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Die Problematik des Verzichts der Betrachtung von Konsequenzen einer Handlung als Gradmesser ihres moralischen Stellenwerts in Kants Moralphilosophie

Hausarbeit 1998 13 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Aufbau:

1. Einleitung

2. Zielsetzung

3. Kurze Erläuterung für die Notwendigkeit des Verzichts auf Zwecke in der Moralphilosophie Kants

4. Mögliche Kritikpunkte

5. Mögliche Lösung: Diskursethik

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der wohl häufigste Kritikpunkt, den sich Kantianer anhören müssen, ist der des Verzichtes der Betrachtung einer Konsequenz einer Handlung als Gradmesser ihres moralischen Stellenwerts. Dieser Verzicht ist zunächst nur schwer nachvollziehbar und überdies nur schwer erklärbar, scheint es doch zunächst ganz natürlich, das Handeln, bzw. die Moralität einer Handlung nach ihren Konsequenzen zu beurteilen. Ein Punkt des Problemfeldes des Zweckverzichts beruht sicherlich darauf, daß diese Vorgabe - aus dem Zusammenhang gerissen – tatsächlich keine Existenzberechtigung zu haben scheint. Betrachtet man jedoch die Herleitung, den Zusammenhang dieser Vorgabe, wird deutlich, daß die Herangehensweise Kants notwendigerweise nur den einen Schluß zuläßt, nämlich daß die Frage, ob eine Handlung moralisch ist oder nicht, nicht an ihren Folgen bemessen werden kann, sondern die Antwort aus anderen Vorgaben resultiert.

Kant selbst ist es natürlich nicht ganz entgangen, daß sein Vorschlag, die Moralität einer Handlung nicht nach ihren Konsequenzen zu bemessen, der Intuition der Menschen entgegenläuft: „Es liegt gleichwohl in dieser Idee von dem absoluten Werte des bloßen Willens, ohne einigen Nutzen bei Schätzung desselben in Anschlag zu nehmen, etwas so befremdliches, daß unerachtet aller Einstimmung selbst der gemeinen Vernunft mit derselben dennoch ein Verdacht entspringen muß, daß vielleicht bloß hochfliegende Phantasterei insgeheim zugrunde liege, und die Natur in ihrer Absicht, warum sie unserem Willen Vernunft zur Regiererin beigelegt habe, falsch verstanden werden möge.“[1]

Doch nicht nur „Nicht- Philosophen“ tun sich schwer mit dieser Vorgabe, im Gegenteil: Von allen Seiten wird Kant, eben wegen diesem Verzicht der Betrachtung der Konsequenzen, der „Verleugnung der Zwecke“ scharf angegangen: Hegel wirft ihm „Weltfremdheit“ vor, Bernard Williams kritisiert (unter anderem), daß es eben genau der Gesamtnutzen der Folgen einer Handlung sei, der die Güte, oder Moralität einer Handlung bestimme und Utilitaristen wie Hare kommen mit einer solchen Vorgabe überhaupt nicht klar, was allerdings in der Natur der Sache liegt, ist doch der Utilitarismus eine Form des Konsequentialismus, woraus deutlich wird, daß man es hier mit einer genau entgegengesetzten Betrachtungsweise zu tun hat.

2. Zielsetzung

Die Zielsetzung der vorliegenden Hausarbeit beschränkt sich auf einige Kritikpunkte, die sich auf den Verzicht der Zwecke in der Moralphilosophie Kants beziehen, sowie darauf, Lösungsvorschläge anzubieten. Dies geschieht aus mehreren Gründen: Allein die vollständige Beschreibung der Notwendigkeit des Zweckverzichts bei Kant würde den Rahmen sprengen. Außerdem existieren bereits vielfältige Interpretationsversuche zu diesem Thema, die alle, innerhalb der selbst auferlegten Grenzen, stimmig sind. Versucht man nun, diese unterschiedlichen Ansatzpunkte untereinander zu verbinden, merkt man schnell, daß dies nicht möglich ist; die einzelnen Herangehensweisen widersprechen einander. Eine Kritik, die durch ihre Plausibilität derart überzeugt, daß sie die anderen negiert, wurde also noch nicht gefunden.

3. Kurze Erläuterung für die Notwendigkeit des Verzichts auf Zwecke in der Moralphilosophie Kants

Für Kant war eben jene Zweckfreiheit die Voraussetzung für moralisches Handeln. Die Zwecke, die jeder Einzelne verfolgt, entspringen der Empirie, den Neigungen und Wünschen, von denen es sich freizumachen gelte, denn diese seien als Meßinstrument für die Moralität einer Handlung gänzlich ungeeignet, schließlich verfolge jedes Individuum persönliche Ziele, die sich nicht nur in ihrer Art von denen der anderen unterscheiden, sondern von denen sich nicht endgültig sagen läßt, ob ihre Erreichung ein –objektiv- erstrebenswertes Ziel darstellt.

Erst wenn man diese Neigungen so weit wie möglich außen vor läßt, gewinnt man Freiheit im Kantschen Sinne: Auf der einen Seite die Freiheit von den „empirischen Fesseln“. Hier wird das Bild gezeichnet, daß die Neigungen, die wir haben, uns sozusagen „versklaven“. Erst wenn dieser Schritt getan ist, erlangt man die andere Ebene der Freiheit: Die Freiheit zur Autonomie. Dieser Zustand macht es überhaupt erst möglich, dem Handelnden Verantwortung für sein Handeln zuzuschreiben, war er doch vorher gewissermaßen „unzurechnungsfähig“, da er sich noch in „Gefangenschaft seiner Gefühle und Neigungen“ befand. Autonomie bedeutet in diesem Zusammenhang nichts anderes, als sich selbst seine eigenen moralischen Gesetze aufzuerlegen, und diese zu befolgen. Die Natur dieser Gesetze unterliegt nur einer einzigen Vorgabe: Jedes vernunftbegabte Wesen muß sie akzeptieren können.

Dieser Verzicht auf Neigungen ist jedoch kein Indiz dafür, daß Kant übersehen hätte, daß der Mensch nicht nur ein Vernunftswesen ist, sondern eben auch Naturwesen, und daß es nicht angehen kann, (selbst wenn man wollte) gänzlich auf seine Neigungen zu verzichten, wie von manchen Kantkritikern vorgeworfen wird. An dieser Stelle wird übersehen, daß der Vorwurf einfach zum falschem Zeitpunkt gemacht wird, denn Kant befindet sich hier noch in der Herleitung, nicht in der Anwendung des kategorischen Imperativs. Und bei der Anwendung gibt Kant keinen Hinweis darauf, daß die eigenen Wünsche und Gefühle restlos zu verleugnen seien. Am vermeintlich richtigen Zeitpunkt ist dieser Vorwurf also einfach unangebracht. Es wird noch deutlich, daß sich Kant der Doppelnatur des Menschen durchaus bewußt war. In der dritten Formulierung des kategorischen Imperativs wird diesem Umstand Rechnung getragen: Hier wird der Mensch als Naturwesen angesprochen und gefragt, ob, die Welt denkbar, bzw. wünschbar wäre, würde die Maxime des Handelnden Naturgesetz werden.

[...]


[1] I. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Stuttgart, 1994, S. 30

Details

Seiten
13
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638244268
ISBN (Buch)
9783640330195
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20588
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Philosophie
Note
1
Schlagworte
Problematik Verzicht Betrachtung Konsequenzen Handlung Gradmesser Stellenwerts Kants Moralphilosophie Einführung

Autor

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Titel: Die Problematik des Verzichts der Betrachtung von Konsequenzen einer Handlung als Gradmesser ihres moralischen Stellenwerts in Kants Moralphilosophie