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Islamismus - Ideologie oder sozial begründet

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Wichtige Definitionen
2.1 Islamischer Fundamentalismus
2.2 Islamismus
2.3 Islamischer Extremismus, Ğihādismus
2.4 Ab wann gilt eine islamistische Bewegung als erfolgreich?

3 Mögliche politische und soziale Ursachen des Islamismus
3.1 Die (Un-) Möglichkeit der politischen Partizipation von Islamisten
3.2 Soziale Probleme der islamischen Welt

4 Mögliche Ideologien des Islamismus

5 Große islamistische Gruppen
5.1 Die al-Qā‘ida
5.2 Die ägyptische Muslimbruderschaft
5.3 Die Taliban in Afghanistan

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Gesellschaftliche Phänomene und Bewegungen haben oft historische Ursachen. Manchmal sind diese Ursachen klar erkennbar, oftmals jedoch muss intensiver geforscht werden, wo genau die Ursache dafür zu finden ist.

Der Islamismus, der aufgrund der unterschiedlichen Kulturen und Völker sowie der verschiedenen Entwicklungen in den einzelnen muslimischen Ländern nicht zu verallgemeinern ist, sondern in seinen verschiedensten Ausprägungen berücksichtigt werden muss, kann als ein solches Phänomen angesehen werden. Nun gilt es jedoch zu untersuchen, ob der Islamismus sowie der oft daraus resultierende islamistische Terrorismus soziale Ursachen hat oder ideologisch begründet ist.

In der vorliegenden Arbeit widme ich mich genau dieser Fragestellung. Zunächst führe ich ein paar wichtige Definitionen an, dann gehe ich auf die Fragen, welche sozialen Ursachen und welche Ideologien Islamismus bedingen können, näher ein. Im anschließenden Teil meiner Arbeit untersuche ich einige größere islamistische Gruppen daraufhin, ob der Islamismus bei ihnen durch soziale Ursachen oder durch Ideologien begründet ist und unter welchen Umständen der Islamismus zum Extremismus führt. An dieser Stelle muss ich mich jedoch auf die Region des Nahen und Mittleren Ostens beschränken.

2 Wichtige Definitionen

2.1 Islamischer Fundamentalismus

Oft wird dem Islam vorgeworfen, er sei eine fundamentalistische Religion, da es weder eine Reformation noch eine Aufklärung im Laufe seiner Existenz gab. Doch der Islam ist nicht von Grund auf fundamentalistisch, er hat lediglich einige fundamentalistische Bewegungen.1 Nach Sibylle Wentker suchen Fundamentalisten allgemein nach dem „Sinn des Seins“ und haben „Angst vor einer sich rasch verändernden Welt“.2 Sie grenzen sich nach außen ab3 und sehnen sich zurück in eine selbst konstruierte, als ideal geltende Vergangenheit.4 Die Zeit nach dem Propheten Muḥammad gilt als die Zeit des Wahren Islam.

Der islamische Fundamentalismus versteht sich als Gegenbewegung zum modernen Prozess der Öffnung, des Denkens, des Handelns und der Lebensform; er soll Halt und Geborgenheit durch die Verdammung aller Alternativen zum eigenen Weltbild bieten, so Thomas Meyer.5 Islamische Fundamentalisten schaffen sich so ein aggressives Feindbild, das es durch Auslöschen des Feindes zu vernichten gilt.6

Allerdings lehnen islamische Fundamentalisten keineswegs die Moderne ab, schließlich sind Dinge wie moderne Kommunikationsmittel essentiell für die Verbreitung ihrer Lehren. Vielmehr lehnen sie einige Phänomene der Moderne, wie die Gleichberechtigung der Frau, ab und kritisieren den moralischen Verfall der modernen (westlichen) Gesellschaft.7 Marty und Appleby definieren den Fundamentalismus als eine Ideologie gesellschaftlicher Underdogs.8 Diese Definition wird jedoch von einigen Seiten kritisiert. So sagt Martin Riesebrodt beispielsweise, dass der Fundamentalismus „schichtunspezifisch und von Bildung und materieller Versorgung unabhängig“ ist.9

2.2 Islamismus

Der‎Begriff‎„Islamismus“‎leitet sich ab von dem arabischen Wort „Islamiyun“ (Islamist), der Selbstbezeichnung der Anhänger des politischen Islam.10

Der Verfassungsschutz definiert den Islamismus kurz und bündig: Er ist eine politische Ideologie der Neuzeit.11 Wentker schreibt treffend, man verstehe unter Islamismus die „politische‎ Richtung‎ des‎ islamischen‎ Fundamentalismus,‎ in‎ dem‎ es‎ um‎ die‎ Errichtung‎ […]‎ eines‎ islamischen‎ Staates‎ geht“.12 Ergänzend schreibt Kai Hirschmann, der Islamismus bediene sich einer religiösen Sprache und erhebt den Anspruch, „die einzig wahre Auslegung des Glaubens darzustellen“.13

Islamisten setzen die Denkweise des islamischen Fundamentalismus in die Praxis um. Sie mobilisieren eine innerislamische Oppositionsbewegung, die sich gegen den moralischen Verfall der westlichen Gesellschaften richtet. Sie bekämpfen beispielsweise „Drogenmissbrauch,‎ Gewalt‎ in‎ der‎ Ehe,‎ Pornographie, sexuelle Ausschweifungen und ‚Perversionen‘,‎etwa‎ Homosexualität“,‎ wie ‎Stephan‎ Rosiny‎in‎seinem‎ Aufsatz‎ „Der Islam ist die Lösung“ - Zum Verhältnis von Ideologie und Religion im Islamismus schreibt.14 Islamisten kritisieren zudem, der praktizierte Islam habe sich zu weit von seinem Ursprung und der im Koran geforderten Lebensweise entfernt. Das gilt es nun rückgängig zu machen und zum Ursprungsislam zurückzukehren.15

Entgegen der allgemeinen Meinung sind Islamisten oftmals nicht gewalttätig. In Algerien beispielsweise zeigte sich, dass legale islamistische Parteien (MSP und Islah) zwar andere Vorstellungen als nicht-islamistische Parteien haben, aber durchaus zu Kompromissen und Kooperation mit anderen Parteien bereit sind.16 In einigen Bereichen der Politik erschweren islamistische Parteien die Zusammenarbeit und den Fortschritt jedoch, wie zum Beispiel im Bildungsbereich, da sie befürchten, westliche Werte in ihre Ausbildungen zu importieren.17

2.3 Islamischer Extremismus, Ğihādismus

Der islamische Extremismus, auch unter den Begriffen radikaler Islamismus, Terrorismus oder Ğihādismus bekannt, ist die Weiterführung des bloßen Islamismus. Dem radikalen Islamismus hingen 2006 etwa fünf bis sieben Prozent der muslimischen Bevölkerung an. Aus dieser Gruppe hingen lediglich zehn bis fünfzehn Prozent dem Ğihādismus an, sodass der Anteil der Ğihādisten maximal ein Prozent der gesamten muslimischen Bevölkerung ausmachte.18

Peter Waldmann‎ definiert‎ Terrorismus‎ folgendermaßen:‎ „Terrorismus‎ sind‎ planmäßig‎ vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund.‎ Sie‎ sollen‎ allgemeine‎ Unsicherheit‎ und‎ Schrecken‎ […]‎ erzeugen“19 und‎ „für‎ allgemeine‎Aufmerksamkeit‎sorgen“.20

In seinem Werk Terrorismus: Motive, Täter, Strategien schreibt Franz Wördemann, dass Terrorismus‎ „als‎ eine‎ Methode‎ zur‎ Erreichung‎ eines‎ bestimmten‎ Zieles‎ unter‎ bestimmten‎ Voraussetzungen‎ verstanden‎ wird“.21 Das Ziel ist bei den meisten radikalen islamistischen Gruppierungen gleich: Sie wollen einen islamischen Gottesstaat mit der Šarī’a als Rechtsgrundlage errichten22 und die westlichen Einflüsse aus ihren Ländern entfernen. Terrorismus ist somit eine Kommunikationsstrategie.23

Ğihād, eine Grundpflicht der Muslime, bedeutet einerseits den religiös geforderten Kampf (Verteidigung der Religion und der Gläubigen, wenn diese aktiv bedroht werden) und andererseits die religiöse individuelle Anstrengung, ein möglichst guter Muslim zu sein.24 Die Teilnahme am ğihād gilt im Koran als besonders verdienstvoll, aus den aḥādīṯ geht hervor, dass die, die im ğihād fallen sowie ihre Angehörigen eine Sonderstellung im Jenseits erhalten.25

Ğihādisten gelten als die jüngste Entwicklungsstufe des islamischen Extremismus.26 Sie kämpfen gegen den feindlichen Westen, vor allem gegen die USA, „mit einem Maximum an Symbolik und Öffentlichkeitswirksamkeit“.27 Die Symbolik ist zum Beispiel daran erkennbar, dass ein Terrorist Menschen (mit) in den Tod reißt, die er nicht kennt und bei denen es ihm egal ist, ob er sie kennt oder nicht. Ein Mörder hingegen hat in der Regel eine konkrete Absicht, genau diesen Menschen zu töten.28

Die Radikalisierung von Muslimen erfolgt in der Regel in drei Schritten: Zunächst muss Unzufriedenheit über eine bestimmte Situation vorhanden sein, dann muss es eine Ideologie geben und schließlich benötigt es einen Auslöser. Das wurde mir in einem Gespräch mit zwei Vertretern der Abteilung Islamismus und islamistischer Terrorismus des Verfassungsschutzes Kiel erklärt.

2.4 Ab wann gilt eine islamistische Bewegung als erfolgreich?

Die Einschätzung, ob und wann eine islamistische Bewegung als erfolgreich gelten kann, unterliegt stets der Subjektivität. Doch es gibt einige Merkmale, anhand derer der Erfolg einer islamistischen Bewegung quasi messbar ist. Franz Wördemann schreibt in seinem Werk Terrorismus: Motive, Täter, Strategien, dass insbesondere der öffentliche Bekanntheitsgrad und die erkennbare Kraftentwicklung Kriterien zur Einschätzung, wie erfolgreich eine solche Bewegung ist, sein können. Möglich wäre zudem eine Merkmalscharakterisierung der jeweiligen Gruppe, die Unterschiede in Motivation und Zielsetzung gelte es, herauszufinden. Die zahlenmäßige Stärke sowie die Aktionsdichte könnten hingegen vernachlässigt werden.29

[...]


1 Wentker 2008, S. 33.

2 Ebenda.

3 Wentker 2008, S. 35.

4 Ebenda.

5 Wentker 2008, S. 34.

6 Wentker 2008, S. 34f.

7 Wentker 2008, S. 34; 36.

8 Wentker 2008, S. 37.

9 Ebenda.

10 Rosiny 2008, S. 63.

11 Senatsverwaltung, Verfassungsschutz, 2006, S. 6.

12 Wentker 2008, S. 37.

13 Hirschmann 2006, S. 14.

14 Rosiny 2008, S. 70.

15 Hirschmann 2006, S. 15.

16 Werenfels 2008, S. 120.

17 Werenfels 2008, S. 121.

18 Hirschmann 2006, S. 14.

19 Waldmann 2001, S. 10.

20 Waldmann 2001, S. 12.

21 Wördemann 1979, S. 29.

22 Dostal 2008, S. 181.

23 Waldmann 2001, S. 13.

24 Dostal 2008, S. 181.

25 Riexinger 2004, S. 41.

26 Wentker 2008, S. 43.

27 Ebenda.

28 Wördemann 1979, S. 68.

29 Wördemann 1979, S. 28f.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656353706
ISBN (Buch)
9783656354246
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208063
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Orientalistik
Note
3,0
Schlagworte
Islamwissenschaft Islamismus Ideologie

Autor

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Titel: Islamismus - Ideologie oder sozial begründet