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Interpretation des lyrischen Werkes "Auf dem See" von J. W. v. Goethe

Referat / Aufsatz (Schule) 2010 8 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Als junger und durch seine Gefühlswelt stark beeinflusster Dichter verfasste Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) im Jahr 1775 das Gedicht „Auf dem See“, welches der Natur- und Erlebnislyrik zugeordnet werden kann. Das Thema, welches von Goethe in diesem Gedicht der Sturm- und Drang-Zeit angesprochen wird, ist die Freude, die er bei einer Bootsfahrt durch die Natur empfindet, die ihn seine Probleme vergessen lässt und eine gute Kompensierung erlebter Enttäuschungen und gemachter negativer Erfahrungen ist. Sein Lebenslauf lässt dabei zu, direkte Parallelen zwischen dem lyrischen Ich dieses Gedichts und dem Dichter selbst herzustellen, weshalb von einem hohen Identifizierungsgrad mit Goethe selbst ausgegangen werden kann.

Diese Thematik wird in den insgesamt drei Strophen unterschiedlicher Länge vom Dichter zum Ausdruck gebracht. Dabei wird in der ersten Strophe, bestehend aus acht Versen, inhaltlich dargestellt, dass das lyrische Subjekt durch die direkte Begegnung mit der Natur und ihrer Schönheit neuen Mut und neue Kraft schöpfen kann. Der Handlungsträger empfindet dabei eine große Begeisterung für die Wellen, die das Wasserfahrzeug, in dem er sich befindet, in einem rudertaktartigen Rhythmus durch die Landschaft bewegen. Dabei sieht das lyrische Ich viele Berge in der Natur. Die zweite Strophe dagegen stellt gewissermaßen einen Einschnitt dar, da sich in allen Bereichen, die es in einer umfassenden Interpretation zu beleuchten gilt, direkte Unterschiede zu den anderen Gedichtstrophen gibt. So besteht diese Strophe beispielsweise auch nur aus vier Versen, während die folgende, dritte Strophe ebenfalls aus acht besteht. Auch inhaltlich stellt diese Strophe gewissermaßen eine Unterbrechung dar, da die Gedanken des lyrischen Subjekts hier nicht mehr der reinen Naturbegeisterung gelten, sondern hier eher die Erinnerung an Vergangenes wieder aufleben lassen: Als ein „goldener Traum“, dessen Glanz sich der Handelnde nicht erwehren konnte, wird diese Erinnerung beschreiben, die jedoch mutmaßlich auf enttäuschende Art und Weise aus seinem Leben verschwunden ist. Jedoch hält er diesem Gedanken dann entgegen, dass es auch möglich ist, direkt in der Natur das wahre Leben, die Liebe und die Lust zu verspüren, was seine Gedanken und seine temporäre Trauer prinzipiell kompensiert. Die dritte Strophe geht dann, ähnlich der ersten, wieder mit Beispielen einher, die die Natur für den Handlungsträger zu etwas ganze Besonderem werden lassen. So werden die Sterne und die morgendlichen Nebel beschrieben, jedoch auch der Morgenwind, der weht und die reifende Frucht. Inhaltlich ist nach diesem Bruch jedoch ein kleiner Verlust der Euphorie in der dritten gegenüber der ersten Strophe herauszustellen, da etwa das Vereinnahmen der Ferne der Natur durch den Nebel durchaus einen gewissen Pessimismus erkennen lässt, den der Handlungsträger jetzt in der Natur erkennt, was mutmaßlich auch auf die in der zweiten Strophe abgerufenen Erinnerungen zurückgeht.

Die inhaltliche Dreiteilung, die auch auf seinen Gemütswandel zurückgeht, wird auch in einer formalen Betrachtung des Werkes ganz klar deutlich. Die erste und dritte Strophe etwa sind nach dem Schema des Kreuzreimes aufgebaut, während die zweite Strophe, die den beschriebenen inhaltlichen Bruch oder die gewisse Wende bringt, mit Paarreimen auskommt. In der ersten Strophe ist als Metrum der Jambus zu erkennen, was jedoch in der zweiten Strophe zum Trochäus umschlägt und sich bis ans Ende des Gedichtes fortsetzt. Die bereits angesprochene inhaltliche Diskrepanz, die sich versteckt ja auch in der dritten Strophe zeigt, geht auch mit einem teils unreinen Reim einher (vgl. Z. 17/19). Grammatisch sind in jeder der drei Strophen jeweils vier Sätze dargestellt. So ergibt es sich auch, dass jeweils ein Satz in der ersten und dritten Strophe auf zwei Zeilen ausgedehnt wird. Enjambements kommen zur Geltung, weshalb die erste und dritte Strophe deutlich einen Hakenstil erkennen lassen. Ganz anders ist es bei der inhaltlichen Unterbrechung in der zweiten Strophe, welche als Resultat der grammatischen Einheitsschließung innerhalb einer Zeile mit dem Zeilenstil einhergeht. Im Verlaufe des Gedichts werden Wandlungen bei der Methode des Autors, Sätze zu bilden, erkennbar. So lässt sich herausfinden, dass das Verhältnis von Hypo- und Parataxen in der ersten Strophe "1 zu 3" entspricht; in der zweiten Strophe kehrt sich diese Erscheinung genau ins Gegenteil um. In der dritten Strophe dagegen werden ausschließlich Parataxen verwendet. Auffällig wird dem geneigten Leser des Weiteren, dass zu 80% männliche Kadenzen zur Gestaltung des Gedichts verwendet werden, jedoch nur 20% weibliche.

Einer noch ausführlicheren Bearbeitung bedarf die linguale Untermalung des Inhaltes und der Form. So ist das gesamte Gedicht sehr metaphorisch zum Ausdruck gebracht worden. In der ersten Strophe etwa, wo inhaltlich die reine Naturbegeisterung noch im Zentrum des Blickwinkels der Betrachtung steht, ist in der ersten und zweiten Zeile eine Metapher wahrnehmbar, wenn gesagt wird, dass der Handlungsträger neue Energie aus seiner Umwelt saugen könne. Die Wichtigkeit der Natur wird ebenfalls zum Ausdruck gebracht, wenn in den Zeilen 3 und 4 die Natur selbst zum Träger der Handlung wird und somit eine Personifizierung zum Tragen kommt. Den Einklang, die Freude und die Harmonie, die die Natur für das lyrische Subjekt dabei ausstrahlt, wird auch in Zeile 5 durch den Stabreim (Alliteration) der Wörter „wiegen“ und „Welle“ zum Ausdruck gebracht. Der Handelnde befindet sich dabei in einem vollständigen Zustand des Friedens und der Harmonie. Die gesamte Schönheit der Natur, in Verbindung mit den einzelnen landschaftlichen Ausprägungen dieser, kann man auch durch die erneute Personifikation in den Zeilen 7 und 8 betonen, welche dieses Mal den Bergen gilt, die dem Handlungsträger auf seiner Reise begegnen. So lässt sich insgesamt die erste Strophe als syntaktische und inhaltliche Einheit nicht abstreiten: Das lyrische Ich schöpft Kraft und kann sich inmitten der beflügelnden Natur regenerieren. Eine vollständige Umgebung des seelischen Friedens und der Zufriedenheit mit dem aktuellen Status quo kann insgesamt in dieser ersten Strophe zum Ausdruck kommen. Der der bereits aufgezeigte inhaltliche Bruch, die Wiederkehr der Gedanken und der Vergangenheit, die erlebte schlechte Erfahrung und die Enttäuschung, die die Harmonie der ersten Strophe in gewisser Art und Weise stört und zunichte macht, kommt selbstredend auch sprachlich-stilistisch gesondert betont zum Ausdruck und fällt allein schon durch zwei rhetorische Fragen auf – die einzigen im gesamten Werk. Denn es stellt sich dem lyrischen Subjekt jetzt unmittelbar die Frage, warum sein Blick plötzlich betrübt ist und weshalb eine süße, goldene Erinnerung (dieser Ausdruck selbst versteht sich als Synästhesie, ähnlich dem im Dichtwerk verwendeten Ausdruck!), die er einst verspürte, jetzt nur noch Vergangenheit ist, die nicht wiederkehren kann. Auch die beiden Ellipsen in der Zeile 11: „Weg, du Traum! so gold du bist:“ lassen auf eine jetzt einkehrende gedankliche Trauer schließen, sowie auf einen Zustand, den das Subjekt eigentlich vergessen wollte, von dem es Trost gesucht hatte und der diese Harmonie innerhalb der Natur nicht stören sollte. Doch erneut versucht der Handlungsträger Trost zu finden und sagt deshalb in der Zeile 12 aus, dass diese Erinnerung an einen verlorenen Augenblick ihn in seiner Euphorie nicht betrüben könnten und schätzt ein, dass auch in der Natur die Erfüllung der Liebe und des Lebens zum Ausdruck kommen könne. Die dabei unmittelbar verwendete Alliteration zwischen Liebe und Leben lässt auf eine versteckte Lebensweisheit schließen, die Goethe dem geneigten Leser auch mit auf den Weg geben will: Liebe und Leben bilden eine geschlossene Einheit und das Leben ist nur dann vollständig und vollwertig, wenn es auch mit Liebe ausgefüllt ist. Diese syntaktische Einheit gilt es nicht zu trennen! Nach diesem erneuten Versuch, sich selbst Trost zu spenden, macht sich das lyrische Subjekt in den letzten acht Zeilen des Gedichts erneut daran, Beispiele für die insgesamte Schönheit der Natur bewusst darzustellen und wahrzunehmen. So wird in den Zeilen 13 und 14 wieder ein klares und imponierendes Bild beschrieben (Metapher), wenn von schwebenden Sternen (zusätzlich: Stabreim) die Rede ist. In Zeile 15, kommt jedoch, wie bereits angedeutet, nochmals direkt zum Tragen, dass der Pessimismus, der temporär in der zweiten Strophe geherrscht hat, auch in seinem Unterbewusstsein nochmals ausgedrückt wird und etwa beschreibt, dass der Nebel die gesamte Weite der Natur abdeckt bzw. vereinnahmt. Dies lässt auch Rückschlüsse auf die angesprochene Erinnerung zu, die seine Freude gewissermaßen wie eine Überschattung des Nebels punktuell trübt. Doch die hier verwendete Synästhesie („weiche Nebel […]“, Z. 15) lässt immer noch erkennen, dass die ursprüngliche Erinnerung eine liebliche, harmonische und glückbringende gewesen sein muss. Bestärkt wird der Leser bei diesem Gedanken auch noch durch die Personifikation „[…] trinken | Rings die türmende Ferne;“ (Z. 15f). Der letzte Teil dieses Zitats stellt übrigens noch einen Vergleich dar, da die Ferne, sinnbildlich übertragen: sein Leben, durch die Nebelschleier, sinnbildlich: die liebliche Erinnerung, vereinnahmt wird. Die Kraft wird seiner Euphorie an dieser Stelle etwas genommen. Bis zum Ende der Strophe und somit auch des Gedichts sind weitere Metaphern zu erkennen, zum Beispiel ein beflügelnder Morgenwind (paraphrasiert, Z. 17) oder eine „beschattete Bucht“ (Z. 18). Vor allem der letzte Ausdruck lässt abermals Rückschlüsse auf das durch seine liebliche, aber nie mehr wiederkehrende Erinnerung, getrübte Leben erkennen. Verstärkt wird dies auch nochmals durch die Alliteration zwischen dem Attribut „beschattet“ und dem Hauptwort „Bucht“ (Z. 18). So ist in der 19. Zeile auch gewissermaßen abermals ein Ausweg aus der getrübten Ferne und seinem betrübten Leben zu finden, wenn sich der Autor dahingehend ausdrückt, dass er eine reifende Frucht sich im See, dessen Klarheit und Kühle, sowie dessen Tiefe durch die Nebel nicht getrübt werden können, spiegeln sieht. Durch diese Metapher in den Zeilen 19 und 20 wird indirekt auf eine höhere Wahrheit verwiesen, die direkte Rückbezüge auf die Gefühlwelt des lyrischen Subjekts zulassen. Diese „reifende Frucht“ lässt darauf schließen, dass sich das lyrische Subjekt jetzt selbst schon als diese reifende (oder gereifte) Frucht versteht: Es ist jetzt ein Individuum, das um eine wichtige Lebenserfahrung reicher geworden ist. Diese Erinnerung von einer besonderen Süße, die während dieser Darlegungen vor allem in der zweiten Strophe fixiert gesehen werden sollen, sind klar als eine schmerzhafte Liebeserfahrung aus der Vergangenheit zu deuten: Das lyrische Ich hat die Schönheit, die Abenteuerlust und die Reife der Liebe zu einer Person für sich entdeckt und daraus kostbare Stunden für sich gezogen. Doch nun muss es auch mit der schmerzhaften Erfahrung mental einhergehen, um diese verstehen und richtig einordnen zu können, da die Liebe und die Beziehung mutmaßlich nicht gehalten wurde und dieser Abbruch der Beziehung für den lyrischen Handlungsträger wohl die furchtbarste Erfahrung darstellte. Um Ablenkung, etwas Ruhe, einen klaren Kopf, aber auch Abgeschiedenheit und Ausgeglichenheit zu empfinden, verschlägt es ihn daher in die Natur, wo er sich erhofft, von seiner Erinnerung frei zu kommen und ihr nicht mehr nachtrauern zu müssen. Dies gelingt zunächst auch (erste Strophe) und die Freuden aus der Naturerfahrung lassen ihn sein Pech für eine kleine Weile vergessen. Doch die Erinnerung an die gemeinsam erlebte, goldene Zeit lässt ihn nicht los und kann fast in vollem Maße als Ausdruck des Trennungsschmerzes über ihn hereinbrechen. Doch er tut in diesem Moment das Richtige, wenn er sich sagt, dass es eine Lebenserfüllung und Liebe auch dort und woanders auf der Welt gebe: Er ist stattdessen um eine weitere, wichtige und unwiederholbare Liebes- und Lebenserfahrung reicher geworden, was ihn seinen Schmerz und seine nach der Zweisamkeit jetzt einsame inhaltliche Leere vergessen lässt. Denn er versucht erneut, in der Natur eine seelische Befriedigung zu finden und betrachtet sich schlussendlich als eine „reifende Frucht“, die nun in ihrer Lebensweisheit durch diese Erfahrung bereichert, gestärkt und unterstützt wurde und die nächste Beziehung vielleicht noch inniger und inhaltlich wertvoller führen kann. Durch die Erfahrung reift die Frucht der Liebe und des Lebens, die nun hier erneut gewachsen ist.

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Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656342557
DOI
10.3239/9783656342557
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207196
Note
1,0
Schlagworte
interpretation werkes goethe

Autor

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Titel: Interpretation des lyrischen Werkes "Auf dem See" von J. W. v. Goethe