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Das Motiv des Kindsmords in ausgewählten Werken des Sturm und Drang

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Kindsmord im 18. Jahrhundert
1.1. Der historische Kindsmord
1.2. Literarische Abweichungen

2. Analyse des Kindsmordmotivs in ausgewählten Werken des Sturm und Drang
2.1. Die Darstellung der Frau
2.2. Der Tötungsakt
2.3. Das Tatmotiv
2.4. Der Verführer

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In Deutschland waren es nicht nur die Juristen, die sich der Kindermörderinnen annahmen, auch die jüngste Dichtergeneration, die Stürmer und Dränger in erster Reihe, traten für sie in die Schranken.“[1]

Der Kindsmord entwickelte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einem beliebten literarischen Motiv. So findet sich zu keiner anderen Zeit eine größere Anzahl an Texten, die sich mit dem Kindsmordmotiv auseinandersetzen. Wie im oben angeführten Zitat von Jan Matthias Rameckers deutlich wird, bemühten sich die Autoren des Sturm und Drang dabei mindernde Umstände für die Kindstötung anzugeben.

Das besondere Interesse der Stürmer und Dränger lässt sich auf verschiedene Aspekte zurückführen. Zum einen hatte das Kindsmorddelikt im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts auch innerhalb der Gesellschaft eine starke Präsenz. Zum anderen entwickelte sich im Sturm und Drang, einhergehend mit der Ablehnung einer strengen Regelpoetik, eine Vorliebe für die Gestaltung komplexerer Figuren.[2] Die Verwendung des Kindsmordmotivs bot sich somit an, da die fatale Umkehrung der ursprünglichen Beziehung zwischen Mutter und Kind eine tiefergehende psychologische Erklärung verlangt.

Das Kindsmordmotiv bildet jedoch keine literarische Neuheit der Epoche, sondern es handelt sich vielmehr um ein immer wiederkehrendes Motiv. Schon in Euripides im Jahre 431 vor Christus erschienenen Tragödie „Medea“ tötet ebendiese ihre Söhne, um sich am Kindsvater zu rächen. Dabei ist der Kindsmord allerdings Teil eines detaillierten Racheplans, welchen Medea gezielt verfolgt. Sie tötet nicht im Affekt, sondern plant ihre Handlung im Voraus, was sie besonders grausam erscheinen lässt. Konträr zur Literatur der Antike oder des Mittelalters geschieht der Kindsmord im Sturm und Drang im Rahmen einer Affekthandlung. Der Tat liegt ein vorübergehender Zustand der Unzurechnungsfähigkeit zugrunde, in den die Kindsmutter durch äußere Umstände getrieben wird. Demnach ist die Kindsmörderin im Sturm und Drang stets auch Opfer. Das Bild der Rächerin, welches noch in „Medea“ zum Tragen kommt, wird zugunsten des Bildes der Verzweifelten, die eine psychologisch nachvollziehbare Tat begeht, abgelöst.

Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht das Motiv des Kindsmords in ausgewählten Werken des Sturm und Drang. So werden „Die Kindermörderin“ von Wagner, „Ida“ von Sprickmann, „Die Kindsmörderin“ von Schiller und „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Bürger sowie die Gretchen-Tragödie in Goethes „Urfaust“, der zur Zeit des Sturm und Drang entstand, im Hinblick auf die Darstellung der Frau, das Tatmotiv, den Tötungsakt und den Kindsvater untersucht.

Vorweg wird ein Einblick in den historischen Kindsmord des 18. Jahrhunderts gegeben, um die Abweichungen zwischen dem realen Kindsmord und der literarischen Verarbeitung aufzuzeigen und anhand ebendieser die Besonderheit der Darstellung des Motivs im Sturm und Drang zu verdeutlichen.

1. Der Kindsmord im 18. Jahrhundert

1.1 Der historische Kindsmord

Der Kindsmord stellte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts nicht nur ein populäres Motiv der Literaten dar, sondern gehörte damit im Zusammenhang stehend als ein zentrales Thema dem gesellschaftlichen Diskurs an. Dies resultierte unter anderem aus der Häufigkeit der Tat sowie den aufklärerischen Bemühungen der Bevölkerung um eine Prophylaxe des Delikts.[3] Im Laufe des 18. Jahrhunderts trat das Individuum im Zuge der Aufklärung stärker in den Vordergrund und es entwickelte sich ein zunehmendes psychologisches Interesse, auch an den Kindsmörderinnen. Bezeichnend dafür ist die im Jahre 1780 in der Mannheimer Zeitschrift „Rheinische Beiträge zur Gelehrsamkeit“ ausgeschriebene berühmt gewordene Preisfrage „Welches sind die besten ausführbaren Mittel, dem Kindermorde Einhalt zu thun, ohne die Unzucht zu begünstigen?“, die zu zahlreichen Denkschriften führte, von denen im Jahre 1784 immerhin vier veröffentlicht wurden.[4] So wird der Kindsmord im Rahmen der reformerischen Bestrebungen des 18. Jahrhunderts, die einen „Übergang von einem Tat- zu einem Täter-Strafrecht“[5] einleiten, auch als „das Schlüsseldelikt“ bezeichnet.[6] Die in der im 18. Jahrhundert immer noch gültigen Peinlichen Halgsgerichtsordnung „Constitutio Criminalis Carolina“ Kaiser Karls V. von 1532 für Kindsmörderinnen vorgesehenen drakonischen Strafen wurden im Rahmen humanistisch geprägter Denkansätze als nicht mehr zeitgemäß angesehen.[7] Friedrich der Große schaffte dementsprechend bei seinem Regierungsantritt 1740 die Strafe des „Säckens“ ab und ersetzte sie durch die Hinrichtung mit dem Schwert.[8] Viele Frauen mussten beispielsweise beim Nichtabbinden der Nabelschnur dank des relativ großen Handlungsspielraums der Richter ‚lediglich‘ eine Zuchthausstrafe absitzen. Prinzipiell hatten Kindsmörderinnen allerdings immer noch mit der Todesstrafe zu rechnen.[9]

Kirsten Peters zufolge zählten die Kindsmörderinnen des 18. Jahrhunderts zum überwiegenden Teil zur unteren ländlichen Schicht.[10] Sie arbeiteten häufig als Dienstmagd in der Landwirtschaft, wobei ihnen während dieser Phase eine Eheschließung gesetzlich verboten war, um einen eventuellen Mangel an Arbeitskräften vorzubeugen.[11] Schon der Verdacht einer ungewollten Schwangerschaft führte laut Peters in vielen Fällen zu einer Entlassung der Dienstmagd, wobei neben sittlichen Aspekten vor allem wirtschaftliche Aspekte ausschlaggebend waren, da eine Schwangerschaft zwangsläufig zu einem Arbeitsausfall der Mutter führte.[12] Nichtsdestotrotz waren uneheliche Schwangerschaften im oben beschriebenen Milieu keine Seltenheit.[13] Einerseits lebten die Dienstmägde und Knechte so eng zusammen, dass sie sich teilweise sogar die Schlafkammer teilen mussten und auf der anderen Seite hatten sie durch das Verbot der Eheschließung keine Möglichkeit, ein bestehendes Verhältnis zu legitimieren.[14]

Als Tatmotive für den Kindsmord erscheinen in erster Linie die schlechte finanzielle Situation vieler Kindsmörderinnen sowie der Druck der Umwelt auf ebendiese evident.[15] Demnach wurde ein uneheliches Kind ob von Seiten des Kindsvaters, der Dienstherrschaft oder der Familie der Schwangeren generell eher als Belastung angesehen.[16] Daneben deuten insbesondere die in den Gerichtsprotokollen beschriebenen Tathergänge auf eine signifikante emotionale Distanz zwischen Mutter und Kind.[17] Die Kindsmörderinnen selbst gaben im Rahmen der Gerichtsverfahren häufig Angst vor der Reaktion der Eltern sowie Armut als Gründe für die Tötung des Säuglings an.[18] „Sie wussten, daß sie das Kind loswerden wollten und mußten, gleichzeitig kann von einer geplanten Tat nicht die Rede sein.“[19] Der Tatablauf beinhaltete nur selten Misshandlungen. Häufig handelte es sich um eine Form der unterlassenen Hilfeleistung, ergo wurde die Nabelschnur nicht verbunden und das Kind verblutete schließlich.[20] Interessanterweise attestierten die Dienstherren den Kindermörderinnen bei Gericht oft einen guten Ruf.[21] Dies indiziert, dass es sich bei den Betreffenden nur selten um in den Moralvorstellungen der Gesellschaft tugendlose Frauen handelte. Im Gegenteil begünstigten vielmehr die gesellschaftlichen Konventionen und rechtlichen Bestimmungen wie beispielsweise das Heiratsverbot während der Gesindedienstpflicht oder die Einstellung der Bevölkerung gegenüber unehelichen Kindern die missliche Lage vieler Frauen.

Jacobs konstatiert, dass es „immer dieselben Motive [sind], aus denen die jungen Frauen zu Kindsmörderinnen werden […]“.[22] Zu diesen zählt er ähnlich wie Peters die Angst vor sozialer Ächtung und den kirchlichen und staatlichen Sanktionierungen sowie die Armut der Betreffenden. Peters weist allerdings anhand einer Auswahl an Kindsmordfällen, die sie eingehender beschreibt, explizit darauf hin, dass jeder Fall Einzigartigkeit aufweist.[23] Eine Pauschalisierung der Delikte würde demnach der Realität nicht gerecht werden. Neben den oben angeführten Motiven für die Kindstötung darf die individuelle Psychologie der Frauen nicht außer Acht gelassen werden.

Die Väter der getöteten Säuglinge gehörten wie oben angesprochen meistens entsprechend der Mütter der unteren Gesellschaftsschicht an, dabei konnten die schwangeren Frauen in den meisten Fällen nicht mit der Unterstützung ihrer Liebhaber rechnen.[24] Schwangerschaften, die aus Beziehungen mit Angehörigen der sozialen Oberschicht resultierten, führten nur selten zu einer Kindstötung, da für die Frauen in diesen Fällen gesorgt wurde, ob finanziell oder durch ein Heiratsarrangement mit einem Bediensteten.[25]

1.2 Literarische Abweichungen

Im Gegensatz zum historischen liegt dem literarischen Kindsmord im Sturm und Drang häufig ein ständeübergreifendes Verhältnis zwischen einem Adligen und einer Bürgerlichen zugrunde. Diese Konstellation verspricht eine höhere dramatische Wirkung und ermöglicht es dem Autor wie im Fall von Wagners Drama „Die Kindermörderin“ die vorherrschenden sozialen Zustände offenzulegen und zu kritisieren.

Der Sturm und Drang als eine sehr sinnliche Epoche, in welcher im Unterschied zur Klassik das ‚Agieren‘ der Figuren hervorgehoben wird, verarbeitet das Motiv des Kindsmords entsprechend plastisch. Dies zeigt sich vor allem im Tötungsakt, auf welchen in Punkt 2.3 genauer eingegangen wird. Das in Punkt 1.1 als häufigste Todesart ermittelte nicht Abbinden der Nabelschnur wird in der Sturm und Drang – Literatur nicht selten durch kreativere Szenarien ersetzt, welche den Leser durch ihre Brutalität schockieren sollen.

Eine weitere Abweichung der literarischen Verarbeitung zeigt sich im Tatmotiv. Die tatsächlichen Täterinnen, in erste Linie Dienstmägde, dachten deutlich pragmatischer als die vor allem aus der bürgerlichen Schicht stammenden, fiktionalen Täterinnen. Zwar ängstigten sich die ledigen Schwangeren beiderseits vor der Reaktion der Umwelt und vor allem der ihrer Familie, allerdings spielte im historisch dokumentierten Milieu der Aspekt der Versorgung eine deutlich wichtigere Rolle.

[...]


[1] Rameckers 1927, S.3

[2] Vgl. Schmiedt 2004, S.9

[3]In Preußen, aber diese Relationen gelten auch in anderen Landesteilen, machten Kindstötungen im 18. Jahrhundert rund die Hälfte aller registrierten Tötungsdelikte aus […]“, Michaelik 1994, S. 47; vgl. auch ebd. S. 46-47

[4] Vgl. Schmiedt 2004, S.8-9

[5] Jacobs 1995, S.109

[6] Vgl. Radbruch 1990, S.242

[7] Vgl. Jacobs 1995, S.109

[8] Vgl. Jacobs., S.108

[9] Vgl. Peters 2001, S.48

[10] Ebd., S.39

[11] Vgl. ebd., S.39

[12] Vgl. ebd., S.40

[13] Vgl. ebd., S.40

[14] Vgl. ebd., S.40

[15] Vgl. ebd., S.41

[16] Vgl. ebd., S.41

[17] Vgl. ebd., S.43

[18] Vgl. Peters 2001, S.43

[19] Ebd., S.43

[20] Vgl. Peters., S.43

[21] Vgl. ebd., S.44

[22] Jacobs 1995, S.105

[23] Vgl. Peters 2001, S.40

[24] Vgl. ebd., S.43

[25] Vgl. Jacobs 1995, S.104

Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656341246
ISBN (Buch)
9783656342199
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206432
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Kindsmord Sturm und Drang Kindermörderin Wagner Goethe Schiller Bürger Sprickmann Ida Des Pfarrers Tochter von Taubenhain Urfaust Kindsmörderin

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