allen möglichen Zweifeln erhaben zu betrachten. Eine extremere Ansicht vertrat zu dieser Zeit Franz von Assisi, der durch seine Gottesverehrung großen Respekt der Natur entgegenbrachte. Er betrachtete sie nicht nur als göttlichen Ausdruck, sondern bemaß ihr auch eigene Werte zu, was ihn mitunter auch zu der Auffassung führte, den Tieren nicht voran- sondern gleichgestellt zu sein.

2.2.5 Renaissance

Während der Renaissance wurde zunehmend die Abwendung vom Jenseits hin zum Diesseits forciert. Der stärkere Bezug auf das weltliche Dasein zog weitreichende kulturelle Veränderungen nach sich, die auch das Verhältnis zwischen Mensch und Natur tangierten. Die natürliche Umwelt wurde nicht länger ausschließlich als göttliches Symbol betrachtet, sondern in verstärktem Maß wirtschaftlich für den Menschen nutzbar gemacht. Die neue Konstellation Mensch-Natur lässt sich besonders in der Umsetzung zur Kunst veranschaulichen. Bis ins Mittelalter hinein war die europäische Kunst fast ausschließlich von religiösen Motiven beherrscht. Mit Einsetzen der Renaissance begann sich die Ästhetik von Mensch und Natur auch in der Kunst auszubreiten. Einzelstudien, Landschaftsgemälde oder Portraits wurden gemalt, später sogar völlig losgelöst von religiösen Inhalten. Leonardo da Vinci (1452-1541) kann als einer der Künstler genannt werden, der der veränderten Sichtweise seiner Zeit in seinem Schaffen besonderen Ausdruck verleiht.

Auch in der Wissenschaft begannen sich neue Perspektiven auszuweiten. Die im Mittelalter verbreitete Vorstellung eines ewig gleich bleibenden Kosmos wurde durch die einsetzende Anwendung des Experiments allmählich abgebaut. Man entdeckte chemische Prozesse als Bestandteil der Natur und versuchte diese zu erforschen.

2.2.6 Frühe Neuzeit

In den nachfolgenden Jahrhunderten wurden die in der Renaissance begonnenen Ansätze aufgegriffen und durch weitere Vertiefung entstand die Grundlage für die heutigen Naturwissenschaften. Zunehmend wurde die Natur dabei technisiert und nutzbar gemacht, was dieser Entwicklung den Beinamen „Mechanisierung des Weltbildes“[24] gab. Dieses in sämtlichen Disziplinen existierende Erkenntnisstreben symbolisiert deutlich, dass der Mensch endgültig aufhört, seine Vollendung im göttlichen Jenseits zu suchen. Die Erlangung von weltlichem Glück soll durch die Beherrschung der Natur und somit durch den Fortschritt der Menschheit erreicht werden.

Nikolaus Kopernikus (1473-1543) erschütterte mit seiner, später als kopernikanischen Wende bezeichneten, Entdeckung das bis dahin bestehende Weltbild durch die Verdrängung der Erde aus dem Mittelpunkt des Kosmos. Galileo Galileis mathematischer Objektivismus erlaubte zunehmendes Verständnis von grundlegenden natürlichen Funktionsweisen, das durch die Aufstellung der Keplerschen Naturgesetze noch deutlicher wurde. Mit der Entwicklung der Gravitationsgesetze durch Newton im 17. Jahrhundert konnte sich das mechanistische Naturverständnis endgültig durchsetzen. Neben dem gestiegenen wissenschaftlichen Interesse führte nicht zuletzt auch die gesellschaftliche Nachfrage zur Institutionalisierung der Wissenschaften. Es wurden Akademien und Gesellschaften gegründet, um den Nutzen wissenschaftlichen Fortschritts voranzutreiben, wie auch um ihn – nicht zuletzt auch ethisch - zu legitimieren.[25]

Trotz der großen Bedeutung der Wissenschaften für die Emanzipation der Menschen im Diesseits darf die Rolle der Kirche nicht unterschätzt werden. Die Säkularisierung erhöhte zwar die Stellung des weltlichen Lebens, konnte aber nie die Autorität der Kirche untergraben. Religion war nach wie vor einer der bedeutendsten Faktoren, gerade auch während und nach der Renaissance. Galilei, Kepler, Newton und auch Philosophen wie Descartes waren trotz ihrer wissenschaftlichen Errungenschaften religiös gebunden. Trotzdem der noch dominierenden religiösen Bindungen und Wertvorstellungen wurde in dieser Zeit der allmählichen Technisierung das in der Zeit der Renaissance noch vorherrschende organische Naturverständnis durch einen mechanischen Naturbegriff abgelöst.[26]

2.2.7 Aufklärung

Im 17. Jahrhundert begann die geisteswissenschaftliche Strömung der Aufklärung weite Teile Europas zu dominieren und damit auch humanistische und naturwissenschaftliche Ideen zu beeinflussen. Der Focus der Aufklärung richtete sich auf den Menschen sowie die individuellen Rechte und Werte. Die Rolle der Naturwissenschaften bestand darin, das Wohl der Menschen durch zunehmende Nutzung natürlicher Ressourcen zu erhöhen. Der englische Aufklärer maß der Natur als Grundlage menschlichen Lebens zwar einen gewissen Wert zu, nannte deren Güter ohne menschliche Einwirkung aber nutzlos.[27] Ihren Wert oder ihre Ästhetik erhält die Natur erst durch die Zivilisierung des Menschen.

Im Gegensatz dazu meinte der Franzose Rousseau das Übel der Menschheit in der Gesellschaft und Zivilisation auszumachen und forderte die Rückkehr der Menschen zu ihrer wahren Natur fernab der schädlichen Gesellschaft. Auch bei Kant herrscht der Mensch über die Natur. Die menschliche Erkenntnis von Erscheinungen oder Gegenständen basiert nach Kant darauf, dass sich diese Gegenstände nach unserer Erkenntnis richten müssen und nicht umgekehrt. Beschränkt ist diese Annahme allerdings auf die Welt der Erscheinungen, die wir mit unserem Verstand erkennen können. Nicht gemeint ist damit die Welt der Dinge an sich, „über die wir mit den Mitteln des Verstandes nichts erkennen können“.[28] Seiner Philosophie zufolge muss der Mensch der Natur gegenüber allerdings vernunftgemäß handeln, da er ihren eigentlichen Sinn und Zweck verkörpert.

2.2.8 Romantik und ihre Vorläufer

Im 18. Jahrhundert, als die Säkularisierung in vollem Gange war, wandten sich einige Gelehrte, unter anderem Goethe, dem Gegensatz der Technisierung und Nutzbarmachung der Natur zu, d.h ihrem Wert und ihrer Ästhetik an sich. Goethe beispielsweise wandte sich gegen die Analyse einzelner Naturfaktoren und deren Nutzbarmachung für den Menschen und sprach sich für eine ganzheitliche Betrachtung der Natur aus. Sie sollte nicht nur des praktischen Nutzens wegen untersucht, sondern allein schon wegen der möglichen Erkenntnisse verstanden werden. Alles andere entspräche einer Zweckentfremdung. Ähnlich argumentiert Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der eine Gefahr in der Entfremdung zwischen Mensch und Natur sieht und dementsprechend für eine Rückbesinnung auf die grundsätzliche Verbundenheit beider plädiert.[29]

Diese Einstellung gipfelte in der romantischen Strömung, deren Anhänger strikt sich gegen den Fortschritt von Technik und Aufklärung wandten. Mit voranschreitender Zivilisation wurde die Kluft zwischen Gesellschaft und Natur immer mehr spürbar. Erst durch diese Entfremdung allerdings wurde Natur ästhetisch wahrnehmbar. In der Landbevölkerung konnte dieser Aspekt nicht entdeckt werden, da sie noch eine Einheit bildeten und Natur nicht ästhetisch bewerteten.[30] Daraus folgt auch, dass die Romantiker die Natur, und da vor allem die Landschaft, stark idealisierten. Nicht unbedingt das reelle Naturbild spiegelte sich in ihren Vorstellungen wieder, sondern eher ein durch die Sehnsucht in der Krise der Entfremdung Verändertes. Nicht die wirkliche Naturkenntnis oder Naturbeobachtung steht im Vordergrund, sondern das Wissen um unberührte Landschaften fernab der Gesellschaft, welche die Enge der Zivilisation zu kompensieren vermag.

2.2.9 Weiterentwicklung im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert setzte sich der Glaube an Technik und Fortschritt weiter durch und führte zu einer Untermauerung der Identifikation der Forscher mit den Naturwissenschaften. Ihnen wurde absolute Erkenntnisgewinnung zugesprochen, so dass alternative metaphysische Erklärungsansätze vollkommen aus dem Blickfeld der Mainstream-Wissenschaften gerieten. Aufgrund des Autoritätszuwachses von Naturwissenschaft und Technik verloren die Geisteswissenschaften wie auch die Theologie an Ansehen.[31] Die hauptsächliche Zielstellung bestand weiterhin auf der Erforschung natürlicher Gesetzmäßigkeiten, allerdings lagerte der Schwerpunkt noch immer auf der besseren Nutzbarmachung für den Menschen, um das gemeinsame Wohl voranzutreiben. Einem Großteil der Wissenschaftler kam Darwins Evolutionstheorie nur zu Recht, zumal damit der biblische Schöpfungsakt verleugnet und auf biologisch-natürliche Prozesse in der Entwicklung von Mensch und Natur verwiesen wird. Obwohl die Theorie bis heute umstritten ist und stets Modifikationen unterzogen wird, hat sie doch schon damals die Natur in ganz anderem Licht erscheinen lassen. Auch die Gesellschaftstheorien des 19. Jahrhunderts machten sich die Evolutionstheorie zu nutze und verwiesen, entgegen Darwins Intension, der Natur einen unteren Rang zu. Adam Smiths Liberalismus sieht das Ziel allen Handelns in der Anhäufung von Kapital durch Zinsen. Erreichbar ist dieses durch die Produktion von Waren. Natur verliert an diesem Punkt an jeglichem Wert, da die Entstehung von Gütern zwar auf natürlichen Ressourcen fußt, diese aber letztendlich nicht direkt in die Güter mit einfließen. Deshalb sah man zu dieser Zeit auch noch keinen Grund für ressourcenschonendes Handeln, Natur wurde schließlich in keiner Bilanz verrechnet. Verstärkt wurden diese Ansichten durch die Anwendung der Evolutionstheorie auf die Gesellschaft, im so genannten Sozialdarwinismus. Die Vorstellung, dass nur durch den „Besseren und Stärkeren“ Fortschritt erzielen werden könne, ließ den wirtschaftlichen Konkurrenzkampf entfachen. Das lässt deutlich werden, dass unter solchen Bedingungen Gedanken an Natur- oder Ressourcenschutz kein gesellschaftlich relevantes Thema waren.

Durch die biologische Thematisierung von Natur in Darwins Evolutionstheorie wurde aber auch eine andere Betrachtungsweise der Natur gefördert. Darwins Aussage, die Schönheit von Tieren und Pflanzen fördere in der Evolution die Arterhaltung (Schönheit als Auslesekriterium der Evolution), richtete den (teilweise auch wissenschaftlichen) Blick vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Naturästhetik. Es wurde zunehmend versucht, auch solche Tier- oder Pflanzenmotive gesellschaftsfähig zu machen, die bisher keinen Eingang in die Kunst gehalten hatten. Haeckel etwa bereicherte den Natur- und Kunstverstand mit seinen meeresbiologischen Darstellungen.[32] Es sei allerdings noch bemerkt, dass das Interesse an der Erforschung der Ozeane nicht unbedeutend von dem europäischen Kolonisationsdrang beeinflusst wurde. Überhaupt hatten sich viele biologische Wissenschaftler dem Thema der Naturästhetik zugewandt und versuchten deren Erforschung mit naturwissenschaftlichen Methoden voranzutreiben. Da mit wachsender Technisierung der Gesellschaft, vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, auch die Volksbildung (siehe Humboldt) einen Aufschwung erhielt, gelangten die wissenschaftlichen und ästhetischen Naturerkenntnisse in breitere Bevölkerungsschichten. Auf diese Weise wurden diese Erkenntnisse auch für den Laien verständlicher.

Auf dem Gebiet der Philosophie beschäftigte sich beispielsweise Hegel näher mit Naturästhetik. Ihm ging es dabei allerdings eher um das Verhältnis zwischen Natur und Kunst. Er kam dabei zu dem Schluss, dass die Idee der Schönheit zwar auch in der Natur vorhanden sei, aber nicht in dem Maße wie in der Kunst zum Tragen kommt. Die Kunstästhetik stellt Hegel also über die Naturästhetik.[33] Friedrich Theodor Vischer, ein Schüler Hegels, versucht das Eigengewicht der Naturästhetik wieder zu vergrößern, indem er der Natur sowie auch dem Geist der Menschen Fehler unterstellt und diese nur als durch die Kunst überwindbar ansieht. Wesentlich krasser sah der Psychologe Theodor Lipp (1851-1914) den Charakter der Natur. Ihm zufolge ist Natur an sich lediglich lebendig, sämtliche anderen Attribute wie Schönheit oder Hässlichkeit werden erst durch den Betrachter gegeben. Ohne ihn wäre die Natur folglich nichts wert.[34] Einen ganz anderen Zugang zur Natur fand Alexander Humboldt, der auf einer Vielzahl von Forschungsreisen sein Wissen vor allem von Pflanzenarten erhöhte. Obwohl er der Tierwelt geringere Beachtung schenkte als den Pflanzen, folgte er der Tradition Goethes und betrachtete die Natur als Ganzes. Eine zergliederte, getrennt analysierende Forschung, die auch den ästhetischen Faktor ausschließe, werde nie wahren Zugang zur Natur erhalten.[35]

Neben den volksbildnerischen Aufgaben verfolgte die Naturästhetik vor allem das Ziel, die moderne Industriegesellschaft für natürliche Eindrücke zu sensibilisieren. Dadurch sollte auch die Erholung und der geistige Ausgleich gewährleistet werden sowie die Lebensfreude insgesamt eine Steigerung erfahren. Um dies erfahren zu können, war eine gewisse Naturkenntnis unerlässlich. Die meisten wissenschaftlichen Abhandlungen, die über den neuesten wissenschaftlichen Stand Auskunft gaben, wurden so auch in eine allgemeinverständliche Version übertragen.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Natur seit jeher von dem Nutzungsgedanken bestimmt war. Das heißt, Menschen haben schon immer versucht, ihre Bedürfnisse durch Nutzung natürlicher Ressourcen zu befriedigen. Dass dies meist zu Lasten der Natur ging, kann mehrere Ursachen haben, wobei die Kausalität nicht eindeutig feststellbar ist. Zum einen ist es der Wissensstandpunkt der Forschung. Wo die Zusammenhänge zwischen Monokultur und Erosion im Ackerbau nicht bekannt sind, wird auch keine neue Bewirtschaftungsform bestehen. Ähnlich verhält es sich mit philosophischen Theorien, die oft ihren Eingang in das gesellschaftliche Bewusstsein haben. Smiths Konzeption führte ebenso zur weiteren Nutzbarmachung wie der Sozialdarwinismus. Beide legitimieren darüber hinaus das Verhalten gegenüber der Natur. Diese legitimierte Selbstverständlichkeit überträgt sich logischerweise auf das Verhalten der Gesellschaft und somit auch auf die des Individuums. Das erklärt auch, warum in vorangegangenen Epochen keine präventiven Schutzmaßnahmen ergriffen wurden, obwohl die existentielle Abhängigkeit von der Natur den Menschen bewusst war. Schutzmaßnahmen wurden erst konzeptioniert, wenn die Katastrophen schon eingetreten waren oder unmittelbar bevorstanden. Man kann sogar soweit gehen zu sagen, dass dem Menschen naturschützendes Verhalten nicht von Geburt an mitgegeben ist. Selbst die Indianer, die den Umgang mit der Natur ausschweifend zelebrieren und respektieren, haben zu früheren Zeiten ein ähnliches Umweltverhalten gezeigt wie die Europäer. Sie betonten von da an jedoch ihre existentielle Naturverbundenheit und versuchten, in Einklang mit der sie umgebenden Natur zu leben. Bei den Europäern ist diese gedankliche Umkehr allerdings nicht zu beobachten.

2.3 Naturverständnis heute

In den letzten Jahren drängt sich das Thema Natur vornehmlich mit Bezug auf die Umweltproblematik und deren Krise in das menschliche Bewusstsein. Treibhauseffekt, saurer Regen, zunehmende Kontamination der Böden sind nur einige der latent vorherrschenden Thematiken, die schnellster Lösung bedürfen. Nichtsdestotrotz besteht weiterhin die Sehnsucht der Menschen nach der unberührten Natur, nach „grünen Flecken“ fernab vom Alltag. Neben den eben angesprochenen ökologischen Problemen, über deren Aktualität jeder Bescheid zu wissen scheint, gibt es also noch den Glauben an eine „reine Natur“. Natur wird wie in früheren Epochen noch als Ressource des Überlebens angesehen, wobei dieser Aspekt durch erhöhte Selbstverständlichkeit geprägt ist. Der Nutzen der natürlichen Ressourcen steht allerdings heute eher unbewusst im Vordergrund, wobei die wachsende Überzeugung der Endlichkeit ersterer vornehmlich thematisiert wird. Im Gegensatz dazu hat Natur einen Bedeutungsgewinn in einer Weise erlangt, deren Wurzeln in der Romantik auszumachen sind: Wertschätzung der Natur um ihrer selbst willen. Es sollen nun diese beiden Facetten, sowohl die eben beschriebene positive Assoziation von Natur als auch die negative Seite des oft angemahnten baldigen ökologischen Kollapses in Bezug auf menschliches Handeln und Denken untersucht werden.

2.3.1 Natur als Ausdruck der weltlichen Harmonie

Die von den Menschen der Industriestaaten wahrgenommene Natur sieht Heiland als eine immer schon von vorn herein „gezähmte“ Natur an.[36] Die Vorstellung eines Sonntagnachmittagsspaziergangs im nahen Wald, bei dem jederzeit der Überfall eines Bären oder eines Wolfes droht, scheint der heutigen Wirklichkeit im Mitteleuropa allzu fremd. Im Gegensatz zum Wald von vor einigen Jahrhunderten muten die Waldinseln von heute eher als Park an. Für das Extrem von damals, welches heutzutage in unseren Breitengraden kaum noch anzutreffen ist, hat sich allgemein der Begriff „Wildnis“ herausgebildet. Diese erleben die Durchschnittsmenschen dann zumeist aus der sicheren Distanz der Fernsehbildschirme. Möglichst nahe an der Vulkaneruption oder auf der Jagd nach dem Auge der Tornados. Nur einige Extremsportler oder Teilnehmer von Survival-Reisen zieht es noch in die Grauzonen zwischen Zivilisation und der „fast“ unberührten Natur. Natur im Sinne des beginnenden 21. Jahrhunderts fängt üblicherweise schon bei der Bezeichnung für den Efeubewuchs des eigenen Hauses an. Selbst ein künstlich angelegter Park oder der mit Mühe von unästhetischen Zweitpflanzen frei gehaltene Kunstrasen symbolisiert für viele Menschen ein Stück des harmonischen Verhältnisses zwischen Zivilisation und Natur. Grotesk mutet diese alltagssprachliche Weise dadurch an, dass die meisten Personen noch spontan das Wort „unberührt“ in Bezug auf Natur zu nennen wissen. Vor allem bei naturnahen Erholungsgebieten, wie den Alpen, wird dieser Widerspruch deutlich. Dem Besucher wird Natürlichkeit suggeriert, obwohl schon seit mehreren Jahrzehnten bekannt ist, dass die von Mensch und Technik herbeigeführten Veränderungen, die für den Tourismus notwendig sind, den Lebensraum Alpen nachhaltig verändern. Dass wir durch dieses vermeintliche Naturerlebnis selbiges dadurch für folgende Generationen möglicherweise unmöglich machen, ist Teil des gesamten Paradoxons. Absterbende Bäume sowie sinkende Populationsgrößen ansässiger Tierarten gehören üblicherweise nicht in dieses Bild des Idylls. Dieser Verdrängungsmechanismus wird nachfolgend noch aufgegriffen werden.

Charakteristisch für die übliche Sehnsucht nach einem idyllischen Stück Natur ist die Betonung des ästhetischen Aspekts. Um diese Sehnsucht, die vor allem den Gegensatz zum Alltag sucht, befriedigen zu können, muss das jeweilige Stück Natur die subjektive und individuell sehr unterschiedliche ästhetische Wahrnehmung ansprechen. Auffällig wird dieses Phänomen besonders, wenn es um Landschaft oder Tierwelt geht.[37] Obwohl interindividuell sicher große Unterschiede bezüglich der Ästhetik von Natur existieren, werden bestimmte Dinge vom Gros der Bevölkerung als nicht ansprechend bezeichnet. Eine blühende Sommerwiese wird als ästhetischer beschrieben als ein nach Regen gefülltes Schlammloch, obwohl beide im objektiven Sinn natürlich sind. Das hat zur problematischen Folge, dass das ästhetische Kriterium als Maßstab für die ökologische bzw. natürliche Wertigkeit eines Lebensraumes angesehen wird. Die Sommerwiese kann möglicherweise durch sauren Regen stärker kontaminiert sein als das Schlammloch, trotzdem verleitet der ästhetische Reiz der Wiese eher zu dem Schluss, die Wiese stelle die natürliche Unversehrtheit prägnanter dar. Wirklich wilde, sich wieder selbst regenerierende Natur entspricht, oft auch durch Unkenntnis über ökologische Zusammenhänge, selten den gesellschaftlichen Anforderung an eine naturbelassene Umwelt.[38]

Ähnlich verhält es sich mit einem bei der Hainich-Studie mehrfach aufgetretenen Paradox. Die Natürlichkeit des Nationalparks wurde von der Mehrzahl der Besucher gepriesen. Es kam allerdings auch vor, dass dieselben Befragten das Vorkommen von Totholz, die teilweise nicht befestigten Wege oder das allgemeine „Unaufgeräumtsein“ bemängelten. Obwohl das Totholz einen enormen Wert für das ökologische Gleichgewicht des Waldes hat und das hohe und vielfältige Käferaufkommen darin fußt, entspricht es nicht immer dem menschlichen Ideal von „perfekter Natur“. Es lässt sich also feststellen, dass das für Menschen ästhetisch Positive noch lange nicht das ökologisch Positive darstellt und umgekehrt.[39]

Die ästhetische bedingte Selektivität kommt bei der Ausbildung der menschlichen Vorlieben zum Ausdruck. Pflanzen wie Gräser oder Moose stehen auf der Liste der Lieblingspflanzen ebenso weit hinten wie Fliegen oder Ratten bei den Tieren. Man bevorzugt vorrangig Spezies, die „groß, auffällig und schön“[40] sind. Im alltäglichen Umgang mit Tieren hat diese Denkweise derart manifestiert, dass wir, überspitzt gesagt, die Lebenswertigkeit verschiedener Tierarten auch differenziert betrachten. Das Töten lästiger Insekten wird als normal angesehen, während bei der Behandlung großer Arten wie Hunden oder Pferden eher soziale Maßstäbe ähnlich dem Umgang von Menschen untereinander angesetzt werden. Heiland begründet dieses Verhalten als evolutionsgeschichtlich bedingt. Das Töten von Fleischlieferanten, wie Schweinen und Rindern, ist ein überlebenswichtiger Akt, während der gewaltsame Tod von menschennahen Tieren, wie Hund oder Pferd, als verwerflich gilt. Der gesellschaftliche Einfluss darf dabei nicht außer Acht gelassen werden. Für Europäer war der Verzehr von z.B. Katzenfleisch unter normalen Umständen nicht vorstellbar, in Asien hingegen ist es Normalität.

2.3.2 Die Umweltproblematik als negative Natürlichkeit

2.3.2.1 Defintion des Begriffs „Ökologie“

An dieser Stelle sollen zunächst die in der Alltagssprache mittlerweile verwachsenen und oben auch schon benutzten Begriffe Ökologie und ökologisch kurz erläutert werden. Beide Begriffe werden in ähnlicher Weise wie Natur und natürlich mehrdeutig verwendet. Außerdem haben beide in Zeiten aufeinander folgender Lebensmittelskandalen eine enorme konnotative Bedeutung erlangt. Obwohl sich die Ökologie als Wissenschaft mit den Wechselwirkungen zwischen Menschen bzw. zwischen Menschen und ihrer Umwelt sowie deren Konsequenzen beschäftigt, werden ihr vermehrt auch wertende Aufgaben zugeschrieben.[41] Ökologie soll nun beispielsweise auch Aussagen darüber treffen können, ob bestimmte Biotope einen höheren „ökologischen“ Wert haben als andere, ob es um den Zustand eines Waldes positiver gestellt ist als um den eines anderen Waldes. Das Vertrauen in dieses mittlerweile zum Modewort degradierten Begriffes geht soweit, dass die Bezeichnung „ökologisch“ in Verbindung mit Lebensmitteln diese sofort als gute, der Gesundheit förderliche Nahrung deklariert und deren Anbau der Natur an sich keinerlei Schaden zugefügt hat. Das liegt fernab von der eigentlichen Wortbedeutung. Die Medien haben erfolgreich die mit dem Begriff ökologisch verbundene Assoziation eines ohne Chemikalien in Handarbeit anbauenden Landwirts vor der idyllischen Kulisse einer Berglandschaft vorangetrieben. Untersucht werden muss, ob dieses blinde Vertrauen als Art haltgebende Institution gesehen wird, mit deren Hilfe sich der Mensch die undurchschaubare Herstellung und Deklaration von Lebensmitteln versucht zu strukturieren.

2.3.3.2 Das Verhältnis Mensch – negative Natürlichkeit

Wie oben bereits angesprochen, verbinden Menschen mit Natur eher die angenehmen Aspekte der Erholung, Ruhe und Abgeschiedenheit. Negative Naturgewalten wie Vulkanausbrüche, Erdbeben oder Überschwemmungen erfahren die Menschen der westlichen Zivilisation in der Regel mit einer überraschenden Schockiertheit. In der täglichen Assoziation mit Natur werden sie tabuisiert. Obwohl die Umweltverschmutzung und –gefährdung nahezu täglich in den Medien thematisiert werden, bedeutet das noch lange nicht, dass die Tatsache der individuellen Betroffenheit jedem Individuum bewusst ist. Das heißt, dass wir unsere reale Position in der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt selten tatsächlich erkennen. Oft bemerken Menschen erst bei Katastrophen in ihrer unmittelbaren Umgebung, dass sie selber zur Umweltbelastung beitragen und im Endeffekt auch direkt selber von den Konsequenzen betroffen sind. Generell hat sich im Laufe der Zeit trotzdem das Bewusstsein herauskristallisiert, dass wir mit jedem weiteren „Sieg“ über die Natur auch unsere eigene Existenz bedrohen. Der euphorische Siegeszug der Technisierung wird mehr und mehr davon überschattet, dass auch wir Teil dieser beeinflussten und besiegten Natur sind und von den Folgen unseres Eingreifens in natürliche Prozesse nicht verschont bleiben.

2.4. Traditionelles Naturverhältnis vs. Forderungen nach einem neuen Naturverständnis

2.4.1 Naturgefährdung vs. Reales Handeln

Ausgehend von diesen recht diffusen alltäglichen Naturkonfrontationen und –gefährdungen verlangen Umweltschützer und Experten ein neues Naturverständnis. Zu weit klafft das Naturbewusstsein der Menschen und das tatsächliche Handeln auseinander. Ein Grund für das heutige Naturbewusstsein besteht auch darin, dass naturkonformes Verhalten in unserer Gesellschaft nicht genügend positiv sanktioniert wird. Materielle, ressourcenverbrauchende Statussymbolen versprechen hingegen ein weitaus höheres Prestige. Außerdem ist die weitere Ausbeutung der Natur äußerst tief in den menschlichen Gewohnheiten verankert, Handlungen dieser Art sind fest in den alltäglichen Lebensablauf eingebunden (z.B. Auto fahren).

2.4.1.1 Psychologischer Erklärungsansatz

Auf dem Gebiet der Psychologie wird das Umweltproblem unter anderem als Problem des Menschen mit sich selbst konzipiert.[42] Demnach wird bei der herkömmlichen Diskussion stets das Verhältnis zwischen Mensch und Natur betrachtet und der Mensch als Teil der Natur stark vernachlässigt. Letzteres impliziert, dass die Beziehung des Menschen zur Natur immer eine Beziehung zum Menschen ist. „Der Mensch muss lernen, sich selbst (wieder) als Naturwesen zu begreifen. Denn seine eigene Natur macht ihn für die Zerstörung der äußeren Natur, die ja seine Lebensgrundlagen birgt, anfällig.“[43] In dieser Aussage sehen die Autoren Seel und Sichler einen Ansatz für die Psychologie, den Menschen selbst als Ort Naturthematik genauer zu untersuchen.

Eine weitere Erklärungsmöglichkeit für das differenzierte Naturverständnis liefert die physiologische Konstitution unseres Gehirns. Für den Menschen ist immer vordergründig relevant, was im Gehirn den aktuellen Speicherplatz füllt. Dass heißt, wenn neue Ereignisse eintreten, nehmen diese Speicherplatz weg und verdrängen so vorangegangen Wichtiges, da die neuen Informationen zunächst bearbeitet werden müssen. Wie nehmen somit die Dinge wahr, die am offensichtlichsten sind. Als Natur beschreiben wir, was wir momentan wahrnehmen oder als wichtig deuten. Mit diesem Ansatz lässt sich beispielsweise auch erklären, warum nach Naturkatastrophen nur kurzfristig reagiert wird.[44] Die individuelle Naturkonzeption ist also möglicherweise weder zeitstabil noch (herbeigeführt durch unterschiedlichste persönliche Erfahrungen) interindividuell identisch.

2.4.1.2 Forderung einer neuen ökologischen Vernunft

Das generelle Muster der Diskussionen und Forderungen nach einem neuen Naturbewusstsein respektive einer neuen ökologischen Vernunft folgt jenem Argumentationsmuster: Die Technologisierung der modernen Gesellschaft ist in unproportionalem Verhältnis zur Entwicklung sozialer Kompetenzen vorangeschritten, d.h. diese Kompetenzen können die technisierte Umwelt und Gesellschaft kaum noch kontrollieren. In diesem Sinne wird eine die technisierte Rationalität kompensierende ökologische Vernunft gefordert. Dieser Forderung nähert sich vor allem Luhmann im Sinne seiner Systemtheorie, was an entsprechender Stelle noch aufgegriffen wird.

2.5 Moderne sozialwissenschaftliche Theorie zur Natur- und Ökologieproblematik

Im Rahmen all dieser Natur- und Umweltkontroversen wurden unzählige Forschungen ins Leben gerufen, die versuchten, das Verhältnis von Menschen und Natur, die damit verbundene Naturerfahrungen und naturbezogene Handlungen sowie die Effizienz von Naturschutzpräventionen und Vermittlung von Naturwissen zu ermitteln.

[...]


[1] Stephan, Herbst 2001, S. 6

[2] Lude2001, S. 9, auch Makowski 1997 und Stoll 1999

[3] Makowski 1997, S. 7

[4] Die offizielle Gründung erfolgte am 31.12.1997. Siehe dazu Stephan & Herbst 2001 und unter http://www.nationalpark-hainich.de/index_2.php?page=0&flash=true&lang=dt

[5] Spaemann 1973, S. 962

[6] Lude 2001, S. 101

[7] Seel & Sichler 1993, S. 16

[8] ders., S. 16

[9] Heiland 1992, S. 14

[10] Zirnstein1994, S. 17

[11] Heiland 1992, S. 16f.

[12] Görg 1999, S. 16

[13] Heiland 1992, S. 19

[14] Wirtz 1992, S. 208f.

[15] Heiland 1992, S. 21

[16] Heiland 1992, S. 77f.

[17] ders., S. 24

[18] Küster 1989, S. 65

[19] Heiland 1992, S. 81

[20] Küster 1989, S. 63

[21] Link 1992, S. 2

[22] Zirnstein 1994, S. 30

[23] Heiland 1992, S. 27

[24] Heiland 1992, S. 32

[25] ders., S. 41

[26] Görg 1999, S. 16

[27] Heiland 1992, S. 48

[28] Görg 1999, S. 23

[29] Heiland 1992, S. 57f.

[30] ders., S. 59ff.

[31] Kockerbeck 1997, S. 8f.

[32] Kockerbeck 1993, S. 10

[33] Hegel 1989, S. 37f.

[34] Kockerbeck 1997, S. 25f.

[35] Kockerbeck 1997, S. 29

[36] Heiland 1992, S. 4

[37] Heiland 1992, S. 7f.

[38] Heiland 1992, S. 8

[39] Hard 1991, S. 15

[40] Heiland 1992, S. 10

[41] Heiland 1992, S. 8f.

[42] Seel & Sichler 1993, S. 16f.

[43] Seel & Sichler 1993, S. 17

[44] Heiland 1992, S. 124

Details

Seiten
173
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638243810
ISBN (Buch)
9783640396481
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20529
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Dimensionen Naturerfahrung Eine Vermessung Grundlage Hainich-Studie

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Titel: Dimensionen der Naturerfahrung - Eine Vermessung auf Grundlage der Hainich-Studie 2002