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Analyse von Leserbriefen im Hinblick auf die Schreibentwicklung

Hausarbeit 2012 24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Syntaktische Fähigkeiten
2.2 Textbezogene Kompetenzen
2.3 Thematische Entfaltung
2.4 Der Leserbrief

3. Methode

4. Empirische Untersuchung
4.1 Syntaktische Fähigkeiten
4.2 Textbezogene Kompetenzen
4.3 Thematische Entfaltung
4.4 Allgemeine Merkmale des Leserbriefs

5. Schlussbetrachtung

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem 1996 erschienenen Aufsatz „Entwicklung der Schreibfähigkeit“ definiert Feilke die Entfaltung der Schreibkompetenz „als Abfolge von Problemlöseschritten und als Aufbau einer durch das Medium geprägten kommunikativen Problemlösefähigkeit“ (Feilke 1996, S. 1180).

Er ergänzt, dass die Entwicklung der Schreibkompetenz von verschiedenen Faktoren abhängt. So spielt insbesondere das Schreibalter, das die Dauer der praktischen Schreiberfahrung meint, das Weltwissen und das Wissen über Textsorten, eine großen Rolle. Insgesamt ist die Herausbildung der Schreibkompetenzen allerdings eine rein individuelle Entwicklung, die auch davon abhängt, mit welchen Problemstellungen der Schreiber konfrontiert wird (Feilke 1996, S. 1180-1181).

Die hier vorliegende sprachwissenschaftliche Seminararbeit trägt den Titel „Analyse von Leserbriefen im Hinblick auf die Schreibentwicklung“ und ist thematisch in das Teilgebiet der Textlinguistik und den Bereich der Textgrammatik einzuordnen.

Die Arbeit analysiert verschiedene Leserbriefe aus einem ausgewählten Korpus, welcher Leserzuschriften aus verschiedenen Publikums- und Fachzeitschriften enthält, die besonders hinsichtlich des Alters der Schreiber variieren. Das Ziel der Analyse ist es, am Beispiel der Textsorte des Leserbriefs aufzuzeigen, wie sich die Schreib- und Textkompetenz mit zunehmenden Schreibalter verändert. Außerdem sollen allgemeine Rückschlüsse für die Textsorte des Leserbriefs gezogen werden.

Im ersten Schritt werden die theoretischen Grundlagen erläutert, die als Kategorien für die Analyse benötigt werden. Anschließend soll zur Einführung der Textsorte des Leserbriefs, dessen historische Entwicklung und allgemeine Merkmale skizziert werden. An die theoretische Darstellung schließt ein methodischer Teil an, der die Vorgehensweise und die Dimensionen der Analyse erläutert. Auf diesen folgt schließlich die empirische Untersuchung der Schreibkompetenz, dessen wesentliche Ergebnisse in der Schlussbetrachtung zusammengefasst werden.

Insgesamt soll diese Arbeit einen Überblick über die prozessuale Herausbildung der Schreibfähigkeiten geben und generelle Merkmale für die Textsorte des Leserbriefs ableiten.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Syntaktische Fähigkeiten

Feilke erklärt, dass mit der Verschriftlichung der Sprache, die in der gesprochenen Sprache vorhandenen, außersprachlichen Handlungen, in der Schriftsprache erst formuliert werden müssen und führt aus, dass dazu notwendigerweise sprachlich synsemantische und syntaktische Strukturen genutzt werden müssen, da mit diesen ein sprachlicher Kontext hergestellt werden kann. Die Schriftsprache und der Spracherwerb stehen in Beziehung zueinander. Der Schreiber entwickelt seine Fähigkeiten mit einer erhöhten Schreibkompetenz von „einer eher handlungslogisch bestimmten zu einer darstellungslogisch bestimmten Syntax, wobei die Darstellungslogik abhängig von der Textsorte ist“ (Feilke 1996, S. 1182). Dabei ist das Erreichen einer höheren Schreibkompetenz, in Bezug auf die Syntax, kein unabhängiger Vorgang, sondern eine Entwicklung, welche auch durch die qualitative Verbesserung der textuellen Kompetenz bedingt ist.

Feilke präsentiert drei Tendenzen, denen Schreibern mit steigendem Alter und der qualitativen Steigerung ihres schriftlichen Ausdrucks, unterliegen. Zum einen tendiert der Schreiber dazu die Informationsfülle im Satz zu steigern und verfasst folglich komplexere Sätze. In der zweiten Tendenz wird beschrieben, dass eine „funktionale Differenzierung der syntaktischen Mittel“ zu verzeichnen ist und das Level der Integration von Sätzen „von der Satz-Koordination über die Subordination zur Integration auf der Phrasenebene“ steigt (Feilke 1996, S.1182). Abschließend nennt Feilke den Prozess von syntaktischen zu pragmatischen Kompetenzen. „Eine Entwicklung von der syntaktischen Konnexion und Kohäsion zur semantischen und pragmatischen Kohärenz ist nachweisbar“ (Feilke 1996, S. 1182).

2.2 Textbezogene Kompetenzen

Weiterhin werden als Kategorien zur Analyse die textbezogenen Kompetenzen herangezogen. Darunter fallen nach Feilke die Textordnungsmuster und die Kohärenzprinzipien. Das Modell der Textordnungsmuster ist in vier Stufen untergliedert und erfasst den Fokus von der starken Selbstfokussierung, zu einer Objektivierung im Alterungsprozess. Während in der ersten Stufen stark aus dem Blickpunkt der persönlichen Erfahrung und aus der Ich-Perspektive geschrieben wird, bleibt in der zweiten Stufe die Ich-Perspektive erhalten, aber der Schreiber fokussiert nicht mehr nur sich selbst, sondern geht darüber hinaus und berichtet von der „objektiven Welt.“ In Stufe drei verlagert sich der Fokus auf die Sprache und auf das Medium. Die letzte Stufe steht für die höchste Schreibkompetenz und entsteht durch die Schaffung einer sozialen Kompetenz, die durch die partielle Einnahme der Perspektive des Lesers entsteht (vgl. Feilke 1996, S.1186).

Feilke leitet aus den oben beschriebenen Stufen vier weitere Stufen ab, welche die Kohärenzprinzipen beschreiben. Nachdem die Phase von scheinbar reiner Assoziation und Strukturlosigkeit überwunden wurde, setzt in Stufe 1 bei jungen Schreibern das Prinzip szenischer Kontinuität ein, welche durch eine chronologische Aneinanderreihung von Ereignissen definiert ist. Die Schreiber entwickeln in Stufe 2 das Prinzip sachlogischer Ordnung, das heißt sie orientieren sich an thematischen Frames, die ihre Texte strukturieren. In Stufe 3, der Stufe der formalen Ordnung, rückt der Schreiber wieder von der sachlogischen Ordnung ab und stützt sich stattdessen auf routinierte formale Textkriterien. Die letzte Stufe ist die der dialogischen Kohärenz, in welcher der fortgeschrittene Schreiber fähig ist, durch Bezugnahme auf den Adressaten, die soziale Kohärenz zu sichern und weiterhin zwischen den vier verschiedenen Prinzipien zu variieren (vgl. Feilke 1996, S. 1186-1188).

2.3 Thematische Entfaltung

Die thematische Entfaltung meint „die gedankliche Ausführung des Themas,“ die abhängig vom kommunikativen und situativen Kontext ist (Brinker 1997, S. 60). Die vier grundlegenden Typen der thematischen Entfaltung, welche für den Zusammenhang und die Organisation eines Textes verantwortlich sind, sind die der deskriptiven, narrativen, explikativen und der argumentativen Entfaltung (Brinker 1997, S. 63- 80).

Die deskriptive Themenentfaltung konstituiert sich durch die Beschreibung unterschiedlicher Kommunikationsgegenstände in raum- zeitlicher Ordnung und ist besonders signifikant für informative Texte und Gebrauchsanleitungen. Klaus Brinker unterscheidet, abhängig vom Kommunikationsgegenstand, drei verschiedene Formen dieser Entfaltung. Die erste Form ist „ein einmaliger Vorgang, ein historisches Ereignis,“ bei welcher eine zeitliche Chronologie, der Gebrauch von Perfekt oder Präteritum und „Temporal- oder Lokalbestimmungen“ (Brinker 1997, S.63) charakteristisch sind. Die zweite Form zeichnet sich durch die Beschreibung eines Vorgangs mit Anspruch auf Wiederholung aus und ist zusätzlich durch Kürze, Infinitivkonstruktionen und Verben, die eine Aktivität ausdrücken, gekennzeichnet. Eine letzte Form ist die der Deskription eines Objekts oder Lebewesens in Bezug auf wesentliche Charakteristika, die entweder von dem Speziellen zum Allgemeinen oder vom Allgemeinen zum Speziellen erfolgt (Brinker 1997, S.65-67).

Die thematische Entfaltung der Narration ist gegeben, wenn von einem einmaligen und eher ungewöhnlichen Ereignis aus dem Alltag berichtet wird, welches in irgendeiner Hinsicht im Zusammenhang mit dem Erzähler steht. Als Bestandteile der Narration nennt Brinker die „Komplikation“, „die Resolution“, die „Evaluation“, die „Orientierung“ und unter Umständen die „Moral“ (Brinker 1997, S. 68).

Die explikative Themenentfaltung, welche vorwiegend in wissenschaftlichen Texten zu finden ist, liegt vor, wenn eine Erklärung geleistet wird, die deutlich aus den zwei Teilen, Explanandum, dem zu Erklärenden und dem Explanans, das was das Explanandum erläutert, besteht. Das Explanans besteht aus singulären und Gesetzesaussagen.

Die letzte Form ist die Argumentation, die häufig in appellativen Texten, aber auch in normativen und informativen Texten zu finden ist und in welcher es darum geht, eine Behauptung auf der Basis von Argumenten zu legitimieren. Die argumentative Themenentfaltung besteht nach Toulmin im Wesentlichen aus „These, Argumenten, Schlussregel und Stützung“ (Brinker 1997, S. 79).

2.4 Der Leserbrief

Katrin Wetzel definiert den heutigen Leserbrief als „Schreiben eines massenmedialen Rezipienten an eine Tageszeitung mit dem Ziel der Veröffentlichung in einer besonderen Rubrik“ (1998, S. 22). Dabei hat sich nicht nur der Begriff Leserbrief erst nach dem 2. Weltkrieg etabliert, auch das uns heute bekannte Wesen und die Funktion von Leserbriefen unterliegt seit den ersten Zusendungen einem Wandel.

Der Ursprung der historischen Entwicklung von Leserzuschriften in Deutschland befindet sich am Ende des 17. Jahrhunderts, beziehungsweise zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als diese in den moralischen Wochenblättern und auch in Tageszeitungen zu finden waren. (Vgl. Loreck 1982, S. 12-14). Im 19. Jahrhundert konstituieren sich spezielle Rubriken, wie „Eingesandt“, „Briefkasten“, „Sprechsaal“ und „Stimmen aus dem Publikum“ (Vgl. Loreck 1982, S. 15). Loreck beschreibt die Zeit nach dem 2. Weltkrieg als entscheidenden Wendepunkt, da sich in dieser Zeit die Textsorte des Leserbriefs als feste Einrichtung, in nahezu allen Zeitungen, durchsetzt. Die Anzahl der beliebten Leserbriefe steigt stetig.

Während die zunächst nur sporadisch erschienenen Leserzuschriften für persönliche Fragen und Bitten genutzt werden, werden diese nach dem 2. Weltkrieg durch die Funktionen von Meinungsäußerungen und Kritik langsam ersetzt (Loreck 1982, S. 15- 19). Die Zuschriften beziehen sich häufiger auf Veröffentlichungen der Redaktion und davon unabhängige Zuschriften verschwinden langsam (Loreck 1982, S.44). Weiterhin hatte sich erst 1960 die Veröffentlichung von Zuschriften unter Vor- und Zunamen etabliert, die vorher anonym stattfand. Die Publikation des Namens schaffte eine weitere Motivation für den Schreiber, aber auch für die Zeitschrift, insofern es sich um bekannte Schreiber handelte (Loreck 1982, S. 60).

Heute sind Leserbriefe eine feste Komponente in so gut wie jeder deutschen Zeitschrift und fungieren, üblicherweise in einer gesonderten, fest etablierten Rubrik, als Möglichkeit zur Meinungsäußerung. Für die Redaktion eignen sich die Briefe als Feedback. Leserbriefe sind monologisch, nehmen im Bereich der Massenkommunikation aber eine besondere Position ein, da diese den schriftlichen und indirekten Dialog zwischen dem Leser einer Zeitschrift und dessen Redaktion fördern. Dennoch wird diese Art öffentlicher Kommunikation von Seiten der Redaktion durch Selektion und Überarbeitung der Briefe, beispielsweise durch Kürzung oder Formulierungshilfen, eingeschränkt und modifiziert. Wetzel charakterisiert die Kommunikationssituation in Anlehnung an Vogt. Sie definiert ein oder mehrere Leser als den Absender, den Empfänger als den oder die Redakteure der Zeitung und den Rezipienten wiederum als die Leser (Vgl. Wetzel 1998, S. 22-23). Das Wesen des Leserbriefs ist auf der einen Seite durch eine relative Kürze gekennzeichnet, um dem Leser eine größere Auswahl zu bieten und außerdem durch den Bezug auf redaktionelle Texte, welche unter anderem kommentiert, bestätigt, ergänzt oder kritisiert werden. Anonyme Erscheinungen gehören zur Ausnahme, da in der Regel der volle Name und auch der Wohnort fester Bestandteil eines veröffentlichten Leserbriefs sind (Wetzel, S. 23-25)

Insgesamt erfährt der Leserbrief ein großes Spektrum an Vielfalt und Heterogenität, da dieser von einer Menge unterschiedlicher Schreiber, mit unterschiedlichen Intentionen und großer Variation im Schreibstil, stammt.

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656353560
ISBN (Buch)
9783656354284
DOI
10.3239/9783656353560
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für deutsche Philologie
Erscheinungsdatum
2013 (Januar)
Note
2,0
Schlagworte
analyse leserbriefen hinblick schreibentwicklung
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Titel: Analyse von Leserbriefen im Hinblick auf die Schreibentwicklung