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Alternativmedizin und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft

Doktorarbeit / Dissertation 2009 266 Seiten

Soziologie - Medizin und Gesundheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

THEORETISCHER TEIL

Zusammenfassung/Abstract

Einführung in die Thematik

1. Begriffe und Perspektiven
1.1 Gesundheit
1.1.1 Der Begriff Gesundheit
1.1.2 Die Salutogenese nach Antonovsky
1.1.3 Die Bedeutung der Gesundheit
1.1.4 Die Entstehung und Entwicklung des Gesundheitssystems
1.2 Krankheit
1.2.1 Der Begriff Krankheit
1.2.2 Das kybernetische Krankheitsprinzip
1.2.3 Die Bedeutung von Krankheit
1.3 Medizin
1.3.1 Das Wesen der Medizin
1.3.2 Heilung in der Medizin
1.3.3 Die soziale Dimension in der Medizin

2. Medizinsysteme
2.1 Schulmedizin
2.1.1 Der Begriff Schulmedizin
2.1.2 Konzepte und Prinzipien der Schulmedizin
2.1.2.1 Evidence Based Medicine
2.1.2.2 Der Placebo-Effekt
2.1.3 Kritische Auseinandersetzung mit der Schulmedizin
2.2 Alternativmedizin
2.2.1 Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Ganzheitsmedizin
2.2.2 Klassifikationen alternativmedizinischer Therapieverfahren
2.2.3 Entwicklung der Alternativmedizin – ein Abriss
2.2.4 Bekannte alternativmedizinische Therapieverfahren
2.2.4.1 Naturheilkunde
2.2.4.2 Akupunktur
2.2.4.3 Traditionelle Chinesische Medizin
2.2.4.4 Homöopathie
2.2.5 Konzepte und Prinzipien der Alternativmedizin
2.2.5.1 Zur Wirkung der Alternativmedizin
2.2.5.2 Alternativmedizin und Esoterik
2.2.6 Kritische Auseinandersetzung mit der Alternativmedizin
2.3 Das Spannungsfeld zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin
2.3.1 Medizin als Kunst oder Wissenschaft?
2.3.2 Zum Problem des Wirksamkeitsnachweises alternativmedizinischer Therapien
2.3.3 Zum Umgang und Einsatz alternativmedizinischer Therapien
2.3.4 Zur offiziellen Anerkennung alternativmedizinischer Therapien
2.4 Zusammenfassende Schlussbetrachtung

3. Medizin als Spiegelbild unserer Zeit
3.1 Paradigmenwechsel in der Medizin
3.1.1 Der Begriff Paradigma
3.1.2 Das Wesen eines Paradigmas
3.1.3 Die Entwicklung eines Paradigmas
3.2 Das Paradigma zwischen Medizin und Gesellschaft
3.2.1 Wandel von Medizin oder Gesellschaft?
3.2.2 Die Problematik eines Paradigmenwechsels
3.2.3 Das neue Paradigma in der Medizin
3.3 Zusammenfassende Schlussbetrachtung

4. Alternativmedizin und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft
4.1 Medizin und Gesellschaft
4.1.1 Gesellschaftliche Einflüsse auf die (Alternativ)Medizin
4.1.2 Gesundheitsverhalten und –trends
4.1.3 Das gute Geschäft mit der Alternativmedizin
4.2 Die Nutzer alternativmedizinischer Therapien
4.2.1 Charakteristika und Denkweisen der Nutzer
4.2.1.1 Die Nutzertypen
4.2.1.2 Die Soziologie der Kranken
4.2.2 Anforderungen und Erwartungen an die (Alternativ)Medizin
4.2.2.1 Die Patienten-Arzt-Beziehung
4.2.2.2 Heilung und Spontanheilung
4.2.3 Was führte zur Vertrauenskrise?
4.2.4 Beweggründe für die Inanspruchnahme alternativmedizinischer Therapien
4.3 Zusammenfassende Schlussbetrachtung

5. Neue Dimensionen in der Medizin
5.1 Die Medizin der Zukunft
5.1.1 Die Stellung der Alternativmedizin im Gesundheitssystem
5.1.2 Kooperation von Schulmedizin und Alternativmedizin
5.1.3 Perspektivenwechsel in der Medizin
5.1.4 Die Zukunft der Alternativmedizin
5.2 Ein Modellversuch
5.2.1 Radiästhesie – eine Einführung
5.2.1.1 Werkzeuge der Radiästhesie
5.2.1.2 Geopathogene Störzonen
5.2.1.3 Konzepte und Prinzipien der Radiästhesie
5.2.2 Geschichte der Radiästhesie
5.2.3 Forschungsergebnisse zur Radiästhesie
5.2.4 Medizin und Radiästhesie
5.3 Zusammenfassende Schlussbetrachtung

EMPIRISCHER TEIL

6. Studiendesign und Forschungsmethodik
6.1 Die quantitative Untersuchung
6.1.1 Der Fragebogen
6.1.2 Datenzugang und Datenerhebung
6.1.3 Ziele und Fragestellungen der Studie
6.2 Untersuchungsergebnisse
6.2.1 Beschreibung der Stichprobe
6.2.2 Gesundheitszustand und Erfahrungen mit der Schulmedizin
6.2.3 Einstellung zur und Kenntnisse über die Alternativmedizin
6.2.4 Die Nutzer der Alternativmedizin
6.2.5 Zur Wirksamkeit der Alternativmedizin
6.2.6 Zur Bewertung der Alternativmediziner
6.2.7 Zur Nutzung, Wirkung und Erwartung
6.2.8 Die Informationsquellen
6.2.9 Zur Wissenschaftlichkeit und Zukunft der Alternativmedizin
6.2.10 Zur Wertigkeit der Alternativmedizin
6.3 Zusammenfassende Schlussbetrachtung

7. Reflexion

8. Anhang
8.1 Begriffserklärungen
8.2 Abbildungen zur Theorie
8.2.1 Ordnung – Chaos. Das Denkmodell der Quantenlogik
8.2.2 Merkmale des Maschinenparadigmas in der Medizin
8.2.3 Hippokratische Trias des ärztlichen Mandats
8.2.4 Die Körper-Geist-Seele-Einheit, das Wesen des Menschen
8.2.5 Klassifizierung komplementärmedizinischer Therapieverfahren
8.2.6 Taiji – das „individuelle“ Symbol für Yin und Yang
8.2.7 Kriterien für die Unterscheidung medizinischer Richtungen
8.2.8 Indikationspyramide für die alternative Medizin
8.2.9 Ursachen einer gestörten Arzt-Patienten-Beziehung
8.2.10 Indikationen für Naturheilverfahren
8.2.11 Schematische Darstellung der Netzgitter
8.3 Abbildungen zur Empirie
8.4 Tabellen zur Empirie
8.5 Der Fragebogen
8.6 Literatur- und Quellenangaben
8.6.1 Bücher
8.6.2 Zeitschriften
8.6.3 Internetadressen

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Alternativmedizin und ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz. Sie analysiert, warum sich eine Heilkunde, deren Methodik nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen beruht, die nur in wenigen Fällen einen klinischen Wirksamkeitsnachweis erbringen kann und deren Vertreter häufig keine medizinische Grundausbildung vorweisen können, zunehmender Beliebtheit erfreut.

Die Ursachen dafür liegen in der Entwicklung der Schulmedizin, die den veränderten Bedürfnissen und den Erwartungen der Patienten nicht im erforderlichen Ausmaß genügt. Dies umso weniger, als der gesellschaftliche Wandel der Gesundheitsprävention und der Empathie für den Patienten einen bedeutenden und stetig zunehmenden Stellenwert beimisst.

Der Schulmedizin, die allgemein anerkannte Errungenschaften und Erfolge in nahezu allen ihren Disziplinen vorweisen kann, wird der mechanistische Umgang mit den Patienten und ihr hoher Grad an Spezialisierung vorgeworfen. Dadurch gehe der Blick auf den gesamten Menschen verloren und durch die primäre Fokussierung auf die Krankheit wurden der Kranke und dessen Bedürfnisse vernachlässigt. Zudem lösen der Einsatz technischer Diagnoseverfahren („Apparatemedizin“) und die nebenwirkungsreichen medikamentösen Therapien (Antibiotika, Kortison oder Zytostatika) bei vielen Menschen Unbehagen und Misstrauen aus.

Die Alternativmedizin gewinnt durch den Ruf, sanft, natürlich und nebenwirkungsarm zu sein, und wird von ihren Nutzern, zu denen primär Frauen mittleren Alters aus einer höheren Bildungsschicht zählen, deswegen sowie aufgrund ihrer Patientenorientiertheit und Ganzheitlichkeit, aber besonders wegen der aktiven Einbeziehung des Kranken in das ärztliche Beratungsgespräch und als Informationsquelle für gesundheitsrelevante Fragen sehr geschätzt. Ihre Wirkung kann auf die Stimulation der organischen Regulationsmechanismen, auf einen Placebo-Effekt, hervorgerufen durch die Persönlichkeit des Therapeuten, dessen Therapieverfahren oder Behandlungsumfeld, oder auf den Glauben des Patienten an die heilende Wirkung zurückgeführt werden. Der moderne Patient hat nicht nur den Wunsch nach kurativer Hilfe, sondern auch nach psychologischer und emotionaler Unterstützung, ein Bedürfnis, dem die Alternativmedizin derzeit wesentlich besser als die Schulmedizin nachkommt. Durch ihren zurückhaltenden Einsatz bei bestimmten Indikationen wie chronischen Erkrankungen, Befindlichkeitsstörungen, zur Prävention sowie zur Erhaltung bzw. Erreichung des Wohlbefindens entlastet sie die Vertreter der Schulmedizin und damit auch das Gesundheitsbudget, weil ihre Leistungen von der sozialen Pflichtversicherung derzeit nicht abgedeckt werden.

Kranksein passt nicht in das Weltbild einer Gesellschaft, in der Gesundheit, Schönheit und Leistung zählen und sich die Menschen das Kranksein nicht mehr leisten können und wollen. Die Gründe dafür liegen in der Gefahr einer Kündigung wegen eines zu langen oder wiederholter Krankenstände, der sozialen Ausgliederung und einer damit verbundenen gesellschaftlichen Stigmatisierung.

Ein neu zu definierendes Paradigma wird die Anwendung beider Medizinsysteme einschließen müssen. Aus diesem Grund sind die Vertreter der Schul- und Alternativmedizin aufgerufen, aufeinander vorurteilsfrei zuzugehen, nach wechselseitigen Ergänzungspotentialen zu suchen und die Vorteile der jeweiligen Methode anzuerkennen, ohne sie ihres Nachteils wegen zu diskreditieren. So ist zu hoffen, dass die „Medizin der Zukunft“ den Bedürfnissen des modernen Menschen in der Gesundheitsprävention, bei Befindlichkeitsstörungen und der Behandlung von Erkrankungen besser als die Anwendung polarisierender und konkurrierender Ideologien mit der Synthese beider Medizinsysteme entgegenkommen wird.

Abstract

The present paper deals with the alternative medicine and its acceptance in society. It shows why a system of medicine with methods that are not based on scientific principles, with little clinical evidence of effectiveness and with representatives without basic education in conventional medicine is becoming very popular.

The reasons are found in the development of the conventional medicine which does not satisfy the modified needs and expectations of patients to the required extent – and that even more, as due to the social change a significant and ever increasing importance is given to health prevention and empathy with the patient.

It is true that orthodox medicine can show broadly recognized achievements and successes in almost every medical discipline. However it is often accused of its mechanistic treatment of patients and its ever increasing specialization; the viewpoint of man as a whole entity will be lost and the primary focus on sickness does neglect man and his needs; furthermore, the use of technical diagnostic methods and medication with lots of side effects (antibiotics, cortisone or zytostatics) cause unease and distrust in many people.

Alternative medicine is gaining through its reputation to be soft, natural and without many side effects and is mainly used by middle-aged women of higher education classes. The reasons for its popularity are the orientation towards the patient, the holistic approach, the active integration of the sick person into the medical consultation and the utilization as information source for questions concerning health. Their effects can be attributed to the stimulation of self-healing mechanisms, the placebo effect (produced by the personality of the therapist, his methods and environment) or the belief of the patient in their healing effects. Today’s patient desires curative help, but also psychological and emotional support – a need that alternative medicine can satisfy to a higher degree than orthodox medicine. Due to its restrained medication for certain indications such as chronic illness or disturbed well-being and its prevention, preservation and attainment of well-being, alternative medicine relieves the representatives of the orthodox medicine and the health budget, because its services are currently not covered by the obligatory social insurance.

Sickness is not really accepted in a society which appreciates health, beauty as well as efforts and performance, and people are neither able nor willing to afford it. They risk dismissal due to long or repeated sickness absence, social exclusion and subsequent stigmatization.

A newly defined paradigm has to include both systems of medicine. Representatives of conventional and unconventional medicine are encouraged to approach each other without prejudice, to look for mutual improvement potentials and to recognize the advantages of the other method without discrediting. We can hope that the “medicine of the future” with a synthesis of both medicine systems better meets the needs of modern man in health care, disturbed well-being and the treatment of sicknesses than the adaptation of polarizing and competing ideologies.

Einführung in die Thematik

Seit einigen Jahren ist eine andauernde tief greifende Krise im österreichischen Gesundheitswesen zu beobachten, da es den anscheinend überzogenen Erwartungen der Menschen in Prävention und Therapie kaum genügen kann und dennoch die Grenzen seiner finanziellen Dotierung überschreitet. Die Pharmafirmen sehen sich gezwungen, neue Medikamente zu entwickeln oder gering modifizierte Präparate als Innovationen auf den Markt zu bringen. Deren Nebenwirkungen sind zuweilen problematisch, weshalb sie dann gelegentlich auch wieder „vom Markt“ genommen werden müssen.

Den Vertretern der Schulmedizin wird mangelnde menschliche Zuwendung vorgeworfen und die Fähigkeit abgesprochen, den Zivilisationserkrankungen kompetent zu begegnen. Die Schulmedizin sei in diesem Bereich nur mit der Bekämpfung der Symptome befasst, wodurch neue Leiden entstünden (vgl. STUDER, 1995).

Als mögliche Ursachen für Zivilisationserkrankungen, wie etwa Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Burn-out, werden die sich ständig verändernden Lebensumstände und Belastungen genannt, denen die Menschen ausgesetzt sind und für die die Medizin eine erhebliche Herausforderung darstellen.

Diese Herausforderung ist inzwischen auch immer größer geworden, da die Weiterentwicklung nicht nur seitens der Medizintechnik, sondern auch jener der „Psychologie“ in der Betreuung der Patienten[1] erwartet wird.

Will man diese Veränderung zusammenfassen, so glaubt man allgemein seit der Aufklärung, der Mensch sei selbständig und in der Lage, eigenverantwortlich zu handeln. Der Medizin kommt aber nicht die Aufgabe zu, die Menschen zu belehren oder gar zu einem „gesünderen“ Leben zu veranlassen, indem sie ihnen Verbote (Rauchverbot) auferlegt und Ernährungsrichtlinien empfiehlt (zur Gewichtsreduzierung, gegen Hypertonie etc.). Häufig wird das als Einschränkung persönlicher Freiheit bezeichnet und bewirkt das paradoxe Dilemma zwischen Freiheit und Lebensqualität, wie es der Heidelberger Jurist Paul KIRCHOF im Rahmen des Kongresses „Das Paradigma der Medizin im 21. Jahrhundert“ am 3. März 2006 in Salzburg ausführte.

Die Selbstbestimmung des Menschen in der Medizin soll als zentrales Thema behandelt werden, setzt aber ein Minimum an medizinischen Kenntnissen bzw. Basiswissen über den menschlichen Körper und dessen Funktionen sowie vernunftorientiertes Handeln voraus, um nicht das Opfer unbestimmten Neigungen und Schwächen zu werden.

Alternative Heilmethoden sind derzeit kein Bestandteil unseres etablierten Gesundheitssystems, werden aber von „Hilfesuchenden“ immer häufiger in Anspruch genommen. Rund 60% der österreichischen Patienten haben bereits Erfahrungen damit gemacht (vgl. TRNKA, 2009). Erstaunlicherweise werden die Aufwendungen dafür gern und ohne Widerstand getragen, wohingegen vorausgesetzt wird, dass diagnostische und therapeutische Verfahren der Schulmedizin insgesamt kostenfrei sind.

Die große Nachfrage nach einschlägigen Ratgebern, vor allem wenn diese medial präsent sind, bestätigt diesen Trend. Etwas mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung (vgl. Schweiger, 2003) – Tendenz steigend – nimmt ihre Dienste gerne an. „Der Markt boomt“ und die Interessenten für diese so genannte „Außenseitermedizin“ können bereits aus einem breiten Spektrum an unterschiedlichen Methoden, nämlich ihrer Lebensanschauung entsprechend, die für sie geeignete alternative Behandlungsmethode auswählen.

Diese Tatsache wirft die Frage nach den Defiziten der Schulmedizin auf, die trotz ihrer Leistungsfähigkeit und ihres (wissenschaftlichen) Fortschrittes erheblicher Kritik ausgesetzt ist und von manchen Patienten teilweise oder sogar zur Gänze abgelehnt wird. Mit dem Auftreten der Alternativmedizin scheint die konventionelle Medizin in der Erwartung der Patienten unzureichend zu sein. Deshalb wird nach einer Ergänzung oder Alternative gesucht. Nun können alternativmedizinische Behandlungsmethoden ebenfalls helfen; sie können - zum Teil - auch zu einer subjektiven Linderung von Beschwerden führen, ja sogar zu einer Form passagerer Heilung, die die Schulmedizin in dieser Form nicht oder nur selten bietet. Ein 100%iger Therapieerfolg existiert jedoch weder in der konventionellen noch in der „unkonventionellen“ Medizin. Zudem sind chirurgische Verfahren immer mit Risiken verbunden. Die Medizin ist leider keine exakte Wissenschaft, die garantierte Erfolge und Ergebnisse anbieten kann. Die Gründe dafür liegen nicht nur in der Komplexität des Organismus – eben keine Maschine (LA METTRIE) oder ein unendlich komplizierter und in seinen Interaktionen undurchschaubarer Mechanismus, sondern auch in der Psyche des Patienten und dessen Einbindung in das soziale Umfeld. Zudem ist auch hinzunehmen, dass dem Arzt genauso physische und psychische Grenzen gesetzt sind. Eine schulmedizinische Abklärung des Kranken durch den Arzt sollte jedoch als vorrangiges Prinzip gelten. Der Verzicht auf die Anwendung moderner Diagnoseverfahren, wie das Erstellen eines Blutbildes oder die Durchführung eines EEGs (Elektroenzephalogramm), EKGs (Elektrokardiogramm), eines Röntgens, eines MRTs (Magnetresonanztherapie), einer Computertomografie oder interner Untersuchungen wird als fahrlässig betrachtet, da anhand dieser Diagnoseverfahren bereits bei Früherkennung von schweren Erkrankungen (Karzinomen etc.) weitere schulmedizinische Schritte unternommen werden können.

Doch trotz dieser Weiterentwicklung im Bereich der Diagnostik und Therapie wird Kritik an einer Schulmedizin geübt, die sich zu sehr auf Daten und Fakten konzentriert und dabei die menschliche Zuwendung vernachlässigt. Leider muss man einräumen, dass das Wissen und die Erfahrung der Schulmedizin (hard skills) alleine nicht immer zum gewünschten Erfolg führen, sondern für den Heilungsprozess oft auch soft skills, wie die Empathie des behandelnden Arztes sowie eine professionelle Kommunikation zwischen Arzt und Patient notwendig sind. Die Kunst des Heilens besteht daher in einer Symbiose von hard und soft skills, was von der Schulmedizin als durchaus erreichbares Ziel gesehen werden kann, aber der Alternativmedizin in dieser Form nicht gelingen kann.

Der Entschluss, mich im Rahmen meiner Dissertation mit diesem Thema zu befassen, wurde durch die zunehmende Popularität alternativmedizinischer Heilmethoden angeregt, obwohl die Schulmedizin auf hervorragende Erkenntnisse in der Erforschung, Diagnostik und Therapie physischer Krankheiten zurückblicken kann. Aufgrund des demografischen Wandels werden die Menschen immer älter, aber dank medialer Aufbereitung auch gesundheitsbewusster, obwohl die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit teilweise auch mit (hohen) privaten Kosten verbunden sind, die weder von den Krankenkassen noch von (allen) Versicherungen vollständig übernommen werden.

Das Ziel meiner Arbeit besteht darin, herauszufinden, in welchem Ausmaß und warum die Alternativmedizin seit geraumer Zeit eine so hohe Akzeptanz in der Gesellschaft findet, obwohl ihre Methoden weder mit denen der modernen Wissenschaften noch mit einem aufgeklärten Weltbild kompatibel erscheinen. Handelt es sich hier um ein Phänomen nach Rousseau – Zurück zur Natur, Naturheilkunde statt „Hard Core-Medizin“? Welche Anforderungen muss daher ein medizinisches System bzw. eine Behandlungsmethode erfüllen, um von der Gesellschaft weitergehend anerkannt zu werden als dies heute der Fall ist?

Anhand der kritischen Bestandsaufnahme von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialpsychologischen Phänomenen wird eine Erklärung für diese Entwicklung in der Medizin nötig. Es drängt sich hier die berechtigte Frage auf, ob unser Medizinsystem immer weniger zufrieden stellt, ob die Ausbildung der Ärzte mangelhaft ist oder ob die Medien eine derartig große Breitenwirkung haben, die zu diesem beachtlichen Erfolg der Alternativmedizin führ(t)en (makrosoziologische Ursachen). Oder ist es die Wirksamkeit der alternativmedizinischen Behandlungsmethode, die Persönlichkeit des Arztes/Therapeuten bzw. dessen Charisma oder persönliche Zuwendung (mikrosoziologische Ursachen)? Auch die Vermittlung von Glauben und Hoffnung durch den Alternativmediziner, womit die wissenschaftlich orientierte Schulmedizin nur begrenzt dienen kann, könnte einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Psyche und Physis des kranken Menschen ausüben. Daraus resultiert die Frage nach der Bedeutung von Esoterik und Spiritualität in der Alternativmedizin. Hilft etwa Esoterik mehr als Aspirin?

Das Ziel jedes Medizinsystems sollte allerdings immer das Gleiche sein, nämlich die Erlangung des physischen und psychischen Wohlergehens des Patienten, und es sollte im Ermessen des Individuums liegen, inwieweit dafür wissenschaftlich geprüfte, esoterische, spekulative oder spirituelle Hilfen in Anspruch genommen werden können.

Was müsste also die Schulmedizin unternehmen, um an Akzeptanz und Attraktivität zu gewinnen? Verliert die klassische Medizin ihren Gegner, sobald sie alle Krankheitsbilder inklusive der Befindlichkeitsstörungen, bei denen die Alternativmedizin häufig Erfolg versprechend agiert, abdecken kann oder kommen bei diesen Überlegungen auch andere Elemente ins Spiel? Befindet sich etwa die Schulmedizin in einer Krise?

Aufgrund der Beschäftigung mit diesem Thema erwarte ich zudem Aufschlüsse darüber, ob die Ursache für die hohe Akzeptanz der Alternativmedizin in der Entwicklung der Medizin bzw. des Gesundheitssystems oder in den wachsenden Anforderungen der Gesellschaft an die Medizin liegt. Seit wann kann dieses große Interesse an alternativmedizinischen Behandlungsmethoden beobachtet werden? Gab es Auslöser dafür?

Diese Arbeit befasst sich nicht nur mit den Ursachen für den Erfolg der Alternativmedizin, sondern auch mit den Konsequenzen für die Schulmedizin und das gesamte Gesundheitssystem.

Im letzten theoretischen Teil möchte ich daher zur Diskussion stellen, ob eine systematische Zusammenarbeit oder sogar Integration beider medizinischer Grundkonzepte grundsätzlich möglich, sinnvoll und erwünscht ist. Aufgrund der breiten Anerkennung der Alternativmedizin in der Öffentlichkeit drängt sich die Frage auf, wie auf dieses Phänomen zu reagieren sei. Gewinnt die Alternativmedizin dadurch einen neuen, besseren Stellenwert im Gesundheitswesen?

Ich freue mich, mich im Rahmen meines Doktoratsstudiums für Philosophie mit diesem sehr kontrovers diskutierten Thema befassen zu können, und hoffe damit, den Ausübenden und Anhängern von Schul- und Alternativmedizin Verständnis sowie Akzeptanz für die jeweils andere Methode näher bringen zu können.

1. Begriffe und Perspektiven

Das Thema Gesundheit bewegt seit einigen Jahren die gesamte Gesellschaft. Das Gesundheitssystem stößt in Österreich an die Grenzen seiner Finanzierbarkeit. Es mag zwar beruhigend klingen, dass es sich hierbei um kein isoliertes Phänomen handelt und auch andere Industriestaaten davon betroffen sind, doch löst es damit nicht das eigentliche Problem. Ein Umdenken verbunden mit einer Umorientierung und Verhaltensänderung seitens der Ärzteschaft, aber auch der Patienten ist unumgänglich. Doch sind es die Patienten, makroökonomisch gesehen die Gesellschaft, die hier die Richtung vorgeben und auf deren Wünsche und Bedürfnisse die Medizin mit ihren Vertretern einzugehen hat. Immer mehr Menschen mit chronischen und psychosomatischen Erkrankungen wenden sich, enttäuscht von der Schulmedizin, der Alternativmedizin zu und hoffen dort auf eine Verbesserung ihres Gesundheits- bzw. Krankheitszustandes und vereinzelt auch auf Heilung.

Was unter den Begriffen Gesundheit, Krankheit und Heilung verstanden wird und welche Bedeutung diesen im gesellschaftlichen Kontext des 21. Jahrhunderts zukommt, wird im folgenden Abschnitt in groben Zügen beschrieben und möchte den Leser zum eigentlichen Thema, das sich mit der Frage nach der Akzeptanz der Alternativmedizin in der Gesellschaft befasst, hinführen.

1.1 Gesundheit

Gesundheit hat für viele Menschen einen unschätzbaren Preis und rangiert bei Meinungsumfragen stets unangefochten an der Spitze der Wertehierarchie unserer Gesellschaft (vgl. STÖHR, 2001).

Sie gilt als Voraussetzung für Leistungsfähigkeit und -willigkeit und wird daher auch als öffentliches Gut betrachtet. Dem muss hinzugefügt werden, dass zwischen den beiden Polen Gesundheit und Krankheit, die für die Grenzziehung relevant sind, ein sehr umfangreicher Zwischenbereich existiert. Je nachdem, wo sich der Patient auf diesem Kontinuum befindet, besteht das Ziel mehr in der Gesundheitsförderung oder mehr in der Krankheitsbekämpfung. Diese beiden Pole gelten jedoch nicht nur als Gegenspieler von Regulation und Fehlregulation, sondern sind auch von gesellschaftlichen Normen geprägt, denen im Krankheitsfall bzw. beim Genesungsprozess eine entscheidende Bedeutung zukommt (vgl. SIEGRIST, 1995).

Das Interesse der Forschung besteht daher nicht nur in der Abwehr von Krankheit, sondern auch in der Prävention, d.h. der Unterstützung von Gesundheit, was auch für gesellschaftliche Strukturen und Werte von Bedeutung ist (vgl. HESSE, 2001).

1.1.1 Der Begriff Gesundheit

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte Gesundheit im Jahr 1947 als „Zustand vollkommenen physischen, sozialen und geistigen Wohlbefindens und nicht allein das Freisein von Krankheit und Behinderung“ (WHO, 2006, http). Würde diese Definition wörtlich genommen werden, würde man auf der Suche nach einem vollkommen gesunden Menschen scheitern, sondern (fast) ausschließlich auf genesungsbedürftige Individuen stoßen. Dem muss hinzugefügt werden, dass sich auch ein mit einer Krankheit oder einer Behinderung lebender Mensch gesund bzw. in seinem Körper wohl fühlen kann. Daher ist zwischen der Krankheitsgeschichte (z.B. das Herz als krankes Organ) und der Krankengeschichte des Menschen (z.B. der Herzkranke Mensch als Person) zu unterscheiden.

Tatsache ist, dass Gesundheit nicht messbar ist, weil es sich um einen Zustand der inneren Angemessenheit und Übereinstimmung mit sich selbst handelt. Würden die Menschen aufgefordert werden, sich nach festgelegten Parametern für Gesundheit einzustufen, würde dieser Aufruf alleine krankmachende Wirkungen hervorrufen (vgl. DORSCHNER, 2004, http).

UNGER (2007) betrachtet Gesundheit als harmonische Balance zwischen Körper, Geist und Seele bzw. als subjektives Wohlbefinden ohne Erkrankung, wonach alle Menschen streben. Richtig bewusst wird den Menschen dieser unschätzbare Wert der Gesundheit aber erst dann, wenn sie unter einer Krankheit leiden.

Nach SIEGRIST (1995) werden Gesundheit und Krankheit in drei verschiedene Bezugssysteme eingeordnet:

- Bezugssystem der betroffenen Person, die sich gesund bzw. krank fühlt
- Bezugssystem der Medizin, in dem Gesundheit und Krankheit als Erfüllung oder Abweichung von objektivierbaren Normen physiologischer Regulationen betrachtet wird
- Bezugssystem der Gesellschaft, die mit Krankheit Leistungsminderung und Hilfestellungen in Form von Krankschreibungen oder Versicherungsleistungen verbindet

SIEGRIST (1995) beschreibt die Diskrepanzen und Divergenzen zwischen diesen drei Bezugssystemen und zeigt auf, dass keine (vollständige) Übereinstimmung des Gesundheits- bzw. Krankheitsempfinden des Menschen mit dem medizintheoretischen Wissen und den Erfahrungen existiert. Besonders betroffen sind davon diejenigen, denen auch bei Befindlichkeitsstörungen (Krankheiten ohne organisches Korrelat) verbunden mit einem mehr oder weniger großen Leidensdruck von schulmedizinischer Seite nicht geholfen werden kann, da keine Diagnose vorliegt und aus diesem Grund keine therapeutischen Maßnahmen gesetzt werden (können). Auch der umgekehrte Fall, wo Menschen sich gesund fühlen, aber vom Arzt mit einer lebensbeeinflussenden oder gar -bedrohenden Diagnose überrascht werden, zeigt große Divergenzen. Konflikte dieser Art sind auch zwischen dem medizinischen und gesellschaftlichen Bezugssystem zu erkennen, wie dies so genannte ‚Verlegenheitsdiagnosen’ von Ärzten zeigen, die zur Herrschaftssicherung oder finanziellen Besserstellung bei Versicherungsleistungen dienen.

1.1.2 Die Salutogenese nach Antonovsky

Aaron Antonovsky (1923-1994), Medizinsoziologe und Stressforscher, entwickelte in den späten 80er Jahren ein gesundheitswissenschaftliches Konzept zur Beschreibung von Gesundheits- und Krankheitszuständen bei Menschen.

Während bei der Pathogenese von der Krankheit und ihrer Behandlung bzw. Verhinderung ausgegangen wird, beschäftigt sich die Salutogenese, deren Begriff Antonovsky prägte, mit der Gesundheit und der Frage, wie man diese erhalten könne, um nicht krank zu werden. Demnach konzentriert sich die Schulmedizin auf die Pathogenität und die Ätiologie, also auf das Krankmachende und Ursächliche. Nach Antonovsky bewegen wir uns auf einem Kontinuum mit den Polen Krankheit und Gesundheit, womit er betonen möchte, dass Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess zu sehen ist. Und jede Krankheit, die nach Antonovsky als Warnsignal des Körpers verstanden werden soll, hat die Chance, sich positiv zu entwickeln, nämlich ausgeheilt zu werden. Werden z.B. Kopfschmerzen schulmedizinisch medikamentös behandelt, geht das Signal zur Heilung verloren. Der andere Weg würde darin bestehen, den menschlichen Organismus und mit ihm den Patienten selbst zur Bekämpfung von Stresssymptomen, Viren, Bakterien und dergleichen anzuregen. Auch präventive Maßnahmen wie richtige Ernährung, Bewegung sowie psychosoziale Kompetenz, die zudem kostengünstige Formen der Gesundheitsförderung darstellen, können hierbei gute Dienste leisten (vgl. ANTONOVSKY, 1997).

Als zentraler Faktor für die Gesunderhaltung gilt das Kohärenzgefühl, worunter die kognitive und affektive Grundeinstellung des Menschen gegenüber sich selbst und seiner Umwelt verstanden wird. Diese Einstellung ist seiner Meinung nach genetisch determiniert und erhält ihre Prägung in der Kindheit und Jugend. Aus diesem Grund stellt sich die Frage, inwieweit dieses Kohärenzgefühl noch von äußeren Faktoren beeinflussbar sein kann (vgl. ANTONOVSKY, 1997).

SCHUMACHER (2002) geht dieser Frage nach und betont, dass das Kohärenzgefühl von außen kaum beeinflusst wird und sich in jedem Lebensalter verändern und auch weiterentwickeln kann. Es stehe daher in engem Zusammenhang mit Persönlichkeits- und Charaktereigenschaften, die - wie oben erwähnt - genetisch vorbestimmt sind und im Lauf der individuellen Entwicklung gefördert oder unterdrückt werden können. Jeder Mensch verfügt daher über unterschiedliche persönliche Ressourcen und Widerstandskräfte, die ihm bei seiner Gesunderhaltung dienen.

1.1.3 Die Bedeutung der Gesundheit

In der Gründungsurkunde der WHO 1948 wurde Gesundheit - in Anbetracht der verheerenden Folgen beider Weltkriege - als essentielle Voraussetzung für globale Sicherheit und für Frieden beschrieben, die dem Menschen bei der Erreichung seiner Ziele und seiner Entwicklung zum Wohle dienen möge (vgl. WHO, 2006, http). Weiters gilt sie als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit, womit ihr nicht nur medizinische, sondern auch gesamtgesellschaftliche Bedeutung zukommt. Arbeit und mit ihr das Einkommen sowie Erziehung und Bildung sind weitere Voraussetzungen für Gesundheit.

Folglich ist Gesundheit ein öffentliches Gut und als dieses auch bekannt unter dem Synonym „Public Health“ (zu Deutsch Gesundheitswissenschaften oder Volksgesundheit). Diese Wissenschaft bzw. Praxis richtet sich nicht primär nach den Bedürfnissen und Interessen einzelner Menschen, sondern nach denen spezifischer Bevölkerungsgruppen bzw. der gesamten Bevölkerung. Ihr Ziel besteht in der Verbesserung der gesundheitlichen Situation der Bevölkerung sowie in der Steigerung ihrer Lebenserwartung mithilfe gesellschaftlich organisierter Maßnahmen, wie dies Vorsorgeuntersuchungen, Impfaktionen und dergleichen sind. Sie strebt nicht eine Lebensverlängerung um jeden Preis an, sondern eine Verbesserung der Lebensqualität, gemäß dem Leitspruch „Add life to years statt years to life“ (KOLIP, 2002, S. 7ff). Dies kann auch am Verhalten einiger Menschen beobachtet werden, die nur sekundär an der Erhaltung ihrer Gesundheit Interesse zeigen, sich aber primär für die Erhaltung bzw. Steigerung ihres Wohlbefindens einsetzen.

Paradoxerweise macht die Weiterentwicklung der Medizin den Menschen nicht gesünder, sondern sogar kränker, da er heute dank der hoch technologischen Medizin auch schwere, gar schwerste Krankheiten überstehen kann. „Sie [die Medizin] bewirkt den Zustand des chronischen Leidens“, schreibt JORES (1961, S. 38). Somit steigt die Lebenserwartung und mit dem Alter auch die Anzahl der individuellen Erkrankungen. Das Kranksein wird daher durch die universitäre Medizin und die Präventivmedizin (Vorsorgeuntersuchungen wie Mammografie, EKG oder Blutuntersuchung) im günstigeren Fall früher erkannt und damit und durch die Therapie verlängert. Das primäre Ziel, nämlich die Förderung von Gesundheit und die Vermeidung von Krankheit sollte durch eine gesunde Lebensweise erreicht werden (vgl. HARSIEBER, 1993).

SCHIPPERGES (1990) weist darauf hin, dass die Morbidität und Mortalität der Infektionskrankheiten deutlich gesunken, die Zahl der Zivilisationskrankheiten jedoch gestiegen ist. Der modernen Medizin ist aber die Verlängerung der Zeitspanne zwischen Erkrankung und Ableben zu verdanken. Wenig erfolgreich war sie bis dato bei der Verlängerung des gesunden Lebens bis ins hohe Alter.

Dennoch sind 75,5% der Österreicher ab dem 15. Lebensjahr mit ihrem allgemeinen Gesundheitszustand zufrieden bzw. sehr zufrieden und lediglich 6% der Bevölkerung beurteilen ihren Gesundheitszustand als schlecht oder sehr schlecht. Auffallend ist, dass beide Geschlechter ab einem bestimmten Alter, Frauen ab dem 35. Lebensjahr, Männer erst ab dem 40. Lebensjahr, ihren Gesundheitszustand weniger positiv beurteilen. Während der Anteil der Österreicher, die sich subjektiv gesund fühlen, in den letzten 10 Jahren leicht gestiegen ist, ist der Anteil derjenigen, die sich gesundheitlich schlecht fühlen, gleich geblieben (vgl. STATISTIK AUSTRIA, 2006/07).

Betrachtet man Gesundheit nach den Prinzipien der Quantenlogik, so existiert sie nur dann, wenn eine Wechselwirkung zwischen den Polaritäten „Ordnung“ (Festigkeit, Struktur) und „Chaos“ (Explosion, Dynamik) herrscht, wie die Vereinigung von Gegensätzen (Mann – Frau, Tag – Nacht, gesund – krank, etc.). Der menschliche Organismus muss daher beide Prinzipien (aus)leben und verkörpern, um als gesund zu gelten. Während also Gesundheit einen bestimmten Rhythmus zwischen diesen beiden gegensätzlichen Prinzipien zeigt, wird Krankheit als „erstarrte Ordnung“ (Multiple Sklerose) oder gar „Chaos“ (Tumorerkrankungen) betrachtet. Eine Weiterentwicklung erfolgt durch die Beschäftigung mit beiden Extremen, die als These und Antithese dargestellt werden und sich in einer höheren Ebene in der Synthese wieder finden (siehe Abb. 8.2.1). Diese Abbildung zeigt, dass sich das Leben wie die Gesundheit im Speziellen als ein Ausbalancieren von Polaritäten, verbunden mit der Fähigkeit zur Anpassung, Flexibilität und Weiterentwicklung präsentiert. Jede Gegengewichtung bzw. Störung würde die sich - im optimalen Fall - im Gleichgewicht (Homöostase) befindliche Gesundheit aus der Balance bringen und Krankheiten hervorrufen (vgl. DORSCHNER, 2004, http).

1.1.4 Die Entstehung und Entwicklung des Gesundheitssystems

Das Gesundheitswesen wird als wichtigste Gesundheitsdeterminante der Menschen betrachtet und kann auf eine gute Entwicklung im Bereich der medizinischen Versorgung zurückblicken, die zu einer höheren Lebensqualität und -erwartung geführt hat (vgl. WILKINSON, 2001).

Ein kurzer Überblick über die Entwicklung des Gesundheitssystems soll zeigen, mit welchen gesellschaftlichen Veränderungen die Ärzteschaft konfrontiert war.

Im 16. und 17. Jahrhundert war der gesellschaftliche Stellenwert des Arztes noch gering und die Repräsentanten der Heilkunde waren oft dem Gespött der Bevölkerung ausgesetzt. Das konnte darauf zurückgeführt werden, dass ein jeder die heilende, medizinische Kunst ausüben durfte und damit auch Geld verdienen konnte. Neben diesen ‚Laienmedizinern’, die im 17. und 18. Jahrhundert die Mehrheit ausmachten, gab es auch Ärzte mit akademischer Ausbildung, die sich Wundärzte I. und II. Klasse nannten. Während im ländlichen Bereich nur Wundärzte II. Klasse vorzufinden waren, die für alle medizinische Belange herangezogen werden durften, waren diese im städtischen Bereich nur für die ‚kleine Chirurgie’ zuständig, die im Bandagieren und Aderlass bestand. Ausschließlich die Ärzte der I. Klasse galten als die einzig wirklich ‚praktizierenden’ Ärzte. Obwohl der Berufsstand der Ärzte dadurch an Bedeutung gewonnen hatte – sie galten als vornehm, weltgewandt, diplomatisch geschickt –, war ihre Situation aufgrund ihres damals mangelnden Expertenwissens wenig erfreulich. Denn solange die Gesundheit lebensweltlich verankert und nicht ausdifferenziert war, waren vor allem die Laienärzte auf die Gunst der unterprivilegierten Patienten angewiesen (vgl. BAUCH, 1996).

Mitte des 18. Jahrhunderts bekam die Medizin den Ruf, „Handlungswissenschaft mit Erfolgszwang“ (BAUCH, 1996, S. 34) zu sein, die nach botanischen und naturgeschichtlichen Prinzipien systematisiert wurde. Nicht der kranke Mensch, sondern seine Krankheit wurde untersucht und behandelt, was detaillierte Informationen des Patienten gegenüber dem Arzt voraussetzte (Beschreibung der Symptome). Erst mit dem Beginn der klinischen Medizin wurde es möglich, die Krankheiten nicht nur am, sondern auch im - nämlich im Inneren des Menschen - zu erkennen, wobei das private Krankenzimmer des Patienten der Ort der Krankheitsidentifikation war.

In der Zeit des Übergangs vom 18. zum 19. Jahrhundert war das Diagnostizieren von Krankheiten auch ohne Arzt-Patienten-Gespräch möglich, da der Mensch als Natur-Objekt betrachtet wurde (vgl. BAUCH, 1996). Mit dem Beginn der Naturwissenschaften, als Zahl, Maß und Gewicht große Bedeutung erlangt hatten, war der Ort der Krankheitsfindung nicht mehr das private Krankenbett, sondern das Spital, wo sich Krankheiten nicht nur besser analysieren ließen, sondern der Arzt auch mehr Macht über den Patienten ausüben konnte. Das war der Beginn der wissenschaftlichen Medizin, mit ihrem Drang nach Rationalisierung und Funktionalisierung. Die Medizin erhielt aufgrund ihrer wissenschaftlich belegbaren (Er)Kenntnisse Expertenstatus und setzte damit Monopolisierungsprozesse in Gang. Der Arzt genoss sein Ansehen als Experte in Gesundheitsfragen und war auf dem Weg, sich eine Monopolstellung im Staat und in der Gesellschaft zu erarbeiten. Er wurde als ‚Gesundheitsingenieur’ entprofessionalisiert und verberuflicht (BAUCH, 1996, S. 63ff).

Wegen der geringen Anzahl akademisch ausgebildeter Ärzte war eine Medikalisierung nur auf den städtischen Bereich beschränkt, während die Landbevölkerung auf die medizinische Unterstützung von Wundärzten und Laienhelfer angewiesen war. Im Jahr 1825 wurde diese Differenzierung in akademische Ärzte und Wundärzte teilweise aufgehoben und auch der Wundarzt als praktizierender Arzt musste theoretische Kenntnisse vorweisen. Somit erreichte der Arzt zunehmend mehr Ansehen und einen höheren sozialen Status (vgl. BAUCH, 1996).

Um 1848, als der Ruf nach Demokratie laut und die ‚soziale Frage’ zum ersten Mal thematisiert wurde, entstand die Medizinalreform, zu deren Entwicklung der Humoralpathologe Rudolf VIRCHOW (1821-1902) in hohem Maße beitrug. Ziele dieser Reform waren die Schaffung eines ärztlichen Einheitsstandes, die Forderung nach Kurierfreiheit, die Befreiung der Medizin von ihren philosophisch-normativen Fesseln sowie die ‚Klientelisierung’ der Bevölkerungsschichten (BAUCH, 1996, S. 40f).

Mit der Entstehung der modernen bürgerlichen Gesellschaft und der damit verbundenen Entflechtung von Staat und Gesellschaft in der Übergangszeit des Spätabsolutismus kam es zu einer systematischen Betrachtung von gesundheitsrelevanten Themen. Dafür wurde die Medikalisierung (siehe Anhang) der Gesundheit, die als Garant für die Leistungserbringung des Einzelnen galt, erforderlich. Gesundheit, die vordem nur einen individuellen Wert hatte, erhielt somit einen gesellschaftlich funktionalen Wert. Dank dieses Prozesses gelang es der Ärzteschaft ihrer Subalternität bzw. sozialen Inferiorität zu entkommen und durch ihre Professionalisierungsbestrebungen an Bedeutungs- und Machtzuwachs zu gewinnen. Mit der Gewerbeordnung von 1869 wurden die Ärzte der bestehenden Verpflichtung, die ärmere Bevölkerungsschicht unentgeltlich zu behandeln, enthoben. Zudem wurde 1869 das Verbot der Kurpfuscherei aufgehoben, das erst 1939 durch das Heilpraktikergesetz wieder in Kraft gesetzt wurde und als wesentliche Voraussetzung für die Monopolisierung der ärztlichen Tätigkeit gilt (vgl. BAUCH, 1996).

Durch die ins Leben gerufenen Ärztevereine und Ärzteversammlungen sowie durch die Gründung der 1. Ärztekammer in Baden 1864 wurden kooperative Beziehungen mit dem Staat aufgebaut und der Einfluss auf Politik und Regierung verstärkt. Dieses Verhältnis zwischen Ärzten und Staat war sehr ambivalent, da die Mediziner einerseits durch den Staat zu mehr Privilegien gelangten (Staat als Wohltäter), anderseits auch mit verschiedenen, teils unangenehmen Gesetzen konfrontiert waren (Staat als Übeltäter). Auch heute beklagen Ärzte diese bestehenden Strukturen, denen sie (teilweise) nach wie vor ausgeliefert sind (vgl. BAUCH, 1996).

Mit der Gründung von Ärztekammern Ende des 19. Jahrhunderts und der damit verbundenen professionellen Selbstkontrolle ließen sich auch ärztliche Interessen gegenüber dem Staat besser durchsetzen. Durch die Entstehung von Krankenkassen (1881), die durch Sozialversicherungsbeiträge finanziert wurden, wurde aus der Dual-Beziehung eine Dreiecksbeziehung zwischen Staat, Ärzteschaft und Krankenkassen, was eine vollständige Neustrukturierung des Gesundheitswesens zur Folge hatte. Zudem brachte sich der Arzt durch die wenige Jahre später erfolgte „Einzeldienstvertragsregelung“ mit dem Staat in eine weitere Abhängigkeit, was eine Abschaffung der freien Arztwahl und der selbst bestimmten Honorierung zur Folge hatte. Im Jahr 1931 war die kassenärztliche Versorgung der Bürger durch kassenärztliche Vereinigungen sichergestellt und die Voraussetzungen zur Professionalisierung dieses Berufsstandes und der Vernaturwissenschaftlichung der Medizin erfüllt: „tendenzielles Monopol auf ausgedehnte Märkte, wissenschaftlicher Expertenstatus und professionelle Autonomie in der Berufsausübung“ (BAUCH, 1996, S. 50).

Seit der Ausweitung des Gesundheitssystems auf einen größeren Kompetenzbereich, der Technikalisierung der Medizin und der Veränderung des Krankheitspanoramas erfahren die Ärzte, die den Ruf als ‚Gate-Keeper’ innehatten, eine Entmachtung und Entprofessionalisierung (vgl. BAUCH, 1996). Im Laufe der Geschichte haben sich auch die Motive und Bedürfnisse des Menschen geändert, auf die von gesellschaftspolitischer Seite entsprechend reagiert werden musste. Im Rahmen einer seriösen Gesundheitspolitik ist es auch opportun, auf die Selbstbestimmung der Menschen mit ihrem eigenen Lebensstil und persönlichen Zugang zur Gesundheit zu achten.

Bei genauer Analyse zeigt sich, dass das Gesundheitssystem ein ausdifferenziertes, sehr spezifisch aufgebautes System ist, das aber aufgrund seiner externen Ressourcenabhängigkeit keinen autarken Charakter aufweist. Zudem besteht eine gewisse Abhängigkeit der Medizinsysteme von Krankenversicherungsanstalten, weil ein nicht unwesentlicher Beitrag über sie ins Gesundheitssystem fließt. In den letzten beiden Jahrzehnten traten jedoch aufgrund von neuen Gesundheitsstrukturen und -reformen erhebliche Finanzierungsprobleme der Kassen auf, die den Krankheitsbegriff überdimensional geweitet und das Sozialsystem übermäßig strapaziert haben. Daher versuchte man, die sich über die Jahre hinweg entwickelten Budgetlöcher durch Ausgrenzung größerer Leistungsbereiche zu stopfen. Da das Ausmaß der Finanzierungskosten für die so genannte Volksmedizin bei weitem überzogen wurde, wird eine Entmedikalisierung der gesetzlichen Krankenversicherung nicht aufzuhalten sein. Das würde in weiterer Folge aufgrund der geringen Ressourcen eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung sämtlicher akut und chronisch Kranker erschweren und nur eingeschränkt ermöglichen. Die in Gang gesetzten Rationalisierungsmaßnahmen verhindern daher einen kompletten ‚Programmdurchlauf’ beim Auftreten von Krankheiten (vgl. BAUCH, 2000). Zudem besteht das Hauptziel der Gesundheitsreform primär nicht darin, sich um die Gesundheit der Menschen, sondern vielmehr um die ökonomischen Auswirkungen von Krankheiten zu kümmern (vgl. HONTSCHIK, 2006).

1.2 Krankheit

Gesundheit und Krankheit sind nicht nur gegensätzliche Paare, also Gegenpole, die verdeutlichen, dass Krankheit aus Gesundheit und Gesundheit aus Krankheit entsteht. Sie können auch nebeneinander existieren, wenn einzelne Bereiche des Körpers krank, andere gesund sind (vgl. ENGELHARDT, 2006).

Dem kommt hinzu, dass sich der Krankheitsbegriff über die Jahrzehnte stark gewandelt hat, nämlich vom zu behandelnden reinen Organdefekt über psychosomatische Erkrankungen bis hin zu psychosozialen Entgleisungen (vgl. WAGNER, 1984).

Gegenwärtig sind in der Medizin über 30 000 Krankheiten und Syndrome bekannt, die von einem stabilen physiologischen Gleichgewicht abweichen. Dieser regelwidrige Körper- oder Geisteszustand, der mit einer medizinischen Behandlung verbessert oder verändert werden kann, ist oftmals mit Arbeitsunfähigkeit verbunden und wird dadurch nicht nur zu einem medizinischen, sondern auch zu einem sozioökonomischen Thema (vgl. SIEGRIST, 1995).

1.2.1 Der Begriff Krankheit

Der Begriff „krank“ kommt aus dem mittelhochdeutschen und bedeutet schwach, sonderbar, verdreht, krumm, nicht ganz dabei. Es handelt sich zumeist um einen allgemeinen Notstand, einen Mangel, ein Fehlen oder um ein Defizit, das auch als Störung des Wohlbefindens, bezogen auf den ganzen Menschen, betrachtet werden kann und als universelles Phänomen gilt. Während Krankheit noch bis zur Zeit der Aufklärung als humorales Phänomen aufgrund der Störung der vier Säfte galt, erschien sie in der Phase darauf als Störung des gesellschaftlichen Gleichgewichts (vgl. SCHIPPERGES, 1999).

Das Kranksein als subjektive Befindensstörung wird in den einzelnen Disziplinen unterschiedlich ausgelegt. Während im ärztlichen Sinne derjenige als krank angesehen wird, der einen Arzt während seiner Ordinationszeiten konsultiert und sich krank meldet, betrachtet die Sozialmedizin denjenigen als krank, der seine Gesundheit gefährdet (vgl. SCHIPPERGES, 1990).

Krankheit ist nicht nur eine physische, sondern immer auch eine soziale, psychische und geistige Erscheinung, die nicht nur eine Veränderung des eigenen Körperempfindens hervorruft, sondern auch Auswirkungen auf das Umfeld, die Familie, Freunde und die Arbeitssituation hat. Sie wird nicht nur festgestellt, sondern erfährt zugleich eine Bewertung und in den meisten Fällen die entsprechende Behandlung. Krank ist auch, wer sich krank fühlt, und der, der sich subjektiv krank fühlt, ist im Normalfall auf die Hilfe eines Arztes, eines (medizinischen) Therapeuten oder Psychotherapeuten, angewiesen. Während Gesundheit erwünscht ist und einfach sein soll, ist Krankheit unerwünscht und darf nicht sein, wobei Medizin nie rein sachlich gesehen werden kann. Das Ziel besteht daher darin, einen unerwünschten Zustand durch Therapie und/oder Heilungsprozesse in einen erwünschten Zustand zu bringen (vgl. WAGNER, 1984).

Auch UNGER (2007) bestätigt WAGNERs Auffassung, indem er behauptet, dass das kulturelle Umfeld Einfluss auf den physischen und psychischen Zustand des Menschen ausübt und ihn entweder gesund oder krank machen kann.

Krankheit kann auf drei verschiedene Art und Weisen interpretiert werden, als subjektiv-hedonistische Befindensstörung, die als Beeinträchtigung des Wohlbefindens empfunden wird, als wissenschaftliche Umschreibung einer Befunderhebung (Normabweichung) oder als soziologische Beschreibung eines abweichenden gesellschaftlichen Verhaltens (vgl. SCHIPPERGES, 1999).

Der amerikanische Strukturfunktionalist Talcott PARSONS (1951), für den Krankheit als einzige gesellschaftlich legitimierte und sanktionierte Form gilt, beschreibt die Rolle des Kranken anhand von vier Charakteristika (vgl. BAUCH, 2000):

- Krankheit liegt nicht in der Macht des Individuums, weshalb es dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden kann;
- Krankheit wird als „Form des abweichenden Verhaltens“ (BAUCH, 2000, S. 195) gesehen, was bedeutet, dass der Kranke vieler seiner Verpflichtungen enthoben ist, sofern er durch den Arzt mittels eines Attestes und einer Krankmeldung davon befreit wird;
- Krankheit ist gesellschaftlich unerwünscht und setzt voraus, dass der Kranke die aktive Bemühung um eine rasche Rekonvaleszenz als seine Pflicht betrachtet;
- Der Kranke ist verpflichtet, so schnell wie möglich ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, damit der frühere Zustand ehestens wieder hergestellt werden kann;

Gemäß dem „Maschinenparadigma“ von La METTRIE (2001), das die moderne Medizin prägte (siehe Abb. 8.2.2), werden Krankheiten als zu reparierende Defekte und Abweichungen gesehen. Solange die Maschine, der menschliche Organismus, einwandfrei läuft, ist kein Handlungsbedarf gegeben. Prävention und Gesundheitsvorsorge werden im Rahmen des Maschinenparadigmas, das eine klare Trennung von Geist, Seele und Körper impliziert, nicht thematisiert. Krankheiten werden in diesem Paradigma nur in einem kurzen Zeitfenster betrachtet. Während akute Erkrankungen nach mechanistischen Gesichtspunkten betrachtet werden können, lässt sich dieses Paradigma bei chronischen Erkrankungen (siehe Anhang) nicht anwenden. Es weist darauf hin, dass sich die Welt und mit ihr die Medizin weiterhin stark am technologischen Fortschritt orientiert (vgl. UNGER, 2007).

1.2.2 Das kybernetische Krankheitsprinzip

Das in die Medizin eingeführte kybernetische Prozessdenken, so HANZL (2003), beschäftigt sich mit Regelprozessen im biochemischen oder nervalen Bereich, wobei die Informationen nicht an Materie gebunden sein müssen. Während Gesundheit kybernetisch als einwandfreies Funktionieren unseres Erkennungs- und Korrektursystems verstanden wird, würde man eine chronische Krankheit als Regelkreisstörung betrachten, eine akute Krankheit dagegen als biologische, „meist sinnvolle Reaktion des Organismus auf Verletzung seiner Integrität“ (HANZL, 2003, S. 55). Dieses System besagt, dass fast alle chronischen Erkrankungen relativ geringe Störgrößen aufzeigen, sodass die Ursachen für Regelkreisstörungen in anderen Bereichen zu suchen sind. Diese Störgrößen können erst dann beseitigt werden, wenn sie vorher diagnostiziert wurden (vgl. HANZL, 2003).

Das Auffinden von Ursachen gestaltet sich nicht einfach, da Ursache um Ursache zurückverfolgt werden muss, bis man zum eigentlichen Auslöser gelangt. Auch sind diese Kausalverknüpfungen laut Systemtheoretikern und Kybernetikern keinesfalls eindimensional oder linear, sondern verlaufen vernetzt und meist zirkulär. Aus dieser zirkulären Kausalität geht hervor, dass die Wirkung zur Ursache und die Ursache wieder zur Wirkung wird, sodass kaum überprüfbar ist, was zuerst war, vergleichbar mit dem „Henne-Ei-Prinzip“ (vgl. HANZL, 2003).

Gemäß der Systemtheorie wird Gesundheit nicht mehr als normativer Idealzustand beschrieben, sondern gilt als selbst organisierter, kybernetischer Zustand, bei dem die Regelprozesse und ihre Störungen in den Vordergrund des Interesses rücken. Dieser Zustand kann bei Störung kurz- oder auch längerfristig irreguläres Verhalten hervorrufen, welches eine neue Ordnung, vorübergehend jedoch eine Unordnung, herstellt. Die Medizingeschichte zeigt, dass lange Zeit nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip gearbeitet wurde. Die Ausweitung dieses Kausalitätsmodells in der modernen Medizin hat dieses selbst ad absurdum geführt. An seiner Stelle findet sich nun das Regelkreismodell, bei dem körpereigene Regulationsfaktoren, die weder ausschließlich als Ursache noch als Wirkung verstanden werden dürfen, den Prozess bestimmen. Da von außen an verschiedenen Stellen in diesen Prozess eingegriffen werden kann, wird die häufige Störanfälligkeit verständlich. Nicht eine einzelne Therapie, sondern eine Fülle an medizinischen Maßnahmen werden im Rahmen einer ärztlichen Behandlung eingesetzt, bei denen jedoch der Mensch als krankes, behandlungsbedürftiges Wesen, das nach Aufmerksamkeit und Zuwendung ruft, zum Teil auf der Strecke bleibt (vgl. STULZ, 2006).

1.2.3 Die Bedeutung von Krankheit

Kranksein passt nicht in das Weltbild einer Gesellschaft, in der nur Gesundheit zählt und in der seit einigen Jahren der Gesundheitswahn (= Healthism) herrscht. Gesellschaftlich und vor allem ökonomisch betrachtet stellen kranke Menschen in jeder Hinsicht eine Belastung da, weil damit nicht nur Kosten für das Gesundheitssystem sowie für die betroffenen Firmen (Dienstausfall) anfallen, sondern auch diverse Dienstleistungsgesellschaften und Unternehmen mit einem Kundenausfall konfrontiert sind (makroökonomisch). Krankheiten verursachen aber auch für den Betroffenen selbst und dessen Familie Kosten bzw. finanzielle Einbußen (mikroökonomisch), vor allem dann, wenn gut honorierte Überstunden und Nachtdienste nicht mehr geleistet werden können. Besonders gravierend wird die finanzielle Lage der Betroffenen dann, wenn aufgrund der Dauer der Krankheit das Gehalt nicht mehr in voller Höhe ausbezahlt werden kann.

Obwohl Gesundheit und Krankheit zum Leben fast eines jeden Menschen gehören, fällt es manchen schwer, die eigene Krankheit anzunehmen und einen Zustand von Schwäche und Hilfsbedürftigkeit zu akzeptieren. Krankheit wird von jedem unterschiedlich erlebt, abhängig von Persönlichkeit, sozialem Umfeld und der Schwere der Erkrankung. Nur der Kranke selbst ist in der Lage, sein persönliches Krankheitsempfinden zu beschreiben.

Krankheiten, vor allem Befindlichkeitsstörungen und akute Erkrankungen können ganz plötzlich und völlig unerwartet auftreten, den Betroffenen aus seinem gewohnten Lebensrhythmus werfen und eine radikale Lebensveränderung hervorrufen. HARSIEBER (1993) zitiert Primar Baumhackl, der beschreibt, dass man durch eine Krankheit nicht nur in eine psychische, sondern unter Umständen auch in eine soziale Krise geraten kann, für die sich unser Gesundheitssystem nicht mehr verantwortlich fühlt. Das wird umso verständlicher, als Krankheiten nicht immer schicksalhaft, sondern als Folge eines belastenden Lebensstils auftreten können. Jeder Mensch übt daher aufgrund seines Lebenswandels einen mehr oder weniger starken Einfluss auf seinen Gesundheitszustand aus. Doch sind nicht alle Erkrankungen vermeid- und vorhersehbar, sondern entstehen aus verschiedenen, teils unerklärbaren Ursachen, die die Medizin aufzudecken sucht.

Bei chronisch Kranken, die vor allem Unterstützung bei ihrer Krankheitsbewältigung benötigten, gerät unser Gesundheitssystem häufig an die Grenzen seiner Machbarkeit. Die Tatsache, aufgrund der eingeschränkten Leistungsfähigkeit nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen zu können und die ursprüngliche Arbeitswelt verlassen zu müssen, ist für viele Menschen emotional und finanziell belastend. Der Wert der Gesundheit wird jedoch erst dann bewusst, sobald eine Krankheit auftritt, auch wenn die Gewöhnung an organische oder funktionale Defekte zumeist sehr schnell gelingt (vgl. UNGER, 2007).

Darüber hinaus kann Krankheit auch eine Schutzfunktion ausüben, die in schwierigen, konfliktbeladenen Situationen hilfreich eingesetzt werden kann. Unterschieden wird hier zwischen primärem und sekundärem Krankheitsgewinn, dessen Einteilung auf den Begründer der Psychoanalyse Sigmund FREUD (1856- 1939) zurückgeht. Unter Krankheitsgewinn werden die objektiven und subjektiven Vorteile eines kranken Menschen verstanden, der in der Regel seiner alltäglichen Verpflichtungen enthoben ist, Anteilnahme erfährt und mit finanzieller Unterstützung durch den Arbeitgeber bzw. durch den Sozialversicherungsträger rechnen kann (vgl. GEISSENDÖRFER et al, 2007; vgl. Pschyrembel, 2002).

Der primäre Krankheitsgewinn ermöglicht dem kranken Menschen, konfliktbeladene Situationen zu meiden, die er zum Teil nicht als solche wahrnimmt, die ihn aber trotzdem schwächen (z.B. das plötzliche Erkrankungen vor Prüfungen). Dazu kommt der sekundäre Krankheitsgewinn, der darin besteht, dass der Patient Aufmerksamkeit und Zuwendung durch sein soziales Umfeld erfährt (z.B.: Essen wird serviert, Besucher kommen) (vgl. LAPLANCHE, 1986).

2,6 Millionen Menschen, davon 1,4 Millionen Frauen, gaben bei der österreichischen Gesundheitsumfrage 2006/07 an, chronisch krank zu sein bzw. unter chronischen Gesundheitsproblemen zu leiden. Chronische Krankheiten nehmen mit dem Alter zu und treffen mehr Frauen als Männer. Ein Drittel der österreichischen Bevölkerung gibt an, sich durch andauernde gesundheitliche Probleme im Alltag stark beeinträchtigt zu fühlen (vgl. STATISTIK AUSTRIA, 2006/07).

1.3 Medizin

Die Medizin gilt als Hoffnungsträger der Menschen sowie als essentielle Voraussetzung für deren Leben und Überleben. Sie wird auch als Kulturleistung der jeweiligen Zeit betrachtet, da sie die Einstellung der Gesellschaft dem Menschen gegenüber widerspiegelt. Zudem ist sie als empirische Wissenschaft zu verstehen, die nur Verfahren mit erfolgter Wirksamkeitsprüfung auf hohem Niveau zulässt (vgl. UNGER, 2007).

Sie umfasst nicht nur die praktischen und theoretischen Kenntnisse des Bereiches der universitären Medizin, sondern verlangt nach einer Erweiterung ihres theoretischen Spektrums. Eine Form dieser Erweiterung sieht HANZL (2003) in der Anpassung der medizinischen Modelle an modernste naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Quantenphysik, Systemtheorie, Kybernetik und Chaosforschung. So wurden beispielsweise in Untersuchungen elektromagnetische Wellen in unserem Körper nachgewiesen.

Da die Anfänge der Medizin geschichtlich weit zurückreichen, kann sie auf eine enorme Sammlung von unterschiedlichen Informationen, Erfahrungen und Entdeckungen zurückgreifen, die im Laufe der Jahrtausende systematisiert, bewertet und auch erweitert wurden. Das unaufhaltsame Streben nach Verbesserung im Bereich der Diagnostik, Therapie und Prophylaxe wird auch weiterhin im Interesse der Wissenschaft sein. Ihr Ziel liegt nicht nur in der erfolgreichen medizinischen Behandlung kranker Menschen, sondern auch in der Lebensverlängerung bei gutem physischem und psychischem Zustand (vgl. UNGER, 2007). Dass dieser Zielsetzung in den letzten Dezennien erfolgreich nachgegangen wurde, zeigt die aktuelle Statistik zur Lebenserwartung. Bei Männern wurde, bezogen auf den Zeitpunkt der Geburt ein mittlerer Wert von 77,3 Jahren berechnet, bei Frauen beträgt dieser Wert 82,9 Jahre (Statistik Austria, 2008, http).

1.3.1 Das Wesen der Medizin

Die Aufgabe der Medizin besteht darin, Krankheiten unterschiedlicher Art zu heilen, Schmerzen zu lindern und sich der Erhaltung der Leistungsfähigkeit unserer Organe während des Alterungsprozesses anzunehmen (vgl. UNGER, 2007) (siehe Abb. 8.2.3). Das oberste Prinzip, so besagte der Eid des Hippokrates ca. 400 v. Chr., besteht darin, nicht zu schaden („P rimum nihil nocere . “), ein Prinzip, das auch heute noch seine Gültigkeit hat (vgl. SCHWEIGER, 2005).

„Medizin ist nicht Restauration von Krankheit, sondern vor allem Konstruktion von Gesundheit“ (WAGNER, 1984, S. 76). Sie wird in der Regel erst dann in Anspruch genommen, wenn die Gesundheit durch eine (lebensbedrohende) Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen wird. Maßnahmen zur Gesunderhaltung bzw. Genesung haben aufgrund ihrer steigenden Nachfrage an Wertigkeit zugenommen. Die Menschen haben das Bedürfnis, möglichst lange jung, schlank, fit und gesund zu bleiben (vgl. UNGER, 2007).

WAGNER (1984) fügt dem hinzu, dass Medizin als soziale Bewegung weder als angewandte Naturwissenschaft noch als Sozialwissenschaft, sondern als Handlungswissenschaft mit eigenem theoretischem Hintergrund betrachtet werden kann. Dieses Handlungssystem kann aus mindestens fünf verschiedenen Perspektiven betrachtet werden (vgl. UNGER, 2007):

- Medizin als Naturwissenschaft (menschlicher Organismus als „Maschine“)
- Medizin als Geisteswissenschaft (Krankheit als Folge einer persönlichen Dysbalance)
- Medizin als Kulturwissenschaft (Prägung des Menschen auf körperlicher und seelischer Ebene durch die Kultur und Tradition)
- Medizin als Sozialwissenschaft (Krankheit entsteht aufgrund schädlicher sozialer Einflüsse, die eine Behandlung auf dieser Ebene erfordern.)
- Medizin als Technik und Biowissenschaft (Menschen als Informationsträger und Objekt von Organtransplantationen)

Die Medizin kann nicht „sui generis“ als reine Naturwissenschaft gesehen werden, da ihr Interesse nicht ausschließlich in einem Zugewinn an neuen Erkenntnissen liegt. Sie ist eine Wissenschaft der besonderen Art, die dank unserer Wissenschafter und Forscher qualitativ immer hochwertiger wird und an Humanität durch die Einbeziehung persönlicher Erfahrungen in den ärztlichen Handlungsprozess gewinnt (vgl. PETERLIK, 2004).

Die Medizin gelangt durch die Durchführung verschiedener Experimente, die als wesentlicher Bestandteil ihrer Forschungstätigkeit gelten, zu neuen und weiterführenden Erkenntnissen. Auch wenn ihre Ergebnisse bei Tierexperimenten nicht immer analog auf den Menschen übertragen werden können, tragen sie dennoch - allerdings (manchmal) auf Kosten des Tieres - zum Fortschritt der Humanmedizin bei.

1.3.2 Heilung in der Medizin

Unter Heilung versteht man die Wiederherstellung der Integrität eines verletzten oder gestörten Ganzen. Man geht von „heil“, also von unversehrt und gesund aus, und möchte diesen Zustand wieder erreichen. Der Begriff impliziert daher sowohl den Zustand vor und nach der Erkrankung als auch den Prozess der Genesung. Das Ziel besteht darin, Störendes zu eliminieren und Fehlendes hinzuzufügen oder zu ersetzen. Der berühmte Zellularpathologe Rudolf VIRCHOW sieht Heilung als Regulation des Körpers, aber auch der Verhältnisse des gesunden Lebens. Dieses Regulationsprinzips bediente man sich bereits in der antiken Humoralpathologie, die Heilung als Wiederherstellung des Gleichgewichts der verloren gegangenen Symmetrie der Säfte und Kräfte sah (vgl. SCHIPPERGES, 1990).

Schon der bedeutende persische Arzt AVICENNA (980-1037 n. Chr.) sprach zu seiner Zeit von Heilung, die über die Vorstellungskraft eines Menschen auf sich selbst und auch auf entfernte Körper ausgeübt werden könne. Mit dieser Form von Suggestion könne der Mensch aber nicht nur geheilt, sondern auch krank gemacht werden (vgl. BÖSCH, 2002). Auch einzelne Alternativmediziner arbeiten mit der Suggestivkraft und behaupten, dank ihrer übersinnlichen Fähigkeiten sogar Fernheilungen vollbringen zu können.

HESSE (2001, S. 79f) versteht unter Heilung eine „irreversible Wandlung“, die durch eine Intervention lediglich induziert werden kann. Sie kann seiner Meinung nach nicht von außen erfolgen. Der Therapeut oder Arzt kann dem Patienten lediglich jene Hilfestellung gegeben, die ihn dazu befähigt, seinen aus dem Gleichgewicht geratenen Organismus wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dieses Initiieren von Wandlung, der Erreichung der Homöostase, wird als der entscheidende Schritt in Richtung Heilung durch die Alternativmedizin betrachtet.

Um objektiv von Heilung sprechen zu können, so ERNST (2001), muss immer der natürliche Verlauf einer Erkrankung betrachtet werden und nur die Rettung vor dem vorzeitigen Ableben sowie die Behebung schwerer körperlicher „Defekte“ (auch mit zurückbleibender Behinderung) kann als echter Heilerfolg gewertet werden. Bei der Evaluierung von Heilung muss auch die Dauer eines Behandlungserfolges berücksichtigt werden, da Heilung auch temporär begrenzt und einen wellenförmigen Verlauf mit beschwerdefreien Phasen zeigen kann (vgl. SCHWEIGER, 2005). Die Qualität der erstrebten Heilung hängt zudem nicht nur vom Ausmaß des Defekts ab, sondern auch von der Schwere der Erkrankung und der Kraft des menschlichen Regulationssystems.

Folgende drei Aspekte müssten nach HESSE (2001) vereinigt werden, um das Wesen von Heilung erfassen zu können:

1. Das Maschinenbild des Körpers

Die Schulmedizin, die den menschlichen Organismus mit einer Maschine äußerst komplexen Aufbaues vergleicht, trenne zwischen Leib und Seele und kümmere sich nicht, so behaupten Kritiker, um deren Verbindung.

Aus der Praxis sind Krankheitsfälle bekannt, bei denen sich die Menschen nach überstandener Krankheit sogar gesünder fühlten als vorher. Die Krankheit verhalf somit zu einem besseren Gesundheitsempfinden.

2. Das Beobachterproblem

Da der Gesundheitszustand des Patienten nicht nur von den therapeutischen Maßnahmen durch die Behandler, sondern auch von der Umwelt des Patienten und dessen Interaktion mit ihr abhängt, besteht die Aufgabe des Therapeuten in Zweierlei: er muss erkennen, in welchem Ausmaß einerseits seine Behandlung, anderseits die Umwelt Einfluss auf den Gesundheitszustand des Patienten ausübt, um so den individuell richtigen Weg zur Heilung finden zu können.

3. Die seelisch-geistige Dimension

Die Trennung von Körper, Geist und Seele darf im Rahmen der Behandlung nur theoretisch erfolgen, nicht aber praktisch, um ein wiederkehrendes Auftreten von Beschwerden oder Befindlichkeitsstörungen zu verhindern.

Zuletzt stellt sich die Frage nach der Zielvorstellung für die gesetzten Heilungsmaßnahmen. Ist man mit einer rein medizinischen Rehabilitation zufrieden oder bedarf es zur vollständigen und nachhaltigen Heilung noch der Resozialisierung des ganzen Menschen in seine Umwelt? Aus dieser Fragestellung geht hervor, dass im Rahmen eines Heilungsprozesses nicht nur wissenschaftliche Kriterien Berücksichtigung finden sollten, sondern auch Lebensformen, Werte und Einstellungen (vgl. SCHIPPERGES, 1990). Dafür kann ein breites Spektrum unterschiedlicher Hilfsmittel bzw. -maßnahmen eingesetzt werden. Das Angebot reicht von Arzneimitteln aller Art, Diätetik, operativen Eingriffen, bis hin zu den so genannten Außenseitermethoden, auf die im zweiten Kapitel näher eingegangen wird.

1.3.3 Die soziale Dimension in der Medizin

Medizin wird zunehmend zu einem politisch dominierenden Faktor der Zukunft, da sie Einfluss auf die Lebensqualität und den Lebensstil des Einzelnen nimmt (vgl. WAGNER, 1984). Auch die Arbeit mit dem Patienten hat sich geändert, da dieser aufgrund seiner Mündigkeit ein starkes Bedürfnis nach Mitverantwortung und Selbstbestimmung hat. Im Rahmen der Gesundheitsversorgung fordert er nicht nur Leistung, sondern auch Gerechtigkeit und Effizienz ein und scheut sich nicht, Kritik an Ärzten und deren Behandlungsmethoden zu üben (vgl. STULZ, 2006).

Ein Blick zurück in die Geschichte der Medizin zeigt, dass der Begriff „Medizin“ erst im 13. Jahrhundert mit der Aufnahme in den universitären Bereich in den deutschen Sprachgebrauch gelangte und somit den früheren Begriff „Heilkunde“ ablöste. Im 16. Jahrhundert umfasste dieser Begriff auch Heilmittel und Arzneien. Erst viele Jahre später wurde sie eine Wissenschaft, nämlich die „Wissenschaft vom gesunden und kranken Menschen“. Im 20. Jahrhundert kam das unternehmerische und wirtschaftliche Denken hinzu. Es bildeten sich Hilfswissenschaften wie Statistik und Epidemiologie, das Krankenversicherungswesen, industrielle Unternehmen zur Herstellung von Arzneimitteln und die Krankenhausstrukturen, womit ein riesiger Verwaltungsapparat um die bzw. aus der Medizin entstand (vgl. DUDEN, 2006).

Zuständig für diese fast unüberschaubaren, bürokratischen Strukturen sind nicht nur Ärzte, sondern auch Gesundheitsökonomen und Betriebswirte. Wirtschaftlich gesprochen kann das Gesundheitswesen nur dann kontinuierlich und langfristig profitorientiert arbeiten, wenn der Mensch Strukturen, ähnlich einer technischen, physikalisch-chemischen Maschine aufweist, was allerdings unvorstellbar ist. Nach dem derzeitigen medizinischen Konzept behandelt der Arzt nicht die Krankheit, sondern den von einer Krankheit befallenen Menschen, d.h. den Patienten (vgl. HONTSCHIK, 2006).

Der Begriff „Medizin“ wird heute nicht nur für das ärztliche Handeln verwendet, sondern er umfasst alle Strukturen und Disziplinen zur Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit. Medizin sucht nach neuen Wertvorstellungen für das menschliche Dasein, wobei Gesundheit selbst als Wertvorstellung betrachtet werden kann.

Es wäre wünschenswert, wenn sich Ärzte von der Abstraktion medizin-technischer Befunde ab- und wieder mehr dem Menschen als soziales Wesen zuwenden würden, um so auch Aufschlüsse über sein psychosoziales Empfinden und Verhalten gewinnen und nutzen zu können. Dem Menschen als ein „Ensemble von biologischen, psychologischen und sozialen Elementen“ (BAUCH, 2000, S. 5) können bei einer Erkrankung lineare Therapieansätze daher nur in den allerseltensten Fällen genügen.

2. Medizinsysteme

Die moderne Medizin sei, so behaupten ihre Anhänger, ein Segen für die Menschheit. Denn viele Erkrankungen, die noch vor wenigen Jahren bzw. Jahrzehnten unbehandelbar waren und zum Ableben geführt hatten, sind heute therapier- und manchmal sogar heilbar. Auch Tumorerkrankungen und Karzinome sind nicht unweigerlich mit einem Todesurteil verbunden und lassen auf Heilung hoffen. Dennoch sind die Menschen von der Schulmedizin enttäuscht und wenden sich immer häufiger der Alternativmedizin zu. Sind es die vielen verschiedenen zur Diagnoseerstellung und teilweise auch zur Therapie eingesetzten Apparate und Maschinen, die beim Patienten Misstrauen und Angst aufkommen lassen? Durch die Auseinandersetzung mit terminologischen und definitorischen Aspekten sowie mit den Konzepten und Prinzipien beider Medizinsysteme in diesem Abschnitt werden die grundlegenden Unterschiede und deren Problemfelder aufgezeigt.

Dieses Kapitel wäre unvollständig, würden darin nicht die Ursachen und Gründe erörtert werden, die das seit Jahren bestehende Spannungsfeld zwischen Schul- und Alternativmedizin aufrechterhalten. Diskutiert werden weiters die Bedeutung der (Alternativ)Medizin als Kunst oder Wissenschaft, deren wissenschaftliche Überprüfbarkeit sowie Möglichkeiten des vernünftigen Einsatzes beider Medizinsysteme.

2.1 Schulmedizin

Die heutige Schulmedizin, die in Krankenhäusern und Spitälern, in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, von niedergelassenen Ärzten sowie von Rettungs- und Notärzten angewendet wird, ist aus unserer modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Und obwohl sie seit Jahrhunderten vielen Menschen geholfen hat und nach wie vor erfolgreich Krankheiten heilen bzw. Beschwerden lindern kann, ist sie mit zahlreichen Problemen und Vorwürfen konfrontiert.

Die ökonomischen, bürokratischen, juristischen und politischen Zwänge, die ihr vor allem in den letzten Jahren auferlegt wurden, belasten die Arzt-Patienten-Beziehung, die dadurch nicht im erwünschten Ausmaß gepflegt werden kann. Die großen Spitalsbetriebe mit ihren undurchschaubaren Strukturen entwickeln sich in Richtung „Medizin- bzw. Gesundheitsfabriken“, die ihren Patienten, die mehr als Kunden gelten, immer weniger menschliche Zuwendung durch die behandelnden Ärzte anbieten können. SCHWEIGER (2005) meint, dass die ihr abgesprochenen ganzheitlichen Ansätze dennoch nachzuweisen seien, zumal die Schulmedizin im Rahmen des ärztlichen Handelns den Menschen, sein Umfeld und seine Psyche als Gesamtes zu erfassen suche.

2.1.1 Der Begriff Schulmedizin

In der Brockhaus Enzyklopädie (2006, S. 512) wird Schulmedizin als „die an den Universitäten gelehrte, naturwissenschaftlich begründete und durch Forschungsergebnisse gestützte, weithin als gültig anerkannte, von der Erfahrungsheilkunde sowie von Außenseitermethoden abzugrenzenden Medizin“ verstanden. Mit dem positiven Begriff „Schule“, also der „Schulmedizin“, werden Eigenschaften wie „indoktrinär, rechthaberisch, engstirnig“ (SCHWEIGER, 2005, S. IX) verbunden, die sich gegen die als sanft und ganzheitlich bezeichnende alternativmedizinische Szene durchzusetzen hat. Weiters wird der Schulmedizin eine fließbandartige, inhumane Arbeitsweise vorgeworfen, die mehr schadet als nützt (vgl. SCHWEIGER, 2005).

Für die Schulmedizin existieren unterschiedliche Namen, wie universitäre, reguläre, konventionelle, offizielle oder orthodoxe Medizin, deren Betrieb und Vertreter von ihren Gegnern als starr, monopolistisch und linear denkend betrachtet werden (vgl. BRAUN, 2001).

Vergleicht man den menschlichen Körper mit einer Maschine, die repariert werden muss (Heilung), wenn ein Teil von ihr (ein Organ) nicht funktioniert (krank ist), dann wird verständlich, dass die naturwissenschaftliche Schulmedizin auch „Reparaturmedizin“ oder „Organmedizin“ genannt wird. Da zunehmend mehr Messinstrumente eingesetzt werden, hat sie auch den Charakter einer „Apparatemedizin“. Eine naturwissenschaftliche Medizin, die auf einer Trennung von Geist und Materie beruht, kann jedoch nie den ganzen Menschen behandeln, sondern nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit (verschiedene Impfstoffe, Contergan,…) (vgl. HARSIEBER, 1993).

Ihr wird trotz hervorragender Leistungen in den Bereichen Forschung, Diagnostik und Therapie und des sich rasch erweiternden Detailwissens Nicht-Ganzheitlichkeit vorgeworfen, weil sie Körper und Seele trennt und dabei dem Körper mehr Beachtung schenkt. Zudem kommt es zu einer Trennung von Subjekt und Objekt, von Arzt und Patient sowie von Gesundheit und Krankheit. Auch wenn ihr vorgeworfen wird, den Körper des Patienten als Maschine zu betrachten und den biografischen, sozialen Hintergrund des zu behandelnden Individuums auszuklammern, verdanken wir ihrem Engagement eine höhere Lebenserwartung aufgrund besserer Lebensbedingungen (Hygienemaßnahmen, Impfungen etc.) sowie kompetenter und effizienter therapeutischer Maßnahmen (vgl. PLATSCH, 2007).

Als großartige Erweiterung der Körpermedizin wird die „Psychosomatische Medizin“ gesehen, die auf eine alte Idee des Leipziger Psychiaters Johann Christian August HEINROTH (1773-1843) zurückgeht und sich mit medizinisch nicht erklärbaren Symptomen befasst. Da sie Erkenntnisse nicht-trennender Ganzheitlichkeit umfasst, gilt sie als wichtige Übergangsentwicklung in Richtung eines neuen medizinischen Paradigmas der Ganzheitlichkeit (vgl. PLATSCH, 2007), und wird seit den 1930er Jahren als offizielles wissenschaftliches Fach an amerikanischen Universitäten gelehrt. Allerdings hat sie nie einen wirklichen Durchbruch geschafft.

Die Ärzte Sigmund FREUD, Carl Gustav JUNG und Alfred ADLER gelten als Wegbereiter der Psychoanalyse und damit auch der Psychosomatischen Medizin, die von einer Wechselwirkung zwischen Psyche und Körper ausgeht. Sie behauptet, seelische Einflüsse könnten ebenso wie psychische Störungen einen (negativen) Einfluss auf die physische Befindlichkeit des Menschen haben. Magenschmerzen, Atemnot, Herzrhythmusstörungen sowie Kopf- und Unterleibschmerzen können Folgen dieser Störungen sein. Zudem werden auch somato-psychische Reaktionen beobachtet, nämlich, dass sich schwere Krankheiten auch negativ auf die Psyche des Menschen auswirken können (z. B. Multiple Sklerose verursacht Depressionen). Das zu akzeptieren war für die wissenschaftlich orientierte Schulmedizin anfänglich nicht leicht (vgl. PLATSCH, 2007).

Für die moderne Schulmedizin ist eine Erkrankung dann psychosomatisch, wenn kein pathologischer Befund vorliegt und klinisch keine Auffälligkeiten erkennbar sind. Sie stigmatisiert den Betroffenen auch nicht wie noch vor wenigen Jahrzehnten als „eingebildeten Kranken“, sondern nennt ihn „psychosomatisch krank“. Lange Zeit ordnete man allerdings auch Krankheiten wie Asthma, Neurodermitis oder bestimmte allergische Reaktionen dem psychosomatischen Formenkreis zu, da in diesen Fällen ausschließlich Einwirkungen der Psyche auf das Soma vermutet wurden (vgl. HARSIEBER, 1993). Sie zählen, laut STÖHR (2001), zu den häufigsten Gründen für eine Arztkonsultation bei Allgemeinmedizinern.

PLATSCH (2007) ist sich im Klaren, dass die Berücksichtigung psychosomatischer Zusammenhänge im Rahmen ärztlichen Handelns einen wichtigen Beitrag zur physischen und psychischen Gesundheit leistet. Dies bedingt allerdings einen erhöhten Mehraufwand an Gesprächszeit für den Patienten - einen Anspruch, dem weder das Sozialversicherungssystem noch die Ärzteschaft im notwendigen oder auch nur von Patienten erwarteten Ausmaß nachkommen können.

2.1.2 Konzepte und Prinzipien der Schulmedizin

Das menschliche Leben erklärt sich gemäß den Natur- und Kausalgesetzen (vgl. BRAUN, 2001), auf die sich auch die Schulmedizin bezieht. Diese arbeitet aber nicht nur nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip bzw. dem Schlüssel-Schloss-Prinzip (vgl. HEINE, 2001), sondern auch mit der Be-Seitigung von Symptomen, für deren Erkenntnisgewinnung sie sich der Methoden und Prinzipien der naturwissenschaftlichen Empirie bedient (vgl. SCHWEIGER, 2005).

UNGER (2007) beschreibt die Arbeit der Schulmedizin nach dem Prinzip der Mess- und Zählbarkeit, also gemäß dem galileischen Prinzip: Messen, was messbar ist. Was nicht messbar ist, messbar machen. Dem muss hinzugefügt werden, dass es Qualitätseigenschaften gibt, die heute noch nicht messbar sind. Es ist daher notwendig, die Voraussetzungen für ihre Messbarkeit zu schaffen, wenn dies erwünscht ist. Weiters sind die gesetzten Grenzwerte, die definieren, wann man als gesund und wann als krank gilt, von entscheidender Bedeutung (vgl. IVANOVAS, 2001).

Während der Schulmedizin von ihren Kritikern ein eher mechanistischer Umgang bzw. Zugang von ihren Kritikern zugeschrieben wird, nimmt sich die Alternativmedizin des Menschen als Körper-Geist-Seele-Einheit (siehe Abb. 8.2.4) an. Die Betrachtungsweise des Menschen durch die Schulmedizin geht von einer grobstofflichen, biologischen Maschine mit biochemischen und biophysikalischen Funktionen aus. HARSIEBER (1993) macht in diesem Zusammenhang auf die Gefahr aufmerksam, dass der Mensch durch die Beschränkung der Schulmedizin auf objektive Befunde zunehmend zu einer seelenlosen Maschine abgestempelt wird („Befundorientierte Medizin“). Er fordert, dass nicht nur auf den Befund, sondern auch auf das Befinden des kranken Individuums eingegangen werden solle.

Körperliche Zustände sowie physiologische Prozesse werden in der Medizin gezielt nach vorgegebenen Kriterien mit der Absicht überprüft, den Ausgangs- oder Normalzustand wieder herzustellen. Der Vorteil dieser standardisierten Beobachtung liegt in der Vergleichbarkeit aller Interventionen, der Nachteil, dass die Gültigkeit nur für den selbst gesetzten Rahmen existiert. Bei der schulmedizinischen Behandlung eines Patienten mit einem Medikament besteht das Interesse daher primär an seiner Wirksamkeit, weniger an dessen Nebenwirkungen (vgl. IVANOVAS, 2001).

Von der Alternativmedizin ist bekannt, dass ihr Ziel unter anderem darin besteht, die Selbstheilungskräfte ihrer Patienten zu aktivieren. Bei genauer Analyse wird bewusst, dass auch die Schulmedizin den Heilungsprozess des menschlichen Organismus fördern kann, indem sie den Patienten lediglich Schonung, beispielsweise bei Knochenbrüchen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Burnout etc. empfiehlt. Es fehlen allerdings empirische Beweise, die darauf hindeuten, dass ein solcher Ratschlag tatsächlich Wirkung zeigen könne (vgl. WIESING, 2004).

Die Forderung nach Pluralität in der Medizin macht Sinn bei den theoretischen Grundannahmen zum menschlichen Individuum, seinem Organismus, den Erkrankungen sowie den Interventionen, nicht aber bei deren Basisausrichtung. Hervorzuheben ist, dass sich nicht nur die Naturheilkunde natürlicher Substanzen zur Behandlung von Krankheiten bedient, sondern auch die Schulmedizin, indem sie etwa Morphium, Cortison, Hormone oder Vollbluttransfusionen verordnet (vgl. WIESING, 2004).

Das höchste Ziel der Wissenschaft und daher der klassischen, universitären Medizin, ist die Wahrheit, die als Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchung und Entscheidung gesehen werden muss (vgl. WAGNER, 1984).

Da aber die Medizin oftmals mit sehr komplexen Erkrankungen bei höchst unterschiedlichen Individuen konfrontiert ist, sind absolute Gewissheit und Sicherheit bei Auswahl und Ablauf des Behandlungsprozess nicht (immer) gewährleistet. Mehrheitlich bewegt sie sich mit ihrer Vorgangsweise im Graubereich, da sie es selten mit einer eindeutigen „Schwarz-Weiss-Situationen“, wie einer akuten Blinddarmentzündung zu tun hat, die erfahrungsgemäß durch eine standardisierte Routineoperation behoben werden kann. Die Kunst besteht daher darin, diesen wissenschaftlich unerforschten Graubereich zu reduzieren (vgl. STULZ, 2006).

PLATSCH (2007) bekräftigt, dass oft gleiche Krankheitsbefunde, die die Grundlage für eine objektive, wissenschaftliche Forschung bilden, nach unterschiedlichen medizinischen Behandlungsmethoden verlangen, da immer auch die individuelle Lebenssituation miteinbezogen werden muss, um erfolgreich agieren zu können.

Aus den vorangegangenen Ausführungen geht hervor, dass sich die moderne Medizin auch mit den „soft skills“ oder „soft factors“ auseinandersetzen muss, worunter man die praktischen Fertigkeiten des Arztes sowie dessen persönlichen Umgang mit dem Patienten versteht. Darunter fällt auch die Intuition bzw. der klinische Blick, der vom äußeren Erscheinungsbild des Patienten in sein Inneres (Seele des Patienten) wandert, um so ein ganzheitliches Bild generieren zu können (vgl. STULZ, 2006).

Diese ganzheitliche Orientierung der evidenzbasierten Medizin, auf die im nächsten Kapitel näher eingegangen wird, geht auf Karl JASPERS (1883-1969), einem Psychiater und Philosophen, zurück, der unter ärztlichem Handeln eine Kombination aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis, technischem Können („hard facts“) und humanitärem bzw. geisteswissenschaftliches Handeln („soft skills“) versteht (vgl. JASPERS, 1999).

2.1.2.1 Evidence Based Medicine

Der Weg zur „Evidence based Medicine“ (EbM) erfolgte über die rationalistische Vorgehensweise in der wissenschaftlichen Medizin und gilt als historischer Umweg. Da diese Vorgehensweise keinerlei neue Elemente besitzt, so RASPE (1996), hätte dieses Phänomen bereits viel früher eingesetzt werden können (vgl. WIESING, 2004).

Wissenschaftlich fundiertes Wissen galt in der Medizin bislang als Mangelware, zumal nur 10 bis 20% medizinischer Handlungen und Verfahren gemäß den Kriterien empirischer Untersuchungen überprüft wurden (vgl. DUBINSKY, 1990; vgl. WIESING, 2004). Nach einer so genannten Sturm-und-Drang-Phase wurde von Seiten der Ärzteschaft der Ruf nach einer „rationalen Medizin“ laut, um den durch die rasche Entwicklung der Medizin teilweise verunsicherten Patienten in diesem Bereich Transparenz bieten zu können. Damit war auch der Wunsch verbunden, mehr Vertrauen in die Zuverlässigkeit ärztlichen Handelns zu bringen (vgl. STULZ, 2006).

Der Begriff „Evidence based Medicine“, der von britisch-kanadischen Klinikern Ende des letzten Jahrhunderts geprägt wurde, schafft leicht Verwirrung, übersetzt man ihn vom englischen ins deutsche. Während der englische Begriff „evidence“ Nachweis oder Beleg bedeutet, wird unter dem deutschen Begriff „Evidenz“ das Offenkundige verstanden, was als das Gegenteil den Intendierten gilt. SACKETT (1996, S. 71) und seine Kollegen definieren „evidence based medicine“ als „integrated individual clinical expertise with the best available external evidence from systematic research“. Nur durch systematische, wissenschaftliche Forschung, d.h. anhand von kontrollierten, klinischen Studien und deren Analysen erhält man Evidenz (external evidence), was in der Praxis als das - bis dato - beste verfügbare Wissen gilt und als solches auch genutzt werden sollte. Zusätzlich wird verlangt, die persönliche Situation des Patienten und dessen Präferenzen zu erfassen und in den ärztlichen Handlungsprozess zu integrieren, was durch klinische Befundung und den persönlichen Kontakt zum Patienten ermöglicht wird (individual clinical expertise) (vgl. WIESING, 2004).

Der „Evidence based Medicine“ geht es nicht um die Darlegung von offenkundigen, selbstverständlichen Fakten, sondern um die kritische, wissenschaftliche Überprüfung von vermeintlich offenkundigen Daten und Fakten (mehr evidence based, weniger opinion based).

Seit der EbM hat sich ein Wandel im Bereich der Medizin vollzogen. Sie beschäftigt sich nicht mit der Frage, warum eine bestimmte Therapie wirkt, sondern ob sie wirkt, wie mit Hilfe von randomisierten kontrollierten Studien an Patienten überprüft wird (vgl. STULZ, 2006). Der evidenzbasierten Medizin ist es also kein Anliegen herauszufinden, warum etwas nützt, wenn etwas nützt.

[...]


[1] Zur besseren Lesbarkeit wird, den früheren Gepflogenheiten der deutschen Sprache folgend, im vorliegenden Text sowie im Fragebogen nicht genderspezifisch formuliert, sondern die männliche Form bevorzugt. Die Autorin weißt darauf hin, dass es sich hierbei um keine geschlechtsspezifische Diskriminierung handelt.

Details

Seiten
266
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656326717
ISBN (Buch)
9783656328131
Dateigröße
4.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205748
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Schlagworte
Alternativmedizin Schulmedizin Gesundheit Arzt-Patienten-Beziehung Homöopathie

Autor

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Titel: Alternativmedizin und ihre Akzeptanz in der Gesellschaft