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Grenzüberschreitung in "Bodas de Sangre"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 17 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Raummodell nach Jurij M. Lotman
2.1. Die Raumstruktur literarischer Texte
2.2.Das Sujet
2.3. Figuren im Raum

3. Raum in Bodas de sangre
3.1. Nähe und Ferne
3.2. Drinnen und Draußen

4. Figuren in Bodas de sangre
4.1. Leonardo als dynamische Figur
4.2. Der Kontrast: Mutter und Braut

5. Bodas de sangre als restitutives Stück

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird das Theaterstück Bodas de sangre, von Federico García Lorca, anhand von Lotmans Raumsemantiktheorie analysiert und beschäftigt sich dabei besonders mit der Struktur des Stückes und der Figuren, um den Handlungsverlauf nachvollziehen und das vorliegende Ende deuten zu können.

Um dem sinnvoll nachgehen zu können, ist die Arbeit in zwei Teile unterteilt. Dabei gilt es im ersten Teil zunächst das Raummodell Lotmans zu erläutern, indem besonders auf die Konstruktion des Raumes, ihrer Grenze, sowie auf das Problem des Sujets und der Figur eingegangen wird.

Ferner gilt es dieses Raummodell auf die literarische Struktur von Bodas de Sangre anzuwenden. Hier soll der Fokus auf den Figuren und deren Funktion im Geschehen liegen, sodass die handelnden Figuren und deren Charaktere in ihrem Verhalten näher beleuchtet werden.

Juri M. Lotman, russischer Literaturwissenschaftler und Semiotiker, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren und spezialisierte sich zunächst auf russische Literatur des 18. Jahrhunderts. Zu einem späteren Zeitpunkt jedoch richtete er sein Augenmerk auf die Struktur erzählender Texte, die er in seinen Werken Die Struktur literarischer Texte und Das Problem des künstlerischen Raums behandelt, welche im Folgenden als Grundlage der Analyse dienen sollen. Im Gegensatz zu den überwiegend theoretischen Entwürfen in der Erzählanalyse, steht bei Lotman nicht die zeitliche Struktur der Erzählung im Vordergrund, sondern die räumliche Struktur erzählender Texte.

Bodas de Sangre, welches im Rahmen einer Trilogie zusammen mit La Casa de Bernarda Alba und Yerma erschienen ist, galt bereits zu seiner Veröffentlichungszeit als traditionsbrechend. Um welche Traditionen es sich dabei handelt und wie genau diese durchbrochen werden, soll ebenfalls konkretisiert werden. Feststeht, dass Lorca durch das Stück Kritik an dem traditionell denkenden Spanien geübt hat, indem er auf die tabuisierten Themen jener Zeit eingeht. Seine Kritik spiegelt sich hauptsächlich in der Konstruktion des Raumes und der Figurenkonstellation wider, welche uns durch Lotmans Raummodell ersichtlich werden und somit eine Analyse des Ausgangs ermöglichen soll.

2. Das Raummodell nach Jurij M. Lotman

2.1. Die Raumstruktur literarischer Texte

Ausgehend von der Annahme, dass der Mensch Vorstellungsinhalte räumlich wahrnimmt, das heißt ihnen räumliche Merkmale zuweist, folgert Lotman, dass auch verbalisierte Modelle diesem ikonischen Prinzip der Anschaulichkeit folgen.[1]

Dementsprechend werden topologische Oppositionspaare zum grundlegenden Mittel zur Deutung der Wirklichkeit. Begriffe wie „hoch-niedrig“, „rechts-links“, „nah-fern“ werden zum Material für den Aufbau ganzer Weltmodelle einer Kultur. Dabei ist jedoch nicht der räumliche Inhalt entscheidend, sondern die Bedeutung, die diesem zugeschrieben wird, wie etwa „wertvoll- wertlos“, „gut- schlecht“ oder „eigen- fremd“.[2]

Räumliche Relationen können also zur Darstellung von Werten verwendet werden. In der Kunst ist der Raum jedoch stets begrenzt, da das Kunstwerk zweidimensional ist und es von einem Rahmen umgeben wird. Literarische Texte, als eine Form der darstellenden Kunst, folgen demselben Prinzip der Begrenztheit, welches eine „eigene Sprache“, ein eigenes Zeichensystem erfordert. Daher stammt folglich Lotmans Begriff der Raumsemiotik. Dabei versteht Lotman Raum als

die Gesamtheit homogener Objekte (Erscheinungen, Zustände, Funktionen, Werte von Variablen u. dgl.) zwischen denen Relationen bestehen, die den gewöhnlichen räumlichen Relationen gleichen (Ununterbrochenheit, Abstand u. dgl.)[3]

Unter literarischer Raumsemantik verstehen wir also die Konstruktion eines Weltbildes, welches durch die Topographie des Textes abgebildet wird.

Als ein weiteres entscheidendes topologisches Oppositionspaar, bei der Organisation einer räumlichen Struktur, ist das Paar „offen- geschlossen“ zu nennen. Im „geschlossenem Raum“ eines Textes sind Begriffe wie „Haus“, „Stadt“, „Heimat“ mit Merkmalen wie „heimisch“, „warm“ und „sicher“ versehen, während der offene Raum als „fremd“, „feindlich“ und „kalt“ eine Bedrohung darstellt.[4]

Das wichtigste topologische Strukturelement des Raumes ist jedoch die Grenze.

Sie teilt den Raum in zwei disjunkte Teilräume und ihre wichtigste Eigenschaft ist ihre Unüberschreitbarkeit.[5]

Die Art der Aufteilung durch die Grenze in seine entsprechenden Teilräume stellt eines der wesentlichen Charakteristika eines Textes dar. Dabei ist es gleich, ob es sich bei der Einteilung um Reich und Arm oder Freund und Feind handelt. Viel wichtiger ist der Fakt, dass die Grenze, die diese beiden konstruierten Teilräume trennt, unüberwindlich und die innere Struktur beider Teile unterschiedlich ist. Eine möglich denkbare Grenze in einem literarischen Raum könnte beispielsweise ein Fluss oder ein Wald sein.[6]

Dementsprechend wird jede Figur einem Raum zugewiesen und besitzt gewisse Charakteristika. Um allerdings näher auf die Eigenschaften der Figuren eingehen zu können, ist es zunächst notwendig den Begriff des Sujets zu erläutern.

2.2.Das Sujet

Der Begriff des Sujets ist mit dem des Ereignisses untrennbar verbunden, da ein Ereignis stets das kleinste Element eines Sujets darstellt. Unter Ereignis versteht Lotman „die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes“[7]

Wir haben bereits gesehen, dass eine topologische Grenze disjunktive Teilräume entstehen lässt, die wiederum mit Figuren besetzt sind. Stellt man sich nun vor, dass alle Figuren innerhalb ihres Raumes bleiben und somit der ihr vorgeschriebenen Ordnung folgen, liegt kein Ereignis zu Grunde. Entscheidet sich jedoch eine Figur die Grenze zu überschreiten und ihren Raum zu verlassen, handelt es sich hierbei um ein Ereignis. Lotman beschreibt dies folgendermaßen:

Das Ereignis wird gedacht als etwas was geschehen ist, obwohl es auch nicht hätte geschehen brauchen. […] Ein Ereignis ist somit immer die Verletzung irgendeines Verbotes, ein Faktum, das stattgefunden hat, obwohl es nicht hätte stattfinden müssen.[8]

Wie gravierend ein Ereignis also ist, hängt von dem Grad der Regelmissachtung ab, welche stattgefunden hat. Voraussetzung hierfür ist dementsprechend immer eine Ordnung, die bereits in den Texten besteht. Lotman verwendet den Begriff „sujetlose Texte“ für die Texte, die einer bestimmten Ordnung der inneren Organisation ihrer Welt folgen.

[...]


[1] Lotman, Juri M. Die Struktur literarischer Texte. München, 1993. S.312.

[2] Siehe Ebd. S.313.

[3] Ebd. S.312.

[4] Siehe Ebd. S.327.

[5] Ebd. S.327.

[6] Siehe Ebd. S.327.

[7] Ebd. S.332.

[8] Ebd. S.336.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656338710
ISBN (Buch)
9783656340140
DOI
10.3239/9783656338710
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206643
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1.7
Schlagworte
Federico Garcia Lorca Bodas de Sangre Lotman Grenzüberschreitung Juri Lotman

Autor

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Titel: Grenzüberschreitung in "Bodas de Sangre"