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Der geistige Despotismus der Demokratie

Zwei Typen der "Tyrannei der Mehrheit" und ihr Zusammenhang bei Alexis de Tocqueville

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Aktueller Forschungsstand

III. Tyrannei der Mehrheit - 2 Typen im Vergleich
III.1 Historische Betrachtung
III.2 Stichhaltigkeit

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung;

Unsere heutige Zeit ist geprägt von der Forderung nach mehr Demokratie. Bürgerinitiativen wie Parteien möchten das Volk stärker einbinden, welches sich immer mehr von der Politik abzuwenden scheint. Grund dafür ist in vielen Augen, dass wir uns nicht mehr in einer Demokratie, sondern bereits in einer Post-Demokratie befinden, in der es allenfalls den Anschein hat, dass der Bürger noch über Politik mitbestimmen kann, wo die Fäden tatsächlich aber im Hintergrund gesponnen werden. Doch ist mehr Demokratie wirklich das Allheilmittel, das es zu sein vorgibt?

Auch Demokratie hat Gefahren, die bereits 1835 mit dem Begriff der „Tyrannei der Mehrheit“ durch Alexis de Tocqueville veranschaulicht wurden, der sich seinerseits auf den US-Gründervater James Madison in den „Federalist Papers“ bezog (Madison et al. 1989). Tocqueville unterscheidet dabei zwischen zwei Typen der Tyrannei der Mehrheit: zum einen die rein numerische, legislative Allmacht der Mehrheit, zum anderen die Tyrannei, die die Demokratie auf das Denken ausübt. Letzteres, der geistige Despotismus der Demokratie ist das Neue an Tocquevilles Werk „Über die Demokratie in Amerika“ (Tocqueville 1835), wurde seitdemjedoch nur selten weiter untersucht.

In diese Lücke möchte ich mit meiner Hausarbeit stoßen und Tocquevilles zwei Typen näher analysieren. Ich komme zu dem Schluss, dass die Tyrannei der Mehrheit sich nicht nur in die zwei verschiedenen Typen aufteilt, sondern das diese auch eng miteinander verwoben sind. Die reelle Gefahr einer numerischen Tyrannei der Mehrheit wird bedingt durch eine Tyrannei der Mehrheit über das Denken. Erst in einer Gesellschaft gleichgeschalteter Individuen kann die numerische Tyrannei der Mehrheit nämlich zu einer realistischen Gefahr werden. Für sich alleine kann man eine numerische Tyrannei der Mehrheit als harmlos betrachten, sofern es verfassungsinstitutionelle Sicherungen, Veto-Spieler und eine politische Kultur auf angemessenem Niveau gibt. Ihre wahre Machtfülle ergibt sich erst durch Kombination mit einer Tyrannei der Mehrheit über das Denken, die die Gesellschaft gleichschaltet und damit einige der weiteren Argumente, die gegen die Gefahr einer numerischen Tyrannei der Mehrheit sprechen, gar ins Gegenteil verkehren.

Durch Erziehung der Gesellschaft in eine bestimmten Richtung, Konformismus, und damit stetiger Selbstbestätigung wird eine numerische Tyrannei der Mehrheit erst möglich, die in letzter Konsequenzjedoch zum Scheitern verdammt ist.

In dieser Hausarbeit wird nach einem Überblick über den aktuellen Forschungsstand der Begriff der Tyrannei der Mehrheit aus ideengeschichtlicher Perspektive betrachtet, um Aufschluss über die Entwicklung der beiden Konzepte zu gewinnen. Anschließend widmet sich der Hauptteil dieser Hausarbeit der Stichhaltigkeit beider Typen und argumentiert, dass eine numerische Tyrannei der Mehrheit erst bedingt durch deine Tyrannei der Mehrheit über das Denken zu einer realistischen Gefahr werden kann, die dannjedoch kaum noch aufzuhalten ist. Die Ergebnisse werden im einem Fazit kritisch gewürdigt und weitere Forschungsmöglichkeiten aufgezeigt.

II. Aktueller Forschungsstand

Nachdem Alexis de Tocqueville sein Werk „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/1840) veröffentlicht hatte, erfuhr es stetig steigende Bedeutung. Die Frage der Tyrannei der Mehrheit gleichwohl, die er als erster konkret ausformulierte (Martin 1961: 7), blieb in der neueren Forschung weitgehend unberücksichtigt.

Grundproblem einer Untersuchung über das Konzept der Tyrannei der Mehrheit ist die relativ geringe Dichte konkreter Studien zur Tyrannei der Mehrheit, während der Begriff als solcher sehr oft auftaucht. In dieser Hausarbeit beschränke ich mich daher auf den Teil der Sekundärliteratur, der sich intensiv mit dem Konzept der Tyrannei der Mehrheit bei Tocqueville auseinandersetzt sowie mit seinem Werk „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/1840) selbst.

Der Begriff „Tyrannei der Mehrheit“ wurde schon von den amerikanischen Gründervätern in den „Federalist Papers“ (Madison et al. 1989) benutzt und reicht durch die gesamte Ideengeschichte bis in die Antike zurück (Hüglin 1977).

In Anschluss an Tocqueville wurde der Begriff Tyrannei der Mehrheit vor allem von John Stuart Mill geprägt, der näher auf Tocquevilles Konzept einer Tyrannei der Mehrheit über das Denken einging, die sie beide am meisten füchteten (Martin 1961: 145).

Konkrete Studien über die Tyrannei der Mehrheit haben sich angeschlossen, die jedoch eher im soziologischen (Hermens 1958, Feldhoff 1968 ) undjuristischen (Guinier 1995) Bereich lagen und den Bereich politischer Theoriebildung vernachlässigten, wo die Tyrannei der Mehrheit lediglich als „numerisches, und daher technisch relativ leicht zu bewältigendes Problem“ verstanden wurde (Hüglin 1977: 36). Dort belegen Analysen (McGann 2004, Vatter/Danaci 2010), dass die Gefahr einer numerischen Tyrannei der Mehrheit zu vernachlässigen ist.

Im ideengeschichtlichen Bereich sorgten Martin (1961) und Hüglin (1977) für einen umfassenden Überblick, an den sich seit Horwitz (1966) in neuerer Zeit weitere politische Theoriebildung angeschlossen hat, die sich verstärkt mit der Tyrannei der Mehrheit über das Denken beschäftigt (Fott 1998, Maletz 2002).

Tocquevilles Konzept einer Tyrannei der Mehrheit sollte im Kontext der Entstehung seines Werkes „Über die Demokratie in Amerika“ (1835/1840) betrachtet werden: „Tocqueville und Beaumont hielten sich vom 11. Mai 1831 bis zum 20. Februar 1832 in den USA auf. Sie erlebten die Gesellschaft im Anfangsstadium der Jacksonian Democracy, in der Phase eines wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Wandels in Richtung auf eine Fundamentaldemokratisierung“ (Feldhoff 1968: 9). Als Forschungsreisender im Auftrag Frankreich ging es Tocqueville nicht so sehr darum, die amerikanischen Bedingungen zu verstehen, sondern vielmehr sie als Mittel zur Analyse der Zukunft Frankreichs zu benutzen (Laski 1948: 16). Er beschrieb Amerika, dachte jedoch an Europa (Horwitz 1966: 295): „Tocqueville hat seine Reiseeindrücke in Amerika in erster Linie dazu genutzt, Europa und insbesondere Frankreich diese völlig neue Dimension der gesellschaftlichen Auseinandersetzung beispielhaft vor Augen zu führen“ ((Hüglin 1977: 179).

Seine Methodik ist auch nicht die eines klassischen politischen Theoretikers, sondern eher die eines Soziologen: „Here was the essence of Tocqueville's method - to understand politics by analyzing the nature of a given society“ (Horwitz 1966: 296).

Dies sollte man sich bei der folgenden Anaylse bewusst sein.

TTT. Tyrannei der Mehrheit - 2 Typen im Vergleich TTT.t Historische Betrachtung Alexis de Tocqueville unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Typen der Tyrannei der Mehrheit. In Anlehnung an die „Federalist Papers“ (Madison et al. 1989) bezieht er sich einerseits auf die numerische Mehrheit, andererseits auf die Mehrheit, die das Denken in einer demokratischen Gesellschaft bestimmt. Während das erste Konzept in der Ideengeschichte tief verwurzelt ist, so ist das zweite Konzept in voller Breite erst bei Tocqueville entstanden.

Das erste Konzept einer numerischen Tyrannei der Mehrheit, dessen Stichhaltigkeit noch geprüft werden wird, lässt sich verkürzt als die Annahme beschreiben, dass 51% der Menschen alles bekommen, was sie wollen (Guinier, 1995: xvi). Diesen Gedanken findet man bereits in der Antike : „Die entartete Demokratie bei Platon und Aristoteles, die Ochlokratie, die Willkür der gesetzlosen Demokratie, die Diktatur der armen Mehrheit über die reiche Minderheit, der ungebildeten, manipulierbaren Mehrheit über die gebildete, nonkonformistische Minderheit entspricht im Kern der Mehrheitstyrannei“(Hüglin 1977). Bei Platons Philosophenherrschaft unterliegt das Individuum „der Tyrannei des Allgemeinen, das in der Mehrheit verkörperte Prinzip der Herrschaft des Allgemeinen wird zur tyrannischen Bedrohung der individuellen Besonderheit des Einzelnen“ (Hüglin 1977: 81). In dieser Beschreibung findet man bereits einen Anklang des zweiten Konzeptes einer Tyrannei der Mehrheit über das Denken, das in den folgenden Jahrhunderten jedoch nicht weiter verfolgt wurde.

Die numerische Tyrannei der Mehrheit wurde meist von den Denkern aufgegriffen, denen „die Gesellschaft als in wesentlich zwei Teile gespalten erscheint“ ((Hüglin 1977: 259):

„Die Verabsolutierung des Mehrheitsprinzipes geht auf Hobbes, Rousseau und zum Teil auf Marx zurück“ (Hüglin 1977). Insbesondere Marx sieht die Diktatur des Proletariats - also die Diktatur der Mehrheit - im Gegensatz zu Tocqueville und Mill als etwas Positives (Hüglin 1977). Vor allem letztere beiden Denker führten weg vom ersten Konzept einer numerischen Tyrannei der Mehrheit hin zu einer Tyrannei der Mehrheit über das Denken: „Bei Tocqueville erst wird die Ambivalenz der Mehrheitstyrannei sichtbar. Opfer der Diktatur der Mehrheit sind nicht nur Minderheiten, sondern in der Demokratie die Mehrheit selbst, wenn sie der Eigendynamik von Anpassung, Konformismus und Gleichmacherei erliegt“ (Hüglin 1977). „Tocquevilles polemisch-provokatives Schlagwort von der „Tyrannei der Mehrheit“ erfasst die Problematik der Mehrheitsherrschaft in der Demokratie von zwei Seiten. Einmal wird der Aspekt der Mehrheitsherrschaft dort berührt, wo diese sich in staatlicher Autorität niederschlägt. In diesem numerischen Sinn, in der Auseinandersetzung zwischen Regierungsmehrheit und Opposition, hat man Tocqueville vor allem in England sogleich begriffen. In zweiter Linie jedoch, die ihm durchaus vorrangig war, wollte Tocqueville auf das gesellschaftliche Allgemeinwerden der Mehrheitsherrschaft hinweisen“ (Hüglin 1977: 203).

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Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656335900
ISBN (Buch)
9783656336969
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206304
Institution / Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,3
Schlagworte
Tocqueville Alexis de Tocqueville Tyrannei der Mehrheit Liberalismus Demokratiekritik

Autor

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