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Eine kurze Untersuchung von Michael Tomasellos "Die kulturelle Entwicklung des meschlichen Denken"

Essay 2012 8 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Der Anthropologe und Kognitionsforscher Michael Tomasello setzt sich in seinem Werk „Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens“ mit der Entstehung der einzigartigen kognitiven Fähigkeiten des Menschen auseinander und erklärt diese Evolution, indem er kulturelle Vermittlung als biologischen Mechanismus begreift, der einzigartig schnell zu erstaunlichen Erfolgen führte. Die daraus resultierende, beispiellos komplexe Kultur des Homosapiens, grenzt er zu Fähigkeiten anderer Primaten, mit Hilfe zahlreicher Versuche und Beobachtungen, klar ab.

Sechs Millionen Jahre trennen uns Menschen von anderen Menschenaffen und erste Anzeichen für die unverwechselbaren kognitiven Fähigkeiten des Homosapiens liegen erst 250.000 Jahre zurück. Evolutionär betrachtet sind dies sehr kurze Zeitspannen. Tomasello wirft die Frage auf, wie in diesem Augenzwinkern der Evolution eine so dramatische Weiterentwicklung, wie die des modernen Menschen, zu erklären ist.

Eine Antwort darauf findet er durch soziale oder kulturelle Weitergabe, die auf einer wesentlich schnelleren Zeitskala operiert, als die organische Evolution. Diese Weitergabe bezeichnet das Erlernen von Fähigkeiten und Fertigkeiten der Nachkommen durch die Elterngeneration. Der Mensch hat laut Tomasello eine einzigartige Form kultureller Weitergabe entwickelt, die sogenannte kumulative kulturelle Evolution. Das bedeutet, dass „ein Individuum oder eine Gruppe zunächst eine primitive Version des jeweiligen Artefakts oder der betreffenden Praxis erfand und spätere Benutzer eine Veränderung oder Verbesserung einführten.“(Tomasello 2006: S.16)

Dieser Prozess wird als Wagenhebereffekt (ratchet effect) bezeichnet. Dieses Bild ist insofern passend, da kumulative kulturelle Evolution eine zuverlässige soziale Weitergabe voraussetzt, das Zurückfallen, wie ein Wagenheber, verhindert. Tomasello belegt die Einzigartigkeit der menschlichen Weitergabe durch Beobachtungen bei Primaten, die zwar „intelligente Verhaltensveränderungen hervor [bringen], aber die anderen Gruppenmitglieder durchlaufen dann nicht diejenigen Arten sozialer Lernprozesse, die über die Zeit hinweg den kulturellen Wagenhebereffeckt realisieren würden.“(S.16)

Diese besondere Art des Menschen, Dinge zu erlernen, führt Tomasello auf die „die Fähigkeit einzelner Organismen [zurück], ihre Artgenossen als ihnen ähnliche Wesen zu verstehen, die ein intentionales und geistiges Leben haben wie sie selbst.“(S.17) Das bedeutet, dass ein Individuum erkennt, dass das Handeln seines Gegenübers einem bestimmten Zweck dient und versucht es aus seiner Perspektive zu sehen. Das ermöglicht ihm diese Handlung, durch bestimmte Prozesse, zu erlernen und eventuell zu verbessern, um ein ähnliches Problem zu lösen, wofür die ursprüngliche Handlungsweise nicht perfekt angepasst war.

Dies geschieht unter anderem durch den Prozesse der Soziogenese, also wenn Gruppen von Individuen gemeinsam Artefakte und Praktiken entwickeln und zum anderen Prozesse des kulturellen Lernens, beziehungsweise der Internalisierung, also Erkenntnisse anderer Artgenossen zu verinnerlichen und zu nutzen.

Als besonders wichtig sieht Tomasello hier die Sprache, die es ermöglicht an komplexen Diskursinteraktionen teilzunehmen, bei denen die Perspektiven der Kommunikationspartner aufeinandertreffen, wobei die Individuen sich in ihr Gegenüber versetzen und ihre eigenen Symbole reflektieren.

Es ist also nicht die biologische Anpassung, die die charakteristischen kognitiven Leistungen des Menschen zu verantworten hat, sondern kulturelle Evolution.

Da die kulturellen Errungenschaften des Menschen unerreicht sind, stellt sich nun die Frage, wie sich die Kognition von Säugetieren und Primaten unterscheidet, beziehungsweise wie sich die Kognition von Primaten und Menschen unterscheidet.

Tomasello spricht Primaten, auf Grund von Versuchsreihen, ein Verständnis von relationalen Kategorien zu, welches Säugetieren fehlt. Das bedeutet, dass Affen ein „Verständnis von sozialen Beziehungen Dritter, also von Beziehungen, die zwischen anderen Individuen bestehen"(S.29), besitzen. Sie verstehen sogar ganze Kategorien sozialer Beziehungen Dritter, wie zum Beispiel Mutter-Kind Beziehungen. Tomasello sieht dieses Verständnis als eine Art Vorläufer der Fähigkeit des Menschen intentionale Beziehungen zu verstehen.

Der Unterschied zum Homosapiens hingegen ist, dass Primaten zwar „ intentionale und kausale Wesen [sind], aber sie die Welt nicht in intentionalen und kausalen Begriffen [verstehen]. “(S.32) Tomasello schreibt hier von einem Versuch, bei dem ein Schimpanse nicht zwischen Videos von Menschen unterscheiden konnte, die sich intentional und ein andermal nicht intentional verhielten. Er kritisiert ähnliche Versuchsreihen bei denen Schimpansen das Bild eines Schlüssels auswählen sollten, wenn ein Mensch versuchte eine verschlossene Tür zu öffnen, sie wählten aber ebenfalls das Bild des Schlüssels, auch wenn nur ein Schloss gezeigt wurde. Dies legt die viel einfachere Assoziation mit dem Schloss nahe, als mit der Intention des Menschen die Tür zu öffnen. Tomasellos These ist hier, dass Primaten nicht verstehen, dass ihre Artgenossen intentionale und geistige Zustände haben, die beeinflussbar sind.

Ebenso spricht Tomasello Affen ein tieferes Verständnis von Kausalität ab. Er führt ein Beispiel an, bei dem Affen Futter aus einer Röhre vorbei an einer Ausbuchtung drücken sollten. Sie lernten aber nur durch Versuch und Irrtum die Ausbuchtung zu meiden. Nachdem das Hindernis nach oben gedreht wurde, drückten sie es immer noch von der Ausbuchtung weg. Dadurch zeigte sich ein mangelndes Verständnis der Physik der Aufgabe. Zusammenfassend unterscheidet den Affen vom Menschen also insbesondere die Fähigkeit des Erfassens von Ursachen und Intention.

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Details

Seiten
8
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656356592
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208109
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
eine untersuchung michael tomasellos entwicklung denken

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Titel: Eine kurze Untersuchung von Michael Tomasellos "Die kulturelle Entwicklung des meschlichen Denken"