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Taliban. Von der afghanischen Aufstandsbewegung zum Sammelbecken für internationale Dschihadisten

Bachelorarbeit 2012 77 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte der Taliban
2.1. 1989 - 1994: Der Kampf um Kabul
2.2. 1994 - 1996: Die erfolgreiche Aufstandsbewegung
2.3. 1996-2001: HerrschaftundFall
2.4. 2001 - 2011: Neugruppierung und Widerstand

3. Eine gruppenspezifische Analyse der Aufstandsbewegung
3.1. Neo-Taliban
3.2. Untergruppen der Taliban-Bewegung
3.2.1. Afghanische Taliban - Quetta-Schura
3.2.2. Pakistanische Taliban - Therik-e Taliban Pakistan
3.2.3. Haqqani-Netzwerk
3.3. Verbündete der Taliban
3.3.1. Hizb-e Islami Gulbuddin
3.3.2. Al-Qaida
3.3.3. Islamic Movement Uzbekistan/Islamic Jihad Union
3.4. Resümee

4. Taliban: Ferngesteuert oder eigenständig?
4.1. Einflüsse Dritter
4.1.1. Pakistan
4.1.2. Al-Qaida
4.2. Friedensverhandlungen
4.3. Resümee

5. Fazit und Ausblick
5.1. Fazit
5.2. Ausblick

Literatur

Anhang: Abkürzungsverzeichnis, Glossar

1. Einleitung

Seit über zehn Jahren sind NATO-Truppen in Afghanistan stationiert. Im Februar 2012 belief sich ihre Zahl auf gut 130.000 Soldaten aus 49 verschiedenen Ländern (vgl. Livingston/O’Hanlon 2012: 4f). Zusammen mit derzeit 330.000 afghanischen Sicherheitskräften (vgl. ebd.: 6) werden sie dort mit Militanten konfrontiert, die sich als „Taliban“ bezeichnen und gemeinsam gegen das internationale Militär und die afghanische Regierung revoltieren. Die Anzahl der Taliban wurde 2010 auf etwa 30.000 geschätzt (vgl. ebd.: 17). Trotz klarer technischer und strategischer Überle­genheit schaffen es die NATO-Truppen nicht die terroristischen Attentate und Gue­rilla-Angriffe der Aufständischen zu unterbinden. Daher kann das internationale Mi­litär nicht für die nötige Sicherheit sorgen, welches eine ihrer Hauptaufgaben ist. Im Kampf gegen, die als Terroristen klassifizierten, Taliban starben bis Ende Februar 2.900NATO-Soldaten(vgl. ebd.: Ilf/Reuter/Schmitz/Stark2012: 80).

Den Taliban gelang es 1994 als afghanische Aufstandsbewegung mit der Unterstüt­zung Pakistans, den Bürgerkrieg in Afghanistan erfolgreich zu beenden. Mit der Än­derung der afghanischen Staatsform zum Emirat, in dem sie ihre Auslegung der Scharia als bindende Gesetztes- und Verhaltensgrundlage etablierten, kamen sie ih­rem Ziel, der Errichtung eines islamischen Gottesstaates, wesentlich näher. Aller­dings erhielten sie bis auf einige Ausnahmen keine diplomatische Anerkennung durch andere Staaten.

Durch die Beherbergung von Osama bin Laden, dessen Terrororganisation al-Qaida für die Anschläge auf das World Trade Center verantwortlich ist, wurden die Taliban in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Als Antwort auf die Terroranschläge al- Qaidas intervenierte die „Koalition der Willigen“ unter Führung der USA Ende 2001 in Afghanistan, um die von den dort ansässigen Terroristen ausgehende Gefahr zu beseitigen. Dabei unterschieden sie nicht zwischen Taliban und al-Qaida, sondern sahen diese als zusammengehörig an.

Durch die Intervention konnten die Taliban und al-Qaida zwar aus Afghanistan ver­trieben werden, doch die meisten konnten unversehrt in die pakistanischen Grenzge­biete flüchten und sich dort beinahe ungestört reorganisieren. Sie trafen auf ansässige extremistische Gruppen, mit denen ein Wissenstransfer stattfand und neue Netzwer­ke geknüpft wurden.

Die Reorganisation und das damit verbundene Wiedererstarken der Taliban hätten durchaus verhindert werden können. Zum einen tolerierte Pakistan die Ankömmlinge aus Afghanistan. Zum anderen konzentrierte sich die USA ab 2003 auf den Irak­Krieg. So wurden der Staatsaufbau und die angestrebte Entwicklung der Infrastruktur in Afghanistan unzureichend betrieben. Die Taliban nutzten die Gelegenheit und etablierten sich 2002 erneut als Widerstandsbewegung, mit dem Ziel die afghanische Regierung zu stürzen und den staatlichen Verwaltungs- und Sicherheitsapparat zu unterminieren. Dies zwang die NATO ihr Truppenkontingent stark aufzustocken.

Ab Mitte 2006 hat die Intensität und Form der Gewaltausübung durch den Einsatz von IEDs (Improvised Explosive Devices) und Selbstmordattentätem in Afghanistan stark zugenommen (vgl. Katzman 2012: 20). Seitdem kommen bei terroristischen Anschlägen immer mehr Zivilisten und Sicherheitskräfte ums Leben.

Aufgrund des beschlossenen Abzugstermins für das Jahr 2014 stehen die internatio­nalen Kräfte in Afghanistan unter starkem Druck die Sicherheitsübergabe an die af­ghanischen Ordnungskräfte zu gewährleisten.

Durch die Kooperationsunwilligkeit Pakistans ist auch den USA bewusst geworden, dass ein militärischer Erfolg gegen die Aufstandsbewegung nicht mehr machbar ist. Damit Afghanistan nach 2014 nicht im Chaos versinkt, bleibt nur noch die gemein­same Suche nach einer diplomatischen Lösung mit den Taliban (vgl. Reu­ter/Schmitz/Stark 2012: 80). Doch lässt sich mit den Taliban verhandeln? Sind sie vielleicht so stark von al-Qaida ideologisiert worden, dass ihre Verachtung gegen­über dem Westen so groß ist, dass Friedensverhandlungen nicht möglich sind? Sind die Taliban wirkliche eine homogene Gruppe, in der alle Mitglieder die gleiche Ideo­logie teilen und identische Ziele haben? Entscheiden sie überhaupt selbstständig oder werden sie von Dritten gesteuert/beeinflusst?

Die vorliegende Arbeit widmet sich diesen, für die nahe Zukunft Afghanistans, exis­tenziellen Fragen. Um den Leser die Möglichkeit zu geben, die Entwicklung der Aufstandsbewegung nachvollziehen zu können, wird dies in einem ersten Kapitel chronologisch darstellen. Danach folgt eine Analyse der Gruppenstruktur der Tali­ban-Bewegung. Dies soll die Hinterfragung der Homogenität beantworten. Im fol­genden Kapitel werden die Taliban im Hinblick auf die Einflüsse Dritter betrachtet, um zu überprüfen, ob die Taliban eigenständig sind oder ob ihre Handlungen instru­iert werden.

Ziel dieser Arbeit ist es zu prüfen, ob der Titel „Taliban - von der afghanischen Auf­standsbewegung zum Sammelbecken internationaler Dschihadisten“, der eine Ent­wicklung impliziert, einer realistischen Darstellung entspricht. Darüber hinaus soll ein möglichst aktueller Bericht zur Struktur der Taliban dargelegt werden.

Für die chronologische Darstellung gibt es in der Literatur beispielsweise sehr gute Darstellungen der Bewegung, wie ,,Taliban“ von Ahmed Rashid oder ,rAfghanistan and Pakistan“ von Riaz Mohammad Khan. Durch die Bücher ,,Koran, Kalashnikov, and Laptop“ und ,,Decoding The New Taliban“ von Antonio Giustozzi werden die Gruppenstrukturen der Taliban nachvollziehbar. Da die Situation dieser Arbeit mög­lichst aktuell wiedergegeben werden soll, wird häufig auf Medienberichte und Ana­lysen, beispielsweise des Afghan Analysts Network, der International Crisis Group oder des Institute For The Study Of War zurückgegriffen. Diese Berichte sollen dann zu einem Gesamtbild zusammengeführt werden. Dies gilt besonders für das dritte Kapitel in dem Einflüsse Dritter dargestellt werden. Dort wird vor allem Bezug auf den Bericht,,The Sun In The Skyu von Matt Waldman genommen.

2. Die Geschichte der Taliban

In diesem Teil werden die wichtigsten historischen Eckpunkte der Taliban­Bewegung darstellen. Dies soll dazu beitragen, dass die folgenden Erläuterungen besser nachvollzogen und historisch eingeordnet werden können.

Zunächst wird kurz die Situation erläutert, in der die Taliban-Bewegung entstand.

Die Taliban-Bewegung lässt sich in vier Phasen unterteilen. Sie entstand durch eine Protestbewegung gegen den Bürgerkrieg, der nach dem Kampf der Mudschaheddin gegen die Rote Armee, in Afghanistan stattfand. Die zweite Phase beläuft sich von 1994 bis 1996. 1994 traten die Taliban das erste Mal in Erscheinung und schafften es bis 1996 die Herrschaft über Kabul und über die Großzahl der afghanischen Distrikte zu übernehmen. Die dritte Phase beläuft sich von 1996 bis 2001. Sie ist gekenn­zeichnet von der Herrschaft der Taliban über Afghanistan. Die Nicht-Auslieferung von Osama bin Laden führte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 von al-Qaida auf das Pentagon und das World Trade Center zu einer internationalen Militär-Operation und zur Vertreibung der Taliban aus Afghanistan. Die dritte Phase beginnt Ende 2001 als die Taliban in die pakistanischen Grenzgebiete flüchteten. Dort fanden eine Neuordnung und eine Ideologisierung statt. Zudem wandelte sich der Charakter der Taliban, die sich 1994 als Aufstandsbewegung gegen die korrupten Warlords verstanden. Die Gotteskrieger, welche sich heute als Taliban bezeichnen, sind weitaus diversifizierter und geprägt von ideologischen Unterschieden. Ihr Ope­rationsgebiet beschränkt sich nicht mehr auf Afghanistan, sondern wurde nun auf Pakistan ausgeweitet. Darüber hinaus tummeln sich dort zahlreiche Dschihadisten, welche unter dem Deckmantel der Taliban in ihren heiligen Krieg ziehen wollen.

2.1. 1989 bis 1994: Der Kampf um Kabul

Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989 versank Afghanistan in einen lan­gen, erbitterten Kampf verschiedener Kriegsherren. Viele junge Mudschaheddin gin­gen zurück in ihre Stammesgebiete und setzten das Koranstudium in einer der zahl­reichen Madrassas fort, von denen viele von der Partei Jamiat Ulema-e Islam (JUI) geführt wurden (vgl. Steinberg 2011).

1992 gelang es den tadschikischen Streitkräften von Ahmed Schah Massoud und den usbekischen Streitkräften unter General Rashid Dostum, den regierenden Präsidenten Nadschibullah aus Kabul zu vertreiben. Dies führte zu einem Bürgerkrieg, da der Stamm der Paschtunen zum ersten Mal seit 300 Jahren die Herrschaft über die Hauptstadt verlor. 1993 gab es harte Gefechte zwischen dem neuen Präsidenten Rab­bani und Gulbuddin Hekmatyar, welcher die Paschtunen versammelte, dabei knapp zwei Jahre Kabul belagerte und die Stadt unaufhörlich mit Granaten beschießen ließ. Kurz vor dem Aufstand der Taliban stand Afghanistan 1994 vor dem Abgrund. Ge­neral Rashid Dostum musste erkennen, dass er keine entscheidende Machtposition unter dem neuen Präsidenten einnehmen konnte und löste sein Bündnis mit ihm. Er schloss sich mit Hekmatyar zusammen um Kabul anzugreifen. Das Land war unter Warlords aufgeteilt. Mit wechselnden Bündnissen bekriegten sie sich untereinander. Afghanistan war tief gespalten, da alle Stammesstrukturen und die gesamte Wirt­schaft ausgelöscht worden waren, (vgl. Rashid 2010b: 42f).

Die Warlords ließen die Bevölkerung enteignen, beraubten Händler und zogen brandschatzend umher. Dabei gab es auch zahlreiche sexuelle Übergriffe auf Mäd­chen und Jungen. Gerade für die paschtunischen Mudschaheddin war die Situation unerträglich (vgl. ebd.: 44). Diese Melange aus fehlenden staatlichen Strukturen, wirtschaftlichem Stillstand, schweren Menschenrechtsverletzungen und den Macht­spielen der Warlords führte zu einem riesigen Flüchtlingsstrom, vor allem in Rich­tung Pakistan, und resultierte letztlich in der Aufstandsbewegung der Taliban, ,,[...] mit dem heute noch erklärten Ziel, Frieden herzustellen, die Bevölkerung zu ent­waffnen, die Scharia geltend zu machen und die Integrität und den islamischen Cha­rakter Afghanistans zu verteidigen.“ (ebd.: 45).

Der Krieg unter den Mudschaheddin zeigte Pakistan, dass diese keine verlässlichen Verbündeten waren. Daher stellte der pakistanische Inter-Services Intelligence (ISI) aus den Schülern der Madrassas der JUI eine Kampftruppe zusammen - die Taliban (vgl. Steinberg 2011). Die ursprünglichen Taliban um Mullah Omar schlossen sich in Kandahar zusammen (vgl. Rashid 2010b: 44).

Die Taliban entstammen der Gruppe der Paschtunen. Sie erkennen die Grenze zwi­schen Afghanistan und Pakistan nicht an, da sich ihr Stamm über die Durand-Linie, die Grenze beider Länder, erstreckt. Sie stellen mit gut 40 Prozent den größten Anteil der gesamten afghanischen Bevölkerung. Ihr Gemeinschaftsleben ist durch den Mo- ral-und Gesetzeskodex „Paschtunwali“ geregelt (vgl. Koelbel/Ihlau 2008: 54). Die Paschtunen regeln ihr Leben stammesintem und sind somit nicht an Regierungsäm- tem interessiert. Bei den Clanchefs der Paschtunen sind die Taliban nicht unmittelbar beliebt, da sie mit ihrer Rechtsauslegung, nach Scharia-Gesetzen, den Stammeskodex „Paschtunwali“ verdrängten (vgl. ebd.: 93).

2.2. 1994 -1996: Die erfolgreiche Aufstandsbewegung

Zum ersten Mal erschienen die Taliban Ende 1994 in Kandahar, welches sie rasch einnahmen, da sie dort für Frieden und Sicherheit sorgen wollten (vgl. Rashid 2010b: 16). Um einen islamistischen Gottesstaat zu errichten, distanzierten sie sich von jeg­licher Parteipolitik und wollten Afghanistan als Bewegung von den Warlords befrei­en (vgl. ebd.: 46). Die Taliban stießen in die Lücke, die während des Kampfes der Warlords um Kabul zwischen der Regierung und der Bevölkerung entstanden war. Da Rabbani und Massoud gegen Dostum und Hekmatyar um Kabul rangen, waren die staatlichen militärischen Kapazitäten ausgereizt, so dass die Taliban zu Beginn relativ frei agieren konnten (vgl. Nojumi 2002: 121).

Sie entwaffneten die Bevölkerung und sicherten die Hauptverkehrsstraßen, damit die Schmugglersyndikate wieder unbehelligt das afghanische Verkehrsnetz für ihre Ma­chenschaften nutzen konnten. Die Schutzgebühren waren für die Taliban die wich­tigste Einnahmequelle (vgl. Crews/Tarzi 2008: 64). In dieser Zeit bat die Bevölke­rung die Taliban häufig, Streitigkeiten zu schlichten. Die isolierte Regierung in Ka­bul versprach den Taliban finanzielle Unterstützung, falls sie gegen Hekmatyar Vor­gehen würden, der immer noch Kabul beschoss. Wichtige Unterstützung erhielten die Taliban vor allem aus Pakistan von der fundamentalistischen JUI und deren An­führer Maulana Fazlur Rehman. Dieser war 1994 ein Verbündeter der pakistanischen Premierministerin Benazir Bhutto. Rehman stellte die Taliban der Regierung, Armee und dem pakistanischen Geheimdienst ISI vor (vgl. Rashid 2010b: 50).

Am 12. Oktober 1994 traten die Taliban erstmals in einer militärischen Aktion auf. An dem Grenzort Spin Baldak griffen sie mit 200 Kämpfern aus Pakistan und Kan­dahar eine Truppe von Hekmatyar an, welche die Stadt kontrollierte und die Trans­portmafia ausbeutete. Diese hatte Omar finanzielle Unterstützung zugesichert, falls die Taliban die Straßen sichern würden. Nach dem erfolgreichen Gefecht überließ Pakistan den Taliban das sich dort befindliche Waffendepot. Nun waren die Taliban für ernsthafte Gefechte ausgerüstet (vgl. ebd.: 52f). Auch am 3. November 1994 bat die pakistanische Regierung die Taliban einen Konvoi von 80 pakistanischen LKWs, etwa 20 Kilometer von Kandahar entfernt, zu befreien. Mit dem Konvoi reisten eben- falls hochrangige pakistanische Geheimdienstler. Die Taliban befreiten den Konvoi und nahmen zwei Tage später ganz Kandahar ein. Sie übernahmen das gesamte Waf­fenarsenal, zu denen auch sowjetische Panzer und Kampfbomber gehörten.

Pakistans Regierung und die JUI feierten die Taliban als „ihre Jungs“. Allerdings sprachen sich die Taliban frei von einer pakistanischen Kontrolle. Sie kontrollierten nun die Straßen zwischen Pakistan und Kandahar. Dort richteten sie eine einmalige Maut für LKWs ein, sorgten im Gegenzug für deren Sicherheit. Gleichzeitig kamen immer mehr junge Paschtunen aus den Grenzgebieten und aus den Madrassas der JUI nach Kandahar. Insgesamt schlossen sich dort bis Ende 1994 etwa 12.000 afgha­nische und pakistanische Koranschüler zusammen (vgl. ebd.: 54f).

1995 leugnete die pakistanische Premierministerin Bhutto jegliche pakistanische Unterstützung für die Taliban. Allerdings wollte sie auch keinen Afghanen davon abhalten die Grenze zu passieren (vgl. ebd.: 55). Die Taliban führten eine sehr strikte Auslegung der Scharia ein. Diese islamische Gesetzgebung hatte zur Folge, dass die Menschenrechte von Frauen drastisch limitiert wurden. Es wurden alle Mädchenschulen geschlossen und Frauen durften nur in seltenen Fällen das Haus verlassen. Männer mussten sich Bärte wachsen lassen. Auch kulturelle Aktivitäten, wie viele Sportarten, Kartenspielen, Musik, Fernsehen und Video wurden verboten. Kompromisse mit anderen traditionellen islamischen Werten oder sozialen Strukturen wurden von den Taliban entschieden abgelehnt. Wer sich der Gesetzgebung der Taliban verwehrte, konnte öffentlich hingerichtet werden (vgl. Koelbl/Ihlau 2008: 92). In Kandahar etablierten sie schnell den Hohen Islamischen Gerichtshof, welcher dem Höchsten Gericht der Taliban unterstand (vgl. Rashid 2010b: 19).

Bereits zu Beginn des Jahres hatten die Taliban die vorherrschende Machtbalance der sich bekriegenden Warlords vollständig überworfen, da sie es schafften, die Pattsituation, in der sich die Warlords befanden, rasch aufzulösen (vgl. ebd.: 57). Ihre Anhängerschaft stieg schnell auf 20.000 Mann an, welche weiter über die ungesicherte Grenze von Pakistan nach Afghanistan strömten. Die Mehrzahl von ihnen waren im jugendlichen Alter und hatten Afghanistan noch niemals im Zustand des Friedens gelebt. Ihnen fehlte ein geschichtliches Wissen über ihr Heimatland sowie jegliche Stammeszugehörigkeit. Der Krieg war für diese jungen Männer die einzige Beschäftigung. Die ihnen in den Madrassas in Pakistan eingetrichterte Islam- Auslegung war ihr einziger Halt. Ihre Einstellung zur Frau resultierte daraus, dass sie ohne deren Gesellschaft aufwuchsen. Die Unterdrückung der Frau unterscheidet die Taliban grundsätzlich von den Mudschaheddin. Ferner agierten sie hoch motiviert und rücksichtslos, um ihre Ziele zu erreichen. In den paschtunischen Gebieten Afghanistans hatten die Taliban leichtes Spiel, da sich die dortigen Befehlshaber lieber gleich ergaben, als gegen ihre Stammesbrüder zu kämpfen (vgl. ebd.: 58ff).

Im Februar schafften es die Taliban, Hekmatyars Hauptqautier einzunehmen und ließen wieder Warenlieferungen nach Kabul zu. Dieser Schritt brachte ihnen viele Sympathien der Einwohner von Kabul ein (vgl. ebd.: 61). Darauf forderten die Taliban den Rücktritt von Präsident Rabbani und die Kapitulation des Armeechefs Massoud. Zudem trafen sich die Taliban mit dem UN-Vermittler Mestiri und stellten ihre Bedingen für die eine Beteiligung an einem Friedensprozess. Sie forderten, die Etablierung der Taliban als „neutrale“ Streitmacht und dass nur „gute Muslime“ in die Übergangsregierung berufen werden. Auf diese Forderungen gingen der afghanische Präsident und der UN-Vermittler nicht ein. Weitere Verhandlungen fanden zwischen den Taliban und den Hazaras statt, die ebenfalls gegen Masud um Kabul kämpften.

Als bei einer Waffenübergabe im März zwischen beiden Gruppen Mazarí, der Anführer der Hazaras, getötet wurde, gaben die Hazara den Taliban dafür die Schuld (vgl. Khan 2011: 61). Der Stamm der Hazara besteht fast vollständig aus Schiiten. So kam es zu einer ethnischen und konfessionellen Spaltung zwischen Sunniten, Paschtunen (Taliban), und Schiiten, den Hazaras. Durch diesen Vorfall stellte sich Iran - ethnologisch verbunden mit den afghanischen Schiiten - gegen die Taliban.

Den ersten Rückschlag erlitten die Taliban im März beim Kampf um Kabul, als Massoud und das afghanische Militär die Taliban massiv zurückdrängen konnten. Grund für die Niederlagen waren die unausgereifen Taktiken und die schwache Militärstruktur der Taliban. Der Misserfolg minderte zwar ihr Ansehen, jedoch nicht ihre Entschlossenheit. Eine Taktik, die sie zu diesem Zeitpunkt erstmals anwandten, war der Einsatz von Bestechungsgeldem, um gegenerische Befehlshaber zum Überlaufen zu bewegen (vgl. Rashid 2010b: 62f).

Bis Mai 1995 hatte die Aufstandsbewegung bereits 12 von 31 afghanischen Provinzen übernommen. Dort wurde umgehend die Scharia eingeführt, die Bevölkerung entwaffnet und die Straßen für die Transportmafia geöffnet (vgl. ebd.: 56). Die Öffnungen der Straßen ließ die Lebensmittelpreise sinken (vgl. ebd.: 63).

Im August leistete sich Ismael Khan, Befehlshaber über Herat eine schwerwiegende Niederlage gegen die Taliban. Er startete eine Offensive in Richtung Kandahar. Die Taliban mobilisierten 25.000 Kämpfer, die mit Waffen und Fahrzeugen aus Pakistan und Saudi-Arabien ausgestattet waren und Khan vernichtend schlugen. Durch ein Bündnis mit Dostum, dessen Luftwaffe Herat bombadierte, konnten die Taliban eine Bodenoffensive startete. Anfang September flüchtete Khan in den Iran und die Taliban nahmen Herat ein. Danach wandten sich die Taliban mit ihren militärischen Aktionen wieder gen Kabul (vgl. ebd.: 69ff).

Im März 1996 rief Mullah Omar die größte Ulema-Versammlung ein. Es wurden nur religiöse Führer eingeladen, um über die Zukunft zu debattieren und um Omar zu legitimieren. Im April wurde Omar zum „amir-ul-momineen“, zum „Befehlshaber der Gläubigen“, ausgerufen. Durch diesen Titel wurde Omar zum unumstrittenen Führer des Dschihad und zum Emir von Afghanistan (vgl. ebd.: 72f). Dieser Akt wurde von Omar symbolisch untermauert, indem er sich in Kandahar den Umhang des Propheten Mohammed umlegte. Dieser Schritt legitimierte ihn, alle Muslime anzuführen (vgl. Koelbl/Ihlau 2008: 92). Die Ulema-Konferenz endet mit der Erklä­rung des Dschihad gegen die Regierung Rabbanis (vgl. Rashid 2010b: 73f).

Während sich im Februar 1996 Präsident Rabbani der Bedrohung durch die Taliban allmählich bewusst wurde und Gespräche mit den anderen Warlords, wie Dostum und Hekmatyar, über Friedensbedingungen zu führen begann, versuchte Pakistan mit den Taliban eine Allianz gegen die afghanische Regierung zu bilden. Allerdings lehnten die Taliban weitere Verhandlungen mit Pakistan ab (vgl. ebd.: 75f). Da Indi­en die Regierung von Kabul unterstützte und Iran weiter die Hazaras finanzierte, erhöhte Saudi-Arabien die finanzielle Unterstützung und Pakistan versorgte sie mit Waffen und Lebensmitteln (vgl. ebd.: 77f).

Rabbani setze seinen innerafghanischen Dialog fort und hatte damit zunächst Erfolg. Im Juni kam Hekmatyar nach Kabul, um dort als Premierminister in der Regierung zu füngieren (vgl. Khan 2011: 62). Im August stimmte Dostum einem Waffenstill­stand zu. Die Taliban sahen sich nun gezwungen umgehend gegen diese Allianz vor­zugehen, damit sie sich nicht etablieren konnte. So verstärkten sie ihre Attacken auf Kabul (vgl. Rashid 2010b: 80f). Ende August 1996 unternahmen sie einen Überra­schungsangriff auf Kabul und schafften es bis Ende September die Luftversorgung der afghanischen Armee abzuschneiden und Kabul wenige Tage später einzunehmen.

„Keine afghanische Streitmacht, weder von Regierungs- noch von Oppositionsseite, hatteje eine so rasante und komplexe Reihe von Einsätzen über ein so weites Gebiet durchgeführt. Es war eine Höchstleistung an mobiler Kriegsführung.“ (Davis 1998). Der Siegeszug der Aufstandsbewegung war nun komplett.

2.3. 1996 bis 2001: Herrschaft und Fall

In der Hauptstadt wurden sie von der Bevölkerung zunächst als Befreier gefeiert. Die Stimmung änderte sich rasch, als der ehemalige afghanische Präsident Nadschibul- lah, welcher im Schutz einer UN-Siedlung lebte, öffentlich gehängt wurde. Die Tali­ban wollten Afghanistan zwar von der Korruption und der Willkür der ehemaligen Mudschaheddin-Führer befreien, jedoch gingen sie dabei keinerlei Kompromisse ein und eliminierten ihre politischen Gegner ohne Umschweife (vgl. Rashid 2010b: 20f). Der Mord an Nadschibullah rief national und international heftige Proteste hervor. Die Taliban führten auch in Kabul ihre strenge Auslegung der Scharia ein. So regier­ten sie auch in der weltoffenen Großstadt wie in ihren Stammesgebieten (vgl. ebd.: 86f). Aus der „Islamischen Republik“ wurde das „Islamische Emirat von Afghanis­tan“ (vgl. Schetter 2007: 78). Sie führten das Land autoritär mit totalitären Zügen (vgl. Steinberg 2010).

Der Regierung in Kabul fehlten die finanziellen Mittel, um eine funktionierende Verwaltung aufzubauen, während die Führungsriege in Kandahar in Bin Laden einen Financier fand (vgl. Khan 2011: 78). Dieser nutzte das Bündnis mit den Taliban und machte Afghanistan zu einer Ausbildungsstätte für internationale Terroristen. Die anti-amerikanische Gesinnung von bin Laden sprang auch auf die Taliban über, wel­che 1994 die USA noch nicht als Feind betrachteten, (vgl. Rashid 2010a: 38)

Im Oktober verbündeten sich Rabbani, Dostum, Massoud und der Hazara-Anführer Khalili zum „Obersten Rat zur Verteidigung des Mutterlandes“, als neue Allianz gegen die Taliban. Schnell starteten sie eine Offensive gegen die Taliban. Dabei er­litten die Taliban schwere Verluste (vgl. Rashid 2010b: 90). Die Allianz bestand aus Nicht-Paschtunen und war somit ein ethnischer Gegenpol zu den Taliban (vgl. Khan 2011: 63). Auf die Seite der Nord-Allianz schlugen sich der Iran, Russland und wei­tere zentralasiatische Staaten. Saudi-Arabien und Pakistan intensivierten auf der an­deren Seite ihre Unterstützung für die Taliban (vgl. Rashid 2010b: 91). Die Taliban blieben dennoch isoliert, da sie keine internationale Anerkennung erhielten (vgl. Khan 2011: 65). Omar sagte zu dieser Situation: „Wir haben das Gefühl, eine militä­rische Lösung hatjetzt bessere Perspektiven, nach so vielen vergeblichen Versuchen, eine friedliche Einigung auszuhandeln.“ (Yousufzai 1997).

Nach der Eroberung Kabuls hatten die Taliban Kontrolle über 22 Provinzen (vgl. Rashid 2010b: 92). Doch anstatt die eingenommenen Provinzen zu sichern, zogen sie unmittelbar weiter gen Norden um weitere Gebiete einzunehmen (vgl. Khan 2011: 65).

Im Mai 1997 gelang es den Taliban Abdul Malik Pahlawan, den Truppenführer Dos­tums, durch Versprechungen und Bestechungen, zu gewinnen. Er nahm Mazar ohne Gegenwehr ein (vgl. Marsden 1998: 53). Durch diesen Coup gelang es den Taliban die Stadt Mazar-e-Sharif einzunehmen und somit an die Machthoheit im Norden zu gelangen. Dostum floh in die Türkei (vgl. Khan 2011: 67). Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate erkannten die Taliban nun als legitime Re­gierung Afghanistans an (vgl. Murshed 2006: 82f). Die Taliban verstanden in den nördlichen Gebieten allerdings nicht, dass dort andere ethnische Gruppen beheimatet waren und wollten ihre eigenen Gesetze einführen, was zwangsläufig auf Widerstand stieß (vgl. Khan 2011: 67).

Die usbekischen Stämme im Norden waren zutiefst verärgert, da sie nicht mit der vollständigen Entmachtung einverstanden waren. Die ortsunkundigen Taliban muss­ten bei Gefechten mit Hazaras schwere Verluste hinnehmen und die nördlichen Dis­trikte schließlich wieder aufgeben. In diese Gebiete drang Malik mit seinen Truppen. Zusätzlich trieb Massoud die Taliban bis kurz vor Kabul zurück. Diese Niederlage war ein schwerer Schlag für die Taliban. Der Vormarsch in den Norden führte dazu, dass die Taliban mit allen Nachbarstaaten, außer Pakistan, im Konflikt lagen (vgl. Rashid 2010b: 97-100).

Massoud kämpfte wieder mit den Taliban um die Vorherrschaft in Kabul. Die Nord­Allianz konnte sich jedoch nicht festigen, da ein stetes Misstrauen gegenüber der Loyalität Maliks bestand. Schließlich kehrte Dostum aus der Türkei zurück und be­kämpfte seinen ehemaligen Truppenführer, welcher in den Iran fliehen konnte. Dos­tum verdrängte die Taliban aus Mazar, die dort erneut vorgerückt waren (vgl. ebd.: 103ff). Der Kampf um den Norden führte zu zahlreichen Massakern und deckte die Spaltung zwischen den verschiedenen ethnischen Bevölkerungsteilen und den unter­schiedlichen Stammesgruppen auf (vgl. Weidemann 2010: 33).

Zu Beginn des Jahres 1998 erließen die Taliban noch strengere Gesetze. In Kandahar und Kabul wurde der Strafvollzug durch Auspeitschen, Hinrichtungen, Steinigungen von Frauen und das Abhacken von Gliedmaßen öffentlich zelebriert (vgl. Rashid 2010b: 115). Alle diplomatischen Versuche die Situation der Menschen zu verbes­sern und den internationalen Hilfsorganisationen die Arbeit zu ermöglichen scheiter­ten seitens der Taliban, die nicht mit sich verhandeln ließen (vgl. ebd.: 117). Die Ta­liban rechtfertigten ihre Tatenlosigkeit damit, dass sich Gott um die Menschen küm­mern wird.

Im Sommer 1998 hatten die Taliban die Kontrolle über 90 Prozent aller Distrikte Afghanistans (vgl. ebd.: 22). Im August schafften es die Taliban, Dostum zu vertrei­ben und sich mit einem brutalen Überfall auf Mazar an den Hazaras zu rächen. Ent­gegen allen islamischen Regeln, die die Taliban sonst strikt verfolgten, mordeten sie dort ohne zwischen Frauen/Kindem und gegnerischen Kämpfern zu unterscheiden (vgl. ebd.: 119í).

Im selben Monat verübten Anhänger von al-Qaida Sprengstoffangriffe auf die US- Botschaften in Tansania und Kenia. Die USA veränderten schlagartig ihre Haltung gegenüber den Taliban. Zuvor waren sie den Taliban durchaus wohlgestimmt, da sie den US-amerikanischen Wirtschaftsinteressen nicht im Weg standen[1] und ebenfalls eine Antipathie gegen den Iran hegten. Doch durch die Verletzung der Frauenrechte und verschiedener terroristischer Anschläge wurden die Taliban zu einer Bedrohung (vgl. Kühn 2010: 291). Als Vergeltung bombardierten die USA Ausbildungslager im Nordosten Afghanistans, welche von Osama bin Laden geführt wurden. Dies schürte die Wut Omars auf die USA und er erklärte, dass Bin Laden ein Gast der Taliban und des afghanischen Volkes sei und niemals an die USA ausgeliefert wird.

Im September 1998 gelang es den Taliban die Stadt Bamian, und damit eine der letz­ten Hochburgen der Hazara, zu erobern. Ihre kulturelle Intoleranz bewiesen sie mit der Zerstörung der 2.000 Jahre alten Buddha-Statuen, die zuvor Afghanistans bedeu­tendstes archäologisches Werk darstellten (vgl. Rashid 2010b: 123f). Derweilen ver­blieb mit General Massoud, der noch einige Provinzen kontrollierte, nur noch ein ernsthafter Gegner für die Taliban (vgl. Schetter 2007: 78).

Mullah Omar hatte so gut wie keinen Kontakt zu westlichen Journalisten. Pakistani­sche Berater lieferten offizielle Mitteilungen an die ausländischen Botschaften in Islamabad (vgl. Rashid 2010b: 48). Ferner zog Saudi-Arabien seine finanzielle Un­terstützung zurück und stellte die diplomatischen Beziehungen zu den Taliban ein. Sie tolerierten nicht, dass Omar sich weigerte Bin Laden auszuliefem, obwohl Omar es dem saudischen Prinzen Turki Al Faisal angeblich versprochen hatte (vgl. Murs- hed 2006: 300ff). So blieb Pakistan der einzige Verbündete, da dessen Regierung nicht die Warlords der afghanischen Nord-Allianz an der Macht sehen wollte (vgl. Musharraf 2006: 209, 211). Im Dezember wurde die erste UN-Resolution gegen Af­ghanistan ausgesprochen. Pakistan war das einzige Land, welches diese Resolution nicht unterstützte, und wurde dadurch international isoliert (vgl. Rashid 2010b: 127).

Im März 1999 fanden unter dem Druck der UNO und anderer Staaten Gespräche zwischen den Taliban und der Opposition statt. Omar lehnte darauf weitere Gesprä­che ab und alle diplomatischen Beziehungen lagen wieder auf Eis (vgl. ebd.: 127). Der UN-Sicherheitsrat verhängte im Oktober weitere Sanktionen gegen die Taliban. Zum einen wurden alle Bankkonten der Taliban im Ausland eingefroren, zum ande­ren wurde der gesamte zivile Flugverkehr nach Afghanistan eingestellt. Die USA forderten immer nachdrücklicher die Auslieferung Bin Ladens (vgl. Khan 2011: 86). Positive Auswirkungen der Taliban-Herrschaft waren, dass die kontrollierten Gebiete sicher und ohne Straßensperren waren. Zudem wurde der Mohnanbau reduziert (vgl. ebd.: 77). Des Weiteren gelang es den Taliban eine effektive und umfassende Land­wirtschaftssteuer einzufuhren (vgl. Rashid 2010a: 199).

Während 2000 die Kämpfe zwischen den Taliban und Massoud weitergingen sahen sich die Taliban gezwungen, aufgrund einer Dürrekatastrophe die UN um humanitäre Hilfe anzurufen. Diese konnte nur geringfügig umgesetzt werden, da die Taliban einen Waffenstillstand weiter ablehnten (vgl. Rashid 2010b: 129). In dieser Zeit kam es auch zu ersten ernsthaften Konflikten unter den Führern der Taliban. Von den Paschtunen-Stämmen gab es Unmut wegen der fehlenden Betroffenheit für das Lei­den der Bevölkerung. Erstmals wurde in Khost offen gegen die Taliban protestiert. Dürre, hohe Steuern sowie die Wehrpflicht berechtigten zwar diese Kritik, bei den Taliban führten die Proteste aber nur zu einer immer größer werdenden Rücksichts­losigkeit gegenüber der Bevölkerung (vgl. ebd.: 130). Im Dezember erließ der UN­Sicherheitsrat eine weitere Resolution gegen die Taliban die ein Waffenembargo sowie das Einfrieren aller ausländischen Bankkonten al-Qaidas beinhaltete (vgl. Khan 2011: 86).

2001 versuchten die UNO und die USA den Druck auf die Taliban weiter zu erhö­hen, um sie zur Auslieferung bin Ladens zu bewegen. Die anhaltende Wirtschaftskri­se verschärfte sich, als das Anbauverbot von Schlafmohn, dass Omar 2000 erließ, umgesetzt wurde (vgl. Rashid 2010b: 334, 336). Am 9. September 2001 wurde der ehemalige Armeechef Massoud durch al-Qaida ermordet. Die Eliminierung des letz­ten großen Widersachers war ein Geschenk an die Taliban (vgl. Khan 2011: 87). „Bereits vor dem 11. September war offensichtlich, dass Afghanistan zu einer großen Bedrohung der regionalen, aber auch internationalen Stabilität geworden war. Dürre, Bürgerkrieg, Massenflucht, Drogenschmuggel, die harte Linie der Taliban-Führung und die wachsende Zahl terroristischer Gruppen, die von Afghanistan aus operierten, hätten für den Westen Warnung genug sein können. Doch die Bedeutung Afghanis­tans begriff die Welt in fassungslosem Entsetzen erst, als zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center rasten.“ (Rashid 2010b: 337). Die Anschlä­ge wurden von al-Qaida verübt und zuvor in Afghanistan geplant (vgl. Schetter 2007: 81).

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schlossen die USA mit Russland, Saudi-Arabien, Pakistan und anderen NATO-Mitgliedern das Bündnis „Coalition against Terrorism“. Die Umsetzung begann am 7. Oktober mit der „Operation Enduring Freedom“. Das Ziel der Operation war es die Taliban und al-Qaida zu eli­minieren und aus Afghanistan zu vertreiben. Da Pakistan offiziell die amerikanische Militärinvasion unterstützte, waren die Taliban international vollständig isoliert. Omar weigerte sich, trotz allen Bemühungen Pakistans, Bin Laden auszuliefem. Dies basierte vor allem auf der Fehleinschätzung, dass die USA keine Bodenkräfte nach Afghanistan schicken würden (vgl. Rashid 2010b: 338f). Diese unrealistische Ein­schätzung wurde durch die rhetorische Frage Omars manifestiert: ,,[...] whether the U.S. might was greater than that of Allah.“ (Khan 2011: 91). Bei der Operation Enduring Freedom bombardierten US-Luftstreitkräfte die Taliban massiv aus der Luft. Am Boden ging die Nord-Allianz um General Rashid Dostum und Mohammed Atta gegen sie vor (vgl. Rashid 2010b: 339).

Pakistan begann ein doppeltes Spiel. Es verhinderte nicht, dass zahlreiche Taliban, vor allem die Führungsriege, nach Pakistan flüchten konnten. Sie konnten in den nordwestlichen Stammesgebieten ungestört Schutz suchen, da Pakistan in diesem Bereich keine staatliche Kontrolle hatte (vgl. Khan 2011: 100). Da die USA zunächst darauf verzichteten, selbst Bodentruppen einzusetzen konnte diese Massenflucht nicht verhindert werden. Unterdessen konnten viele Taliban durch Bestechungsgel­der der CIA bewegt werden, die Seite zu wechseln (vgl. Rashid 2010b: 340).

2.4. 2001 - 2011: Neugruppierung und Widerstand

Bereits am 13. November 2001 wurde Kabul durch die Nord-Allianz eingenommen (vgl. Rashid 2010a: 51). Durch diesen Militäreinsatz verloren die Taliban etwa 20 Prozent ihrer Streitkräfte. Doch fast die gesamte Führungsebene blieb intakt, so dass eine Neuformierung in Pakistan möglich war (vgl. Rashid 2010b: 340f). Die Taliban und al-Qaida ließen sich in den Federally Administered Tribal Areas (FATA) in Pa­kistans Westen nieder (vgl. Khan 2011: 122). Das interne politische Gleichgewicht in den FATA brach durch die Taliban zusammen. Dieses entstandene Vakuum füllten lokale und eingewanderte extremistische Gruppen. Es entstand schnell eine Gemen­gelage wie zu Zeiten der Taliban-Herrschaft in Afghanistan, in der andere extremisti­sche Gruppen die Rückzugsräume der Taliban nutzen (vgl. Shinwari 2010: 79).

In Bonn wurde am 27. November auf dem Petersberg eine Konferenz zur Bildung einer neuen Regierung einberufen. Die Taliban wurden nicht dazu eingeladen (vgl. Khan 2011: 102). Die Bonner Konferenz war kein Friedensprozess, da dies zumin­dest ein ausgehandeltes Waffenstillstandsabkommen zwischen Siegern und Besieg­ten als Resultat vorrausetzt. Da die Taliban ihre Niederlage nicht akzeptierten gab es formal keinen Besiegten (vgl. Rashid 2010a: 76).

Durch den raschen Erfolg der „Operation Enduring Freedom“ entstand ein Machtva­kuum in Afghanistan, das durch Einsetzung einer Übergangsregierung geschlossen wurde (vgl. Rashid 2010b: 341). Der Paschtune Hamid Karzai wurde als Übergangs­präsident ausgewählt (vgl. Rashid 2010a: 64). Die neue Regierung wurde von den Taliban als unrechtmäßig betrachteten, da sie ihr Islamisches Emirat umgestürzt hat­te. In den Augen der Taliban hatte nur Omar, als „amir-ul-momineen“, das Recht sie zu regieren (vgl. Christia/Semple 2010: 35).

Eine politische Partizipation der Bevölkerung wurde durch Karzais Weigerung Par­teien zuzulassen, faktisch zunichte gemacht. So konnte keine Demokratisierung der Gesellschaft stattfinden (vgl. Ruttig 2008: 26). Die US-Regierung unter Präsident George W. Bush hatte kein großes Interesse an einem Wiederaufbau Afghanistans sowie an der Wiedereingliederung der Taliban in die afghanische Gesellschaft. Um den Einfluss zu Lande zu wahren schlossen die USA Vereinbarungen mit den War­lords der Nord-Allianz (vgl. Rashid 2010b: 342).

In den Flüchtlingslagern Pakistans erfuhren die Taliban große Unterstützung durch den ISI und die von der pakistanischen Politik ausgeschlossenen JUI. Der Groll der Paschtunen und der Taliban auf die USA wuchs weiter, da die USA sich weigerten mit den Taliban zu verhandeln. Zudem wurden sich ergebende Taliban in die Gefan­genenlager für Terroristen in Guantánamo Bay gesteckt (vgl. Rashid 2010b: 344). Am 22. Dezember 2001 wurde der internationale Militäreinsatz durch den Einsatz der ISAF (International Security Assistance Force) ergänzt. NATO-Truppen sollten den lokalen Wiederaufbau und das „state-building“ unterstützen und schützen sowie Sicherheitskräfte ausbilden (vgl. Roberts 2009: 48). Zudem wurde die Bevölkerung entwaffnet. Aufgrund mangelhafter oder gänzlich fehlender staatlicher Sicherheits­strukturen suchten viele Afghanen Schutz bei den Taliban (vgl. Khan 2011: 112).

Pakistan musste 2002 sein Militär aus den FATA abziehen, um sich der Bedrohung Indiens zu stellen. So konnten sich dort al-Qaida und die Taliban ungehindert bewe­gen (vgl. Rashid 2010a: 137). In Quetta gründete Omar Ende 2002 eine neue Tali- ban-Schura, die einen Widerstand gegen die - aus ihrer Sicht besetzten - Provinzen in Afghanistan organisieren sollte (vgl. Rashid 2010b: 345). Die Schura bestand aus zehn bis zwölf hochrangigen Taliban der ersten Stunde, bei denen sich die Deobandi- Doktrinen der pakistanischen Madrassas und die Tradition der paschtunischen Stämme vereinigten (vgl. Giustozzi 2008b: 169). Ihr Vorgehen änderten die Taliban nicht, denn sie boten immer noch keine politische Agenda an (vgl. Rashid 2010a: 146). Ihr ausschließliches Ziel war es, das internationale Militär, welches für sie Be­satzer sind, aus Afghanistan zu vertreiben (vgl. Christia/Semple 2010: 36). Aus Pa­kistan reaktivierten die Taliban ihre Kontakte zu Saudi-Arabien, um finanzielle Un­terstützung zu erhalten.

In Pakistan reorganisierten sich auch den Taliban nahe stehende Gruppen, wie das Haqqani-Netzwerk, um Jalaluddin Haqqani, einem ehemaligen Minister unter den Taliban, und die Partei Hizb-e Islami vom Paschtunen Gulbuddin Hekmatyar. Al- Qaida förderte die Taliban weiter durch Ausbildung von Kämpfern, Geld und Waf­fen. Pakistans Präsident Musharraf stellte sich inoffiziell hinter die Taliban, da ihm der neue indische Einfluss auf Kabul zuwider war. Er wollte auf der einen Seite gute Beziehungen mit den afghanischen Taliban pflegen, um nach einer potentiellen Rückkehr Einfluss auf Afghanistan zu haben (vgl. Rashid 2010b: 345ff). Diese stell­ten auch keine Bedrohung für die innere Sicherheit Pakistans dar. Auf der anderen Seite half Pakistan dabei al-Qaida-Mitglieder zu verhaften und zu eliminieren (vgl. Khan 2011: 142í).

In Afghanistan begannen die Taliban im Winter 2002/2003 Waffenlager für Guerilla­Angriffe in Afghanistan anzulegen (vgl. Rashid 2010b: 347). Diese Angriffe hatten vorrangig das Ziel, Mitarbeiter von internationalen Hilfsorganisationen zu eliminie­ren. Sie schreckten nicht mehr vor zivilen Opfern zurück und nahmen gezielt hoch­rangige Staatsbeamte ins Visier (vgl. Giustozzi 2008b: 175).

Der Anti-Drogen-Kampf der Regierung und der UNO kam den Taliban doppelt zu Gute. Zum einen boten sie den Mohnbauem bewaffneten Schutz und erhielten dadurch die Sympathie der Bauern, da sie neben dem Opiumanbau meist keine Al­ternative zur Absicherung der Existenz hatten. Zum anderen erhalten sie bis heute jährlich eine Schutzgebühr von etwa 300 Millionen US-Dollar (vgl. Koelbl/Ihlau 2008: 262). Ohne diese Finanzierungsquelle wäre ein Wiedererstarken der Taliban nicht so schnell möglich gewesen (vgl. Rashid 2010a: 196). Seitdem stieg die Pro­duktion jedes Jahr an (vgl. Khan 2011: 118). Viele Afghanen schlossen sich den Ta­liban auch wegen des Fehlens von Arbeitsplätzen und der guten Bezahlung an (vgl. Roberts 2009: 44). Aus Angst oder wegen schlechtem Sold liefen teilweise auch Mitglieder der ANP (Afghan National Police) und ANA (Afghan National Army) zu den Taliban über (vgl. Bell 2010: 109). So wurden die Taliban im Laufe der Jahre zum größten Arbeitgeber des Landes (vgl. Koelbl/Ihlau 2008: 138).

Al-Qaida bekam, durch die Invasion der USA im Irak und durch die daraus resultie­rende Verärgerung in der muslimischen Welt einen neuen Zustrom von Rekruten im Kampf gegen den Westen, speziell gegen das Feindbild USA (vgl. Khan 2011: 107).

Im Oktober 2004 wurde der bis dato Übergangspräsident Karzai bei den Präsident­schaftswahlen mit über der Hälfte aller abgegebenen Stimmen vom Volk offiziell zum Präsidenten gewählt. Die Wahlbeteiligung lag dabei über 70 Prozent, was ein Zeichen dafür war, dass die afghanische Bevölkerung einem Neuanfang offen ge­genüber stand (vgl. Rashid 2010b: 350).

[...]


[1] Das US-Unternehmen Unocal plante in Afghanistan ein Pipeline-Projekt. In diesem Zusammenhang suchte die US-Regierung gute Kontakte zum Taliban-Regime (vgl. Rashid 2011b: 423-433).

Details

Seiten
77
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656618799
ISBN (Buch)
9783656618775
Dateigröße
806 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207090
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Taliban Afghanistan Pakistan Dshihad

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Titel: Taliban. Von der afghanischen Aufstandsbewegung zum Sammelbecken für internationale Dschihadisten