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Der Einfluß des Kantianismus auf Rudolf Otto

Hausarbeit 2003 17 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

INHALT

0. Einleitung

1. Der Hintergrund von Ottos Denken
1.1 Der Zeitgeist
1.2 Ottos Ziel
1.3 Die Wende zum Neokantianismus
1.4 Die Fries´sche Philosophie

2. Die Spiegelung der Kantischen Philosophie in „Das Heilige“
2.1 Das Rationale und das Irrationale
2.2 Die Kategorie des Heiligen
2.3 Schematisierung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

In dem folgendem Text soll der Einfluss des Kantianismus auf Rudolf Ottos 1917 zum ersten Mal erschienenem Buch „Das Heilige“ dargestellt werden. Um diese Aufgabe zu bewältigen, wird im ersten Teil der Arbeit der Hintergrund, der Ottos Denken geprägt hat skizziert. Um das Verständnis von Ottos Argumentation herzustellen, ist es hilfreich den Zeitgeist zu betrachten, in dessen Kontext das Werk entstanden ist, da dieser deutlich dazu beigetragen hat, dass Ottos sich des Kantischen Idealismus bediente um seine Religionsphilosophie zu begründen. Zu schildern ist auch wie es dazu kam, dass Otto sich der Fries´schen Version des Kantianismus zuwandte.

Im zweitem Teil der Arbeit werden ein paar Beispiele vorgestellt, an denen dieser Einfluss deutlich zu erkennen ist. Da der Rahmen dieser Arbeit und meine eigene Kompetenzen es nicht möglich machen eine tiefere Analyse durchzuführen, muss auf viel zur verfügungsstehendes Material verzichtet werden.

1. Erster Hauptteil: Der Hintergrund von Ottos Denken

1.1 Der Zeitgeist

„Wir glauben nicht mehr an die Macht der Vernunft über das Leben. Wir fühlen, daß das Leben die Vernunft beherrscht. Menschenkenntnis ist uns wichtiger als abstrakte und allgemeine Ideale“ (PuS 82)[1]. Dieser Aufruf von Spengler charakterisiert den von der Lebensphilosophie geprägtem Zeitgeist. Es herrschte ein Kampf des Irrationalismus gegen den Rationalismus, der erste Weltkrieg hatte die geistige Landschaft auf den Kopf gestellt. „Die Polarität von Wissen und Glauben ist denn auch jene Metapher gewesen, in der sich der Kampf zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung, zwischen Moderne und Antimoderne in den letzten Jahrhunderten artikulierte.“[2] Die „historische Skepsis“[3] machte sich breit. „Die Krisis der Kultur war im Besonderen eine Krisis der Geschichte im Sinne einer Verzweiflung an der Geschichte.“[4] Die Theologie der Ritschlschen Schule war geteilt in Linke und Rechte und wegen der „Lücke in der Geschlechterfolge (...), die sich wie auf allen Lebensgebieten so auch in der Theologie der Nachkriegszeit charakteristisch äußerte“[5], redeten alle aneinander vorbei. Die entstehende dialektische Theologie polemisierte gegen Links und Rechts, „gegen alles was tatsächlich oder angeblich nach „Pietismus“ schmeckte“[6]. Von der Mitte heraus, mit einem eigenen Standpunkt der weder Links noch Rechts war und von der dialektischen Theologie verschont blieb, wandte sich Rudolf Otto gegen die rationalistischen Religions- und Gottesanschauungen.[7] Der Trend der Zeit, sich gegen den Rationalismus zu wenden, sich eher dem Leben und dem Gefühl zu ergeben, machte sich vor allem in der Religionswissenschaft bemerkbar, die sich selber als „Verstehende Religionswissenschaft bezeichnete. Der Irrationalismus, geprägt vom deutschen Idealismus und der Romantik[8], machten „ das religiöse Erlebnis, die religiöse Erfahrung, das religiöse Gefühl sowohl zum Gegenstand ihrer Forschung als auch zum Erkenntnisprinzip ihres forschenden Vorgehens und damit des wissenschaftlichen Verstehens überhaupt“[9]. Hier werden Lebensphilosophie und Neokantianismus „im Bereich des Psychologischen“[10] vereinigt, mit dem Ergebnis, „ daß sich grundsätzlich persönliche Ideologie und Wissenschaft bzw. Wissenschaftlichkeit vermischen“[11], was man wohl sehr deutlich bei Otto feststellen kann.

1.2 Rudolf Ottos Ziel

Ganz im Einfluss dieser geistigen Strömungen, der Verwirrung durch den Krieg, der Verwüstung des religiösen Lebens durch die „gutgemeinte erbauliche Rationalisierung des Kriegleids durch die Kriegstheologie“[12], engagierte sich Otto „ to establish the validity of religion in general in opposition to all attempts (...) to explain it in solely naturalistic or materialistic terms“[13], wie es andere Richtungen der zeitgenössischen Religionsforschung taten ( Frazer, Durkheim, Freud, Malinowsky) . Dazu wandte er sich zur Suche nach dem Grund der Religion, nach dem Ursprung, wie es auch typisch für die romantische Prägung der Zeit war.

Als er 1899 in Göttingen Schleiermachers Reden Über die Religion neu heurasgab, schien es als würde „Ottos Hinneigung zum religiösem Gefühlsleben durchscheinen.“[14] Im „Schleiermacher’schen Gefühl und Anschauung des Unendlichen“[15] glaubte er zuerst den Grund der Religion zu finden und das Werk zu vollenden, das Schleiermacher, der dem Gefühl im Religiösen einen Platz über der Vernunft einräumen wollte, begonnen hatte. Mehrere Aspekte seiner Philosophie scheinen Ottos eigenes religiöses Denken geprägt zu haben. Da aber das Thema dieser Abhandlung der Einfluss des Kantianismus ist, soll hier nicht Näher auf die Analogien des Denkens Ottos und Schleiermachers eingegangen werden, es reicht noch zu erwähnen, dass beide gegen die Rationalisierung der Religion kämpften und die Philosophie Schleiermachers in den folgenden Jahren für Otto die Basis seiner Theologie und Philosophie wurde.

1.3 Die Wende zum Neokantianismus

Im Kampf gegen naturalistische Weltansichten, wo religiöse Sichtweisen immer weiter heruntergestuft worden sind, benötigte aber Otto „a philosophical framework upon which to ground the study of religion“[16]. „Schleiermacher´s account of religion was of little help defendig Religion against this sort of attack”[17]. Außerdem vermisste er bei Schleiermacher “die Artbesonderheit des religiösen Urgefühls“[18] die für ihn sehr wichtig war, ihm kam es vor allem auf „qualitative, irrreduzible Besonderheit (...) des religiösen Grunderlebnisses“[19] an. Auch andere Mängel schienen ihn zu stören, wie das Fehlen einer Objektbeziehung im Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit.[20]

Schon in frühen Schriften -- Naturalistische und religiöse Weltansicht (1904)-- versucht Otto die Religion gegen den sehr verbreiteten Darwinismus zu verteidigen.[21] „In diesem Buch erweist sich Otto zu dem als von Kant beeinflußt“[22], doch obwohl er sich der Idealistischen Tradition verpflichtet sah, wie viele seiner Zeit, war er nicht ganz vom Kantianismus überzeugt.[23] Erst durch die Interpretation des Kantianismus von Jakob Fr. Fries fand Otto was er suchte um seiner Religionsphilosophie eine gute Basis zu geben.

„Im Jahre 1904 wurde Otto zum ausserordentlichen Professor der Theologie ernannt“[24], eine Stelle die er bis 1914 behielt. Während dieser Zeit in Göttingen erfuhr der Kantianismus ein „Revival“ im ganzen Lande, in Göttingen selbst aber war es in der Gestalt des Neofriesianismus, der Schule von Leonard Nelson in der die Kantische Philosophie wieder erweckt wurde.[25] „He and a number of like-minded colleagues went to some lenghts to convert Otto to the neo-Friesian viewpoint.“[26] Die in Göttingen verbreitete Antiritschlsche Stimmung – Ritschl nahm den Kantianismus von Hermann Lotze in seiner Theologie auf – und die Ähnlichkeiten zwischen Fries und Schleiermachers “mutual Emphasis on feeling as the basis of religion”[27], machten es einfacher Otto für sich zu gewinnen.[28] 1909 ist dann der Übergang zum Idealismus deutlich und seine Stellungnahme in seiner in dem Jahr erschienenen Schrift Kantisch-Fries´sche Religionsphilosophie definiert . In Fries’ Interpretation der Lehre Kants, die noch zu skizzieren ist, fand Otto „a solid philosophical foundation“[29] für seine Religionsphilosophie und somit die Mittel um Religion von den naturalistischen Angriffen zu verteidigen. Zu dem konnte er dann auch Schleiermachers Gefühl mit dem Idealismus verbinden. „In short, in Friesian philosophy Otto was to find the rational foundation for and the guarantee of his sympathy with Schleiermacher’s position.”[30] Mit der Kantischen Erkenntnistheorie, gesehen durch das psychologisierenden Prisma von Fries, meinte Otto die Möglichkeit zu finden um der Religion und der Wissenschaft Autonomie zu gewährleisten. Um die Dichotomie von Wissen und Glauben zu überwinden kommt ihm das Prinzip der Ahndung sehr gelegen. Otto identifiziert sich von nun an mit der Kantinterpretation von Fries und stellt ihn über Schleiermacher[31], „in dem er die überragende Bedeutung des Gefühls und der Ahnung in den menschlichen Erkenntnisrelationen anerkannte.“[32] „Otto was, and remained, convinced that Fries had provided a valid rational proof of God’s existence “[33]

[...]


[1] Zittiert aus: Fahrenbach, Helmut „ Die Weimarer Zeit im Spiegel Ihrer Philosophie“ in: „ Religions- und Geistesgeschichte der Weimarer Republik“ Hrsg. Cancik, Hubert , Patmos, Düsseldorf 1982, S. 234.

[2] Allesch, Christian, „Wissen, Glaube und Ahndung. Zur ästhetischen und psychologischen Konstitution wissenschaftlicher Erkenntnis bei Jakob Friedrich Fries.“, www.sbg.ac.at/people/allesch/eckardt1

[3] Ebda. S.235.

[4] Feigel, Friedrich K. „Das Heilige: Kritische Abhandlung über Rudolf Otto’s gleichnamiges Buch“, Haarlem 1929, S.4.

[5] Frick, Heinrich. „Rudolf Otto innerhalb der theologischen Situation“ in: Zeitschrift für Theologie und Kirche N.F. 19, Hrg. Stephan, Horst, Mohr, Tübingen 1938, S.7.

[6] ebda.

[7] Vgl. ebda. S. 10, 11.

[8] Vgl. Flasche, Rainer „Religionsmodelle und Erkenntnisprinzipien der Religionswissenschaft der Weimarer Zeit“ in: „ Religions und Geistesgeschichte der Weimarer Republik“ S. 261.

[9] ebda. S.262.

[10] ebda.

[11] Ebda. S.261.

[12] Feigel, S.2.

[13] Almond, Philip C. , “Rudolf Otto: An Introduction to His Philosophical Theology” ,The University of North Carolina Press, Chapel Hill and London, 1984, S.5.

[14] Boozer, Jack und Kraatz, Martin, „Otto, Rudolf, Theologe und Religionswissenschaftler“ in: „Marburger Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, Hrgs., Schnack, Ingeborg, N.G. Elwert, Marburg, 1977, S.363.

[15] Alles, Gregory D., „Rudolf Otto (1869-1937) in: „Klassiker der Religionswissenschaften“ Hrsg. , Michaels, Axel, C.H. Beck, München 1997, S. 201.

[16] Almond, “Rudolf Otto” S, 43.

[17] ebda. S.44.

[18] Feigel, S.10.

[19] ebda.

[20] Vgl. Feigel, S. 10 und 11.

[21] vgl. Marburger Gelehrte, S. 364.

[22] Marburger Gelehrte, S.364.

[23] vgl. Marburger Gelehrte S. 365.

[24] Boecke,R. „Rudolf Otto, Leben und Werk“ in: Numen XIV, Leiden, E.J.Brill, 1967, S.133.

[25] vgl. Almond, „Rudolf Otto“, S. 16.

[26] Ebda.

[27] Ebda. S. 46

[28] vgl. ebda.

[29] Ebda. S.43

[30] ebda.

[31] Vgl ebda.

[32] Marburger Gelehrte, S. 365.

[33] Almond, Philip C., “Rudolf Otto and the Kantian tradition”, in: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, Hrsg. Ratschow, Karl Heinz, 25. Band 1983, S. 57.

Details

Seiten
17
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638244312
ISBN (Buch)
9783668332683
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20596
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Religionswissenschaft
Note
1-2
Schlagworte
Einfluß Kantianismus Rudolf Otto Einführung Religionswissenschaft

Autor

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