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Lebenslagen älterer Migranten in Deutschland

von Ekaterina Redkov (Autor)

Bachelorarbeit 2011 75 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Alter und Migration
1.1 Alter und Altern in der deutschen Gesellschaft
1.1.1 Phänomen „Alter“: ein kurzer Überblick
1.1.2 Demografischer Wandel in Deutschland
1.2 Migration: Begriffsklärung und Formen
1.2.1 Begriff der Migration
1.2.2 (Arbeits-) Migration in Ost- und Westdeutschlandnach dem Zweiten Weltkrieg
1.2.3 Weitere Formen der Zuwanderung: (Spät-) Aussiedler, Flüchtlinge und Asylsuchende

2 Älter werden in der Fremde
2.1 Statistische Erfassung der älteren Bevölkerung mit Migrationshintergrund
2.2 Psychologische Aspekte der Migration
2.3 Verbleib oder Rückkehr: Gründe des Alterns in der Fremde

3 Lebenslagen älterer MigrantInnen in Deutschland
3.1 Theorie der Lebenslagen
3.1.1 Theoretische Grundlagen der Lebenslagen
3.1.2 Lebenslagen im Alter
3.2 Lebenslagen älterer MigrantInnen in Deutschland: Empirische Befunde
3.2.1 Materielle Lebensbedingungen älterer MigrantInnen: Einkommens- und Wohnsituation
3.2.2 Gesundheitssituation
3.2.3 Soziokulturelle Situation: Soziale Integration und Partizipation

4 Interkulturelle Soziale Arbeit mit älteren MigrantInnen

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der demografische Wandel stellt eine große Herausforderung für Deutschland in Hinsicht auf Gesellschaft, Wirtschaft, Gesundheitssystem und Politik dar. Das Alter selbst sowie der Anstieg der älteren Bevölkerung haben sich dementspre- chend zu der wichtigsten Diskussion in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Die Prognosen, dass die Anzahl der älteren Bevölkerung in den nächsten Jahren zu- nimmt, sind schon in mehreren Studien nachgewiesen worden. (Vgl. u.a. bpb 2008; Baykara-Krumme/Hoff 2006: 447; Bergmann/Halm 2006: 52)

Die aktuelle Situation in der Bundesrepublik Deutschland ist nicht nur durch den demografischen Wandel beeinflusst worden, sondern auch durch massive Migra- tionsbewegungen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Aufgrund dessen zählt jetzt Deutschland zu den größten Zuwanderungsländern in Europa. Laut sta- tistischen Daten betrug die Zahl der Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Jahr 2007 15,4 Millionen. (Vgl. BAMF 2011a) Mit Personen mit Migrationshintergrund sind in dieser Arbeit zugewanderte Ausländer (z.B. Ar- beitsmigrantInnen), bzw. Personen, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besit- zen (vgl. Menning/Hoffman 2009: 5), als auch eingebürgerte Personen und (Spät-) AussiedlerInnen mit deutscher Staatsangehörigkeit gemeint. (Vgl. Zeman 2008: 1) (Spät-) AussiedlerInnen, die die deutsche Staatangehörigkeit besitzen, werden aufgrund ihres rechtlichen Status in der Regel nicht gesondert statistisch erfasst. (Vgl. u.a. Kast 2006: 36) Daher werden zum großen Teil in dieser Arbeit die Ar- beitsmigrantInnen aus Anwerbestaaten, die auch die größte Gruppe aller Men- schen mit Migrationshintergrund in Deutschland bilden (vgl. Zeman 2008:1) in Betracht genommen. In Fällen, wo die Daten und Informationen vorhanden sind, werden auch die (Spät-) AussiedlerInnen vorgestellt.

In erster Linie wird in dieser Arbeit erläutert, dass die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Deutschland gekommenen MigrantInnen hier inzwischen alt geworden sind und sich wiederum immer deutlicher „an der allgemeinen de- mografischen Alterung in Deutschland“ (Zeman 2008: 2) beteiligen. Als „neue Deutsche“ (Yildiz 2010: 2) zählen 1,4 Millionen älterer Migranten (vgl. Men- ning/Hoffman 2009: 3) zum alltäglichen Bild Deutschlands und sind mittlerweile auch stark in das Gesundheits- und Sozialsystem eingebunden.

Das Ziel dieser Arbeit ist es die Lebenslagen der älteren MigrantInnen in ihren verschiedenen Dimensionen zu beschreiben und da, wo es nötig ist, die charakte- ristische Differenz zwischen älteren MigrantInnen und älteren Deutschen zu ver- deutlichen. Es wird nachgewiesen, dass die älteren MigrantInnen im Vergleich zu der gleichaltrigen deutschen Bevölkerung in vielen Bereichen benachteiligt sind, z.B. bei materiellen Lebensbedingungen wie Einkommens-, Wohnsituation oder bei der Gesundheitssituation. Es werden Hintergründe und Ursachen für diese Benachteiligung (wie z.B. die Einflussfakten der Erwerbsbiografie) genannt und erklärt. Wichtig ist dabei zu betrachten, dass ältere MigrantInnen keine homogene Gruppe darstellen (vgl. Olbermann 2006: 1; Bilal/Popp 2004: 4) und sich nicht nur nach Herkunftsland sondern auch nach entsprechenden kulturellen, religiösen, traditionellen Besonderheiten und Vorstellungen sowie der Migrationsgeschichte und biografischen Umständen unterscheiden, was wiederum für die Beschreibung der Lebenslagen im Alter bedeutend ist. Außerdem wird hier das Problem der sozialen Integration und Partizipation älterer MigrantInnen im Kontext der Le- benslagen betrachtet und besonders die Rolle von familiären Verhältnissen sowie die mangelnden deutschen Sprachkenntnissen werden dabei angesprochen.

Eine weitere und ganz wichtige Frage, die zum Schluss bzw. in dem letzten Kapi- tel der Arbeit erläutert wird, betrifft die Rolle und den Auftrag der interkulturellen Sozialen Arbeit mit älteren MigrantInnen. Es wird darum gehen, dass in der ent- standenen Situation, bzw. unter dem Einfluss der demografischen und gesell- schaftlichen Entwicklungen die Soziale Arbeit mit älteren MigrantInnen an ihrer Bedeutung zunimmt. Dabei wird auch der Akzent auf die Relevanz von Prozessen der interkulturellen Öffnung sozialer Dienste gesetzt, besonders bei der Auflösung der gegenseitigen „Zugangsbarrieren“ (Czycholl 2009a: 113) von älteren Migran- tInnen und Fachkräften verschiedener Hilfeeinrichtungen (am Beispiel der Ein- richtungen der Altenhilfe). Außerdem wird die Frage beantwortet, was die älteren Migranten und Migrantinnen für ein „würdevolles“ (Ertl 2009: 55) Leben im Al- ter benönigen.

1 Alter und Migration

Das Ziel dieses Kapitels ist, den theoretischen Hintergrund der vorliegenden Ar- beit in den Fokus zu stellen, indem mehrere Themen und Begriffe betrachtet wer- den und ihr jeweiliger Kontakt zueinander verdeutlicht wird. Es werden dabei die Kriterien des demografischen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland be- sprochen und die Begriffe „Alter“, „Altern“ und „Migration“ näher erläutert.

1.1 Alter und Altern in der deutschen Gesellschaft

Das Altersthema ist zurzeit eines der aktuellsten. Allerdings weist, trotz der jahr- zehntelangen Erforschungen, der Begriff immer noch eine große Interpretations- palette auf. Dies geschieht wahrscheinlich deswegen, weil das Alter als soziales und kulturelles Element einer Gesellschaft nicht statisch bleiben kann. Zwar be- sitzt das Alter im Rahmen einer Gesellschaft die grundlegenden Kategorien, Strukturen, sowie Ordnung und Differenzierung, verändert sich aber im Lebens- verlauf ständig. Die alternde Gesellschaft, das Zusammenleben von Generationen, sowie die Lebensbedingungen älterer Menschen sind jetzt aktuell im Fokus der Wissenschaft. (Vgl. Kollewe 2011: 7 ff.).

1.1.1 Phänomen „Alter“: ein kurzer Überblick

Die Beiträge zu den Themen Alter und Altern sind vielfältig und spezifisch: Alter als Begriff wird in vielen unterschiedlichen Kontexten benutzt und beinhaltet eine Mehrzahl von gesellschaftlichen und kulturellen Interpretationen. Daher kann man sagen, dass der Begriff sehr komplex und unbestimmt ist. In unserer Gesell- schaft werden dem Begriff „Alter“ oft zwei zentrale Bedeutungen zugeschrieben: entweder im Sinne einer Beschränkung oder im Gegenteil zur Jugend. Denken wir ans Alter, fallen uns zuerst die eingeschränkte Leistungsfähigkeit, sowie „Krank- heiten, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit, Wohnen in Alten- und Pflegeheimen, Ver- einsamung und Formen der Abhängigkeit“ (Tews zit. nach Reimann/Reimann 1994: 30) ein. (Vgl. Backes/Clemens 2008: 11)

Wenn man die, in der Literatur aufgeführten, wissenschaftlichen und alltäglichen Definitionen über das Alter betrachtet, wird deutlich, dass es viele ganz unter schiedliche Definitionen vorhanden sind, die neben kultur-, auch situations- und kontextabhängig sind. Im Folgenden werden die unterschiedlichen Definitionen des Alters aus diversen wissenschaftlichen Bereichen dargestellt.

Von der psychologischen Seite wird ein Mensch als alt bezeichnet, „wenn er sein Selbstbild sowie sein Selbstwertgefühl vorwiegend der Vergangenheit entnimmt“. (Mönks/Bouffard/Lens zit. nach Kollmann/Lang 2010: 20) Aus biologischer An- sicht leitet sich das Alter aus dem körperlichen und geistigen Zustand eines Men- sches ab. Das Altersbild war ziemlich lang durch Gesundheit oder deren Abwe- senheit beeinflusst. Laut Borscheid war die Gebrechlichkeit bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts übereinstimmend mit Alter. Das neue Altersverständnis (über- wiegend gesellschaftliches und politisches) entwickelte sich mit der Einführung der Rentenversicherung, wodurch der Übergang in das Alter mit dem Eintritt in die Rente in Verbindung gebracht wird. (Vgl. Borscheid zit. nach Filipp/Mayer in Kollmann/Lang 2010: 20) Aus dieser Sicht ist auch das chronologische Alter wichtig. Dies ergibt sich „aus der Anzahl der gelebten Lebensjahre seit der Ge- burt“ (Gukenbiehl/Kopp zit. nach Kollmann/Lang 2010: 20) und dient zur Schaf- fung von gesetzlichen Altersgrenzen und der sozialen Einigung darüber, wann die richtige Zeit für eine Person ist, bestimmte Dinge in ihrem Leben (wie z.B. Schul- abschluss, Berufstätigkeit, Pensionierung) durchzusetzen. (Vgl. Shanan/Kedar zit. nach Filipp/Mayer; Neugarten zit. nach Wahl/Heyl in Kollmann/Lang 2010: 20) Die genannten gesellschaftlichen Anforderungen, die das Individuum zu den be- stimmten Lebenszeiten erledigen muss, lassen uns verschiedene Lebensphasen innerhalb eines Lebens abgrenzen. Es wird deutlich, dass das Alter nicht nur als psychologisches, biologisches oder chronologisches Phänomen angesehen werden kann, sondern als ein „mehrdimensionales Phänomen“ (Kollmann/Lang 2010: 23) das in sich unterschiedliche Aspekte vereinigt.

Als nächstes soll die Einteilung des Alters erläutert werden. In der Literatur gibt es unterschiedliche Versuche die Lebensphase Alter zu differenzieren. Zum Bei- spiel Höpflinger bietet folgende Unterteilung an: „ Junge Alte sind demnach Per- sonen im Alter von 60 bis 69 Jahren. Betagte sind 70- bis 79-Jährige und Hochbe- tagte weisen ein Alter von 80 Jahren und mehr und damit eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung auf.“ (Höpflinger 1994 zit. nach Knapp in Koll- mann/Lang 2010: 23) Nach Thieme lässt sich allgemein folgende Klassifikation ausdefinieren: „junge Alte“ oder „Ältere“ sind die Personen ab 60 bzw. 65 Jahre bis 70 Jahre; die Personen zwischen 70 und 80 bzw. 85 Jahre werden als „alte“ definiert; und entsprechend die Menschen ab 80 bzw. 85 Jahre gehören zu den „Hochaltrigen“ oder wie sie noch genannt werden zu den „hochbetagten“ bzw. „ganz alten“. (Vgl. Thieme 2008: 36 ff.) Ähnliche Klassifikation schlagen Glaser und Röbke vor, und berufen sich dabei auf WHO-Definition: zwischen 60 und 75 Jahren ist man „älter“, zwischen 75 und 90 „alt“, zwischen 90 und 100 „langle- big“. Als „hochbetagt“ nennen sie die Personen nach 100 Jahren. (Vgl. Gla- ser/Röbke zit. nach Kollmann/Lang 2010: 23)

Wenn man das Alter als Lebensphase betrachtet, ist es schwer, diese Phase als Teil des Lebens genau abzugrenzen, bzw. den Übergang „vom mittleren zum hö- heren Erwachsenenalter - und damit ins „Alter“-ist immer schwer zu bestimmen“. (Backes/Clemens 2008: 21) Früher war dieser Übergang deutlicher mit dem Übergang ins Rentenalter verbunden. Die heutige Situation zeigt, dass „zwischen Berufsaustritt und „offiziellem“ Rentenbeginn zunehmend Wartezeiten entstan- den, in denen die Betroffenen weitergehend mit einer Art „rollenloser Rolle“ (Burgess zit. nach Backes/Clemens 2008: 21) leben müssen“. (Backes/Clemens 2008: 21) Noch eine Tendenz, die in den letzten Jahren verstärkt wurde ist die „Verjüngung des Alters“. (Tews zit. nach Backes/Clemens 2008: 21; Tews zit. nach Reimann/Reimann 1994: 33) Dieses Phänomen hat sowohl positive Effekte, da die Alten sich selbst als jünger einschätzen, als auch negative, da die älteren Arbeitnehmer als Arbeitslose aufgrund des Alters nur geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und nicht mehr eingestellt werden. (Vgl. Backes/Clemens 2008: 21; Tews zit. nach Reimann/Reimann 1994: 33 ff.) Diese beiden Entwick- lungen sind durch Phänomen des „Altersstrukturwandels“ (Kollmann/Lang 2010: 17) entstanden, unter welchem die Veränderungen des demographischen Wandels verstanden werden, die das Durchschnittsalter der Bevölkerung einer Gesellschaft betreffen. (Vgl. Tesch-Römer/Wurm/Hoff/Engstler/Molte-Klingebiel zit. nach Kollmann/Lang 2010: 17) Dazu gehört auch in erster Linie die Steigerung des Anteils der alten Menschen in der Gesamtbevölkerung gegenüber dem Anteil Jüngerer, was wiederum durch steigende Lebenserwartung sowie sinkende Geburtenzahlen hervorgerufen wurde. (Vgl. Engels 2008: 54; Knapp zit. nach Kollmann/Lang 2010: 17)

Ein weiterer Aspekt der Entwicklung des Alters ist dessen Feminisierung, die durch höhere Lebenserwartungen der Frauen bedingt ist. Laut Statistik ist die deutsche Gesellschaft zu 2/3 eine „Frauengesellschaft“ und im Bereich der Hoch- altrigen sogar zu 3/4. Dieses Verhältnis bleibt auch in der Zukunft laut Tews un- verändert. Auch familiäre Strukturen werden durch die sinkende Kinderzahl, so- wie häufigere Scheidungen und Trennungen verändert. Dadurch hat sich der An- teil allein lebender Senioren erhöht und wird sich nach Tews weiterhin erhöhen. Außerdem ist die heutige Situation der Entwicklung von Alter durch wachsende Hochaltrigkeit geprägt, die auch mit den anderen Altersproblemen wie Krankhei- ten, Hilfs- und Pflegebedürftigkeit, Wohnen im Heim usw. verbunden ist. (Vgl. Tews zit. nach Reimann/Reimann 1994: 34 ff.)

1.1.2 Demografischer Wandel in Deutschland

Die Auseinandersetzungen mit dem Alter werden mit offensichtlichen Prognosen über den Anstieg des Alters der Bevölkerung zum Hauptthema entwickelt: „Berücksichtigt man das Faktum, dass Europa heute weltweit gesehen die älteste demographische Struktur aufweist, und ihm diese Position gemäß der geschätzten Entwicklung auch in den nächsten 30 Jahren nicht strittig gemacht wird (z.B. Eurostat, 2004), so wird nachvollziehbar, dass „Alter“ eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen der nächsten Jahrzehnte bleiben wird.“ (We- ber/Ferring/Glück in Kollmann/Lang 2010: 18)

Die Veränderung wird vor allem dann ersichtlich, wenn man sich den Wandel der letzten Jahrzehnten anschaut (siehe Abbildung 1), der sich in Deutschland vollzo- gen hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur in Deutschland bis 2050 (Quelle: Statistisches Bundesamt, Stand 2007 in bpb 2008)

Aufgrund der sinkenden Geburtenrate und der ständig steigenden Lebenserwar- tung, verändert sich deutlich das Verhältnis zwischen jüngerer und älterer Genera- tion. Wie die Grafik darstellt, reduzierte sich der Anteil der unter 20-Jährigen an der Bevölkerung zwischen 1960 und 2005 von 28,4 auf 20,0 Prozent. Parallel ist der Anteil der Personen, die 60 Jahre und älter waren, von 17,4 auf 24,9 Prozent gestiegen. Der Anteil der unter 20-Jährigen wird sich in der Vorausberechnung weiterhin bis zum Jahr 2050 auf 15,4 Prozent reduzieren, anderseits wird der An- teil der Personen, die 60 Jahre oder älter sind, auf 39 Prozent steigen. Die Ge- samtbevölkerungszahl sinkt bei dieser Variante bis zum Jahr 2050 von derzeit 82,3 auf knapp 74 Millionen. Also nimmt die Bevölkerungszahl nicht nur weiter ab, sondern es wird auch weniger Kinder und noch mehr ältere Menschen geben. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung der 65-Jährigen bis 2050 um circa 4,5 Jahre. Die Zahl der 60-Jährigen wird mit gut einer Million im Jahr 2050 doppelt so hoch sein wie die Zahl der Neugeborenen, dabei gab es im Jahr 2005 noch fast genauso viele Neugeborene wie 60-Jährige. Die Zahl der 60 bis 80-Jährigen und Älteren wird von nicht ganz vier Millionen im Jahr 2006 auf zehn Millionen im Jahr 2050 ansteigen. (Vgl. bpb 2008)

1.2 Migration: Begriffsklärung und Formen

„Migration ist ein prägendes Merkmal der Menschheitsgeschichte.“ (Boeckh 2008, S. 362) Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges steigen die Migrationsbe- wegungen an. Laut Han leben bereits 175 Millionen Menschen weltweit außer- halb ihres Herkunftslandes. Seit den 80er Jahren zählt Deutschland zu den größten Zuwanderungsländern in Europa. Die Folgen dieser Zuwanderung sind vielfältig, eine davon ist die immer noch bestehende Notwendigkeit der gesellschaftlichen Integration der Fremden. Dafür werden die sozialen Fachkräfte besonders benötigt die professionelle Beratung und Betreuung der Migranten mit unterschiedlicher Herkunft leisten und sich um deren Integration in die deutsche Gesellschaft zu bemühen. (Vgl. Han 2005: 1 ff.) In diesem Kapitel geht es nicht nur um die Be- griffserklärung der Migration, sondern es wird der Ursprung des Begriffes und die verschiedenen Formen der Migration vorgestellt, die sich aus in Deutschland le- benden älteren Menschen mit Migrationshintergrund zusammensetzen.

1.2.1 Begriff der Migration

Migration ist ein Phänomen das zahllose unterschiedliche Aspekte und Perspekti- ve beinhaltet. Etliche sozialwissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich mit der Analyse von ökonomischen, demografischen, geografischen, rechtlichen, his- torischen, sozialpolitischen, psychologischen, philosophischen, sowie soziologi- schen Aspekten der Wanderungsbewegungen. So stößt man in der Literatur auf eine Mehrzahl von Migrationsbegriffen. (Vgl. Boeckh 2008, S. 363) Der Begriff „Migration“ stammt ursprünglich von dem lateinischen Wort „migrare bzw. mig- ratio“ her, was bedeutet „wandern bzw. Wanderung“. Dadurch, dass in den letzten Jahren mehr das englische Wort „migration“ verwendet wurde, ist der Begriff auch in der deutschen Alltags-, sowohl Fachsprache üblich geworden. (Vgl. Han 2005: 7)

Zunächst sollen nun die Grundbegriffe erläutert werden, die für diese Arbeit rele- vant sind. Laut Statistischem Bundesamt sind MigrantInnen die „Personen, die nicht auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik, sondern im Ausland geboren sind ('foreign born'). Sie sind nach Deutschland zugezogen (Zuwanderer). Sie können je nach Staatsangehörigkeit Deutsche (z. B. Spätaussiedler) oder Auslän- der/innen sein.“ (Statistisches Bundesamt o.J.) AusländerInnen gehören also zu den Personen mit Migrationshintergrund: das sind die Personen, die im Sinne des Artikels 116 Absatz 1 des Grundgesetzes nicht Deutsche sind. Dazu zählen eben- falls Staatenlose und Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit. AusländerIn- nen können in Deutschland geboren oder zugewandert sein. (Vgl. Statistisches Bundesamt o.J.) Sowohl AusländerInnen als auch MigrantInnen gehören somit zu den Personen mit Migrationshintergrund: „Zu den Personen mit Migrationshinter- grund gehört die ausländische Bevölkerung - unabhängig davon, ob sie im Inland oder im Ausland geboren wurde - sowie alle Zugewanderten unabhängig von ihrer Nationalität. Daneben zählen zu den Personen mit Migrationshintergrund auch die in Deutschland geborenen eingebürgerten Ausländer sowie eine Reihe von in Deutschland geborenen mit deutscher Staatsangehörigkeit, bei denen sich der Migrationshintergrund aus dem Migrationsstatus der Eltern ableitet. Zu den letzte- ren gehören die deutschen Kinder (Nachkommen der ersten Generation) von Spätaussiedlern und Eingebürgerten und zwar auch dann, wenn nur ein Elternteil diese Bedingungen erfüllt, während der andere keinen Migrationshintergrund aufweist. Außerdem gehören zu dieser Gruppe seit 2000 auch die (deutschen) Kinder ausländischer Eltern, die die Bedingungen für das Optionsmodell erfüllen, d.h. mit einer deutschen und einer ausländischen Staatsangehörigkeit in Deutsch- land geboren wurden.“ (Statistisches Bundesamt o.J.)

In den Sozialwissenschaften versteht man unter dem Begriff der Migration „sol- che Bewegungen von Personen und Personengruppen im Raum (spatial move- ment) […], die einen dauerhaften Wohnortwechsel (permanent change of resi- dence) bedingen.“ (Han 2005: 7) Laut internationaler statistischer Erfassung der Migrationsbewegungen (Empfehlung der Vereinten Nationen), galt bis 1950 als Migration ein Wohnortwechsel, der länger als ein Jahr dauerte; ab 1960 wurde damit ein Wohnortwechsel länger als fünf Jahre gemeint. (Vgl. Longino/Petersen zit. nach Han 2005: 7) Seit 1998 werden, auch nach der Empfehlung der Vereinig- ten Nationen, nur diejenigen Personen als Migranten erfasst, „die zumindest für die Zeitspanne von einem Jahr (for a periode of at least a year) den ständigen Wohnsitz (usual residence) von ihrem Herkunftsland in ein anderes Land verlegen.“ (Vgl. IOM zit. nach Han 2005: 7)

In Deutschland wird das Kriterium der Dauerhaftigkeit des Wohnortwechsels nur unter den Bedingungen erfüllt, dass die Migration mit einem tatsächlichen Wohn- sitzwechsel verbunden ist. Die Freiwilligkeit bzw. Unfreiwilligkeit der Migrati- onsbewegungen ist unwichtig, der neue Wohnort muss sich aber unbedingt in ei- ner anderen politischen Wohngemeinde befinden, damit die Bewegungen von Menschen als Migration bezeichnet werden können. (Vgl. Clark/Mälich zit. nach Han 2005: 7 ff.)

Die Migrationsbewegungen der Menschen werden mit einer Mehrzahl von kultu- rellen, politischen, wirtschaftlichen, religiösen, demographischen, ökologischen, ethnischen und sozialen Faktoren konfrontiert und von diesen beeinflusst. Die Migrationsbewegungen stellen in der Regel das Ergebnis eines Zusammenspiels mehrerer gesellschaftlichen und persönlich-individuellen Ursachen dar, die oft miteinander verzahnt und vermischt sind und die Unterscheidung der freiwilligen oder unfreiwilligen Migration kaum möglich machen. Auf jeden Fall ist die Mig- ration ein langfristiger Prozess, der zwar mit einem Wohnortwechsel beginnt, aber keinen sichtbaren Endpunkt hat. Laut Han beginnt der wesentlich langwierigere und schwierigere Teil der „inneren psychosozialen Migration“ erst nach der „äu- ßeren physischen Migration“. (Vgl. Han 2005: 8)

Des Weiteren handelt es sich um Menschen mit Migrationshintergrund, zu denen sowohl zugewanderte AusländerInnen, bzw. Personen, die keine deutsche Staats- angehörigkeit besitzen (vgl. Menning/Hoffman 2009: 5), als auch eingebürgerte Personen und (Spät-) AussiedlerInnen mit deutscher Staatsangehörigkeit gehören. (Vgl. Zeman 2008: 1) In der Alltagssprache werden immer noch solche Begriffe wie „Gastarbeiter“ oder „Ausländer“ verwendet, sowie auch alternativ „Einwan- derte“ oder „Zuwanderte“, was ziemlich irritierend wirken kann. Aufgrund dessen ist es hilfreich, die Menschen mit Migrationshintergrund in mehrere Gruppen zu unterteilen. (Vgl. Hirsch 2006: 2) Die größte Gruppe bilden dann die so genann- ten „Gastarbeiter“, bzw. ArbeitsmigrantInnen (Vgl. Zeman 2008: 1), die im Fol- genden Kapitel näher beschrieben werden.

1.2.2 (Arbeits-) Migration in Ost- und Westdeutschlandnach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der folgenden politischen und terri- torialen Reorganisierung Europas wurde der Grund für millionenfache Wande- rungsbewegungen angelegt. Ab Mitte der 1950er Jahre bzw. seit dem Bau der Mauer im Jahr 1961 schritten neue Zuwanderungsformen fort. Diese wurden von dem Arbeitskräftemangel hervorgerufen: extra zum Mauerbau 1961 waren 2,7 Millionen Menschen von Ost- nach Westdeutschland umgesiedelt. Die Arbeitsbe- dingungen von Migranten waren schwer: sie lebten z.B. in Wohnheimen und Ba- racken von der deutschen Bevölkerung getrennt. Insgesamt wurden in der Bun- desrepublik zwischen 1955 und 1973 von Unternehmen und Behörden Millionen ausländischer Arbeitskräfte (so genannte Gastarbeiter) aus verschiedenen Mittel- meerländern wie der Türkei, Italien, Spanien, Griechenland, Tunesien sowie Ma- rokko (vgl. Bremer, 2000: 46) angeheuert. (Vgl. Schriewer o.J.: 3 ff.; Reißlandt 2005) Nach der Phase der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte im Jahre 1973 kam es zur einer weiteren Etappe der Migration: dem Familiennachzug. (Vgl. Mi- ka/Tucci 2006: 6 ff.) Nun bilden die Arbeitsmigranten und deren Familien bis heute die größte Gruppe der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrations- hintergrund. (Vgl. Schriewer o.J.: 3 ff.; Reißlandt 2005)

Die weiteren Formen der Zuwanderung, die sich zum größten Teil nach der Wie- dervereinigung und nach dem Ende des Kalten Krieges gebildet haben sind die (Spät-) Aussiedlerinnen und Aussiedler aus Ostmittel- und Südosteuropa und der ehemaligen Sowjetunion sowie Flüchtlinge und Asylsuchende (in den 1990er Jah- ren vor allem aus dem zerfallenden Jugoslawien). Das ist das Thema des nächsten Kapitels.

1.2.3 Weitere Formen der Zuwanderung: (Spät-) Aussiedler, Flüchtlinge und Asylsuchende

(Spät-) Aussiedler: Seit 1950 sind über fünf Millionen Aussiedlerinnen und Aus- siedler einschließlich ihrer Familien in die Bundesrepublik umgesiedelt. (Vgl. Schneider 2005) Sie bilden, wie die Zuwanderer aus den früheren Anwerbestaa- ten, die größte Gruppe innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. (Vgl. Mika/Tucci 2006: 8; Schneider 2005) Der größte Teil ist in den 90er Jahren nach Deutschland zurückgekommen. Von 1991 bis 1995 kamen 200.000 Personen jährlich. Zurzeit sind es im Gegensatz dazu nur noch wenige tausend (Spät-) Aussiedlerinnen und (Spät-) Aussiedler pro Jahr. (Vgl. Schneider 2005)

Die Spätaussiedlermigration hat ihre Wurzeln in der Geschichte der jungen Bun- desrepublik. „Noch 1950 - nach dem Ende der Flucht- und Vertreibungsmigration als Folge des Zweiten Weltkriegs - lebten rund vier Millionen Deutsche außerhalb der alten Reichsgrenzen von 1937 im Osten Europas, viele von ihnen in der Sow- jetunion, Rumänien, Polen und der Tschechoslowakei.“ (Schneider 2005) Im Grundgesetz der Bundesrepublik wurden diese Menschen und ihre Abkömmlinge als "deutsche Volkszugehörige" bezeichnet. Also wurden sie berechtigt unter be- stimmten Voraussetzungen als Aussiedler (seit einer Gesetzesänderung 1993 als sog. "Spätaussiedler") nach Deutschland zu immigrieren. Sie erhalten dabei sofort die deutsche Staatsbürgerschaft und die Möglichkeit verschiedene Integrationshil- fen zu beziehen. (Vgl. Frick u.a. 2009: 8; Schneider 2005)

Die Sprach- und Integrationsprobleme, mit denen die Aussiedlerinnen und Aus- siedler konfrontieren werden, sind ganz ähnlich wie bei den ausländischen Zu- wanderern. Im Vergleich zu den meisten Aussiedlern aus den frühen 90er Jahren, die relativ gute Deutschkenntnisse hatten und auch staatliche Eingliederungshilfen wahrnahmen, haben viele jüngeren Immigranten wenig Bindung zur deutschen Sprache und Kultur. Sie haben unterschiedliche Integrationsprobleme und be- kommen in der deutschen Gesellschaft wenig Akzeptanz. Betroffen sind hier vor allem die Einwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die um- gangssprachlich auch „Russlanddeutsche“ genannt werden. (Vgl. Schneider 2005)

Flucht und Asylmigration: Für viele Flüchtlinge aus der ganzen Welt gilt Deutschland als bedeutender Ort für vorübergehende oder dauerhafte Aufenthalte. Die Flüchtlinge kommen aus verschiedenen Gründen nach Deutschland. Der Grund der Zuflucht ist ausschlaggebend für die Rechtsgrundlage für die Aufnahme der Flüchtlinge. Schneider differenziert in seinem Bericht „Flucht und Asylmigration“ folgende Gruppen (Vgl. Schneider 2005a):

1. Asylmigranten: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht" (Stascheit 2008: 21) steht im Artikel 16a des Grundgesetzes. Seit Anfang 1980er Jahren bietet Deutschland allen Menschen, die irgendwo auf der Welt aufgrund ihrer politischen Einstellung sich um ihre Gesundheit oder ihr Leben fürchten müssen, ein Unterkommen. Ein Aufenthaltsrecht in Bundesrepublik Deutschland erhielten Asylsuchende und ihre Fami- lienangehörigen für die Zeit, solange über ihren Antrag nach Einzel- fallprüfung nicht entschieden wurde. Aufgrund dessen, dass die Zahlen von Asylsuchenden in den 1980er und 1990er Jahren kontinuierlich gestiegen sind, wurde erst einmal das Asylverfahren umstrukturiert und führte im Jahr 1993 zu einer deutlichen Einschränkung des Asylgrundrechts. Folgend ist auch die Zahl der Anträge sukzessiv zu- rückgegangen. Trotzdem bilden Asylbewerber und Asylberechtigte weiterhin eine zentrale Kategorie von Flüchtlingen in Deutschland.

2. "Konventionsflüchtlinge": Die zweite Gruppe der Migrantentypen sind so genannte Konventionsflüchtlinge. Das sind Immigranten, die in ihrem Heimatstaat aufgrund ihrer Rasse, Religion, Staatsangehörigkeit oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt werden, aber nicht nach dem Grundgesetz asylberechtigt sind.

3. "De-facto-Flüchtlinge": Viele Flüchtlinge können sich nicht auf den Art. 16a des Grundgesetzes berufen bzw. ihr Antrag wurde nicht ge- nehmigt. Trotzdem werden sie in Deutschland aber teilweise geduldet, z.B. wenn keine Abschiebung ins Heimatland durchgeführt werden kann. Eine Abschiebung kann z.B. aus humanitären, politischen oder völkerrechtlichen Gründen verhindert werden, aber auch aufgrund von fehlenden Ausweispapieren oder der Tatsache, dass das Herkunftsland die Flüchtlinge nicht aufnimmt. Solche Personen erhalten in der Regel keinen festen Aufenthaltstitel, sondern nur eine kurzfristige Duldung. Seit Ende 2006 ist es für die langjährig Geduldeten unter bestimmten Voraussetzungen, möglich geworden mit deren Familie dauerhaft in Deutschland zu bleiben.

4. Bürgerkriegsflüchtlinge und Kontingentflüchtlinge: Als weitere Gruppe unterscheidet man die Flüchtlinge, die aufgrund eines Krieges bzw. Bürgerkrieges aufgenommen wurden. Das sind bisher insbeson- dere die Flüchtlinge der Kriege in Ex-Jugoslawien, für die ein vo- rübergehendes Aufnahmeverfahren geschaffen wurde. Dagegen erhal- ten Kontingentflüchtlinge bzw. die Flüchtlinge aus Krisenregionen, die „im Rahmen internationaler humanitärer Hilfsaktionen aufgenommen werden“ (BAMF 2011) ein dauerhaftes Recht zu bleiben. Die weitaus meisten dieser Kontingentflüchtlinge in Deutschland sind derzeit jüdi- sche Emigranten aus der ehemaligen UdSSR.

5. Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion: Die jüdischen Flüchtlinge aus der Sowjetunion bzw. ihren Nachfolgestaaten wurden seit 1990 aufgrund des dortigen Unruhen und antisemitischen Über- griffen relativ unbürokratisch aufgenommen. Trotz tendenzieller Re- duzierung der antisemitischen Bedrohungen in der Gemeinschaft Un- abhängiger Staaten im Laufe der 90er Jahre, wurde das privilegierte Aufnahmeverfahren zunächst aufgehoben. Nach dem Zuwanderungs- gesetz von 2004 wurde in neuen rechtlichen Rahmen geregelt, dass die Bundesländer für die Aufnahme zuständig sind. Laut Beschluss der Innenministerkonferenz sollte die jüdische Zuwanderung aus der ehe- maligen Sowjetunion deutlich begrenzen werden, was wiederum eine Diskussion über die Aufnahmekriterien zwischen Politik und jüdischen Verbandsvertretern ausgelöst hat. Die Voraussetzungen wurden auf deutsche Sprachkenntnisse, Möglichkeit zur eigenen Sicherung des Lebensunterhaltes und Kontakt zu einer deutschen jüdischen Gemein- de erhöht.

6. "Illegale" Zuwanderer: Zurzeit leben in Deutschland schätzungswei- se mehrere hunderttausende Zuwanderer, die keinen Aufenthaltsstatus bzw. behördliche Meldung haben, entweder weil sie die deutsche Grenze unerlaubt überquert haben, oder weil sie während der drohen- den Ausreisepflicht bzw. Abschiebung untergetaucht sind. Da sie kei- nen Anspruch auf sozialstaatliche Leistungen haben, befinden sie sich häufig in heiklen und unangemeldeten Beschäftigungsverhältnissen. Die Politik legt dagegen bisher Maßnahmen an wie Strafandrohungen und verstärkt die Grenzkontrollen. Bis jetzt wurden jedoch keine Ver- besserungen im Bereich des „Problemkomplex Illegale“ festgestellt. (Vgl. Schneider 2005a)

Alle diese Zugewanderten-, bzw. MigrantInnengruppen, sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach Deutschland gekommen. Inzwischen umfasst die Migration schon zwei, drei, und sogar vier Generationen (vgl. Kücük 2004: 3) und obwohl sie eine relativ junge Bevölkerungsgruppe sind, steigt der Anteil der Älteren unter ihnen (vgl. Stiehr/Spindler 2008: 40) und immer mehr Migranten und Migrantin- nen „kommen ins Rentenalter“. (Articus 2009: 9) Besonders bedeutsam ist in die- sem Fall die Gruppe der ArbeitsmigrantInnen, denn „sie kehren zunehmend nach Beendigung ihres Erwerbslebens nicht mehr in die Heimat zurück, altern also in Deutschland“. (Naegele 1998: 20) Als „neue Deutschen“ (Yildiz 2010: 2) zählen ältere Migranten zum alltäglichen Bild Deutschland. Dies kommt besonders gut zum Vorschein in den Städten, in denen man ältere Menschen mit Migrationshin- tergrund häufig antrifft: sie tauschen sich über ihre Probleme aus oder verbringen einfach die Rentenzeit zusammen. (Vgl. Yildiz 2010: 2) Im folgenden Kapitel, wird ein Überblick über die Struktur der älteren Menschen mit Migrationshinter- grund in Deutschland gegeben sowie statistische Daten eingeführt, wobei der Schwerpunkt auf die Gruppe der sogenannten „Gastarbeiter“ gelegt wird, da die- ses die größte MigrantInnengruppen darstellen. (Vgl. Naegele 1998: 19)

2 Älter werden in der Fremde

In diesem Kapitel sollen die älteren Menschen mit Migrationshintergrund in den Fokus gerückt werden. Betrachtet man die Migrationsgeschichten der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland, stellt man fest, dass es zu dem Zeitpunkt, als die meisten Zugewanderten nach Deutschland kamen, noch kein einziges Integra- tionskonzept gab. Der Grund dafür wiederum war, dass die massive Zuwanderung einige Zeit nur als vorübergehender Zustand wahrgenommen wurde, der sich selbst abschließen sollte, sobald die Zugewanderten wieder in ihr Heimatland zu- rückkehren. Es ist jedoch zu einem anderen Verlauf gekommen. Die Menschen haben hier Wurzeln geschlagen. Dies kam eher durch einen Zufall zustande: die Kinder sind hier zur Schule gegangen und weitere Generationen wurden schon hier geboren. (Vgl. Articus 2009: 9) Also blieben die älteren Zuwanderer bei ihren Familien in Deutschland, obwohl ihr Ziel früher war, nach der intensiven berufli- chen Phase in ihr Herkunftsland wieder zurückzukehren und dort „den Lebens- abend zu genießen“. (Articus 2009: 9) Außerdem leben in Deutschland ältere Migrantinnen und Migranten, die unter anderen Umständen und erst zu einem späteren Zeitpunkt kamen, wie z.B. die Spätaussiedler. Zurzeit sind insgesamt 1,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland 65 Jahre alt und älter. (Vgl. Menning/Hoffman 2009: 3)

Im folgenden Anschnitt werden zuerst die aktuelle demographische Situation und die Struktur der älteren Bevölkerung mit Migrationshintergrund beschrieben. Im Anschluss daran wird auf die psychologischen Aspekte eingegangen, welche die Migration begleiten, und die Gründe für das Verbleiben der MigrantInnen in Deutschland genannt.

2.1 Statistische Erfassung der älteren Bevölkerung mit Migrationshin- tergrund

Mit älteren Menschen mit Migrationshintergrund sind hier die Menschen ab 65 Jahre gemeint, die in Deutschland leben, aber nicht in Deutschland geboren sind. Dazu zählen sowohl ArbeitsmigrantInnen, als auch (Spät)AussiedlerInnen und Kontingentflüchtlinge. (Vgl. Stanjek 2004: 8)

Demografische Entwicklung: Im Jahr 2007 hatten 15,4 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. (Vgl. BAMF 2011a) Das entspricht 18,8 Prozent der Gesamtbevölkerung. (Vgl. Menning/Hoffman 2009: 4), die laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2007 circa 82,2 Millionen Einwohner beträgt. Insgesamt lebten im Jahr 2007 7,3 Millionen Ausländer (8,9%) sowie 8,1 Millio- nen Deutschen mit Migrationshintergrund (9,9%) in der Bundesrepublik Deutsch- land. Das heißt, fast jeder zehnte Deutsche kommt aus einer Migrantenfamilie oder ist selbst Migrant.

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Details

Seiten
75
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656335436
ISBN (Buch)
9783656336266
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206540
Institution / Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,7
Schlagworte
Migranten Deutschland

Autor

  • Ekaterina Redkov (Autor)

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Titel: Lebenslagen älterer Migranten in Deutschland