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Zur Bedeutung interkultureller Kommunikation für die Gesundheitsförderung von Migranten

Beispiel russisch-deutsche Kommunikation

Masterarbeit 2010 135 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Theoretischer Teil
1. Einführung
1.1 Fragestellung der Arbeit
1.2 Statistische Angaben zu russischsprachigen Migranten
2. Gesundheitsförderung
2.1 Definitionen von Gesundheit
2.1.1 Prävention versus Gesundheitsförderung
2.1.2 Das Kohärenzgefühl
2.2 Gesundheitsförderung bei Migranten
2.2.1 Sprachbarrieren
2.2.2 Informationsdefizite
2.2.3 Kulturelle Faktoren der Krankheitskonzepte
2.2.4 Mangelnde interkulturelle Kompetenzen
2.2.5 Behördenimage und Angst vor rechtlichen Folgen
2.3 Maßnahmen der Gesundheitsförderung bei Migranten
2.3.1 Vier-Felder-Matrix-Modell
2.3.2 Die Bedeutung des salutogenetischen Modells für die Bewältigung von Migrationserfahrungen
3. Dimensionen der interkulturelle Kommunikation
3.1 Kulturelle Aspekte
3.2 Kulturdimensionen nach Hofstede
3.2.1 Machtdistanz
3.2.2 Individualismus versus Kollektivismus
3.2.3 Männlichkeit versus Weiblichkeit
3.2.4 Vermeidung von Ungewissheit
3.2.5 Langfristige versus kurzfristige Orientierung
3.3 Kulturelle Differenzen im Krankheitsverhalten
3.4 Kommunikation
3.5 Interkulturelle Kommunikation
3.5.1 Kulturelle Überschneidungssituationen und deren Hindernisse
3.5.2 Die drei Formen der interkulturellen Kommunikation nach Maletzke
3.5.3 Die fünf Axiome von Kommunikation nach Watzlawick
3.5.4 Spezifische Probleme der interkulturellen Kommunikation
3.5.5 Die fünf Arten von Problemen bei interkulturellen Kommunikation nach Erll
4. Gesundheitsförderung durch Gesundheitsberatung
4.1 Interkulturelle Beratung
4.2 Gesundheitliche Beratung
5. Kulturunterschiede zwischen Russland und Deutschland
5.1 Kulturstandards
5.2 Kulturdimensionen nach Hofstede im Vergleich von Russland und Deutschland
5.2.1 Machtdistanz
5.2.2 Individualismus versus Kollektivismus
5.2.3 Männlichkeit versus Weiblichkeit
5.2.4 Vermeidung von Ungewissheit
5.2.5 Langfristige versus kurzfristige Orientierung
5.3 Besonderheiten der Arzt-Patient-Beziehung bei russischsprachigen Migranten
5.3.1 Problemfelder der Behandlung von russischsprachigen Patienten
5.3.2 Verständigungsprobleme auf kommunikativer Ebene

B. Praktischer Teil
1. Methode und Instrument
1.1 Vorgehensweise
2. Durchführung und Auswertung
2.1 Bemerkungen zur Interviewmethode
2.2 Interviewleitfaden
2.3 Bemerkungen zum Interviewablauf
2.4 Materialaufbereitung durch Transkription
2.5 Auswertung

C. Fazit
1. Schlussfolgerungen aus Theorie und Praxis für die Ausführung von Gesundheitsförderung bei russischsprachigen Migranten
2. Kritische Würdigung
3. Ausblick

D. Anhang
1. Literatur
2. Leitfaden für die Interviews und Einverständniserklärung
3. Transkription und Postskriptum der Interviews

A. Theoretischer Teil

1. Einführung

1.1 Fragestellung der Arbeit

Migration beeinflusst die Menschen, die unterwegs sind, jene die zurückbleiben und auch diejenigen, welche die Migranten aufnehmen. Den Implikationen für die Gesundheitssysteme der betroffenen Gesellschaften kommt dabei eine große Bedeutung zu. Diese betreffen politisch-rechtliche, ökonomische, ökologische, soziale und gesundheitliche Fragen sowie Aspekte der Information und der Kommunikation. Die gleichberechtigte Teilhabe von Mi­gran­­tinnen und Migranten an gesundheitlicher Versorgung sollte ein wichtiges Ziel integrations­politischer Maßnahmen in Deutschland sein. In der Migration stehen ökonomische und ökologische Faktoren im Vordergrund, in den industrialisierten Ländern sind dies vor allem Fragen der Partizipation und Unterschiede in den Gesundheitssystemen. Dies gilt speziell für die Kommunikation, die den Zugang zur Gesundheitsversorgung in hohem Masse beeinflusst.

In der Praxis stehen Migrantinnen und Migranten jedoch oftmals vor erheblichen Schwierig­keiten, wenn sie gesundheitliche Vorsorge, Beratung oder Behandlung in Anspruch nehmen wollen. Diese Hürden können rechtlicher oder sozialer Natur sein oder sich aus sprachlichen und kulturellen Kommunikationsbarrieren zwischen Arzt, Pfleger oder Therapeuten einerseits und Patienten andererseits ergeben.

Dabei sind Informationen über institutionelle Strukturen der Gesundheitssysteme sowohl für die Migranten als auch für ihre Betreuer wichtig. Qualitative Informationen zu Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen der Migrantengruppen fördern das Verständnis und ermöglichen eine kompetente, beide Seiten befriedigende Lösung von Gesundheitsproblemen.

Die Kommunikation umfasst jedoch auch die vielfältigen Interaktionen zwischen Migranten und Gesundheitsanbietern. Wesentlich ist auch ein bewusster Umgang aller Beteiligten mit kultureller Differenz.

Die Fragestellung der Arbeit richtet sich auf die Rolle der Kommunikation bei der Gesundheitsförderung von Migranten. Es werden dabei auch Aspekte der Kultur wie nationale Stereotype und ihre Rolle bei der Konfrontation mit einer fremden Kultur, Kulturstandards sowie Verhaltensmuster beleuchtet.

In den Blick genommen werden die Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Der Fokus wird nicht auf eine bestimmte Gruppe gelenkt, sondern richtet sich auf alle Migrantengruppen, deren Gemeinsamkeit in der russischen Sprache liegt.

Als MigrantInnen bezeichne ich in dieser Arbeit alle Personen, die nach Deutschland eingewandert sind und sich hier eine neue Lebensgrundlage aufbauen wollen. Dabei sind weder die Gründe noch die Art der Einwanderung von Bedeutung, auch nicht der Stand des Bewilligungsverfahrens. So sind z.B. Flüchtlinge nur eine bestimmte Kategorie von MigrantInnen, HeiratsmigrantInnen eine andere. Wichtigstes Kriterium ist dabei, dass die Muttersprache nicht Deutsch ist, also Wolga-Deutsche, die seit ca. 200 Jahren kein Deutsch mehr in den Familien sprechen zählen auch dazu.

Nachfolgend werden zunächst theoretische Hintergründe im Themenbereich angeführt. Eine qualitative Untersuchung soll die theoretischen Inhalte ergänzen, beziehungsweise überprüfen. Abschließend sollen die erarbeiteten Inhalte in ihrer Bedeutung für die Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund mit gesundheitsförderlichem Schwerpunkt eingeordnet werden.

Die Analyse von Wechselbeziehungen der deutschen und russischen Kultur und die Besonderheiten der russisch-deutschen Kommunikation können für die konzeptionelle Soziale Arbeit Grundlagen in der Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund bieten.

1.2 Statistische Angaben zu russischsprachigen Migranten

Menschen mit russischsprachigem Hintergrund sind eine für Deutschland bedeutsame Gruppe, weil sie zahlenmäßig die größte Migrantengruppe darstellen:

„Für die russischsprachigen Mitbürger in der Bundesrepublik Deutschland nennt die Werbeagentur inprom.com im Jahr 2005 als Schätzwert 4 Millionen Personen, davon 83% Aussiedler/Spätaussiedler aus UdSSR-Staaten, 8% jüdische Emigranten und 9% Sonstige (Heirat, Arbeit, Studenten).“ (Lima Curvello 2007:18)

Anfang der 1990er Jahre, nach der deutschen Vereinigung zogen größere Gruppen russlanddeutscher (Spät-)Aussiedler mit ihren Familien nach Deutschland. Der Zustrom der Aussiedler (rund 100.000 pro Jahr) hielt bis 2001 an, ist aber seit 2003 drastisch gesunken. Mit gut 35.522 Personen im Jahr 2005 (Vorjahre 59.093 und 72.885 Personen) ist ein Rückgang von rund 30 Prozent zu verzeichnen. 99 Prozent aller (Spät-)Aussiedler kamen aus der GUS (den Teilrepubliken der ehemaligen Sowjetunion) (Info-Dienst 2005: 4). Die russlanddeutschen Spätaussiedler aus der GUS sind die größte Gruppe von Zuwanderern: über zwei Millionen Russlanddeutsche (und ihre russischen Ehepartner) sind in die Bundesrepublik migriert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Deutschland eingetroffene (Spät-)Aussiedler von 1950 bis 2005 (www.zuwanderung.de 2007:3)

Außerdem kamen nach Abschluss eines Vertrages über Kontingentflüchtlinge viele russische Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie brachten auch ihre russischen Familienangehörigen mit (darunter viele Russen, Ukrainer, Weißrussen und Menschen aus sonstigen Völkern der ehemaligen UdSSR).

„Überwog zu Beginn der Einwanderungswelle der deutschstämmige/-sprachige Anteil in den Familien, so überwiegt inzwischen der russische Anteil ohne deutsch­­sprachige Kenntnisse. Die Zahl der russisch-sprachigen Einwohner Deutsch­­lands (einschließlich illegal eingewanderter Personen) hat sich inzwischen auf geschätzte 5 Millionen gesteigert, weshalb man diese Sprachgemeinschaft mittlerweile als größte Ausländergruppe in Deutschland betrachtet.“ (www.uni-protokolle.de 2009:1)

Die Bevölkerung der russischsprachigen Migranten nimmt ständig zu. Im Gegensatz zum Beispiel zu den Türken haben die russischsprachige Migranten eine „Gastarbeiter-Philoso­phie“, wonach das Ersparte zurück in das Heimatland fließt. Sie sind gekommen, um zu bleiben. Zum sozialen und kulturellen Leben der russischsprachigen Migranten in der ehemaligen Sowjetunion existieren sehr wenige Informationen und Analysen, ebenso zu ihrer Integration in der Bundesrepublik Deutschland.

2. Gesundheitsförderung

2.1 Definitionen von Gesundheit

Aus medizinischer Sicht eine Definition der Gesundheit zu formulieren, ist besonders schwierig, vor allem, wenn diese positiv klingen soll:

„Von medizinischer Seite her ist eine eigenartige Abstinenz bei diesem Thema zu bemerken. Es hat sich der Eindruck festgesetzt, dass die Medizin, wenn überhaupt, nur eine negative Definition von Gesundheit besitzt und Gesundheit als das Fehlen von Krankheit versteht“ (Faltermaier 1994: 56).

Im Jahr 1948 entstand in der WHO (World Health Organisation) der Versuch einer umfassenden, positiven Definition: „Gesundheit ist der Zustand eines vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen“ (Faltermaier 2005: 33). Es kann auf diesem Hintergrund festgehalten werden: „Gesundheit bedeutet also mehr als nicht krank zu sein.“ (Homfeldt 2003: 20)

Parsons definierte Gesundheit in der Soziologie als „Zustand der optimalen Leistungsfähigkeit eines Individuums für die Erfüllung der Aufgaben und Rollen, für die es sozialisiert wurde“ (Parsons 1968: 344 nach Faltermaier 2005: 34).

In der Systemtheorie wird der Gesundheitsbegriff durch folgende Aussage umschrieben:

„Im Zustand der Gesundheit befinden sich die biologischen und psychischen Systeme eines Individuums in einem harmonischen Gleichgewicht, das auch den Austausch mit den ökologischen Systemen (physikalisch, biologisch, psychisch und sozial) gewährleistet. Das gesunde Individuum verfügt über Reserven und Ressourcen (>Potential<), die es ihm erlauben, ein gestörtes Gleichgewicht innerhalb der erwähnten Systeme wieder herzustellen.“ (Heim/Willi 1986: 286 nach Faltermaier 2005: 34)

Ferner wird Gesundheit systemisch verstanden als:

„ein konstruktiver Prozess der Selbstorganisation und Selbsterneuerung. Gesundheit muss vom Organismus ständig hergestellt werden: als immunologisch verstandene Abwehr sowie als Anpassung an oder als zielgerichtete Veränderung der Umweltbedingungen durch das Individuum.“ (Rimann 1998: 352)

Andererseits wird Gesundheit auch als etwas Verborgenes bezeichnet, das nicht hergestellt werden kann, allerdings können Bedingungen geschaffen werden, welche sie eher ermöglichen (Brucks 1998: 36). Gesundheit lässt sich allgemein als „das bestmögliche Gleichgewicht zu einer bestimmten Zeit“ (Rimann 1998: 352) beschreiben.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es sich bei Gesundheit nicht um ein eindeutig definierbares Konstrukt handelt. Daher wird es in den Sozialwissenschaften sowie in der Medizin als mehrdimensionales Phänomen gesehen, welches körperliches und psychisches Wohlbefinden ebenso einschließt wie Leistungsfähigkeit, Selbstverwirklichung und Sinnfindung (Bengel 2001: 16).

2.1.1 Prävention versus Gesundheitsförderung

Die Begriffe Gesundheitsförderung und Prävention werden oft synonym benutzt. In Wirklichkeit haben sie unterschiedliche Konzepte und Strategien, verfolgen aber das gleiche Ziel: die Gesunderhaltung im Vorfeld.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Vorlesungsskript, Prof. Dr. M. Baier-Hartmann, Ev. Fachhochschule Freiburg, 2007)

Zur Prävention

„Prävention hat ihren Ausgangspunkt bei spezifizierten Krankheiten oder Störungen und das Ziel, diese Risiken zu minimieren oder gänzlich auszuschalten“ (Beispiel: Impfprogramme) (Hurrelmann 2009:41). Voraussetzung dafür ist eine Kenntnis pathologischer Dynamiken sowie der Entwicklungs- und Verlaufsstadien des individuellen und kollektiven Krankheitsgeschehens. Es wird angenommen, dass die zukünftige Entwicklung des Krankheitsgeschehens individuell und kollektiv vorhergesagt werden kann. Somit beruht Prävention auf einer „Zukunftsprognose“, „bei der die Eintrittswahrscheinlichkeit des unerwünschten Ereignisses ‚Krankheit’ angegeben werden kann.“ (Hurrelmann 2009:12)

Prävention wird als „vorbeugendes Eingreifen“ verstanden, das auf die Verhinderung möglicher Gefahren und Schädigungen abzielt und es abgrenzt gegen Intervention als „nachgehendem Eingriff“ als Reaktion auf einen bereits eingetretenen „Schaden“. (Galuske 2007:293)

Caplan unterscheidet bei Prävention zwischen primärer, sekundärer und tertiärer. „Es ist eine Einteilung nach dem Zeitpunkt der Maßnahmen und erhält eine Rangfolge der Wünschbarkeit des Erfolgs“ (Caplan 1964 nach Hurrelmann 2009: 335). Die folgenden Beispiele wurden speziell auf Menschen mit Migrationshintergrund ausgerichtet.

Primäre Prävention verhindert das Auftreten von Krankheiten und körperlichen Schädigungen (Galuske 2007: 296);

Sekundäre Prävention versucht die Erkrankungen in einem möglichst frühzeitigen Stadium zu erkennen (Galuske 2007:296);

Tertiäre Prävention wird sowohl als die wirksame Verhütung bzw. Verzögerung der Verschlimmerung einer manifesten Erkrankung sowie auch als Verhinderung bzw. Minderung bleibender, insbesondere sozialer Funktionseinbußen verstanden. (Sunder 2002 in Galuske 2007:296)

Johanna Maria Körber nennt eine Reihe von Kennzeichen präventiver Maßnahmen.

- Prävention versucht den Gesundheitszustand der Bevölkerung oder einzelner Bevölkerungsgruppen oder einzelner Personen zu erhalten oder zu verbessern
- Prävention ist nicht nur eine Aufgabe der Medizin, sondern arbeitet interdisziplinär, das heißt auch Psychologie, Soziologie und Pädagogik leisten hierzu ihren Beitrag
- In der Umsetzung versucht Prävention verschiedene Ebenen anzusprechen (z.B. Wissen, Einstellungen)
- Präventive Maßnahmen sind langfristig angelegt und zielen auf langfristige Veränderungen des Erlebens und Verhaltens. (Körber 2003:32)

Zur Gesundheitsförderung

In Abgrenzung zur Prävention[1], die sich mit dem Verhindern von Krankheiten in einer geschichtlich gewachsenen, pathologisch orientierten Kultur beschäftigt, fokussiert die Gesundheitsförderung „die Erreichung von Gesundheit in ihrer positiven Bedeutung“ (Faltermaier 2005: 297).

Veränderungen in einer erweiterten Sicht von Gesundheit und Krankheit, die über das dichotome Modell der Pathophysiologie (auf der einen Seite die Krankheit und auf der anderen die Gesundheit, man kann nicht in beiden Zuständen gleichzeitig sein) hinausgehen, führten zu einer begrifflichen Veränderung, die 1987 von der WHO in der Charta von Ottawa festgehalten wurde: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen“ (Faltermaier 2005: 297). Diese wird in dem Dokument definiert als „[…] positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten“ (ebd.). Der Schwerpunkt hat sich damit also weg von den Ursachen hin zu den Bedingungen von Gesundheit (Ressourcen) verändert. Faltermaier (2005: 297) sieht darin eine Ausrichtung der gesundheitsförderlichen Sicht an der Salutogenese, welche nachfolgend Beachtung finden soll.

Aaron Antonovsky befasste sich als Soziologe und später als Medizinsoziologe mit Fragestellungen zum Zusammenhang zwischen Stress und Gesundheit bzw. Krankheit. Während seinen Forschungen in den 60er und 70er Jahren fiel sein Augenmerk auf Frauen, die den Holocaust überlebt haben. Beim Vergleich mit Frauen, die keine Holocaust-Erfahrungen hatten, wiesen die Holocaust-Überlebenden – wie erwartet – eine signifikant stärkere gesundheitliche Belastung auf. Jedoch wurde bei 29% der ehemaligen inhaftierten Frauen eine relativ gute psychische Gesundheit festgestellt. Dieses Phänomen veranlasste ihn zu einer neuen Art der Fragestellung:

„Mich interessieren weniger die schlecht angepassten Frauen. Ich möchte mich auf die erstaunliche Minderheit der gut Angepassten konzentrieren. Woher haben diese Frauen, die so viel Schlimmes erlebt haben, die Kraft genommen, sich positiv auf die neue Lebensphase einzustellen?“ (Maoz 1998: 13).

Die folgenden zentralen Fragen bilden die Basis der theoretischen und empirischen Arbeiten von Antonovsky und dem von ihm entwickelten salutogenetischen Modell:

„Warum bleiben Menschen – trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse – gesund? Wie schaffen sie es, sich von Erkrankungen wieder zu erholen? Was ist das Besondere an Menschen, die trotz extremer Belastungen nicht krank werden?“ (Bengel 2001: 24).

Die in diesen Fragestellungen enthaltene neue Perspektive hat Antonovsky mit der Begrifflichkeit der „Salutogenese“[2] umschrieben, welche er dadurch deutlich von der bisher dominierenden „Pathogenese“[3] des biomedizinischen Ansatzes abgrenzt. Für Antonovsky bedeutet Salutogenese jedoch mehr als der Gegensatz zur pathogenetischen Sichtweise. „Salutogenese meint, alle Menschen als mehr oder weniger gesund und gleichzeitig mehr oder weniger krank zu betrachten.“ (ebd.) Antonovsky zufolge sind die beiden Pole völlige Gesundheit oder völlige Krankheit unerreichbar.

Er vertritt die Ansicht, dass in jedem Menschen, selbst wenn er sich gesund fühlt, auch kranke Anteile vorhanden sind und dass, so lange jemand lebt, in irgendeiner Weise Gesundheit vorzufinden ist (Bengel 2001: 32). „We are all terminal cases. And we all are, so long as there is a breath of life in us, in some measure healthy“ (Antonovsky 1988 nach Lorenz, 2004: 24) . Im Gegensatz zur präventiven Orientierung konzentriert sich das salutogenetische Konzept nicht auf bestimmte Ursachen, die eine Erkrankung auslösen, sondern fragt: „Welche Faktoren sind daran beteiligt, dass man seine Position auf dem Kontinuum zumindest beibehalten oder aber auf den gesunden Pol hin bewegen kann?“ (Antonovsky 1987 nach Franke 1997: 30).

In der Fachwelt wird Antonovskys Gesundheitskontinuum als wesentlicher Beitrag zur Fassung eines Gesundheitsbegriffs gesehen.

„Es ist oft künstlich oder willkürlich, die Grenze zwischen Gesundheit und Krank­heit zu bestimmen; die Konzentration auf Krankheit schafft zudem eine eigene Realität und verhindert, dass die Person als Ganzes mit ihrer Geschichte gesehen wird“ (Faltermaier 2005: 152).

Das Konzept der Salutogenese eröffnet vielfältige Denkrichtungen und Handlungsmöglichkeiten. Die bio-psycho-sozialen Modelle erklären, was Krankheit bedeutet und wie sie entsteht, während die Salutogenese versucht, die Frage zu beantworten, unter welchen Bedingungen Menschen gesund bleiben und wieder werden.

Gesundheit (statt nur Krankheit) in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken, hat zur Entwicklung des Lebensweisenkonzeptes und einem veränderten Gesundheitsverständnis geführt. Gesundheitsförderung wird stärker gewichtet:

- Gesundheit wird ganzheitlich, also mit ihrer körperlichen, psychischen, und sozialen Komponente gesehen. Die psychische Gesundheit erhält dadurch einen höheren Stellenwert
- Gesundheitsförderung muss in das gesamte soziale, ökologische und infrastrukturelle Umweltgeschehen eingebettet sein
- Effektive Gesundheitsförderung setzt Selbstbestimmung, Emanzipation und Persönlichkeitsentfaltung des Individuums voraus. (Mackovic-Stegemann 2005:32)

Der Begriff Prävention – wie schon oben erwähnt –ist in seinem Wortsinne immer auf potentielle Störungen und Defizite ausgerichtet. „Neuere Ansätze der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betonen unter dem Begriff Gesundheitsförderung in Übereinstimmung mit einer salutogenetischen Perspektive die Bedeutung gesundheitsförderlicher Lebenswelten und Verhaltensweisen für die menschliche Gesundheit. Anhand des Salutogenetischen Modells von A. Antonovski soll nachfolgend das von ihm bestimmte Kohärenzgefühl dargestellt werden.

2.1.2 Das Kohärenzgefühl

Antonovsky befasste sich insbesondere mit der Auswirkung eines günstigen Umgangs mit Spannungszuständen auf die Gesundheit. Er erschloss ein breites Spektrum an Einflussgrößen deren Korrelation mit dem Gesundheitszustand aus epidemiologischen Studien hervorging. Dabei handelt es sich um individuelle Faktoren (z.B. körperliche Faktoren, Intelligenz, Bewältigungsstrategien) sowie soziale und kulturelle Variablen (z.B. soziale Unterstützung, finanzielle Möglichkeiten, kulturelle Stabilität). Diese Einflussgrößen nennt Antonovsky „generalisierte Widerstandsressourcen“. Es handelt sich dabei um Widerstandskräfte, welche die Bewältigung eines Problems ermöglichen, ohne eine Stressbelastung zu empfinden. Sie stellen ein wichtiges Potential dar, das für die Bewältigung eines Spannungszustandes aktiviert werden kann. (Bengel 2001: 34)

Die Funktion von generalisierten Widerstandsressourcen besteht zum einen darin, unsere Lebenserfahrungen zu beeinflussen und zum anderen ermöglichen sie das Erleben von Bedeutsamkeit und Kohärenz (ebd.). Somit beeinflussen sie maßgeblich das Kohärenzgefühl, welches im Folgenden gleichbedeutend als sense of coherence (SOC), bezeichnet und beschrieben wird.

Die Ressourcen werden von Antonovsky mit den generalisierten Widerstandsdefiziten in Bezug gesetzt. Damit sind Stressoren gemeint, welche definiert werden als „Herausforderungen, für die es keine unmittelbar verfügbaren oder automatisch adaptiven Reaktionen gibt […] und einen Spannungszustand erzeugen“ (Antonovsky1997, Übersetzung durch Franke 1997: 43).

Die positive Wirkung von Widerstandsressourcen auf die Bewältigung von Spannungszuständen veranlasste Antonovsky zu fragen, welcher Prozess hinter diesem Zusammenhang steht. Er gelangte zu dem Schluss, dass Menschen mit ausgeprägten Ressourcen eher Lebenserfahrungen machen, welche die Überzeugung bewirken, im sozialen Leben eingebunden zu sein und Lebensziele verwirklichen zu können. Aufgrund dieser Erfahrungen gewinnen sie eine vertrauensvolle Grundhaltung gegenüber dem Leben, welche sie Anforderungen als kontrollierbar und bewältigbar betrachten lässt. Dabei handelt es sich gemäß Antonovsky um eine kognitive und affektiv-motivationale Grundeinstellung, die er aufgrund qualitativer Interviews in seinem theoretischen Konstrukt des Kohärenzgefühls (SOC) präzisiert (Faltermaier 2005: 164). Kohärenz kann in diesem Kontext mit Zusammenhang oder Stimmigkeit umschrieben werden (Bengel 2001: 28).

Das Kohärenzgefühl wird definiert als

„eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind; einem Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;· diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“ (Antonovsky, Übersetzung durch Franke, 1997: 36).

Es handelt sich dabei um eine grundsätzliche Sichtweise der Welt, die sich direkt auf die Handlungen auswirkt und eine positive Erwartung an die Zukunft beinhaltet. Diese Grundeinstellung steht in enger Wechselwirkung mit den Lebenserfahrungen, d.h. das Kohärenzgefühl wird durch diese beeinflusst und prägt diese gleichzeitig. Auf diese Weise verfestigt sich das SOC und ist dennoch auch dynamisch, d.h. veränderbar. Das Kohärenzgefühl entwickelt sich im Laufe von Kindheit und Jugend, kann sich während der Adoleszenz noch verändern und bildet sich bis zum ca. 30. Lebensjahr aus, um dann weitgehend stabil zu bleiben. Eine tiefgreifende Veränderung des SOC nach diesem Zeitpunkt hält Antonovsky nur eingeschränkt für möglich (ebd.: 30 f). Diese Grundhaltung, die Welt als vorhersehbar und sinnvoll wahrzunehmen setzt sich gemäß Antonovsky aus den folgenden drei Komponenten zusammen.

Die erste Komponente wird als Verstehbarkeit (sense of comprehensibility) bezeichnet. Dies benennt die Fähigkeit bzw. Erwartung auch unbekannte Stimuli als strukturierte, konsistente und zusammenhängende Informationen einordnen zu können und sich nicht chaotischen, beliebigen, unbegreiflichen Reizen ausgesetzt zu sehen. Eine hohe Verstehbarkeit zeichnet sich dadurch aus, dass Ereignisse im Leben als erklärbar und voraussehbar betrachtet werden. Es handelt sich dabei um ein kognitives Verarbeitungsmuster (Bengel 2001: 29).

Bei dem Gefühl der Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit (sense of manageability) handelt es sich um die zweite Komponente. Antonovsky definiert es als „das Ausmaß, in dem man wahrnimmt, daß man geeignete Ressourcen zur Verfügung hat, um den Anforderungen zu begegnen, die von den Stimuli, mit denen man konfrontiert wird, ausgehen“ (Antonovsky, Übersetzung durch Franke, 1997: 35). Dabei handelt es sich nicht nur um eigene Ressourcen, sondern es bezieht sich ebenso auf das soziale Netzwerk, wie z.B. Ehepartner/innen, Freund/innen oder Kolleg/innen, auf deren Hilfe eine Person zählen kann. Daneben kann dies ebenfalls den Glauben an die Hilfe durch eine höhere Macht umfassen.

„Wer ein hohes Maß an Handhabbarkeit erlebt, wird sich nicht durch Ereignisse in die Opferrolle gedrängt oder vom Leben ungerecht behandelt fühlen. Bedauerliche Dinge geschehen nun einmal im Leben, aber wenn sie dann auftreten, wird man mit ihnen umgehen können und nicht endlos trauern“ (ebd.)

Antonovsky sieht hierin ein kognitiv-emotionales Verarbeitungsmuster (Bengel 2001: 29).

Die Sinnhaftigkeit bzw. Bedeutsamkeit (sense of meaningfullness) stellt die dritte Komponente dar und umfasst im Gegensatz zu den genannten beiden Dimensionen den motivationalen Aspekt. Sie steht für

„das Ausmaß, in dem man das Leben emotional als sinnvoll empfindet: daß wenigstens einige der vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen es wert sind, daß man Energie in sie investiert, daß man sich für sie einsetzt und sich ihnen verpflichtet, daß sie eher willkommene Herausforderungen sind als Lasten, die man gerne los wäre“ (Antonovsky, Übersetzung durch Franke, 1997: 35f).

Antonovsky misst der Sinnhaftigkeit die zentralste Bedeutung bei. Wenn positive Erwartungen an das Leben fehlen, ist das Kohärenzgefühl nur schwach ausgeprägt, selbst wenn die anderen Komponenten hohe Werte erzielen (Bengel 2001:30). Darüber hinaus wirkt sich diese motivationale Eigenschaft laut Antonovsky am stärksten auf die Gesunderhaltung aus. Er geht davon aus, dass selbst hohe Ausprägungen der beiden anderen Persönlichkeitskonstanten Verstehbarkeit und Handhabbarkeit keinen effektiven Einfluss auf die Gesunderhaltung aufweisen, wenn die Bedeutsamkeitskomponente fehlt (Sack/Lamprecht 1998: 326).

Mit dem Blick auf die Bewältigung von Stresssituationen kann für das Koheränzgefühl festgehalten werden:

„Die Person mit einem starken SOC wird bei Konfrontation mit einem Stressor eher Engagement, Hingabe und Bereitschaft, sich mit dem Stressor auseinanderzusetzen, empfinden. Es scheint gewissermaßen eine a priori Annahme zu geben, daß die Auseinandersetzung mit dem Stressor lohnt und daß sie eher eine willkommene Herausforderung ist als eine Last, vor der man fliehen sollte“ (Antonovsky, Übersetzung durch Franke, 1997: 131).

Kohärenzgefühl und Gesundheit

Antonovsky betrachtete den SOC als charakteristische Eigenschaft einer Person, die „kausal mit ihrer Position auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum verbunden ist“ (Antonovsky, Übersetzung durch Franke, 1997: 184). Die Stärke des SOC beeinflusst nicht nur die Überzeugung, dass Ressourcen vorhanden sind, sondern es mobilisiert diese auch. Wie im vorherigen Kapitel beschrieben, setzen Menschen mit hohem SOC ihre Ressourcen erfolgreich ein, was eine Spannungsreduktion und somit einen indirekten Effekt auf die physiologischen Systeme der Stressverarbeitung zur Folge hat (Bengel 2001: 37). Der SOC wirkt jedoch nicht nur bei der Bewältigung von Spannungszuständen, sondern sozusagen wie eine Art Filter bei der Informationsverarbeitung.

Das Kohärenzgefühl kann gemäß Antonovsky direkten Einfluss auf diverse Systeme des Körpers, wie z.B. das Zentralnerven-, Immun- oder das Hormonsystem ausüben (Bengel 2001: 37).

„Alles in allem, so meine Hypothese, wird eine Person mit einem starken SOC Stimuli eher als Nicht-Stressoren definieren und annehmen, daß sie sich automatisch an die Forderung anpassen kann – anders als jemand mit einem schwachen SOC. Sie wird auf diese Weise keine Anspannung, die potentiell in Streß transformiert werden kann, erleben“ (Antonovsky, Übersetzung durch Franke, 1997: 126).

Gelingt es dem Gehirn zu verhindern, dass sich Spannung in Stress umwandelt, kann dies sogar die Immunkompetenz verbessern (ebd.: 146). Dabei betrachtet Antonovsky kurzfristige Stressreaktionen nicht als gesundheitsschädigend, wenn eine Erholungsphase folgt und die regenerativen Prozesse des Körpers funktionieren. Bei erfolgreichem Umgang mit Spannung kann dies sogar gesundheitserhaltend wirken (Bengel 2001: 33 sowie 37).

Empirische Aspekte zum Kohärenzgefühl

Um sein Konzept empirisch zu überprüfen, hat Antonovsky einen Fragebogen ausgearbeitet, den „Orientation to Life Questionnaire“ (Fragebogen zur Lebensorientierung).

Der Fragebogen wurde, auf der Grundlage von 51 qualitativen Interviews mit Menschen entwickelt, die ihr Leben trotz schwerster Belastungen überdurchschnittlich gut zu meistern schienen. Es ergaben sich 29 Items mit siebenstufigen Einschätzskalen und es liegt ebenfalls eine Kurzform bestehend aus 13 Items vor. Erfasst werden die drei Komponenten des Kohärenzgefühls. Diese sogenannte SOC-Skala existiert inzwischen u.a. auch in deutscher Sprache (Bengel 2001: 40 f).

Das Salutogenese-Konzept konzentriert sich hierbei insbesondere auf den Zusammenhang zwischen körperlicher Gesundheit und SOC. Studien zeigen jedoch einen deutlicheren Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und SOC. So konnte u.a. in einer schwedischen Untersuchung durch Lundberg (1997) nachgewiesen werden, dass das Risiko psychischer Beschwerden bei Personen mit hohem SOC gegenüber Menschen mit schwachem SOC um den Faktor 3,5 gesenkt ist. Auch in weiteren Studien finden sich signifikante Korrelationen zwischen dem Kohärenzgefühl und Komponenten psychischer Gesundheit wie Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit (Bengel 2001: 43 f).

Dagegen stellt sich der Zusammenhang zwischen körperlicher Gesundheit und SOC nicht eindeutig dar. In diversen Studien kann kein signifikanter Zusammenhang zwischen SOC und körperlicher Gesundheit gezeigt werden, jedoch besteht eine Verbindung zu psychosomatischen Beschwerden. Antonovskys Hypothese eines direkten Einflusses des Kohärenzgefühls auf die körperliche Gesundheit muss daher in Frage gestellt werden. Der unzureichende Nachweis begründet sich jedoch ebenfalls in der Komplexität des Forschungsgegenstandes, dem Korrelationsstudien nicht ausreichend gerecht werden (ebd.: 44 ff).

2.2 Gesundheitsförderung bei Migranten

Ein großer und wachsender Anteil der in Deutschland lebenden Menschen hat einen Migra­tionshintergrund. Diese Menschen können sich hinsichtlich ihrer Lebensweisen und ihrer Risikofaktoren mehr oder minder stark von der Allgemeinbevölkerung unterscheiden. Beim Zugang zum Gesundheitssystem, bei den Anforderungen an Gesundheitsdienstleister oder dem Verständnis von Krankheit und Gesundheit gibt es gegenüber der einheimischen Bevölkerung z.T. erhebliche Unterschiede, welche sich auch bei der Nutzung von Präventions- und Vorsorgeangeboten zeigen. Für Migranten gibt es spezifische Zugangsbarrieren.

„Migranten nutzen das System gesundheitlicher und psychosozialer Versorgung in der Regel weniger als die einheimische Bevölkerung. Die mangelnde bzw. unangemessene Inanspruchnahme hat Gründe. Es können Barrieren sein, die den Zugang verhindern oder die Kommunikation im Falle einer Kontaktnahme erschweren.“ (Hurrelmann 2009:333)

Die spezifischen Zugangsbarrieren von Migranten sind:

- Sprachbarrieren
- Informationsdefizite,
- Kulturelle Konzepte,
- Mangelnde interkulturelle Kompetenzen,
- Behördenimage und Angst vor rechtlichen Folgen,

2.2.1 Sprachbarrieren

Die Sprache ist eines der wichtigsten Elemente unserer emotionalen und sozialen Kommunikation. Je besser diese von klein auf ausgebildet ist, umso differenzierter, gewählter und kommunikativer kann sich der Mensch mitteilen.

„Sprache hat entlastende Funktion. Nicht jeder Prozeß im Leben muß nacherlebt werden; nicht jede Erkenntnis neu erkannt werden. Sprache erschließt uns Raum und Zeit, lässt uns verstehen und ermöglicht unser Denken. Wir beginnen nicht beim Punkt Null, sondern können tatsächlich in eine Zeit und damit in eine Kultur hineingeboren werden.“ (Kotzian 1991:86)

Ein großer Teil der Migranten ist in der Bundesrepublik aufgewachsen. Trotzdem ist der Zugang zu den Versorgungseinrichtungen für die sogenannte zweite und dritte Generation der ArbeitsmigrantInnen sowie für viele in den letzten Jahren zugewanderten Migranten durch Sprachbarrieren erschwert. Darüber hinaus ist die Muttersprache ein besonders wichtiges Kommunikationsmedium, wenn es um den Ausdruck von Gefühlen und Problemen geht. (SuM[4] Gaitanides 1997 in Geiger 1997: 78)

„Sprachbarrieren erschweren insbesondere die Annahme von psychosozialen und präventiven Angeboten, die nur selten mehrsprachig gemacht werden. Weiter können kulturell geprägte Schamgefühle und der kulturell unterschiedliche Stellenwert der nonverbalen Sprache die Kommunikation belasten.“ (Hurrelmann 2009:334)

2.2.2 Informationsdefizite

Sprachbarrieren verschärfen bestehende Informationslücken. Auf der Seite der Versorgungseinrichtungen besteht häufig ein erhebliches Informationsdefizit über die Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund vor Ort. Auf der Seite der Migranten stehen nur selten muttersprachliche oder visuelle Wegweiser und Informationen über die Versorgungsangebote zur Verfügung. (SuM Geiger 1997: 28)

Migranten kommen häufig aus Ländern, in denen das System gesundheitlicher Versorgung nicht so ausdifferenziert ist wie in Deutschland. Ihnen fehlen Erfahrungen mit Krankenversicherungen und Gesundheitssystemen. „Dieses Nichtwissen kann sich auch in überhöhten Erwartungen an die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems des Einwanderungslandes äußern.“ (Hurrelmann 2009: 334)

2.2.3 Kulturelle Faktoren der Krankheitskonzepte

Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen über Gesundheit und Krankheit, die ihre Wahrnehmungen, Einstellungen und ihr Verhalten prägen. „Diese subjektiven Gesundheits- und Krankheitskonzepte sind abhängig vom sozialen, kulturellen und religiösen Hintergrund“ (Faltmeier 2001 in Hurrelmann 2009:334).

Dazu passend kann die nachfolgende Unterscheidung zwischen deutschen und sogenannten „primitiven“ Konzepten eingeführt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Koussemou 2007:11)

„In der Literatur über fremde Länder und Kontinente ist häufig die Rede von „primitiven“ Völkern und Kulturen. Auch in wissenschaftlichen Studien verwenden die Forscher – vor allem Soziologen und Anthropologen – nicht selten das Wort von den „Primitiven“. Sie meinen damit in der Regel Gruppen und Kulturen, die in sich wenig differenziert erscheinen und noch nicht von der modernen Technologie, von der Zivilisation erfasst sind“ (Maletzke 1996:17)

Kulturell unterschiedliche Krankheitskonzepte führen auch ihrerseits zu Missverständnissen:

„Oft werden bei der Symptompräsentation Organchiffren verwendet, die nur auf dem Hintergrund ihrer kulturellen Bedeutung verstanden werden können. (z.B. „Mein Herz wurde eng“ als Bild für Heimweh und nicht als Symptom einer organischen Herzkrankheit)“ (Gün 2003 in Hurrelmann 2009:335)

Die Inanspruchnahme und Akzeptanz von Versorgungsleistungen kann durch kulturelle Konzepte sehr beeinträchtigt werden, wenn beispielweise in der Beratung ein direktives Verfahren durch die Migranten erwartet wird, was für sie selbstverständlich ist (SuM Akgün 1992 in Geiger 1997:78).

2.2.4 Mangelnde interkulturelle Kompetenzen

Die Fachkräfte im Sozial- und Gesundheitswesen werden nur selten systematisch auf den Umgang mit multikultureller Klientel vorbereitet. Das Personal verfügt deshalb kaum über allgemeine und fachspezifische interkulturelle Kompetenzen (SuM Hinz-Rommel 1994 in Geiger 1997:78).Entsprechend werden kultur- und migrationssensible Medien und Methoden, die zur gelingenden interkulturellen Kommunikation beitragen können, nur in Ausnahmefällen entwickelt und genutzt (SuM Ingrit in Geiger 1997:79).

2.2.5 Behördenimage und Angst vor rechtlichen Folgen

Oft ist es schon für Menschen, die die Landessprache perfekt beherrschen, mühsam und schwierig, sich im Bürokratiedschungel zurechtzufinden, vor allem wenn in einer bestimmten Situation der Kontakt mit verschiedenen Behörden notwendig ist. Deutlich wird dies an folgender Aufführung:

„In Westeuropa haben Institutionen der Bildung (Kindergarten, Schulsysteme, Fachhochschule, Universität), der sozialen Sicherung (Jugend-, Sozial-, Wohnungs-, Gesundheitsamt) oder das Sozialversicherungssystem (Krankenkassen, Arbeitsamt, Rentenversicherungsanstalt, Berufsgenossenschaften) großen Einfluss auf die individuelle Lebensgestaltung.

Diese Systeme sind schon für „Inländer“ nicht leicht zu durchschauen und erzeugen oft Unsicherheiten. Die Situation verschärft sich für Migrantinnen, weil sie solche Einrichtungen aus ihrem Herkunftsland nicht kennen, jetzt aber darauf angewiesen sind bzw. deren Leistungen in Anspruch nehmen können (z.B. Wohngeld, Arbeitslosengeld, Kindergeld, Maßnahmen zur schulischen und beruflichen Integration, Arbeitsvermittlung).“ (Eimmermacher in Radice von Wodau 2004: 67)

Sicher spielt auch die unterschiedliche Interessenlage eine Rolle. Die Behörde möchte einen anstehenden Sachverhalt regeln und sieht sich einem Migranten gegenüber, der nur bedingt versteht, um was es genau geht. In einer solchen Situation wird oft eine Einigung erzwungen, um die unangenehme Situation auf beiden Seiten möglich frühzeitig zu beenden, ohne auf Sei­ten der Migranten für ausreichendes Verständnis gesorgt zu haben (Boos-Nünning 1995:90 f).

Die Inanspruchnahme der psychosozialen Dienste kann durch bestehende Erfahrungen mit Behörden als Kontrollinstanzen wesentlich beeinträchtigt sein. Unkenntnisse über Rechte, verbunden mit – begründeter oder unbegründeter – Angst vor möglichen rechtlichen Folgen, versperren den Zugang zu den Diensten (SuM Geiger 1997:79).

Es kann festgehalten werden, dass die Wahrnehmung von Zugangsbarrieren ein wichtiger Schritt einer vorausschauenden interkulturellen Gesundheitsförderung ist.

2.3 Maßnahmen der Gesundheitsförderung bei Migranten

2.3.1 Vier-Felder-Matrix-Modell

Unter wichtigen gesundheitsfördernden Maßnahmen bei Migranten nennt Hurrelmann zwei Dimensionen: „Belastungsabbau versus Ressourcestärkung“ einerseits und anderseits „Person- versus Strukturorientierung“. Die erste Dimension bezieht sich auf Inhalte, die zweite auf Zielbereiche von Interventionen. Die Kombination von beiden Dimensionen führt zu einer „Vier-Felder-Matrix“, mit deren Hilfe gesundheitsfördernde Interventionsansätze bei Migranten klassifiziert werden können. (Hurrelmann 2009:336)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Feld 1 - Abbau von Belastungen auf der individuellen Ebene

Mit der Migration sind oft spezifische Belastungen verknüpft. Demzufolge sollten die Angebote differenziert auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtet sein und durch Niederschwelligkeit eine leichte Zugänglichkeit ermöglichen.

Feld 2 - Abbau von Belastungen auf der strukturellen Ebene

Wichtig ist der Abbau von Barrieren, die den Zugang zum Bereich medizinischer und psychosozialer Versorgung erschweren. Deswegen sollten gesundheitsfördernde Angebote in die Lebenswelt von Migranten gebracht werden. Ziel sollte es sein, durch eine entsprechende Integrationspolitik, Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen von Migranten abzubauen.

Feld 3 - Stärkung von Ressourcen auf der individuellen Ebene

Im Mittelpunkt steht hier die Qualifizierung von Fachpersonen in Aus-, Fort- und Weiterbildung im Hinblick auf interkulturelle Kompetenz. Besonders wichtig ist hierbei die „Vermittlung von Wissen über spezifische Gesundheitsgefährdungen von Migranten, Erhöhung der Sensibilität für den kulturellen Bedeutungshintergrund des in der Beratung […] Gesagten und die Stärkung der transkulturellen Handlungskompetenz“ (Hurrelmann 2009:336).

Auf Seiten der Migranten sind dies:

Stärkung von Ressourcen durch muttersprachliche Informationen, um den gesundheitsbezogenen Wissensstand zu verbessern.

Stärkung der Eigenverantwortung für ihre Gesundheit „durch Einbezug in den Behandlungsplan und das Ernst-Nehmen ihres subjektiven Krankheitsverständnisses.“ (Hurrelmann 2009:337)

Feld 4 - Stärkung von Ressourcen auf der strukturellen Ebene

„Transkulturelle Öffnung der Dienste“ durch folgende Maßnahmen:

– Integration von mehrsprachigen Mitarbeitern (evtl. mit Migrationshintergrund)
– Erleichterter Zugang für ausländische Ärzte zum medizinischen Versorgungssystem
– Einführung von Dolmetscherdiensten
– Vernetzung der verschiedenen Dienste der gesundheitlichen und psychosozialen Versorgung

(Hurrelmann 2009:337)

2.3.2 Die Bedeutung des salutogenetischen Modells für die Bewältigung von Migrationserfahrungen

Die salutogenetische Perspektive fragt danach, wie die Migranten ihre Gesundheit aufrechterhalten und woher sie ihre Kräfte schöpfen, wodurch sie die Möglichkeit eröffnen, die im Zusammenhang mit Migration auftauchenden Stressoren und Probleme zu verstehen (Schöpe- Kahlen 2005:78).

„Der Fluss zeichnet sich durch schwer zu bewältigende Abschnitte wie Wasserfälle und Stromschnellen aus und es gibt Gebiete, in denen die gefährlichen Wasserlebewesen lauern. […] Von der Quelle bis zur Mündung hat der Fluss einen wechselvollen Verlauf, und es ist wichtig zu erkennen, wann es zu kämpfen gilt und wann Erholung und Genießen im Vordergrund stehen, da für unterschiedlichen Phasen unterschiedliche Fähigkeiten notwendig sind. Für die gelungene
Adaption an die Umwelt scheint in jedem Fall beides ausschlaggebend zu sein“ (Welbrink/Franke 2000 in Schöpe-Kahlen 2005:78)

Antonovsky beschreibt das Leben gerade nicht als etwas Ruhiges und Harmonisches. Vielmehr bedeutet leben, permanent mit Schwierigkeiten und Problemen konfrontiert zu werden. Vor dem Hintergrund der salutogenetischen Orientierung verliert die Migration ihren Sonderstatus als krisenbehaftete, traumatisierte Erfahrung. Hinsichtlich der beschriebenen Merkmale unterscheidet sich Migration nicht vom Alltag. Laut der Flussmetapher sollte man Migration nicht von vornherein als negatives Erlebnis interpretieren. Einerseits könnte sie als Bedrohung, andererseits aber auch als Herausforderung angesehen werden.

„Die Annahme von Migrationserfahrungen als Herausforderung schafft die Chance, diese nicht als chaotisch und krank machend, sondern als kontrollierbar und bereichernd zu deuten“. (Pourgholam- Ernst 2002 in Schöpe- Kahlen 2005:79)

Es ist sehr wichtig für Migranten, dass sie neben ihren negativen Erfahrungen, wie Trauer, Verlust und Leid auch die positiven Gefühle, wie Hoffnung, Neugier und Freude als zur Migration zugehörig zulassen und dass die neue Gesellschaft ihnen ihrerseits diese Erfahrungen ermöglicht (ebd).

Die salutogenetische Sichtweise ermöglicht diesen Perspektivwechsel bei der Betrachtung, welche Auswirkungen die Migrationserfahrung auf das Individuum hat. Es sollte nach Stärken bei jenen gesucht werden, die durch die Migration nicht krank wurden oder Ressourcen entwickelten, um die Belastungen zu verarbeiten.

In diesem Sinne können drei zentrale Prinzipien des weiter oben beschriebenen Sense of Coherence (Kohärenzgefühl) auf der interkulturellen Ebene angewendet werden.

- Ereignisse der inneren und äußeren Umwelt strukturieren und zu begreifen helfen (Verstehbarkeit; Comprehensibility);
- vielleicht noch verborgene Ressourcen verfügbar zu machen (Handhabbarkeit, Manageability);
- Anforderungen nicht als Belastungen, sondern als Herausforderungen zu erleben, für die es lohnt, sich zu engagieren und zu bemühen (Sinnhaftigkeit; Meaningfullness) (Herrmann 2001:21)

Um diese drei Prinzipien auf die kulturelle Ebene anwenden zu können, ist es unerlässlich für die vorliegende Ausarbeitung, die Besonderheiten russisch-deutscher Kommunikation und die damit zusammenhängenden kulturelle Aspekte zu beleuchten.

[...]


[1] prae-venire = zuvorkommen

[2] Salus = lat.: Unverletztheit, Heil, Glück; Genese = griech. Entstehung

[3] Die Pathogenese befasst sich mit der Entstehung und Behandlung von Krankheiten.

[4] SuM = Sucht und Migration, Broschüre der Fachtagung 1996 der Landesstelle gegen die Suchtgefahren in Baden-Württemberg. Im Folgenden werden den Einzelbeiträgen entnommene Zitate unter SuM – „Autorenname“ zitiert.

Details

Seiten
135
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656334866
ISBN (Buch)
9783656335306
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206152
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,7
Schlagworte
bedeutung kommunikation gesundheitsförderung migranten beispiel

Autor

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Titel: Zur Bedeutung interkultureller Kommunikation für die Gesundheitsförderung von Migranten