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Die Anredepronomen im peninsularen Spanisch

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ubersicht uber die Anredepronomen des Spanischen

3 Entstehung des heutigen Pronominalsystems
3.1 Historische Entwicklung der Anredepronomen
3.2 Das Pronomen usted(es) und seine Eigenschaften
3.2.1 Allgemeine Bemerkungen
3.2.2 Stellung des Pronomens usted(es) im Satz

4 Die Verwendung der Pronomen im peninsularen Spanisch
4.1 Systematisierung der Beziehungen zwischen Kommunikationspartnern
4.1.1 Postulate von Brown und Gilman: Kriterium Symmetrie
4.1.2 Real Academia Espanola: Kriterien Gesprachssituation und -position
4.2 Anwendung von trato de confianza und trato de respeto (nach der Real Academia Espanola)
4.2.1 trato de confianza
4.2.2 trato de respeto
4.2.2.1 Gewohnlicher Gebrauch
4.2.2.2 Distanzierender Gebrauch des trato de respeto
4.2.2.3 Substantivischer Ausdruck
4.3 Regionale Abweichungen
4.3.1 tratamiento unificado in Andalusien und auf den Kanarischen Inseln
4.3.2 Grammatikalische Konsequenzen
4.3.3 Baskenland

5 Schlusskapitel

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

„Por que no te callas?“, zu deutsch in etwa „Warum schweigst du nicht?“ - mit diesen Worten reagierte der spanische Konig Juan Carlos auf dem XVII. Iberoamerikanischen Gipfel auf die andauernden Provokationen des venezolanischen Staats- und Regierungs- chefs Hugo Chavez. Dieser betitelte den fruheren spanischen Ministerprasidenten Jose Maria Aznar in dieser Sitzung mehrfach als Faschist und unterbrach die Ausfuhrungen des amtierenden spanischen Regierungschefs Jose Luis Rodriguez Zapatero (vgl. Cruz in der Online-Ausgabe von ElMundo vom 10. November 2007).

Aufgrund des weltweiten medialen Echos angesichts der scharfen Wortwahl des Ko- nigs in der Formulierung der Zurechtweisung ist ein Detail in der Aufforderung oftmals unerwahnt geblieben - Juan Carlos duzt den venezolanischen Staatsprasidenten. Dies ist insofern nicht uninteressant, da man beim Umgang zweier Staatsoberhaupter davon aus- gehen kann, dass diese auf respektvolle Art und Weise miteinander kommunizieren und sich demnach, zumindest nach deutschem Verstandnis, siezen. Nun stellt sich die Frage, ob der spanische Konig dies aus einer ersten Emotion heraus so formulierte oder ob dies eine bewusste Wahl der Anrede darstellt, welche moglicherweise in dieser Gesprachssi- tuation einen bestimmten Zweck verfolgte.

Daruber hinaus stellt sich die Frage, ob und wann es Situationen gibt, in denen es einen Unterschied macht, ob der Gesprachspartner gesiezt oder geduzt wird und damit auch, ob es in bestimmten Fallen als unpassend erscheint - also im weitesten Sinne nach einer Normierung der Anrede im Sinne von „richtig“ oder „falsch“. In diesem Zusam- menhang scheint es der Nachvollziehbarkeit wegen geboten, ebenfalls die Entstehung der Anrede beziehungsweise konkret der Anredepronomen zu untersuchen, sowohl in ihrer historischen Dimension als auch auf bestimmte Entwicklungen hin, die im Laufe der Zeit zu ihrer heutigen Verwendung beigetragen haben.

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, die zumeist auf Einzelaspekte des Themas fo- kussierten Darstellungen in der Literatur zu bundeln, um sowohl eine verstandliche und geordnete Ubersicht uber die Anredepronomen im peninsularen Spanisch zu geben, als auch tiefer ins Detail zu gehen als dies die meisten Standardgrammatiken leisten.

Daher soll im Folgenden zunachst eine Ubersicht uber das der Anrede zugrunde lie- gende Pronominalsystem gegeben und anschlieFend dessen historische Entwicklung aufgezeigt werden. Kernstuck dieser Abhandlung ist die Frage nach der Verwendung der Pronomen, also nach Situationen, in denen typischerweise geduzt oder gesiezt wird. Zu-dem werden in diesem Zusammenhang Faktoren aufgezeigt und systematisiert, welche diese Entscheidung beeinflussen sowie knapp regionale Besonderheiten erlautert. Schlussendlich soil die Frage beantwortet werden, ob es eine „richtige“ und eine „falsche“ Verwendung der Anredepronomen in der spanischen Sprache im Sinne einer abschlieFenden Normierung gibt. Hierbei wird der Fokus der Untersuchungen jeweils auf dem Spanischen der iberischen Halbinsel liegen.

In der Literatur finden sich hierzu vor allem in spanischsprachigen explikativen Grammatiken Hinweise, wobei an dieser Stelle insbesondere die Werke der koniglich spanischen Akademie (vgl. 2.) sowie deren langjahrigem Mitglied, Ignacio Bosque Munoz1, eine umfassende Darstellung bieten. Eine ausfuhrliche Ubersicht uber die his- torische Entwicklung findet sich in der Gramatica histdrica von Ralph Penny. Als be- sonders praxisnah mit vielen Anwendungsbeispielen ist die Grammatik Jacques de Bruynes zu bewerten, welche zudem im Besonderen auf Entwicklungstendenzen ein- geht. Erganzt wird die Darstellung an einigen Stellen durch das im deutschsprachigen Bereich etablierte Standardwerk Die spanische Sprache von Helmut Berschin, Julio Fernandez-Sevilla und Josef Felixberger sowie punktuell durch weitere, vor allem spa- nischsprachige, Darstellungen.

2 Ubersicht uber die Anredepronomen des Spanischen

Die Real Academia Espanola [2] bezeichnet das Kapitel der Anredepronomen als eines der ,,mas complejos“ innerhalb der spanischen Grammatik. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass injedem Fall vier unterschiedliche Pronominalsysteme zu unterscheiden sind, wo­bei jeweils regionale Abweichungen beachtet werden mussen (vgl. Bosque/Demonte 1999: 1401).

Im peninsularen Spanisch hat sich im Laufe der Sprachentwicklung (vgl. 3.1) je- -3- doch ein System durchgesetzt, welches heute in den meisten Teilen Spaniens gebrauch- lich ist. Hierbei finden sich die Formen tu (Singular) und vosotros/as (Plural) fur die vertraute, sowie die Pronomina usted und ustedes fur die respektvolle Anrede. Die plu- rale Unterscheidung bezuglich der Formalitat ist einzigartig im spanischen Sprachsys- tem, jedoch sind auch hier regionale Besonderheiten zu beachten, wie sie insbesondere in einigen Teilen Andalusiens und auf den Kanarischen Inseln vorzufinden sind (vgl. 4.3). Objekt-, Reflexiv- und Possessivpronomen werden im peninsularen System bei der hoflichen Anrede in Singular und Plural entsprechend der 3. Person gebildet (vgl. ebd., 1401f. sowie 3.2.1). Eine schematische Ubersicht hierzu bietet Anhang 1.

3 Entstehung des heutigen Pronominalsystems

3.1 Historische Entwicklung der Anredepronomen

Ausgangspunkt fur die Entstehung des im GroBteil Spaniens vorherrschenden Systems von Anredeformen (span. formas alocutivas deferenciales) stellt das Lateinische dar, welches die Anrede nur nach der Anzahl der Gesprachspartner, nicht jedoch nach dem Status derselbigen unterschied. Hierbei wurde TU fur die singulare Anrede und VOS fur denPlural verwendet. Bereits im Spatlateinischen lasst sich jedoch die Tendenz fest- stellen, dass sich der Anwendungsbereich von VOS zunehmend auch auf die hofliche Anrede einer einzelnen Person ausweitete - zunachst dem Kaiser gegenuber und schlieBlich auch fur besondere Wurdentrager. Dieses System, welches TU demnach nur noch zur vertrauten Anrede im Singular benutzte, wurde anschlieBend ins fruhmittelal- terliche Spanische ubernommen (vgl. Penny 2008: 163 f.).

Im Laufe der folgenden Jahrhunderte unterlag esjedoch grundlegenden Veranderun- gen. Durch die bis ins 15. Jahrhundert stattfindende Ausweitung von vos auf andere Be- reiche sozialer Beziehungen wurde es nun allgemein zur Anrede Gleichgestellter ver­wendet, die Verwendung von tu beschrankte sich daher in der Regel auf die Anrede Un- tergebener, Kinder oder Personen enger Vertrautheit (vgl. Real Academia Espanola/Aso- ciacion de Academias de la Lengua3 2009: 1251 - 1254). Somit bestand die Notwendig-keit, grundlegende Modifikationen am zu diesem Zeitpunkt von vos dominierten System vorzunehmen.

Im Bereich der respektvollen Anrede geschah dies durch die substantivische Be- zeichnung des Gegenuber, entsprechend seiner „virtudes y otras cualidades“ (ebd., 1256). So fanden sich zu dieser Zeit Formen wie vuestra prudencia, vuestra nobleza, vuestra senoria und dergleichen, welche zum Teil noch heute in der spanischen Sprache erhalten sind - so beispielsweise Su Majestad als Anrede des Konigs oder Su Senoria als offizielle Anrede unter Parlamentariern. Letztendlich konnte sich Vuestra(s) Merced(es) (,,euer Gnaden“) durchsetzen, welches erstmals im 14. Jahrhundert auftauchte und seit dem 16. Jahrhundert die standardisierte Anrede fur den trato de respeto4 darstellte (vgl. ebd., 1254 - 1257). Somit war erstmals eine Unterscheidung bezuglich der Formalitat auch im Plural moglich.

Zur gleichen Zeit entwickelte sich vos zu vosotros5, parallel dazu auch nos zu nosotros6 (vgl. Penny 2008: 164).

Wahrend dem Siglo de Oro und bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde der Dualismus von vos und tu in der singularen vertrauten Anrede zunehmend zugunsten von tu aufge- l ost (vgl. Bosque/Demonte 1999: 1411). Letztlich verschwand vos endgultig aus dem peninsularen Spanischen, seine Funktion des pluralen trato de confianza ubernahm von nun an vosotros7. Zeitgleich wurde der Ausdruck vuestra(s) merced(es) aufgrund seiner Lange uber verschiedene Entwicklungsstufen zu usted(es) reduziert (vgl. Penny 2008: 164 f.), welcher sich in dieser Form erstmals im 17. Jahrhundert findet (vgl. RAE 2009: 1255).

Dieses Pronominalsystem ist bis heute das im peninsularen Spanisch gebrauchliche.

3.2 Das Pronomen usted(es) und seine Eigenschaften

Beim Anblick der einzelnen Pronomen dieses Systems ist offensichtlich, dass eines hier aus dem Rahmen fallt: usted(es). Lasst sich die nicht vorhandene orthografische Ahn- lichkeit zu dem entsprechenden Hoflichkeitspronomen anderer Sprachen (wie beispiels- weise vous im Franzosischen) noch durch die eben aufgezeigte Entwicklung erklaren, bedurfen dessen syntaktische Besonderheiten einer weiteren Erlauterung.

3.2.1 Allgemeine Bemerkungen

Usted (pl. ustedes) ist die Form der h oflichen Anrede, welche ,,dem deutschen Sie und dem franzosischen vous entspricht“ (de Bruyne 2002: 156). Wie bereits oben erwahnt, befindet sich das begleitende Pronomen in der dritten Person. Gleiches gilt fur das zuge- horige Verb, fur das usted(es) Subjekt ist8. Ausnahmen finden sich regional in der ge- sprochenen Sprache (vgl. 4.3).

Eine Wiederholung von usted(es) innerhalb eines Satzes findet sich mit Ausnahme der weniger gebildeten Sprecherschicht normalerweise nicht, obwohl es ,,in der Funkti- on eines Subjekts seltener weggelassen [wird] als die ubrigen Personalpronomen“ (ebd.). So wurde man beispielsweise den Satz ,,Ud. puede acompanarme, si quiere.“ als korrekt ansehen, da das Subjektpronomen beibehalten wurde, eine Wiederholung vor „quiere“jedoch vermieden wird (Beispiel nach ebd., 157).

Wird eine Gruppe von Personen angesprochen, von der zumindest ein Mitglied ge- wohnlicherweise gesiezt wird, so wird die gesamte Gruppe mit ustedes betitelt (vgl. ebd., 160).

Wie eben angefuhrtes Beispiel zeigt, kann usted(es) auch abgekurzt werden, was zu- meist durch Ud. (Uds.) oder Vd. (Vds.) geschieht, seltener auch durch U., Us., V, Vs., oder VV.. Hierbei istjedoch zu beachten, dass die verkurzte Form grundsatzlich - im Ge- gensatz zur ausgeschriebenen Form - groFgeschrieben wird (vgl. ebd., 156).

[...]


1 Zu weiterfuhrenden biografischen Angaben vgl. Internetauftritt der Akademie, http://www.rae.es/rae/gestores/gespub000001.nsf/voTodosporId/507DE050700F91E2C125714100436 EC6?OpenDocument (letzter Zugriff am 14. Juli 2011).

2 Die Real Academia Espanola wurde 1713 nach Vorbild der Academie Frangaise gegrundet und mit ko niglichen Privilegien ausgestattet. Entsprechend ihrer Devise Limpia, fija y da esplendor [,,Reinigt, festigt und verleiht Glanz“, Anm. d. Verf.] hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, die spanische Sprache normativ zu erfassen. Sie veroffentlicht sowohl in regelmaFigen Abstanden Worterbucher als auch Grammatiken und hatte entscheidenden Anteil an der Entwicklung der heutigen Orthographie des Spa­nischen (vgl. Berschin/Fernandez-Sevilla/Felixberger 2005: 117).

3 In der weiteren Arbeit der besseren Ubersichtlichkeit wegen mit „RAE“ angegeben.

4 Als trato de respeto (oder trato de usted) wird im Spanischen die respektvolle Anrede (Siezen) be- zeichnet. Die vertraute Anrede wird trato de confianza (oder trato de tu, Duzen) genannt.

5 Die Bezeichnung vos + otros ,,ya estaba disponible con anterioridad para resaltar un grupo determina- do dentro de la 2.a persona de plural“ (Penny 2008: 164), neu ist die zusammengezogene Schreibweise und die Verdrangung von vos. Vos ist heute teilweise noch in Gebetstexten zu finden (vgl. de Bruyne 2002: 161).

6 Nos ,,findet sich heutzutage nur noch in Texten, die vom Ko nig, dem Papst, dem Gouverneur einer Provinz, einem Erzbischof usw. verfabt werden“ (de Bruyne 2002: 161, zitiert nach Alcina Franch/Blecua 1982: 609 sowie nach Real Academia Espanola 1982: 203, hier ,,mit der Anmerkung, dah sich die Form auch noch im Gebiet von Leon findet“). Ansonsten dient nosotros/as als pluralis majestatis (vgl. ebd.).

7 Anders als im peninsularen Spanisch ist vos aus dem amerikanischen Spanisch nicht verschwunden, sodass hier weiterhin auch oben genannter Dualismus anzutreffen ist, welcher regional unterschiedlich aufgelost wird. Dies erklart die dortige Existenz verschiedener Pronominalsysteme; zur Erlauterung dieser Systeme vgl. Bosque/Demonte 1999: 1402-1411.

8 Dies ist Konsequenz aus der Entwicklung von usted aus Vuestra Merced, vgl. Lapesa 1982: 392, zi- tiert in de Bruyne 2002: 156.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656329701
ISBN (Buch)
9783656331834
Dateigröße
845 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206070
Institution / Hochschule
Universität Passau – Professur für Romanische Sprach- und Kulturwissenschaft
Note
1,00
Schlagworte
Hispanistik Romanische Sprachwissenschaft Anrede Anredepronomen Siezen Duzen tratamiento unificado trato de respeto trato de confianza usted

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