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Liudprand von Cremona und Anselm von Havelberg in Konstantinopel. Die Auseinandersetzung lateinischer Autoren mit der Kultur von Byzanz im 10. und 12. Jahrhundert

Ein diachroner Vergleich

Magisterarbeit 2006 89 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Liudprand von Cremona
1.1 Liudprand und seine Schriften
1.1.1 Eine Karriere als Diplomat
1.1.2 Forschungsstand
1.1.3 Antapodosis und Legatio
Zusammenfassung
1.2 Die Darstellung des byzantinischen Ostens
1.2.1 Ein genauer Beobachter
1.2.2 Ein Selbstdarsteller im Gespräch
1.2.3 Ein Kenner und Bewunderer des Ostens
Zusammenfassung
1.3 Liudprands Einstellung gegenüber Byzanz
1.3.1 Vorurteile
1.3.2 Urteile
1.3.3 Widersprüche
Zusammenfassung

2 Anselm von Havelberg
2.1 Anselm und seine Schriften
2.1.1 Ein Diplomat des Kaisers und des Papstes
2.1.2 Forschungsstand
2.1.3 Ein Intellektueller des 12. Jahrhunderts
Zusammenfassung
2.2 Anselm von Havelberg und Niketas von Nikomedien im Gespräch
2.2.1 Eine harmonische Diskussion
2.2.2 Eine Konfrontation ohne Ausweg
2.2.3 Eine Aufführung für die Brüder
Zusammenfassung
2.3 Drei Meinungen
2.3.1 Anselms der Lateiner
2.3.2 Niketas der Grieche
2.3.3 Anselm der Autor
Zusammenfassung

3 Liudprand und Anselm im Vergleich
3.1 Die Werke im Kontext der Auseinanderentwicklung von Ost und West
3.1.1 Religiöse Auseinanderentwicklung – lateinische und griechische Kirche
3.1.2 Zwei Imperien – das römische Kaisertum in West und Ost
3.1.3 Gemeinsames und Trennendes
Zusammenfassung
3.2 Zwei Berichte über Byzanz – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
3.2.1 Die Darstellung des Ostens
3.2.2 Die Urteile über Byzanz
3.2.3 Vermittlung byzantinischer Kultur
Zusammenfassung
3.3 Der Umgang mit dem Fremden – Toleranz und Pluralität im 10. und 12. Jahrhundert
3.3.1 Einheit und Trennung
3.3.2. Toleranz und Aggressivität
3.3.3. Einheit und Vielfalt
Zusammenfassung

Schluss

Bibliographie

Quelleneditionen

Literatur

Einleitung

„Die fremde Welt ist als solche wenig attraktiv, wimmelt aber von Gefahren; sie kennen zu lernen, wird durch keine Berichte nahe gelegt. Die Neugier schlummert noch.“[1] So erklärt Johannes Fried in seinem Buch über das Europa des frühen Mittelalters das Verhältnis des damaligen Menschen zur Ferne. Aus den wenigen Berichten Reisender im frühen Mittelalter erfahren wir kaum etwas darüber, wie das Europa jener Zeit aussah. Dennoch gab es Reisende in jener Epoche und auch Berichte über ihre Reisen. Liudprand von Cremona reiste zweimal im Auftrag eines westlichen Herrschers nach Konstantinopel und schrieb beide Male seine Erlebnisse auf. Zwar erfährt der Leser wenig über das Aussehen der Stadt am Bosporus, dafür erhält er zwei unterschiedliche Portraits des byzantinischen Kaiserhofs. Zweihundert Jahre später fährt Anselm von Havelberg ebenfalls nach Konstantinopel. Als Papst Eugen III. ihn aufforderte, von seinen Erfahrungen mit den Griechen zu berichten, schreibt er die Dialoge auf, die er mit Niketas, Erzbischof von Nikomedien, über die Differenzen zwischen der latei­nischen und der griechischen Kirche in Konstantinopel geführt hat.

Die beiden Berichte Liudprands sind uns heute in dem sechsten Buch der Antapodosis, dem Geschichtswerk Liudprands und der Legatio, dem Bericht an Kaiser Otto I. über seine Gesandtschaftsreise nach Konstantinopel überliefert[2]. Anselms Dialoge stehen in seinem Anti­keimenon, dem Buch der Gegensätze[3]. Beide Autoren haben keinen Erlebnisbericht ihrer Reisen geschrieben, sondern literarische Werke, in denen sie sich mit ihrem Kontakt zur Kultur von Byzanz auseinandergesetzt haben. In dieser Arbeit werde ich die Sicht der Autoren auf den byzantinischen Osten und ihre Reaktionen auf die Begegnung mit einer fremden Kultur vergleichen.

Die Mediävistik beschäftigt sich traditionell mit dem lateinischen Mittelalter Westeuropas und betrachtete die Geschichte des byzantinischen Staates als isoliert von der westeuro­päischen Geschichte. Erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Osten systematisch untersucht. Werner Ohnsorge, der Pionier auf diesem Gebiet, bezeichnete den Forschungsgegenstand als „Zweikaiserproblem“. Es ging ihm dabei im Wesentlichen um die Wechselwirkung zwischen der Entwicklung des Kaiser- und Reichsgedankens im Westen und dem Universalanspruch des römischen Kaisertums[4]. Einen systematischen Überblick über die Problematik des Kaisertums im Mittelalter gibt Hans K. Schulze in dem dritten Band der Reihe „Grundstrukturen der Verfassung im Mittelalter“[5].

Mit den politischen Beziehungen zwischen Byzanz und Italien am Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts beschäftigte sich Rudolf Hiestand. Er kam zu dem Ergebnis, dass Byzanz dabei scheiterte, das antike Reich durch die Entwertung des westlichen Kaiser­tums wieder herzustellen, weil der Westen zwar die überlegene Stellung des östlichen Kaisertums anerkennen musste, aber nicht bereit war, in dem byzantinischen Reich aufzu­gehen[6].

Für die kirchliche Auseinanderentwicklung von Ost und West haben Franz Dvornik, der sich mit den Primatsanspruch des Papstes untersuchte[7] und Steven Runciman, der das Problem des west-östlichen Schismas in Spätantike und Mittelalter thematisierte[8], in den fünfziger Jahren Standardwerke geschrieben. Von Axel Bayer stammt eine neuere Mono­graphie zu dem Thema der kirchlichen Trennung[9].

Die Rezeption byzantinischer Kultur im Westen interessierte Walter Berschin und Michael Rentschler[10] ; beide stellten fest, dass der Westen die griechische Kultur während des Mittelalters schätzte, sie aber in verschieden Epochen auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Maß aufnahm. Auch Krijnie N. Ciggaar untersucht die kulturelle Beein­flussung des Westens durch den Osten. Der Westen, so Ciggaar, zeichnet sich durch seine Offenheit gegenüber fremden Ideen und Einflüssen bei gleichzeitigem Bewusstsein seiner eigenen Identität aus. Die byzantinische Kultur hat daher die so genannte Renaissance des 12. Jahrhunderts stimuliert[11].

Um die Selbstdarstellung des Westens und des Ostens im außenpolitischen Verkehr und die Rückwirkung auf die möglicherweise jahrhundertealten Vorstellungen von der anderen Seite geht es Daniel Nerlich in seiner Untersuchung über die Gesandtschaften zwischen den Ostkaisern und den Westkaisern bzw. Westkönigen. Seine Schlussfolgerung lautet, dass der ideell begründete Konfrontationskurs nicht mit gleich bleibender Intensität verfolgt wurde und beide Seiten durchaus kompromissbereit waren[12]. In dem für ein breiteres Publikum bestimmten Überblickswerk der byzantinischen Geschichte geht der Byzantinist Ralph-Johannes Lilie ebenfalls intensiv auf die Beziehungen zwischen Ostrom und dem lateinischen Europa ein.

In den neunziger Jahren erschienen mehrere Sammelbände über den Kontakt zwischen Osten und Westen. Anlässlich des 1000-jährigen Todestages der Kaiserin Theophanu gaben Anton von Euw und Peter Schreiner ein zweibändiges Werk heraus mit Beiträgen, die die Kultur der Stadt Köln und die Wege, die von hier nach Byzanz führten, untersuchten[13]. In dem Bericht zu einem Symposium mit dem Titel „Die Begegnung des Westens mit dem Osten“ veröffentlichte Odilio Engels neben Aufsätzen zur Wissenschaftsvermittlung und dem Kunst- und Kulturaustausch zwischen Ost und West Beiträge zum Thema ‚Die Sicht des Anderen anhand von Reiseberichten’[14].

Die Werke der beiden Autoren Liudprand von Cremona und Anselm von Havelberg, sind nicht allein Berichte ihrer Reisen nach Konstantinopel, sondern literarische Konstruktionen, in denen die beiden Autoren ihre Begegnung mit einem anderen Kulturkreis verarbeiteten. Ich werde untersuchen, wie die beiden lateinischen Autoren, die in ihren Schriften eine bestimmte Weltsicht vertreten, auf die Konfrontation mit einem anderen Kulturkreis, dem byzantinischen Osten reagierten. Das besondere an den Beziehungen des Westens zu Byzanz ist, dass es sowohl zahlreiche Verbindungen zwischen den beiden Hemisphären gibt – das Christentum, das antike Erbe in Wissenschaft, Kultur und Philosophie, die antike Idee des Kaisertums, die Beeinflussung des Westens durch den Osten – als auch Trennendes und dass oft gerade das Gemeinsame, wie Religion oder Kaisertum zum Grund für Trennung und Auseinandersetzung wurde. Beide Autoren vertraten eine gedankliche Einheit der Welt, der in der Realität eine Pluralität gegenüberstand[15]. Das Antikeimenon Anselms, Liudprands Legatio sowie die entsprechenden Teile seiner Antapodosis sind die literarische Verarbeitung dieses Wider­spruchs.

Diese Werke sind zum einen individuelle Zeugnisse und sind von den persönlichen Erleb­nissen und den persönlichen Einstellungen der Autoren geprägt. Deshalb werde ich sie zunächst individuell interpretieren, um die Intention des Autors und den historischen Kontext, in dem sie entstanden sind, zu erfahren. Sie sind aber auch Zeugnisse ihrer Zeit und geben Auskunft über ihre jeweilige Epoche. In ihnen spiegeln sich allgemeine politische, kulturelle und religiöse Tendenzen ihrer Zeit wider. Deshalb werde ich anschließend die beiden Autoren bezüglich einiger ausgewählter Kriterien vergleichen, da sich durch einen diachronen Vergleichs solche Tendenzen erkennen lassen[16]. Außerdem bietet der Vergleich die Möglich­keit, die beiden Autoren mit modernen Konzepten zu untersuchen, beispielsweise ein Konzept der Toleranz oder des Umgangs mit fremden Erfahrungen, ohne Gefahr zu laufen, die falschen Maßstäbe anzusetzen, da nur die Unterschiede bzw. Ähnlichkeiten untereinander und nicht bezüglich des Maßstabs interessieren.

In einem Vergleich werden zwei oder mehr historische Phänomene systematisch nach Ähnlichkeiten und Unterschieden untersucht, um Aussagen über geschichtliche Handlungen, Erfahrungen, Prozesse und Strukturen und die Bedeutung dieser Phänomene in Raum und Zeit treffen zu können. Das besondere dabei ist, dass historische Phänomene nicht nur aus der Perspektive einer Theorie betrachtet werden, sondern gefragt wird, wie sich die verschiedenen Akteure verhalten haben[17]. Wenn ich die Auseinandersetzung der beiden Autoren mit der Kultur von Byzanz vergleiche, erkenne ich sowohl Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Sicht des Westens auf den griechischen Kulturkreis und seiner Auseinandersetzung mit dem östlichen Christentum, aber auch Entwicklungen und Kontinuitäten der westlichen Kultur selber.

Möchte ich die Auseinandersetzung der beiden Autoren mit der Kultur von Byzanz unter­suchen, muss ich definieren, was ich unter ‚Kultur von Byzanz’ verstehe, da Kulturgeschichte ein weites Feld ist[18]. Heidemarie Uhl bietet drei Definitionen für Kultur an[19]: Erstens, einen eng gefassten Kulturbegriff, nach dem Kultur ein Teilbereich der Gesellschaft ist. Dieser Begriff richtet sich auf einen empirischen Bereich des Kulturellen; er umfasst Religion, Kunst, Sprache, Wissenschaft, Erziehung, Sitte, Brauch. Zweitens einen weit gefassten Kulturbegriff, mit dem Kultur als etwas umfassendes, als die „Gesamtheit aller Lebens­erscheinungen und Lebensbedingungen“ (Max Weber) definiert wird. Hier ist die Kultur die Gesamtheit aller menschlichen Phänomene, nur die reine Natur ist ausgeschlossen. Die dritte Definition geht von einem bedeutungsorientierten, konstruktivistischen Verständnis von Kultur aus. Kultur ist hier ein selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe, in dem menschliches Verhalten als symbolisches Handeln zu verstehen ist.

Wenn ich die Auseinandersetzung der Autoren mit der Kultur von Byzanz untersuche, meine ich die zweite Definition, die Gesamtheit aller Lebenserscheinungen und Lebens­bedingungen in Byzanz, alle gesellschaftlichen, politischen, religiösen, künstlerischen Phänomene, mit denen die beiden Autoren in Konstantinopel konfrontiert wurden.

In den ersten beiden Kapiteln werde ich die beiden Autoren und ihre Werke individuell untersuchen. Zuerst stelle ich jeweils ihre Lebensläufe kurz vor, gehe auf den Forschungs­stand ein und ordne die Autoren und ihre Werke in die geistigen Strömungen ihrer Zeit ein, anschließend zeige ich, wie die beiden Autoren den byzantinischen Kulturkreis jeweils darge­stellt haben und welche Urteile sie jeweils gefällt haben. Im dritten Kapitel vergleiche ich die beiden Autoren: Zunächst stelle ich den Inhalt ihrer Schriften der historischen Auseinander­entwicklung des byzantinischen und des westlichen Kulturkreises gegenüber, danach verglei­che ich die Darstellung und die Urteile der beiden Autoren miteinander und schließlich unter­suche ich, wie die beiden Autoren auf die Konfrontation mit der fremden Kultur von Byzanz reagiert haben.

1 Liudprand von Cremona

1.1 Liudprand und seine Schriften

1.1.1 Eine Karriere als Diplomat

Um das Jahr 960 schreibt Liudprand von Cremona seine Antapodosis, eine Geschichte Europas, deren sechstes Buch einen Bericht über seine Gesandtschaftsreise 10 Jahre zuvor nach Konstantinopel enthält. Er erzählt darin von dem wunderbaren und unerhörten Empfang durch Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos, berichtet von der Größe und Schönheit des kaiserlichen Palastes und der kaiserlichen Gebäude, von einem Festmahl mit dem Kaiser, den Darbietungen einiger Schausteller im Kaiserpalast und von anderem neuen und merkwürdigen Sachen, die er erlebte[20]. Zehn Jahre später schreibt er noch mal einen Bericht, diesmal über seine zweite Reise in die Hauptstadt des oströmischen Reiches. In dieser Relatio de Legatione de Constantinopolitana findet er kein gutes Wort für die Stadt, deren Bewohner und den kaiserlichen Hof. Einzig bei seiner Abreise gedenkt er der ehemals so reichen und blühenden, jetzt aber hungernden, meineidigen, lügenhaften, treulosen, räuberischen, habsüchtigen, geizigen uns prahlerischen Stadt[21]. Innerhalb von anderthalb Jahrzehnten wird sich die Stadt am Bosporus aber nicht so sehr verändert haben, wie Liudprand behauptet. Die Ursachen für diese widersprüchlichen Berichte sind ebenso bei dem italienischen Gesandten zu suchen als auch in Konstantinopel, sie stellen damit sowohl Quellen für die west-östlichen Beziehungen des 10. Jahrhunderts dar als auch für die Veränderungen im Westen in dieser Zeit.

Liudprand wurde kurz nach 920 in Pavia geboren. Er stammte vermutlich aus einer vornehmen lombardischen Kaufmanns- und Gelehrtenfamilie, deren Angehörige im Dienste des Hofes von Pavia standen. Sein Vater diente als Diplomat und reiste im Jahre 929 während der Herrschaft des Kaisers Romanos I. Lakapenos nach Konstantinopel. Kurz darauf starb Liudprands Vater, sein Stiefvater sorgte sich jedoch um den Halbwaisen und verschaffte ihm eine gute Ausbildung. Der Stiefvater diente ebenfalls als Diplomat und Beamter am langobar­dischen Königshof in Pavia und reiste 940 im Auftrag des italienischen Königs Hugos von Arles nach Konstantinopel[22].

Liudprand wurde am Hof Hugos als Diakon ausgebildet. Als sich die Machtverhältnisse in Italien verschoben, nahmen ihn seine Eltern aus den Diensten Hugos und erwarben für ihn eine Stelle in der Kanzlei Berengars II. Zwischen dem italienischen König Hugo und dem byzantinischen Kaiser Romanos I. Lakapenos hatten über Jahre hinweg freundschaftliche Beziehungen geherrscht und die beiden Herrscher konnten sogar eine Heirat zwischen einer Tochter Hugos und einem Sohn des Thronfolgers Konstantin VII. arrangieren. Nach Hugos Tod erkundigte sich der neue byzantinische Kaiser Konstantin bei Berengar, der in Pavia an die Macht gekommen war, nach dem Wohlergehen Lothars, Hugos Sohn und Schwager seines eigenen Sohns und forderte eine Gesandtschaft, um dem neuen italienischen Herrscher seine Liebe zu erweisen[23]. Berengar, dem Liudprand offenbar aufgefallen war, schickte den jungen Diakon daraufhin nach Konstantinopel, wie Liudprand später berichtet auf Kosten seines Stiefvaters, da er ja somit die Ausbildung seines Sohnes als Diplomat vollenden konnte[24].

Ein Teil dessen, was er bei seinem ersten Besuch in Konstantinopel erlebte, hat Liudprand später in das sechste Buch der Antapodosis geschrieben. Die Gesandtschaft verlief in einer freundschaftlichen Atmosphäre und der junge Liudprand bewunderte sehr das Leben am Bosporus; noch Jahre später beschreibt er ehrfürchtig die Gebäude und die Zeremonien am Kaiserhof, wobei er es nicht versäumt, in seinen Gesprächen mit dem Kaiser sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen[25]. Mit dieser Gesandtschaftsreise konnte sich Liudprand als Diplomat mit besonderen Kenntnissen des oströmischen Reiches etablieren. Auf Kontakte, die er in Konstantinopel knüpfte, konnte er vermutlich noch bei seiner zweiten Reise zurückgreifen.

Obwohl diese Mission allem Anschein nach erfolgreich verlief, kam es anschließend zum Bruch mit seinem Herrn in Pavia und Liudprand musste Anfang der 950er Jahre die Lombar­dei verlassen[26]. Er fand Zuflucht am Hofe Ottos I., wo er wahrscheinlich weiterhin als Diplo­mat tätig war, schließlich konnte er mit besonderen Kenntnissen über den byzantinischen Osten glänzen. Auf dem Reichstag von 956 in Frankfurt traf Liudprand den spanischen Bischof Recemund von Elvira, der ihn dazu ermutigte, die Taten der Kaiser und Könige Europas darzustellen[27]. Dieses Werk, das er später Antapodosis nannte, schrieb Liudprand während der folgenden Jahre. Zwischenzeitlich begab er sich auf eine weitere Reise in den Osten, gelangte aber nur bis zu der griechischen Insel Paxos[28].

Im Jahr 962 begleitete Liudprand Otto I. auf seinen Feldzug nach Italien und war bei der Kaiserkrönung in Rom anwesend. Er berichtet darüber in dem zweiten von ihm erhaltenen Werk, der Historia Ottonis[29]. Otto wollte seine neu errungene Herrschaft in Italien sichern und besetzte die norditalienischen Bistümer mit ihm loyalen Untergebenen, Liudprand erhielt das Bistum Cremona. Der Cremonenser Bischof blieb für den Rest seines Lebens in die kaiserliche Politik in Italien involviert: Er reiste als Diplomat an den römischen Papsthof, nahm an der Papstwahl 965 teil und half als Übersetzer und Berater am kaiserlichen Hof. In den innersten Kreis der Berater Ottos konnte Liudprand vorerst jedoch nicht vordringen[30]. Erst 968 wurde ihm eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen: Er leitete ein zweites Mal eine Gesandtschaft nach Konstantinopel. Die Umstände dieser zweiten Mission waren jedoch ungleich komplizierter als bei Liudprands erster Reise in den Osten.

Anfang des Jahres 967 besuchte Otto I. die Fürsten von Capua und Benevent, Pandulf Eisenkopf und Landulf. Der sächsische Kaiser fand in den beiden langobardischen Fürsten eine Stütze in Mittelitalien, die als Puffer gegenüber einem eventuellen byzantinischen Angriff aus Süden dienten. Indem er die beiden Herzogtümer in seinen Machtbereich einschloss, drang er jedoch in byzantinisches Interessengebiet ein. Ein Jahr später im Winter 968 zog Otto noch weiter nach Süden bis nach Apulien, nahm einige byzantinische Außen­posten ein und belagerte Bari[31].

Der byzantinische Kaiser Nikephoros Phokas war über die Entwicklungen in Italien beun­ruhigt und schickte zunächst einen Botschafter zu Otto. Der westliche Kaiser antwortete ihm, indem er den Venezianer Dominikus nach Konstantinopel schickte. Dieser sah im Osten die Kriegsvorbereitungen, mit denen Nikephoros zum Feldzug nach Italien rüstete. Um diesen abzuwenden, versprach er, Otto werde niemals in byzantinisches Gebiet vordringen und schwor, dass der sächsische Herrscher niemals ein Ärgernis gegenüber dem byzantinischen Kaiserreich hervorrufen werde. Der byzantinische Kaiser war daraufhin beruhigt und konnte sich im Osten dem Kampf gegen die Araber widmen[32].

Otto hingegen glaubte mit der Belagerung Baris ein Faustpfand in der Hand zu haben, mit dem er Druck auf den Ostkaiser ausüben konnte. Er schickte Liudprand nach Konstantinopel, damit dieser über einen Friedensvertrag und eine byzantinische Prinzessin als Braut für Ottos Sohn verhandle. Als Liudprand in Konstantinopel ankam, hatte man auch dort bemerkt, dass Otto sein Versprechen nicht gehalten hatte. Ein Ärgernis hat er nicht nur damit provoziert, dass er – aus byzantinischer Sicht – widerrechtlich den Kaisertitel usurpiert hatte, er unter­stützte auch die abtrünnigen byzantinischen Vasallen in Süditalien, die Fürsten von Capua und Benevant. Darüber hinaus war er in Apulien in byzantinisches Territorium eingedrungen und belagerte die byzantinische Stadt Bari. Schließlich verlangte dieser Barbarenkönig, was Otto in byzantinischen Augen war, eine purpurgeborenene byzantinische Prinzessin als Braut für seinen Sohn – für den Kaiserhof eine res inaudita[33]. Entsprechend diesen Umständen war der Empfang Liudprands in Konstantinopel eisig.

Die Byzantiner gaben jedoch die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung des Konflikts nicht auf, sie konnten zwar auf Liudprands Forderungen nicht eingehen, unterbreiteten ihm aber immer wieder Vorschläge für einen Freundschaftsvertrag zwischen Otto und dem ost­römischen Kaiser. Liudprand wurde wieder und wieder zu Unterredungen mit dem Kaiser oder seinem Bruder gerufen und mehrere Monate am Bosporus festgehalten[34]. Der Gesandte des Westkaisers hatte seinerseits offenbar einen geringen Verhandlungsspielraum und konnte von den Byzantinern nicht aus der Reserve gelockt werden[35]. Der lange Aufenthalt Liudprands in Konstantinopel unter solch widrigen Umständen musste ihm zur Qual werden. Nach seiner Rückkehr nach Italien schrieb er einen Bericht über seine zweite Mission nach Konstantinopel, die Legatio.

Trotz des Misserfolgs seiner Gesandtschaft nach Konstantinopel war Liudprand nach seiner Rückkehr am Hofe Ottos ein angesehener Mann, der Kaiser schätzte trotz allem seine literarischen und diplomatischen Fähigkeiten und verlieh ihm in Italien die Grafschaft Ferrara. Es ist möglich, dass Liudprand sich im Jahre 971 ein weiteres Mal nach Konstantinopel begab, als der Erzbischof Gero von Köln mit dem neuen byzantinischen Kaiser Johannes I. Tzimiskes erneut über die Heiratsfrage verhandelte. Anfang 972, vermutlich noch auf der Reise, verstarb Liudprand[36].

1.1.2 Forschungsstand

Die Beurteilung seiner Schriften fällt schwer, weil seine Berichte im 10. Jahrhundert die einzigen Zeugnisse sind, in denen ein westlicher Gesandter seine Erfahrungen mit Byzanz niederschrieb. Seine widersprüchlichen Darstellungen des Ostens stellen Fragen, auf die noch keine endgültige Antwort gefunden wurde. Außerdem ist Liudprand nach einer langen Epoche, in der in Westeuropa kaum historiographische Darstellungen entstanden sind, der erste, der wieder umfangreichere Geschichtswerke verfasste; unter den Werken der otto­nischen Historiographie sind seine Schriften die ältesten und für die Geschichte Italiens vom Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts ist er die einzige erhaltene historiographische Quelle. Deshalb ist in der Geschichtsforschung über Liudprand viel geschrieben worden und seine Werke werden kontrovers diskutiert. Ich kann deswegen nur eine Auswahl der Forschungsliteratur zu Liudprand vorstellen, die ich für wichtig halte.

Bereits Martin Lintzel hatte festgestellt, dass es sich bei der Legatio Liudprands nicht um einen Tatsachenbericht handelt, sondern um ein literarisches Werk, das mit seinem novellis­tischen anekdotenhaften Charakter in der Nähe der Antapodosis steht. Lientzel bezeichnet die Legatio als ein öffentliches Pamphlet gegen den Osten und somit als politische Propaganda, mit der Liudprand versucht, seinen Gegner herabzusetzen und den Westen gegen den Osten zu mobilisieren[37]. Werner Ohnsorge hat sehr stark den politischen Charakter von der Legatio hervorgehoben. Er untersuchte die Schriften Liudprands unter dem Paradigma des so genannten „Zweikaiserproblems“. Demnach habe das Papsttum erst die Konfrontation zwischen dem Kaiser im Osten und dem im Westen provoziert, indem es die fränkischen bzw. deutschen Kaiser dazu drängte, den römischen Charakter ihres Kaisertums zu betonen[38]. Die Legatio sei, so Ohnsorge, eine Propagandaschrift, die Liudprand im Auftrag des Papstes Johannes XIII. geschrieben hat, um Otto I. zum Krieg gegen Byzanz zu ermuntern.[39] Michael Rentschler hat die Schrift unter einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet[40]. Er versucht, die Sicht Liudprands auf den byzantinischen Osten mit dem kulturellen Gefälle zwischen lateini­schem Westen und Byzanz zu erklären. Liudprand wurde mit einer Kultur konfrontiert, die der eigenen weit überlegen war; die Verarbeitung dieses „cultural lag“ habe Liudprand über­fordert. Bei seinem ersten Besuch reagiert er mit Staunen, das bei seinem zweiten Besuch allerdings in Aggressivität umschlägt. Weil er mit den protokollarischen Finessen des byzan­tinischen Hofes nicht vertraut war, reagierte Liudprand töricht und naiv und war aufs höchste verunsichert. Schließlich suchte er jemand, dem er diese negativen Erfahrungen anlasten konnte und fand ihn in dem Kaiser Nikephoros Phokas. Die neuere Forschung ist der Meinung, dass Ohnsorge den politischen Charakter der Legatio überbewertet hat[41], Rentschler hingegen übertreibt die Ahnungslosigkeit Liudprands, der Langobarde war schließlich ein erfahrener Diplomat.

Auf einen Minderwertigkeitskomplex westlicher Autoren führt Sibyll Kindlimann die Reaktionen Liudprands zurück. Der Westen, der mit der Zeit immer selbstbewusster wurde, reagierte mit Neid und Spott auf die Erfolge des Ostens bei der Abwehr der Araber im 10. Jahrhundert[42]. Der englische Historiker Karl Leyser sieht in dem Werk Liudprands die Spuren einer weltpolitischen Wende, in deren Verlauf der Westen mehr und mehr Eigenständigkeit gewann[43]. War das Gravitationszentrum der Welt in der Antapodosis noch Konstantinopel, ist es in der Legatio in den Westen gerückt.

Der amerikanische Historiker Jon Sutherland hat sich intensiv mit den Werken und der Person Liudprands auseinandergesetzt[44], vor allem die außerordentliche Egozentrik des Lango­barden ist ihm aufgefallen. Liudprands Weltbild sei von einem Kampf zwischen Gut und Böse geprägt, Rache und Vergeltung bestimmen den Verlauf der Geschichte. Die Legatio spiegelt ebenso wie die Antapodosis Liudprands Weltbild als auch seine exzentrische Persön­lichkeit wider. Das Problem der Verhandlungen mit Nikephoros sei, so Sutherland, der enge Verhandlungsspielraum des ottonischen Gesandten gewesen. Der Bericht der Reise nach Konstantinopel verfolgt deshalb einerseits persönliche Ziele – Rache und Rechtfertigung – andererseits ist er öffentliche Propaganda für Ottos Aktivitäten in Italien.

Allein unter dem Aspekt der ottonischen Hofgeschichtsschreibung untersucht Ernst Karpf das Werk Liudprands[45]. Massimo Oldoni hingegen warnt davor, mittelalterliche Literatur nur als Quelle für ein Thema, beispielsweise die mittelalterliche Geschichtsschreibung, zu benut­zen[46]. Er betont den Einfluss antiker Autoren wie Terentius oder Juvenal und sieht in dem Werk Liudprands ein Theaterstück. Die drei Werke Liudprands, die Antapodosis, die Historia ottonis und die Legatio müssen im Zusammenhang gesehen werden, sie sind sozusagen ein „edificio storiographico[47]. Antike Vorbilder entdeckte auch Nikolaus Staubach: Sowohl die Antapodosis als auch die Legatio rechnet er einem literarischeren Typus zu, der zu jener Zeit verbreitet war und auf Boethius zurückgeht[48]. Darin wurde die Geschichtsschreibung, die sowohl die Leser moralisch bessern sollte als auch der eigenen Rechtfertigung und dem eigenen Trost diente, mit satirisch unterhaltsamen Heldengeschichten verbunden. Liudprand könnte diesen Stil bei Rather von Verona kennen gelernt haben.

Drei neuere Beiträge untersuchen die Legatio aus besonderen Blickwinkeln. Wolfram Brandes sieht den Gesandtenbericht Liudprands vor dem Hintergrund der Endzeiterwartung vor dem Jahr 1000. Über das Ende der Welt wurde sowohl im Osten wie auch im Westen spekuliert.[49] Liudprand will sich ganz bewusst als Gegner solcher Spekulationen zeigen. Eine neue Interpretation der Legatio bietet Henry Mayer-Harting an; er sagt, die Legatio sei nicht für ein breiteres Publikum bestimmt gewesen, sondern sei einzig für die Herzöge von Capua und Benevent geschrieben worden, um ihnen die Gefahren, die ihnen vom byzantinischen Kaiser drohten, vor Augen zu führen und sie damit loyal zu Otto I. zu halten.[50] Sebastian Kolditz schließlich vergleicht die beiden Gesandtenberichte, die Liudprand von Cremona und Leon von Synoda von ihren Reisen in den Osten bzw. in den Westen verfasst haben[51]. Er entdeckte interessante Parallelen: Das ambivalente Rombild beider, die Fähigkeit, persönliche Feindbilder wirkungsvoll zu stilisieren und mit politischen Argumenten zu versehen, und die Beobachtung, dass beide faktische Zwangsituationen wirkungsvoll verdrängen konnten.

1.1.3 Antapodosis und Legatio

Liudprand hat am Hof von Pavia eine sehr gute Ausbildung genossen, er gehörte zu den gebildetsten Personen seiner Zeit und zur intellektuellen Elite des lateinischen Europas des 10. Jahrhunderts. Seiner Fähigkeiten war er sich bewusst und zeigte gerne sein Wissen. In seinen Werken finden sich zahlreiche Zitate und Anspielungen klassischer lateinischer Lite­ratur. Teilweise wird er diese schon als Student gelesen, aber nach seiner Ausbildung das Studium fortgesetzt haben. Seine Reisen erlaubten ihm, Werke zu konsultieren, die in Pavia nicht vorhanden waren. Er kannte sich sowohl in der paganen wie in der christlichen Literatur aus[52], den größten Einfluss übte aber Boethius auf ihn aus. Liudprand war vertraut mit dem christlichen und weltlichen Recht und besaß eine sehr gute Kenntnis der Bibel, vor allem des Alten Testaments[53].

Die Antapodosis ist eine Geschichte Europas, sie umfasst die Zeit vom Ende des neunten bis zur Mitte des zehnten Jahrhunderts. Die Schauplätze sind das ostfränkische Reich, Italien und das byzantinische Reich. Als Akteure treten die Fürsten, Könige und Kaiser dieser Zeit sowie das Papsttum auf. Liudprand beschreibt aber auch Gefahren von außen, die Sarazenen, die nach Italien eindrangen, sowie die Ungarn, die immer wieder das ostfränkische Reich und Italien verheerten. Die ihm gestellte Aufgabe, eine Geschichte ganz Europas zu schreiben, überstieg freilich sein Wissen erheblich, er berichtet nur das, was innerhalb seines Erfahrungshorizonts lag. Die ersten drei Bücher der Antapodosis enthalten Ereignisse, die Liudprand überliefert wurden, die letzten drei Bücher zeitgenössische Themen, teilweise Selbsterlebtes[54].

Liudprand entwickelt nicht explizit eine Geschichtstheorie in seinem Werk, Geschichte bestand für ihn aus Handlungen und Taten, vor allem der Fürsten, Könige und Kaiser. Dies entspricht der Auffassung seiner Zeit. Er ragt jedoch aus der Geschichtsschreibung des 10. Jahrhunderts hinaus, weil er der Geschichte eine Funktion gab, die sich in den Ereignissen manifestierte, sie war die Veranschaulichung der göttlichen Gerechtigkeit: Göttliche Vergel­tung korrigiert schlechte Taten, selbst die von Königen, damit wurde die Welt im Gleich­gewicht gehalten. Sünden und Verbrechen dominieren in den Schriften Liudprands; denen wirken sowohl göttliche wie auch menschliche Rache und Vergeltung als treibende Kräfte in der Geschichte entgegen[55].

Diese Härte in seinem Denken erklärt sich teilweise aus der Härte der Welt, in der Liudprand lebte[56]. Das lateinische Europa hat in den Jahrzehnten während und nach der Auflösung des Karolingerreiches unter zahlreichen inneren Konflikten und den Einfällen fremder Völker von außen gelitten: die Normannen kamen von Norden, die Ungarn von Osten und die islamische Bedrohung aus dem Süden. In Liudprands Heimat wurden besonders viele dieser Kämpfe ausgetragen: Italien war der Schauplatz mehrer Konflikte: Es war sowohl ein Ziel sarazenischer Eroberungen als auch ungarischer Beutezüge, es hatte unter der Feudalisie­rung und den damit einhergehenden Konflikten zu leiden. In Italien wurden die Kämpfe um die Kaiserwürde und um das Papsttum ausgetragen. Schließlich war Italien auch der Ort sowohl der Konflikte zwischen den ostfränkischen Herrschern und den italienischen Königen als auch der Auseinandersetzungen zwischen Byzanz und dem Westen[57]. Die Antapodosis zeugt von diesen zahlreichen Auseinandersetzungen.

Das byzantinische Reich hingegen erlebte unter der makedonischen Dynastie im 10. Jahr­hundert eine Blüte. Konstantinopel machte auf den jungen Liudprand einen tiefen Eindruck, zumal das byzantinische Hofzeremoniell darauf angelegt war, ausländische Gäste zu beein­drucken[58]. Liudprand wurde in Konstantinopel ein eifriger Student der griechischen Sprache, Geschichte und Kultur, er führt seinen Lesern in seinen Werken seine für die damalige Zeit außergewöhnlichen Kenntnisse des Ostens vor: Seine Schriften sind mit griechischen Einschüben durchsetzt. Wo er kann, erklärt er dem Leser die griechischen Eigenarten[59] und das byzantinische Kaiserreich ist immerhin einer der drei Hauptakteure in seiner Geschichte Europas.

Die Antapodosis ist dem Bischof Recemund von Elvira gewidmet, aber sicherlich für einen größeren Leserkreis gedacht, es war im Mittelalter durchaus üblich, Schriften einer bekannten Persönlichkeit zu widmen oder sich auf einen konkreten Auftrag dieser Person zu berufen[60]. Sie ist über mehrere Jahre hinweg entstanden, Liudprand schrieb es, wenn seine sonstigen Tätigkeiten ihn Zeit und Muße ließen: Er begann die Arbeit 958 in Frankfurt, führte sie 960 auf Paxos fort und arbeitete wohl noch daran, als Otto 962 Kaiser wurde[61].

Die Legatio – so behauptet Liudprand – habe er auf der Rückreise von seiner zweiten Mission aus Konstantinopel geschrieben. Das Werk soll den Eindruck vermitteln, es sei eine Art Zwischenbericht, den er Otto I. zukommen lassen will, während er von den Griechen auf Korfu noch festgehalten wird[62]. Es scheint jedoch so, dass Liudprand dies erfand, denn es ist schwer vorstellbar, dass Liudprand in griechischer Gefangenschaft einen Brief an Otto schickt, in dem er die Griechen derartig diffamiert und wichtige Informationen für den Kaiser durch hic et haec[63] ersetzt. Die Legatio muss demnach entstanden sein, als Liudprand bereits nach Italien zurückgelehrt war[64], frühestens also im Januar 969. Da Liudprand von sieben Regierungsjahren des Kaisers Nikephoros spricht, ist es wahrscheinlich, dass Liudprand sie erst nach dem Tod des griechischen Kaisers verfasst hat bzw. nachdem diese Nachricht Italien erreicht hatte, das war frühestens 970 der Fall[65]. Aufgrund der erwähnten Streichung wich­tiger Informationen aus dem Text kann die uns überlieferte Version keinesfalls ein Bericht an den Kaiser Otto I. sein. Es spricht jedoch nichts dagegen, dass in die Legatio Aufzeichnungen, die auf seiner Reise entstanden sind, oder sogar ein tatsächlicher Bericht an Otto eingeflossen sind

Die Legatio war ein literarisches Werk, das für einen breiteren Leserkreis bestimmt war[66], es weist zahlreiche Ähnlichkeiten mit Liudprands anderen Werken auf, vor allem mit der Antapodosis. Beide Schriften repräsentieren einen bestimmten Typus der Geschichts­schreibung, der im 10. Jahrhundert verbreitet war und dessen Ursprünge auf Boethius zurück­gehen[67]. Zeitgenössisches Vorbild für Liudprand war der sich ebenfalls am Hof Ottos aufhaltende Rather von Verona. Beide Autoren knüpfen mit ihren Werken an Boethius’ De consolatione Philosophiae an, indem sie versuchen, durch ihr Schreiben Trost im Leben zu finden und sich für ihr erlittenes Unrecht zu rächen. Geschichtsschreibung sollte einerseits nützlich sein, indem sie belehrt, anderseits unterhalten, indem sie eine satirische Helden­geschichte darstellt. Die Eigenarten Liudprands, die in der Antapodosis vorkommen, seine spitze Zunge, seine Bestreben, sich in den Mittelpunkt zu stellen, seine Vorstellung von einer göttlichen Ordnung, nach der Rache und Vergeltung die treibenden Kräfte in der Welt sind, finden sich ebenso in der Legatio. Zeichnet Liudprand in der Antapodosis ein böswilliges Zerrbild des italienischen Herrschers Berengar, so ist es nun der byzantinische Kaiser Nikephoros, der karikiert wird; glänzt er am Hofe Konstantins durch geistreiche Antworten auf die freundlichen Fragen des Kaisers, kann er die Vorwürfe Nikephoros und der Beamten seines Hofes mit scharfsinnigen Antworten kontern[68] und wollte er sich in der Antapodosis an Berengar, dem unrechtmäßigen Herrscher Italiens rächen, so ist die Legatio eine nachträgliche Abrechnung mit dem byzantinischen Kaiserhof, in dem ein illegitimer Kaiser auf dem Thron sitzt.

Zusammenfassung.

Liudprand war ein langobardischer Diplomat und Gelehrter, der in den 950er Jahren an den Hof Ottos I. flüchtete. Er war sehr gebildet und besaß eine für seine Zeit kosmopolitische Sicht auf Europa. Besondere Kenntnisse von Byzanz hatte er aufgrund seiner Reisen nach Konstantinopel. Zweimal führte er Gesandtschaften in die Stadt am Bosporus und machte zwei gegensätzliche Erfahrungen mit dem byzantinischen Kaiserhof. Demzufolge sind die Berichte, die er über die Missionen schrieb, und seine Bewertung des griechischen Ostens unterschiedlich ausgefallen. Diese Berichte sind aber nicht nur Beschreibungen dessen, was Liudprand in Konstantinopel erlebt hatte, sondern literarische Werke, die der Interpretation bedürfen. Die Legatio, der Bericht von Liudprands zweiter Mission ist sowohl eine persön­liche Abrechnung mit dem Kaiser Nikephoros, den er für seine negativen Erlebnisse in Konstantinopel verantwortlich macht, als auch ein politisches Pamphlet, das er im Dienst Ottos I. schreibt. Sie spiegelt aber auch Liudprands Vorstellung der Geschichte wieder, die sich bereits in der Antapodosis fand: Die Welt wird in Gut und Böse eingeteilt, die treibenden Kräfte der Geschichte sind Rache und Vergeltung, mit denen schlechte Taten gesühnt werden. Das literarische Vorbild der Werke Liudprands ist Boethius. Mit seinen Schriften will Liudprand sich selber rechtfertigen und Vergeltung finden und gleichzeitig den Leser auf heiter satirische Weise belehren. Dabei stellt er gerne seine eigene Person in den Mittelpunkt.

1.2 Die Darstellung des byzantinischen Ostens

1.2.1 Ein genauer Beobachter

Da Liudprands Schriften literarische Produkte sind, in denen er sich selber gerne darstellt, ist es sicher besonders wichtig, seine Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Liudprands Quellen werden mündliche Überlieferung und vielleicht einige verloren gegangene Chroniken oder Dokumente sein[69]. Die Passagen über die byzantinische Geschichte sind sehr stark anekdo­tisch[70]. Sie sind durch den Filter von Liudprands Gedächtnis oder dem seiner Zeitgenossen gegangen und dementsprechend subjektiv gefärbt. Allerdings hat Liudprand keine Fakten frei erfunden, auch wenn er sie gelegentlich manipuliert, damit sie in sein Geschichtskonzept pas­sen oder um eine bestimmte rhetorische oder erzieherische Wirkung zu erzielen[71].

Im sechsten Buch der Antapodosis und in der Legatio beschreibt er persönliche Erfah­rungen, die er in Konstantinopel gemacht hat; diese Teile seines Werkes sind sehr subjektiv. Die Legatio zielt aber darüber hinaus noch auf einen bestimmten Zweck, die Diffamierung des oströmischen Kaiserhofs. Liudprand stellt deshalb seine Erlebnisse und Eindrücke verzerrt dar.

Der erste Eindruck, den Liudprand von seiner Gesandtschaft im Jahre 949/50 beschreibt, ist der Empfang am kaiserlichen Hof, das Zeremoniell, mit dem ausländische Gesandte in der Magnaura vom Kaiser empfangen wurden. Liudprand war tief beeindruckt von dieser Aufführung[72]. Diese Wirkung war freilich beabsichtigt, der feierliche Empfang fremder Gesandter war „eines der wichtigsten Mittel des kaiserlichen Hofes, um die Überlegenheit über fremder Völker zu bekunden“ und war „auf das genaueste durchdacht und sicher auch auf Bild- und Bühnenwirkung ausgearbeitet.“[73] Die Beschreibung Liudprands entspricht in den wichtigsten Punkten dem, was Beamte des kaiserlichen Hofes damals als Anleitung für den Empfang ausländischer Gäste in das so genannte Zeremonienbuch schrieben, das zur Zeit Konstantins VII. verfasst wurde.[74] Die Beschreibung Liudprands gibt also das wieder, was er erlebt hat.

Knapp zwei Jahrzehnte später empfing ihn Kaiser Nikephoros Phokas ganz anders: Erst am vierten Tag erklärte sich der Kaiser zu einem Treffen mit dem Gesandten Ottos bereit, ohne Zeremoniell und nicht in der Magnaura. Auch dieser Empfang war durchaus inszeniert, die Gründe werden zum einen politischer Natur gewesen sein – im Gegensatz zu seinem ersten Besuch waren die Beziehungen zwischen Liudprands Herren und dem byzantinischen Kaiser sehr gespannt – zum anderen könnte es auch durchaus protokollarische Finesse gewesen sein, einem Gesandten, der bereits das zweite Mal nach Konstantinopel kam, „nach der prächtigen Seite nun auch die mächtige Seite der Herrschaft am Goldenen Horn“[75] zu zeigen und bei ihrem zweiten Besuch schlechter zu behandeln. Die asketische Natur des Soldatenkaisers Nikephoras könnte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass auf den Prunk der Magnaura verzichtet wurde. Liudprand rächt sich, indem er Nikephoros als Monster beschreibt, als hässlichen Zwerg, dem man im Dunkeln nicht gern begegnen möchte[76]. Diese Beschreibung des Kaisers ist eindeutig eine boshafte Diffamierung Liudprands, trotzdem zeigt der Vergleich mit der Darstellung Nikephoros durch Leo Diakonus[77], dass Liudprand seiner Phantasie nicht freien Lauf gelassen hatte, sondern dass bestimmte Merkmale in seiner Darstellung mit dem tatsächlichen Aussehen Nikephoros übereinstimmen, der Kaiser aber ausschließlich von der negativen Seite dargestellt wird und seine ganze Erscheinung zu einem Zerrbild seiner selbst gewandelt wird, Liudprand also eine Karikatur zeichnet. Dasselbe Verfahren wendet Liudprand bei der Schilderung der Pfingstprozession im Anschluss an die Audienz beim Kaiser an. Er beschreibt die Ereignisse ziemlich genau, sieht aber alles unter einem negativen Blickwinkel und macht die Griechen lächerlich[78]. Das Volk sähe erbärmlich aus und selbst die Großen des Hofs trügen alte, löchrige Gewänder. Tatsächlich wurden alte Gewänder der Tradition wegen getragen, Adlige wollten sich mit ihnen von Aufsteigern absetzen und das Gewand des Kaisers sollte – so die Legende – sogar bereits Konstantin der Große getragen haben[79]. Auch Liudprand musste das klar gewesen sein, er erwähnt es aber nicht. Die anschließende Akklamation des Kaisers als pallida Saracenum mors[80] war ein fester Bestandteil des byzantinischen Zeremoniells, Liudprand hat sie sehr detailreich wieder­gegeben[81], sie aber dazu benutzt, um die Griechen als Schmeichler und Heuchler zu brand­marken.

Die meisten der Schilderungen Liudprands haben einen realen Hintergrund: Zu der stren­gen Bewachung, über die sich Liudprand beklagt, hatte Nikephoros allen Grund, Liudprand traf sich – wie er schrieb – heimlich mit Griechen, die er nicht näher definiert, vermutlich Angehörige der oppositionellen makedonischen Partei, dessen Bekanntschaft Liudprand bei seinem ersten Besuch in Konstantinopel gemacht hatte. Nicht umsonst verdächtigte Nikepho­ros Liudprand gleich beim ersten Treffen als Spion[82]. Die häufigen Visiten Liudprands beim Kaiser oder den Beamten des Hofs sowie die Verweigerung der Entlassung könnten ebenfalls den Tatsachen entsprochen haben, da die Byzantiner offenbar der Überzeugung waren, dass der Gesandte Ottos einen weiteren Verhandlungsspielraum habe und im Laufe der Verhand­lungen nachgeben würde[83].

Liudprand war demnach ein genauer Beobachter, die Erlebnisse seiner Gesandtschafts­reisen in die oströmische Hauptstadt hat er sowohl im sechsten Buch der Antapodosis als auch in der Legatio genau geschildert, auch wenn er in dem zweiten Bericht nur ein Zerrbild des byzantinischen Kaiserhofs zeichnete und seine eigene Misere, die aus der feindlichen Stimmung während seiner zweiten Reise resultierte, dramatisierte.

Diese Anklagen, Verleumdungen und Diffamierungen setzt Liudprand gezielt ein. Sie haben in seinen Bericht eine Funktion, nämlich den Osten als heruntergekommen und nicht vertrauenswürdig darzustellen. Dies zeigt das Beispiel des Essens. Die häufige Erwähnung des Essens in der Legatio ist sehr auffällig. Gleich nach dem ersten Treffen mit Nikephoros wird Liudprand eingeladen an der kaiserlichen Tafel zu speisen: eine coena turpis satis et obscena war das für den Gesandten aus Italien. Das zweite Festmahl mit dem Kaiser verlässt Liudprand, weil ein bulgarischer Gesandter vor ihm platziert wird. Er wird jedoch dazu genötigt, in einem Gasthaus mit den Dienern zu speisen. Eine Woche später muss Liudprand schon wieder zum Essen im Palast erscheinen, diesmal ist der Patriarch zugegen. Ein viertes Mal speist er mit dem Kaiser in Gegenwart seines Vaters. Schließlich lädt ihn Nikephoros noch ein fünftes Mal zu einem gemeinsamen Essen ein[84]. Gewiss, offizielle Bankette mit Gesandten waren am byzantinischen Kaiserhof üblich und stellten gute Gelegenheiten dar, bei denen der Kaiser in Kontakt mit den Besuchern treten konnte. Liudprand reagierte in der Legatio jedoch stets angewidert auf die byzantinische Küche. Es sei überhaupt unmöglich, sich in Konstantinopel ordentlich zu ernähren, die Weine sind mit Pech, Harz und Gips unge­nießbar gemacht, das Essen ist mit Öl und Fischlake besudelt und der Kaiser selber lebt von Knoblauch, Zwiebeln und Porree und trinkt Badewasser[85]. Thomas Weber hat nachgewiesen, dass Liudprand auch hier die oströmische Küche recht genau beschrieben hat und die Mahl­zeiten in Byzanz für einen Besucher aus dem lateinischen Europa gewöhnungsbedürftig waren[86].

Dennoch, bei seinem ersten Besuch in Konstantinopel schien das byzantinische Essen keinen derartigen Ekel bei Liudprand hervorgerufen zu haben. Detlev Zimbel hat gezeigt, dass die häufige Erwähnung des Essens in Liudprands Legatio keineswegs allein dazu diente, die byzantinischen Essgewohnheiten zu karikieren[87]. Indem Zimbel auf die rechtliche Funk­tion des Essens im Mittelalter verweist – ein convivium verpflichtete zu einem bestimmten Verhalten gegenüber den Tischgenossen, Vertragsabschlüsse wären ohne gemeinsames Mahl nicht denkbar – zeigt er, dass Liudprand klarstellen möchte, dass man mit den Griechen nicht essen, also auch keinen Vertrag abschließen kann.

Die Legatio ist also nicht nur ein subjektiv gefärbter Bericht der Erlebnisse Liudprands, sondern hat darüber hinaus noch weitere Funktionen, sie dient dazu, den Leser zu beein­flussen, ein bestimmtes Bild von den Zuständen am byzantinischen Kaiserhof zu vermitteln. Dies erreicht Liudprand nicht durch sachliche Argumente, sondern durch beleidigende Diffa­mierung.

1.2.2 Ein Selbstdarsteller im Gespräch

Wenn Liudprand die Personen und Ereignisse in Konstantinopel schildert, verzerrt er die Realität zwar, aber er berichtet trotzdem von dem, was er erlebt hat. Bei den Gesprächen, die Liudprand mit den Griechen führte, verhält es sich anders; sie geben keineswegs die tatsäch­lich geführten Gespräche wieder, weder diejenigen im sechsten Buch der Antapodosis noch diejenigen in der Legatio. Liudprand stellt sich in den Dialogen stets selber in den Mittel­punkt. Während seines ersten Besuchs in Konstantinopel bringt er den Kaiser durch eine gewitzte Antwort so sehr in Verlegenheit, dass dieser ihm ein Kleid und ein Pfund Gold schenkt. Am Hof des Kaisers Nikephoros behält Liudprand fast immer das letzte Wort, den Griechen bleibt meist nichts anderes übrig, als das Gespräch abzubrechen. Eine maßlose Selbstüberschätzung ist der angebliche Vorwurf Nikephoros gegenüber Liudprand, er sei die treibende Kraft hinter den Entscheidungen Ottos I.[88]. Es ist unwahrscheinlich, dass die Gesprä­che tatsächlich so verliefen, Liudprand wird sie nachträglich fingiert haben. Dennoch dienten die Dialoge nicht allein dazu, Liudprands Gewitztheit während seinen diplomatischen Missionen zu zeigen und uns sein Können als guter Schriftsteller vorzuführen. Mit den Dialo­gen richtet sich Liudprand an die Leser.

Auf den Vorwurf Nikephoros, Otto habe sich in feindlicher Absicht der Stadt Rom bemächtigt und sei sogar in byzantinisches Territorium eingedrungen, erwidert Liudprand, dass sein Herr keineswegs als Feind nach Rom kam, sondern als Befreier. Die römische Kirche sei durch Gewaltherrscher in Bedrängnis geraten und Otto kam, ihr zu helfen. Er habe nach den Gesetzen der römischen Kaiser der Vergangenheit gehandelt. Nikephoros und seine Vorgänger hingegen seien ihrer Pflicht nicht nachgekommen, sie haben offenbar geschlafen. Auf die Frage, warum Otto nach Süditalien gezogen und damit in das byzantinische Reich eingedrungen sei, erklärt Liudprand, dass dieses Gebiet eigentlich zu Italien und nur aufgrund eines Vertrages zwischen dem italienischen König Hugo und dem Kaiser Romanos an die Byzantiner gekommen sei. Otto der neue Herrscher in Italien müsse sich aber offenbar nicht an diesen Vertrag halten, deshalb ist es nur dem Großmut Ottos zuzuschreiben, dass er dieses Gebiet bisher noch nicht in Besitz genommen hat. Nachdem Liudprand seine Forderungen für einen Friedensvertrag vorgebracht hatte, bricht der Kaiser das Gespräch ab[89].

Liudprand lässt Nikephoros nach den Ursachen für Ottos Italienpolitik fragen, damit er die Politik seines Herrn Otto I. verteidigen und begründen kann. Um den Makel des Eroberers abzulegen hatte Otto tatsächlich Synoden und Hoftage in Italien abgehalten, versuchte Recht und Ordnung wiederherzustellen und setzte als Gesetzgeber die Tradition der römischen Kaiser fort[90].

In dem zweiten Gespräch mit dem westlichen Gesandten fragte der Kaiser ihn zunächst über die Kampfkraft von Ottos Heer aus und verhöhnt daraufhin die westlichen Krieger. Er fügt noch hinzu, dass sie ja gar keine Römer, sondern Langobarden seien. Diesen Ausspruch hat Liudprand sicherlich erfunden, denn für einen Byzantiner musste es selbstverständlich und nicht der Erwähnung wert sein, dass nur Bewohner des byzantinischen Reiches Römer sein konnten und jeder andere ein Barbar war. Doch für Liudprand lieferte dies das Stichwort um seine Sicht auf das Römertum darzulegen. Er bestätigt, dass er kein Römer ist, Römer sei bei den westlichen Völkern[91] vielmehr ein Schimpfwort, was mit Eigenschaften wie ignobilis, timidus, avarus, luxuria, mendax, vitiosus in Verbindung gebracht wird. Die Völker im Wes­ten sind dagegen tapfer und mutig und könnten es ihm im Krieg beweisen, so droht Liudprand dem Kaiser. Dieser bricht daraufhin das Gespräch ab.[92] Mit den Römern meinte Liudprand hier sicherlich die Byzantiner, die diesen Namen mit stolz trugen. Wenn Liudprand dies wirk­lich gesagt haben sollte, so wäre dies eine direkte Beleidigung seiner Gastgeber gewesen.

Mit den hohen Beamten des kaiserlichen Hofs verhandelt Liudprand über die Prinzessin und einen Friedensvertrag. Als die Griechen fordern, dass Otto Rom die Freiheit geben soll, wiederholt Liudprand seine Behauptung, dass Rom durch Otto befreit wurde und dass es vorher geknechtet war, weil Byzanz seinen Pflichten gegenüber Rom nicht nachgekommen war. Diesmal dient ihm das Constitum Constatini als Argument: Der Kaiser Konstantin habe der römischen Kirche viele Gebiete in Italien sowie im Westen und im Osten geschenkt. Da Otto gemäß dieser Urkunde der römischen Kirche ihren rechtmäßigen Besitz im Westen übergaben hat, solle der Kaiser in Konstantinopel nun auch die Gebiete im Osten an die römische Kirche übergeben. Das Gespräch endet mit einem Witz Liudprands auf Kosten des Bruders des Kaisers.[93]

Liudprand spielte auf das „Privilegium Ottonianum“ an, das nach Ottos Kaiserkrönung 962 ausgestellt wurde und mit dem Otto die pipinische Schenkung erneuerte. Bei den Verhandlungen mit Johannes XIII. wurde ihm wohl auch das Constitutum Constantini vorge­legt. Die meisten Gebiete, die Otto versprach, standen aber unter byzantinischer oder lango­bardischer Herrschaft[94] und konnten deshalb gar nicht übergeben werden.

Das dritte Gespräch zwischen dem Kaiser und Liudprand dreht sich um religiöse Fragen. Nikephoros wirft den westlichen Völkern vor, ihr Glaube sei noch zu jung. Darauf antwortet Liudprand, mit dem Gegenvorwurf, dass im Osten alle Ketzereien entstanden seien, dass sie sich im Osten ausgebreitet hätten und dass sie nur durch den Westen überwunden und ausge­rottet worden seien. Er zählt abendländische Synoden und Päpste auf, die die Häresien verdammt und die Ketzer verurteilt hätten. Der Glaube der Sachsen sei zwar noch jung, aber gerade deshalb würden sie der christlichen Lehre umso eifriger folgen. Den östlichen Glauben hingegen vergleicht er mit einem abgenutzten Kleid[95].

Während der folgenden Verhandlungen hat Liudprand die Hoffnung auf eine Einigung schon längst aufgegeben und bittet um seine Entlassung, die Griechen halten ihn jedoch noch mehrere Monate hin. Liudprand erzählt, dass zu Mariae Himmelfahrt Boten des Papstes mit einem Brief an Nikephoros eingetroffen seien, in dem dieser mit imperator Graecorum ange­sprochen, Otto jedoch wird mit imperator Romanorum tituliert wird. Daraufhin bangt der Bischof aus Cremona um sein Leben, weil er fürchtet, der Zorn des Kaisers wegen dieser Beleidigung könnte sich auch gegen ihn richten. Titelfragen waren bei den Byzantinern schließlich keine Lapalien, sondern wurden sehr ernst genommen[96]. Tatsächlich wird er vier Wochen später in den Palast gerufen, um dazu Stellung zu nehmen. Die Griechen fragen ihn, ob denn der Papst nicht wisse, dass Konstantin mit der gesamten römischen Ritterschaft nach Konstantinopel gezogen sei und in Rom nur plebeii und servi geblieben seien. Die Schuld an der Verfehlung des Papstes trage Otto, der den Papst verleitet hätte, solche unerhörten Anreden zu verwenden. Liudprand verteidigt den Papst, dieser würde glauben, die Byzantiner wollten gar nicht mehr Römer genannt werden, weil sie ja griechisch sprechen und auch Sitten und Kleidung geändert haben.

[...]


[1] Fried 1993, S. 12.

[2] Eine ältere Edition der Werke Liudprands ist 1915 bei der MGH erschienen (Becker 1915), eine neuere in der Reihe des Corpus Christianorum – Continuatio Mediaevalis. (Chiesa 1998). Ich benutze in dieser Arbeit die Ausgabe von Chiesa.

[3] Das Werk heißt Anticimenon id est librum contrapositorum sub dialogo conscriptum ad venerabilem papam Eugenium. In der Literatur findet sich oft der Name Dialogi, der auf die unbegründete Veränderung des Titels im meistbenutzten Nachdruck von Mignes Patrologia Latina 188 zurückgeht. (Vgl. Braun 1972, S. 38) Da es noch keine kritische Edition der Texte Anselms gibt, benutze ich die Ausgabe von Migne (PL 188). Um Verwechslungen mit der Antapodosis Liudprands zu vermeiden, verwende ich bei den Zitaten die Abkürzung ‚Dial’.

[4] Siehe Ohnsorge 1947.

[5] Siehe Schulze 1998.

[6] Siehe Hiestand 1964, v.a. S. 223.

[7] Siehe Dvornik 1966.

[8] Siehe Runciman 1955.

[9] Siehe Bayer 2002;

[10] Siehe Berschin 1980; Rentschler 1980; Rentschler 1978.

[11] Siehe Ciggaar 1996, v.a. S. 354.

[12] Siehe Nerlich, 1999, v.a. S. 244f.

[13] Siehe Euw 1991.

[14] Seihe Engels 1993.

[15] Zur Pluralität siehe z.B. Borgolte 2001A; Borgolte 2001B.

[16] Zur Methode des Vergleichs siehe z.B. Borgolte 2004; Borgolte 2001C; Siegrist 2003; Haupt/ Kocka 1996.

[17] Vgl. Haupt/Kocka 1996, S. 9f; Siegrist 2003, S. 305f.

[18] Zu Kulturgeschichte siehe z.B. Daniel 2001; Goetz 2000; Hardtwig/Wehler 1996.

[19] Vgl. Uhl 2002, S. 226ff.

[20] Ant VI, 5-10, 62ff.

[21] Leg 58, 964ff.

[22] Zu den Reisen der Väter nach Konstantinopel: Ant. III, 22-24, 352ff; Ant V, 14-15, 269ff; zu Liudprands Kindheit siehe auch Sutherland 1988, S. 3ff; Becker 1915, S. VIIff.

[23] Ant. VI, 2, 30ff.

[24] Ant. VI, 3, 42ff.

[25] Ant. VI, 5-10.

[26] Was tatsächlich zum Bruch mit dem italienischen Herrscher führte ist unklar: Intrigen, Luidprands Loyalität zum alten Königshaus oder Ottos Invasion in Italien könnten die Flucht ausgelöst haben. Siehe Sutherland 1988, S. 9f; Becker 1915, S. VIII.

[27] Ant I, 1, 74ff.

[28] Auf diese Reise kann man indirekt schließen aus Ant III, 1, 124f: Coeptus quippe in Frankenvurd, qui est XX miliariis locus Magontia, in Paxu insula, nongentis et eo amplius Constantinopolim miliariis distans, usque hodie exeratiur.

[29] Vgl. Chiesa 1998, S.167ff.

[30] Vgl. Sutherland 1988, S. 77ff.

[31] Vgl. Kreutz 1992, S. 103f; Loud 1999, S. 629.

[32] Vgl. Leg 25, 394ff; Leg 31; 496ff.

[33] Leg 15, 252.

[34] Leg 23, 367; Leg 25, 390; Leg 31, 491; Leg 36, 548.

[35] Vgl. Sutherland 1975, S. 67ff.

[36] Vgl. Sutherland 1988, S. 97ff.

[37] Siehe Lintzel 1933.

[38] Vgl. Ohnsorge 1947. S. 8f.

[39] Vgl. Ohnsorge 1961. S. 38.

[40] Siehe Rentschler 1981.

[41] Vgl. Lilie 1994, S. 186.

[42] Vgl. Kindlimann 1969, S.13.

[43] Vgl. Leyser 1988, S. 143.

[44] Siehe Sutherland 1988; Sutherland 1975.

[45] Siehe Karpf 1985. S. 38ff.

[46] Siehe Oldoni 1987, S. 12.

[47] Ebd. S. 30.

[48] Siehe Staubach 1991; Staubach 1989/90.

[49] Vgl. Brandes 2000.

[50] Vgl. Mayer-Harting 2001.

[51] Siehe Kolditz 2002.

[52] Zitate von Cicero, Horaz, Juvenal, Ovid, Lukretius, Plinius, Sallust, Seneca, Vergil finden sich in seinen Schriften, ebenso wie die christ­lichen Theologen und Historiker Augustinus, Boethius, Cassiodor, Jordanes, Isidor von Sevilla, Gregor der Große. Siehe Sutherland 1988, S. 22, Becker 1915; S. XV.

[53] Siehe Becker 1915, S. XIII.

[54] Ant. IV, 1, 75ff.

[55] Sutherland 1988, S. 55ff.

[56] Vgl. Leyser 1988, S. 132f.

[57] Vgl. Hiestand 1964; S. 16 – 21.

[58] Vgl. Treitinger 1956, S. 200f.

[59] Siehe z.B. Ant I, 6, 183f.

[60] Vgl. Althoff 1988, S. 117.

[61] Vgl. Sutherland 1988, S. 58f.

[62] Dies geht aus folgenden Stellen der Legatio hervor: Leg 1: Quid causae fuerit, quod prius literas sive nuntium meum susceperitis, ratio subsequens declarabit; In Leg 56 berichtet er von einem Brief, den die Griechen ihm gegeben habe und den er offensichtlich noch nicht übergeben hat. Leg 62 Ac de his satis me scripsisse sufficat, donec Deo largiente sanctissimorumque apostolorum orationibus ex Graecorum ereptus manibus vos adeam. Vgl. auch Lientzel 1933, S. 35f.

[63] Siehe Leg 7 und Leg 31.

[64] Vgl. Lientzel 1933, S. 45ff; Siehe auch Koder 1980, S. 18; Ohnsorge 1961, S. 40.

[65] Liudprand schreibt in Leg 39 : legitor … huncque septennio tantum vivere. Damit ist die Regierungszeit des Nikephoros Phokas gemeint, die tatsächlich sieben Jahre betrug. Am 11. Dezember 969 wurde Nikephoros umgebracht. Die Nachricht kann Liudprand frühestens im Januar 970 erreicht haben. Vgl. Brandes 2000, S. 45f.

[66] Mayr-Harting 2001 versucht zwar zu beweisen, dass die Legatio eine Gelegenheitsschrift mit einem sehr engen Leserkreis ist, nämlich den Herzögen von Benevent und Capua, die in ihrer Loyalität gegenüber Otto bestärkt werden sollten, indem ihnen die Gefahren, die ihnen vom byzantinischen Kaiser drohten geschildert wurden. Dagegen spricht meiner Meinung nach aber die literarische Ausgestaltung der Schrift.

[67] Vgl. Staubach 1989/90; Staubach 1991; Ebenso schreibt Levine 1991, dass die Texte Liudprands zur selben literarischen Gattung, dem Grotesken Realismus gehören und Liudprand sowohl in der Antapodosis als auch in der Legatio die Technik der Erniedrigung bzw. des Niedermachens benutzt.

[68] Ant. V, 11, 233ff; Leg 10, 166ff; Ant VI, 10, 173; Leg 18, 286.

[69] Vgl. Becker 1915, S. XVIII; Sutherland 1988, S. 68;

[70] Für Sutherland 1988 bestehen diese Teile aus Hofklatsch, Legenden und den Geschichten, die auf den Straßen Konstantinopels kursierten (S. 71); Ihm könnte aber auch ein stark von Anekdoten durchsetzter byzantinischer Historiker zur Verfügung gestanden haben (Vgl. Koder 1980, S. 18f); auch Hunger 1997 macht dagegen darauf aufmerksam, dass die anekdotenhaften Einschübe ein Merkmal byzantinischer Trivialliteratur sind (S. 199).

[71] So stimmt zum Beispiel die Episode nicht, in der der abgesetzte Kaiser Romanos seine beiden Söhne auf der Insel empfing, auf die alle drei verbannt wurden, tatsächlich sind sie nicht auf die selbe Insel verbannt worden (Ant V, 22-25), vgl. Koder 1980, S. 20.

[72] Ant VI, 4-5.

[73] Treitinger 1956, S. 197.

[74] Vgl. ebd.; Tinnefeld 1993, S. 197; Nerlich 1999, S. 156.

[75] Rentschler 1981, S. 49.

[76] Leg 3, 46ff.

[77] Vgl. Morris 1988, S. 84ff; Schlumberger 1890, S. 309.

[78] Leg 9, 141ff.

[79] Vgl. Lilie 2003, S. 278; Leyser 1988, S. 137f; Rentschler 1981, S. 41.

[80] Leg 10, 162.

[81] Vgl. Kresten 1975, S. 33ff.

[82] Leg 4, 71f

[83] Vgl. Sutherland 1975, S. 70.

[84] Leg 11, 175ff; Leg 19, 295ff; Leg 21, 328ff; Leg 28, 430ff; Leg 32, 505ff.

[85] Leg 1, 18f; Leg 32, 509; Leg 40, 649.

[86] Vgl. Weber 1980.

[87] Vgl. Zimbel 1999.

[88] Leg 4, 71ff

[89] Leg 4-7.

[90] Vgl. Schulze 1998, S. 170.

[91] Unter den westlichen Völker versteht Liudprand: Langobardi, Saxoni, Franci, Lotharingi, Bagoarii, Suevi, Burgundiones; (Leg 12, 211f); Also alle Völker, die unter der Herrschaft Ottos stehen: Saxonia, Bavaria, omnibus domini mei regis est (Leg 17, 276); sich selber nennt er einen fränkischen Bischof (Leg 19, 314); Ein anderes mal spricht er nur von den Sachsen (Leg 22, 354f); Als Nikephorus nennt die westlichern Völker Franci nennt, erklärt Liudprand erklärt, dass er damit Latini quam Teutoni meint (Leg 33, 514); gente nostra, das ist alles Volk, was unter der Herrschaft Ottos steht (Leg 40, 626).

[92] Leg 11-12.

[93] Leg 15 – 18.

[94] Vgl. Schulze 1998, S. 167.

[95] Leg 21 – 22.

[96] Vgl. Lilie 2003, S. 274f.

Details

Seiten
89
Jahr
2006
ISBN (Buch)
9783656329091
Dateigröße
851 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205806
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
2,3
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liudprand cremona anselm havelberg konstantinopel auseinandersetzung autoren kultur byzanz jahrhundert vergleich

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Titel: Liudprand von Cremona und Anselm von Havelberg in Konstantinopel. Die Auseinandersetzung lateinischer Autoren mit der Kultur von Byzanz im 10. und 12. Jahrhundert