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Märchen in der Grundschule. Didaktische Überlegungen und Unterrichtsvorschläge

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 34 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Märchen
2.1 Definitionen
2.2 Besondere Merkmale und Kennzeichen des Märchens
2.2.1 Eindimensionalität
2.2.2 Flächenhaftigkeit
2.2.3 Abstraktheit
2.2.4 Isolation und Allverbundenheit
2.2.5 Sublimation und Welthaftigkeit
2.3 Märchenarten
2.3.1 Volksmärchen
2.3.2 Kunstmärchen

3. Entstehung und Geschichte des Märchens
3.1 Kurze Übersicht über die Geschichte des Märchens
3.2 Entstehungstheorien
3.2.1. Einfachursprungstheorie ( Monogenese )
3.2. Mehrfachursprungstheorie ( Polygenese )
3.2.1 Die indogermanische Theorie
3.2.2 Die anthropologische Theorie

4. Ursprüngliche Funktion von Märchen

5. Märchen in Abgrenzung zu benachbarten Gattungen

6. 6. Märchen und Kinder
6.1 Was für Möglichkeiten bieten Märchen Kindern?
6.2 Aktualität von Märchen – Brauchen Kinder Märchen?
6.3 Das Grausame und Böse in Märchen

7. Märchen als Unterrichtsgegenstand in der Grundschule
7.1 Pädagogisch.didaktische Bedeutung des Märchens im Grundschulunterrichts
7.2 Möglichkeiten für den Unterricht

8. Praxisbeispiel
8.1 Kurze Beschreibung der Lernumgebung und der Klasse
8.2 Kurze Beschreibung der Unterrichtseinheit
8.3 Kurze Reflexion der Stunde

9. Zusammenfassung

10. Quellenverzeichnis

Literatur

Internetseiten

1. Einleitung

"Denn nur wenn und weil das Kind in uns lebt, darum lesen, hören und erzählen wir, doch längst den Kinderschuhen entwachsen, oft und gern Märchen, deren Helden nicht reife Frauen und gestandene Männer sind, sondern Kinder. Wenn wir über Kinder und über Märchen nachdenken, so fragen wir im Grunde nach uns selbst. Wir alle sind Menschen und Kinder der Erde, vielleicht sind wir wie manche meinen, nur Waisenkinder einer Welt, die uns stiefmütterlich behandelt, vielleicht aber sind wir auch, was die Märchen erzählen: Kinder des Himmels, Sonnenkinder, Königskinder."[1]

Heinrich Dickerhof

Seit Entdeckung der Märchen als Kinderliteratur durch die Gebrüder Grimm scheint eine Verbindung zwischen Kindern und Märchen zu bestehen.

Bei der Beschäftigung mit dem Thema „Kind und Märchen“ ergeben sich Fragen, die auch ich zum Gegenstand meiner Arbeit machen möchte:

Können Märchen den Kindern bei ihrer Entwicklung eine Hilfe sein? Und wenn, wie kann das geschehen und worauf gründet diese Kraft einer einzelnen kleinen Geschichte, dass sie in der Lage sein kann, den Kindern eine Entwicklungshilfe zu sein?

Sind Märchen nicht viel zu grausam und brutal für ein Kind? Sollte nicht lieber allein schon aufgrund der Brutalität auf das Märchen als Gegenstand des Grundschulunterrichts verzichtet werden?

Diesen Fragen nachzugehen und anschließend versuchen eine Antwort auf diese zu finden, soll Ziel meiner Arbeit sein. Dabei werde ich mich jedoch hauptsächlich auf die Volksmärchen beziehen, da diese die ersten und die bekanntesten Märchen sind, mit denen die meisten Kinder konfrontiert werden. Überhaupt sind es in fast allen Fällen die Volksmärchen, und gerade solche aus der Grimmschen Sammlung der "Kinder und Hausmärchen", welche für die Kinder den ersten Kontakt zur Literatur überhaupt darstellen.

Ich möchte im ersten Teil meiner Arbeit genauer auf das eingehen, was mit dem Terminus „Märchen“ gemeint ist und auf dessen gattungstypische Merkmale, um eine Grundlage für die weiteren Überlegungen zu schaffen.

Im zweiten Teil möchte ich untersuchen wie, wo und wann die Volksmärchen überhaupt entstanden sind und welche Funktion sie ursprünglich erfüllen sollten.

Nach einem kurzen Teil, in dem das Märchen gegenüber benachbarten Gattungen abgegrenzt worden ist, möchte ich mich mit der Beziehung zwischen Märchen und Kindern beschäftigen. Hierbei möchte ich darauf eingehen, welchen Wert ersteres für Kinder haben kann, welche positiven Möglichkeiten Märchen für Kinder zu bieten haben und auf die Frage nach der Aktualität und Notwendigkeit von Märchen in der heutigen Zeit.

Dann möchte ich mich im letzten praktisch orientierten Teil mit dem Märchen als Unterrichtsgegenstand auseinandersetzen und prüfen, ob das Volksmärchen seine Berechtigung in der heutigen Grundschule findet.

2. Märchen

Der Begriff des Märchens ist abgeleitet vom mittelhochdeutschen (das) "maere", was ursprünglich Nachricht oder Botschaft bedeutet und meint Heutzutage im allgemeinen Sprachgebrauch eine "fabula incredibilis".

Die Bedeutung des Märchens ist nicht zu unterschätzen, da es doch die Form von Dichtung ist, mit der der Mensch am frühesten in seinem Leben in Berührung kommt, was durchaus Einfluß auf die Entwicklung des einzelnen haben kann.[2]

2.1 Definitionen

Zum ersten Mal tauchte der Begriff „merechyn“ in einer Erzählsammlung in Leipzig 1450 für eine kurze Erzählung in Versform auf, in der sich immer wieder wundersame Dinge ereigneten.[3]

Der neue Gattungsname "Märchen" ist eine Diminutivbildung des oberdeutschen Worts "maere", und wurde in seiner heutigen Bedeutung und Verständnis vorallem von den Gebrüdern Grimm festgelegt.[4]

Ein Märchen ist eine Erzählform, die vorgibt, Wirkliches darzustellen und die von herausragenden Menschen und Ereignissen berichtet.[5]

Die Bedeutung dieses Wortes erfuhr durch diese Diminutivbildung allerdings einen negativen Wandel. Der Diminutiv wurde auf erfundene, unwahre Erzählungen angewandt, und so entstanden Begriffe, die bis in den heutigen Sprachgebrauch erhalten geblieben sind. Gute Beispiele für diese Begriffe und Äußerungen sind "Lügenmärchen" oder "Erzähl mir doch keine Märchen!"[6]

Heute ist der mittelhochdeutsche Ausdruck Märchen weitgehend wertfrei und bezeichnet eine bestimmte Erzählgattung. Auch in der Schriftsprache hat sich das mitteldeutsche Wort Märchen durchgesetzt.[7]

Schlägt man den Begriff des Märchens im Bertelsmann Lexikon nach, findet man es umschrieben als phantasiereiche Erzählung, die mit Zaubermotiven ausgestattet ist und die im Gegensatz zur Sage in einer zeitlosen Welt spielt.

Tiere und Gegenstände, die in ihr auftreten können sprechen, Menschen in andere Gestalten verwandelt und der Held mit übernatürlichen Helfern, Gegnern und unlösbar scheinenden Aufgaben konfrontiert werden.[8]

Linde Knoch[9] beschreibt das Märchen als einen Ratgeber, der auf viele Lebensfragen Antwort weiss, als einen Sinnstifter, der die Schwierigkeiten des Lebens kennt und offenlegt und als Ermutiger, der die Menschen mit ihren Schwächen und Stärke kennt und Wege aus Gefahren und Problemen zeigt.[10]

Märchen sind wunderbare und rätselhafte kleine Erzählungen, deren Stoff aus mündlicher und volkstümlicher Tradition stammt und bei jeder mündlichen oder schriftlichen Realisierung je nach Erzähltalent und -intention oder nach stilistischen Anspruch anders gestaltet sein können. Fest bleibt jedoch immer der Erzählkern.

Sie spielen an phantastischen Orten und in ihrer unwirklichen Welt werden Naturgesetze außer Kraft gesetzt, es wird gezaubert und verwünscht. Nicht selten tauchen wundersame Gestalten wie Riesen, Feen und Zwerge auf. Der Märchenheld durchlebt viele Gefahrensituationen, in denen er schwierige Aufgaben bewältigen muss. Am Ende wendet sich alles zum Guten und dem Held winkt als Belohnung für die bestandenen Aufgaben Gold, die Hand seiner Geliebten und ein glückliches Leben.[11]

2.2 Besondere Merkmale und Kennzeichen des Märchens

Das Märchen zeichnet ich durch einen klaren Aufbau mit mehreren Episoden sowie durch den Charakter des künstlich-fiktivem aus. Es herrscht ein Miteinander von Wirklichen und Nichtwirklichen, bei dem das Belehrende nur eine kleine Bedeutung zugewiesen bekommen. Ausgangssituation des Märchens ist oft ein ungerechter Zustand; Ziel ist es, diese Störung aufzuheben. Damit entsteht im Märchen eine Dichotomie. Es tritt immer ein gutes und ein böses Prinzip auf. Das gute Prinzip gewinnt zum Ende des Märchens und wird belohnt, das böse Prinzip verliert und wird bestraft.

Das alles führt dazu, dass eine denkbar einfache Weltordnung die Basis darstellt: Das Gute steht dem Bösen gegenüber, das Schöne dem Hässlichen, das Tapfere dem Feigen und das Dumme dem Schlauen. Aus diesem Gegensatz der Eigenschaften erwachsen Konflikte, die der Held dann zu lösen versucht und dies letztendlich auch schafft, indem er eine glückliche Lösung findet. Diese entspricht sowohl dem Wunschdenken des Erzählers als auch dem des Zuhörers. Alle Lösungen zeigen eine ausgleichende Gerechtigkeit und sind damit für den Zuhörer ein Unterschied zu seinen tatsächlichen Erfahrungen mit der sozialen Umwelt, was zur Funktion des Märchens erheblich beiträgt

Nach Max Lüthi[12] sind die Wesens- und Stilzüge des Märchens

- die Flächenhaftigkeit (typisierte Figuren ohne seelische Tiefe),
- die Isolation (u. a. die Helden) und Allverbundenheit ("jenseitige" Helfer der Helden),
- die Eindimensionalität (Diesseitiges und Jenseitiges verkehren selbstverständlich miteinander),
- der abstrakte Stil (präzise Handlungsführung),
- die Sublimation und Welthaltigkeit.[13]

Auf diese von Lüthi genannten Stilmerkmale wird nun im Folgendem genauer eingegangen.

2.2.1 Eindimensionalität

Generell ist das Märchen eine eindimensionale Form des Erzählens, die das Nachvollziehen der Handlung erleichtert. Somit ist auch die Identifikation mit den Hauptpersonen einfacher. Komplizierte, verwirrende Inhalte treten nie auf. Ein Märchen stellt ein Dilemma kurz und pointiert fest. Das Kind befasst sich auf diese Weise also mit dem Problem in seiner wesentlichen Gestalt.

Mit diesem Merkmal wird das Verhältnis der Diesseitigen zu den Jenseitigen beschrieben. Sie begegnen sich im Märchen immer wieder, was aber niemanden verwundert: Für den diesseitigen Märchenhelden ist es nichts Besonderes, auf eine Hexe, einen Zauberer, eine Fee oder ein sprechendes Tier zu treffen. "Damit ist gemeint, dass im Märchen wirkliche und unwirkliche Welt nahtlos ineinander übergehen,..."[14] Das Märchen unterscheidet also nicht zwischen Wirklichkeit und Wunder.

Lüthi verweist dabei immer wieder auf den Unterschied zur Sage und zur Legende, wo ein solches Aufeinandertreffen numinose Neugier oder numinose Angst hervorruft. Im Märchen ist dies nicht so, die Menschen werden zwar auch im Märchen von den sprechenden Tieren oder Zauberwesen unterschieden, sie haben jedoch nicht das Gefühl, "...im Jenseitigen einer andern Dimension zu begegnen."

Die Eindimensionalität des Märchens mit dem fließenden Übergang von Diesseits und Jenseits entspricht der Flächenhaftigkeit seiner Darsteller.[15]

2.2.2 Flächenhaftigkeit

Das Merkmal der Flächenhaftigkeit zieht sich durch die gesamte Darstellung von Personen, Orten, Veränderungen und Handlungen, denn "es gehört zu den charakteristischen Besonderheiten des Volksmärchens, dass nicht geschildert und beschrieben wird."[16]

Alles was im Märchen geschieht, wird also ohne jegliche Tiefengliederung, eben flächenhaft, beschrieben.

Die Personen im Märchen empfinden keinen Schmerz, sie bleiben entweder jung oder alt, schön oder hässlich, und wenn sie hundert Jahre geschlafen haben, sind sie doch um kein Jahr gealtert.

"Einzelheiten werden nur erzählt, wenn sie sehr wichtig sind. Die Charaktere sind nicht einmalig, sondern typisch."[17]

Im Mittelpunkt des Märchens steht meist ein Protagonist, mit dem sich der Rezipient identifizieren soll und um den herum alles andere konstruiert ist.

Alle auftauchenden Figuren im Märchen sind individuell, dies merkt man vorallem an der Namensgebung, die sich oft an äußeren Merkmalen orientiert ( Rotkäppchen ).[18]

Nicht die soziale Schicht, aus der Held und die anderen Figuren stammen, ist für das Märchen bzw. seine Interpretation von Bedeutung, sondern die Konstellation, in der sie zueinander stehen. Der Held ist meist ein "Verlierertyp" (Waise, jüngstes Kind, Stiefkind, armer Handwerker, verzauberter Prinz...) und ist allein und isoliert von Freunden und Verwandten, wenn er Aufgaben zu bewältigen hat. Er erhält allerdings in der Regel fremde, oft unerwartete Hilfe oder agiert mit Figuren, die verschiedene Funktionen haben, wie die böse Stiefmutter als Kontrastfigur.

Das Verhalten dieses Helden folgt ebenfalls einem typischen Schema, das sich auszeichnet durch: den Willen zum Glück, also das Böse zu Überwinden und das Glück zu erlangen und der Nähe zur Natur.

Meistens tritt nur eine Hauptperson auf, damit wird die Aufmerksamkeit des Hörers nicht von anderen Personen abgelenkt. Bei wenigen Märchen, die zwei Hauptpersonen haben, wie z.B. bei Hänsel und Gretel oder Brüderlein und Schwesterlein sind beide Schicksale so eng miteinander verknüpft, dass das Los des einen nicht von dem des anderen zu trennen ist. Der Zuhörer muss sich also auf diese Weise nur mit einem Schicksal identifizieren. Nur der Held, die Person, mit welcher man sich identifiziert, das gute Prinzip, macht im Märchen eine Entwicklung durch, der „Anti-Held“ entwickelt sich nicht weiter, seine Werte bleiben zum Anfang und Ende des Märchens gleich, er lernt im Laufe des Märchens nichts dazu.

"...das Märchen zeigt uns flächenhafte Figuren, nicht Menschen mit lebendiger Innenwelt."[19]

2.2.3 Abstraktheit

Ein wesentliches Merkmal für die Volksmärchen ist der abstrakte Stil.

Mit starren Konturen sind die Figuren, Gegenstände und Umgebungen.

So stößt man im Märchen auch immer wieder auf metallische, mineralische und andere formstarre Materialien, die den Figuren oder Dingen eine feste und eindeutige Form geben. Ebenso wie die Personen und Utensilien klar umrissen sind, ist auch die Linie der Handlung im Märchen mit starken, abstrakten Konturen versehen.

"Die Darstellungs- und Erzählweise namentlich des europäischen Volksmärchen tendiert zur Linie. Dinge und Figuren sind linienhaft gesehen, und der Ablauf der Handlung, die Reihung der Episoden, Sätze und Wörter kann ebenfalls als linear bezeichnet werden."[20]

Aber auch andere Stilmerkmale, die den abstrakten Stil des Märchens ausmachen, lassen sich bei fast jedem Märchen wiederfinden:

Formelhafte Wendungen am Anfang („Es war einmal...") und am Ende („...und wenn sie nicht gestorben sind...") bestimmte Symbolzahlen wie z.B. „drei Wünsche", „drei Aufgaben" oder „sieben Zwerge" , die Gesamtstruktur des Märchens besteht aus einer losen Folge von Bildern, die keine logische Verknüpfung (keine Motive usw.) haben und so isoliert voneinander betrachtet werden können. Die Verknüpfung dieser Einzelbilder geschieht entweder durch Wiederholung oder Kontrast – den zwei charakteristischen Stilmitteln des Märchens.

Die häufig vorkommende dreimalige Wiederholung einer Tätigkeit oder des Aufsagens einer Formel, bietet nicht nur Struktur und Rhythmus, sondern verleiht dem Märchen seine magische, geheimnisvolle Atmosphäre, die nicht nur Kinder in seinen Bann zieht.

"Die abstrakte Stilisierung gibt dem Märchen Helligkeit und Bestimmtheit. Sie ist nicht Armut oder Nichtkönnen, sondern hohe Formkraft. Mit wunderbarer Konsequenz durchdringt sie alle Elemente des Märchens, verleiht ihnen festen Umriß und sublime Leichtigkeit...Rein und klar, mit freudiger, leichter Beweglichkeit erfüllt das Märchen strengste Gesetze."[21]

2.2.4 Isolation und Allverbundenheit

Max Lüthi bezeichnet die Isolation als das "beherrschende Merkmal des abstrakten Märchenstils."[22]

Die Märchenfiguren scheinen zu niemandem zu gehören, und sie haben auch keine festen Bindungen zu anderen Personen. Durch diese Isolation können sie beliebige Verbindungen eingehen, die sie auch wieder lösen können. Diese Fähigkeiten, sich zu isolieren und sich gleichzeitig mit allem verbinden zu können, werden von den Märchenfiguren häufig genutzt. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Helfer im Märchen.

Die Protagonisten müssen eine schwierige Aufgabe lösen und benötigen dabei oft die Unterstützung von Helfern, oft dargestellt von Tieren oder jenseitigen Wesen. Sie knüpfen zu diesen eine Zweckverbindung, und wenn die Aufgabe schließlich erfüllt ist, ziehen die Helden weiter ihres Weges. Der Helfer, dem sie beispielsweise die bestandene Prüfung zu verdanken haben, wird zurückgelassen und nie wieder erwähnt. So wird zum Beispiel Aschenputtel, beim Auflesen der Linsen aus der Asche, von Tauben und vielen anderen Vögeln, unterstützt. Sie bittet sie um Hilfe, und nachdem die Arbeit erledigt ist, verschwinden die Vögel wieder, ohne, dass jemand die wunderlichen Geschehnisse hinterfragt.[23]

Der Grund für dieses merkwürdige Verhalten ist, daß die Märchenfiguren nicht über Wunder staunen, weil es ihnen an Interesse, Gefühl und Neugierde für den anderen und sein Umfeld fehlt.

Zusammenfassend bemerkt Lüthi: "Sichtbare Isolation, unsichtbare Allverbundenheit, dies darf als Grundmerkmal der Märchenform bezeichnet werden."[24]

Unter Isolation versteht Lüthi die Beziehungslosigkeit der Märchenfiguren. Sie sind an nichts gebunden, weder an Heimat oder Freunde, noch an Dinge und Besitz.

Das Fehlen des Staunens der Neugier und Angst verdeutlicht diese Beziehungslosigkeit. Die Märchenfigur hat keine Innenwelt, keine Umwelt, keine Beziehung zu Vor- und Nachwelt und keine Beziehung zur Zeit.

Auch die Darstellung der Handlung ist isolierend. Die einzelnen Elemente brauchen nicht aufeinander Bezug zu nehmen.

Eine äußerliche Isolation der Märchenfiguren ist zum Beispiel durch das Alleine lassen oder Aussetzen immer wieder zu finden.

2.2.5 Sublimation und Welthaftigkeit

Bruno Bettelheim[25] schreibt in seinem Werk "Kinder brauchen Märchen", dass im Märchen "...innere Vorgänge zum Ausdruck gebracht werden...", die erst in der Darstellung der Märchengestalten und Ereignisse verständlich werden.[26] Mit diesen "inneren Vorgänge", meint Bettelheim speziell die unterbewussten Seelenvorgänge der Kinder. Diese werden jedoch nicht offen dargelegt, sondern sublimiert verarbeitet.

Auch andere Themenbereiche, wie alte Riten, Sitten und Gebräuche oder profane und magische Motive, werden auf diese Weise im Märchen angedeutet.

"Das Märchen sublimiert diese dunklen innerseelischen Vorgänge zu lichten Handlungsbildern."[27]

Diese Sublimation verleiht die Möglichkeit, viele wichtige Motive menschlicher Existenz im Märchen unterzubringen.

Dadurch wird dem Märchen eine Art Welthaltigkeit verliehen. Das Volksmärchen birgt in sich viele Probleme und Vorzüge des menschlichen Seins: Werbung um einen Partner, Hochzeit, Eheprobleme, Unfruchtbarkeit, Geschwisterrivalitäten, Mord, Verleumdung, Tod der Eltern oder der Kinder, Stiefelternschaften, ewige Treue, aufrichtige Freundschaft, Hilfe, Verteidigung, plötzlicher Reichtum und unerwartetes Glück bis an das Lebensende. Das Märchen ist in der Lage, all dies unterzubringen, ohne die Themen dabei konkret zu benennen.

Gerade aus diesem Grund sind Märchen für Kinder so interessant, denn sie ähneln der kindlichen Denkweise. Sie öffnen damit nicht nur die Tür für das Interesse am Märchen, sondern können auch dazu beitragen, dass es die Entwicklung betreffenden Erfahrungen machen kann.

2.3 Märchenarten

In der Literatur wird zwischen Volks- und Kunstmärchen unterschieden. Im Folgenden sollen diese Beiden Begriffe näher definiert werden

2.3.1 Volksmärchen

Das Volksmärchen wirft eine Menge von Theorien über seinen Ursprung auf, was verdeutlicht, wie vielgliedrig sich seine historische Entwicklung darstellt. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat der deutsche Romantiker André Jolles das Volksmärchen als eine „Erzählung oder eine Geschichte in der Art, wie sie die Gebrüder Grimm […] zusammengestellt haben“ beschrieben.[28]

Somit wurden die Grimmschen Märchen zum Maßstab bei der Beurteilung von Volksmärchen. Die Brüder Grimm nahmen in ihre Sammlung auf „’was das Volk erzählt’“ und bildeten dadurch eine „volksmündliche Epik“ aus.[29] Märchen sind somit in ihrem Wesen Volkserzählungen, „die in ihrer mündlichen Überlieferung Spiegel der Zeit sind“.[30]

Der Begriff des Volksmärchen geht auf volkstümliches, anonymes Erzählgut zurück und ist eine kürzere volksläufig-unterhaltsame Prosaerzählung von fantastisch-wundersamen Inhalts.

Sie wurden vor der Verschriftlichung von einem Erzähler dem Hörerkreis oft mit ausgeprägter Gestik und Mimik dargebracht. Die mündliche Überlieferung bedingt das Auftreten von abweichenden Textvariationen.

Diese Art der Märchen ist aufgrund ihrer einfachen Strukturen und bildhaften Stils leicht verständlich, was es auch Kindern ermöglicht einen Zugang zu ihnen zu finden.

Volksmärchen wurden lange ausschließlich mündlich überliefert, bis Märchensammler, wie die Gebrüder Grimm oder Ludwig Bechstein diese aufschrieben. Bekannte Beispiele sind: "Rotkäppchen", "Schneeweißchen und Rosenrot", „Der Wolf und die sieben Geißlein“ usw. Hier werden archetypische Bilder verwendet, die sich über Jahrhunderte im allgemeinen Unbewussten eines Volkes gebildet haben.

Auch wenn die Eigenart jedes Volkes und jeder Epoche den Stil der Erzählungen beeinflusst, so kann man doch von einem Grundtyp des europäischen Volksmärchens sprechen.

Das allgemeine Schema, des europäischen Volksmärchens ist ein Konflikt und dessen Lösung. Schwierigkeiten und deren Bewältigung sind Kernvorgänge des Märchens. Dazu gehört der stets gute Ausgang, der ein weiteres Charakteristikum des Märchens darstellt. Inhaltlich werden in fast jedem Märchen wesentliche menschliche Verhaltensweisen und Unternehmungen dargestellt: Kampf, Stellen und Lösen von Aufgaben, Intrige und Hilfe, Schädigung und Heilung, Mord, Gefangensetzung und Befreiung, Werbung und Vermählung, sowie Berührung mit den zauberischen und jenseitigen Mächten. Zu den Themen zählt auch Widerstreit von Schein und Sein, Verkehrung der Situation in ihr Gegenteil und Sieg des Kleinen über den Großen. Paradoxien und Ironie ist für das Märchen charakteristisch.[31]

Max Lüthi nennt als Kennzeichen des europäischen Volksmärchens die beiden Merkmale:

1. Neigung zu einem bestimmten Personal, Requisitenbestand und Handlungsablauf und

2. Neigung zu einer bestimmten Darstellungsart. Neigung zu einem bestimmten Personal, Requisitenbestand und Handlungsablauf[32]

[...]


[1] Dickerhoff, Heinrich: Märchenkinder. Kindermärchen. Forschungsberichte aus der Welt der Märchen. Hrsg. im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft von Thomas Bücksteg und Heinrich Dickerhoff. München: Hugendubel (Diederichs) Verlag 1999, 8

[2] http://www.sagen.at/infos_quellen_links/definitionen.htm

[3] Vgl. Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Gruyter Verlag, Berlin, 2002

[4] Vgl. Freund, Winfried: Das Märchen, Bange Verlag, Hollfeld, 2003, S.9

[5] Vgl. Freund, Winfired: Schnellkurs Märchen, DuMont Literatur und Kunst Verlag Köln, 2005, S.9

[6] Vgl. Bertignoll, Verena: Kinder leben Märchen, Studienverlag, Innsbruck,2006, S.16

[7] Vgl.: Lüthi, Max: Märchen. 9., durchgesehene und ergänzte Auflage bearbeitet von Heinz Rölleke. Stuttgart: J. B. Metzler Verlag 1996,1.

[8] Bertelsmann Bd14 S.6360

[9] geb. 1940, Bibliothekarin, pädagogisch geschulte und ausgebildete Märchenerzählerin, 1995 bis 2001 Vizepräsidentin der Europäischen Märchengesellschaft e. V. in Rheine/Westfalen, Autorin zahlreicher Bücher zum Thema

[10] Knoch, Linde. S. 24

[11] Geister. Oliver S. 12

[12] * 11. März 1909 in Bern; † 20. Juni 1991 in Zürich; war ein Schweizer Literaturwissenschaftler und herausragender Märcheninterpret des 20. Jahrhunderts.

[13] http://www.planet-schule.de/wissenspool/die-brueder-grimm/inhalt/hintergrund/maerchen-definition-abgrenzung-zur-sage-legende-fabel.html

[14] Hetmann, Frederik: Märchenforschung, Märchenkunde, Märchendiskussion. Frankfurt a. M.: Fischer Verlag 1982

[15] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, a. a. O., 12.

[16] Betz, Otto: Das Märchen und das Abenteuer Schönheit. In: Das Märchen und die Künste. Im Auftrag der Europäischen Märchengesellschaft hrsg. von Ursula Heindrichs und Heiz-Albert Heindrichs. Wolfsegg: Röth Verlag 1996, 18.

[17] Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. Ungekürzte Ausgabe. Originalausgabe: New York, 1975. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1999, 15

[18] Vgl. Bertignoli, Verna: Kinder leben Märchen, Studienverlag Innsbuck,2006, S.16

[19] Lüthi, Max. Das europäische Volksmärchen, a. a. O., 16.

[20] Lüthi, Max: Das Volksmärchen als Dichtung. Ästhetik und Anthropologie. Düsseldorf, Köln: Eugen Diederichs Verlag 1975, 53.

[21] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, a. a. O., 36

[22] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, a. a. O., 37

[23] Vgl.: Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, a. a. O., 40.

[24] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, a. a. O., 49.

[25] * 28. August 1903 in Wien; † 13. März 1990; war ein US-amerikanischer Psychoanalytiker und Kinderpsychologe

[26] Bettelheim, Bruno, a. a. O., 33.

[27] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, a. a. O., 66.

[28] Jolles, André: Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz. 2 unveränd. Aufl. Darmstadt 1958, S.219

[29] Braak, Ivo: Poetik in Stichworten. 5.Aufl. Kiel 1974, S.170

[30] Solms, Wilhelm: Das selbstverständliche Wunder; Marburg 1986, S.1

[31] Und wenn sie nicht gestorben sind...Perspektiven auf das Märchen;Helmut Brackert; SVMärchen;Max Lüthi; J.B. Metzler VerlagMärchen aus 1000 und 1 Leben;Thomas Schäfer; Silberschnur

[32] Lüthi, M.: Märchen, Stuttgart 1996; S.25

Details

Seiten
34
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668317154
ISBN (Buch)
9783668317161
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205351
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Bildung im Kindes-und Jugendalter
Note
1,7
Schlagworte
märchen grundschule didaktische überlegungen unterrichtsvorschläge

Autor

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Titel: Märchen in der Grundschule. Didaktische Überlegungen und Unterrichtsvorschläge