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Die Grundlagen des Tötungsverbotes in Peter Singers "Praktische Ethik"

Darstellung und Kritik der zentralen Thesen zu den Auswirkungen des Personenstatus auf das ethische Tötungsverbot

Hausarbeit 2007 24 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zwei Modelle zur Unterscheidung des Wertes verschiedener Lebewesen
2.1 Die Unterscheidung Mensch - Tier
2.2 Die Unterscheidung nach dem Grad des Bewusstseins
2.2.1 Die ethische Relevanz des unterschiedlichen Grades des Bewusstseins in utilitaristischen Systemen
2.2.1.1 Die Relevanz unterschiedlicher Bewusstseinsgrade im klassisch- hedonistischen Utilitarismus
2.2.1.1.1 Die „kritische“ Bewertung: der Handlungsutilitarismus
2.2.1.1.2 Die „intuitive“ Bewertung: der Regelutilitarismus
2.2.1.2 Zwischenergebnis
2.2.2 Das personale Merkmal im Präferenz-Utilitarismus
2.2.2.1 Die Auswirkungen des personalen Merkmals auf Präferenzen
2.2.2.2 Zwischenergebnis
2.3 Das Recht auf Leben
2.3.1 Wunsch und Recht
2.3.2 Interesse und Recht
2.4 Die Respektierung der Autonomie
2.5 Bewusstes Leben
2.5.1 Der Wert bewussten Lebens im Vergleich zu selbstbewusstem Leben.
2.6 Ergebnis

3 Kritik
3.1 Das indirekte Tötungsverbot für Personen im klassischen Utilitarismus und die Reichweite menschlicher Empathie
3.2 Zum „Wert“ einer Person
3.3 Zum „Rechte“-Modell
3.3.1 Recht und Wunsch
3.3.2 Recht und Interesse
3.4 Die Unvereinbarkeit der Konsequenzen aus der Wertschätzung bewussten Lebens mit der ethischen Praxis

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Innerhalb der letzten 40 Jahre ist in der westlichen Welt eine Debatte darüber entbrannt, in welchen Fällen passive und aktive Sterbehilfe, also die Tötung eines Menschen, gerechtfertigt sein kann. Im Zuge dieser Debatte ist unter anderen die radikale Position, die Peter Singer in seinem in Deutschland im Jahre 1984 erschienenen und im Jahre 1993 überarbeiteten Werk „Praktische Ethik“ zu dieser Frage vertritt, diskutiert worden. In nicht vielen Auseinandersetzungen ist Singer vorgeworfen worden, er leiste die nachträgliche ethische Legitimation für die vom nationalsozialistischen Regime unter dem Deckmantel der „Euthanasie“, also des „schönen Todes“, durchgeführte Ermordung von Menschen, deren Leben als „lebensunwert“ eingestuft worden war. Er hat sich den Zorn vieler Menschen deshalb zugezogen, weil er zur Beantwortung der Frage, wann Euthanasie erlaubt sein soll, den Wert verschiedener Lebewesen miteinander vergleicht und Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, Wachkomapatienten und Säuglingen das Recht auf Leben abspricht. Weil dieses Urteil an den Grundfesten der moralischen Überzeugungen im westlichen Kulturkreis rüttelt, ist die Diskussion oft hitzig und nicht immer sachlich geführt worden. Zahlreiche Podiumsveranstaltungen, zu denen Singer eingeladen worden war, um seine Position zu referieren, sind massiv gestört oder wegen der Ankündigung von Protesten schon im Voraus abgesagt worden. Das ist deshalb schade, weil so viele Möglichkeiten vergeben worden sind, fundiert und sachlich und deshalb überzeugend Gegenposition zu beziehen.

In der vorliegenden Arbeit soll dargestellt und kritisch überprüft werden, auf welchem Weg und mit welchen Mitteln Peter Singer wertende Unterscheidungen zwischen verschiedenen Lebewesen macht. Dabei war der Anspruch, der der vorliegenden Arbeit ursprünglich zugrunde lag, der, eine räumlich ausgewogene Darstellung der singerschen Positionen zum Verbot und der Erlaubnis Tötung menschlicher Wesen zu leisten. Im Entstehungsprozess dieser Hausarbeit hat sich jedoch gezeigt, dass sich die Kritik, die gegen das von Singer vorgestellte Modell zur Bewertung des Lebens verschiedener Wesen vorgebracht werden kann, vornehmlich an seiner Beantwortung der Frage, welche Wesen von einem Tötungsverbot überhaupt geschützt sind, festmacht. Deshalb konzentriert sich diese Arbeit auf eine ausführliche Darstellung und Prüfung seiner Thesen zum Tötungsverbot.

2 Zwei Modelle zur Unterscheidung des Wertes verschiedener Lebewesen

Um die Frage, warum Töten unrecht ist, beantworten zu können, muss erst geklärt werden, von der Tötung welcher Lebewesen eigentlich die Rede ist und wie man den Wert verschiedener Lebewesen ethisch relevant unterscheiden kann.

2.1 Die Unterscheidung Mensch - Tier

Im westlichen Moralkodex ist es unumstritten, dass die Tötung eines Menschen mehr wiegt, als die Tötung eines Tieres. Die Trennlinie zur ethisch relevanten Unterscheidung verschiedener Lebewesen läuft hier bislang also zwischen Menschen und Tieren. Ist die Unterscheidung in diese Kategorien auch gerechtfertigt?

Singer stellt fest, dass der Gedanke, der dieser Unterscheidung zu Grunde liegt, dem jüdisch-christlichen Kontext entlehnt ist[1]. Die Lehre von der „Heiligkeit menschlichen Lebens“ war jahrhundertelang ein unumstößliches Dogma. Im Zeitalter der Aufklärung dürften jedoch Annahmen, die der Religion entstammen, nicht zur Begründung dessen, was gut oder schlecht sei, herangezogen werden. Deshalb sei zu prüfen, ob die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier auch ohne religiösen Hintergrund Bestand habe.

Dazu ist festzustellen, dass die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier eine Unterscheidung nach Spezieszugehörigkeit ist. Diese Spezieszugehörigkeit ist eine biologische Tatsache. Nach Singer ist sie aber kein hinreichendes Mittel, um ethisch relevante Unterschiede zwischen verschiedenen Lebewesen zu machen. Vielmehr bewege man sich strukturell nah am Rassismus, wenn man Ungleichbehandlungen mit dem beliebigen und in dieser Hinsicht ganz irrelevanten Merkmal der Zugehörigkeit zu einer Rasse oder einer Spezies rechtfertigen wolle. Die Ansicht, die Zugehörigkeit zur Gruppe der Homo Sapiens rechtfertige die Annahme eines besonderen Wertes ihrer Mitglieder, sei speziezistisch und nicht haltbar[2].

2.2 Die Unterscheidung nach dem Grad des Bewusstseins

Lebewesen lassen sich laut Singer nach dem Grad des Bewusstseins in zwei verschiedene Gruppen teilen. Die eine Gruppe ist die der Lebewesen ohne Bewusstsein, die andere Gruppe ist die der Lebewesen mit Bewusstsein. In die erste Gruppe fallen etwa Pflanzen und Einzeller, in die zweite Gruppe Tiere und Menschen.

Innerhalb der zweiten Gruppe lässt sich weiter differenzieren zwischen nur bewussten Lebewesen und solchen Lebewesen, die Selbstbewusstsein besitzen. Bewusste Lebewesen sind nur empfindungsfähig, selbstbewusste Lebewesen sind außerdem in der Lage, sich selbst als in der Zeit existierend zu denken[3]. In die Gruppe der bewussten Lebewesen fällt etwa die Maus oder der Fisch, in die Gruppe der selbstbewussten Lebewesen fällt etwa ein gesunder, voll entwickelter Mensch oder ein ausgewachsener Gorilla. Selbstbewusste Lebensformen nennt Singer „Personen“[4].

2.2.1 Die ethische Relevanz des unterschiedlichen Grades des Bewusstseins in utilitaristischen Systemen

Auch wenn es einsichtig ist, dass verschiedene Lebewesen in verschiedenem Maße über Bewusstsein verfügen, ergibt sich daraus noch keine ethische Relevanz dieses Merkmals. Im Folgenden soll dargestellt werden, welche Argumente Singer für eine solche Relevanz anführt.

2.2.1.1 Die Relevanz unterschiedlicher Bewusstseinsgrade im klassisch hedonistischen Utilitarismus

Zunächst prüft Singer, inwiefern der Personenstatus eines Lebewesens aus Sicht des klassisch-hedonistischen Utilitarismus Einfluss auf das Tötungsverbot hat und ob sich aus diesem Status hier eine besondere Wertung ergibt.

Der klassisch-hedonistische Utilitarismus, als deren Begründer Jeremy Bentham gilt und der heute radikal kaum noch vertreten wird, geht von einer anthropologischen Bestimmung aus: der Mensch strebe zur Lust hin und von der Unlust weg. Deshalb sei alles, was Lust erzeuge, gut, hingegen alles, was Unlust erzeuge, schlecht. Besser sei die Tat, die mehr Lust erzeuge als eine andere Tat und schlechter sei die Tat, die mehr Unlust erzeuge als eine andere. Verursacht eine Handlung gleichzeitig Lust und Unlust bei einer oder mehreren Lebewesen, muss abgewogen und gerechnet werden: ist die Summe der Lust aller von der Handlung betroffenen Wesen größer als die Summe der Unlust aller von der Handlung betroffenen Wesen, ist die Handlung gut - im umgekehrten Falle ist sie schlecht. Das Empfinden von Lust heißt Glück, das Empfinden von Unlust Leid.

Hier fällt auf, dass der Utilitarismus auf jede metaphysische Bestimmung dessen, was moralisch gut ist, verzichtet. Die einzige Grundlage, auf der sich die ganze Ethik des hedonistischen Utilitarismus aufbaut, ist die des zumindest vorgeblich empirisch gewonnenen Menschenbildes. Eine graduelle Unterscheidung zwischen „Person“ und „Nicht-Person“ kennt der klassische Utilitarismus nicht, weil er mit seinen Wertungsmaßstäben „Lust“ und „Unlust“ nicht auf verschiedene Grade von Bewusstsein, sondern auf grundsätzliche Empfindungsfähigkeit abstellt. Dass das klassisch-utilitaristische System bei Anwendung des Personen-/Nicht-Personen- Begriffes trotzdem in der Lage ist, für beide Gruppen unterschiedliche Ergebnisse zu produzieren, soll zeigen, dass auch der klassische Utilitarismus die von Singer angenommene Unterscheidung stützt und dass deshalb personalem Leben ein vorrangiger Schutz zukommen darf.

Wie die Frage des Tötungsverbotes von Lebewesen im klassisch-hedonistischen Utilitarismus zu beantworten ist, hängt von der innerhalb des klassischen Utilitarismus gewählten Betrachtungsweise ab. Die utilitaristische Methode lässt sich mit Singer in eine intuitive und in eine kritische Richtung teilen[5]. Das, was Singer als „intuitives“ Vorgehen bezeichnet, wird in der philosophischen Lehre üblicherweise „Regelutilitarismus“ genannt: beurteilt wird nicht die konkrete Einzelhandlung, sondern eine Fallgruppe, unter die die Einzelhandlung subsumiert werden kann. Die so gewonnene Regel wird auf alle anderen Einzelhandlungen, die sich unter die entsprechende Fallgruppe subsumieren lassen ohne neuerliche Prüfung angewendet. Das in der Terminologie von Singer als „kritisch“ bezeichnete Vorgehen wird üblicherweise auch „Handlungsutilitarismus“ genannt und meint die ausschließliche Bewertung der Einzelhandlung, ohne auf Fallgruppen abzustellen.

2.2.1.1.1 Die „kritische“ Bewertung: der Handlungsutilitarismus

Im System des Handlungsutilitarismus fällt es auf den ersten Blick schwer, ein Tötungsverbot speziell von Personen zu begründen. Im Sinne des hedonistischen Kalküls kann die Tötung jedes Lebewesens, also auch einer Person, durchaus gut sein, wenn aus dieser Tötung in der Gesamtschau der von der Tötungshandlung Betroffenen eine Glückssteigerung folgt. Dem Tod des Diktators etwa steht die neugewonnene Freiheit des von ihm unterdrückten Volkes gegenüber. Und wenn aus einer Tötung gar kein Glück, aber auch kein Leid entsteht, weil die Tötung völlig schmerzfrei erfolgt, besteht aus handlungsutilitaristischer Sicht nur dann ein Grund für eine moralische Verurteilung, wenn die Prognose für das Leben des Getöteten eine positive Glücksbilanz aufweist, das heißt, wenn das getötete Lebewesen in der ihm im Falle des Weiterlebens noch bis zum natürlichen Tode verbleibenden Lebenszeit mehr Glück als Leid erfahren hätte[6].

Nach Singer ist aber auch hier, in dieser Variante des klassisch-hedonistischen Utilitarismus, das personale, nicht zwingend menschliche Merkmal der Selbstreflexion Grund für ein (im Vergleich zur Wertung in präferenzutilitaristischen Systemen nur indirektes, aber immerhin personenspezifisches) Tötungsverbot: weil eine Person in der Lage ist, sich selbst mit anderen Personen und deren Situation zu vergleichen, weil eine Person an die eigene Vergänglichkeit denken und dabei Leid empfinden kann, wird die offene Tötung eines ihr vergleichbaren Wesens sie an ihr eigenes Lebensende erinnern und ihr, der beobachtenden Person - nicht dem Opfer der Tötungshandlung - so Leid zufügen. Weil es diese Leidzufügung, zumal in die Breite all der Personen, die von einer Tötung erfahren können, gedacht, aber zu vermeiden gilt, gilt es auch, die Tötung von Personen entweder zu vermeiden oder so zu bewerkstelligen, dass keine andere Person davon erfährt.[7]

In der Praxis sei die kritische Bewertung jedoch wenig brauchbar. Der Kalkül, der für jede Handlung erstellt werden soll, müsse eine Vielzahl von Einflüssen berücksichtigen, die zu erfassen, zumal in Situationen, in denen schnell gehandelt werden muss, nahezu unmöglich sei.[8]

2.2.1.1.2 Die „intuitive“ Bewertung: der Regelutilitarismus

Die intuitive Bewertung hingegen umgeht dieses praktische Problem, weil die Entscheidungen nicht für jede Handlung neu, sondern für einige bekannte und ethisch relevante Fallgruppen schon im Voraus gefällt wird. Die konkrete Situation muss dann nicht mehr ganz neu bewertet werden, sondern nur korrekt in eine der Fallgruppen subsumiert werden und nach der jeweils gültigen Regel gehandhabt werden.

Dementsprechend gelange bei Prüfung der Regel „Personen sollen nicht getötet werden“ auch der Regelutilitarismus unter Anwendung des oben beschriebenen personalen Arguments zu einem Tötungsverbot speziell von Personen[9], das hier aber unbedingt und generell gilt. Die (Sonder-)Fälle nämlich, in denen die Tötung einer Person von Dritten unbemerkt organisiert werden könnte, werden von der Regel miterfasst[10].

So unproblematisch und einfach in der Anwendung, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, ist das Ergebnis des Regelutilitarismus aber keineswegs. Die Ergebnisse, zu denen man im Regelutilitarismus gelangt, hängen nämlich stark von der speziellen Subsumierung einer bestimmten Handlung unter eine bestimmte Fallgruppe und also auch mit der Bildung dieser Fallgruppe zusammen. Das eigentliche Problem, das sich dabei und im Regelutilitarismus grundsätzlich stellt, ist die Tatsache, dass der Regelutilitarismus keine genauen Anweisungen darüber gibt, wie allgemein eine Fallgruppe mindestens sein muss und wie speziell sie gerade noch sein darf. Deshalb ist beispielsweise auch die Bildung und Überprüfung der Regel „Personen dürfen nicht getötet werden, es sei denn, es ist sichergestellt, dass kein Dritter von dieser Tötung erfährt.“ im Regelutilitarismus denkbar. Die Bejahung dieser Regel nach Prüfung hat aus regelutilitaristischer Sicht zwar generelle Geltung, das sich daraus ergebende Tötungsverbot ist dann aber kein generelles, weil schon die Regel eine Ausnahme vorsieht.

2.2.1.2 Zwischenergebnis

Der klassisch-hedonistische Utilitarismus komme zu einem zwar nur indirekt wirkenden, aber doch speziell Personen betreffenden Tötungsverbot. Das sei ein Hinweis darauf, dass die Unterscheidung zwischen Personen und Nicht-Personen ethische Relevanz besitzt.

2.2.2 Das personale Merkmal im Präferenz-Utilitarismus

Der Präferenz-Utilitarismus ist eine Weiterentwicklung des klassisch-hedonistischen Utilitarismus. Der Unterschied zwischen beiden Systemen liegt darin, dass zur Bewertung einer Handlung nicht allein auf die dadurch beförderte Lust oder Unlust abgestellt wird, sondern vornehmlich auf die Tendenz zur Beförderung von Präferenzen.

[...]


[1] Singer, S. 122

[2] Singer, S. 122, ff.

[3] Singer, S. 123

[4] Singer, S. 119, f.

[5] Singer, S. 126

[6] Singer, S. 137

[7] Singer, S. 124, ff.

[8] Singer, S. 126, f.

[9] Singer, S. 128

[10] ebd.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656316138
ISBN (Buch)
9783656318132
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205347
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Philosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
grundlagen tötungsverbotes peter singers praktische ethik darstellung kritik thesen auswirkungen personenstatus tötungsverbot

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