Lade Inhalt...

Die Vater-Tochter-Beziehung in Lessings "Emilia Galotti"

Hausarbeit 2012 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Bürgerlichkeit im 18. Jahrhundert
2.1 Der Patriarchalismus
2.2 Der Patriarchalismus im Wandel

3. Lessings Emilia Galotti
3.1 Odoardo, der Patriarch
3.2 Emilia, die tugendhafte Tochter
3.3 Die Vater-Tochter-Beziehung zwischen Odoardo und Emilia

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der folgenden Arbeit soll eines der berühmtesten Werke von G. E. Lessing unter dem Zugang der literarischen Mentalitätsgeschichte behandelt werden. Es handelt sich um das bürgerliche Trauerspiel „ Emilia Galotti“ . Uraufgeführt in fünf Aufzügen am 13. März 1772 im Herzoglichen Opernhaus in Braunschweig, ist es seither intensiv erforscht worden und erzeugt viele gegensätzliche Meinungen unter den Wissenschaftlern. Mit „ Emilia Galotti“ erscheint erstmals ein bürgerliches Trauerspiel auf der Bühne, das den Ständekonflikt im Kontext der bürgerlichen Mentalität konkret thematisiert.1

Lessing schuf in dem Stück aber auch eine „psychologische Ausnahmesituation“2 zwischen Vater und Tochter, die sich immer mehr zuspitzt. Die konfliktreiche Vater-Tochter-Beziehung nimmt in Lessings Trauerspielen meistens eine Schlüsselfunktion ein, die eine Untersuchung geradezu herausfordern. Daher soll die Beziehung zwischen der Tochter Emilia und der bürgerlichen Vaterfigur des Odoardo in dieser Arbeit beleuchtet werden.

Die deutsche Gesellschaft unterlag im 18. Jahrhundert durch politische Ereignisse, sowie durch die Strömungen der Aufklärung und Empfindsamkeit einem ideellen Wandlungsprozess, der sich auch in der Literatur der Zeit bemerkbar machte. Das bürgerliche Trauerspiel wurde populär. Statt königlichen, heroischen Helden stand in diesem der private Mensch mit einem „immanenten Selbstverständnis“3 sowie die Familie und deren Werte- und Gefühlswelt im Mittelpunkt.

Im ersten Abschnitt werde ich zunächst auf den Begriff der Bürgerlichkeit eingehen, der im 18. Jahrhundert immer häufiger verwendet wurde und aufgrund seiner komplexen Bedeutungsvielfalt problematisch ist. Sodann werde ich im ersten Unterkapitel den traditionellen Patriarchalismus beschreiben, der über Jahrhunderte die familialen Beziehungen bestimmte. Im Anschluss stelle ich die Auswirkungen dar, die der oben beschriebene gesellschaftliche Wandel auch auf das patriarchalische Wertsystem hatte. Denn durch die Tendenzen der Empfindsamkeit verbreitete sich ein neues, emotionalisiertes Familienideal, das die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nachhaltig beeinflusste.

Im zweiten Kapitel, welches den Hauptteil darstellt, werden die Charaktere der Tochter Emilia und des Vaters Odoardo im Stück untersucht. Dabei spielen ihre Wertvorstellungen, die ihr Denken und Handeln leiten, eine tragende Rolle. Anschließend wird das Verhältnis von Vater und Tochter vor allem unter psychologischen Aspekten analysiert. Am Ende der Arbeit wird aus den dargelegten Erkenntnissen das Fazit geschlossen.

2 Zur Bürgerlichkeit im 18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert hatte der Begriff „Bürger“ keine eindeutige Bedeutung. In der heutigen Forschung existieren nach wie vor unterschiedliche Meinungen darüber, was „bürgerlich“ für die damalige Zeit eigentlich genau bedeutet. Diesem Wort lassen sich um das Jahr 1750 laut Manfred Riedel vier verschiedene Konnotationen zurechnen: „Der Stadtbewohner; das Mitglied des bürgerlichen Standes im Gegensatz zum Geistlichen, Adeligen und Bauern; den Staatsuntertan; schließlich den Menschen als 'Bürger'.“4 Der politisch-juristische Sinn des Wortes entwickelte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts zum neuen des „Staatsbürgers“; zudem wurde der Mensch als Bürger als „privates Individuum“ deklariert.5 Kocka führt neben dem Stadtbürger noch den 'Wirtschaftsbürger', sowie den 'Bildungsbürger' an; letzterer gehörte zu der Gruppe akademisch Gebildeter und bezeichnete sich als „'überständisch'-bürgerlich“.6 Bürgerlichkeit ist also nicht vornehmlich als Bezeichnung eines Standes zu verstehen. Vielmehr kann das Bürgertum „als eine gesinnungsmäßig relativ einheitliche Gruppe betrachtet werden, die als solche von der höfischen Lebensform abgehoben wird.“7

Mit Herausbildung der bürgerlichen Kultur entwickelte sich ein neues Verständnis von der Moral, der Gesellschaft und dem Menschen, welches in starkem Kontrast zur ausschweifenden Lebensart der Aristokratie stand. In der frühen Aufklärung wurden Arbeit und Bildung hervorgehoben und als christliche Pflicht angesehen, ebenso wie das Bestreben, dem eigenen Stand zu entsprechen.8 Mitgetragen durch die Strömungen der Aufklärung und Empfindsamkeit erlangte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die rationale Vernunft (bzw. der Verstand) und das mündige Individuum, sowie parallel dessen subjektive, ambivalente Gefühle in seiner privaten, konfliktreichen Lebenswelt an Bedeutung. Die Empfindsamen vertraten dabei eine anti-höfische, sittsame und religiöse Ideologie; das Glück des Einzelnen sollte durch die Liebe und Freundschaft zu anderen Menschen begründet werden.9 Das eigene Wohlergehen wird dem der Mitmenschen untergeordnet.

Der neue „Mittelstand“, eine vielfach in sich gegliederte heterogene Gruppe, zusammengesetzt teils aus noch ständischen Formationen, teils aus neuen Berufen oder Funktionen, vertrat vor allem diese Ideale. Er war aus der zunehmend funktionalen Differenzierung der Gesellschaft entstanden und grenzte sich zu den unteren Schichten hin ab, wie Bauern und Dienstboten. Bezüglich der oberen Schichten gab es keine klare Abgrenzung, da auch viele Adelige nach den bürgerlichen Werten lebten. So schrieb Johann Gottlob Benjamin Pfeil 1755:

'Es giebt einen gewissen Mittelstand zwischen dem Pöbel und den Gro ß en. Der Kaufmann, der Gelehrte, der Adel, kurz, Jedweder, der Gelegenheit gehabt hat, sein Herz zu verbessern, oder seinen Verstand aufzuklären, gehöret zu denselben.'' 10

Aufgrund der fehlenden Standeszughörigkeit musste sich dieser Mittelstand, bzw. diese Bürgerlichen erst neu „erfinden“ und etablieren.11 Die Literatur war ein dabei maßgebendes Medium, mit welchem sich das bürgerliche Bewusstsein verbreiteten konnte. So entstanden moralphilosophische Schriften, wie die „moralischen Wochenschriften“ oder die Hausväterliteratur. Aber auch Dramen wie die bürgerlichen Trauerspiele, in welchen das allgemein-menschliche Ideal im Bereich von Liebe, Familie und Freundschaft im Mittelpunkt stand, wurden zunehmend veröffentlicht. Nach Guthke erhält das Trauerspiel allerdings erst mit Lessings „ Emilia Galotti“ „unverkennbar einen ständischen, dazu gesellschaftskritischen und aktuellen Sinn“.12 In der heutigen Forschung ist man sich mittlerweile weitgehend einig, dass man von „dem Bürgertum“ als einer homogenen Einheit nicht sprechen kann, vielmehr kann man es als einen Prozess bezeichnen, der mit dem kulturellen Wandel dieser Zeit verbunden ist.13

2.1 Der Patriarchalismus

Das Wort „Familie“ hatte noch im frühen 18. Jahrhundert in Deutschland ebenfalls keine homogene Bedeutung. Unter „Familie“ wurden die unterschiedlichsten Arten von Wohn- und Lebensgemeinschaften verstanden. Zur häuslichen Gemeinschaft, die zugleich Produktionseinheit war, zählte auch die durch Heirat erworbene Verwandtschaft, Hausangestellte und „selbst Erb- und Lehnsrecht werden davon erfaßt [sic].“14 Die Hausgemeinschaft wurde als natürliche Ordnung angesehen, als ein soziales System, das sich auf Gottes- und Naturrecht stützte. Die familiale Gemeinschaft stellte eine Art autonomen Wirtschaftsbetrieb dar und jedes Mitglied musste seine individuellen Wünsche und Neigungen der sicheren Versorgung dieser ökonomischen Gemeinschaft beugen. Gefühle spielten eine untergeordnete Rolle. Aus diesem Grund richtete sich die Partnerwahl und Ehe ausschließlich nach wirtschaftlichen und materiellen Aspekten. Die Ehepartner wurden oft von den Eltern oktroyiert, zur Heirat benötigten die Kinder generell die Genehmigung der Eltern.

Schon seit der Antike war diese traditionelle Form der Herrschaft bekannt und setzte sich Jahrhundert über Jahrhundert und Generationen fort. Die Familie unterstand der hausväterlichen Gewalt; der patriarchalische Vater hatte demnach die Befehlsgewalt inne, der die Familie gehorsam gegenüber sein musste.15 Der väterliche Wille wurde dem göttlichen Willen gleichgestellt: „Der Vater ist als pater familias Stellvertreter Gottes und des Fürsten“.16 Die Aufgabe des Vaters bestand darin mit seiner Macht die Familienbeziehungen zu koordinieren, kontrollieren und abzustimmen, so dass eine familiale Ordnung hergestellt wurde. Der Machtbereich des Vaters bestand aus den drei Beziehungen zu seiner Ehefrau, den Kindern, sowie dem Gesinde. Die Rolle der Mutter im patriarchalischen System war eine der Macht des Vaters unterstellte, die in Gehorsam und Abhängigkeit von ihm lebte und die zwischen Vater und Kindern, sowie den Dienstboten vermittelte. Über die beiden Letzteren hatte die Mutter allerdings schon seit der Antike eine Art Befehlsgewalt inne.17 Sørensen beschreibt die Herrschaftsform des Patriarchalismus folgendermaßen: „Diese patriarchalische Herrschaftsform ist als ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen strukturiert, darin zwischenmenschliches Verhalten nach festen Rollenmustern mit moralisch-normativem Anspruch eingeübt und vorgeschrieben wird.“18 Jedes Individuum hatte seine zugeteilten Aufgaben und Verpflichtungen zu erfüllen, fiel eines davon aus der Rolle, wurde auch die familiale Ordnung gestört und war nicht mehr im Einklang. Daraus ergab sich kaum die Möglichkeit eigene Wünsche zu verwirklichen innerhalb der Familie. Der Vater hatte jedoch nicht nur die Rolle des strafenden, kontrollierenden Familienoberhauptes, sondern zugleich allen Familienmitgliedern gegenüber auch eine Fürsorge- und Schutzfunktion.19

[...]


1 Karl S. Guthke: Das deutsche bürgerliche Trauerspiel. Nördlingen: Metzler Verlag 2006 (= Sammlung Metzler; Bd. 116), S. 88.

2 Wolfgang Düsing: „Ich bin die Tochter meines Vaters“: Väter und Töchter im bürgerlichen Trauerspiel von Lessing bis Hebbel. In: „Das Weib im Manne zieht ihn zum Weibe - der Mann im Weibe trotzt dem Mann“: Geschlechterkampf oder Geschlechterdialog: Friedrich Hebbel aus der Perspektive der Genderforschung. Hg. v. Ester Saletta. 1. Aufl. Berlin: Weidler Verlag 2008 (= Hebbel, Mensch und Dichter im Werk; 10), S. 27-41, S. 27.

3 Guthke: Das bürgerliche Trauerspiel, S. 19.

4 Bürgerlichkeit im 18. Jahrhundert. Hg. v. Hans-Edwin Friedrich/ Fotis Jannidis/ Marianne Willems. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 2006 (=Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur; Bd. 105), S. X; vgl S. 153.

5 Friedrich/Jannidis/ Willems: Bürgerlichkeit im 18. Jhd., S. XI.

6 Brita Hempel: Sara, Emilia, Luise: drei tugendhafte Töchter. Das empfindsame Patriarchat im bürgerlichen Trauerspiel bei Lessing und Schiller. Heidelberg: Universitätsverlag Winter GmbH 2006, S. 11.

7 Bengt Algot Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18. Jahrhundert. München: C.H. Beck Verlag 1984, S. 46.

8 Karin A. Wurst: Familiale Liebe ist die 'wahre Gewalt'. Die Repräsentation der Familie in G.E. Lessings dramatischem Werk. Amsterdam: Rodopi Verlag 1988 (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur; Bd. 75), S. 13.

9 Friedrich/Jannidis/ Willems: Bürgerlichkeit, S. 180f..

10 Ebd., S. XV.

11 Ebd., S. 176.

12 Guthke: Das bürgerliche Trauerspiel, S. 88.

13 Friedrich/Jannidis/ Willems: Bürgerlichkeit, S. 173.

14 Christoph Lorey: Lessings Familienbild im Wechselbereich von Gesellschaft und Individuum. Bonn, Berlin: Bouvier Verlag 1992 (= Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft; Bd. 392), S. 7f..

15 Wurst: Familiale Liebe, S. 12.; vgl. Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit, S. 15.

16 Gerhard Kaiser: Krise der Familie: Eine Perspektive auf Lessings Emilia Galotti und Schillers Kabale und Liebe. In: Recherches germaniques: revue annuelle; revue bénéficiant de la reconnaissance scientifique du CNRS. Strasbourg: Université Marc Bloch 1984 (= Bd. 14), S. 7-22, S. 7.

17 Sørensen: Herrschaft und Zärtlichkeit, S. 16.

18 Ebd..

19 Ebd., S. 35.

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656327288
ISBN (Buch)
9783656329169
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v205826
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
vater-tochter-beziehung lessings emilia galotti

Autor

Zurück

Titel: Die Vater-Tochter-Beziehung in Lessings "Emilia Galotti"