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Vor- und Nachteile der Notengebung in Schulen

Eine kritische Analyse der gängigen Leistungsbeurteilung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 16 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Thema, Fragestellung und Ziele
1.2. Methodik und Aufbau

2. Hauptteil
2.1. Was ist Leistung ?
2.2. Was bedeutet Notengebung ?
2.3. Die Vorteile der Notengebung
2.3.1. Berichts -, Orientierungs -, Kontrollfunktion und pädagogische Funktionen
2.3.2. Die wichtige Rolle der Noten in der Gesellschaft
2.3.3. Positive Effekte für die Lehrer/innen
2.3.4. Vorteile von Kopfnoten
2.4. Die Nachteile der Notengebung
2.4.1. Messmethodische Fragwürdigkeit der Notengebung
2.4.2. Der falsche Anspruch nach Objektivität, Validität und Reliabilität
2.4.3. Zensuren sind mit Funktionen überfrachtet
2.4.4. Das Problem der Fachspezifischen Zensierung
2.4.5. Das Problem der geschlechts – und sozialspezifischen Zensierung
2.4.6. Negative Auswirkungen auf die Schüler
2.4.7. Die Problematik des klasseninternen Bezugsrahmens

3. Schluss
3.1. Zusammenfassung der Ergebnisse
3.2. Ausblick mit Vorschlägen zur Benotungspraxis
3.3. Schlusswort

4. Literaturverzeichnis
4.1. Bücher
4.2. Zeitschriften

1. Einleitung

1.1. Thema, Fragestellung und Ziele

„Ingenkamp (1977, 1992) und andere Experten/innen haben seit Jahrzehnten immer wieder mitgeteilt, dass die Notengebung in deutschen Schulen nicht wissenschaftlichen Minimalanforderungen für Leistungsbewertung entspricht – ohne nennenswertes Ergebnis. Die Bürokratie und die Lehrerschaft haben sich in diesem Bereich als wissenschaftsresistent erwiesen.“[1] Diese Aussage von Klaus Feldmann fasst deutlich die einheitliche Position der Pädagogen und Forscher gegenüber der Notengebung gut zusammen: Für sie ist das Benotungssystem gänzlich unzureichend, um Schülerleistungen zu messen. Doch warum ignoriert Deutschland seine Pädagogen und hält immer noch strikt am Zensurensystem fest, während in Ländern wie Schweden oder Dänemark die Noten erst viel später (ab 7. / 8. Klasse) eingeführt oder schon teilweise abgeschafft werden ?[2] Bei dieser Ausarbeitung soll es deshalb um die Frage gehen, ob Zensuren für das deutsche Bildungssystem eine Bereicherung oder eher ein Hindernis darstellen. Dabei geht es zentral um die Ermittlung, Betrachtung und Erläuterung der wesentlichen Vor – und Nachteile der Notenvergabe. Außerdem sollen diese Betrachtungen angehenden Lehrkräften helfen die positiven Aspekte von Zensuren in ihrer eigenen Leistungsbeurteilung zu nutzen und die negativen Eigenschaften zu vermeiden.

1.2. Methodik und Aufbau

Eigene Untersuchungen beispielsweise in Form von Klassenbesuchen, Beobachtungen, Lehrer – und Schülerbefragungen waren in der kurzen Bearbeitungszeit leider nicht realisierbar. Daher wird sich diese Aufarbeitung auf wissenschaftliche Fachliteratur stützen, um Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu finden. Hierbei wird besonders auf die Forschungsarbeit der Pädagogen Ingenkamp, Schwark, Weiß, Regelein und Jürgens eingegangen, da diese sich sehr ausführlich mit der Problematik der Notenvergabe beschäftigt haben. Natürlich werden im gleichen Maße andere Pädagogen und Forscher für die Analyse des Themas herangezogen.

Diese Abhandlung beginnt mit einer näheren Definition der Begriffe Leistung und Notengebung, die die zentralen Aspekte der Betrachtung sind. Im Anschluss werden die Vor – und Nachteile der Notengebung dargestellt und ausführlich erläutert. Schließlich werden im Schlussteil die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst, ausgewertet und mit eigenen Überlegungen versehen.

2. Hauptteil

2.1. Was ist Leistung ?

Die Leistung ist innerhalb der Schule eine Aktivierung von Fähigkeiten eines Schülers, der damit vorgegebene Ziele oder Aufgaben erreichen soll. Sie ist deswegen als eine schulische Forderung an das Potential des Schülers zu verstehen. Das bedeutet, dass die Schule durch ihren Unterricht versucht die Talente eines Schülers zum Vorschein zu bringen, wobei die Leistungen meist mit Hilfe von Tests, etc. gemessen werden, um sie dann in einer Note zusammenzufassen. Diese Leistungsmessung wird auch als Pädagogische Diagnostik bezeichnet.

In der Schule muss der Leistungsstand zwangsläufig festgestellt werden, da Leistungen immer noch Positionen in der Gesellschaft zuweisen (Zugang zu höheren Schulen, zur Universität, zu bestimmten Berufen). Wir leben schließlich in einer Leistungsgesellschaft, wo Leistungen den sozialen Status definieren und für die Weiterentwicklung sowie den Fortbestand des Gesellschaftssystems sorgen. Als Nebeneffekt entsteht als Folge bei den Schülern ein enormer Leistungsdruck, der vonseiten der Schule, der Gesellschaft und der Eltern kommt.

Das Leistungssystem hat zusätzlich den Anspruch den Schülern zu garantieren, dass ausschließlich die Leistung und nicht der soziale oder familiäre Hintergrund für die Rollenverteilung in der Sozialstruktur relevant ist. Hierfür muss die Schule bei der Leistungsmessung immer Chancengleichheit durch klare und faire Bedingungen der Leistungskontrolle gewährleisten.[3]

2.2. Was bedeutet Notengebung ?

In Schulen beziehen sich Noten oder Zensuren auf Leistungen und Verhaltensweisen von Schülern. Die Notenbewertung möchte diese messen, bewerten und durch rangmäßige Einstufung vergleichen. Bei der Messung geht es darum die Leistung des Schülers entsprechend festgesetzten Kriterien (z.B. Lernziele) objektiv richtig und exakt zu erfassen. Die anschließende Beurteilung will diese gemessene Schülerleistung nach pädagogischen und bildungspolitischen Kriterien bewerten, um sie im Anschluss mit anderen Ergebnissen vergleichen zu können.[4]

Noten werden in regelmäßigen zeitlichen Abständen durch schriftliche und mündliche Leistungsmessungen erhoben. Am Ende eines Schulhalbjahres werden letztlich die festgestellten Zensuren zu Zeugnissen zusammengefasst.

Die Ziffernbeurteilung versteht sich als Maß, das individuelle Leistungen und Verhaltensweisen vielschichtiger Bedingungen durch Reduzierung auf eine Notenskala von 1 bis 6 objektivieren soll. Dabei werden ihr folgende Funktionen zugeordnet: Berechtigungs – oder Auslesefunktion, Berichtsfunktion, Kontrollfunktion, pädagogische Funktion. Die Aussagen von Noten sind angeblich eindeutig, rasch und leicht zu erzielen und miteinander vergleichbar, was noch geprüft wird.[5]

2.3. Die Vorteile der Notengebung

2.3.1. Berichts -, Orientierungs -, Kontrollfunktion und pädagogische Funktionen

Zu den großen Vorteilen der Notenbewertung zählen deren Berichts – und Orientierungsfunktion, weil die Zensuren die Schüler in regelmäßigen und überschaubaren Zeitabständen über ihre Entwicklung sowie ihren erreichten Leistungsstand unterrichten. Dadurch werden den Lernenden auch Orientierungspunkte gesetzt, die ihnen dabei behilflich sind, ihre Schwächen und Stärken zu erkennen und diese selbst zu reflektieren. Sie sind aus diesem Grund für Schüler und Lehrende eine enorme Hilfe zur Leistungs – und Selbstkontrolle.[6] Wegen dieser essentiellen Funktionen erleben die Schüler die Zensurenbeurteilung als eine mit der Schule unlösbar verknüpfte Notwendigkeit. Mit zunehmender Reife erwacht zwar die Kritik daran und die Schüler distanzieren sich davon, jedoch bleiben sie letztlich an die im Zeugnis ausgewiesenen Wertungen gebunden und müssen sie ernstnehmen bzw. akzeptieren.[7] So lernen die jungen Menschen gesellschaftliche Normen kennen und wie man mit ihnen umgeht.

Ingenkamp führt einen weiteren wichtigen Punkt an: die Kontrollfunktion. Sie ist für die Eltern und die Lehrerschaft gedacht. Das simple Notensystem gibt den Eltern nämlich einen schnellen und verständlichen Überblick über den Leistungsfortschritt und erreichten Leistungsstand ihrer Sprösslinge. Die Erziehungsberechtigten sind also an Vergleichsinformationen interessiert, um durch die Mitteilungen über den Lernfortschritt Hilfen für eigene Entscheidungen und Maßnahmen für die Förderung ihrer Kinder zu erhalten.[8] Hinzukommend sind die Eltern aufgrund ihrer eigenen Schulerfahrungen schon vertraut mit der Notenbewertung.

Nach Ansicht von Jürgens kann die Ziffernbenotung zudem positive pädagogische Funktionen haben, wenn sich beispielsweise Zensuren motivierend auf das spätere Arbeitsverhalten der Schüler auswirken. Hierbei wird eine gute Beurteilung als Belohnung und Bestätigung der eigenen Leistung gesehen. Aber auch schlechte Noten haben Aufforderungscharakter und können als positiver Anreiz zum energischen Arbeiten gesehen werden. Zu den pädagogischen Aufgaben zählen ebenso deskriptive und prognostische Funktionen. Diese umfassen die Erfassung und Beurteilung des Leistungsstandes sowie eine Diagnose der zukünftigen Leistungen.[9] Die pädagogischen Funktionen bestätigen oder verstärken folglich Lernprozesse.

Überdies befriedigen Zensuren das Grundbedürfnis des Menschen sich mit anderen zu vergleichen. Die Schüler sind in der Lage und gewillt durch die rangmäßig einstufende Bewertung sich mit ihren Mitschülern in der Lerngruppe zu messen. Diese soziale Motivation vermittelt das Lernen als Wettbewerb um Beliebtheit, was sich positiv auf das Arbeitsverhalten auswirken und zu einem lernförderlichen Konkurrenzverhalten führen kann.[10]

2.3.2. Die wichtige Rolle der Noten in der Gesellschaft

Meyenberg macht die Feststellung, dass die Notengebung als amtlich begründetes und gesellschaftlich anerkanntes Mittel kaum zu ersetzen ist, da eine bürokratisierte und nationalstaatlich organisierte Gesellschaft einen Anspruch hat Auskunft über die Leistungen der Schüler zu erhalten.[11] Denn das Festhalten der Gesellschaft an Zahlen hat noch damit zu tun, dass Zensurenbeurteilung als einfachste Form der Beurteilung gilt. Sie reduziert gewissermaßen die Komplexität der Gesamtleistung der Schüler, sodass dieses Bewertungssystem zeitsparender und ökonomischer ist als andere. Hierbei ist ihr Informationsgehalt geringer als z.B. von Lernberichten. Noten geben schließlich nur eine äußerst knappe zusammenfassende Leistungsbestätigung der Lehrer/innen wider, wobei sie in der Note „gnädig“ sein können, während sie bei der schriftlichen Beurteilung den Zwang zur Ausformulierung unterliegen.[12]

Darüber hinaus wirkt das Zensurensystem als Auslese der Schüler, indem sie sich auf die Grundlage des Leistungsprinzips beruft und Berechtigungen für die sozial – gesellschaftlichen Positionen zuteilt oder verweigert.[13] Ingenkamp fasst dies unter der Zuteilungsfunktion der Note zusammen. Sie ist demzufolge ein unentbehrliches Instrument der Laufbahnlenkung und dient als Nachweis eines bestimmten Bildungsniveaus, das als Voraussetzung der beruflichen Qualifikation gilt. Arbeitgeber in der Wirtschaft nutzen beispielsweise Zeugnisnoten als organisatorisches Hilfsmittel zur Erleichterung der Auswahl der Bewerber.[14] Innerhalb der Schulverwaltung verwendet man die Benotungen selbstverständlich als Kriterien für Versetzung und Bestehen von Prüfungen. In Form der Zeugnisse haben Notenbeurteilungen einen rechtlichen Charakter, weil sie ja für den Besuch weiterer Schulstufen oder Berufe berechtigen.[15] Die Auslese erfolgt schon teilweise innerhalb eines Klassenverbandes, wo die Benotung zur Unterscheidung von Schülern und Schülerleistungen beiträgt. Diese Klassifizierungsfunktion sorgt für die Einteilung der Schüler in unterschiedliche Bewertungsklassen, die grundlegend für Fördermaßnahmen der Lehrenden sind.

Zensuren haben zusätzlich eine Chancenausgleichsfunktion, in der auch benachteiligte Schüler ohne Rücksicht auf ihre Herkunft die Möglichkeit bekommen sich ausschließlich durch ihre Leistungen auszuzeichnen und dadurch ihre Chance auf einen Arbeitsplatz zu erhöhen.

Die Sozialisierungsfunktion von Ziffernnoten helfen eventuell den Schülern sich mit Leistungsnormen (z.B. Fairness, Kooperation, Moral) auseinanderzusetzen, die sich von den familiären gültigen Normen unterscheidet. Somit lernen die Schüler sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden, die immer mehr Wert auf Kooperation und Konkurrenz legt.[16]

2.3.3. Positive Effekte für die Lehrer/innen

Noten üben mit ihrer Kontrollfunktion für die Lehrer/innen wichtige Funktionen aus. An dieser Stellen ist für Ingenkamp die einfach strukturierte Notenskala ein bequemes und zeitsparendes Mittel, mit deren Hilfe Lehrkräfte Richtlinien für den Gebrauch ihrer Erziehungsmaßnahmen gewinnen können.[17] Ebenso benötigen die Lehrenden einen Vergleich der Verhaltens – und Leistungsnormen, weil sie mit diesen Vergleichsinformationen Rückmeldung über den eigenen Lernerfolg und Entscheidungshilfen für weitere Lernvorhaben erhalten.

[...]


[1] Feldmann, S. 118.

[2] Schmitt, S. 29.

[3] Keck, S. 279 ff.

[4] Schwank, S. 50.

[5] Klink, S. 233.

[6] Wagner, S. 47.

[7] Ingenkamp, S. 14.

[8] Ingenkamp, S. 19.

[9] Jürgens, S. 50.

[10] Wagner, S. 60.

[11] Meyenberg, S. 9.

[12] Schwank, S. 37.

[13] Kutscher, S. 37.

[14] Ingenkamp, S. 52.

[15] Ingenkamp, S. 159.

[16] Jürgens, S. 49 f.

[17] Ingenkamp, S. 62.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656344070
ISBN (Buch)
9783656344964
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207144
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Fachbereich 12: Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Notengebung Leistungsbeurteilung Vorteile Nachteile Schule Schulen Unterricht

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Titel: Vor- und Nachteile der Notengebung in Schulen