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Sozialisationsprozesse und Karrierewege von Offizieren der Wehrmacht unter besonderer Berücksichtigung der Sozialisationsrolle der Hitlerjugend

Masterarbeit 2012 118 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Zitat

1. Einleitung in das Thema

2. Entwicklung der Fragestellung

3. Methodisches Vorgehen

4. Jugend im NS–Staat
4.1. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
4.1.1. Familie
4.1.2. Schule
4.2. Gesetzliche Grundlagen
4.3. Die Hitlerjugend
4.3.1. Entwicklung und Struktur der Hitlerjugend
4.3.2. Formen und Inhalte des HJ–Dienstes
4.3.3. Attraktivität der Hitlerjugend
4.3.4. Alternativen

5. Was ist Sozialisation?

6. Die Hitlerjugend als Sozialisationsinstanz
6.1. Entwicklungen innerhalb der Hitlerjugend
6.2. Verhältnis von Familie und Hitlerjugend
6.3. Hitlerjugend und NSDAP
6.4. Hitlerjugend und Wehrmacht

7. Das Offizierskorps der Wehrmacht
7.1. Anforderungen und Zugänge
7.2. Bedarfsfragen
7.3. Werbung und Attraktivität

8. Biografien und Verläufe
8.1. Rudolf Witzig
8.2. Will Seelmann-Eggebert
8.3. Herbert Wodarz
8.4. Walter Heinlein
8.5. Helmut Schmidt

9. Auswertung
9.1. Familie und sozialer Hintergrund
9.2. Schule
9.3. Hitlerjugend
9.4. Werbung und Propaganda

10. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Erklärung

„Aber meine herrliche Jugend! Gibt es eine schönere in der ganzen Welt? Sehen sie sich diese Männer und Knaben an! Welch ein Material. Daraus kann ich eine neue Welt formen.“

Adolf Hitler 1936[1]

1. Einleitung in das Thema

Auch heute, 67 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation und dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ist das Thema der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland immer noch allgegenwärtig anzutreffen. Es existiert beispielsweise eine sehr große Bandbreite an unterschiedlichen Dokumentarfilmen, Veröffentlichungen und Publikationen von sogenannten kritischen Experten, welche zu den verschiedensten Protagonisten, Zeitabschnitten und Episoden in den modernen Medien und Informationskanälen ihre persönliche Meinung, einmal mehr, einmal weniger fundiert, öffentlich kommunizieren. Weiterhin haben gerade in den letzten Jahren, viele der damals lebenden Zeitzeugen, ihre ganz eigenen, individuellen Memoiren zu diesem interessanten Lebensabschnitt niedergeschrieben. Aufgrund dieser Vielfalt an Berichten über das Deutschland der Jahre 1933 bis 1945 kann es jedoch leicht passieren, den Durch-, beziehungsweise Überblick in Bezug auf die Informationen, Verstrickungen und Verschränkungen der Organisationen dieser Zeit zu verlieren.

Eine, dieser oft immer noch stark im Fokus stehenden Institutionen der Nationalsozialisten, ist und bleibt die Hitlerjugend. Adolf Hitler, welcher sich selbst als Führer des nationalsozialistischen Deutschen Reiches bezeichnete, sah in der Jugend und deren totaler Vereinnahmung eine wertvolle Ressource, um die Machtposition und das Gedankengut des Nationalsozialismus in Deutschland aufzubauen, auszuweiten und letztendlich fest zu implementieren.

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, kurz NSDAP, begann somit schon in den ersten Jahren, der sogenannten „Anfangszeit der Bewegung“, damit, eine eigene Jugendbewegung, beziehungsweise Jugendorganisation, aufzustellen. Dazu machte sie sich schon bestehende, sympathisierende Verbände und Gruppierung zu Eigen und gründete aus diesen heraus die Staatsjugend der Nationalsozialisten, die Hitlerjugend.

Diese vorliegende Masterarbeit, verfasst am Lehrstuhl für Historische Bildungsforschung an der Helmut-Schmidt Universität Hamburg / Universität der Bundeswehr Hamburg im Studienfach der Bildungs- und Erziehungswissenschaften, beschäftigt sich mit dieser Thematik der systematisierten Verführung der Jugend durch den nationalsozialistischen Staat.

Jedoch soll in dieser Arbeit auch ein zusätzliches Augenmerk auf die Wehrmacht, den militärischen Streitkräften des NS-Staats, gelegt werden.

Da die Hitlerjugend, kurz HJ, als staatliche Institution einen klaren Erziehungsauftrag hatte, muss in diesem auch ein postuliertes, zu erfüllendes perspektivisches Ziel festgehalten worden sein. Was sollten die Jugendlichen werden und wozu der HJ-Dienst? Was forderte das NS-Regime von ihnen? War dies eine Soldatenkarriere oder lediglich eine Erziehung hin zum vorausgebildeten, wehrbereiten Soldaten? Wollte die Hitlerjugend für den Dienst an der Waffe vorbereiten oder wollte sie noch viel mehr?

Eine Aufgabe dieser Organisation war es beispielsweise, die damalige Jugend Deutschlands im Sinne der Nationalsozialisten total zu erfassen und sie weithingehend nach ihrer Ideologie und Weltanschauung zu formen. Es sollte aufgrund dieser institutionellen Eingebundenheit in das System kein Jugendlicher der Erziehung, geprägt und curricularisiert durch die NSDAP, mehr entgehen. Die Nationalsozialisten waren somit der Annahme, dass sich in einem heranwachsenden Jugendlichen die reine Idee des Nationalsozialismus besonders tief implementieren ließe. Demnach könnte auch direkt oder indirekt eine Karriere in der Wehrmacht bereits in der Jugendphase initiiert werden.

Darüber hinaus muss erwähnt werden, dass es noch vielerlei weitere Institutionen gab, welche um die Gunst und den Zulauf der Jugendlichen warben. Es existierten zudem beispielsweise der Reichsarbeitsdienst, kurz RAD, zeitweilig die Sturmabteilung SA, die Waffen-SS, die Allgemeine SS, sowie viele weitere nationalsozialistische Organisationen, welche motivierten und qualifizierten Nachwuchs benötigten, um ihre eigene Machtposition im Staat zu sichern. Diese zuvor genannten Gruppierungen sollen jedoch in zukünftigen Ausführungen dieser Arbeit außer Betracht gelassen werden.

Weiterhin muss schon einführend klar gestellt werden, dass sich in dieser Masterarbeit ausschließlich auf die männliche Jugend fokussiert wird. Das weibliche Pendant, der Bund deutscher Mädel oder auch BDM, wird nicht weiter eingehend thematisiert. Nichts desto trotz hatte auch dieser das Ziel der totalen Erfassung der weiblichen deutschen Jugend und weist sehr viele Gemeinsamkeiten zur Hitlerjugend in der allgemeinen ideologischen Erziehung auf.

Im Verlauf dieser Ausarbeitung soll somit nicht nur versucht werden zu klären, ob und mit welchen Mitteln die NSDAP versuchte, die Jugend ganzheitlich und umfassend nach ihren Wünschen unter der Zuhilfenahme der Hitlerjugend zu erziehen und zu prägen. Es soll auch erarbeitet werden, ob die Hitlerjugend systematisch mit eigenen Methoden und Mitteln versuchte, Jugendliche für den Karriereweg des Offiziers der Wehrmacht zu begeistern, um somit aktiv einen Offiziernachwuchs für die Wehrmacht zu generieren.

Um an dieser Stelle schon Stichwörter zum Thema des Sozialisationsprozess des geschlossenen Systems der Hitlerjugend aufzugreifen, soll das Prinzip der „Lagererziehung“[2] sowie das Motto: „Jugend führt Jugend“[3] genannt werden. Diese werden in späteren Abschnitten noch konkreter bearbeitet.

Nach dieser kurzen Einleitung in das Thema der Masterarbeit „Sozialisationsprozesse und Karrierewege von Offizieren der Wehrmacht unter besonderer Berücksichtigung der Sozialisationsrolle der Hitlerjugend“, wird im zweiten Kapitel eine systematische Fragestellung entwickelt. Es soll geklärt werden, welches explizite Ziel diese Arbeit hat und welches Erkenntnisinteresse dem zu Grunde liegt. Das methodische Vorgehen zur Bearbeitung der zuvor eingeführten Fragestellung wird jedoch erst im dritten Abschnitt aufgezeigt. Das erste inhaltliche Kapitel behandelt die Thematik der Jugend im nationalsozialistischen Deutschland im Allgemeinen. Es werden die vorherrschenden Rahmenbedingungen, wie beispielsweise die Situation in den Schulen und in den Familien, dargelegt. Zudem sollen die zu dieser Zeit gegenwärtigen rechtlichen Grundlagen geklärt werden. Im Anschluss muss die Hitlerjugend an sich detailliert dargestellt, sowie ihre Formen und Inhalte und deren Attraktivität begründet aufgezeigt werden. Ergänzend wird auf mögliche Alternativen zur HJ Bezug genommen. Das fünfte Kapitel klärt den zentralen Fachterminus der Sozialisation in Form einer klaren Begriffsdefinition. Diese findet im Folgekapitel sofort Anwendung. Hier muss die Hitlerjugend unter dem Fokus der Sozialisation genauer betrachtet werden. Schwerpunkt ist es somit, die Entwicklung der Jugendlichen in der Jugendorganisation darzulegen, sowie das Verhältnis zur Familie, zur NSDAP und zur Wehrmacht zu klären.

Im siebten Kapitel wird das Offizierskorps der Wehrmacht thematisiert. Um sich einen genaueren Überblick zu verschaffen zu können, werden Struktur, Bedarfsfragen, Zusammensetzung, Zugänge sowie Werbung und Attraktivität genauer untersucht.

Die Kapitel acht und neun bilden einen zweiten, eigenen analytischen Teil zum Thema dieser Arbeit. In jenen Abschnitten werden fünf verschiedene Beispielbiografien / Autobiografien von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren vorgestellt und nach vier verschiedenen Kategorien in Bezug auf die Forschungsfrage genauer untersucht. Alle diese noch vorzustellenden Offiziere waren vor ihrem Eintritt in die Wehrmacht aktive Mitglieder in der Hitlerjugend. Diese einzelnen Karriereverläufe sind vom Leser jedoch als individuell und nicht als repräsentativ zu bewerten. Abgerundet wird diese Masterarbeit durch den Versuch der Beantwortung der Forschungsfrage, sowie einer kurzen, inhaltlich abschließenden Zusammenfassung.

2. Entwicklung der Fragestellung

Nachdem nun ausführlich in das Thema dieser Ausarbeitung eingeleitet wurde, soll in diesem zweiten Kapitel nun die Forschungsfrage direkt ausgearbeitet und konkretisiert werden. Wie kommt es zu dieser Themenformulierung und welche Forschungsintention verbirgt sich dahinter?

Als erstes muss, wie bereits eingangs erwähnt, festgehalten werden, dass es sich bei der Hitlerjugend immer noch um ein sehr interessantes und partiell unerschöpftes Thema handelt. Da wir als deutsche Bevölkerung auch heute noch regelmäßig mit diesem Geschichtsabschnitt unseres Landes konfrontiert werden, ist es auch weiterhin richtig und wichtig, dass wir ein besonderes Interesse dafür entwickeln. Hinzu kommt, dass die Generation unserer Großeltern oder Eltern zu dieser Zeit lebte oder geboren wurde. Somit wurden für viele von uns schon von klein auf an die Geschichten und Anekdoten dieser Zeitzeugen zu ihren ganz eigenen, individuellen Erlebnissen in der Hitlerjugend, reproduziert.

Ein weiteres, ebenfalls interessantes Thema, in Bezug auf das nationalsozialistische Deutschland, ist zweifelsohne das des Zweiten Weltkrieges. Nahezu jede Familie hatte damals einen oder mehrere Söhne in den Reihen der Wehrmacht.

Manchmal diente sogar Vater und Sohn gleichzeitig an den verschieden Fronten. Somit ist auch die Wehrmacht immer noch für viele deutsche Familien ein aktuelles Thema.

Ziel dieser Masterarbeit ist es, diese zwei Aspekte zu vereinen. Dabei soll jedoch noch ein Schritt weiter gegangen werden. Von besonderem Interesse für diese Ausarbeitung ist hierbei das eigentliche Offizierskorps, welches sich wie noch heute im Schwerpunkt in die Teilstreitkräfte des Heeres, der Luftwaffe und der Marine untergliedert.

Hieraus begründet sich ein weiterer Aspekt für die Themenwahl. Da die Helmut-Schmidt-Universität Hamburg eine Bildungseinrichtung der Bundeswehr ist, sind alle dort immatrikulierten Studenten Offiziere oder Offizieranwärter der bundesdeutschen Streitkräfte. Privilegierte zivile Studenten oder ausländische Militärkadetten machen nur einen verschwindend geringen Anteil der eigentlichen Studentenschaft aus. Demnach ergibt sich auch ein persönliches Forschungsinteresse an diesem Thema aufgrund der eigenen Entscheidung die Karrierelaufbahn des Offiziers in der Bundeswehr einzuschlagen.

Diese Masterarbeit mit dem Titel: „Sozialisationsprozesse und Karrierewege von Offizieren der Wehrmacht unter besonderer Berücksichtigung der Sozialisationsrolle der Hitlerjugend“ will somit mehrere Aspekte gleichzeitig beleuchten. Es soll versucht werden, eingängig zu klären, ob die Hitlerjugend, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versuchte, direkt oder indirekt, die männliche deutsche Jugend dazu zu bewegen, sich aktiv dem Dienst in der Truppe als Offizier zu stellen.

War die Hitlerjugend somit als Sozialisationsinstanz der männlichen deutschen Jugend für die systematische Genese eines neuen, durch die ideologischen Beeinflussungen der NSDAP geprägten Offiziersnachwuchses, zuständig? Wollte die Hitlerjugend zielgerichtet nicht nur einfache Soldaten inter- und intrapersonal vorprägen, sondern auch vielmehr, auf der programmatischen Ebene eine gewisse Vorselektierung für zukünftige Führungskräfte der Armee des nationalsozialistischen Deutschlands sicherstellen? War eine derartige programmatische Ebene überhaupt real existent?

Alle diese Fragen sind der eigentliche Kern der zusammengefassten, konkretisierten Forschungsfrage: War die Hitlerjugend als Erziehungs- und Sozialisationsinstanz, mit der Gesamtheit ihrer Facetten, die entscheidende Instanz für die Berufswahl von jungen Männern, Offizier der Wehrmacht zu werden?

Wenn nicht, welche Einflussfaktoren und Motivationen könnten dann dafür ausschlaggebend gewesen sein?

Von ganz besonderem Interesse ist somit auch das Verhältnis dieser beiden eingeführten Institutionen zueinander. Was wollte die Wehrmacht von der Hitlerjugend? Gab es offizielle Richtlinien für die Rekrutierung von Offizierbewerbern aus der HJ? Wie sah die Zusammenarbeit aus und mit welchen Mitteln umwarben die Streitkräfte die Jugendlichen.

Ergänzend gilt es jedoch anzumerken, dass auch die Waffen-SS, als besonders elitär angesehener waffentragender Verband, aktiv um die Gunst der Hitlerjugend warb. Somit entstand eine nicht zu missachtende Konkurrenz um den zukünftigen, qualifizierten Führernachwuchs. Dieses Verhältnis wird jedoch in der gesamten Arbeit ausgeblendet, da es über die Jahre der Herrschaft der Nationalsozialisten, sowie gerade in den späteren Kriegsjahren zu komplex und undurchsichtig wurde. Deshalb wird die Waffen-SS, sowie ihr eigenes Offizierskorps in dieser Arbeit nicht weiter thematisiert.

3. Methodisches Vorgehen

Ohne die klare Formulierung einer Forschungsfrage, sowie der systematisierten Darstellung des methodischen Vorgehens durch den Verfasser, kann ein Text, welcher den Regeln des wissenschaftlichen Schreibens genügen will, nicht realisiert werden. Beide Punkte sind von ungeheurer Wichtigkeit für die Klarheit und das Verständnis des Autors. Erstgenanntes wurde bereits in dem zuvor gehenden Kapitel dargelegt. In diesem Abschnitt der Masterarbeit hingegen soll dem Leser nun das methodische Vorgehen explizit aufgezeigt werden.

Allgemein ist schon an dieser Stelle klarzustellen, dass diese Forschungsarbeit sich in zwei analytische Perspektiven differenziert. Diese sind zwar thematisch aneinander gebunden, könnten jedoch auch einzeln und unabhängig voneinander betrachtet werden.

Der erste, im Schwerpunkt stehende Teil, stellt eine reine Sekundäranalyse von Originalquellen und Literatur zu dem Thema der Hitlerjugend, dem nationalsozialistischen Deutschland und der Wehrmacht dar.

Im zweiten Teil werden unter der Zuhilfenahme von fünf Autobiografien/Biografien individuelle Fallanalysen, zu der Begründung der Berufswahl des Offiziers der Wehrmacht, betrieben.

Somit ergibt sich zum einen, ein eher konzeptioneller und zum anderen, ein sehr biografisch-fallanalytisch geprägter Forschungsschwerpunkt dieser Masterarbeit.

Wie bereits eingeführt, wird der Abschnitt zur Sekundäranalyse, im Detail die Kapitel vier bis sieben, durch moderne Literatur, unter Zuhilfenahme und Ergänzung durch Originalquellen, wie zeitgenössische Zeitschriften, Plakate, Fotos oder Werbehefte, als eine Art eigenständige Aufarbeitung und Zusammenfassung des gegenwärtigen Forschungsstandes zu den jeweiligen Themengebieten dargestellt werden. Hierbei gilt es trotz alledem im Hinterkopf zu behalten, dass jenes nicht in Form des reinen Referierens von verschieden Veröffentlichungen stattfinden wird, sondern viel mehr auch analytischen Charakter aufweisen soll. Primärquellen werden dort, wo vorhanden, bevorzugt. Zudem darf der Fokus der bereits eingeführten Fragestellung nicht außer Acht gelassen werden.

Als wissenschaftstheoretischen Hintergrund wird im ersten analytischen Teil die hermeneutische Methode der kontextuellen Interpretation[4] nach Christian Rittelmeyer, welche auch als hermeneutische Kontextanalyse bekannt ist, besonders beachtet. Diese löst sich von dem ursprünglich engen Rahmen der traditionellen Hermeneutik und ist als „Kunst des Sinnverstehens[5] zu begreifen.[6] Sie schließt in ihren Analysen daher auch materielle Gegenstände, Visualisierungen oder Körperhaltungen mit ein. Als Beispiele hierfür werden zum einen mehrere vergleichbare Texte als Zusatzinformationen herangezogen und argumentierend komparativ interpretiert. Zum anderen kann ein Kontext nach Rittelmeyer auch durch Fotos, gesellschaftliche Ideale, Werte- und Normensysteme, Architektur, Tänze, oder ähnlichem verstanden werden.[7]

Für diese Art kontextuell hermeneutisch zu forschen, ist es demzufolge von wesentlicher Bedeutung, eine Rekonstruktion der historischen Lebenswelten zu ermöglichen und sich über diese bewusst zu werden.[8]

Im zweiten Teil, dem biografischen Abschnitt, im Kapitel acht und neun, werden dem Leser, wie bereits aufgezeigt, fünf Karrieremuster und -verläufe dargelegt.

Hier geht es in den verschieden Fallanalysen darum, im Einzelnen aufzuzeigen, warum diese ehemaligen Hitlerjungen Wehrmachtsoffiziere geworden sind.

Da jedoch aus einem Einzelfall keine reliable und valide Wissenschaft entstehen kann, wie bereits Aristoteles in der Antike formulierte, so können diese individuellen Karriereverläufe nicht als repräsentativ angesehen werden.[9] Sie stellen lediglich ein individuelles, persönliches, nicht allgemeingültiges Wahrnehmen und Erleben dar. Werden sie jedoch analytisch kategorisiert zusammengefügt, können durch eine gehaltvolle Interpretation beispielsweise Hypothesen generiert werden.

Reinhard Fatke hat in seinem Beitrag „Fallstudien in der Erziehungswissenschaft[10], welcher in dem Sammelwerk: „Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft“, herausgegeben von Barbara Friebertshäuser, Antje Langer und Annedore Prengel, 2010 erschien, eingehend wissenschaftstheoretische Grundlagen zur Fallanalyse postuliert. Diese sollen auch hier Beachtung finden.

Allgemein muss einführend somit klar gestellt werden, dass es in der Erziehungswissenschaft vorrangig nicht darum geht, induktiv, dementsprechend vom besonderen Einzelfall zur allgemeingültigen Aussage zu gelangen. In der Regel sollte dies traditionell andersherum geschehen. Hieraus resultierend kann eine gültige allgemeine Aussage deduktiv wissenschaftstheoretisch Rückschlüsse auf den Einzelfall geben.[11] Was kann jedoch nach Fatke überhaupt als Fall bezeichnet werden? Welchen Stellenwert haben Fallanalysen in der modernen Wissenschaft und welche Einschätzungen und Ergebnisse können sie liefern?

Reinhard Fatke definiert den Fall als die Geschichte oder das Erleben von einzelnen Individuen, Gruppen, Organisationen oder abstrakten Einheiten. Im Zentrum der Fallforschung steht seiner Meinung nach, weiterhin immer noch, die einzelne Person mit ihrer einzigartigen Lebensgeschichte.[12] Ein Fall wird zudem durch seine gewisse Besonderheit definiert. Etwas muss in dem Lebenslauf oder der Ereigniskette „auf fall en“.

Ein Zitat von Karl – Heinz Günther untermauert diese These zudem:

Das Alltägliche, Selbstverständliche, Wiederkehrende, immer schon Vorhandene und Bewältigte wird selten als Fall vorgestellt, sondern das, was sich als Konflikt, als besonderes Ereignis, als Denkwürdiges und Merkwürdiges, als Unerwartetes und Unvorhergesehenes im Lebenslauf heraushebt.“[13]

Weiterhin dienen Fallanalysen in der modernen Erziehungswissenschaft immer noch im Schwerpunkt der Hypothesengenerierung. Sind diese jedoch auch weitumfassend, also gewissermaßen repräsentativ angelegt, sowie gründlich und methodisch kontrolliert durchgeführt, können sie gegenwärtig, so Fatke, auch zur Gewinnung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und zur Theoriebildung beitragen.[14] Einzelfallanalysen sind darüber hinaus auch geeignet, um zwischen der Wissens- und Diskursform der allgemeinen Pädagogik und der realen Erziehungswissenschaft zu vermitteln. Ziel kann es somit ferner sein, durch das Ermitteln von Gemeinsamen, allgemeine Normen oder Prinzipien zu erfassen, abzugrenzen, zu beurteilen oder schlussendlich Regelhaftes formulieren zu können.[15]

In jenen, hier vorliegenden Fallanalysen, soll dies ebenfalls versucht werden. Innerhalb des Teils zur Auswertung der Biografien, werden der Inhalt und die Aussagen der jeweiligen ehemaligen Hitlerjungen nach vier verschiedenen Kategorien untersucht:

1. Familie und sozialer Hintergrund
2. Schule
3. Hitlerjugend
4. Werbung und Propaganda

Es kann jedoch schon bereits an dieser Stelle, nachdem die wissenschaftstheoretische Literatur ausgewertet wurde, festgehalten werden, dass selbst bei einer akribischen und detaillierten Auswertung dieser vier Kategorien, keine repräsentativen, allgemeingültigen oder übertragbaren Schlussfolgerungen gezogen werden können.

Grund dafür ist, dass das vorliegende Material, welches als Grundlage der noch folgenden Untersuchung dient, unkontrolliert biografisch oder autobiografisch verfasst wurde und zudem nicht immer den zuvor von Fatke angeführten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Jedoch könnten Hypothesen, somit ungeprüfte Annahmen über Sachverhalte, zu den in dieser Pionierarbeit zu bearbeitenden Forschungsfragen aufgestellt werden und demgemäß neue Anreize für weitere, zukünftige Forschung geben.

4. Jugend im NS–Staat

In diesem vierten Abschnitt der Masterarbeit wird auf in die komplexe Thematik der Jugend im nationalsozialistischen Deutschland eingegangen. Es werden die damals vorherrschenden gesellschaftspolitischen Aspekte, wie beispielsweise die Zusammensetzung der Gesellschaft und deren Schichten, damit verbunden die Familie, sowie die Schule, genauer beleuchtet. Weiterhin sollen dem Leser die zu dieser Zeit gültigen Gesetzeslagen aufgezeigt werden.

Der Schwerpunkt dieses Kapitels liegt jedoch bei der Beschreibung und Darstellung der Hitlerjugend als Institution an sich. Was genau war sie, wie stellte sie sich in der Gesellschaft dar und welche Ziele verfolgte die NSDAP in Bezug auf die totale Erfassung der Jugend?

Bevor nun auf diese angesprochenen Problematiken in den nachfolgenden Unterabschnitten eingegangen werden kann, ist es an dieser Stelle erst einmal nötig, den Begriff der Jugend klar abzugrenzen. Was bedeutet Jugend, beziehungsweise die Jugendphase und welche Eigenschaften schreibt man ihr zu? Welche Besonderheiten herrschen in diesem Lebensabschnitt vor und warum ist gerade dieser für ein heranwachsendes Individuum so wichtig und prägend?

Um den Begriff der Jugend allgemein einzuführen, eignet sich die, von Brockhaus herausgegebene, aktuelle 30-bändige Enzyklopädie bestens. Hier findet der interessierte Leser auf mehr als vier Seiten einen sehr umfangreichen Begriffsüberblick, welcher in typischer wissenschaftlicher Weise aufgezeigt wird.

Jugend ist somit, im klassischen Sinn, als eine Lebensphase zu verstehen, welche von der Kindheit bis hin zum Erwachsenenalter reicht.

Während dem Prozess des Heranwachsens, reift ein Individuum geistig, körperlich und sozial.[16] Zudem wird angeführt, dass der Jugendbegriff mehr ist als eine wichtige Zeitspanne, welche die persönliche Entwicklung eines Menschen grundlegend prägt. Jugend definiert sich deshalb nicht als eine anthropologische Konstante, sondern viel mehr als ein evolutionär geprägter, genetisch gesteuerter Entwicklungsprozess, welcher in den vielen verschieden Kulturen vollkommen unterschiedlich abläuft.[17] Jede Kultur hat beispielsweise unterschiedliche Werte- und Normensysteme, welche sich aufgrund der jeweils gegebenen sozialen Bedingungs- und Einflussgefüge grundlegend anders auf die intrapersonale Entwicklung in der Jugendphase auswirken können.

Weitere Beeinflussungen können zum Beispiel durch geltende Rechtsvorschriften sowie Gesetze, sozialökonomische Gesichtspunkte einer Gruppe oder eines Staates oder auch in den Rahmenbedingungen von Bildungssystemen und Bildungsinstitutionen ausgelöst oder erschaffen werden. Jugend ist somit keine homogene Gruppe.[18]

Abschließend hierzu muss jedoch bedeutender Weise erneut angemerkt werden, dass die Phase der Jugendzeit, grundlegend für die intrapersonale Identitätsbildung, verbunden mit einer individuellen und sozialen Reifung, ist. Gerade in diesem Lebensabschnitt sind die Erziehungs- und Sozialisationsfaktoren der Familie, der Peers, also der Gleichaltrigen, sowie die der Schule von ungemeinem Einfluss für das spätere Verhalten im Erwachsenenalter.[19]

Die persönliche Reifephase der Jugend ist hieraus zusammenfassend somit die prägendste für das ganze weitere Leben. Jedoch ist sie auch, durch verschiedenste Gegebenheiten und Rahmenbedingungen, besonders gut durch dritte Faktoren zu beeinflussen.

Wie und mit welchen Mitteln die Nationalsozialisten diese Erkenntnisse für ihre eigene Politik und Zielvorstellungen einer neuen Staatsjugend versuchten zu realisieren, soll im Folgenden aufgezeigt werden.

4.1. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Dieser Abschnitt zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im sogenannten „Dritten Reich“ der Nationalsozialisten, thematisiert im Hauptaugenmerk die deutsche Gesellschaft/Familie in ihrer damals vorherrschenden Vielfalt, sowie die allgemeine Bildungsinstitution der Schule. Da bereits der Jugendbegriff klar aufgezeigt und abgegrenzt wurde, soll er nun in diesen zwei Kategorien mit einbezogen werden. Darüber hinaus ist es von Bedeutung, sich ab diesem Kapitel darüber im Klaren zu sein, dass es innerhalb der Herrschaftszeit der NSDAP in Deutschland verschiedene Phasen zur Erfassung der Jugend mit verschiedenen Intensitäten gab.

In der frühen Anfangszeit ab Ende 1932 bis zur Gleichschaltung Mitte 1933, also der Einverleibung aller Institutionen und Organisationen in das NS-System per Gesetz, blieben Familie und Schule ideologisch noch relativ unangetastet. Nach der Gleichschaltung bis zum Kriegsbeginn 1939 hingegen versuchten die Nationalsozialisten immer mehr Einfluss in diese privaten und intimen Lebensbereiche zu bekommen, um die Jugend nach ihren Wünschen zu erfassen, zu erziehen und zu prägen. Dieses gelang jedoch nur teilweise und nicht flächendeckend. Erst nach dem Kriegsbeginn konnten durch die vorherrschenden radikalen Umstände, so waren beispielsweise die Väter an der Front und die Mütter in der Rüstungsindustrie oder Ähnlichem beschäftigt, ein Großteil der Jugendlichen durch verschiedenste Maßnahmen von der eigenen Familie, der gesellschaftlichen Klasse und auch der Schule nicht nur sozial, sondern oft auch räumlich getrennt werden. In diesen Fällen wirkte eine ideologische Sozialisation und Prägung durch die Nationalsozialisten besonders effektiv.

4.1.1. Familie

Seit Menschengedenken ist und bleibt der Bereich der Familie ein intimer, privater und geschützter Lebensraum. Politische und wirtschaftliche Systeme versuchten diesen in nahezu jeder Herrschaftsform zu beeinflussen und auszunutzen.

Er wird jedoch auch in Zukunft ein nur sehr schwer zu durchdringender Bereich der primären Sozialisation bleiben und wie auch die Geschichte zeigt, jedem Machtanspruch oder jeder Bevormundung trotzen.

Wie sich die Familie und damit die Gesellschaft im nationalsozialistischen Deutschland von 1933 bis 1945 darstellte und zusammensetzte, soll im Folgenden dargelegt werden. Für das weitere Verständnis der Problematik der Fragestellung dieser Masterarbeit, sowie der Thematik der systematisierten Verführung der Jugend ist es unabdingbar, sich über diese Kernaspekte der deutschen Bevölkerung bewusst zu werden.

Allgemein kann festgehalten werden, dass sich die Bürger des nationalsozialistischen Deutschlands von Beginn an in verschiedene Klassen unterteilen ließen. Zwar hatte die NSDAP die Absicht, jegliche Unterschiede und Klassendifferenzen zu beseitigen, um eine finale äquivalente und unterschiedslose „Volksgemeinschaft“ zu erschaffen und sie dem Primat der Politik zu unterwerfen, jedoch ließen sich viele soziale Gruppen real nicht aus ihren angestammten und über die Jahre hart erarbeiteten Positionen entthronen.[20]

Hans-Ulrich Wehler unterteilt die damaligen Familien in seinem Werk zur Deutschen Gesellschaftsgeschichte von 1914 bis 1949 in folgende vier Gesellschaftsschichten:[21]

1. Die bürgerlichen Klassen mit dem Wirtschaftsbürgertum, dem Bildungsbürgertum und dem Kleinbürgertum,
2. die industriellen Arbeiterklassen,
3. die bäuerliche Besitzklasse,
4. sowie den Adel.

Die bürgerlichen Klassen hatten nach 1933, also dem radikalen Regimewechsel in Deutschland, vorerst kaum tiefgreifende Veränderungen in ihrem gewöhnlichen Lebensumfeld zu spüren.[22] Ausgenommen werden müssen hier natürlich alle die vom NS-Staat verfolgten und degradierten Bürger. Sie bilden in diesem Fall eine Sondergruppe innerhalb jeder der zuvor eingeführten gesellschaftlichen Schichtungen.

Symptomatisch für die Jahre bis zum Beginn des 2. Weltkrieges war die Zuschauerrolle dieser bürgerlichen Klassen. Sie duldeten das, was die Nationalsozialisten mit Deutschland taten und sahen zu, als die HJ begann in die Familien vorzudringen um die Jugend, ihre eigenen Kinder, zu erfassen.[23]

Wirtschaftlich ging es den bürgerlichen Familien in den mid-30ger Jahren aufgrund des künstlich herbeigeführten Aufschwungs in Deutschland immer besser, sodass vorerst keinerlei tiefgreifender Zweifel am „Führer“ oder an dessen Politik aufkommen konnte. Er sicherte ihre Sozialhierarchie und so sahen die bürgerlichen Klassen der Zertrümmerung der hart und mühsam erarbeiteten Demokratie der Weimarer Republik stillschweigend zu.[24]

Die ersten Konflikte kamen jedoch auf, als die Führung der NSDAP versuchte die bereits 1933 postulierten Forderungen nach einer realen „Volksgemeinschaft“ zu verwirklichen. Diese richtete sich grundlegend gegen die zahlreichen Privilegien der bürgerlichen Familie und stellte die „traditionelle bürgerliche Hierarchie von Besitz und Bildung im Kern in Frage[25]. Was taten die Unternehmerfamilien, die Anwälte, Lehrer oder Ärzte nun dagegen?

Im Schwerpunkt, so Hans-Ulrich Wehler, suchten die bürgerlichen Familien ab dem Ende der 30ger Jahre bis zur Kriegsniederlage 1945, ohne einen auffallenden Anstoß an das NS-Regime zu erregen, eine gewisse soziale Distanz. Sie kritisierten die NS-Regierung heimlich hinter verschlossenen Türen und erst recht nicht vor ihren Kindern, schotteten sich interpersonell ab, kapitulierten vor dem übermächtigen Ideal und übernahmen bereitwillig den Grundsatz der Nationalsozialisten, der Sozialverfassung und damit auch deren Lebensführung.[26]Die Außerkraftsetzung jeglicher Rechtssicherheit wurde, wie gesagt, passiv, wenn auch gar nicht zustimmend, hingenommen. „[27]

Zusammengefasst haben somit die bürgerlichen Familien in jeglicher Konstellation, nach Hans-Ulrich Wehler, in der Masse schmächlich vor den Anmaßungen des Hitler-Regimes kapituliert.[28] Die Jugendlichen und Kinder, welche in diesen Familien aufwuchsen, empfanden, trotz des engen Familiengefüges, den NS-Staat als weniger störend, da die Eltern sie vor deren eigenen Kritikdenken fern hielten.

Im Gegenteil, um nicht aufzufallen, um eventuell auch die Kinder zu schützen und um als guter deutscher Bürger zu gelten, gaben sie die Kinder bereitwillig bis zur totalen Niederlage Deutschlands 1945 in die Hände der verschiedenen Jugendorganisationen der Nationalsozialisten.

Anders hingegen stellte sich das Verhältnis der Familien der industriellen Arbeiterklasse zu Adolf Hitler und seinen Ideen dar. Sie bewiesen als große soziale Gruppe in der unterdrückten marxistisch geprägten Opposition von Anfang an standhafte und unbeugsame Resistenz gegenüber dem NS-Regime. Jedoch nach dem Depressionsschock der dreißiger Jahre und dem anschließenden Stärken der deutschen Wirtschaft erfolgt ein grundlegender Wandel dieser Klasse hin zur unbestrittenen Führerloyalität.[29]

Wie kam es zu diesem folgenschweren Einstellungswandel der Arbeiterfamilien? Wie schaffte es die NSDAP diese traditionell revolutionäre Schicht für ihre Ideale zu gewinnen?

Wehler beschreibt diesen eigentlich sonderbaren Perspektivwechsel anhand von acht Thesen.

1. In den Schreckensjahren der Weltwirtschaftskrise litten die deutschen Arbeiterfamilien besonders. Statistisch gesehen hatte bei acht Millionen Arbeitslosen jede Familie ein Mitglied ohne eine Anstellung. Das Leben war somit von Dauerarbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Demütigung und Verzweiflung in einem noch nie da gewesenen Ausmaß geprägt.[30]

Die Nationalsozialisten schafften es jedoch, innerhalb weniger Jahre, einen völlig unerwarteten, schnellen Aufschwung herbeizuführen. Dieses Wirtschaftswunder sorgte für Vollbeschäftigung, neue Arbeitsplätze und Stabilität. Weiterhin war das Einkommen und dessen Wert kaum noch gefährdet.[31]

2. Die Arbeiterfamilien waren seit dem Beginn der Wirtschaftskrise nahezu jeden Tag auf den Straßen, um zu protestieren und zu demonstrieren.

Was allerdings war ihr eigentliches Ziel? Waren sie gegen den allmählich aufkommenden politischen Druck der NSDAP von rechts oder wollten sie den desolaten Zustand der Republik anprangern?

Nach Hans-Ulrich Wehler war die Masse der Arbeiterfamilien in Demonstrationen und Protesten involviert, da die Einkommensentwicklung ihnen kaum noch Chancen auf ein finanzierbares Leben ließ.[32] Sie wollten somit ihren Wunsch nach Wiederzurückgewinnung des Reallohnes auf das Niveau von 1928, also vor der Krise, Ausdruck verleihen. Durch den bereits angesprochenen wirtschaftlichen Aufschwung hingegen wurden ab 1937/1938 in nahezu allen Industriezweigen, speziell der Rüstungsindustrie, die höchsten Reallöhne erreicht, welche es in Deutschland jemals gab.[33] So entstand die Parole, welche Anfang der Vierziger auf den Straßen zu hören war: „Adolf hat die Leute von der Straße geholt![34]

3. Weiterhin muss darauf hingewiesen werden, dass der nationalsozialistische Staat der normalen deutschen Arbeiterfamilie zusätzlich viele Zugeständnisse machte. So wurden beispielsweise die gesetzlich vorgeschriebenen Urlaubstage erhöht, Zuschüsse für Mütter, Kinder und Witwen eingeführt, sowie verschiedene Sonderleistungen für kinderreiche Familien offeriert. Weitere neue Entlastungen bescherte das Kindergeld, der Mutterschutz oder das Ehestandsdarlehen, finanziert durch eine staatliche Sozialpolitik.[35] Zudem existierten verschiedenste Organisationen, welche sich dem Wohl der Arbeiterfamilien annahmen. Als Beispiele sind hier die Deutsche Arbeitsfront, DAF, eine Art nationalsozialistische Arbeitervereinigung, das Winterhilfswerk, WHW, was eine Spendenorganisation für Bedürftige darstellte[36] oder auch die KdF-Maßnahmen (Kraft durch Freude) zu nennen. Letztere veranstalteten subventionierte Urlaubsreisen für deutsche Arbeiterfamilien.[37]

4. Steigende Motivation und konforme Einsatzbereitschaft der Arbeiterklasse wurde im NS-Staat belohnt. Qualifikationsprogramme, Weiterbildungen und Lehrgänge schafften bei den Arbeitern neuen Leistungsstolz und Selbstbewusstsein.[38]

5. Zudem kam eine Art Statusaufwertung der Arbeiterfamilie. Die Maxime „Arbeit adelt“ sollte nicht nur eine leere Worthülse bleiben. Durch die Boni und Gratifikationen der verschiedenen NS-Organisationen fühlte sich die Arbeiterklasse nicht mehr als solche. Der „Volkswagen“ ist das beste Beispiel hierfür. Jede motivierte und engagierte deutsche Familie hatte nun die Möglichkeit, ein eigenes Auto zu besitzen und somit einen noch nie dagewesenen Lebensstandard zu erreichen.[39]

6. Jedoch muss auch erwähnt werden, dass die Verfolgung und damit die Terrorisierung der hochpolitisierten Arbeiterschaft nach dem Wirtschaftsaufschwung weiterging. Hans-Ulrich Wehler ist somit zudem der Ansicht, dass diese brutalen Repressionen weiterhin eine Ursache für die endgültige Entpolitisierung von vielen Arbeiterfamilien war.[40] Sie hatten schlichtweg Angst vor den Nationalsozialisten, welche nicht selten mit Zuchthaus oder Sippenhaft drohten.

7. Ebenfalls wurde innerhalb der Fabriken und Betriebe ein gewisser Druck zur Konformität ausgeübt. Diakonische Strafen wurden für eine Missachtung von Vorschriften postuliert. So konnte ein Jahr Gefängnis für die Verweigerung von Überstunden, zwei Jahre Gefängnis für das mehrmalige unentschuldigte Wegbleiben vom Arbeitsplatz oder drei Jahre Haft für mehrmalige wiederholte unentschuldigte Unpünktlichkeit, verhängt werden.[41]

Da die Arbeiter keine eigene handlungsfähige Interessenvertretung hatten, mussten sie ebenfalls die Arbeitszwangsverpflichtungen, die zwei Dienstpflichtverordnungen vom 22.Juni 1938 und vom 13.Februar 1939 sowie die spätere Kasernierung in Arbeitslagern zum Bau des Westwalls, stillschweigend hinnehmen.[42] Jedoch war der NS-Staat hier entgegenkommend und bescherte den betroffenen Arbeiterfamilien einen höheren Lohn, großzügige Unterhaltszahlungen und später im Krieg bevorzugte Lebensmittelbezugskarten. Hieraus lässt sich ableiten, dass die Arbeiterfamilien durch eine geschickte Konsumgüterpolitik über diesen Missstand hinwegsahen.[43]

8. Als letzten Punkt für den Wandel hin zur Führerloyalität führt Wehler die grundlegende Umgestaltung der Lebenswelt und des Sozialmilieus der Arbeiterfamilien an. Durch die herbeigeführte politische Homogenität verschwanden alte, traditionelle proletarische Wohnquartiere und Viertel. Somit vermischte sich auch die politische Denkweise und reale Einstellung der Bewohner.[44] Die ehemals negative Meinung zur Hitlerjugend oder zum BDM kapitulierte vor der Gesellschaftskonformität. Wenn die Nachbarsjungen ihren Dienst tun durften, sollte der eigene Zögling kein Außenseiter im Haus sein.

Zusammengefasst bedeutet jenes, dass die traditionell revolutionäre und opportunistische Arbeiterschicht mit ihren Familien den zielgerichteten und systematisierten „Verführungen“ der Nationalsozialisten unterlag. Sie ließ sich von einem kurzfristigen Schein von Aufschwung, Konsum und Wohlstand blenden und verlor so teilweise ihre hart erkämpfte Mündigkeit. Die Jugendlichen, welche in diesen Familien aufwuchsen, waren somit ebenfalls von der trügerischen Leistung des „Führers“ fasziniert. Scharenweise traten sie in die Hitlerjugend ein, welche ihnen Möglichkeiten offerierte, von denen sie in ihrer sozialen Umgebung ehemals nur zu träumen wagten.

Die bäuerlichen Besitzklassen hingegen erschienen von der NS-Regierung als weniger privilegiert. Zwar bildeten sie den neu betitelten „Nährstand“ des Reiches, jedoch wurden sie aufgrund verschiedener tiefgreifender Transformationen und Reformen von der Idee des Nationalsozialismus und deren Partei eher entfremdet.

Der Reichsbauernführer, Walther Darré, hatte ab der Machtübernahme das Ziel einer großangelegten Umplanung und Umverlegung von Land und Leuten im Form einer „agrarischen Großraumplanung“.[45] Der bäuerliche Kleinbesitz sollte lückenlos aufgelöst und zu größeren, effizienteren Höfen zusammengefasst werden. Dieser als langlebig titulierter Modernisierungstrend sollte von einem ganzen Bündel hochideologisierter, sehr spezifisch nationalsozialistischer Zielvorstellungen ergänzt werden.[46]

Dies ließen die deutschen Bauern im Großteil nicht mit sich machen. Nur wenige gaben ihre Ländereien und Höfe freiwillig ab. Selbst dies geschah nur unter dem Versprechen der Nationalsozialisten, nachdem neuer Lebensraum im Osten erschlossen wurde, hier große und ertragreiche Ländereien zu erhalten.[47] In den späteren Jahren wurde dieser Plan jedoch fallen gelassen, da Hitler aufgrund des Versorgungsbedarfs der Wehrmacht im Krieg keinen Konflikt mit den landwirtschaftlichen Produzenten wünschte.

Ein weiterer negativer Gesichtspunkt, welchem sich die ländlichen Bauernfamilien stellen mussten, war der, der Landflucht. Da in der Industrie händeringend nach neuen jungen Arbeitskräften gesucht wurde, entschieden sich viele Jugendliche ihre Zukunft lieber in der Stadt selbstverantwortlich zu gestalten, als auf dem familieneigenen Bauernhof zu bleiben.[48]

Konkludiert bedeutet dies somit, dass die Bauernfamilien eher eine ablehnende Haltung zum NS – Regime hatten. Bedingt durch die bereits eingeführten Faktoren ließen sie somit auch ihre Kinder recht häufig nicht zum HJ-Dienst. Da dieser darüber hinaus sehr zeitintensiv war, fehlten Arbeitskräfte auf den vielfach noch recht abgeschiedenen Höfen, sodass die Väter ihre Söhne und Töchter lieber mit Arbeit begründet beschäftigten, als sie in die Hände der NS-Führung zu geben.

Die letzte gesellschaftliche Gruppe, welche Hans-Ulrich Wehler in Bezug auf das „Dritte Reich“ beschreibt, ist die des Adels. Dieser wird von ihm als degradierte Machtelite eingeführt und beschrieben.[49] Auf eine genaue Beschreibung und Darstellung dieses, wird jedoch aufgrund der engen Themenformulierung der Masterarbeit und der Nichtrelevanz für die spätere Fallstudienuntersuchung an dieser Stelle verzichtet.

4.1.2. Schule

Nachdem nun bereits in die Gesellschaft und die damit verbundenen Zusammenhänge in den Familienstrukturen des nationalsozialistischen Deutschlands eingeführt wurde, soll in diesem zweiten Abschnitt zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die allgemeinbildende Schule thematisiert werden. Ziel soll es sein, an dieser Stelle die Schule in Deutschland, zur Zeit des Nationalsozialismus, grob aufzuzeigen und zu skizzieren, damit ein Gesamtkontex für das Thema dieser Masterarbeit geschaffen werden kann.

Allgemein muss die nationalsozialistische Schul- und Bildungspolitik ganzheitlich als ein Ausdruck einer ideologischen und autoritären Krisenstrategie des NS-Staates verstanden werden, welche ihre Wurzeln bereits in der Politik der Weimarer Republik und in der Weltwirtschaftskrise ausgebildet hatte.[50] Viele Faktoren und Beschlüsse dieser Zeit, blieben sowohl für die Lehrerschaft, als auch die Schule an sich, bis in die frühen 40ger Jahre bindend.

Die Nationalsozialisten traten ihre Regierungszeit ohne eine klare, ausgearbeitete oder geplante schulpolitische Gesamtkonzeption an.[51] Jahrelang waren sie weder Willens noch in der Lage, diese nach ihren eigenen Wünschen hin umzuändern oder umzugestalten.[52] Dies wird klar, wenn man sich bewusst macht, dass beispielweise Lehrbücher, Fachbücher, Curricular oder Schulvorschriften noch aus der Zeit lange vor 1933 stammten.[53] Das nationalsozialistische Geschichtsbuch „Volk und Führer“ wurde beispielsweise erst 1940 veröffentlicht und in den Unterricht eingebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt dominierte noch das deutschkonservative, ressentimentgeladene, gegen den Vertrag von Versailles argumentierende, nationalistische Material den Unterricht.[54] Dazu kam, dass der Staatsapperat bis 1937 im Schwerpunkt damit beschäftigt war, politsche Gegner oder Andersdenkende aus den Lehrerschaften oder den Schulbehörden auf Regimetreue zu überprüfen und gegebenfalls auszutauschen.

Weiterhin wurde versucht, den NS-Lehrerbund, als Zusammenschluss von Lehrkräften mit nationalsozialistischer Einstellung, zu etablieren und zu festigen. Da viele Pädagogen auch in der bereits eingeführten Wirtschaftskrise von 1930 einen enormenen Loyalitätsverlust zur Weimarer Republik und ihrer demokratischen Verfassungsbestrebungen offenkundig auch im Unterricht darlegten, konnte eine institutionell herbeigeführte Annäherung an den Nationalsozialismus, durch die Mitgiedschaft in einem der Partei nahestehenden Verbund von Lehrkräften, begünstigt werden. Dennoch muss festgehalten werden, dass der NSDAP eine Handlungsfähigkeit in Bezug auf eine Bildungspolitik erst ab 1938 zugesprochen werden kann.

Nach der endgültigen Durchsetzung des dreigliedrigen Schulsystems, welches bereits durch eingeführte Reformen seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts von den Bildungspolitikern in Deutschland gefordert und geplant wurde, trat zudem im Juli 1938 das „Reichsschulpflichtgesetz“ in Kraft.[55] Die öffentliche Schulbildung wurde somit für alle Sechs- bis Vierzehnjährigen zur Pflicht.

Nach einer vierjährigen Grundschule gab es im nationalsozialistischen Deutschland für die Jugendlichen die Möglichkeit eine Volksschule, eine Mittelschule oder eine höhere Schule zu besuchen. In der Volksschule, welche nach der achten Klasse endete, sollten grundlegende handwerkliche, berufsqualifizierende Fähigkeiten und Fertigkeiten gefördert und herausgebildet werden. In der Mittelschule hingegen, welche nach der zehnten Klasse endete, ging es bereits darum, die Schüler auf anspruchsvollere, beispielsweise kaufmännische Berufe oder sogar den Staatsdienst vorzubereiten. Die höhere Schule, welche nach zwölf, teilweise auch nach dreizehn Schuljahren mit der Abiturprüfung abschloss, qualifizierte den Schüler für ein Hochschulstudium.[56]

Nichts desto trotz hatten alle Schulen einige Merkmale gemeinsam. Aufgrund der zielgerichteten Politik und Umstrukturierung des Lehrerkörpers gab es ab 1936 einen allgegenwärtigen Lehrermangel, welcher die Unterrichtssituation in den kommenden Folgejahren drastisch verschlechterte.[57] Hinzu kommt, dass ab Ende 1937 der Religionsunterricht stark reglementiert wurde. Jener durfte fortan nur noch von ausgebildeten Pädagogen, und nicht mehr von geistlichen Repräsentanten durchgeführt werden.

Geistliche wurden somit mit allen Festen, Feiertagen und Schulgottesdiensten bis 1941 komplett aus dem Schulleben entfernt.[58] Dem geschuldet und zusätzlich durch den Kriegsbeginn 1939 verschlechterte sich der Lehrmangel abermals.

Ein weiterer dominierender Umstand war der, dass es eine spürbar präsente Konkurrenz zwischen der Schule als Bildungsinstitution und der Hitlerjugend gab.[59] Da dieser in den folgenden Kapiteln nicht mehr vertiefend thematisiert werden wird, soll jenes nun an dieser Stelle geschehen.

Viele Jugendliche sahen die Hitlerjugend als eine Art Möglichkeit, sich den unliebsamen schulischen Pflichten zu entziehen. „Im wachsenden Labyrinth von Dienstpflichten, Gruppenterminen und Amtsgeschäften ergaben sich eben auch Schleich und Nebenwege, und wer diese beging, übte sich in pragmatisch – selbstbezogener Durchwurstelei.“[60]. Lehrer und HJ-Führer gerieten darauf begründet nicht selten aneinander. Konflikte zwischen den Bildungsinstitutionen und der Hitlerjugend waren an der Tagesordnung.[61]

Die Möglichkeit diese beiden Institutionen gegeneinander auszuspielen war jedoch keine Einbahnstraße. Viele Jungen nutzten, unter Mithilfe der Eltern oder von gewillten Lehrkräften, diese Möglichkeit ebenfalls, um dem Dienst bei der HJ fern zu bleiben. Da aber durch die Führung der NSDAP postuliert wurde, dass anstelle von Bildungswissen, nun mehr Tat, Haltung und Bewährung als Ideale gelten sollten, trug die ideologische Schulung der Hitlerjugend, unter günstigen Gegebenheiten, mehr zu der Trennung von der Schule als andersherum bei.[62]

Um diesen Abschnitt abzurunden sollen jedoch noch zwei weitere Aspekte neben dem Aufbau des allgemeinen Schulsystems, der Lehrerschaft und dem Verhältnis zur HJ aufgegriffen werden:

1. Die Schulpolitik der Nationalsozialisten war von menschenverachtender Destruktivität unübertroffen. Jüdische Schüler und Schülerinnen wurden schrittweise und systematisch ab der Machtübernahme der NSDAP aus den öffentlichen Schulen verdrängt.[63] Zudem schlossen die Schulbehörden jüdische Schulen jeglicher Art und verhängten Schulbesuchsverbote an öffentlichen Bildungseinrichtungen.

Das jüdische Schulwesen wurde von den Nationalsozialisten somit bis zum Herbst 1938 vollkommen ausgelöscht.[64]

2. Trotz alledem spielte die nationalsozialistische politische Indoktrination der Schüler im Unterricht eine untergeordnete Rolle.[65] Offenkundig gab es verschiedene Nischen und Möglichkeiten für gewillte Lehrer weiterhin einen sehr sachbezogenen und inhaltsorientierten Lehrplan zu verwirklichen.[66] Nach Hans-Ulrich Wehler ist somit der von den Nationalsozialisten gewünschte, flächendeckende politische Einfluss auf die Schülerschaft an den Schulen im Schwerpunkt ausgeblieben. Er beschreibt die Politisierung des Bildungsapparates eher als „gesprenkelt“.[67]

4.2. Gesetzliche Grundlagen

Nach Ergreifung der Regierungsmacht durch die Nationalsozialisten 1933 wurden in den verschiedensten Lebensbereichen der Bürgerinnen und Bürger des deutschen Staates zahlreiche Rechtsgrundlagen und Gesetzte geändert, erweitert oder neu verordnet. Ob jenes zu dieser Zeit verfassungskonform und/oder rechtmäßig nach dem universell geltenden Völker- und Menschenrecht war, soll in diesem Abschnitt nicht zur Debatte stehen. Hier sollen lediglich die rechtlichen Grundlagen für die damals lebenden Jugendlichen, sowie ihr Umfeld, aufgezeigt und dargelegt werden. Im Hauptfokus der Betrachtung steht zudem die Institution der Hitlerjugend.

Diese wurde nämlich nicht erst, wie von vielen vermutet, ab 1936, durch das „Gesetz über die Hitlerjugend“ zu einer einflussreichen Jugendorganisation. Die besondere Herausstellung und Positionierung der späteren Staatsjugend begann bereits im Juli 1933.

Hier wurde durch die „Vorschrift zur Gliederung der HJ[68] grundlegende organisatorische und strukturelle Vorarbeit geleistet, um anschließende Schritte und Maßnahmen besser bewältigen zu können.

Auf dieses streng militärisch wirkende Organigramm der Jugendinstitution wird im folgenden Abschnitt vertiefend Bezug genommen.

Weiterhin schlossen sich im Juni 1934 und im Mai 1935 zusätzliche Neubestimmungen an, welche der Hitlerjugend die Aufgabe der Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung übertrug. Ergänzend war es der Jugendorganisation von nun an rechtlich zugesprochen, sich bei Jugendgerichtsverfahren gegen Mitglieder einzuschalten, sowie beratend und unterstützend mitzuwirken.[69] Bereits an diesem Punkt wird klar, dass die HJ-Führung bereits vor 1936 verschiedenste Möglichkeiten hatte, Jugendliche zu erfassen und tiefgehenden Einfluss auf das spätere Leben zu nehmen, wie es sonst nur das Elternhaus oder die Schule konnte.

Wie bereits angeführt, trat am 1. Dezember 1936 das „Gesetz über die Hitlerjugend“ in Kraft. Dieses ist im Reichsgesetzblatt, 1. Teil von 1936 auf der Seite 993 nachzulesen. Wörtlich ist es wie folgt formuliert:

„Von der Jugend hängt die Zukunft des Deutschen Volkes ab. Die gesamte deutsche Jugend muß deshalb auf ihre künftigen Pflichten vorbereitet werden. Die Reichsregierung hat daher das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird:

§1. Die gesamte deutsche Jugend innerhalb des Reichsgebietes ist in der Hitlerjugend zusammengefaßt.

§2. Die gesamte deutsche Jugend ist außer in Elternhaus und Schule in der Hitlerjugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen.

§3. Die Aufgabe der Erziehung der gesamten deutschen Jugend in der Hitlerjugend wird dem Reichsjugendführer der NSDAP übertragen. Er ist damit "Jugendführer des Deutschen Reichs”. Er hat die Stellung einer Obersten Reichsbehörde mit dem Sitz in Berlin und ist dem Führer und Reichskanzler unmittelbar unterstellt.

§4. Die zur Durchführung und Ergänzung dieses Gesetzes erforderlichen Rechtsverordnungen und allgemeinen Verwaltungsvorschriften erläßt der Führer und Reichskanzler.

Berlin, den 1. Dezember 1936

Der Führer und Reichskanzler:

Adolf Hitler

Der Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei:

Dr. Lammers„[70]

Durch dieses Gesetz wurde direkt und offenkundig impliziert, dass ab dem geltend werden jenes, nicht mehr nur die Schule und das Elternhaus als primären Erziehungsinstanzen für die deutsche Jugend von Bedeutung seien, sondern eine dritte Säule, die Hitlerjugend, welche zu diesem Zeitpunkt noch freiwillig war, hinzukommt.[71] Der damalige Reichsjugendführer, Baldur von Schirach, welcher schon 1940 von Arthur Axmann abgelöst wurde, hat somit die Aufgabe und Kompetenz von der NS-Regierung übertragen bekommen, die Jugendlichen „körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen“.[72] Die Freiwilligkeit der Mitgliedschaft, so Schirach bei Gesetzesverkündung 1936, solle der Hitlerjugend aber erhalten bleiben. Das dem nicht so war, stellte sich drei Jahre später heraus.

[...]


[1] Hitler 1936 nach Steinhaus 1981, S.102.

[2] Vgl. Klönne 2008, S.129.

[3] Vgl. Klönne 2008, S.129.

[4] Vgl. Rittelmeyer 2010, S.243.

[5] Rittelmeyer 2010, S.244.

[6] Vgl. Rittelmeyer 2010, S.244.

[7] Vgl. Rittelmeyer 2010, S.243-244.

[8] Vgl. Rittelmeyer 2010, S.244.

[9] Vgl. Fatke 2010, S.159.

[10] Vgl. Fatke 2010, S.159.

[11] Vgl. Fatke 2010, S.159.

[12] Vgl. Fatke 2010, S.164-165.

[13] Günther 1978, S.167.

[14] Vgl. Fatke 2010, S.168.

[15] Vgl. Fatke 2010, S.164-165.

[16] Vgl. Brockhaus 2006, S. 151.

[17] Vgl. Brockhaus 2006, S. 151.

[18] Vgl. Brockhaus 2006, S. 152.

[19] Vgl. Brockhaus 2006, S. 153.

[20] Vgl. Wehler 2008, S.717.

[21] Vgl. Wehler 2008, S.718-747.

[22] Vgl. Wehler 2008, S.718.

[23] Vgl. Wehler 2008, S.718.

[24] Vgl. Wehler 2008, S.719.

[25] Wehler 2008, S.718.

[26] Vgl. Wehler 2008, S.719.

[27] Wehler 2008, S.720.

[28] Vgl. Wehler 2008, S.720.

[29] Vgl. Wehler 2008, S.731-732.

[30] Vgl. Wehler 2008, S.732.

[31] Vgl. Wehler 2008, S.732.

[32] Vgl. Wehler 2008, S.734.

[33] Vgl. Wehler 2008, S.734.

[34] Wehler 2008, S.734.

[35] Vgl. Wehler 2008, S.734.

[36] In den späteren Kriegsjahren wurde das WHW auch für die Unterstützung des Militärs eingesetzt.

[37] Vgl. Wehler 2008, S.734.

[38] Vgl. Wehler 2008, S.735.

[39] Vgl. Wehler 2008, S.736.

[40] Vgl. Wehler 2008, S.736.

[41] Vgl. Wehler 2008, S.738.

[42] Vgl. Wehler 2008, S.739.

[43] Vgl. Wehler 2008, S.739.

[44] Vgl. Wehler 2008, S.740.

[45] Vgl. Wehler 2008, S.741.

[46] Vgl. Wehler 2008, S.741.

[47] Vgl. Wehler 2008, S.746.

[48] Vgl. Wehler 2008, S.743.

[49] Vgl. Wehler 2008, S.747.

[50] Vgl. Herlitz/Hopf/Titze/Cloer 2005, S.154.

[51] Vgl. Herlitz/Hopf/Titze/Cloer 2005, S.154.

[52] Vgl. Wehler 2008, S.818.

[53] Vgl. Wehler 2008, S.818.

[54] Vgl. Wehler 2008, S.822.

[55] Vgl. Scholtz 2009, S. 40.

[56] Vgl. Herlitz/Hopf/Titze/Cloer 2005, S.140-141.

[57] Vgl. Wehler 2008, S.819.

[58] Vgl. Scholtz 2009, S. 53.

[59] Vgl. Frei 2007, S.117.

[60] Frei 2007, S.117.

[61] Vgl. Frei 2007, S.118.

[62] Vgl. Wehler 2008, S.820.

[63] Vgl. Herlitz/Hopf/Titze/Cloer 2005, S.154.

[64] Vgl. Wehler 2008, S.822.

[65] Vgl. Herlitz/Hopf/Titze/Cloer 2005, S.154.

[66] Vgl. Wehler 2008, S.822.

[67] Vgl. Wehler 2008, S.822.

[68] Vgl. Scholtz 2009, S. 51.

[69] Vgl. Scholtz 2009, S. 51.

[70] Reichsministerium des Inneren 1936, S. 993.

[71] Vgl. Klönne 2008, S. 31.

[72] Reichsministerium des Inneren 1936, S. 993.

Details

Seiten
118
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656347941
ISBN (Buch)
9783656348757
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207576
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Allgemeine Pädagogik unter besonderer Berücksichtigung der historischen Bildungsforschung
Note
Schlagworte
sozialisationsprozesse karrierewege offizieren wehrmacht berücksichtigung sozialisationsrolle hitlerjugend

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Titel: Sozialisationsprozesse und Karrierewege von Offizieren der Wehrmacht unter besonderer Berücksichtigung der Sozialisationsrolle der Hitlerjugend