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Das Palenquero. Eine ibero-romanisch basierte Kreolsprache mit afrikanischen Einflüssen

Hausarbeit 2012 16 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung des Palenquero
2.1 Vom Pidgin zur Kreolsprache
2.2 Historischer Überblick
2.3 Sprachbewusstsein und Diglossie

3. Einflüsse auf das Palenquero und dessen sprachliche Merkmale
3.1 Phonetik
3.2 Lexik
3.3 Grammatik

4. Soziolinguistik, aktuelle Sprachsituation und Perspektiven

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Artikel im Palenquero (eigene Darstellung)

Karte 1: Lage des El Palenque de San Basilio

(nach Moñino & Schwegler 1998: VII)

Karte 2: Verbreitung der Bantu-Sprachfamilie

(nach Schwegler 1998: 225)

Karte 3: Verbreitung der Sprachen KiKongo und KiMbundu

(nach Schwegler 1998: 225)

Einleitung

Im Norden Kolumbiens, etwa 70 km südlich der karibischen Hafenstadt Cartagena, liegt inmitten einer bergigen Landschaft die kleine Gemeinde El Palenque de San Basilio. Die etwa 3 500 Einwohner des kleinen Ortes lebten lange Zeit relativ isoliert von ihrer Umgebung und sprechen eine eigene Sprache, die sie selbst ganz einfach “lengua“ nennen und die in der Wissenschaft unter dem Namen Palenquero bekannt ist.[1] Das Palenquero ist eine, bis heute erhaltene und im Alltag praktizierte, iberoromanisch basierte Kreolsprache mit afrikanischen Einflüssen. Weltweit sind mit dem Papiamentu der ABC-Inseln und dem Chabacano der Philippinen nur drei Kreolsprachen mit spanischer Basis bekannt. Im Vergleich zu den portugiesisch oder französisch basierten Kreolsprachen ist diese Zahl äußerst gering. Neben der spanischen Basis, vor allem in der Lexik, verfügt das Palenquero über afrikanische Einflüsse, die aus der Zeit der Kolonisierung und der damit verbundenen Einfuhr von Sklaven aus Afrika stammen.[2]

Das Palenquero hat mehrere Jahrhunderte überlebt, wird nur in dieser einen Gemeinde gesprochen und erregt erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts die internationale Aufmerksamkeit der Wissenschaftler. Diese sprachwissenschaftliche Arbeit soll die grundlegenden sprachlichen Aspekte des Palenquero herausarbeiten und beurteilen, inwieweit die aktuelle Situation des voranschreitenden Isolationsverlustes des Palenque de San Basilio Einfluss auf den Fortbestand dieser einzigartigen Kreol­sprache hat.

Dabei sollen zunächst die historischen Hintergründe der Entstehung des Palenquero näher beleuchtet werden. In diesem Zusammenhang erfolgt auch eine nähere Definition der Pidgin- und Kreolsprachen. Auch das Sprachbewusstsein ist in diesem Zusammenhang näher zu beleuchten, da es auf die Entstehung und vor allem den Fortbestand des Palenqueros einen bedeutenden Einfluss hat. Das dritte Kapitel stellt die sprachlichen Besonderheiten des Palenquero in Bezug auf Phonetik, Lexik und Grammatik und somit ebenfalls die unterschiedlichen Einflüsse der spanischen und der afrikanischen Sprachen dar. An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass aufgrund des mittlerweile großen Wissensstandes über das Palenquero im Rahmen dieser Ausarbeitung nicht alle sprachlichen Besonderheiten aufgezeigt werden können und nur prägnante Merkmale Erwähnung finden. Im vierten Kapitel erfolgt schließlich, nach einer Analyse der aktuellen Sprachsituation in El Palenque de San Basilio, der Versuch einer Aussage zu den Zukunftsperspektiven des Palenquero.

2. Entstehung des Palenquero

2.1 Vom Pidgin zur Kreolsprache

Bevor sich diese Arbeit explizit dem Palenquero widmet, findet zunächst eine theoretische Begriffsbestimmung der Kreolsprache statt. Dabei ist vor allem zu klären, wie es zur Entstehung einer Kreolsprache kommt und wie sie definiert wird. In Kontaktsituationen zwischen Menschen, die über keine gemeinsame Sprache verfügen, entstehen im Laufe der Zeit Kontaktsprachen. Fungieren diese Zweitsprachen neben der jeweiligen Muttersprache werden sie als Pidgin bezeichnet.[3] Solche Behelfssprachen zeichnen sich durch einen deutlich markierten Anfang, einen begrenzten Wortschatz, eine reduzierte grammatikalische Struktur und einen eingeschränkten Funktionsbereich aus. „Führen bestimmte günstige Umstände zu einer Funktionserweiterung eines Pidgins auf die notwendigen Register einer natürlichen Sprache, wird es von den Sprechern also auch als Muttersprache gesprochen, so definiert man es als Kreolsprache“(Dümmler 1994: 39). Die Entwicklung zum kreolischen Palen­quero stellt große Herausforderungen an ein vorheriges Pidgin, da es sprachlich umfassend erweitert werden muss, um einer Muttersprache gerecht zu werden.

Diese Situation lag auch im heutigen Kolumbien zur Zeit der Kolonisierung vor. Isoliert von ihrer natürlichen sozialen und sprachlichen Umgebung, benötigten eingeführte Sklaven schnellstens ein vereinfachtes Kommunikationsinstrument. Es entstand ein Pidgin in Form eines vereinfachten Sprachcodes, der sich bei den Bewohnern des Ortes Palenque weiterentwickelte und zur Muttersprache wurde, die heute noch existiert.[4] Im Verlauf des Kapitels wird erläutert, warum diese Kreolsprache nur an einem Ort existierte und wie sie sich bis heute halten konnte.

Die afrikanischen Sprachen der Sklaven, die später noch näher differenziert werden, wirkten dabei als Substrate auf das entstehende Palenquero. „Substrateinfluss zeigt sich häufig in phonologischen Merkmalen, die auf die fortlebende Sprache durchschlagen […]“ (Dümmler 1994: 36). Die spanische Sprache der Kolonisten bildet die Basis des Palen­quero und brachte als Superstrat die prägendsten Elemente in die fortlebende Sprache ein.[5] Die Bewohner des Palenque de Basilio waren nach aktuellem Stand nie vollkommen von ihrer Umgebung isoliert und die spanische Sprachumgebung hat das Palenquero weiterhin elementar beeinflusst. „Je stärker die Abhängigkeit einer Gesellschaft von einer anderen ist, desto tiefgreifender wird auch die Beeinflussung der Sprache sein“(Boretzky 1983: 277). Wie dieser Einfluss genau aussieht, wird in Kapitel 3 noch deutlicher.

2.2 Historischer Überblick

Anlass für die Einführung afrikanischer Sklaven nach Lateinamerika war ein akuter Arbeitskräftemangel, der auch mit der extrem raschen Abnahme der indigenen Bevölkerung aufgrund eingeschleppter Krankheiten, extremer Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und anderen, für die indigene Bevölkerung schädlichen, Faktoren zusammenhängt. Um dieses Problem zu lösen, wurden ab der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch afrikanische Sklaven als Arbeitskräfte nach Neu-Granada und somit in das heutige Kolumbien verschifft. Die spanischen Herrscher bestimmten einige Häfen der Kolonien, von denen aus die Verteilung der Sklaven zu erfolgen hatte.[6] Einer dieser Häfen war die Küstenstadt Cartagena, die etwa 70 km nördlich des Palenque de San Basilio liegt, das zu jener Zeit jedoch noch gar nicht existierte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 1: Lage des El Palenque de San Basilio

Cartagena wurde somit zeitweilig zum Verteiler der Sklaven für die Karibik und ganz Hispano-Amerika, so dass es als multikulturelles Zentrum der Sklaven galt.[7] Die Sklaven stammten dabei hauptsächlich aus Westafrika[8], wobei man schließlich Ende des 17. Jahrhunderts vor einer äußerst schwierigen Sprachsituation mit über 70 afrikanischen Sprachen stand.[9]

Die Sklaven mussten sich dennoch untereinander und vor allem mit den Spaniern verständigen, „waren […] ganz anders als die für sich lebenden Indianer recht schnell mit der spanischen Sprache vertraut geworden“(Dümmler 1994: 226) und entwickelten somit ein eigenes Pidgin. Dabei „[…] haben [scil. die Sklaven] ihre eigenen kulturellen Formen mitgebracht, in der neuen aufgezwungenen Umgebung weiterentwickelt und spanische Tradition mit integriert“(Dümmler 1994: 226). Natürlich fand ‘nicht unbedingt eine Assimilierung der Schwarzen‘ statt und es kam immer wieder zu Auflehnungen der Versklavten, die ‘zum existentiellen Problem der kolonialen Gesellschaft‘ wurden. Die widerständigen Sklaven nutzten jede sich ergebende Möglichkeit zur Fluch. Die entlaufenen Sklaven wurden umgangssprachlich cimarrones genannt und ließen sich in so genannten Palenques nieder. Palenque bedeutet übersetzt ‘Einzäunung‘ und bezeichnet die Fluchtburgen der cimarrones. Umgeben von einem gut befestigten Palisadenzaun lagen sie „in aller Regel versteckt in unwegsamem Gebiet, wie etwa im Urwald, in Bergen oder Sümpfen“(Dümmler 1994: 229).

Wann genau das Palenque de San Basilio entstanden ist und vor allem welcher Abstammung die einzelnen Sklaven genau waren, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Die Mehrheit der cimarrones stammte jedoch aus dem westlichen Bantu-Sprachengebiet[10], in dem vor allem die Sprachen KiKongo und KiMbundu gesprochen werden und heute dem jetzigen Kongo und Angola zuzuordnen sind.[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 2: Verbreitung der Bantu-
Sprachfamilie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte 3: Verbreitung der Sprachen
KiKongo und KiMbundu

Genauso wie viele andere Palenques auch, befand sich das Palenque de San Basilio zwar in einem ‘ständig angespannten Zustand kriegerischer Auseinandersetzungen‘, konnte sich aber stets erfolgreich gegen die Angriffe der Spanier wehren und führte sogar selbst Überfälle auf spanische Gemeinden aus. Im Laufe der Jahre wuchs damit die Anziehungskraft der vielen Palenques. Außerdem musste sich Neu-Granada mit der Bedrohung durch andere europäische Mächte auseinandersetzen. So wurde Cartagena 1697 zeitweilig von den Franzosen erobert und besetzt, bis es schließlich die Engländer wieder für die Spanier zurückgewannen. Diese Situation brachte die Kolonialverwaltung letztlich dazu, diplomatische Friedensverhandlungen mit den Palenques aufzunehmen.[12]

[...]


[1] vgl. Dieck (2000), S. 13

[2] vgl. Schwegler (1998), S. 221

[3] vgl. Boretzky (1983), S. 5

[4] vgl. Schwegler (1998), S. 220

[5] vgl. Dümmler (1994), S. 36

[6] vgl. Dümmler (1994) S. 212 ff

[7] vgl. Schwegler (1998), S. 224

[8] vgl. Karte in Castillo Mathieu (1982), S. 8

[9] vgl. Dümmler (1994), S. 224

[10] Bantu ist der Sammelbegriff für über 400 Ethnien in Süd- und Mittelafrika, die Bantusprachen
sprechen. Bantusprachen bilden eine Untergruppe der Niger-Kongo-Sprachen. Kikongo und
Kimbundu sind zwei der Bantusprachen.

[11] vgl. Schwegler (1998), S. 225 und Bartens (1995), S. 268

[12] vgl. Dümmler (1994), S. 231 ff

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656353782
ISBN (Buch)
9783656354055
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v207992
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Romanisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
palenquero kreolsprache einflüssen

Autor

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