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Zum Studium in Deutschland

Interkulturelles Orientierungstraining für amerikanische Austauschstudenten

von Diplom-Psychologe Richard Markowsky (Autor) Alexander Thomas (Hrsg.) (Autor)

Fachbuch 1995 160 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

Einführung
Zielsetzung und theoretischer Hintergrund des Trainings
Zur Entwicklung des Trainings
Aufbau und Ablauf des Trainings
Tips für einen erfolgreichen Einsatz des Trainings

Das Training
Erste Trainingseinheit: Fremde oder Freunde?
Zweite Trainingseinheit: Direktheit und Diskussionen
Dritte Trainingseinheit: Regeln, Regeln, Regeln
Vierte Trainingseinheit: Professoren, Chefs und Polizisten
Fünfte Trainingseinheit: Planung ist das halbe Leben!
Sechste Trainingseinheit: Was tun, wenn es eng wird?
Siebte Trainingseinheit: My home is my castle!
Achte Trainingseinheit: Haben und Sein
Neunte Trainingseinheit: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!
Zehnte Trainingseinheit: Emanzipation auf dem Vormarsch?

Zentrale deutsche Kulturstandards (Übersicht)

1. Einführung

Zielsetzung und theoretischer Hintergrund des Trainings

„Andere Länder, andere Sitten" lautet ein deutsches Sprichwort. Diese Feststellung bildet die Grundlage des vorliegenden Trainings. Es wird davon ausgegangen, dass zwischen verschiedenen Kulturen nicht nur in offensichtlichen Bereichen wie Architektur, Kunst, Kleidung, Essen oder Brauchtum Unterschiede bestehen, sondern auch im Denken, Fühlen und Handeln ihrer Angehörigen. Die Kultur, in der ein Mensch aufgewachsen ist, beeinflusst nachhaltig die Art und Weise, wie er seine Umwelt wahrnimmt, wie er sich gegenüber seinen Mitmenschen verhält und wie er deren Handlungen beurteilt. Auch welche Ziele für ihn von Bedeutung sind, was er von anderen erwartet, was er als richtig, normal, provokant oder falsch empfindet, ist abhängig von seiner Heimat-Kultur. Als Maßstab dienen stets übergeordnete Werte, Normen und Einstellungen, die von den Angehörigen der eigenen Kultur geteilt werden.

Solche Werte, Normen und Einstellungen, die sich in einer Kultur besonders umfassend auf Wahrnehmung, Denken, Urteilen und Handeln ihrer Angehörigen auswirken, werden als zentrale Kulturstandards bezeichnet. Kulturstandards sind also die spezifischen Spielregeln des gesellschaftlichen Lebens innerhalb einer Kultur.

Die "Spielregeln", die in unserer eigenen Kultur gelten und die schließlich unser Verhalten steuern, übernehmen wir von Kindesbeinen an automatisch von den Menschen, die um uns herum leben, ebenso wie wir uns auch deren Sprache aneignen. Wir lernen, was in unserer Umwelt als "gutes Benehmen", was als richtig und was als falsch angesehen wird. Das gilt für einen Eingeborenen im australischen Busch ebenso wie für jemanden, der im Zentrum von Chicago aufgewachsen ist. Da sich das eigene Wahrnehmen, Denken und Handeln stets an den jeweils vorherrschenden Kulturstandards orientiert, wird Kultur in der Psychologie auch als Orientierungssystem bezeichnet.

Welche Kulturstandards sich in einer Gesellschaft herausbilden, bleibt nicht dem Zufall überlassen: Kulturstandards sind stets das Resultat einer langfristigen Auseinandersetzung mit spezifischen Umweltbedingungen (z. B. klimatische und geographische Besonderheiten, Ernährungslage, Bevölkerungsdichte, Kriege usw.). Menschen passen ihr Verhalten ja grundsätzlich den in ihrer Umwelt vorgefundenen Lebensumständen an. Gerade diese Fähigkeit, sich flexibel auf unterschiedliche Lebensbedingungen einstellen zu können, sichert seit Urzeiten den Fortbestand der Menschheit. Dementsprechend sind Kulturstandards zwar relativ überdauernd, nicht aber völlig starr und zeitlos. Kulturstandards können sich als Reaktion auf veränderte Umweltbedingungen wandeln. Dieser Prozess verläuft allerdings sehr langsam und zieht sich in der Regel über mehrere Generationen hin.

In jedem Land der Erde herrschen ganz individuelle Umweltbedingungen. Daher haben sich in verschiedenen Ländern oft auch verschiedene und zum Teil sogar gegensätzliche Kulturstandards herausgebildet. Verhaltensweisen, die in der einen Kultur als wünschenswert und normal gelten, können in einer anderen durchaus als Fehlverhalten wahrgenommen werden. Beispielsweise kann es in der einen Kultur schon als aufdringlich gelten, mit fremden Personen unbefangen ein Gespräch zu beginnen, während in einer anderen betonte Zurückhaltung und Distanziertheit als unfreundlich wahrgenommen werden.

Dieser Sachverhalt birgt erhebliches Konfliktpotenzial: Begibt man sich nämlich in eine bisher fremde Kultur, so wird man das, was man im Umgang mit den Gastlandbewohnern erlebt, zunächst auf der Grundlage seiner eigenen Kulturstandards wahrnehmen, beurteilen und dementsprechend darauf reagieren. Das fremdkulturelle Verhalten wird an den eigenkulturellen Verhaltensmaßstäben gemessen. Man erwartet irrtümlicherweise von den Gastlandbewohnern mehr oder weniger das gleiche Verhalten, welches man von seinen eigenen Landsleuten gewohnt ist und rechnet weiter auch damit, dass die eigenen Handlungen von diesen richtig verstanden werden.

In der Folge ergeben sich häufig unerwartete Schwierigkeiten: Die eigenen Handlungsmöglichkeiten und die Folgen eigenen Handelns werden falsch eingeschätzt. Bisher bewährte Umgangsformen erweisen sich plötzlich als unangemessen. Die Gastlandbewohner reagieren oft ganz anders, als man das eigentlich erwartet hatte. Bei der Bewertung ihres Verhaltens treten Unklarheiten und Fehler auf. Selbst Gesten können eine ganz andere Bedeutung haben als zu Hause. Dies alles führt dazu, dass Begegnungen mit den Angehörigen fremder Kulturen oft nicht so reibungslos verlaufen, wie man das von seinen Mitmenschen im Heimatland gewohnt ist. Häufig treten Unsicherheiten und Konflikte auf, Missverständnisse sind an der Tagesordnung.

Um diese frustrierende und belastende Situation, die häufig auch als "Kulturschock" bezeichnet wird, bewältigen zu können, ist es nötig, die Kulturstandards der Gastlandbewohner so gut kennen und verstehen zu lernen, dass man sie auf das eigene Wahrnehmen, Denken und Handeln in der fremdkulturellen Umgebung anwenden kann. Dieser Prozess "interkulturellen Lernens" findet vor allem in der direkten Begegnung mit den Gastlandbewohnern statt. Interkulturelles Lernen kann aber auch indirekt, mit Hilfe eines Trainings erfolgen, das Kulturstandards anhand beispielhafter Erfahrungen Dritter vermittelt. Bereits im Vorfeld eines Auslandsaufenthalts kann man sich so effektiv auf die Gastkultur vorbereiten und durch die Kenntnis der dort vorherrschenden Kulturstandards seine „Startposition“ erheblich verbessern. Dabei spielt es keine Rolle, ob man berufliche Interessen verfolgt oder einfach nur Land und Leute kennen lernen möchte. Auch Personen, die sich schon längere Zeit in der Gastkultur aufhalten und bereits über einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit deren Angehörigen verfügen, können mit Hilfe eines solchen Trainings ihre interkulturelle Handlungskompetenz weiter steigern, indem sie sich ein differenziertes Verständnis für die Hintergründe der fremdkulturellen Verhaltensweisen aneignen.

Das vorliegende Trainingsprogramm basiert auf dem Culture-Assimilator-Trainingsverfahren, das mehr als jede andere Methode interkulturellen Trainings auf seine Wirksamkeit überprüft wurde. Beim Culture-Assimilator-Training wird von der Tatsache ausgegangen, dass man bei der Beobachtung des Verhaltens seiner Mitmenschen nicht nur einfach registriert, was vor sich geht, sondern zugleich eine Antwort auf die Frage sucht, warum sich eine Person in einer bestimmten Situation genau so und nicht anders verhält. "Warum schaut sie so ernst?" - "Wollte er nur einen Scherz machen oder mich etwa beleidigen?" - "Warum ist dieser Typ so freundlich zu mir?" - "Warum hatte sie jetzt plötzlich keine Zeit mehr?" - "Warum hat er jetzt das Thema gewechselt?" - "Warum sagt sie nichts?"... - derartige Fragen stellen und beantworten wir uns ständig, auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind.

Das Zuschreiben von Ursachen für ein bestimmtes Verhalten wird in der Psychologie Attribution genannt. Dass man sich dabei leicht täuschen kann und in Anbetracht mehrerer Deutungsmöglichkeiten seinen Mitmenschen manchmal auch unzutreffende Absichten unterstellt, ist uns allen aus eigener Erfahrung bekannt. Jeder hat das schon etliche Male erlebt: Der eine sagt oder tut etwas, was der andere völlig falsch versteht. "Das habe ich doch ganz anders gemeint!" hören wir uns und andere dann oft sagen.

Besonders zwischen Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft kommt es deshalb oft zu Missverständnissen, Schwierigkeiten und Konflikten, weil sie sich über die Ursachen des Verhaltens ihrer Partner nicht im klaren sind oder deren Verhalten auf falsche Ursachen zurückführen. Wichtig für effektives interkulturelles Handeln ist es daher, dass die Ursachen, die man selbst hinter dem Verhalten der Gastlandbewohner vermutet, deren eigener Sichtweise möglichst entsprechen. Hat man eine zutreffende Vorstellung davon, warum in einer fremden Kultur spezielle Verhaltensweisen gezeigt werden, dann wird dieses fremdkulturelle Verhalten auch verstehbar, vorhersehbar und beeinflussbar.

Mit Hilfe eines Culture-Assimilator-Trainings kann die Fertigkeit erlernt werden, Attributionen vorzunehmen, die der fremden Kultur entsprechen. Dazu werden dem Trainingsteilnehmer verschiedene Episoden präsentiert, die typische Begegnungssituationen zwischen Besuchern und Angehörigen der Gastkultur beschreiben, die für den Besucher unerwartet, verwirrend oder konflikthaft verlaufen sind. Zu jeder Episode werden vier Erklärungen für das Verhalten der beteiligten Gastlandbewohner vorgegeben. Eine Erklärung trifft jeweils aus der Sicht der Gastkultur eindeutig zu. Die anderen Erklärungen sind Fehlinterpretationen, die auf Unkenntnis kultureller Einflussfaktoren, Vorurteilen oder falschen Vorstellungen von der fremden Kultur beruhen. Der Lernende soll die seiner Meinung nach treffendste Erklärung aus der Perspektive der Gastkultur auswählen. Anschließend erhält er Informationen darüber, warum die gewählte Erklärung zutrifft bzw. nicht zutrifft. So wird schrittweise die Fähigkeit trainiert, Verhaltensweisen der Gastlandbewohner aus deren Sicht zu interpretieren.

Die primäre Zielgruppe des vorliegenden Trainings sind amerikanische Studenten. Aber auch Schüler, Praktikanten, Berufstätige oder Touristen können sich damit effektiv auf einen Deutschlandaufenthalt vorbereiten, da sich die geschilderten Situationen problemlos auch auf andere Lebensbereiche übertragen lassen. Ebenso ist das Trainingsmaterial für junge Deutsche von Nutzen, die einen längeren Aufenthalt in den USA planen. Sie können sich bereits vor der Abreise dafür sensibilisieren, welche deutschen Verhaltensweisen für Amerikaner befremdlich, unverständlich und kontliktträchtig sind. Missverständnisse und Irritationen im Umgang mit den Gastlandbewohnern können so in vielen Situationen vermieden werden. Darüber hinaus richtet sich dieser Band an all diejenigen, die sich mit Fragestellungen zum deutsch-amerikanischen Kulturvergleich beschäftigen oder einfach einmal wissen wollen, wie Deutsche auf Besucher aus einem anderen Land wirken können.

Zur Entwicklung des Trainings

Zur Sammlung von trainingstauglichen Episoden wurden Interviews mit 30 amerikanischen Austauschstudenten während ihres Aufenthalts in Deutschland geführt. Dabei wurden Erlebnisse im Umgang mit Deutschen erfragt, bei denen den Amerikanern das Verhalten der Deutschen fremd, überraschend oder unverständlich vorkam und bei denen sich die Deutschen ganz anders benommen hatten als Amerikaner in vergleichbaren Situationen. Die Interviews wurden auf Tonband aufgezeichnet. Aus diesem Material wurden dann alle Episoden ausgewählt, welche die folgenden 4 Kriterien erfüllten:

- alltäglich, oft wiederkehrend und typisch für das Verhalten von Deutschen,
- verwirrend oder konflikthaft und damit anfällig für Fehlinterpretationen durch
Amerikaner ohne Kenntnisse deutscher Kulturstandards,
- mit entsprechendem kulturellen Hintergrundwissen eindeutig erklärbar,
- relevant für die Handlungsaufgaben der Zielgruppe.

Im nächsten Arbeitsschritt wurde eine Auswahl dieser Episoden deutschen und amerikanischen Studenten in Form eines Fragebogens zur Beurteilung vorgelegt. Die Aufgabe bestand darin, selbstständig zu überlegen, was der Grund dafür gewesen sein könnte, dass sich die Deutschen in den einzelnen Episoden genau so und nicht anders verhalten haben. Mit einem Teil der deutschen Beurteiler wurde eine Gruppendiskussion geführt, bei der für jede Episode eine übereinstimmende Erklärung aus deutscher Sicht gefunden werden sollte. Die Antworten der amerikanischen Beurteiler sollten zum einen zeigen, welche Situationen besonders anfällig für Fehlinterpretationen durch Amerikaner sind, zum anderen dienten diese Fragebögen als Ideenlieferant für die Falschantworten, die zu jeder Geschichte formuliert werden mussten.

Aus den verbliebenen Episoden und den dazu gehörigen Antwortalternativen wurde ein neuer Fragebogen in Multiple-Choice-Form zusammengestellt. Der Fragebogen wurde an deutsche und amerikanische Studenten mit der Bitte verteilt, bei jeder Situation die ihrer Meinung nach zutreffendste Erklärungsalternative anzukreuzen. Die anschließende statistische Auswertung der Fragebögen bestätigte die Hypothese, dass Amerikaner weniger häufig die aus deutscher Sicht zutreffende Erklärung identifizieren können als die deutsche Vergleichsgruppe, da sie bestenfalls über rudimentäre Kenntnisse deutscher Kulturstandards verfügen. Zusätzlich wurde ermittelt, bei welchen Geschichten sich das Antwortverhalten zwischen den Angehörigen beider Kulturen besonders stark unterscheidet. Den Ergebnissen entsprechend wurde schließlich das endgültige, jetzt 26 Episoden umfassende Trainingsmaterial zusammengestellt.

Parallel zu den bisher geschilderten Arbeitsschritten wurde aus den einzelnen Episoden durch inhaltsanalytisches Vorgehen ein Kategoriensystem gebildet, das die zentralen deutschen Kulturstandards widerspiegelt. Die ermittelten 10 Kulturstandards wurden zusätzlich abgesichert durch den Vergleich mit einschlägigen Literaturquellen. Zuletzt wurden Rückmeldungen zu allen Erklärungsalternativen verfasst, die Kulturstandards umfassend beschrieben und kulturhistorisch verankert.

Aufbau und Ablauf des Trainings

Das vorliegende Trainingsprogramm ist in zehn Trainingseinheiten unterteilt, in denen jeweils ein zentraler deutscher Kulturstandard behandelt wird. Zunächst werden eine oder mehrere Episoden präsentiert, in denen der jeweilige Kulturstandard wirksam wird und zu Irritationen bei den Amerikanern führt. Die Aufgabe des Lernenden besteht darin, aus den vier Erklärungsalternativen, die für jede Episode angeboten werden, diejenige auszuwählen, die aus deutscher Sicht am ehesten zutrifft. Als Anwender dieses Trainings soll man sich also bei jeder der vorgegebenen Episoden überlegen, warum sich die Deutschen genau so und nicht anders verhalten haben. Nach der Entscheidung für eine Erklärungsalternative liest der Lernende die dazugehörige Rückmeldung, die sich auf den nächsten Seiten befindet. Dort wird erklärt, warum die gewählte Antwort zutrifft oder nicht. Konnte die zutreffende Erklärung nicht identifiziert werden, muss die Episode erneut gelesen und eine andere Antwort gewählt werden usw. Auf diese Weise wird schrittweise die Fertigkeit trainiert, das Verhalten von Deutschen so zu interpretieren, wie das ein Deutscher tun würde.

Die Bearbeitung kann aber auch in anderer Weise erfolgen: Der Lernende überlegt sich, für wie zutreffend er jede einzelne der vier Erklärungsalternativen hält. Anschließend lässt er sich auf den Folgeseiten Rückmeldung darüber geben, inwieweit seine vier Einschätzungen zutreffen. Steht genug Zeit zur Verfügung, sollte dieser Bearbeitungsweise wegen ihres höheren Lerngewinns der Vorzug gegeben werden. Wer nämlich auch darüber Bescheid weiß, warum bestimmte Interpretationen deutscher Verhaltensweisen eben nicht zutreffen, läuft weniger Gefahr, selbst solche vorzunehmen. Insgesamt gelangt man so zu einem differenzierteren Verständnis der behandelten Kulturstandards. Darüber hinaus bieten die Rückmeldungen zu den unzutreffenden Erklärungsalternativen eine Fülle von Informationen, die im Rahmen eines Deutschlandaufenthalts von Nutzen sein können.

Zum Abschluss jeder Trainingseinheit wird der Kulturstandard ausführlich beschrieben, der den vorangegangenen Episoden zu Grunde liegt und seine kulturhistorische Entwicklung erläutert. Der Lernende erkennt, dass die aufgezeigten Eigenheiten deutschen Verhaltens nicht willkürlich, sondern tief in der Kultur verwurzelt sind. Wer versteht, dass Kulturstandards gewachsene und überdauernde Spielarten menschlichen Verhaltens sind, denen sich der einzelne nicht einfach entziehen kann, dem fällt es auch leichter, fremdes und ungewohntes in der interkulturellen Begegnung zu akzeptieren.

Zur überblicksartigen Information bzw. zur Wiederholung des Gelernten steht am Schluss des Trainings eine Zusammenfassung der besprochenen zentralen deutschen Kulturstandards aus der Sicht junger US-Amerikaner zur Verfügung.

Tipps für einen erfolgreichen Einsatz des Trainings

Das Trainingsmaterial kann selbstständig oder in Gruppen beliebig oft bearbeitet werden. Unter der Anleitung eines kompetenten Trainers können die einzelnen Episoden in Gruppentrainings auch als Grundlage für Rollenspiele herangezogen werden. Der Lerneffekt kann durch Gruppendiskussionen zu den einzelnen Episoden und Kulturstandards zusätzlich gesteigert werden. Es ist ratsam, die Reihenfolge der Trainingseinheiten einzuhalten, da diese teilweise aufeinander aufbauen. Genügend Zeit und eine möglichst entspannte Atmosphäre bei der Bearbeitung sind in jedem Fall von Vorteil. Man sollte durchaus etwas nachdenken und sich lebendig vorstellen, wie man selbst wohl in den beschriebenen Situationen reagiert hätte, ganz gleich, ob man nun zusammen mit anderen oder alleine trainiert.

Das Bild, das im Rahmen eines Culture-Assimilator-Trainingsprogramms von einer Kultur skizziert wird, kann immer nur eine Vereinfachung sein, bei der - wie bei einer Karikatur - typische und auffällige Merkmale betont und stark hervorgehoben werden. Man darf also nicht glauben, dass sich alle Deutschen ganz genau in der geschilderten Weise identisch verhalten. Die individuellen Unterschiede der Verhaltensweisen innerhalb einer Kultur sind zum Teil beträchtlich. Man denke nur an die Unterschiede zwischen zwei verschiedenen Generationen eines Landes. Dennoch ist der allgemeine Einfluss deutlich zu erkennen, den die im folgenden vorgestellten zentralen deutschen Kulturstandards auf den einzelnen Deutschen ausüben. Kulturstandards sind also nicht als rigide Verhaltensdeterminanten zu verstehen, sondern als typische Verhaltenstendenzen.

Im Culture-Assimilator-Trainingsverfahren werden in erster Linie die Unterschiede zwischen zwei Kulturen behandelt. Man sollte aber keinesfalls vergessen, dass zwischen Deutschen und Amerikanern auch in vielerlei Hinsicht Gemeinsamkeiten bestehen. Manche Amerikaner behaupten sogar, Deutschland sei das Land, das Amerika am ähnlichsten ist.

Culture-Assimilator-Trainings können eine Art "vorgelagerten Kulturschock" auslösen. Schließlich werden während des Trainings bislang völlig unerwartete Konfliktsituationen thematisiert, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch während des eigenen Aufenthalts in der fremden Kultur auftreten werden. Die eigenenkulturellen, oft für allgemeingültig gehaltenen Umgangsformen und Werte werden plötzlich in Frage gestellt und relativiert. Darüber hinaus wird in Culture-Assimilator-Trainings ausschließlich mit kritisch verlaufenen und daher für den Lernenden oft negativ gefärbten Interaktionssituationen gearbeitet. Man sollte das während des Trainings im Hinterkopf behalten und daran denken, dass es in der neuen Umgebung auch viele Situationen geben wird, die positiver verlaufen als erwartet. Im übrigen ist eine vorsichtig beobachtende Haltung gegenüber dem bevorstehenden Kontakt mit den Mitgliedern der Gastkultur durchaus wünschenswert. Darin zeigt sich ja auch, dass eine Sensibilisierung für das Konfliktpotenzial interkultureller Begegnungen geschaffen wurde und damit eine grundlegende Voraussetzung für zukünftigen interkulturellen Erfolg. Diesen wünschen wir allen Anwendern dieses Trainings.

2. Das Training

Erste Trainingseinheit: Fremde oder Freunde?

Der hier vorgestellte deutsche Kulturstandard birgt für US-Amerikanern in der Begegnung mit Deutschen wohl das größte Konfliktpotenzial. Das gilt ganz besonders in der ersten Phase eines Deutschlandaufenthalts. Es geht darum, wie sich Deutsche gegenüber Fremden verhalten und wie sich Freundschaften in Deutschland entwickeln. Das Wissen um die im folgenden geschilderte Eigenheit der Deutschen ist für Amerikaner außerordentlich wichtig, um nicht durch falsche Interpretationen zu einem verzerrten und eventuell sogar negativen Bild der neuen Umgebung zu gelangen. An erster Stelle wird dieser Kulturstandard behandelt, weil seine Kenntnis zum Verständnis der anderen Kulturstandards in den folgenden Trainingseinheiten wesentlich beiträgt.

Episode 1

In Deutschland begrüßte Jane Leute, die ihr auf der Straße begegneten, oft mit einem freundlichen "Hallo". Doch anstatt ihren Gruß zu erwidern, schauten die meisten sie bei solchen Gelegenheiten nur verwundert an, so als dächten sie "Warum spricht diese Person mich an?" und gingen wortlos weiter. Jane wurde ganz verlegen und konnte nicht verstehen, warum diese Leute nicht reagierten.

Welche Erklärung würdest Du Jane dafür geben?

1."Hallo" zu fremden Personen zu sagen, gilt in Deutschland als Beleidigung.
2. In Deutschland ist es nicht üblich, fremde Leute auf der Straße zu grüßen.
3. Die Deutschen konnten an Janes Akzent erkennen, dass sie eine Ausländerin ist und wollten sie deshalb nicht grüßen.
4. Hätte Jane "Guten Tag" gesagt, wäre sie auch gegrüßt worden.

Rückmeldungen zu den Antworten von Episode 1

1."Hallo" zu fremden Personen zu sagen, gilt in Deutschland als Beleidigung.

"Hallo" ist auch in Deutschland - vor allem unter jungen Leuten und Studenten - ein sehr gebräuchliches Grußwort, dennoch ist es nicht in jedem Fall zugleich das Beste. Mit "Hallo" begrüßt man sich üblicherweise dann, wenn zwischen zwei Personen (oder zwischen einer Person und einer Gruppe) ein Mindestmaß an Vertrautheit und persönlicher Nähe herrscht. "Mindestmaß" kann beispielsweise bedeuten, dass man im gleichen Wohnheim wohnt, die gleiche Vorlesung besucht, öfter in der selben Kneipe verkehrt oder schon mal miteinander gesprochen hat. Kaum ein junger Deutscher wird es jedoch gleich als Beleidigung auffassen, von einem vollkommen Fremden auf diese Weise gegrüßt zu werden. Eher wird er noch denken, Du hättest ihn mit jemandem verwechselt. Anders verhält es sich dagegen bei wesentlich älteren Personen oder Autoritäten: Den Professor oder Chef mit einem lässigen "Hallo" zu begrüßen, kann von diesem sehr wohl als anmaßend und respektlos empfunden werden. Der Grüßende impliziert ja mit seinem „Hallo“ eine Vertrautheit, die so aus deutscher Sicht überhaupt nicht gegeben ist. Ein formelles "Guten Tag" ist gegenüber solchen Personen in jedem Fall vorzuziehen. Kurz gesagt: Unter jungen Leuten und Studenten liegst Du mit "Hallo" in der Regel richtig. Bei allen anderen Personen bleibst Du besser erst mal bei "Guten Tag", auch wenn sie Dich schon kennen. Wie Du siehst, hast Du mit der gewählten Antwort also nicht ganz unrecht. Da es aber für Janes Erlebnis eine noch treffendere Erklärung gibt, lies bitte die Geschichte noch einmal durch, und finde sie!

2. In Deutschland ist es nicht üblich, fremde Leute auf der Straße zu grüßen.

Wenn man in Deutschland auf offener Straße von jemandem gegrüßt wird, so handelt es sich in der Regel immer um jemanden, den man irgendwie kennt. Fremde Personen grüßt man nicht, und man erwartet auch nicht, von ihnen gegrüßt zu werden. Hinter dem Verhalten der Deutschen steckte also weder Unfreundlichkeit noch eine spezielle Abneigung gegenüber Jane, sondern eher Verwirrung darüber, warum sie von ihr überhaupt gegrüßt wurden. Manche Deutsche hätten in der gleichen Situation Janes Gruß wohl erwidert - gewundert hätten sie sich aber allemal.

Generell lässt sich festhalten: Freunde, gute Bekannte und Arbeitskollegen, denen man begegnet, müssen gegrüßt werden. Flüchtige Bekannte kann man grüßen, man muss aber nicht. Fremde grüßt man in der Regel nicht. Ebenso verhält es sich mit der Mimik der Deutschen: Es wird bei weitem nicht so viel gelächelt, wie Amerikaner das gewohnt sind. Man lächelt nicht einfach irgendjemanden an, der einem auf der Straße begegnet. Das Lächeln ist in erster Linie für Freunde und gute Bekannte reserviert.

In diesem Benehmen drückt sich etwas aus, das den Umgang der Deutschen untereinander maßgeblich mitbestimmt: Je nach Grad der Vertrautheit und der Nähe, die man gegenüber einem anderen verspürt, tritt ein anderes Verhaltensmuster in Kraft. Das bedeutet nicht, dass die Deutschen unfreundlich oder kalt sind. Deutsche differenzieren lediglich viel stärker als Amerikaner zwischen Fremden, Bekannten und Freunden und aktivieren dementsprechend ganz unterschiedliche Verhaltensmuster.

3. Die Deutschen konnten an Janes Akzent erkennen, dass sie eine

Ausländerin ist und wollten sie deshalb nicht grüßen.

Nein. Das ist falsch. Hätte ein Deutscher sich so wie Jane verhalten, wäre ihm ziemlich sicher das Gleiche passiert. Lies bitte noch einmal die Geschichte, und suche Dir eine bessere Erklärung.

4. Hätte Jane "Guten Tag" gesagt, wäre sie auch gegrüßt worden.

Mit "Hallo" begrüßen sich in Deutschland vor allem junge Leute. Ältere Personen dagegen, zu denen man kein persönliches Verhältnis hat, mit einem lässigen "Hallo" zu begrüßen, kann von diesen sehr wohl als anmaßend, aufdringlich und respektlos empfunden werden. Damit wird nämlich eine Vertrautheit impliziert, die aus deutscher Sicht überhaupt nicht gegeben ist. Einen solchen Gruß würde man nicht erwidern. Ein formelles "Guten Tag" ist hier in jedem Fall vorzuziehen. Auch Verkäufer, Bankangestellte, Bibliothekare, den Arzt oder Deine Professoren solltest Du in dieser höflichen Form grüßen.

Kurz gesagt: Unter jungen Leuten und Studenten liegst du mit "Hallo" in der Regel richtig. Bei allen anderen Personen bleibst Du besser erst mal bei "Guten Tag" - auch wenn sie Dich schon kennen. Aber selbst wenn Jane das alles berücksichtigt und mit "Guten Tag" gegrüßt hätte, wäre ihr wohl das Gleiche passiert. Warum? Lies bitte nochmals die Geschichte und gib ihr die Antwort.

Episode 2

Jessica war zusammen mit ihrer Freundin Beth nach Köln gefahren. Beth kannte dort die Adresse einer deutschen Familie, bei der ein amerikanischer Freund von ihr einmal als Austauschstudent gewohnt hatte. Von ihm hatte diese Familie erfahren, dass Beth nach Deutschland kommen würde und sie eingeladen, doch ein paar Tage in Köln zu verbringen. Bei der Begrüßung fragte der Familienvater die beiden: "Darf ich Du zu euch sagen?" Beth und Jessica antworteten sofort mit „Ja", waren aber trotzdem recht überrascht von dieser Frage und konnten ihren Sinn nicht recht verstehen, da sie das „Du“ für selbstverständlich gehalten hatten.

Wie würdest Du den beiden diese Frage erklären?

1. Da Beth und Jessica jünger als der Mann waren, wäre es für ihn lächerlich gewesen, "Sie" zu sagen.
2. Es wäre unhöflich gewesen, die beiden sofort mit "Du" anzusprechen.
3. Diese Frage ist ein Ausdruck von Verlegenheit.
4. In Deutschland gehört diese Frage zum gängigen Begrüßungsritual.

Rückmeldungen zu den Antworten von Episode 2

1. Da Beth und Jessica jünger als der Mann waren, wäre es für ihn lächerlich

gewesen, "Sie" zu sagen.

Der Altersunterschied zwischen ihm und den beiden Mädchen hat es dem Mann sicher leichter gemacht, diese Frage zu stellen und trägt auch wesentlich zu ihrem Verständnis bei. Dennoch ist das "Du" trotz Altersunterschied nicht selbstverständlich. Das wäre dann der Fall, wenn Beth und Jessica noch Kinder oder junge Teenager wären. In diesem Zusammenhang würde ein "Sie" übertrieben wirken und ein lockeres "Du" von beiden Seiten ohne vorheriges Fragen als passend empfunden werden. Die beiden Mädchen in unserer Geschichte sind aber Studentinnen und schon erwachsen. Und davon einmal abgesehen: Wenn es wirklich von vorne herein lächerlich für den Mann gewesen wäre, "Sie" zu sagen, warum hätte er dann die beiden überhaupt um ihre Erlaubnis fragen sollen, sie duzen zu dürfen? Es steckt also neben dem Altersunterschied noch ein wichtigerer Aspekt hinter seiner Frage. Welcher?

2. Es wäre unhöflich gewesen, die beiden sofort mit "Du" anzusprechen.

Studenten gelten in Deutschland als Erwachsene und werden entsprechend mit "Sie" angesprochen. Das gilt auch für die Universität: Professoren siezen ihre Studenten ebenfalls. Selbst in der Schule haben Deutsche ab der zehnten Klasse ein Recht darauf, von ihren Lehrern mit "Sie" angesprochen zu werden. Einen erwachsenen Menschen, den man noch dazu noch nie gesehen hat, sofort mit "Du" anzusprechen, wirkt auf Deutsche leicht unhöflich. Das "Du" impliziert eine Vertrautheit und Nähe, die in einem solchen Fall überhaupt nicht gegeben und oft auch gar nicht erwünscht ist. Insofern kann ein vorschnelles "Du" geradezu aufdringlich und beleidigend wirken. Das gilt allerdings nicht für junge Leute und Studenten untereinander: Hier ist das gegenseitige Duzen die Regel und ein "Sie" würde als steif und unpassend empfunden werden. Das war aber keineswegs schon immer so: Erst in den letzten Jahrzehnten begannen sich - in Folge einer fortschreitenden Amerikanisierung der deutschen Gesellschaft - die Grenzen zwischen "Sie" und "Du" in der jungen Generation stärker zu verwischen.

Die Tatsache, dass der Mann Beth und Jessica nicht gleich wie selbstverständlich geduzt hat, ist also als Höflichkeit zu verstehen. Durch das "Sie" drückt man seinem Mitmenschen gegenüber aus, dass man ihn respektiert und Distanz hält. Den persönlichen Distanzbereich eines anderen zu übertreten, indem man ihn unbefugterweise duzt, wirkt dagegen ungehobelt und frech und stellt einen Angriff auf seine Integrität dar. Es ist, als würde man ohne Erlaubnis eine fremde Wohnung betreten.

Mit "Du" und "Sie" wird die persönliche Distanz ausgedrückt, die zwischen verschiedenen Menschen besteht. Die Frage des Familienvaters, ob er denn "Du" zu den beiden Mädchen sagen dürfe, ist als Ausdruck seines Wunsches zu verstehen, die Distanz zwischen sich und den beiden zu minimieren und von Anfang an ein Klima der Vertrautheit und Nähe herzustellen. Dabei bedeutet die Frage des Mannes nicht automatisch, dass auch er gleichzeitig geduzt werden möchte. Schließlich ist er wesentlich älter als Beth und Jessica und kann von daher, nachdem er um Erlaubnis gefragt hat, aus deutscher Sicht ohne weiteres "Du" zu den Mädchen sagen und sich selbst weiterhin siezen lassen. Du solltest also in einer ähnlichen Situation - etwa beim ersten Treff mit Deinen Gasteltern - erst einmal beim "Sie" bleiben. Wenn sie auch von Dir geduzt werden möchten, sagen sie Dir das schon.

Und für den Fall, dass Dir das jetzt alles ein bisschen zu kompliziert geworden ist, kommt hier noch einmal eine kurze Version: Studenten und andere junge Leute sprichst Du in der Regel automatisch und ohne zu fragen mit "Du" an, so wie Du das auch in Amerika gewohnt bist. Ältere Leute, Deinen Professor, den Bäcker an der Ecke, den Schaffner im Zug und ähnliche Personen sprichst Du immer mit einem höflichen "Sie" an, es sei denn, man hat Dir ausdrücklich das "Du" angeboten. Und noch etwas: Solltest Du anfangs Schwierigkeiten beim korrekten Umgang mit diesen beiden Wörtern haben, so ist das nicht wirklich tragisch. Die Deutschen haben dafür durchaus Verständnis und werden es Dir sicher nicht übel nehmen, dass Du nicht schon am ersten Tag perfekt darin bist.

3. Diese Frage ist ein Ausdruck von Verlegenheit.

Das ist nicht ganz unwahrscheinlich. Ein klein wenig Verlegenheit könnte in dieser Situation durchaus im Spiel gewesen sein. Schließlich hat der Mann die beiden Mädchen ja noch nie gesehen und wusste vielleicht im ersten Moment nicht so recht, wie er sie denn am besten ansprechen sollte. Durch seine höfliche Frage konnte er sich dann genau aus dieser Verlegenheit ziehen. Die Sache mit dem "Du" und "Sie" wird nämlich in Deutschland ausgesprochen differenziert gehandhabt und manchmal ist es sogar für Deutsche gar nicht so einfach, von Anfang an den richtigen Ton zu treffen. Es gibt aber aus deutscher Sicht noch eine einleuchtendere Erklärung für die Frage des Familienvaters. Welche?

4. In Deutschland gehört diese Frage zum gängigen Begrüßungsritual.

Obwohl diese Frage sicher öfter in dieser oder ähnlicher Form gestellt wird, handelt es sich dabei nicht lediglich um eine Begrüßungsfloskel, die bei jeder Gelegenheit Verwendung findet. Diese Frage wird nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen gestellt. Wie könnte man Jessica und Beth diese Frage treffender erklären?

Episode 3

Maggie war erst seit kurzem in Deutschland und musste sich immer wieder über die deutschen Studenten in ihrem Wohnheim wundern: Wenn sie in der Gemeinschaftsküche war, sagten diese so lange nichts zu ihr, bis sie selbst etwas sagte. Immer wenn sie sich unterhalten wollte, musste sie den Anfang machen. Wenn sich die Deutschen miteinander unterhielten, schlossen sie Maggie erst in ihr Gespräch mit ein, nachdem auch sie etwas zum jeweiligen Thema geäußert hatte. Aber selbst dann war es oft sehr schwierig für sie, sich mit den Deutschen zu unterhalten, da diese meistens über Politik redeten und Maggie von diesem Thema kaum eine Ahnung hatte. Wenn dagegen ein anderer Deutscher in die Küche kam, fingen sie sofort an, ihn in das Gespräch mit einzubeziehen. Für Maggie war das Ganze sehr ungewohnt und es tat ihr oft ziemlich weh, da sie gedacht hatte, in Deutschland würde sie viele neue Freunde gewinnen, und nun interessierte sich scheinbar keiner für sie.

Warum glaubst du, haben sich die deutschen Studenten gegenüber Maggie so benommen?

1. Ausländer anzusprechen, gilt in Deutschland als unfein.
2. Sobald Deutsche eine bestimmte Anzahl von Freunden haben, sind sie nicht
mehr daran interessiert, neue Leute kennen zu lernen.
3. Wer in Deutschland bei politischen Diskussionen nicht mithalten kann, bleibt
leicht Außenseiter.
4. Deutsche verhalten sich gegenüber Fremden eher reserviert und abwartend
und wollen sich nicht aufdrängen.

Rückmeldungen zu den Antworten von Episode 3

1. Ausländer anzusprechen, gilt in Deutschland als unfein.

Stell Dir einmal vor, Du würdest in einem Lokal in Peking inmitten einer Menge von Chinesen auf eine Gruppe von amerikanischen Studenten treffen. Mit wem würdest Du zuerst versuchen, eine Unterhaltung anzufangen: Mit Deinen Landsleuten oder einem der anwesenden Chinesen? So fällt es auch den meisten Deutschen - schon wegen einer möglichen Sprachbarriere - sicher leichter, einen anderen Deutschen anzusprechen als einen Austauschstudenten, bei dem man sich nicht einmal sicher ist, ob er einen auch versteht. Damit, dass es in irgendeiner Weise als unfein gelten würde, Ausländer anzusprechen, hat das Ganze aber nichts zu tun. Lies also die Geschichte noch einmal und suche Dir eine bessere Erklärung für das Verhalten der deutschen Studenten.

2. Sobald Deutsche eine bestimmte Anzahl von Freunden haben, sind sie nicht

mehr daran interessiert, neue Leute kennen zu lernen.

Die meisten Deutschen strengen sich nicht besonders an, ständig neue Leute kennen zu lernen, wenn sie bereits über einen gut funktionierenden Freundeskreis verfügen. Das kommt in erster Linie davon, dass Deutsche in der Regel wesentlich stärker daran interessiert sind, einige wenige Beziehungen mit einem gewissen Tiefgang aufrecht zu erhalten, als eine Vielzahl vergleichsweise oberflächlicher Bekanntschaften zu pflegen. Dass sie deshalb aber gar kein Interesse mehr daran hätten, auch einmal mit einer bisher unbekannten Person zu sprechen oder neue Freunde zu gewinnen, stimmt sicher nicht. Hinter dem Verhalten der Studenten gegenüber Maggie steckt also noch etwas anderes. Was?

3. Wer in Deutschland bei politischen Diskussionen nicht mithalten kann, bleibt

leicht Außenseiter.

Politische, philosophische und andere ernste Themen nehmen in den Gesprächen deutscher Studenten oft einen für amerikanische Studenten ungewöhnlich großen Raum ein. Während in Amerika in der Phase des Kennenlernens meist über unverfängliche Dinge wie Hobbies, Klamotten oder Lieblingsgetränke gesprochen wird, bevorzugen deutsche Studenten hier oft kontroverse Sachthemen. Statt mit Fragen wie "Hey, mir gefällt dein Outfit, wo hast du diese Klamotten gekauft?" beginnen Deutsche eine Konversation eher mit Fragen wie "Was hältst du von Präsident Bush?". Das führt leicht zu Missverständnissen.

Deutsche Studenten, die zum Austausch in Amerika sind, haben dagegen mit lässigem Smalltalk oft die gleichen Schwierigkeiten wie amerikanische mit der deutschen Vorliebe für tiefsinnige Debatten. Dabei treten sie auch leicht ins Fettnäpfchen, wenn sie beispielsweise auf einer Party damit anfangen, über ihre Ansichten zur Todesstrafe zu philosophieren. Es ist für Deutsche einfach oft interessanter, sich in einer Unterhaltung einem speziellen Thema zu widmen. Deutsche sprechen gerne über etwas. Dennoch wird man einen Austauschstudenten sicher nicht gleich ausgrenzen, nur weil er bei einer Diskussion über die politische Lage nicht mithalten kann. Es wird ohnehin von einem Amerikaner nicht erwartet, dass er über die deutsche Politik besonders informiert ist. Die gewählte Antwort trifft den Kern für Maggies Erlebnis also noch nicht genau. Wie könnte man ihr die Distanziertheit der deutschen Studenten treffender erklären?

4. Deutsche verhalten sich gegenüber Fremden eher reserviert und abwartend

und wollen sich nicht aufdrängen.

In den USA kann ein neuer Student in einem Wohnheim erwarten, schon in den ersten paar Tagen den größten Teil seiner Mitbewohner kennen gelernt zu haben. In Deutschland ist das so meist nicht der Fall. Amerikaner denken dann leicht, den Deutschen wäre es egal, ob sie sich abgewiesen fühlen oder sogar Heimweh haben. Dabei bedeutet die anfängliche Distanziertheit der Deutschen weder Kälte noch Unfreundlichkeit. Dieses Verhalten ist lediglich eine andere Form des Umgangs miteinander: Deutsche Studenten sprechen in der Regel einen neuen Mitbewohner nicht einfach an und beginnen gleich ein Gespräch mit ihm, sondern verhalten sich vielmehr abwartend, reserviert und wollen sich dem Neuen nicht aufdrängen. Vielleicht möchte er ja seine Ruhe haben und im Moment gar keinen Kontakt aufnehmen. Das gilt in Deutschland als höflich und ist eine Art von Respekt vor der Privatsphäre des anderen.

Wenn Du also auf Deutsche stößt, die Dich noch nicht oder nur vom Sehen her kennen, dann erwarten sie meist, dass Du den Anfang machst, wenn Du Kontakt aufnehmen möchtest. Solltest Du in eine ähnliche Situation wie Maggie kommen, sprich die Deutschen an, stelle ihnen eine Frage oder bitte sie um eine Auskunft, um ihre Gesprächsbereitschaft zu aktivieren. Du brauchst auch nicht zu resignieren, wenn das - wie bei Maggie - eine Weile lang so bleibt. Das ist ganz normal und läuft auch bei Deutschen untereinander in dieser Weise ab. Deutsche sind eben gegenüber Leuten, die sie kaum kennen, zunächst eher zurückhaltend. Haben sie Dich aber erst einmal akzeptiert, dann können sie eine Offenheit und Vertrautheit an den Tag legen, die Amerikaner geradezu erstaunt. Was für Maggie verwunderlich war, nämlich die Tatsache, dass die Studenten in der Küche zwar nicht gleich mit ihr, wohl aber mit den anderen Deutschen gesprochen haben, ist so zu erklären, dass diese sich schon besser kannten und von daher einem Gespräch nichts im Wege stand. Deutsche differenzieren eben wesentlich stärker zwischen Bekannten und Fremden, als das die meisten Amerikaner gewohnt sind.

Episode 4

Mark ging am Anfang seines Aufenthalts in Deutschland abends öfter in den Fernsehraum des Studentenwohnheims. Das erste Mal war außer ihm nur ein deutscher Studentin dem Zimmer. Dieser sagte zwar "Hallo" zu Mark, dann aber nichts mehr. So saßen sie beide vor dem TV, ohne dass irgendeine Unterhaltung stattgefunden hätte. Die gleiche Szene wiederholte sich am nächsten Abend. Mark ärgerte sich darüber und fühlte sich auch ein wenig unsicher, da er glaubte, der Deutsche hätte etwas gegen ihn. Eines Tages stellte Mark fest, dass dieser Student einen Computer hatte. Da er sich dafür interessierte, sprach er ihn darauf an. Der Deutsche zeigte ihm daraufhin bereitwillig seinen PC und erklärte ihm auch einiges dazu. Danach lud er Mark noch auf ein Bier ein und sie verbrachten einen netten Abend. Mark blieb es lange unklar, warum sich der Deutsche am Anfang so abweisend verhalten hatte.

Welche Erklärung würdest du Mark dafür geben?

1. Amerikanische Austauschstudenten sind in deutschen Wohnheimen nicht besonders beliebt.
2. Aus deutscher Sicht wäre es unhöflich von dem Studenten gewesen, hätte er Mark gleich in ein Gespräch verwickelt.
3. Deutsche unterhalten sich mit Neulingen im Wohnheim nicht gleich am ersten Abend.
4. Der Deutsche wollte fernsehen und sah sich nicht dazu verpflichtet, ein Gespräch mit Mark anzufangen.

Rückmeldungen zu den Antworten von Episode 4

1. Amerikanische Austauschstudenten sind in deutschen Wohnheimen nicht

besonders beliebt.

Das stimmt nicht. Amerikanische Austauschstudenten sind nicht mehr und nicht weniger beliebt als andere Studenten. Außerdem: Wenn das wirklich so wäre, warum hätte Bruno dann Mark seinen Computer vorgeführt und ihn auf ein Bier eingeladen? Lies die Geschichte bitte noch einmal, und suche Dir eine bessere Erklärung!

2. Aus deutscher Sicht wäre es unhöflich von dem Studenten gewesen, hätte er

Mark gleich in ein Gespräch verwickelt.

Eine fremde Person, die man zum ersten Mal sieht, gleich in ein Gespräch zu verwickeln, kann aus deutscher Sicht durchaus als Aufdringlichkeit und Distanzlosigkeit interpretiert werden. Vielleicht möchte sich der Andere ja gar nicht unterhalten. Das offene Aufeinanderzugehen selbst bei fremden Personen, wie es in den USA als normal angesehen wird, ist in Deutschland so nicht üblich und kann sogar als Eindringen in die Intimsphäre empfunden werden. Zu Fremden hält man zunächst eher Distanz. Aufdringlichkeit wird in Deutschland weit negativer bewertet als ausgeprägte Formen sozialer Zurückhaltung. Es wäre von daher eher untypisch gewesen, hätte der Student Mark gleich angesprochen und sofort versucht, ihn kennen zu lernen. Damit lassen sich Deutsche in der Regel lieber etwas Zeit. Du liegst also mit dieser Interpretation von Marks Erlebnis nicht wirklich falsch. Trotz allem gibt es aber noch eine treffendere Erklärung für das Verhalten des deutschen Studenten. Welche?

3. Deutsche unterhalten sich mit Neulingen im Wohnheim nicht gleich am ersten

Abend.

Das ist mit Sicherheit ein wichtiger Aspekt bei dieser Geschichte. Während Amerikaner es eher gewohnt sind, schon in den ersten Tagen in einem neuen Wohnheim den größten Teil ihrer Mitbewohner kennen zu lernen, verhalten sich die meisten deutschen Studenten in dieser Hinsicht sehr zurückhaltend und reserviert. Das gilt aber nicht nur gegenüber Austauschstudenten, sondern auch für Deutsche untereinander. Dennoch ist es durchaus möglich, auch schon am ersten Abend mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Allerdings geht das meist nicht so ganz von selbst, wie Mark das zunächst erwartet hatte. Welche Erklärung beschreibt die Ursache für das Schweigen des deutschen Studenten noch besser?

4. Der Deutsche wollte fernsehen und sah sich nicht dazu verpflichtet, ein

Gespräch mit Mark anzufangen.

In dieser Geschichte wird ein ganz entscheidender Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern deutlich, der oft zu Missverständnissen zwischen Angehörigen beider Länder führt: Für die meisten amerikanischen Studenten würde eine ähnliche Situation einen direkten Aufforderungscharakter beinhalten, um ein Gespräch zu beginnen. Wenigstens würde man fragen "Bist Du neu hier?", "Woher kommst Du?", „Was studierst Du?" oder ähnliches. Ganze zwei Abende schweigend nebeneinander zu sitzen, würde von beiden Seiten als unerträglich empfunden werden. Viel eher würde ein Amerikaner versuchen, Mark das Einleben in seiner neuen Umgebung möglichst zu erleichtern, schon alleine deshalb, um sich bei Mark nicht gleich von Anfang an unbeliebt zu machen.

Etwas anders sieht diese Geschichte aus deutscher Perspektive aus: Mark ist für den deutschen Studenten, der ihn ja zum ersten Mal sieht, zunächst ein Fremder. Man wohnt zwar im gleichen Wohnheim und begrüßt sich deswegen auch, die Notwendigkeit, ein paar Worte zu wechseln, ergibt sich daraus aber noch nicht. Mit Leuten, die man nicht kennt, muss man auch nicht reden und schon gar nicht, wenn man eigentlich in Ruhe fernsehen will. Für den Studenten bestand also keinerlei Anlass, Mark eine Frage zu stellen oder sonst in irgendeiner Weise Kontakt aufzunehmen. Aus dieser Sicht wird auch klar, dass der Deutsche dem gemeinsamen Schweigen weit weniger Bedeutung beigemessen hat, als Mark dies tat. Für ihn war diese Situation nicht ungewöhnlich. Deutsche empfinden in vielen Situationen, in denen sie mit anderen Menschen zusammen kommen, weit weniger Druck, irgendetwas sagen zu müssen, als Amerikaner.

Wie kam aber die plötzliche Wende in dem Verhalten des Studenten gegenüber Mark zustande? Zunächst einmal hat Mark ihn angesprochen und damit den ersten Schritt getan. Der Deutsche, der auch schon wesentlich länger als Mark in dem Wohnheim lebte, durfte erwarten, dass Mark die Initiative ergreifen würde, wenn er Kontakt zu ihm aufnehmen wollte. Mark hat ihn auf seinen Computer angesprochen. Das war recht hilfreich, da er so auch ein gemeinsames Interessengebiet angeschnitten und damit die Gesprächsbereitschaft des Studenten aktiviert hat. Wenn Deutsche jemanden noch nicht so gut kennen, fällt es ihnen nämlich wesentlich leichter, zunächst über ein neutrales Thema (zum Beispiel Computer, Sport, Politik, Zeitgeschehen etc.) zu sprechen, anstatt Smalltalk zu betreiben. Persönlichere Gespräche folgen erst später, nachdem man sich ein wenig abgetastet hat. Als dieser erste Einstieg geschafft war, war es für den Studenten recht einfach, Mark noch auf ein Bier einzuladen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die beiden dann noch über ganz andere Dinge als Computer gesprochen haben.

Episode 5

Jolly hatte auf einer Party in seinem Wohnheim einen deutschen Studenten kennen gelernt, mit dem er sich an diesem Abend ziemlich lange und intensiv unterhalten hatte. Als er den Jungen nach ein paar Tagen an der Uni wieder traf, verhielt sich dieser sehr distanziert, und Jolly hatte das Gefühl, wieder bei Null beginnen zu müssen. Er war überrascht, da er doch erst vor kurzem ein so persönliches Gespräch mit ihm geführt und geglaubt hatte, an diesem Punkt fortsetzen zu können. Die ganze Geschichte betrübte Jolly, denn er fürchtete, keine richtige Freundschaft in Deutschland aufbauen zu können.

Warum glaubst du, hatte sich der Junge so verhalten?

1. Diese für Jolly überraschende Distanziertheit wird in Deutschland als höfliche Umgangsform betrachtet.
2. Dem Deutschen war es peinlich, öffentlich an der Universität mit einem Amerikaner zu sprechen.
3. Deutsche geben sich weniger Mühe als Amerikaner, ständig neue Leute kennen zu lernen.
4. Deutsche brauchen meistens mehr als einen Anlauf, um die Distanz zwischen sich und einer anderen Person endgültig abzubauen.

Rückmeldungen zu den Antworten von Episode 5

1. Diese für Jolly überraschende Distanziertheit wird in Deutschland als höfliche

Umgangsform betrachtet.

Für Deutsche ist ausgeprägte Zurückhaltung höflicher als Distanzlosigkeit und Aufdringlichkeit - vor allem bei der Begegnung mit fremden Personen. In unserem Fall dürfte diese deutsche Grundhaltung aber kaum die Ursache dafür sein, dass sich der Junge gegenüber Jolly so distanziert verhalten hat; schließlich hatte ja Jolly ihn angesprochen und nicht umgekehrt. In dieser Geschichte geht es also weniger um Höflichkeit, als vielmehr darum, dass der Junge und Jolly unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie sich eine Freundschaft entwickelt, was sie bedeutet und welche Voraussetzungen dafür nötig sind. Es wäre aber keineswegs unhöflich von dem Jungen gewesen, hätte er mit Jolly in der Art gesprochen, wie dieser es zunächst erwartet hatte. Lies deshalb die Geschichte bitte noch einmal, und finde eine treffendere Erklärung.

2. Dem Deutschen war es peinlich, öffentlich an der Universität mit einem

Amerikaner zu sprechen.

Das stimmt sicher nicht. Ein deutscher Student hätte in einer ähnlichen Situation durchaus das gleiche Erlebnis haben können. Allerdings hätte er eine solche Reaktion wie die des Jungen in unserer Geschichte besser als Jolly verstanden und wohl auch nicht erwartet, man könne in jedem Fall gleich da weitermachen, wo man auf der Party aufgehört hat. Für einen Deutschen ist eine solche Situation nicht ungewöhnlich. Es gibt also eine bessere Erklärung. Welche?

3. Deutsche geben sich weniger Mühe als Amerikaner, ständig neue Leute

kennen zu lernen.

Das ist sicher ein wesentlicher Aspekt in dieser Geschichte. Während es für Amerikaner sehr wichtig ist, ständig neue Leute kennen zu lernen und entsprechend offen und unbefangen aufeinander zu zu gehen, kommt es den Deutschen eher darauf an, eine kleinere Anzahl von festen Freundschaften zu pflegen, die dafür aber ausgesprochen intensiv und langlebig sind. Für Deutsche ist bei Freundschaften also in erster Linie die Qualität wichtig, mit der Folge, dass man zwar nicht laufend neue Leute kennen lernt, dafür aber eine intime und stabile Zusammengehörigkeit mit einer kleinen Gruppe erlebt. Es gibt jedoch eine Eigenheit deutschen Verhaltens, die bei Jollys Erlebnis eine noch viel entscheidendere Rolle spielt. Lies die Geschichte bitte noch einmal, und finde sie.

4. Deutsche brauchen meistens mehr als einen Anlauf, um die Distanz

zwischen sich und einer anderen Person endgültig abzubauen.

Ein längeres persönliches Gespräch auf einer Party stellt aus deutscher Perspektive noch keinen Grund dar, sich gegenseitig als Freund zu bezeichnen. Man kennt sich und hat einmal miteinander gesprochen. Weitergehende Konsequenzen können davon aber nicht gleich abgeleitet werden, vor allem nicht die, bei der nächsten Begegnung sofort wieder auf die gleiche Gesprächsbereitschaft zu stoßen. Das liegt in erster Linie daran, dass Deutsche untereinander eine wesentlich größere soziale Distanz wahren, als Amerikaner dies gewohnt sind. Um diese Distanz nachhaltig zu überwinden, ist weit mehr nötig, als ein einziges Gespräch und ein paar gemeinsame Biere. Das ist ein guter Anfang, aber nicht mehr. Insofern bestand für den deutschen Studenten keinerlei Verpflichtung, mit Jolly sofort wieder ins Gespräch zu kommen. Es ist leicht möglich, dass der Junge zugänglicher gewesen wäre, hätten sich die beiden in einem anderen Umfeld wieder getroffen. Im Alltag nämlich, in der Arbeit und auch an der Uni sind Deutsche oft wesentlich formeller und distanzierter im Umgang miteinander als wenn sie sich privat bei einer Feier oder einer anderen gemeinsamen Unternehmung treffen. Auch in dieser Hinsicht differenzieren Deutsche sehr stark. Das kannst Du zu Deinem Vorteil nutzen: Besonders leicht lernst Du Leute kennen, wenn Du viel auf Partys gehst (gerade in den Wohnheimen ist fast ständig irgendetwas geboten), mit Deutschen zusammen eine Reise machst (viele deutsche Universitäten organisieren solche Fahrten) oder ähnliches. Dann sind die Deutschen nämlich oft wie ausgewechselt, und es ist plötzlich ganz einfach, sich mit ihnen anzufreunden. Du wirst Dich wundern, wie nett und lustig sie auf einmal sein können.

[...]

Details

Seiten
160
Jahr
1995
ISBN (eBook)
9783656353850
ISBN (Buch)
9783656354215
Dateigröße
894 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207787
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Schlagworte
Psychologie interkulturelle Psychologie Kulturpsychologie Deutschland USA AMerika Kultur Kulturstandard Studenten Kulturtraining Culture Assimilator interkulturelles Training interkulturelles Handeln interkulturelles Management Richard Markowsky Alexander Thomas Kulturvergleich Kulturschock Culture intercultural training intercultural psychology

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Titel: Zum Studium in Deutschland