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Eurozentrismus und Integration – eine Analyse orientalistischer Strukturen innerhalb des deutschen Einwanderungsdiskurses

Essay 2012 8 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Der „islamische Raum“ aus europäischer Perspektive

Auf der Suche nach Informationen über die „Welt des Islam“ und seine Lehre stößt man im Heiligen Römischen Reich des frühen 17. Jahrhunderts auf Werke wie die des Salomon Schweigger[1]. Seine deutschsprachige Übersetzung des Korans erschien 1616 unter dem Titel AL CORANUS MAHOMETICUS, Das ist: Der Türcken Alcoran / Religion und Aberglauben[2], dessen Notwendigkeit der Autor damit begründet, dass man den Feind kennen müsse, um ihn besiegen zu können, wobei seine Übersetzung kaum mit dem Original übereinstimmt. Niemanden versetzt das in Erstaunen, denn von einem christlichen Gelehrten jener Zeit wird keine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam erwartet. Leider sind das Feindbild „Islam“ und der orientalistische Diskurs über die arabischen Länder, ihre Kulturen und Religionen keine Phänomene des 17. Jahrhunderts, sondern prägende Bestandteile unserer Zeit.[3] Wenn auch oder vielleicht gerade weil die Auswahl an Informationsmaterial über den Islam und „den Orient“ scheinbar bis ins Unendliche reicht, konnten sich orientalistische Denkstrukturen durchgängig halten und sind heute ein wichtiger Bestandteil der deutschen Politik.[4]

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mit Bezug auf diesen historisch gewachsenen orientalistischen Diskurs grundlegende Probleme der deutschen Integrationspolitik offenlegen. Dazu werde ich in knapper Form ihre Merkmale, Ursachen und Auswirkungen auf die deutsche Politik im Hinblick auf den Begriff des Orientalismus‘ analysieren. Da es sich um ein Essay handelt, möchte ich dabei den Zusammenhang der genannten Themen nur im Überblick aufzeigen, nicht aber im Detail analysieren. Der Umfang dieser Arbeit schließt ebenfalls eine Analyse möglicher Lösungsszenarien der im folgenden beschriebenen Problematiken aus.

Saids Kritik an orientalistischen Denkmustern

Der von Edward Said entscheidend geprägte Begriff des Orientalismus ’ fasst den im Westen geführten Diskurs über den – durch eben diesen Diskurs erst erschaffenen – Orient zusammen, welcher sich seit der Antike in einer zweckgebundenen, sowohl bewussten als auch unbewussten Trennung zwischen Orient und Okzident manifestiert. Diese Trennung ist aus dem Wunsch nach Identitätsbildung hervorgegangen sowie vorherrschenden Machtinteressen.[5] Dem Islam wird innerhalb dieses (Macht-) Diskurses die Rolle einer globalen Superstruktur mit monolithischem Charakter zugeschrieben, woraus sich eine immer währende Notwendigkeit ableitet, die ebenso monolithischen abendländischen Traditionen und Werte vor denen „weniger entwickelten“ Kulturen zu behaupten.[6] Der deutsche Islamwissenschaftler Reinhard Schulze ist der Auffassung, dass mit Ende des Kalten Krieges der Islam als neues (und zugleich altbekanntes) Feindbild benötigt wurde, um politische und wirtschaftliche Interessen in der Region des Nahen Ostens hinter ideologischen Prinzipien zu verbergen.[7]

Der orientalistische Einwanderungsdiskurs Deutschlands

Dem Berliner Politologen Kien Nghi Ha[8] zufolge wird die Ablehnung der außereuropäischen Einwanderung seit Ende des kalten Krieges verstärkt mit orientalistischen Feindbildern begründet.[9] Die omnipresente Gefahr eines „islamischen Terrors“ als einer (scheinbaren) Tatsache ist Bestandteil der öffentlichen Berichterstattung; private wie öffentlich-rechtliche Radio- und TV-Sender integrieren diese wie selbstverständlich in ihr Programm. Sogenannte „Islamexperten“[10] und Politiker sprechen öffentlich von „der patriachalischen türkischen Kultur“, „dem frauenfeindlichen Islam“ oder „dem islamischen Erwachen“, ohne dass von der deutschen Mehrheitsgesellschaft eine Erklärung dieser Begriffsverbindungen erwartet wird.[11] Ein allgemeiner Konsens über bestimmte Kausalitäten scheint zu bestehen, welche in ihrer Gesamtheit den Islam per se als Ursache für die „Integrationsprobleme der Muslime“ in Deutschland innerhalb eines „zivilisierten (...) homogenen und friedfertigen christlich-abendländischen Europa[s]“ definiert haben.[12] Demnach sind also sowohl „der Islam“ als auch „Deutschland und Europa“ bzw. „der aufgeklärte Westen“ monolithische Einheiten, denen ihre zwar unterschiedlichen jedoch absoluten Wahrheitsansprüche gemeinsam sind, von Grund auf unvereinbar.

Eine weitere Annahme innerhalb dieses Diskurses ist die Gleichsetzung dieses als statisches, mit „europäischen Werten“ unvereinbares Konstrukt „Islam“ mit „den Muslimen“ - weiter mit den „muslimischen Einwanderern“ bzw. der „vorwiegend muslimischen, türkischen / arabischen Minderheit“. Daraus lassen sich folgende grundlegende Charakteristika innerhalb des deutschen Integrationsdiskurses ableiten:

- Abwesenheit einer historischen und kultur-bezogenen Kontextualisierung
- Diskussion über „den islamischen Terror“ ohne Bezug auf Saids Orientalismus-Kritik[13]
- legitimierte „Islamisierung“ sozial-kultureller Merkmale innerhalb der „muslimischen“ Community[14]
- fehlende Beachtung der Folgen des Kolonialismus‘, der expansiven US-Außenpolitik sowie der machtstrategischen Interessen Europas im Nahen Osten hinsichtlich der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse
- Polarisierung mittels emotional begründeter Bedrohungsszenarien
- Festschreibung kultureller Unterschiede als unvereinbare Gegensätze mittels künstlich erschaffener medial-inszenierter kultureller Charakteristika[15]
- Vorwurf der „tödlichen Toleranz“ und des „Werteverlustes“ als Argument gegen verschiedene Formen der Anerkennung anderer Kulturen und ihrer Werte[16]

[...]


[1] (* 30. März 1551 in Sulz am Neckar; † 21. Juni 1622 in Nürnberg), evangelischer Prediger und Orientreisender. Wikipedia, Salomon Schweiger. [Stand: 20.6.2012]

[2] Weiter: Auß welchem zu vernemen / Wann unnd woher ihr falscher Prophet Machomet seinen ursprung oder

anfang genommen; Özoguz, http://www.eslam.de/begriffe/q/pdf/altedeutschequrane.pdf. [Stand: 19.06.2012]

[3] Vgl. Rotter, S. 47f.

[4] Außerdem hat sich die wissenschaftliche Vorgehensweise nicht im Verhältnis zu den Möglichkeiten der Forschung weiter entwickelt, weshalb die sprachliche und inhaltliche Auseinandersetzung mit dem „Orient“ dieselbe ist wie zu Beginn der Orientforschung. Vgl. Said, Edward, Einführung; Bielefeldt, S. 4 ff.; Ha, S. 60f.; Danske, http://europenews.dk/de/node/41170. [Stand: 19.6.2012]

[5] z. B. zur Legitimierung imperialistischer Ausdehnung bzw. der begangenen Verbrechen während des Kolonialismus’. Vgl. Said, S. 13 – 24.

[6] Vgl. Said, S. 72 – 76.

[7] Vgl. Schulze, S. 5 f.

[8] U.a. Verfasser von Ethnizität und Migration Reloaded. Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität und Experte auf dem Gebiet der Postkolonialen Kritik. Vgl. Wvb, http://www.wvberlin.de/data/inhalt/ha.htm. [Stand: 19.6.2012]; Assoziation A, http://www.assoziation-a.de/autoren/Ha_Kien_Nghi.htm. [Stand: 19.6.2012]

[9] Soweit nicht anders angegeben, beziehen sich alle im Folgenden gemachten Angaben auf den Abschnitt Islamophobe Integrationspolitik im Präventivstaat aus: Binder, Hess, Moser (Hg.), No integration?! Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Integrationsdebatte in Europa, S. 60-65 , Bielefeld, 2009.

[10] Besonders populäre Beispiele sind meiner Ansicht nach Peter Scholl-Latour mit seinen zahlreichen “Aufklärungs”-Publikationen über den Islam und die arabische Welt, der deutsche Journalist Henryk M. Broder und die deutsch-türkische Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek.

[11] Vgl. Abdallah, S. 94 f.; taz, http://www.taz.de/!75402/. [Stand: 19.6.2012]

[12] Arnold Hottinger kam in Bezug auf die Orientforschung der 90er Jahre zu dem Schluss, die deutschsprachigen Länder seien immer noch Länder Karl Mays. Die Schuld dafür sieht er bei der akademischen Disziplin der Orientalistik, die sich in einer „Expertenwelt“ selbst eingeschlossen und damit die Auseinandersetzung mit politisch bedeutsamen Themen Journalisten und Politikern überlassen hätten. Vgl. Hottinger, S. 191.

[14] Beispiel: die Frauenunterdrückung als „islamische Eigenschaft“. Vgl. Ha, S. 63.; union21, http://blog.union21.de/?p=102. [Stand: 19.6.2012]

[15] Beispiele sind die sogenannten „Ehrenmorde“ oder Zwangsehen. Vgl. Ha, S. 62.

[16] Ha, Deutsche Integrationspolitik als koloniale Praxis, S. 122.

Details

Seiten
8
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656344469
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v206834
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
integration orientalismus diskurs einwanderung politik debatte türken islam

Autor

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