Lade Inhalt...

SocialTV und die Welt als Phantom und Matrize

Hausarbeit 2012 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Social TV
2.1 Definition
2.2 Entwicklung
2.2.1 Rundshow
2.2.2 Couchfunk App
2.3 Bedeutung

3 Fernsehkritik nach Anders angewendet auf Social TV
3.1 Die ins Haus gelieferte Welt
3.2 Das Phantom
3.3 Die Nachricht
3.4 Die Matrize
3.5 Zusammenfassung

4 Pro und Contra für Social TV
4.1 Was bedeutet sozial?
4.2 Pro
4.3 Contra

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Es ist soweit: Die seit Jahren propagierte Verschmelzung von Internet, Handy und Fernsehen nimmt immer konkretere Formen an.“ 1

Der heutige Zuschauer sieht eine Fernsehsendung während er mit Freunden telefoniert, in einer Zeitschrift blättert und Kommentare dazu twittert. Die Koexistenz von Fernsehen, Printmedien, Smartphones und Internet wächst immer stärker heran. Diese natürliche Situation ist bedingt durch den multisensorischen und multimodalen Menschen. Die Fähigkeit unterschiedliche Informationen in Echtzeit auf verschiedene sinnliche Wahrnehmungsorgane zu verteilen, erlaubt es mehrere Tätigkeiten parallel auszuüben. Das zentrale Nervensystem entscheidet dabei, welcher Vorgang mit welcher Relevanz bearbeitet wird. Die kurzzeitige Aufmerksamkeitsspanne wendet sich hierbei immer dem situativ-relevanten Geschehen zu. Medien mit keiner kontext-sensitiven Relevanz werden den Rezipienten erst gar nicht bewusst. Die neue Technik und ihre Möglichkeiten müssen immer zuerst vom Rezipienten verstanden werden, bevor deren Nutzung zu etwas Eigenständigen werden kann.2 Wolfgang Henseler beschreibt damit 2010 das Phänomen Social TV, welches seit dem letzten Jahr für das Fernsehen stark an Bedeutung zunimmt. In den Vereinigten Staaten begann mit American Idol eine neue Bewegung. Die Zuschauer können während der Fernsehshow parallel auf Second Screens, wie Smartphones und Tablets, über die rezipierten Inhalte kommunizieren. Soziale Netzwerke, von den Fernsehsendern angebotene Chaträume und Foren werden von den Zuschauern genutzt. Manche Kommunikationskanäle sind zudem redaktionell betreut, sodass auf die Kommentare in Echtzeit eingegangen werden kann. Der Gegenstand dieser Arbeit ist es, herauszufinden wie sozial oder unsozial Social TV ist. Zu Beginn wird geklärt, was unter Social TV zu verstehen ist, welche Entwicklung und Bedeutung es hat. Grundlage der Analyse für die Kernfrage ist die Fernsehkritik von Günther Anders, der die Welt als Phantom und Matrize beschreibt. Folglich werden diese Begriffe näher erläutert und auf die Thematik des Social TV übertragen. Es wird sich dabei nur auf einzelne der 28 Paragraphen von Anders bezogen. Anschließend erfolgt eine Diskussion was für und gegen die sozialen Aspekte von der neuen Fernsehform spricht. Zum Schluss wird aufgezeigt, wie sich in Zukunft Social TV entwickeln könnte.

2 Social TV

2.1 Definition

Social TV ist ein sehr junger Begriff und wird vielseitig definiert. Grundlage dieser Arbeit soll eine weite und eine enge Definition von Gunnar Harboe sein. Er trug viele verschiedene Definitionen zusammen, die er so zusammenfasste:

„“ social television“ as any technology that supports social practices associated with TV. Current social practices include things like talking about upcoming TV shows, watching TV together (at home, or in public places like a bar), and talking about TV programs after the fact.“ (Harboe 2009: S. 6)

„“ social television“ describes systems that create an experience somehow „like“ watching TV together, even though viewers are physically remote from each other. This is achieved by integrating communication technologies (such as voice communication or text chat) with the TV.“ (Harboe 2009: S. 6)

Auf der European Interactive Television Konferenz wurde auch eine Definition gebildet. Diese unterscheidet sich von Harboes nur in dem Punkt, dass die Erforschung sozialer Interaktionen im TV-Umfeld mit einbegriffen ist. Beide Definitionen schließen dagegen die technische Unterstützung real stattfindender Interaktionen mit ein. Beispiele hierfür sind empfohlene Videoclips, der Austausch über TV-Inhalte unter Kollegen oder die Programmauswahl innerhalb der Familie. Auch kann sich via Telefon oder SMS direkt in die Sendung eingebracht werden. Durch die technologische Konvergenz von Internet und Fernsehen werden die Interaktionen zunehmend medienintegrierter und verteilen sich so über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg.3 Woher Social TV stammt und welche Bedeutung es noch einnehmen soll, wird im Nachgang gezeigt.

2.2 Entwicklung

Ursprünglich kommt das Konzept Social TV aus den USA bzw. Großbritannien, bevor es Einzug in Deutschland hielt. Der junge Trend lässt die Konsumenten neu erfahren, wie es ist, Fernsehen und Internet gleichzeitig zu nutzen.4 Tony Wang, der Twitter UK- Chef, stellte in seiner Keynote zum Internationalen Medienkongress 2012 vor, dass bereits 80 Prozent aller Zuschauer einen Second Screen nutzen, während sie fernsehen. Von diesen sind es 72 Prozent, die Sendungen aktiv auf Twitter, Facebook oder anderen Social-Media-Kanälen kommentieren. Wang nennt zwei Gründe für Social TV. Erstens, dass die Diskussion öffentlich stattfindet und von Produktionsfirmen sowie Sendern zur Evaluation genutzt werden kann. Zweitens, dass neue Zuschauer gewonnen werden bzw. der alte Rezipientenstamm durch ihre Interaktionen neue Nutzer auf die Plattformen einladen. Ein weiterer Vorteil sei, dass nicht so unterhaltsame Momente im Programm durch die Gespräche in den sozialen Netzwerken spannend gehalten werden.5 Um einen praktischen Einblick in Social TV zu geben sollen nun zwei Konzepte näher vorgestellt werden. Einmal die Rundshow des Bayrischen Fernsehens, die versucht das Programm mit und für die Zuschauer zu gestalten und zweitens die Couchfunk App aus der Nutzersicht.

2.2.1 Rundshow

Das Bayrische Fernsehen startete am 14. Mai 2012 ein Projekt zu Social TV und nannte es die Rundshow. In München wurde die Sendung von Montag bis Donnerstag für vier Wochen immer um 23.15 Uhr ausgestrahlt.6 Die dazugehörige Online-Plattform wurde 24 Stunden lang von der Redaktion vor Ort betreut.7 In einem ausgelagerten Container mit Piratenflagge auf dem Dach entstand das interaktive Programm. Die Zuschauer durften Vorschläge für die Themenfindung über einen Online-Video-Chat einbringen, in dem sie auch zur Sendezeit integriert wurden. Während der Live-Übertragung bestand die Möglichkeit seine Gedanken und Meinungen via Twitter, Facebook und Google Plus zu posten. Parallel konnte eine Applikation (kurz App für Anwendung) namens „Die Macht“ genutzt werden, die bei Abstimmungen half oder auch positives bzw. negatives Feedback ins Studio sendete. Richard Gutjahr ist Blogger, Journalist und Moderator der Sendung Rundshow. Er sagte, es sei der richtige Zeitpunkt zum Experimentieren gewesen. Dennoch gibt es auch viele Medienkritiker die dem skeptisch gegenüberstehen. Gutjahr war jedoch von den mitwirkenden Zuschauern positiv überrascht und versuchte mit seinem Team alles an Feedback per Tweet oder Facebook- Kommentar aufzunehmen und umzusetzen.8

2.2.2 Couchfunk App

Couchfunk wurde als Start-up Unternehmen von Uz Kretzschmar und Frank Barth im Oktober 2011 in Radebeul gegründet. Die gleichnamige App ist ein Beispiel, wie Social TV angewendet werden kann. Der Austausch von Freunden, Fans oder Zuschauern findet statt, während das Programm gesendet wird. Die Applikation zeigt dem Rezipient, was gerade auf welchem Programm läuft. Durch das Anklicken eines bestimmten Inhalts gelangt der Nutzer direkt zur Diskussion. Eingebunden in das Kommentarsystem sind auch Facebook und Twitter, sodass von der App aus die Meinungen über diverse soziale Netzwerke verstreut werden. Das Start-up erfuhr durch die Fußball-EM eine große Nachfrage, welches sie zu einer extra Couchfunk App für Fußballfans anregte.9 Neben Couchfunk gibt es auch zahlreiche Konkurrenten die derzeit in das Geschäftsfeld vordringen, z.B. Tweek, Waydoo, Zeebox und GetGlue.10 Die Nachfrage wird weiter steigen, weil bereits 86 Prozent der Nutzer des mobilen Internets auch ihr Mobiltelefon parallel zum Fernsehen nutzen. 40 Prozent hiervon kommunizieren mit ihren Freunden über soziale Netzwerke und 33 Prozent nutzen bereits aktiv Apps.11

2.3 Bedeutung

Medienexperte Bertram Gugel sagt, dass Social TV die soziale Komponente des Fernsehens begrüßt und damit die Verbindungen zu fremden Personen schneller herstellen kann. Drei große Bereiche steckt er für die neue Fernsehbewegung ab. Erstens die Personalisierung des TV Programms, sodass die Nutzer sich über soziale Netzwerke (Twitter, Facebook, Check-In Dienste wie Miso und GetGlue) ihr Konsumverhalten austauschen. Zweitens die Interaktion der Zuschauer mit und über TV-Inhalte speziell über Apps und Social Media Kanälen. Drittens die Virtualisierung des sozialen Kontextes, das heißt, dass sich das Sofa ins Netz verschieben wird, durch z.B. gemeinsam gesehene Inhalte in einer Videokonferenz.12 Einen vierten Punkt fügte er später hinzu, nämlich die Identifizierbarkeit der Nutzer. Diese kann für den Aufbau einer verstärkten Zuschauerbindung führen.13 In Zukunft entwickelt sich das Phänomen Social TV immer weiter und parallel wird die Bedeutung mit steigendem Konsum zunehmen. Eine eindeutige Richtung für Deutschland ist noch nicht bestimmt, es wird sich zeigen, wie der Zuschauer in Zukunft abgeholt wird und welche Informationen er während des Fernsehens aus dem Internet beziehen will.14 Um tiefer in die Fernsehkritik vorzudringen, werden im nächsten Kapitel einzelne Argumente von Günther Anders betrachtet und auf Social TV übertragen.

3 Fernsehkritik nach Anders angewendet auf Social TV

Günther Anders zählt neben Stanley Cavell und Richard Dienst zu den wenigen Philosophen des Fernsehens.15 Er hat mit seiner Fundamentalkritik aus seinem Hauptwerk Die Antiquiertheit des Menschen von 1957 eine entgegengesetzte Haltung zu der „Kritischen Theorie Horkheimers, Adornos, Marcuses und anderer“16. Zur näheren Betrachtung der Kritikpunkte am Fernsehen werden im Folgenden einzelne Paragraphen herangezogen. Diese werden nach eigener Analyse auf Social TV transferiert. Zuerst wird die ins Haus gelieferte Welt betrachtet und danach auf das Phantom sowie die Nachricht und Matrize kurz eingegangen.

3.1 Die ins Haus gelieferte Welt

Um die durch das Fernsehen ins Haus gebrachte Welt geht es im §1 von Anders, der klarstellt, dass kein Mittel nur Mittel ist.17 Es hängt von den Menschen selbst ab, wie sie sich den Medien als Mittel für welche Zwecke bedienen. Anders führt das Beispiel des Gottesdienstes an, um deutlich zu machen, dass die Welt den Unterschied zwischen Mittel und Zweck nicht mehr unterscheiden könne. Dieser kann via Fernsehen zwar verfolgt werden, wird aber nicht in der Kirche vor Ort aktiv begleitet. Wir konsumieren in diesem Moment nur das Bild, Anders spricht von dem „Bilderbuch-Effekt“, der aber mehr das Gegenteil des Bezweckten erreicht. Die Mittel seien es dagegen, die uns zu dem machen, was wir sind.18 Übertragen auf Social TV würde diese Problematik ebenfalls zutreffen, da der Rezipient das Fernsehen als Mittel zum Zweck benutzt. Der Zuschauer sieht Sendungen, um in sozialen Netzwerken mit anderen Personen darüber zu kommunizieren. Eine Teilnahme an einer Soap Opera ist dabei eher ausgeschlossen als ein Live-Event, z.B. ein Fußballspiel. Letztendlich gehen die Zuschauer den realen Situationen aus dem Weg und begleiten das Geschehen vom Sofa aus.

[...]


1 Henseler(2010): S. 195

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. Heß/Hauptmeier (2008): S. 128f.

4 Vgl. Hamberger (2012): o.A.

5 Vgl. Service Insiders (2012): o.A.

6 Vgl. Mattgey (2012): o.A.

7 Vgl. Machalke (2012): o. A.

8 Vgl. Hamberger (2012): o.A.

9 Vgl. Stüber (2012): o.A.

10 Vgl. Mücke Sturm Company (2012): o.A.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. Gugel (2012): o.A.

13 Vgl. Internet World Business (2012): S.11

14 Vgl. Hamberger (2012): o.A.

15 Vgl. Engell (2012): S. 210

16 Engell (2012): S. 210

17 Vgl. Anders (2002): S 99

18 Vgl. Anders (2002): S 99f.

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656344339
ISBN (Buch)
9783656344728
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207337
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar – Medien
Note
1,8
Schlagworte
Social TV Fernsehtheorie interaktives Fernsehen Smart TV Günther Anders

Autor

Teilen

Zurück

Titel: SocialTV und die Welt als Phantom und Matrize