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Soziale Angst und Soziale Phobie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 18 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Begriffsdifferenzierung

3) Soziale Ängste und Ängstlichkeiten
3.1) Verlegenheit
3.2) Scham
3.3) Publikumsangst
3.4) Schüchternheit

4) Soziale Phobie
4.1) Symptomatik
4.2) Historische Entwicklung
4.3) Aktuelle Erklärungsmodelle zur sozialen Angststörung
4.3.1) Psychologische Theorien
4.3.2) Psychodynamische Theorien
4.3.3) Neurobiologische Theorien

5) Therapien
5.1) Soziales Kompetenztraining (SKT)
5.2) Entspannungstraining
5.3) Exposition
5.4) Kognitive Umstrukturierung

6) Schluss

7) Bibliographie

1) Einleitung

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sie noch nie spürte: Angst in einer sozialen Situation. Ob in der Schule beim Referat halten, im Studium bei einer mündlichen Prüfung, bei einem Date, in einem Fahrstuhl oder beim Reklamieren im Geschäft – so unterschiedlich diese Situationen auch sein mögen, sie haben alle eines gemeinsam: die Angst, von den anderen negativ bewertet zu werden. Diese Angst kann verschiedene Gefühle auslösen und in Stärke und Form variieren. Doch erst, wenn sie als behindernd oder belastend empfunden wird, kann man möglicherweise von einer Angststörung, einer Sozialen Phobie sprechen.

Als erstes muss diese „normale“ Angst von der krankhaften unterschieden werden. Danach werden die verschiedenen Gefühlszustände der sozialen Angst betrachtet, bevor die Soziale Phobie genauer untersucht wird. Hier werden neben den Symptomen auch die historische Entwicklung bis zu den aktuellen Erklärungsmodellen dargestellt und schließlich verschiedene Therapieansätze vorgestellt werden.

2) Begriffsdifferenzierung

Zu allererst sollte man den Unterschied zwischen ‚Angst’ und ‚Ängstlichkeit’ verdeutlichen: Angst ist ein ‚state’ und Ängstlichkeit ein ‚trait’. Das heißt, Angst beschreibt einen zeitlich begrenzt andauernden Zustand, der von einem situativen Reiz ausgelöst wird. Ängstlichkeit hingegen ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die situationsunabhängig existiert. Eine soziale Angst ist also ein Zustand, der in einem sozialen Kontext ausgelöst wurde, zum Beispiel die Angst, sich während der Theateraufführung zu versprechen (siehe 3.3). Die dispositionelle Schüchternheit ist ein Beispiel für eine soziale Ängstlichkeit (siehe 3.4).

Die Soziale Phobie ist eine Angststörung. Sie ist die „beständige irrationale Angst, die in der Antizipation öffentlicher Situationen entsteht, in denen eine Person von anderen beobachtet werden kann“ (Zimbardo & Gerring, 2004: 669). Wichtig ist, dass bei einer Phobie im Gegensatz zu einer „normalen“ Angst, die Furcht unbegründet oder übertrieben ist.

3) Soziale Ängste und Ängstlichkeiten

Eine soziale Angst kann in unterschiedlichen Situationen und sozialen Kontexten auftreten und hat verschiedene Formen und Ursachen. Ein Mann, der aus Versehen die Damentoilette betreten hat und errötet, verspürt eine andere soziale Angst mit anderer Ursache und anderen Reaktionen als einer, der vor dem Vorstand seiner Firma eine Rede halten muss. Man könnte die verschiedenen sozialen Ängste nach den Situationen unterscheiden, in denen sie auftreten: Schulangst, Prüfungsangst, Bühnenangst, die Angst vor öffentlichem Sprechen, etc. Diese Aufteilung ist jedoch für diese Zwecke nicht sinnvoll, da sich die Ursachen und Erscheinungsformen vermischen und man keine klare Differenzierung erhalten kann.

Buss (1980, 1986) hingegen unterteilt die soziale Angst in vier Gefühlszustände: Verlegenheit, Scham, Publikumsangst und Schüchternheit. Zwar herrscht nicht immer nur eines dieser Gefühle alleine vor, jedoch kann man sie recht gut durch Beobachtung und Befragung, mit Hilfe von Hinweisen und Schlussfolgerungen feststellen und unterscheiden. (vgl. Schwarzer, 1993: 118-119)

3.1) Verlegenheit

Verlegenheit zeigt sich vor allem durch Erröten, ein albernes Grinsen oder verlegenes Lächeln. Aber auch die Bedeckung des Gesichts oder ein Abbruch des Blickkontaktes können Zeichen dafür sein. Der Betroffene hat das Gefühl, sich lächerlich oder tollpatschig zu verhalten und fühlt sich befangen.

Die Ursachen für Verlegenheit liegen in ungeschicktem, fehlerhaftem Verhalten (z.B. eine Kollegin fragen, ob sie schwanger sei, dabei hat sie nur zugenommen), sozialer Hervorgehobenheit (z.B. als einzige Frau in einem Wartezimmer voller Männer sitzen) und Verletzung von Privatheit (wenn einem beispielsweise in einem Gespräch eine sexuelle Vorliebe herausrutscht). Die Situationen müssen objektiv betrachtet nicht immer negativ sein, so kann auch das Geburtstagsständchen oder übertriebenes Lob zu Verlegenheit führen. Diese Ursachen haben alle eins gemeinsam: Sie sind situationsgebunden. Es spielen jedoch auch personale Faktoren eine Rolle, wobei eine „Disposition der Verlegenheit bisher nicht bekannt beziehungsweise nicht erforscht“ (Schwarzer, 1993: 121) ist. Allerdings begünstigt eine dispositionale Schüchternheit die Wahrscheinlichkeit für Verlegenheit – die sozialen Ängste hängen miteinander zusammen. Buss (1980) definiert vier Klassen von Personen, bei denen es wahrscheinlicher ist, dass sie verlegen werden: Menschen, die eine hohe öffentliche Selbstaufmerksamkeit haben, denen soziale Kompetenzen fehlen, durch deren Kultur das Bedecken ihres Körpers angelernt ist und solche, die keine große Bereitschaft zur Selbstenthüllung haben.

Es gibt viele Konsequenzen von Verlegenheit. Zum einen können die Mitmenschen mit Gelächter oder höflichem Ignorieren reagieren, wobei ersteres die Verlegenheit noch verstärkt, letzteres beim Überwinden hilft. Die verlegene Person selbst kann emotional, kognitiv oder auch handlungsorientiert reagieren (vgl. Schwarzer, 1993: 121), indem sie die Situation verlassen will, ihre Hilfe bei etwas anbietet oder sich freiwillig für etwas verpflichtet, um den unangenehmen Zustand zu kompensieren. Auch kann sie ihre körperlichen Reaktionen wahrnehmen und dadurch noch mehr erröten, was sich im schlimmsten Fall gegenseitig aufschaukeln kann. Dies kann dazu führen, dass die Person nicht nur in der jeweiligen Situation mit Verlegenheit reagiert, sondern durch Sensibilisierung schon vorher: Erythrophobie, die Angst vorm Erröten, ist eine Krankheit.

Verlegenheit wird in der Kindheit gelernt. Mit Hilfe von Auslachen, welches als Bestrafung fungiert, lernt das Kind, in welchen Situationen es sich wie verhalten darf und wie nicht. Dass Verlegenheit erlernt ist, zeigt sich auch im kulturellen Vergleich – was in manchen Kulturen zu Verlegenheit führt, ist in anderen Norm, wie zum Beispiel das Aufstoßen nach einem Essen. (vgl. Schwarzer, 1993: 119-122)

3.2) Scham

Scham ist eng mit Verlegenheit verbunden, lässt sich jedoch dadurch abgrenzen, dass sie kein Erröten verursacht, länger andauert und moralbezogen ist. Dem Betroffenen wird ein Fehlverhalten bewusst, woraufhin er sich Vorwürfe macht, von sich enttäuscht ist und sich mit Selbstverachtung straft.

Die Ursachen von Scham liegen in unmoralischem Verhalten, dem Nichterfüllen von sozialen Erwartungen und dem offensichtlichen Nichterreichen bestimmter Leistungsziele. Scham tritt meistens in einem sozialen Kontext auf. Hat man jedoch eine sehr hohe öffentliche Selbstaufmerksamkeit, kann man sich auch schämen, wenn man alleine ist – die Vorstellung, dass andere davon erfahren könnten oder wie sie reagieren würden, reicht aus. Man schämt sich, wenn man andere mit seinen schlechten Leistungen enttäuscht hat oder gewissen Erwartungen nicht entspricht (z.B. bei schlechten Noten gegenüber der Eltern oder Lehrer). Auch Egoismus kann Ursache für Scham sein, da ein egoistisches Verhalten gegen die soziale Norm verstößt. Zu diesen situationsbedingten Ursachen kommen noch Stigmata wie körperliche Merkmale oder Ereignisse in der Vergangenheit, von denen man nicht möchte, dass sie jemand erfährt. Wichtig ist die „internale Attribution der Ereignisse“ (Schwarzer, 1993: 123): Dass man selbst für den Fehler verantwortlich ist oder anderen einen für verantwortlich halten.

Die negativen Konsequenzen von Scham sind ein Verlust an Selbstwertschätzung, Selbstverachtung, Schüchternheit und der Versuch der Vermeidung von weiteren „Enthüllungen“. Positiv sind allerdings die motivationalen Folgen, wenn man beispielsweise mangelnde Anstrengung als Ursache sieht und sich daraufhin mehr anstrengt, um sich nicht erneut schämen zu müssen.

Auch Scham wird bereits im Kindesalter erlernt. Ab einem gewissen Alter steht dem Kind die Liebe der Eltern nicht mehr bedingungslos zur Verfügung, es muss sie sich durch sein Handeln verdienen. Handelt es einer von den Eltern erschaffenen Regel oder eines erwarteten Zieles zuwider, wird ihm die Liebe vorübergehend entzogen. Es lernt durch die erfahrene Verachtung der Eltern, sich in diesen Situationen selbst zu verachten. (vgl. Schwarzer, 1993: 122-125)

3.3) Publikumsangst

Der Vergleich zwischen einer Theateraufführung und unserem Alltagsleben ist nicht erst seit Shakespeares As You Like It bekannt, in dem es heißt: „All the world’s a stage, and all the men and women merely players. They have their exits and their entrancees; And one man in his time plays many parts“ [zitiert nach: Leary & Kowalski, 1998: 1]. Auch Erasmus von Rotterdam schrieb schon im 15. Jahrhundert: “What after all is human life if not a continuous performance in which all go about wearing different masks, in which everyone acts a part assignedto him until the stage director removes him from the boards?” [zitiert nach: Leary & Kowalski, 1998: 1.] Von daher ist es nicht verwunderlich, dass wir im Alltagsleben in vielen Situationen die gleiche Angst empfinden, wie ein Theaterschauspieler oder Sänger vor bzw. während seines Auftritts.

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Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656319504
ISBN (Buch)
9783656322580
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205545
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Schlagworte
soziale angst phobie

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Titel: Soziale Angst und Soziale Phobie