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Kampfkunst in der Stationären Kinder- und Jugendhilfe

Durch Karate-Do soziale Verantwortung vermitteln und (Selbst-)Sicherheit fördern

Forschungsarbeit 2011 38 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitende Problemdarstellung

1 Theoretische Grundlagen
1.1 Erlebnispädagogik
1.2 Kampfkunst als erlebnispädagogisches Medium
1.2.1 Definition Kampfkunst (Budo)
1.3 Karate-Do
1.3.1 Definition
1.3.2 Die Ethik des Karate-Dō: Dōjōkun
1.3.3 Die drei Elemente der Karate-Praxis
1.3.4 Chancen des Karate- Projektes
1.3.5 Grenzen des Karate-Projektes

2 Fragestellung

3 Zielsetzungen
3.1 Wirkungsziel und Teilziele
3.2 Handlungsziele und ihre Indikatoren

4 Projektplanung
4.1 Organisation
4.2 Projektkonzeption
4.3 Methoden
4.3.1 Die Etikette des Karate-Do
4.3.2 Meditation
4.3.3 Aufwärmtraining
4.3.4 Kihon (Grundschule)
4.3.5 Kumite (Partnertraining)
4.3.6 Kata (stilisierte Form des Kampfes)
4.3.7 Spiele
4.3.8 (Reflexions-) Gespräche/ Feedback

5 Durchführung
5.1 Drittes Training am 24.05.2011
5.2 Fünftes Training am 07.06.2011

6 Auswertung und Ergebnisse
6.1 Indikatoren zur Überprüfung der Wirkungsziele
6.1.1 Erreichung der Wirkungs- und Teilziele aus Sicht der Kollegen
6.1.2 Erreichung der Wirkungsziele aus Sicht der Projektteilnehmer
6.1.3 Einschätzung zur Erreichung der Wirkungsziele aus Sicht der Ausführenden

7 Evaluation des Projektes / Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitende Problemdarstellung

Das Praxisprojekt fand in einer stationären Außenwohngruppe (AWG Biber) der Kinder- und Familienhilfeeinrichtung „Haus Niedersburg“, einem ehemaligen Arbeitgeber der Verfasserin statt. Grund für die Wahl dieses Praxisfeldes ist der erst kürzlich erfolgte Wechsel des Tätig- keitsbereiches der Unterzeichnerin, sodass hier zunächst wegen einer intensiven Einarbei- tungszeit Projektarbeit nicht zieldienlich erscheint. Neben der eigenen Handlungssicherheit in der stationären Jugendhilfe bestehen auch noch gute Kontakte zu den ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten des Haus Niedersburg, sodass die Unterzeichnende seit der Eröffnung der Gruppe Ende 2010 Gruppenprozesse und Entwicklungen der Kinder1 mitverfolgen konnte.

Die Bewohner der AWG Biber zeigen seit Beginn ihrer Unterbringung erhebliche Auffällig- keiten im emotionalen und sozialen Bereich, die das Zusammenleben negativ beeinflussen. Konkret haben sie einerseits starke Probleme bei der Impulskontrolle, andererseits sind große Introvertiertheit und Unsicherheiten in sozialen Interaktionen zu beobachten. Manche Jugend- liche überschreiten oftmals deutlich die Grenzen ihrer Mitbewohner sowie der Kollegen, in- dem sie offen verbale oder körperliche Gewalt zeigen und andere schikanieren. Sie haben scheinbar Probleme bei der Kontrolle aggressiver Handlungsimpulse einerseits, andererseits wirken die Schikanen wie kompensatorische Selbsterhöhungstendenzen. Auf Konfrontationen mit unerwünschten Verhaltensweisen reagieren sie meist mit Beschuldigungen und verweisen auf das Verhalten des Gegenüber oder eines Dritten, Eingeständnisse oder Einsichten werden kaum gezeigt. Andere Kinder wirken vor allem in sozialen Interaktionen reserviert und unsi- cher. Sie überschreiten auch Grenzen, jedoch eher in unbeobachteten Momenten, indem sie z.B. persönliche Gegenstände ihrer Mitbewohner zerstören oder entwenden. Sie reagieren im Alltag auf Ermahnungen vor allem mit Rückzug und Vermeidungsstrategien, allerdings auch mit Beschuldigungen. Gemeinsam ist allen Jugendlichen, dass sie ihre Wünsche, Bedürfnisse, die eigenen Grenzen aber auch die eigenen Stärken und Schwächen kaum adäquat zeigen oder gar verbalisieren. Verantwortung hierfür und für das eigene Handeln wird somit kaum über- nommen. Freundschaften konnten so noch nicht tiefer gehend gebildet werden und beschrän- ken sich eher auf zweckgebundene Kontakte. Ursachen für die beschriebenen Auffälligkeiten sind nach unterschiedlichen Autoren ungünstige Sozialisationsbedingungen, daraus resultie- rende Benachteiligungen und Mangelerfahrungen, langanhaltende Frustrationen und Trauma- ta,2 nicht zuletzt auch durch die Herausnahme aus der Herkunftsfamilie.3 Zur Stabilisierung der Gruppendynamik bzw. zur Herstellung von Gruppenzusammenhalt werden regelmäßig entsprechende Freizeitangebote gemacht, wie z.B. Fußball spielen, ge- meinsame Ausflüge in den Tierpark u.a., wobei es jedoch schwierig ist, die Interessen aller Kinder aufzugreifen. Im Zusammenhang mit der geschilderten Problematik wurden auch ge- zielte Angebote, wie „Respekt!“ gemacht. Ziel hierbei war es soziale Verantwortung zu ver- mitteln und einen angemessenen interaktionellen Umgang herzustellen. In einem weiteren Angebot „Mein sicherer Ort“ sollten die Jugendlichen erarbeiten, was für sie (Selbst-)Sicher- heit bedeutet und was ihnen hilft diese zu erlangen. Beide Angebote fanden fast ausschließ- lich auf der kognitiven Ebene statt, die Kinder sollten das in Gruppengesprächen Erarbeitete lediglich auf Plakate schreiben bzw. malen, die dann im Esszimmer zur Erinnerung aufge- hängt wurden. Laut den Kollegen ist jedoch keine positive Veränderung in der Gruppendyna- mik festzustellen. Im Angebot „Mein sicherer Ort“ meinte ein Jugendlicher, dass er sich beim Thaiboxen sicher fühlen würde, sodass sich hierauf mehrere Jugendliche wünschten, einen Kampfsport-Verein besuchen zu dürfen. Hierauf bezugnehmend wurde die Verfasserin als Kampfkünstlerin gebeten Chancen und Risiken abzuschätzen.4 Aufgrund der eigenen sehr po- sitiven Erfahrungen und persönlichen Entwicklung mit und durch Karate-Do5 entstand wäh- rend gemeinsamer Überlegungen somit die Idee in der AWG Biber ein Karate-Projekt anzu- bieten. Selbstvertrauen und soziale Verantwortung sowie ihre Interdependenz werden ganz- heitlich auf der Erlebensebene mit Hilfe von Karate vermittelt und mit den Jugendlichen erar- beitet. Der Fokus hierbei liegt auf einem respektvollen Umgang mit sich selbst und dem Ge- genüber, auf der Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln und für ein gelingendes Miteinander mit dem Ziel, die derzeitige instabile Gruppendynamik positiv zu beeinflussen. In der nachfolgenden Arbeit wird zunächst Karate-Do als erlebnispädagogisches Medium vor- gestellt und Chancen und Grenzen anhand verschiedener Literatur erörtert. Bezugnehmend auf die Problemdarstellung und der Untersuchungsfrage werden die Handlungsziele des Pro- jektes definiert. Im Anschluss wird die Projektplanung und darauf aufbauend die Durchführung anhand zwei Trainingseinheiten beispielhaft beschrieben. Die Erreichung der Wirkungsziele wird aus der Sicht der Kollegen, der Teilnehmer sowie der Ausführenden überprüft un interpre- tiert. In der Evaluation werden angewandte Methoden kritisch hinterfragt und ein Fazit ge- schlossen.

1 Theoretische Grundlagen

Theoretische Grundlage für das explorative Projekt stellt der erlebnispädagogische Ansatz dar. Es geht darum mit Hilfe von Kampfkunst, im speziellen Karate-Do, als Medium des genannten Ansatzes auf der Grundlage der Interessen der Jugendlichen sinnstiftende Gemeinsamkeit herzu- stellen und ganzheitliche korrigierende Erfahrungen auf der Erlebensebene jedes Gruppenmit- gliedes zu ermöglichen.

1.1 Erlebnispädagogik

„Erlebnispädagogik ist eine Methode, die Personen und Gruppen zum Handeln bringt mit allen Implikationen und Konsequenzen bei möglichst hoher Echtheit von Aufgabe und Situation in ei- nem Umfeld, das experimentierendes Handeln erlaubt, sicher ist und den notwendigen Ernstcha- rakter besitzt.“6 Erlebnispädagogik bezeichnet also ein handlungsorientiertes Vorgehen, bei dem individuelle und soziale Lernprozesse unmittelbar aus den Sachzwängen und Gegebenheiten möglich werden. Durch die bewusste Initiierung und Begleitung von psychischen, physischen und sozialen Grenzerfahrungen werden Situationen geschaffen, die durch anschließende Refle- xionen des Erlebten die Entwicklung der Persönlichkeit fördern und den einzelnen dazu befähi- gen, seine Lebenswelt verantwortlich zu gestalten.7 In gruppendynamischen Interaktionsspielen, erlebnis- und abenteuerorientierte Sportarten und Aktivitäten werden die wesentlichen Elemente der sozialen Gruppenarbeit miteinander verknüpft: Durch das gemeinsam Erlebte werden so- wohl für die Gruppe als auch für den Einzelnen soziale Lernprozesse möglich. Charakteristisch ist die Erfahrung, dass die Situation oder Aufgabe erst durch eine gemeinsame Gestaltung er- folgreich gelingen kann. Wesentliches Ziel von Erlebnispädagogik ist ein ganzheitliches Lernen -durch Kopf, Herz und Hand- und die reziproke Verknüpfung von Selbsterfahrung und Grup- penlernen in einem dafür pädagogisch gestaltetem Setting. Dabei kommt es auf das ganzheitli- che Erleben an, das jeder individuell für sich und unter eigenen Bedingungen vollziehen kann.

Ziel ist die Erweiterung der persönlichen Kompetenz und Selbstbestimmung des jungen Men- schen.8

Lernen durch Erleben finden heute besonders in der Arbeit mit verhaltensauffälligen, straffällig gewordenen oder drogenabhängigen Jugendlichen im Rahmen von Hilfen zur Erziehung gemäß §§ 27 ff. KJHG statt. Im Mittelpunkt steht das Nachholen von fehlenden Grunderfahrungen, die Ermöglichung von korrigierenden Erfahrungen und damit die Kontrastierung der bisherigen Lebenswelt der Jugendlichen.9

1.2 Kampfkunst als erlebnispädagogisches Medium

Galuske beschreibt Merkmale der Erlebnispädagogik, die Kampfkünste zu einem idealen sozial- pädagogischen Lernarrangement werden lassen: Authentisches Training nach alten, überliefer- ten Ritualen und Gepflogenheiten unterstreicht den Erlebnischarakter und die Distanz zum All- tag. Den Merkmalen Handlungsorientiertheit und Ganzheitlichkeit werden durch das körperli- che Training, durch die Ethik und Moral sowie die mentalen Aspekte von Kampfkünsten ent- sprochen.10 Sach-, Selbst- und Sozialkompetenzen werden unmittelbar im gemeinsamen Trai- ning erfahren und hierdurch weiterentwickelt, sodass das ganzheitliche Lernen innerhalb und mit der Gruppe ein wesentlicher Bestandteil ist. Den Ernstcharakter gewinnen Kampfkünste durch die Wirksamkeit der Techniken selbst, aber vor allem durch die mentalen und ethischen Aspekte des Budo.11

1.2.1 Definition Kampfkunst (Budo)

Grundsätzlich wird unterschieden zwischen Kampfkunst (Budo) und Kampfsport (Bujutsu). Während letzteres die wettkampfsportliche Ausrichtung betont, gehen Kampfkünste über die reine Technik hinaus: Wesentlich geprägt durch ein Geflecht fernöstlicher Philosophien, vor al- lem aber durch den Zen-Buddhismus, werden in Kampfkünsten Fragen der Selbst- und Fremd- wahrnehmung behandelt und Methoden zur Kontrolle von Gefühlen und Gedanken gelehrt.12 Deutlich wird dies auch durch die Bedeutung des Wortes Budo (jap. Weg den Kampf zu stop- pen). Das technische Handwerkszeug basiert darauf zu lernen, wie man gegen stärkere und meh- rere Angreifer siegreich ist. Mit zunehmender Erfahrung und Können wächst jedoch auch die

Fähigkeit, auf eine kämpferische Auseinandersetzung zu verzichten.13

Die Silbe „Do“ (jap. Weg) kennzeichnet Kampfkunst als „Übung“ bzw. „Weg“, um Erleuchtung zu erfahren. „Wegkünste“ können rein äußerlich unterschiedliche Tätigkeiten zum Gegenstand haben, z.B. Malerei, die Kunst der Teezeremonie oder eben die Kampfkunst. Mit ihrer Hilfe lässt sich meditatives Tun einüben. Sie werden also nicht um den offensichtlichen Zweck willen ausgeübt, sondern werden genutzt, um ein persönliches inneres Wachstum zu ermöglichen. In diesem Prozess des Übens werden Bewusstsein und Unterbewusstsein, aber auch Körper und Geist in Einklang versetzt.14

1.3 Karate-Do

1.3.1 Definition

Karate heißt wörtlich übersetzt „Leere Hand“ und beschreibt eine japanische Kampftechnik, sich ohne die Hilfe von Waffen zu verteidigen (jap. kara „leer“, jap. te „Hand“). Die Gliedmaßen werden hierbei als Waffen betrachtet: dynamische Schläge, Tritte und Stöße werden unter Beteiligung des Unterbauches als energetisches Zentrum zu komplexen Ganzkörperbewegungen. Diese treffen mit konzentrierter Kraft und größtmöglicher Schnelligkeit auf empfindliche Körperstellen des Angreifers, um ihn kampfunfähig zu machen. Die koordinative Harmonie von Bewegung, Spannung und Atmung spielt hierbei eine große Rolle.15

Karate als „Wegübung“ zur charakterlichen und spirituellen Entwicklung wird mit der Endsilbe Do erweitert. Zwei Wege führen beim Karate-Do zur Meisterung der Kunst: Der äußere Weg wird durch das stetige Üben der Karatetechniken unter der Einhaltung der karatespezifischen Etikette bis zur Perfektion beschritten. Der innere Weg meint die permanente, prozesshafte Ar- beit an der Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit, was auch den respektvollen Umgang mit sich selbst und anderen einschließt. Beide Wege sind jedoch nicht getrennt voneinander zu betrachten, da das stetige Üben der Techniken bis zur Perfektion als Metapher für das Beschrei- ten des inneren Weges gesehen wird.16

Aus den dargelegten Definitionen geht hervor, dass Karate-Do rein defensiv ist. Zu einer Zeit als das Tragen von Waffen den Menschen in Japan verboten war, wurde Karate im Geheimen gelehrt und weitergegeben. Erst Gichin Funakoshi, der heute als Gründer des modernen Karate- Do und des Shotokan-Karate-Stils im Speziellen gilt, verbreitete Karate Mitte des 20. Jahrhunderts in ganz Japan. Er trug wesentlich zur Fokussierung des beschriebenen philosophischen Weltbildes aus dem Zen und des Bushido (jap. Weg des Kriegers, Ehrenkodex der Samurai) als sinnstiftende Elemente bei.17 Hierzu formulierte er 20 Regeln für seine Karate-Schüler. Der folgende Auszug verdeutlicht den Charakter des modernen Karate-Do:

1. Karate beginnt und endet mit Respekt.
2. Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.
3. Erkenne zuerst dich selbst, dann den anderen.
4. Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.
5. Denke nicht, dass Karate nur im Dojo18 stattfindet.
6. Denke nicht an das Gewinnen, doch denke darüber nach nicht zu verlieren.19

1.3.2 Die Ethik des Karate-Dō: Dōjōkun

Die vermutlich wesentlich älteren Regeln, als die von Gichin Funakoshi verfassten, sind die Dōjōkun.20 Es ist nicht möglich von einer Ethik des Karate-Dō zu sprechen, ohne sich hierauf zu beziehen. Das Wort Dōjōkun bedeutet wörtlich „Leitsätze für den Ort des Weges“ und bezeichnet einen Ehrenkodex, nachdem sich jeder Karateka21 verhalten sollte. Die Dōjōkun sind die geistigen Prinzipien und Handlungslinien für den inneren Weg und Hilfsmittel auf dem Weg zur vollen Entfaltung unserer Persönlichkeit im Dōjō und im täglichen Leben,22 sodass sie auch Ausgangspunkt und wesentlicher Bestandteil des Projektes darstellen.

Aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungen und Stilrichtungen formulierten viele Meister eigene Leitsätze, die sich allerdings inhaltlich sehr ähnlich sind.23 Im folgenden werden die Dōjōkun des Vereins der Verfasserin vorgestellt, da es sinnvoll erscheint den eigenen Verhaltenskodex zu vermitteln und im Projekt vorzuleben. Von einigen Formulierungen abgesehen, sind die Leitsätze jedoch stark an die der Japan Karate Association angelehnt.24 Sie lauten:

Eins ist: Vervollkommne deinen Charakter!

Eins ist: Bewahre den Weg der Aufrichtigkeit! Eins ist: Entfalte den Geist der Bemühungen! Eins ist: Sei höflich!

Eins ist: Hüte dich vor übertriebener Leidenschaft!

Jeder Leitsatz beginnt mit den Worten „Eins ist“ (oder auch „Erstens“), sodass die Gleichwertigkeit der Regeln in der Bedeutung und der Wichtigkeit hervorgehoben wird. In diesen wenigen Sätzen ist das gesamte pädagogische Ziel des Karate-Dō zusammengefasst. Sie bilden sozusagen das ethische Rückgrat des Karateweges.25

1.3.3 Die drei Elemente der Karate-Praxis

Neben gymnastischen und meditativen Inhalten dominieren vor allem drei Elemente die Karatepraxis: Grundschule (Kihon), stilisierte Formen des Kampfes (Kata) und Partnertraining (Kumite). „Die drei konstitutiven Elemente sind phänomenonlogisch interdependent, verweisen didaktisch aufeinander und lassen ein zyklisches Prinzip erkennen.“26

In der Grundschule lernt man zunächst einzelne Techniken. Diese werden auf Kommando von allen Übenden gleichzeitig in geometrischer Reihenaufstellung ausgeführt. Das Üben in der Gruppe erhält damit den Charakter der Arbeit und der Synergie. Jeder ist bestrebt, die eigenen Bewegungen gut auszuführen, was durch den synergetischen Effekt durch die Gruppe getragen und verstärkt wird.27 Mit wachsender Sicherheit werden die Techniken mit dem Trainingspartner geübt. Die Anwendung im Partnertraining gelten also als Erfolgstest der Grundschulbemühun- gen, da die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten hier deutlich werden. In der intensiven vorwie- gend nonverbalen Kommunikation während des Kumite ergibt sich jedoch auch die Möglich- keit, den Gegenüber und seine Potenziale weitaus besser kennenzulernen als in Alltagssituatio- nen, da sie unmittelbar erfahren und erlebt werden.28 Die höchste Form der Ausübung der Tech- niken stellt die Kata dar. Hierbei sind die Abfolgen29 und ein Schrittdiagramm vorgeben. Erfolg- reiche Techniken und Kombinationen werden also systematisiert, verschlüsselt und in dieser Form weitergegeben. Da reale Gegner fehlen, liegen die zu überwindenden Widerstände in den hohen Bewegungsanforderungen. Die Auseinandersetzung mit der Kata bedeutet vor allem eine Konfrontation mit den eigenen Stärken und Schwächen, Fehler hat man einzig sich selbst zuzu- schreiben. Der äußere Kampf ist gänzlich abstrahiert, der innere Kampf „mit sich selbst gegen sich selbst um sich selbst (sic!)“30 ist dafür um so konkreter. Durch die synchronisierte Form der Ausführung innerhalb der Gruppe entstehen auch hier wieder synergetische Effekte: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person wird getragen von dem gemeinsamen Üben in der Gruppe.31 „Von der Auseinandersetzung (und Einswerdung) mit der Gruppe über die Auseinandersetzung (und Einswerdung) mit dem Gegner kommt man zur Auseinandersetzung (und Einswerdung) mit sich selbst.“32

1.3.4 Chancen des Karate- Projektes

Eine große Chance des Karate-Projektes besteht darin, dass es eine Würdigung der Interessen und Bedürfnisse der Jugendlichen darstellt und so eher eine motivierte Mitarbeit und sozusagen spielerische Auseinandersetzung mit den Themen Selbstsicherheit und soziale Verantwortung bewirkt als die beschriebenen Lösungsversuche der Kollegen.33 Die Teilnahme an dem Projekt beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, sodass eine informelle Gruppe mit sinnstiftender Ge- meinsamkeit entsteht und zu einem zentralen Modus der Identitätsfindung wird.34 Von Vorteil ist hierbei auch die Tatsache, dass das Projekt von einer außenstehenden Person geleitet wird, sodass neue Rollenzuschreibungen und Umdeutungen stattfinden können sowie Raum für Per- spektivenwechsel und neue Gruppenprozesse geschaffen wird.35 Mit der Wahl des Mediums werden auch den entwicklungsbedingten Bedürfnissen nach Aktion und Spannung entsprochen, sodass von einer hohen Beteiligungszahl auszugehen ist.36 Gerade für benachteiligte Jugendliche ist körperliche Kraft, Stärke und physische Gewalt eine sozial übliche Form sich selbst darzu- stellen, Konflikte auszutragen und miteinander in Interaktion zu treten. Sport und damit auch Kampfkünste bieten diesbezüglich gesellschaftlich legitime Formen und schaffen Möglichkeiten des Umlernens.37 Sportliche Betätigung und geistige Anstrengung bedeuten für den Einzelnen eine Förderung der Gesundheit und einen Ausgleich zum hektischen Alltag. Durch die hohen Bewegungsanforderungen wird die Aufmerksamkeit auf die eigene Person gebündelt: Stärken, Ressourcen, Leistungsfähigkeit werden so personenunabhängig erfahren und tragen wesentlich zu einem positiven Selbstbild bei. Auch die Konfrontation mit den eigenen Schwächen und De- fiziten erfolgt innerhalb dieser Betätigung, sodass sie leichter verarbeitet und akzeptiert werden können. Die Frustrationstoleranz der einzelnen wird so maßgeblich erhöht, Ehrgeiz und Selbstdisziplin gefördert.38 Da das Augenmerk in der Kampfkunst-Praxis auf Kleinigkeiten gerichtet ist, wird auch eine große Sorgfalt des Einzelnen gefordert,39 gerade in Bezug auf den Umgang mit sich selbst und den anderen.

[...]


1 Gemeint sind natürlich Kinder und Jugendliche. Beide Begriffe werden der angenehmeren Lesbarkeit syn- onym gebraucht.

2 Vgl. Günder 2007, S. 31, S. 181, S. 226; Vgl. Blandow 2001, S. 107;

3 Vgl. Natho 2007, S. 85 f, S. 91

4 Vgl. Iwwerks 2011, S. 3 f

5 Die Begriffe Karate-Do und Karate werden synonym verwendet.

6 Hufenus 1993 zit. n. Galuske 2003, S. 250

7 Vgl. Michl 2011, S. 11

8 Vgl. Mund 2007, S. 261 f; vgl. Michl 2011, S. 8 ff;vgl. Baier 1999, S. 60 f; vgl. Galuske 2003, S. 250 ff

9 Vgl. Mund 2007, S. 262; vgl. Baier 1999, S. 60 f

10 Vgl. Baier 1999, S. 62; vgl. Huber 2008, S. 38

11 Vgl Galuske 2003, S. 250 ff

12 Vgl. Albrecht 2004, S. 101

13 Vgl. Wolters 2008, S. 16 ff

14 Vgl. ebd., S. 16 ff; vgl. Albrecht 2004, S. 105 f; vgl. Grupp 2008, S. 25

15 Vgl. Binhack 1998, S. 208

16 Vgl. Grupp 2010, S. 24 f; vgl. Funakoshi 1975, S. 58; vgl. Albrecht 2004, S. 40; vgl. Baier 1999, S. 89

17 Vgl.Grupp 2010, S. 15 ff; vgl. Baier 1999, S. 89

18 Jap. Tempel, Trainingsort

19 Funakoshi 1975, S. 18

20 Laut Albrecht sind die Ursprünge der Dōjōkun nicht eindeutig auszumachen, bis ins 20. Jahrhundert keine Auf- zeichnungen über Karate getätigt wurden. Er vermutet jedoch den Ursprung bei einem Karatemeister des 19. Jahrhunderts. Vgl. Albrecht 2004, S. 21

21 Karate-Ausübender

22 Vgl. Albrecht 2004, S. 105 f

23 Vgl. ebd., S. 40

24 Vgl. ebd., S. 41

25 Vgl. Albrecht 2004, S.42

26 Binhack 1998, S. 222

27 Vgl. ebd, S. 224

28 Vgl. ebd., S. 225

29 Immer beginnend mit einer Abwehrtechnik, da Karate keinen ersten Angriff kennt!

30 Binhack 1998, S. 226

31 Vgl. Iwwerks 2011, S. 7 ff

32 Binhack1998, S. 225

33 Vgl. Baier 1999, S. 57

34 Vgl. Veith 2008, S. 52; vgl. auch Schenk-Danzinger 1999, S. 333 f

35 Vgl. Listing 2007, S. 429; vgl. Schäfers et al. 2005, S. 158

36 Vgl. Schenk-Danzinger 1999, S. 331 ff; vgl. Baier 1999, S. 60, S. 78

37 Vgl. Baier 1999, S. 78

38 Vgl. Baier 1999, S. 80; vgl. Galuske 2003, S. 250 f; vgl. Schäfers et al. 2005, S. 158

39 Vgl. Baier 1999, S. 93

Details

Seiten
38
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656350255
ISBN (Buch)
9783656350699
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207779
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
1,3
Schlagworte
kampfkunst stationären kinder- jugendhilfe durch karate-do verantwortung selbst- sicherheit

Autor

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Titel: Kampfkunst in der Stationären Kinder- und Jugendhilfe