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Wortbildung und Wortwandel in Fachtexten des Pferdesports

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 19 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Fachwortschatz und Fachsprache
1.1 Syntax
1.2 Entlehntes Vokabular im Pferdesport
1.3 Fachwortschatz im Pferdesport
1.3.1 „Echte“ Fachtermini
1.3.2 „Spezifizierte“ Fachtermini
1.3.3 „Zusammengesetzte“ Fachtermini
1.3.4 „Unechte“ Fachtermini
1.4 Obsolete Terminologie in älteren Texten

2 Wortbildungsstrukturen
2.1 Komposition
2.1.1 Analystische Aufspaltung von Kompositionen
2.1.2 Verschiedene Wortarten in der Komposition
2.1.3 Bedeutungsbeziehungen zwischen den Gliedern
2.1.3.1 Determinativkomposita:
2.1.3.2 Kopulativkomposita:
2.1.3.3 Possessivkomposita:
2.1.4 Interfix oder Kompositumfuge

3 Derivation
3.1 Implizite Derivate
3.2 Explizite Derivate
3.3 Präfigierung
3.4 Suffigierung

4 Konversion

5 Abbreviation

6 Literaturverzeichnis

1 Fachwortschatz und Fachsprache

Jeden Fachwortschatz kann man gleichsetzen mit der (Fach)Terminologie; der Gesamtheit der Termini (Begriffe und Benennungen) eines Fach- oder Sachgebietes. Diese spezifische Lexik eines Wissenschaftsgebietes zu beherrschen ist Voraussetzung für eine effiziente fachsprachliche Kommunikation, was ohne die korrekte Verwendung der entsprechenden Fachwörter nicht möglich ist.

Die Fachsprache ist Instrument des fachinternen, interfachlichen und fachexternen Austausches und dient der Erfassung und Kommunizierung von Gegenständen, Strukturen und Prozessen des jeweiligen Fachgebiets. Sie ist eine Teilsprache, die nur einem jeweils begrenzten Kreis der Sprachgemeinschaft geläufig und verständlich ist. Diese Teil- oder Subsysteme innerhalb des Systems der Gegenwartssprache können charakterisiert werden als teils expandierende und teils ökonomisch reduzierende sowie funktional präzisierende Auswahl- und Verwendungsweisen sprachlicher Mittel. Das Fachwort ist der Hauptinformationsträger einer Fachsprache.

Die Fachsprachen unterscheiden sich von Standard- oder Umgangssprachen vor allem durch einen erweiterten und spezialisierten Wortschatz, aber auch durch syntaktische und textuelle Besonderheiten sowie durch intensive Nutzung bestimmter Wortbildungsmodelle.

Innerhalb der Fachsprache des Pferdesports sind häufg komplexe Zusammensetzungen zu finden (Trabrennsport, Fachübungsleiter, Sattelgurtschoner, Stirnbandkopfstück, Aufziehtrense) und auch Präfigierung bei Verben (anpiaffieren, antreiben, durchparieren, losreiten, versammeln, überbiegen, überstellen, durchgehen, abkauen). Bei den Zusammensetzungen sind als Wortbildungsmodelle vor allem Substantiv+Substantiv, (Stockmaß), Adjektiv+Substantiv (Offenstall), Verb+Substantiv (Wanderreiter) produktiv.

Terminologiearbeit beinhaltet die Erarbeitung, Bearbeitung, Speicherung und Nutzung von Fachwörtern.Zusätzlich die Bearbeitung, bzw. das Erfassen und Zugänglichmachen von Fachwortschätzen in mehrsprachigen Terminologiedatenbanken oder Fachwörterbüchern sowie die sprachwissenschaftliche Erforschung der Fachwortschätze und die Terminologielehre.

1.1 Syntax

Die Syntax der Fachsprachen zeigt eine hohe Frequenz von Substantiven und Substantivierungen und folglich eine ausgeprägte Kompaktheit und Kondensation des Ausdrucks. Die Sätze sind komplex und nominal (Nominalstil) und die nominalen Glieder sind durch Attributierung ausgebaut: Eine ordentliche Galoppade des vorgestellten Jungpferdes kann sich erst nach der korrekten Versammlung der Remonte durch den erfahrenen Bereiter zeigen.

Häufig sind zudem Passivbildungen, die Reduktion der Tempusformen auf Präsens und die Vermeidung eines persönlichen Subjekts: Bei einer Überprüfung der Korrektheit der Galopppirouette ist der zu geringe Umfang der Grundausbildung zu berücksichtigen.

Für den Fachmann zeugen diese morphologisch-syntaktischen Merkmale einer Fachterminologie von Dichte, Überschaubarkeit und Präzision, dem Laien fällt die Orientierung in der alltagssprachlichen Struktur und Lexik wesentlich leichter.

Die Fachsprache ermöglicht den ökonomischen, differenzierten und präziseren Ausdruck von Sachverhalten, die Skizzierung und Formulierung neuer Sachverhalte, die Kommunikation über selbige mit möglichst wenig Vorurteilen, Vagheiten und Nebenbedeutungen. Dabei besteht ein Zusammenhang zwischen Sachwissen und Sprachwissen, zwischen kognitiven Leistungen und sprachlichem Können. Ein Fachterminus gleicht nicht einer Vokabel, die man kennt oder nicht, er ist oft die Kondensation eines komplizierteren Zusammenhanges, der nicht automatisch mit dem Wort mitverstanden wird, sondern der mit Hilfe kognitiver Leistung (Vergleichen, Folgern, Problemlösen usw.) erschlossen werden muss. Dabei ist von einer netzartigen Struktur des entsprechenden Wissens (im Gedächtnis) auszugehen: So lässt sich das Erlernen einer Fach- oder Sachsprache nicht auf die Ebene des Sprachgebrauchs reduzieren; die Einführung in eine Fachsprache ist auch die Einführung in ein Fach.

1.2 Entlehntes Vokabular im Pferdesport

Der Fachwortschatz im Pferdesport ist größtenteils deutschbasiert. Durch den Entwicklungsschwerpunkt der klassischen Reiterei in Frankreich prägten sich über die Jahrhunderte feste französische Vokabeln in den internatiolen Fachjargon des Pferdesports, die bis heute gebräuchlich und nicht ersetzbar sind: Renvers, Pirouette, Courbette, Ballotade, Kapriole, Travers, Levade, Piaffe, Passage, Pesade [u.a. Albrecht, Kurt; „Meilensteine auf dem Weg zur Hohen Schule“; 1996].

Courbette aus dem Französischen: Bogensprung.

Passage aus dem Französischen: Vorbei-, Vorrübergehen, -ziehen.

Piaffe vom französischen ‚piaffer’: Stampfen, auf der Stelle treten.

Travers aus dem Französischen: schief, schräg, querfeldein.

Levade vom französischen ‚levage’: Heben.

Ballotade vom französischen ‚ballotter’: Hin- und Herschaukeln.

Aufgrund der enormen sprunghaften Zunahme und Verbreitung anderer spezieller Reitdisziplinen in Deutschland bilden sich in neuerer Zeit Subterminologien heraus, die sprachlich durch ihre Herkunft und Tradition geprägt sind:

Spanische Reitweise, spanisch: Vaquerozaum, Serreta, Alta Escuela, Altér Real, Doma Vaquera, Cruzado, Mosquero, Picadero [u. a. Brossia, de, Marc; “Iberiens Reitweisen” 1997].

Westernreiten, englisch: Reiningsattel, Pleasureprüfung, Sliding Stop, Spin, Skid boots, Boot cut, Half breed, Snaffle bit, Split reins, Turn around, Round skirt, Square skirt, Cuttingsattel, Side pass [u. a. Maschalani, George; “Westernreiten”; 1997].

Islanpferdereiten, isländisch: Gaedingar, Saga [u. a. Schwörer-Haag, Anke und Haag, Thomas; „Gaedingar“; 1991].

1.3 Fachwortschatz im Pferdesport

Im deutschen Wortschatz des Pferdesports lassen sich vier Gruppen von Fachtermini unterscheiden.

1.3.1 „Echte“ Fachtermini

Die „echten“ Fachtermini seien definiert als Begriffe, die in einem normalen Gebrauchswörterbuch keinen Eintrag haben und eine sehr spezielle Bedeutung und Formalisierung aufweisen, dem Laien also ohne Erläuterung unverständlich bleiben: Martingal, Unterlegtrense, Ganaschen, Kötenbehang, Hinterzwiesel, Pullerriemchen, Kronrand, Pauschen, Abkauen, Untertreten, Hankenbeugung, Widerrist, Schulterherein, Tölt, Pilaren, Hinterhand.

1.3.2 „Spezifizierte“ Fachtermini

„Spezifizierte“ Fachtermini seien Begriffe, bei denen des Basiswort dem Laien noch bekannt und für ihn einzuordnen ist, die weitergehenden Spezifizierungen allerdings bleiben unverständlich:
Trense [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Aufziehtrense, Wassertrense, Aurigantrense, Knebeltrense
Sattel [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Stocksattel, Vaquerosattel, Pleasuresattel, Damensattel, Kunststoffsattel

Eisen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Hufeisen, Eieisen, Stegeisen, Rundeisen, Plastikeisen, Alueisen

1.3.3 „Zusammengesetzte“ Fachtermini

Die aus mehreren Wörtern zusammengesetzten Fachtermini seien Begriffe, deren einzelne Glieder aus zunächst geläufig in ihrer Bedeutung erscheinenden Worten des normalen Alltagswortschatzes bestehen, die aber bei aufklärender Betrachtung einen ganz anderen, neuen und speziellen Sinnzusammenhang erschliessen, so dass die Worte dem Laien in ihrer neuen Situierung und Bedeutung fremd und unverständlich werden: Die Zügel aus der Hand kauen lassen, eine halbe Parade geben, eine ganze Parade geben, das Pferde durchs Genick treten lassen, das Pferd an den Zügel reiten, das Pferd sich setzen lassen, gegen die Hand treiben, die Hand stehen lassen, das Pferde legt sich auf das Gebiss, eine abgehackte Kruppe, eine leichte Hand, das Pferd anspringen lassen.

1.3.4 „Unechte“ Fachtermini

Die „unechten“ Fachtermini seien Begriffe, die in jedem üblichen Lexikon zwar zu finden sind, aber eine dort nicht erschlossene fachsprachliche Zusatzbedeutung aufweisen. Nur der Wortkörper ist Deckungsgleich mit einem anderen Wort des Deutschen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4 Obsolete Terminologie in älteren Texten

In älteren Reitlehren oder Sachtexten über das Reiten finden sich häufig Begriffe, die heute in dieser Form nicht mehr verwendet werden und inzwischen unbekannt geworden sind. Zusätzlich werden viele Termini durch die veränderte Orthographie inzwischen anders geschrieben. Die Texte, die nachfolgend als Material dienten, datieren von 369 v. Ch., 1817 und 1733.

Der Ausdruck Abrichtung wird heutzutage nicht mehr im Zusammenhang mit Pferden benutzt. Es kommt von 'richten', einer Ableitung vom Adjektiv 'recht'. Ursprünglich bedeutete es 'gerade machen' dann sinngemäß 'recht oder richtig machen, bewerkstelligen'. Heute ist gemeint, ein Tier zu bestimmten Leistungen oder Fertigkeiten zu bringen, es zu dressieren. Aus dieser Ausdrucksweise spricht eine andere Einstellung und Beziehung zum Tier Pferd. Heute will man ein Pferd im Allgemeinen nicht dressieren, man möchte mit ihm kooperieren, es etwas lehren und partnerschaftlich mit ihm zusammenarbeiten.

Zurückgehen wird heute in der Regel als „Rückwärtsrichten“ benannt, denn es ist damit nicht nur das bloße Rückwärtstreten eines Pferds gemeint (unabhängig von der Situation, ob mit oder ohne Reiter), sondern das kontrollierte, angeforderte Rückwärtstreten auf die entsprechenden Reiterhilfen.

Die Parade ist ein Fachterminus aus dem Reit- und Pferdesport. Das Substantiv ist im 17. Jahrhundert in seiner Bedeutung aus dem französischem 'parade' und dem spanischem 'parada' übernommen worden. Ein Pferd zu parieren bedeutet, es in eine ruhigere Gangart zu bringen, zu verlangsamen oder es anzuhalten. Die Parade ist die entsprechende Reiterhilfe dazu.

Die Formulierung ein Pferd zu pariren, würde man heutzutage ersetzen mit ein Pferd durchzuparieren und parieren wird mit ie geschrieben. Durchparieren setzt die Betonung auf Zurücknahme des Tempos in eine langsamere Gangart oder das Anhalten. Nur das Wort 'parieren' beinhaltet mehr unbedingten Gehorsam im Allgemeinen. Die Schreibweise pariren, die in der heutigen Zeit als falsch gilt, hängt mit den noch ungeregelten und schwankenden Orthographiebestimmungen im 19. Jahrhundert zusammen. Die Phonem-Graphem-Beziehungen waren noch unsicher, und somit flexibel. Es galt damals die Schreibung nach der Aussprache.

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Details

Seiten
19
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638244497
ISBN (Buch)
9783638759298
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20620
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Seminar für Deutsche Literatur uns Sprache
Note
1
Schlagworte
Wortbildung Wortwandel Fachtexten Pferdesports Hauptseminar

Autor

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Titel: Wortbildung und Wortwandel in Fachtexten des Pferdesports