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Frauenquote, Betreuungsgeld und Homo-Ehe

Semantische Kämpfe im Geschlechterdiskurs seit der Bundestagswahl 2009 bis heute

Seminararbeit 2012 32 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Hinführung

1. Grundannahmen linguistischer Diskursanalyse

2. Brisante Wörter und semantische Kämpfe

3. Korpus und Methode

4. Frauenquote, Betreuungsgeld und Homo-Ehe: Eine Sprachgeschichte der Gegenwart

5. Abschließende Überlegungen

6. Quellenverzeichnis

0. Hinführung

„Nicht Tacheles reden, Tacheles handeln!" (LINKE: 30.03.2011), titelt die Linke in einer Presseerklärung zum Ergebnis des Treffens von Arbeitsministerin von der Leyen mit Vertretern führender DAX-Unternehmen zum Thema Frauenquote [1] . Regelmäßig begegnet man in den öffentlichen politischen Auseinandersetzungen[2] diesem beliebten Muster, welches den Gegensatz zwischen Reden und Handeln hervorhebt und zumeist dem Handeln gegenüber dem Reden den Vorzug gibt. Wenn man sich die Frage stellt, was ,echtes' Handeln in der Politik eigentlich bedeuten solle, was getreu dem beschriebenen Muster irgendwie ,außerhalb' von Sprache festgelegt werden müsste, so kommt man re­lativ schnell wieder an den Ausgangspunkt zurück: zur Sprache. Politische Akteure[3] können nur ,durch' Sprache handeln, denn jegliches politisches Handeln ,isť Sprachhan- deln. Seien es Reden, Statements, Debatten, Verhandlungen oder auch ,konkrete' politi­sche Maßnahmen wie Entwürfe von Gesetzen oder deren Beschluss (vgl. Schröter/Carius 2009: 9) - das alles sind ,Sprach'handlungen, die in einem ,Außerhalb' von Sprache im Grunde nicht gedacht werden können.

Was bedeutet es für die Funktion eines politischen Akteurs, wenn politisches Handeln ausschließlich Sprachhandeln ist? CDU-Generalsekretär Biedenkopf hat diese Frage in seiner auch innerhalb der Linguistik berühmt gewordenen Rede, die er 1973 auf dem 22. 1131

Bundesparteitag der CDU hielt, als erster in die öffentliche politische Debatte einge­bracht:

Sprache, liebe Freunde, ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation. Wie die Auseinan­dersetzungen mit der Linken zeigen, ist Sprache auch ein wichtiges Mittel der Strategie. Was sich heute in unserem Land vollzieht, ist eine Revolution neuer Art. Es ist die Revo­lution der Gesellschaft durch die Sprache. Die gewaltsame Besetzung der Zitadellen staatlicher Macht ist nicht länger Voraussetzung für eine revolutionäre Umwälzung der staatlichen Ordnung. Revolutionen finden heute auf andere Weise statt. Statt der Gebäu­de der Regierungen werden die Begriffe besetzt, mit denen sie regiert, die Begriffe, mit denen wir unsere staatliche Ordnung, unsere Rechte und Pflichten und unsere Institutio­nen beschreiben. [...] Sie [die Revolution! besetzt Begriffe und damit die Information in der freien Gesellschaft, in dem sie die Medien besetzt, die Stätten also, in denen das wich­tigste Produkt einer Freiheit hergestellt wird: die politische Information. (Biedenkopf 1973: 61) [Herv. AM]

Biedenkopf hat die Metapher des ,Begriffe besetzen' in dieser Rede geprägt und prokla­miert damit eindringlich die wichtige Rolle der Semantik in der öffentlichen politischen Auseinandersetzung. Macht besteht in der politischen Öffentlichkeit (und damit in erster

Linie in den Medien) vordergründig darin, entsprechende Begriffe[4] erfolgreich für sich zu besetzen, um somit die Bedeutungs- und Verwendungshoheit über diese Begriffe zu erlangen. Biedenkopfs doppelter Gedanke bei der ,Besetzung von Begriffen' wurde in der Linguistik aufgegriffen: Erstens ist das Besetzen von Begriffen in der Politik eine Not­wendigkeit und zweitens ist es ,unerlaubt', wie ,die anderen' im Vergleich zu der eigenen politischen Gruppe Begriffe besetzen, weil sie stets eine ,Verfälschung der Begriffe' be­treiben (vgl. Hermanns 1994: 24).

Wirft man seinem Gegner die ,Verfälschung von Begriffen' vor, so bedeutet es, dass man selbst der Ansicht ist, die ,unverfälschte' Bedeutung eines Ausdrucks zu kennen.

Die Tatsache, dass Ausdrücke so umkämpft sind, zeigt bereits, dass es eine unverfälsch­te' Bedeutung ,an sich' nicht gibt und nicht geben kann. In „Semantischen Kämpfen" werden „Herrschaft und Macht [...] auch über Semantik ausgeübt." (Felder 2006:13) Un­ter ,semantischem Kampf' ist mit Felder der Versuch zu verstehen, „bestimmte sprachli­che Formen als Ausdruck spezifischer, interessengeleiteter und handlungsleitender Denkmuster durchzusetzen." (ebd.: 14)

Begriffe werden also nicht ,einfach so' und nicht deshalb besetzt, weil politische Ak­teure sich dazu berufen fühlen, möglichst ,unverfälschte' Bedeutungserklärungen anzu­bieten, sondern genau das Gegenteil ist der Fall: Bei dem Kampf um Wörter geht es aus- 2131 schließlich um Politik und Macht, nicht um Geschmack oder Stil oder möglichst neutra­le' Bedeutungszuschreibungen. Mit den eigenen Wortprägungen und Bedeutungsspezi­fizierungen werden Deutungen, Wertungen, Prioritäten usw., aber vor allem Weltan­schauungen vermittelt, die beim Adressaten durchgesetzt oder bestärkt werden sollen.

Somit werden Kämpfe um Wörter und Bedeutungen „durchweg als Konkurrenz­Kämpfe" (Klein 1989: 17) ausgetragen - Konkurrenzkämpfe, die nicht nur dazu geführt werden, eine Weltanschauung ,durchzusetzen', sondern auch (oder besser: zuallererst), um eine Wirklichkeit zu konstituieren', denn „nicht die Begriffe als eigene Entitäten nehmen von sich aus bedeutungsvoll auf Sachverhalte als andersgeartete Entitäten Be­zug, sondern umgekehrt." (Felder 2006:14) Der politische Akteur ist die Hauptfigur des Konstituierungsvorgangs, indem er Ausdrücke „überhaupt erst beim Vollzug von Sach­verhaltsfixierungsakten (neu) festsetzt, stereotypisch bestätigt oder verändert." (ebd.: 15)

Der Geschlechterdiskurs stellt eines der zentralen Konfliktfelder in öffentlichen politi­schen Auseinandersetzungen dar, was sich in der regen Berichterstattung vor allem seit Anfang des Jahres 2012 in den Onlinemedien zeigt. Innerhalb dieses Gesamtdiskurses haben sich gegenwärtig drei „Themenkreise" (Stötzel 1995: 9-13) als besonders brisant herausgestellt, denen also ein besonderes öffentliches Interesse zugesprochen werden kann. Sie sind bereits im Titel dieser Arbeit mit den innerhalb des Diskurses besonders brisanten Schlagwörtern Frauenquote, Betreuungsgeld und Homo-Ehe benannt. Dieser Dis­kursausschnitt ist Gegenstand der Analyse der vorliegenden Arbeit. Darin soll das Wis­sen und Denken und damit auch die wesentlichen .Kämpfe' um Geschlechter innerhalb dieses Diskursausschnittes untersucht werden. Wie erkennt man, dass innerhalb des Ge­schlechterdiskurses .gekämpft' wird? Der Geschlechterdiskurs[5] wird vordergründig sprachlich ausgetragen bzw. durch Sprache konstituiert. Die Konflikthaftigkeit des Dis­kurses gründet in den unterschiedlichen Weltanschauungen und diese Widersprüche werden sprachlich zum Ausdruck gebracht. Durch die Verwendung „brisanter Wör- ter"(Hermanns 1982) wird darin ein spezifisches Weltbild impliziert, vermittelt, konstitu­iert und es wird dazu aufgefordert, dieses Weltbild zu bejahen, sich ihm anzuschließen.

Brisante Wörter sind sogenannte Schlag-, Fahnen- und Stigmawörter. Mit ihnen sind ex­plizite oder implizite Sprachthematisierungen, Thematisierung der Argumentationsfüh­rung, der Art und Weise der Diskursführung usw. möglich. So werden Diskurs und Sprache auf einer Metaebene selbst zum Diskurs (vgl. Spieß 2011: 4-5). Das bedeutet folg­lich, dass man den ,Kampf daran erkennen kann, dass die Sprache selbst zum Gegen- 3131 stand des Kampfes wird.

Zielsetzung der Untersuchung ist erstens, ein theoretisches Fundament für das Ver­ständnis dafür zu legen, wonach es eigentlich zu suchen gilt, wenn semantische Kämpfe zum Gegenstand einer diskurslinguistischen Analyse werden sollen. Dies wurde in ers­ten Ansätzen in der Hinführung geleistet. Im 1. Kapitel gilt es, die diskurslinguistischen Grundannahmen ausführlicher zu vertiefen, um anschließend in Kapitel 2 die Frage zu klären, welche Merkmale brisante Wörter aufweisen und wie diese in Zusammenhang mit semantischen Kämpfen einzuordnen sind.

Zielsetzung der Untersuchung ist zweitens, eine ,Sprachgeschichte der Gegenwart' zu verfassen. In Kapitel 3 werden hierfür zunächst methodische Überlegungen angestellt sowie das Korpus vorgestellt, um dann im 4. Kapitel, basierend auf dem erarbeiteten the­oretischen Fundament, eine Sprachgeschichte der Gegenwart zu schreiben, in der die we­sentlichen semantischen Kämpfe um die Schlagwörter Frauenquote, Betreuungsgeld und Homo-Ehe im Geschlechterdiskurs seit der Bundestagswahl 2009 bis heute nachgezeichnet werden.

1. Grundannahmen linguistischer Diskursanalyse

In diesem Kapitel werden die Grundannahmen linguistischer Diskursanalyse durch­leuchtet, um vor allem einen Sprachbegriff zu erarbeiten, der die Analyse semantischer Kämpfe möglich machen soll.

Unter ,Diskurs' im forschungspraktischen Sinne verstehe ich mit Busse/Teubert (1994) „virtuelle Textkorpora, deren Zusammensetzung durch im weitesten Sinne inhaltliche (bzw. semantische) Kriterien bestimmt wird." (ebd.: 4) Diejenigen Texte zählen zu einem Diskurs, die

- sich mit einem als Forschungsgegenstand gewählten Gegenstand, Thema, Wissens­komplex oder Konzept befassen, untereinander semantische Beziehungen aufweisen und/oder in einem gemeinsamen Aussage-, Kommunikations-, Funktions- oder Zweckzusammenhang stehen,
- den als Forschungsprogramm vorgegebenen Eingrenzungen im Hinblick auf Zeit­raum/Zeitschnitte, Areal, Gesellschaftsausschnitt, Kommunikationsbereich, Textty- pik und andere Parameter genügen,
- und durch explizite oder implizite (text- oder kontextsemantisch erschließbare) Ver- 4131 weisungen aufeinander Bezug nehmen bzw. einen intertextuellen Zusammenhang bilden. (Busse/Teubert 1994: 4)

Die Analyse von Foucault u.a. hat zentrale Aspekte von Sprache in den Mittelpunkt ge­rückt, die lange Zeit von der Linguistik vernachlässigt worden sind: Zum einen die ge­sellschaftlich-historische Einbettung der Sprache und zum anderen die Konstituierung von Gesellschaft und Wissen durch Sprache. Etwas Fundamentales kann und soll also für die Diskurslinguistik von Foucault übernommen werden: sein epistemologischer Stand­punkt. Das bedeutet, die Auffassung, dass Wissen kulturell, historisch und sozial veran­kert ist (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 77). Wenn man sich mit Diskursen beschäftigt, so bekennt man sich zu folgenden Grundannahmen:

- zur Auffassung, dass Sprache in gesellschaftliche, historische und kulturelle Zu­sammenhänge eingebettet ist und in diesen Zusammenhängen betrachtet werden muss;
- zur Auffassung, dass Sprache Wirklichkeit (Wissen, Gesellschaft, Kultur etc.) nicht nur abbildet, sondern auch schafft;
- zur Überzeugung, dass Aussagen nicht isoliert stehen, sondern mit anderen Aussa­gen verknüpft sind;
- zur Überzeugung, dass gesellschaftliche Wissens- (oder auch Macht-)strukturen durch die Analyse von Aussagen und Aussagenformationen beschrieben werden können. (Spitzmüller/Warnke2011: 78-79)

Auf einige Aspekte dieser Grundannahmen möchte ich im Folgenden etwas näher einge­hen, da sie mir im Hinblick auf politische Semantik als besonders relevant erscheinen.

Theoretisch kann eine Grenze zwischen Semantik und Pragmatik gezogen werden. Für die Beschäftigung mit politischer Semantik zeigt sich, „dass aber bei konkreten Beschrei­bungsversuchen von Äußerungen in Verwendungszusammenhängen eine solche Grenz­ziehung wegen der Komplexität des Phänomens nicht möglich ist." (Felder 2006: 20) Die­ser Arbeit ist eine pragmatisch begründete Auffassung von Sprache zugrundegelegt, denn nur eine solche ermöglicht eine sinnvolle Analyse politischer Semantik. Sprache wird hierbei nicht als ein abstraktes System von gebrauchsunabhängigen Zeichen und Regeln (,langue') verstanden, sondern als eine dynamische Form akteursbasierter Hand­lungen in konkreten Kontexten, mit denen (beabsichtigte und unbeabsichtigte) Funktio­nen verbunden sind (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 50-51). Welche Praxis sprachlicher Handlungen ist nun damit in Bezug auf die Diskurslinguistik zu verstehen? Hierfür müs­sen die Zusammenhänge zwischen Sprache und (diskurslinguistischem) Wissen aufge­zeigt werden.

Das diskurslinguistische Interesse richtet sich darauf, danach zu fragen, warum und warum nicht bestimmte Aussagen zu bestimmten Zeiten getroffen werden und wie durch diese (Nicht-)Aussagen die Gegenstände und Sachverhalte zu Wirklichkeiten wer­den. Damit besteht nach Foucault die Aufgabe nicht darin, „Diskurse als Gesamtheiten von Zeichen (von bedeutungstragenden Elementen, die auf Inhalte und Repräsentationen 5131 verweisen), sondern als Praktiken zu behandeln, die systematisch die Gegenstände bil­den, von denen sie sprechen." (Foucault 1981: 74, zitiert nach Spitzmüller/Warnke 2011: 40) Es geht vor allem um die Hervorbringung von /Wissen', wenn man Foucault folgend annimmt, dass der Diskurs das hervorbringt, worüber er spricht. Unter /Wissen' im dis­kurslinguistischen Sinne verstehe ich mit Spitzmüller/Warnke komplex vermittelte Bewusstseinsinhalte, die als kognitive Repräsentationen von unmit­telbaren und mittelbaren Erfahrungen abgeleitet sind. Wissen in unserem Verständnis ist also nicht Erkenntnissicherung zeitloser, ontologischer Fakten, sondern ein sozial ver­handeltes Gut der Vergesellschaftung, das Resultat von Vereinbarungen auf der Grund­lage historischer, gegenseitiger Zusagen. (Spitzmüller/Warnke 2011: 41)

Diskursive Konstituierung von Wissen bedeutet demnach nicht, durch sprachliche Zei­chen auf eine außersprachlich existente Welt von Dingen und Sachverhalten zu verwei­sen und diese dadurch zu /repräsentieren' (so noch die weitverbreitete Sprachphiloso­phie um die Repräsentationsthese zu Zeiten Platons und Aristoteles1), sondern wird Wis­sen und damit Wirklichkeit dabei ausschließlich durch den Zeichenbenutzer in einer konkreten sprachlichen Handlungssituation innerhalb des Diskurses überhaupt erst /konstituiert'. Damit ist der Ort der „wirklichkeitskonstitutiven Kraft der Sprache" (Busse 1987: 86) die sprachliche Aussage im Diskurs. Diskurslinguistik radikalisiert die Frage nach dem Sprachapriori, die seit Humboldt davon ausgeht, dass Sprache die Bedingung der Möglichkeit von Wissen ist und geht mit Foucault davon aus, dass durch Sprache überhaupt erst Wirklichkeit konstituiert wird, auf die wiederum mit Sprache ein referen­zieller Zugriff möglich ist. (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011:43-44)

Wissen, Denken und Erkennen müssen aber auch selbst in Abhängigkeit von der Mög­lichkeit einer sprachlichen Erfassung gedacht werden. Mit seiner Idee des „Sprachspiels' hebt Wittgenstein hervor, „daß das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform" (Wittgenstein 2006: PU §23). Das bedeutet, dass Aussagen immer auch ein Teil der Wirklichkeit sind, über die gesprochen wird. Es bedeutet ferner, dass Wirk­lichkeiten durch Aussagen nur dann erfolgreich konstituiert und semantische Kämpfe gewonnen werden können, „wenn sie zu den Wahrnehmungsprämissen der Adressaten passen." (Klein 1989: 15) und von ihnen sprachlich erfasst und als Wissen entsprechend verarbeitet werden können.

Wenn politische Akteure im Geschlechterdiskurs von Betreuungsgeld sprechen, versu­chen sie damit, ein anderes Weltbild zu aktivieren (Mütter und Väter, die ihr Kind „frei­willig' zu Hause betreuen, also eine Wahlfreiheit haben) als es der Fall ist, wenn sie von Herdprämie sprechen (vor allem Mütter, die an Kindererziehung und Haushalt „unfreiwil­lig' gebunden sind bzw. Anreize für dieses Modell erhalten). Die Aussagen über Be­treuungsgeld oder Herdprämie konstituieren jeweils einen Sachverhalt, der eine deontische Bedeutung (vgl. ausführlicher dazu Kap. 2) trägt, d. h. auch die Art und Weise beein- 6131 flusst, wie über einen Sachverhalt gedacht und gesprochen wird (vgl. Teubert 1989: 56).

Klein (1989: 25-26) führt am Beispiel des Wortes „liberal' aus, wie sehr das Gewinnen ei­nes semantischen Kampfes (und somit auch der deontischen Bedeutung) von den gesell­schaftlichen, ökonomischen und kulturellen Entwicklungen sowie von den daraus resul­tierenden Einstellungen der Gesellschaft abhängig ist, indem er nachzeichnet, wie sich das Wort von einem „Schimpfwort' in den 60er Jahren zu einem Fahnenwort der FDP in den 70er Jahren entwickelt hat und heute von der Partei gar in der Doppelform „FDP. Die Liberalen' verwendet wird.

Um noch einmal in diesem Sinne auf das Beispiel der Herdprämie zurückzukommen:

Herdprämie kann nur in einem Diskurs erfolgreich als Stigmawort gebraucht werden, in dem die negative deontische Bedeutung des „Heimchens am Herd' in einer Gesellschaft weitgehend bekannt ist und als Lebensmodell kritisch beurteilt wird. Dieses Wort würde beispielsweise in der deutschen Gesellschaft der 50er Jahre als Stigmawort höchstwahr­scheinlich nicht funktionieren. In einer Zeit nämlich, in der die Frau vordergründig als Hausfrau und Mutter gesehen und auch gesellschaftlich anerkannt wurde, sodass also kaum oder kein diskursives Wissen über alternative Lebensmodelle für Frauen bestand und eine „Einbettung' des Wortes Herdprämie nicht möglich wäre - oder um es mit Witt­genstein zu sagen: Man kann die Regel des Gebrauchs des Wortes Herdprämie in einem

Sprachspiel nur dann lernen, „wenn der Platz schon vorbereitet ist", d. h. man „in anderm [sic!] Sinne schon ein Spiel beherrscht." (Wittgenstein 2006: PU § 31)

Abschließend zu diesem Kapitel kann die weiter oben gestellte Frage damit beantwor­tet werden, dass in Bezug auf Diskurslinguistik eine Praxis sprachlicher Handlungen gemeint ist, die von dem zentralen Konzept der Konstituierung von Wissen durch Aus­sagen in einem Diskurs ausgeht und die sowohl Wirklichkeit sprachlich konstituiert' als auch sprachlich auf diese Wirklichkeit Bezug nimmt. Die Konstituierung der Wirklichkeit kann infolge dessen als die „Anordnung von Wissen durch Äußerungen" (Spitzmül- ler/Warnke 2011: 46) in einem Diskurs verstanden werden. Dabei sind drei Typen von Wissenskonstituierung zu unterscheiden: a) Die Konstruktion von Wissen', die die Her­stellung von Faktizität durch Wahrheitsansprüche in regelgeleiteten sozialen Prozessen meint, zudem b) die Argumentation von Wissensakteuren', die Faktizität durch Begrün­dung oder Widerlegung sozial hergestellten Wissens rechtfertigt und schließlich c) die distribution von Wissen', die die Streuung von Geltungsansprüchen auf Wahrheit bei­spielsweise in Massenmedien beinhaltet (vgl. ebd.: 46-47).

2. Brisante Wörter und semantische Kämpfe

Im vorhergehenden Kapitel wurden die Grundannahmen der Diskurslinguistik ausge­führt und damit das Verständnis für eine Auffassung von Sprache geschaffen, die Spra­che in gesellschaftliche, historische und kulturelle Zusammenhänge einbettet sowie Aus­sagen immer in Verknüpfung zu anderen Aussagen betrachtet und davon ausgeht, dass Sprache Wirklichkeit nicht nur (in einem selbstreferenziellen Sinne) abbildet, sondern auch konstituiert. Ein solches Verständnis von Sprache kollidiert mit dem alltäglichen Verständnis von Sprache und der intuitiven Gewissheit von Sprecherinnen und Spre­chern, Sprache tatsächlich als ein referentielles Werkzeug zu nutzen, um eine außer­sprachliche Welt (,richtig' oder ,falsch') zu erfassen und semiotisch (,richtig' oder ,falsch') abzubilden. (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 48) Dieser Hinweis ist deshalb von Bedeu­tung, weil es gerade in semantischen Kämpfen und beim Besetzen von Begriffen in den politischen öffentlichen Auseinandersetzungen darum geht, für die eigene Gruppe eine ,richtige' Sprachverwendung zu beanspruchen und zumeist gleichzeitig dem Gegner ei­nen „falschen' Sprachgebrauch zu attestieren. Wenn aber über ,richtige' oder „falsche' Be­deutung eines Wortes gestritten wird, wird „ein Wahrheitsbegriff unterstellt, der ,die Wahrheit' unabhängig von der Sprache als existent annimmt, die mit Sprache nur ,rich- tig' ausgedrückt bzw. bezeichnet werden müsste." (Stötzel 2002: 6)

Das lässt sich am Terminus der ,realistischen Diktion' (vgl. Stötzel 2002: 5-6) näher verdeutlichen.

[...]


[1] Beleg- und Stichwörter werden Stötzel/Wengeler (1995) sowie Stötzel (2002) folgend dadurch hervorgeho­ben, dass sie kursiv gesetzt werden. In Zitaten wird nach dem gleichen Muster verfahren, um Beleg- und Stichwörter in der gesamten Arbeit einheitlich sichtbar zu machen. Hervorhebungen im Original werden in Zitaten deshalb durch Unterstreichen markiert.

[2] Politische Auseinandersetzungen werden allgemein als meist öffentliche verbale Auseinandersetzungen über Grundorientierungen, Konzepte und Maßnahmen verstanden. Dabei kommen verschiedene Weltan­schauungen zur Darstellung, die unterschiedliche Perspektiven auf Sachverhalte zeigen, unterschiedliche Problemformulierungen und Lösungsvorschläge. (Vgl. Schröter/Carius 2009:19-20)

[3] Politische Akteure können sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen sein.

[4] Zum .terminologischen Wirrwarr' zwischen .Begriff' und ,Wort' siehe Vater (2000). In dieser Arbeit folge ich seiner Unterscheidung zwischen Wort bzw. Ausdruck als sprachlicher Einheit einerseits und dem Be­griff als Denkeinheit andererseits. Wenn ich von dem Besetzen von ,Begriffen' spreche, so ist damit zwar die etablierte Metapher Biedenkopfs genutzt, um aber im linguistischen Sinne eine sprachliche Sequenz zu meinen, der eine lexikalische Bedeutungseinheit (ein Wort oder eine Phrase) zugeordnet ist, nämlich einen ,Ausdruck' (vgl. ebd.: 11).

[5] Eine .Definition' dessen, was ein Geschlechterdiskurs ,ist', ist, wie es dies für jeden Diskurs gilt, nicht mög­lich. „Die Einheit des Diskurses" (Busse/Teubert 1994: 16-18) besteht in den diskursiven Beziehungen und diese sind, in einem weiten Sinne von Semantik, semantische Beziehungen. Semantische Beziehungen zwi­schen den Themenkreisen Frauenquote, Betreuungsgeld (tendenziell wohl eher als .klassische Frauenthemen' eingeordnet) und Homo-Ehe (tendenziell wohl eher als .Genderthema' eingeordnet) sehe ich in der Wende vom essentialistischen zum konstruktivistischen Konzept von Geschlecht begründet, auf der die Queer Theory seit den 90er Jahren ihr theoretisches Fundament aufgebaut hat (vgl. hierzu z. B. den Sammelband von Kraß 2003). Queer Theory und ihre Anwendung in den Queer Studies, aber auch die Gender Studies zielen „auf die Renaturalisierung normativer Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit, die Entkoppe­lung der Kategorien des Geschlechts und der Sexualität, die Destabilisierung des Binarismus von Hetero- und Homosexualität sowie die Anerkennung eines sexuellen Pluralismus [...]." (Kraß 2003:18)

Details

Seiten
32
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656335672
ISBN (Buch)
9783656336136
DOI
10.3239/9783656335672
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Germanistik I: Germanistische Sprachwissenschaft
Erscheinungsdatum
2012 (Dezember)
Note
1,0
Schlagworte
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Autor

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Titel: Frauenquote, Betreuungsgeld und Homo-Ehe