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Der Frankfurter Leseverständnistest 5-6 (FLVT 5-6)

Ein Test zur Erhebung der Lesekompetenz von Schülern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frankfurter Leseverständistest 5-6 (FLVT 5-6)
2.1. Allgemeine Informationen zum Test und Leseverständnis
2.2. Testaufbau
2.2.1. Aufgabenformat
2.2.2. Sachtexte und narrative Texte
2.2.3. Textimmanente Veständnisleistungen
2.2.4. Schlussfolgernde Verständnisleistungen
2.3. Testdurchführung
2.4. Auswertung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es könnte sein, dass er [der Computer] eine Generation erzeugt, die sich zunächst elektronisch alphabetisiert und dann das Bedürfnis verspürt, ihr Verhältnis zum Lesen entspannter und „innengeleiteter“ fortzusetzen, nämlich indem sie ein Buch zur Hand nimmt. Nur als Einstiegsgedanke: Um die Fernsehbilder betrachten zu lernen, helfen Bücher nicht viel, aber um zu lernen, wie man mit einem Computer umgeht, muss man die Handbücher lesen. Bedenken wir gut, was das heißt.“[1]

Dieses Zitat des Schriftstellers Umberto Eco veranschaulicht, dass auch in der heutigen Mediengesellschaft das Buch und die Kompetenz des verstehenden Lesens keineswegs an Bedeutung verloren haben.[2] Es ist nämlich unbestritten, dass Lesen in unserer Gesellschaft immer noch eine zentrale Kulturtechnik ist.[3] Denn in einem Zeitalter, wo eine rapide Entwicklung im Medienbereich stattfindet und Medien zahlreiche Informationen zur Verfügung stellen, gewinnt die Fähigkeit des kompetenten, selbstbestimmten und zielgerichteten Umgangs mit Textinformationen immer mehr an Relevanz.[4] Außerdem verdeutlicht dies, dass Wissen heute und sicherlich auch zukünftig in Texten aufgehoben und weitergegeben wird, sodass die Lesekompetenz noch sehr lange einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft haben wird. Im gleichen Maße setzt diese Entwicklung voraus, dass man die Lesefähigkeit stets zur Weiterentwicklung des eigenen Wissens nutzen muss, was ein lebenslanges Lernen erfordert.[5] Darüber hinaus ist die Fähigkeit des Lesens weiterhin eine grundlegende Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben, da über Texte nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Ideen, Werte und kulturelle Inhalte transportiert werden.[6] Dementsprechend werden z.B. in vielen Berufen ausgeprägte Lesefertigkeiten gefordert und vorausgesetzt, sodass Menschen mit Leseschwächen es deutlich schwerer haben ins Berufsleben zu finden.[7] Der hohe Stellenwert des Lesens, die zunehmende Bedeutung des lebenslangen Lernens, auf der Grundlage von Texten, die gestiegenen kognitiven Anforderungen vieler Arbeitsplätze, machen die Lesekompetenz zu einem Kernziel schulischer Ausbildung.[8]

Aus diesem Grund sollte es ein Hauptanliegen von Schulen und Deutschunterricht sein, Schüler zu kompetenten Lesern auszubilden, die ihren Leseprozess selbst in Gang setzen, steuern und bewerten können.[9] Zumal in fast allen Schulfächern die notwendigen Kompetenzen und Informationen hauptsächlich durch Texte vermittelt werden.[10] Allerdings zeigen die aktuellen Leistungsstudien der letzten Jahre, dass die Schüler in Deutschland leider deutliche Defizite in ihrer Lesefähigkeit aufweisen. Neben der sehr großen Diskrepanz zwischen guten und schlechten Lesern stellen besonders die Schüler ein gravierendes Problem dar, die nicht einmal über basale Lesekompetenzen verfügen.[11] Dieser Umstand resultiert wahrscheinlich aus nicht ausreichend automatisierten Dekodierprozessen, geringen Kenntnissen im strategisch-zielbezogenen Lesen und ungünstigen motivationale Faktoren.[12] Deswegen sollten besonders die Diagnose und das Testen des Leseverständnisses mehr in den Fokus des Deutschunterrichts rücken. Meiner Meinung nach sind diese nämlich wichtige Methoden, um Lesedefizite früh erkennen und erfassen zu können. Erst nach einer genauen Diagnose dieser Probleme können dann die entsprechenden Fördermaßnahmen entwickelt und durchgeführt werden, um letztlich aus den Schülern kompetente Leser zu machen. Doch im deutschen Sprachraum mangelt es bisher an theoretisch fundierten, verlässlichen und standardisierten Verfahren, mit denen sich die Leseverständnisleistungen von Schülern messen ließen. Darum werde ich mich in dieser Abhandlung mit einem einzelnen Leseverständistest beschäftigen.[13]

Im Rahmen des Seminars Testen und Diagnostizieren im Deutschunterricht hatte ich mich bereits mit dem Frankfurter Leseverständnistest 5-6 (FLVT 5-6) befasst, der dafür konzipiert wurde, das Leseverständnis von Schülern in den Jahrgangsstufen fünf und sechs zu erfassen.[14] In dieser Ausarbeitung frage ich mich nun, ob dieser Test tatsächlich diesem Anspruch gerecht werden kann. Um eine fundierte Antwort darauf finden zu können, werde ich kritisch untersuchen, ob der Test wirklich als Instrument zur Diagnose von Leseverständnis im Rahmen des Deutschunterrichts geeignet ist. Zu diesem Zweck werde ich versuchen den FLVT gewissenhaft zu beurteilen.

Bei meinen Recherchen stellte ich jedoch fest, dass es bisher keine wissenschaftliche Arbeit über den Frankfurter Leseverständnistest gibt. Darüber hinaus ist nur wenig einschlägige Literatur über Lesetests vorhanden. Zu den wenigen Untersuchungen gehört die Abhandlung von Hansjakob Schneider.[15] Darum werde ich bei meiner Analyse hauptsächlich auf eigene Erkenntnisse zurückgreifen, die ich bei der vertieften Auseinandersetzung mit dem Test gewinnen konnte. Um objektive Kriterien für die Bewertung zu haben, werde ich bei meiner Untersuchung Literatur über Lesekompetenz und Leseverständnis miteinbeziehen. Denn zu diesem Themenkomplex gibt es zahlreiche Literatur von verschiedenen Expertenkreisen, was dessen Relevanz im wissenschaftlichen Diskurs unterstreicht. So beschäftigten sich Literaturdidaktiker wie Bettina Hurrelmann und Kaspar H. Spinner, Psychologen wie Wolfgang Schneider und Katja Rühl, Bildungsforscher wie Cordula Artelt und Ulrich Schiefele, u.v.a. in ihren Forschungsarbeiten umfassend mit Lesekompetenz und Leseverständnis.[16] Diese wissenschaftliche Arbeit wird sich allein mit didaktischen und theoretischen Aspekten des FLVT beschäftigen, die direkt mit Leseverständnis zu tun haben. Somit werden statistische Aspekte wie die Eichstichprobe, die Skalierung, die Normierung, die Testgütekriterien des FLVT nicht näher erläutert.

Im ersten Kapitel werde ich allgemeine Informationen über den Test und das Leseverständnis selbst vorstellen. Die nächsten beiden Kapitel befassen sich mit dem Textaufbau und der Textanwendung. Dabei werde ich gleichzeitig die diagnostischen Zielsetzungen und die theoretischen Hintergründe, auf denen der Test basiert, erläutern. Danach analysiere ich die Auswertung des Tests, wo ich die Kompetenzstufen des Lesesverständnistests untersuchen werde. Im Fazit werde ich meine Erkenntnisse aus der Untersuchung zusammenfassen und erörtern. Überdies werde ich ein abschließendes Urteil über den Leseverständnistest formulieren.

2. Frankfurter Leseverständnistest 5-6 (FLVT 5-6)

2.1. Allgemeine Informationen zum Test und Leseverständnis

Der FLVT 5-6 dient der Erfassung des Leseverständnisses in den Jahrgangsstufen fünf und sechs.[17] Leseverständnis umfasst viele Aspekte und Bedeutungen, die ich an dieser Stelle genauer erläutern möchte: Leseverständnis ist das Resultat einer aktiven Auseinandersetzung mit Geschriebenem, wobei die in einem Text enthaltenen Information mit dem Wissen des Lesers verbunden wird.[18] Der Begriff Leseverständnis bezieht sich demnach auf die Kompetenz, aus Geschriebenem den Sinngehalt entnehmen zu können.[19] Ferner befähigt das verstehende Lesen Personen bestimmte Arten von text- und lesebezogenen Anforderungen erfolgreich bewältigen zu können.[20] Es ist ein ein komplexes Fähigkeitskonstrukt, das aus mehreren miteinander interagierenden Teilfähigkeiten besteht und somit hohe Anforderungen an den Leser stellt.[21] Diese Teilfähigkeiten sind teilweise automatisiert und werden teilweise vom Lesenden auch bewusst gesteuert (z.B. bei Verständnisproblemen, logischen Widersprüchen). Außerdem unterscheiden sich die Teilfähigkeiten hinsichtlich ihrer Veränderbarkeit und damit ihrer Zugänglichkeit für Fördermaßnahmen.[22] Deswegen ist der Prozess des Leseverstehens keine passive Rezeption dessen, was im jeweiligen Text an Informationen enthalten ist, sondern aktive (Re-)Konstruktion der Textbedeutung und stellt damit eine kognitive Konstruktionsleistung des Individuums dar.[23]

Zusätzlich zur Erfassung des Leseverständnisses überprüft der Test das sinnverstehende Lesen längerer narrativer Texte und Sachtexte. Zu den Texten sind Fragen zu beantworten, die unterschiedliche Anforderungen an das Verständnis stellen. Der Test hat sich als Diagnoseinstrument in Forschungszusammenhängen bewährt und ist im Schulalltag einsetzbar. Dort soll er dazu beitragen, den Leistungsstand einer ganzen Klasse zu bestimmen oder schwache Schüler zu ermitteln, um ihnen eine angemessene Förderung anbieten zu können. Für die Lehrerenden soll der Test eine Hilfe zur Überprüfung ihres Unterrichts sein.[24]

Das Ziel der Testkonstruktion des FLVT war es, ein theoretisch fundiertes, zuverlässiges und praktisch erprobtes Verfahren für Schüler der Jahrgangsstufen fünf und sechs vorzulegen, das sich in einem Klassenverband einsetzen lässt.[25] In seinen Konstruktionsprinzipien orientiert es sich an einer Struktur von Lesekompetenz, wie sie der Theorie der kognitiven Textverarbeitung von van Dijk und Kintsch zugrunde liegt.[26]

2.2. Testaufbau

2.2.1. Aufgabenformat

Der FLVT 5-6 besteht aus einem narrativen Text und einem Sachtext, die jeweils 570 Wörter lang sind und 18 Testfragen umfassen. Dazu liegen die Texte in zwei Parallelformen A und B vor. Ebenso wie die Textstrukturen sind die Testfragen in ihrem inhaltlichen Aufbau jeweils vergleichbar. Die inhaltlichen Fragen zu den Texten sind als Mehrfachwahlaufgaben (Multiple Choice) formuliert.[27] Somit beinhaltet der Test geschlossene Aufgabenformate, wo die Fragen vorgegeben sind und eine Auswahl an vier möglichen Antworten angeboten wird.[28] Bei diesen Antworten handelt es sich um Auswahlantworten zu Fragen („Was ist besonders typisch für einen Vulkan?“) oder um Aussagen zum Text, die komplettiert werden müssen („Ein Vulkanausbruch geht fast jedes Mal einher mit“).[29]

[...]


[1] Eco, Umberto: Streichholzbriefe, München 1996, S. 4, zit. nach: Rühl, Katja: Förderung des Textverstehens. Prüfung der differentiellen Wirksamkeit eines strategieorientierten Unterrichtsprogramms, Hamburg 2006, S. 1.

[2] Rühl, S. 1.

[3] Lenhard, Wolfgang; Artelt, Cordula: Komponenten des Leseverständnisses, in: Lenhard, Wolfgang; Schneider, Wolfgang (Hrsg.): Diagnostik und Förderung des Leserverständnisses, Göttingen 2009, S.1-17, S. 1.

[4] Rühl, S. 1.

[5] Lenhard; Artelt, S. 1.

[6] Artelt, Cordula; Stanat, Petra; Schneider, Wolfgang; Schiefele, Ulrich: Lesekompetenz: Testkonzeption und Ergebnisse, in: Baumert, Jürgen; Klieme, Eckhard; Neubrand, Michael; Prenzel, Manfred; Schiefele, Ulrich; Schneider, Wolfgang; Stanat, Petra; Tillmann, Klaus-Jürgen; Weiß, Manfred (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001, S. 69-78, S. 69.

[7] Artelt, Cordula; McElvany, Nele; Christmann, Ursula; Richter, Tobias; Groeben, Norbert; Köster, Juliane; Schneider, Wolfgang; Stanat, Petra; Ostermeier, Christian; Schiefele, Ulrich; Valtin, Renate; Ring, Klaus: Förderung von Lesekompetenz. Expertise., Berlin 2007, S. 6.

[8] Schiefele, Ulrich; Artelt, Cordula; Schneider, Wolfgang; Stanat, Petra (Hrsg.): Struktur, Entwicklung und Förderung von Lesekompetenz. Vertiefende Analysen im Rahmen von PISA 2000, Wiesbaden 2004, S. 10.

[9] Rühl, S. 1.

[10] Schiefele; Artelt; Schneider; Stanat, S. 9.

[11] McElvany, Nele; Schneider, Carolin: Förderung von Lesekompetenz, in: Lenhard, Wolfgang; Schneider, Wolfgang (Hrsg.): Diagnostik und Förderung des Leserverständnisses, Göttingen 2009, S.151-183, S. 152.

[12] Lenhard; Artelt, S. 2.

[13] Ebd., S. 113.

[14] Schwebe, Stefanie Adam-; Souvignier, Elmar; Gold, Andreas: Der Frankfurter Leseverständnistest 5-6 (FLVT 5-6), in: Lenhard, Wolfgang; Schneider, Wolfgang (Hrsg): Diagnostik und Förderung des Leserverständnisses, Göttingen 2009, S.113-130, S. 113.

[15] Schneider, Hansjakob; Lindauer, Thomas: Lesekompetenz ermitteln: Tests, in: Kaufmann, Andrea Bertschi- (Hrsg.): Lesekompetenz – Leseleistung – Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien, Seelze-Velber 2007, S. 126-139, S. 126 ff.

[16] Lenhard; Artelt, S. 14 ff.

[17] Schwebe; Souvignier; Gold, S. 113.

[18] Rühl, S. 5.

[19] Artelt; Stanat; Schneider; Schiefele, S. 72.

[20] Artelt; McElvany; Christmann; Richter; Groeben; Köster; Schneider; Stanat; Ostermeier; Schiefele; Valtin; Ring, S. 11.

[21] Kaufmann, Andrea Bertschi-: Lesekompetenz – Leseleistung – Leseförderung, in: Kaufmann, Andrea Bertschi- (Hrsg.): Lesekompetenz – Leseleistung – Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien, Seelze-Velber 2007, S. 8-18, S. 12.

[22] Lenhardt; Artelt, S. 2.

[23] Artelt; Stanat; Schneider; Schiefele, S. 70 f.

[24] Schwebe; Souvignier; Gold, S. 128.

[25] Ebd., S. 114.

[26] Schwebe, Stefanie Adam-; Souvignier, Elmar; Gold, Andreas: Der Frankfurter Leseverständnistest 5-6 (FLVT 5-6), Göttingen 2008 (Manual), S. 7.

[27] Ebd., S. 13.

[28] Schwebe; Souvignier; Gold, S. 121 f.

[29] Schwebe, Stefanie Adam-; Souvignier, Elmar; Gold, Andreas: Der Frankfurter Leseverständnistest 5-6 (FLVT 5-6), Göttingen 2008 (Testform B), S. 10.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656343059
ISBN (Buch)
9783656343622
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207147
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Fachdidaktik Germanistik der Universität Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Frankfurter Leseverständnistest Leseverständnis Deutschunterricht Schüler Testen Diagnostizieren PISA

Autor

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Titel: Der Frankfurter Leseverständnistest 5-6 (FLVT 5-6)