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Unterrichtseinheit zum Thema Wortschatzarbeit in der Sekundarstufe I

von Nicola Hengels (Autor) Marta Kulaszewska (Autor)

Hausarbeit 2009 43 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

INHALT

1 Einleitung

2 Sachanalyse

3 Unterrichtsvoraussetzungen

4 Didaktische Analyse

5 Unterrichtseinheit
5.1 Erste Unterrichtsstunde
5.2 Zweite Unterrichtsstunde
5.3 Dritte Unterrichtsstunde
5.4 Vierte Unterrichtsstunde
5.5 Fünfte Unterrichtsstunde

6 Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

VERFASSERNACHWEIS

1 Einleitung

Synonymie

Wie die Leute aus dem Leben scheiden

Der Gelehrte - gibt den Geist auf

Der Färber - ist verblichen

Der Maurer - kratzt ab

Der Romanschriftsteller - endet

Der Matrose - läuft den letzten Hafen[an]

Der Pfarrer - segnet das Zeitliche

Der Schauspieler - tritt von der Bühne ab

Der Vegetarier - beißt ins Gras

Der Musiker - geht flöten

Der Schaffner - liegt in den letzten Zügen

Der Straßenfeger - kehrt nie wieder. [1]

Seit Jahren liefern internationale Vergleichsstudien, wie zum Beispiel PISA, untrügliche Belege dafür, dass deutsche Schüler [2] nur eine geringe Lesekompetenz aufweisen, was dazu führt, dass sie teilweise erhebliche Schwierigkeiten dabei haben, Texte zu verstehen. Eine Ursache dieser Problematik liegt darin begründet, dass die Schüler nur über einen geringen und nicht ausdifferenzierten Wortschatz verfügen. Dies wirkt sich jedoch nicht nur auf das Leseverständnis, sondern auch auf die Produktion eigener Texte sowie die Verständigung mit Mitmenschen aus. Aufgabe der Schule muss es demnach sein, diesen Zustand zu ändern und die im Deutschunterricht lange Zeit viel zu sehr vernachlässigte Wortschatzarbeit wieder stärker in den Fokus zu rücken.[3]

Neue Wörter zu lernen gehört im Fremdsprachenunterricht schon immer zur täglichen Aufgabe von Schülern. Dies sollte auch in den muttersprachlichen Unterricht wieder integriert werden, denn sprachliches Lernen in jedweder Sprache ist primär ein Lernen von Wörtern und Wendungen und auch in der Muttersprache müssen davon stetig noch neue hinzugelernt werden. Dieser Erwerb geschieht grundsätzlich aus dem Gebrauch heraus, wobei zunächst die Gebrauchsbedeutung erworben wird, die Wörter und Wendungen also kontextuell passend verwendet werden können. Erst durch die Reflexion dieses Gebrauchs kann auch die lexikalisch-begriffliche Bedeutung hinzugelernt werden. Lehrpersonen müssen den Schülern Verfahren vermitteln, die ihnen ermöglichen, Wörter möglichst effektiv behalten zu können. Die Arbeit am Wortschatz darf dabei nicht von den übrigen Lernbereichen isoliert werden, da sie immer auch an andere Fertigkeiten, wie zum Beispiel Lesen, gebunden ist und zudem Wörter und Wendungen immer in Handlungs- oder Textzusammenhängen stehen, aus welchen sie rezeptiv wie produktiv erworben werden.[4] Nach Dannenbauer 2002 und Feilke 2009 benötigen Schüler für die gezielte Förderung ihrer lexikalischen und sprachlichen Kompetenzen Spracherfahrungen, die ihnen erheblich mehr bieten, als im normalen Spracherwerb beiläufig enthalten ist. Hierfür stellt der Deutschunterricht eine ideale Lernumgebung dar und sollte deswegen auch dafür genutzt werden.[5]

Im Rahmen des Seminars ‘Sprachdidaktische Vertiefung‘ von Swantje Weinhold an der Leuphana Universität Lüneburg war es Aufgabe der Studierenden zu exemplarischen Lernbereichen des Deutschunterrichts Unterrichtsideen zu entwickeln und diese im Plenum vorzustellen. Eine mögliche Form des Leistungsnachweises bestand darin, die vorgestellte Idee zu einem schriftlichen Unterrichtsentwurf auszubauen. Dies haben wir in der vorliegenden Hausarbeit zum Thema ‘Wortschatzarbeit in der Sekundarstufe I‘ durchgeführt. Da wir eine komplette Unterrichtseinheit zu dieser Thematik entwickelt haben, verzichten wir auf die Darstellung eines, selbstverständlich im Normalfall für jede einzelne Stunde zu erstellenden, ausführlichen Verlaufsplanes, um so den vorgegebenen Umfang dieser Hausarbeit nicht zu überschreiten.

Im Folgenden werden nun zunächst die Sachanalyse, die didaktische Analyse und das Lernziel für die komplette Unterrichtseinheit vorgestellt. Im Anschluss daran werden die einzelnen Stunden der Einheit ausdifferenziert und dort auch die jeweiligen didaktischen und methodischen Entscheidungen begründet sowie die damit verfolgten Teilziele genannt.

2 Sachanalyse

Das deutsche Wörterbuch von Knaur definiert den Wortschatz als die Gesamtheit der Wörter einer Sprache oder die Gesamtheit der Wörter, über die ein Einzelner verfügt.[6] Der Wortschatz der deutschen Alltagssprache wird hierbei auf etwa 500.000, der zentrale Wortschatz auf circa 70.000 Wörter geschätzt.[7] Den Wortschatz eines Menschen bezeichnet man als sein inneres, mentales Lexikon, also sozusagen als sein „Wörterbuch im Kopf“. Es handelt sich hierbei um denjenigen Teil des Langzeitgedächtnisses, in welchem die Lexeme der jeweiligen Sprache repräsentiert sind.[8] Lexeme sind die Grundeinheiten des Wortschatzes einer Sprache. Sie werden bei der Bildung von Äußerungen verwendet und mit Hilfe grammatischer Regeln zu Sätzen sowie Texten verknüpft. Man versteht hierunter sprachliche Zeichen, die es Menschen erlauben Vorstellungen zu entwickeln. Lexeme bestehen aus einem materiellen (Lautkörper bzw. Schriftbild) und einem immateriellen Teil (Bedeutung). Unter der Bedeutung eines Sprachzeichens versteht man seine inhaltliche Seite, welche beim Zeichenbenutzer (Sprecher oder Schreiber) und dem Hörer bzw. Leser einen Bewusstseinsinhalt aktiviert, welcher im Gedächtnis gespeichert ist. Man darf diese Bedeutung eines Lexems nicht mit der vom Sprecher oder Schreiber gemeinten außersprachlichen Erscheinung (Gegenstand, Vorgang oder Sachverhalt) gleichsetzen, da auf diese nur mit Hilfe des Zeichens Bezug genommen wird. Man nennt solche Bewusstseinsinhalte auch Konzepte und für sehr viele von ihnen existieren Lexeme. Es gibt allerdings nicht für jedes von ihnen ein Lexem (Beispiel: gestillter Durst, wenn man von ‘sitt‘ absieht).[9] Lexembedeutungen sind nicht grundsätzlich für alle Mitglieder einer Sprachgemeinschaft identisch, so kann es durchaus Uneinigkeit darüber geben, ob zum Beispiel ein Sessel immer gepolstert sein muss und Armlehnen braucht oder wann ein Trinkgefäß als Tasse oder Becher zu bezeichnen ist. Die Unterschiede der individuellen Konzepte sind jedoch im Allgemeinen nicht so groß, dass dadurch die Verständigung verhindert werden würde.[10]

Das innere Lexikon darf man nicht als eine unstrukturierte Ansammlung der einzelnen Lexeme verstehen, da seine Elemente vielmehr ein wohlgeordnetes Ganzes bilden, welches vielfältige Beziehungen untereinander aufweist.[11] Die einzelnen Wörter des Gesamtwortschatzes sind nämlich im mentalen Lexikon in einem mehrdimensionalen Netz verknüpft, in welchem sie die Knoten bilden. Die Wortnetze können hierbei von unterschiedlicher Qualität sein und können in folgender Gestalt auftreten:

- als Sachfeld, in welchem der Wortschatz unter den Aspekten Sprach- und Weltwissen vernetzt ist (Bsp.: Schule, Klassenzimmer, Tafel, Kreide, Bank)
- als Ablaufschema, in dem ganze Handlungsabläufe gespeichert sind (Bsp.: Brief schreiben, falten, in Briefumschlag stecken, adressieren, frankieren, zur Post bringen)
- als Kollokationsfeld, welches Wörter miteinander in Beziehung setzt, die gewohnheitsmäßig häufig zusammen vorkommen (Bsp.: Katzen miauen, Schule schwänzen)
- als Wortfamilie, in welcher Wörter quer über die anderen Netze nach morphologischen Gesichtspunkten verknüpft werden (Bsp.: Schule, Schüler, schulisch)
- als Bewertungsnetz, in dem die Wörter auf Basis ihrer Konnotation vernetzt werden (Bsp.: büffeln, pauken, lernen)
- als Assoziationsnetz, wo eigene Erfahrungen an Ausdrücke gekoppelt werden (Bsp.: Ferien - Sonne, Spanien, schlafen)
- als Wortfeld, wo Wörter der gleichen Wortart nach Bedeutungsmerkmalen geordnet sind (Bsp.: Synonyme: Lehrer/Pauker, Antonyme: lehren/lernen, Hyponyme: Zimmer, Lehrerzimmer, Klassenzimmer)

Die Synonymie beschreibt hierbei die Relation der Bedeutungsgleichheit zwischen einzelnen Wörtern. Dies bedeutet, dass verschiedene Wortformen den gleichen Inhalt aufweisen. Wichtig ist allerdings zu beachten, dass es nur äußerst selten zwischen zwei Wörtern eine hundertprozentige Bedeutungsgleichheit gibt (Apfelsine und Orange), da sich die Synonyme zumeist zumindest konnotativ unterscheiden (Lehrer und Pauker).[12]

Jedes Wort kann gleichzeitig Element verschiedener Netze sein und mit dem Umfang des Wortschatzes steigt auch die Vielfalt seiner Vernetzungen. Je mehr Wörter gekannt werden, desto einfacher können neue hinzugelernt werden, da neue Wörter in das bereits vorhandene Wörternetz eingeordnet werden.[13] Der Zugang zum mentalen Lexikon kann auf zwei Wegen erfolgen. Zum Einen müssen Wörter durch den Hörer bzw. Leser verstanden werden, indem er ihnen eine Bedeutung zuordnet, zum Anderen müssen Lexeme durch den Sprecher oder Schreiber wiedergefunden werden, um so ein ihm vorschwebendes Konzept versprachlichen zu können. Hierbei ist wichtig zu erwähnen, dass nicht alle Lexeme für beide Zugriffe zur Verfügung stehen. Diejenigen, auf die man beim Hören und Lesen zurückgreift, bilden den sogenannten Verstehens- oder rezeptiven Wortschatz, der Teil von ihm, den ein Mensch auch zum Sprechen oder Schreiben verwendet, bildet seinen Mitteilungs- oder produktiven Wortschatz.[14]

Wie bereits erwähnt, ist [d] er Wortschatzerwerb[...] ein komplizierter lebenslanger Lernprozess.“[15] Im Alter von 6 Jahren verfügen Kinder nach Schätzungen über einen rezeptiven Wortschatz von bis zu 14.000 Wörtern und verwenden hiervon circa 5.000 - 6.000 bereits aktiv. Mit der Einschulung und dem darauf folgenden Schriftspracherwerb wächst der rezeptive Wortschatz nach Clark 1995 um mindestens 3.000 neue Wörter pro Schuljahr. Obwohl sich das Wachstum danach abschwächt, lernen auch Erwachsene noch stetig neue Wörter hinzu.

„Wer Äußerungen anderer hört oder liest, ruft aus seinem Lexikon die verwendeten Lexeme ab und konstruiert mit Hilfe der gespeicherten Lesarten und seines Weltwissens den Sinn der Äußerungen und die dahinter stehende Absicht des Sprechers oder Schreibers. Tauchen dabei unbekannte, noch nicht gespeicherte Lexeme auf, so wird ihre Bedeutung aus dem Kontext erschlossen (bei der ersten Begegnung noch sehr ungenau, bei weiteren Begegnungen immer präziser), und sie werden in den rezeptiven Wortschatz übernommen.“[16]

Der Wortschatzerwerb ist hierbei allerdings nicht ausschließlich durch quantitatives Wachstum gekennzeichnet, da auch die Reichweite, also der Gebrauchswert der Lexeme, zunimmt. Mit dem Wachstum des mentalen Lexikons werden auch die dort gespeicherten Wörter immer detaillierter semantisch profiliert. Dies geschieht wenn schon bekannte Lexeme in immer neueren Zusammenhängen und Kontexten auftauchen und somit neben Bedeutungen und Konnotationen gelernt werden können. Auf diese Weise verschiebt sich die Entwicklung des Wortschatzes im Laufe des Lebens immer mehr von einer Erweiterung zu einer Vertiefung hin.[17]

Eine Erweiterung des mentalen Lexikons erfolgt dann, wenn es einem Menschen gelingt, ein Element einer Äußerung zunächst zu isolieren, es dann in einen anderen Kontext zu stellen und schließlich in eine neue Äußerung einzubinden.[18] Eine Möglichkeit diesen Vorgang im Unterricht zu systematisieren, bietet der sogenannte ‘wortschatzdidaktische Dreischritt‘. Dieser besteht aus drei miteinander verknüpften Unterpunkten:

1. Isolieren und Semantisieren
Hier werden unbekannte oder relevante Wörter aus gelesenen Texten isoliert und funktional sowie semantisch geklärt (Beispiel: Welche Wörter werden verwendet, um in einer Erzählung Spannung zu erzeugen?). Die geeigneten Methoden hierfür sind Textvergleiche, Textüberarbeitungen, Gespräche über Wörter und Wendungen im Textkontext oder Wörterbuchkonsultationen.
2. Variieren und Vernetzen
Das so erhaltene Wortmaterial gilt es zu ordnen und in Listen zusammenzustellen. Es ist hierbei äußerst produktiv, zu den isolierten Wörtern zum Beispiel Formulierungssynonyme zu sammeln und damit die Ausdrücke anschließend in eigenen Texten zu variieren.
3. Kontextuieren und Reaktivieren
Wem es nun gelungen ist, Wörter und Wendungen aus eigenen oder fremden Texten zu isolieren und zu neuen Ordnungen zusammenzustellen, der hat sich in geeigneter Weise dafür präpariert, sie im eigenen Schreiben und Sprechen zu verwenden.[19]

„Wörter und Wendungen sind zentral für das Verstehen von Äußerungen und Texten.“[20] So zeichnet es gute Leser aus, dass sie in ihrem mentalen Lexikon effizient auf Wortbedeutungen zugreifen können, da die Wörter und Wendungen dort den Wissensrahmen für die Konstruktion eines Textzusammenhangs beim Textverstehen bilden.[21]

[...]


[1] Schwarz & Chur 2004, S. 54

[2] Im Folgenden wird zur Leserfreundlichkeit ausschließlich die maskuline Form verwendet.

[3] Vgl. Ulrich 2007, S. 1

[4] Vgl. Feilke 2009, S. 4

[5] Vgl. ebd. und Dannenbauer 2002, S. 137

[6] Vgl. Hermann et al.1985, S. 1085

[7] Vgl. Osterwinter & Auberle 2007, S. 13

[8] Vgl. Ulrich 2010, S. 22

[9] Vgl. ebd., S. 6ff.

[10] Vgl. ebd., S. 10f.

[11] Vgl. ebd., S. 22

[12] Vgl. Schwarz & Chur 2004, S. 54f.

[13] Vgl. Kühn 2007, S. 32f.

[14] Vgl. Ulrich 2010, S. 22

[15] Ebd., S. 29

[16] Ebd., S. 31

[17] Vgl. ebd., S. 29f.

[18] Vgl. Füssenich 2002, S. 78

[19] Vgl. Feilke 2009, S. 10ff.

[20] Ebd., S. 6

[21] Vgl. ebd.

Details

Seiten
43
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656367284
ISBN (Buch)
9783656370031
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208126
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Institut für Deutsche Sprache und Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Wortschatzarbeit Wortschatz Textkompetenz

Autoren

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Titel: Unterrichtseinheit zum Thema Wortschatzarbeit in der Sekundarstufe I