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Die Bedeutung Sozialer Arbeit für Menschen mit Demenz

Diplomarbeit 2012 165 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklungen über den Verlauf der Lebensspanne
2.1 Das SOK-Modell nach Baltes
2.2 Die Sozio-emotionale Selektivitätstheorie nach Carstensen
2.3 Exkurs: Gedächtnisentwicklung

3. Eine kurze Beschreibung von Demenz
3.1 Die Symptome einer Demenzerkrankung
3.2 Depression und andere Zustände, die eine Demenz verstärken
3.3 Das Standardparadigma von Demenz nach Kitwood

4. Der Person-zentrierte Ansatz Kitwoods
4.1 Die Bedürfnisse von Personen (mit Demenz)
4.2 Maligne, bösartige Sozialpsychologie
4.3 Die positive Arbeit an der Person

5. Sozialpädagogik und Soziale Arbeit
5.1 Sozialpädagogisches Handeln (Können) nach Burkard Müller
5.2 Der Prozess professioneller Fallarbeit
5.3 Soziale Arbeit, Soziale Probleme und Demenz
5.4 Der Erhalt der Menschenwürde als Aufgabe von Sozialer Arbeit
5.5 Wohlbefinden und Lebensqualität von Menschen mit Demenz

6. Die Dementia Care Mapping Methode
6.1 Wohlbefinden und Unwohlsein im DCM
6.2 Der methodische Aufbau von DCM
6.2.1 Das Kodieren von Affekt und Kontakt
6.2.2 Das Kodieren von Verhalten
6.2.3 Personale Detraktionen
6.2.4 Personale Aufwerter
6.3 Reliabilität und Validität von DCM

7. Eine DCM Untersuchung in einem Alzheimer Tageszentrum
7.1 Planung und Einsatz von DCM
7.2 Räumlichkeiten und Tagesrhythmik im Tageszentrum
7.3 Eine kurze Beschreibung der Therapieinhalte
7.4 Graphisch gestützte Datenanalysen
7.5 Auswertung und Kritik

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Meine Motivation zu dieser Diplomarbeit ist auf das persönliche Schicksal meiner Großmutter zurückzuführen. Als mein Großvater unerwartet von uns ging, verfiel meine Großmutter in Kummer und Hoffnungslosigkeit, war jedoch stets bemüht, dies hinter einer Fassade vor ihrer Familie zu verbergen und zu beteuern, es ginge ihr gut. Dadurch erkannten wir auch relativ spät, dass neben dieser depressiven Veränderung und den Veränderungen im Laufe eines normalen Alterungsprozesses, sich eine weitere, fremdartige Veränderung in das Personsein meiner Großmutter einschlich. Wirklich auffällig wurde es erst, als sich ihre immer seltsamer anmutenden Anrufe häuften, wir hätten uns solange nicht bei ihr gemeldet oder sie besucht, obwohl unsere Familie stets darum bemüht war, dass wir uns etwa jeden zweiten Tag bei ihr meldeten oder nach dem Rechten schauten.

Nachdem meine Großmutter die Diagnose Demenz (mit diversen Begleiterkrankungen) erhielt, lebte sie vorerst noch bei sich zu Hause und wurde tagsüber in einer teilstationären Pflegeeinrichtung betreut. Dort erklärten uns die Mitarbeiter jedoch schnell, dass sie meine Großmutter nicht weiter halten könnten, da sich ihre Wutausbrüche und ihre paranoiden Vorstellungen (z.B. jemand will sie vergiften) zu schädlich auf die anderen Gäste auswirken würden. Die Situation wurde gefährlich, als meine Großmutter damit begann, in der Nacht im Nachthemd ihre Wohnung zu verlassen.

Daraufhin mussten wir sie in der ersten stationären Einrichtung unterbringen. Doch die dortige Pflege und Betreuung erschienen mir und meiner Familie als mangelhaft. Gleich einer Odyssee, verlegten wir meine Großmutter mehrere Male in verschiedene Institutionen, in der Hoffnung, ihr Zustand würde sich dadurch verbessern oder zumindest nicht so drastisch verschlechtern. In einer dieser Einrichtungen dehydrierte sie so stark, dass eine unmittelbare Lebensgefahr bestand und in einer Anderen (der damals neusten und teuersten in Dresden), wurde sie die meiste Zeit des Tages sich selbst in ihrem Zimmer überlassen und erlitt massive Angstzustände. Wiederholt stellte sich der Pflegealltag, aufgrund von unzureichendem Personal und dessen mangelnde Kenntnisse über die Demenzerkrankung, als nahezu unmenschlich dar. Oft klagte meine Großmutter über die Einsamkeit, die sie erfuhr. Auch die täglichen Besuche von meiner Mutter und meiner Tante, die bei ihr blieben, bis sie zu Bett ging, konnten den schnellen Abfall ihres Befindens und ihrer kognitiven Fähigkeiten nicht auffangen. Sie verstarb eineinhalb Jahre nachdem sie die Diagnose Demenz erhielt.

Da ich meiner Großmutter immer sehr nahe stand, konnte ich die demenziellen Veränderungen in ihren physischen, psychischen, emotionalen, sozialen und entwicklungsbedingten Auswirkungen sehr deutlich beobachten und verstehen lernen. Andere Auswirkungen bezogen sich auf das soziale Umfeld, das mitunter kein Verständnis für den Werdegang der Erkrankung aufbringen konnte oder aufgrund des symptomatischen Verhaltens meiner Großmutter verärgert, gereizt oder gekränkt reagierte. In den stationären, teilstationären und psychiatrischen Einrichtungen, die meine Großmutter durchlief, erkannte ich große Unterschiede zwischen ihr und anderen Menschen mit Demenz. Bei jedem Einzelnen schien die Erkrankung individuell zu verlaufen und nicht alle empfanden die Situation als tragisch oder beängstigend. Zugleich wurde mir bewusst, dass bei allen Erkrankten die gleichen Grundbedürfnisse bestehen. Sie sehnen sich nach Nähe, Geborgenheit, Betätigung, Identität, Liebe und Trost. Ich verstand im Zusammensein mit meiner Großmutter, dass mit Geduld, Zuwendung, Vertrauen und Verständnis, sich ihr Befinden so verändern konnte, dass sie mitunter die Tragik ihrer Lage vergaß und sich wohl zu fühlen schien. Gelegentlich trat sie in solchen Momenten sogar aus dem Nebel ihrer Demenz heraus, in Phasen der Klarheit und Bewusstheit, die kaum mehr eine Demenz erahnen ließen.

Ich begann mich zu fragen, wie es möglich ist, solche positiven Entwicklungen zu beobachten, wenn die kognitive Erkrankung Demenz (wie es im medizinischen Modell dargestellt wird) ausschließlich zu einer Verschlechterung des Gesamtzustands einer Personen führen soll. Vielmehr scheinen die Fragen nach Lebensqualität und Wohlbefinden von Menschen mit Demenz, mit den Fragen nach Pflegequalität und Beziehungsqualität verbunden zu sein. Im Rahmen meines Studiums entwickelte sich dieser Gedanke dahingehend, dass eine professionelle Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz weit mehr bedarf, als diese „satt und sauber“ zu halten. Es sollte im Wesentlichen auch darum gehen, sie als gleichberechtigte Bürger zu betrachten und deren Menschenrechte und Menschenwürde (das Personsein) zu gewährleisten und sicherzustellen. Denn im Rahmen einer fachgemäßen, professionellen Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz, muss deren Krankheitsgeschichte nicht in einer Leidensgeschichte enden.

Um erste Erkenntnisse über das Personsein und die Bedürfnisse von Personen zu erwerben, setzte ich mich im Rahmen meiner Vordiplomarbeit unter dem Titel „Das Standardparadigma von Demenz“, mit dem person-zentrierten Ansatz von Tom Kitwood auseinander. Der Begriff „Standardparadigma“ steht beispielhaft für eine extrem negative und deterministische Sichtweise von Demenz, die sich in dem gängigen Image eines „Todes, der den Körper zurücklässt“ zum Ausdruck bringt. Dieses (medizinische) Standardparadigma wurzelt in der Hypothese, dass ein Faktor oder Faktoren X zu neuropathischen Veränderungen und diese zur Demenz führen. Alle geistigen und emotionalen Symptome wären demnach ausschließlich das direkte Ergebnis einer Reihe katastrophaler Veränderungen im Gehirn. Diese Degeneration sei zudem irreversibel und führt unabwendbar zu einer Verschlechterung des gesamten Zustands einer Person. Dabei vernachlässigt dieses vereinfachte Modell jedoch den Fakt, dass beträchtliche neuropathologische Zustände auch ohne eine Demenzerkrankung vorhanden sein können, und das eine Demenz auch ohne signifikante Neuropathologie bestehen kann. Ebenso wird eine Vielzahl von Aspekten der Nervenarchitektur ignoriert, die entwicklungsbedingt sind und somit keiner statischen Verschlechterung unterworfen sein können. Darüber hinaus existiert eine Reihe von psycho-sozialen Zuständen, die einen demenzähnlichen Zustand verursachen oder eine bestehende Demenz verstärken können.

In dieser Arbeit soll daher im Besonderen betont werden, dass jegliche Entwicklung von Personen individuell einzigartig verläuft und außerdem über die gesamte Lebensspanne hinweg, positiv oder negativ, beeinflussbar bleibt - auch während einer Demenzerkrankung. Das unmittelbare psycho-soziale Umfeld von Personen bildet einen solchen Einflussfaktor, denn es kann die Lösung von Entwicklungsaufgaben, entweder begünstigen oder untergraben. Daher ist es möglich, dass eine Abnahme oder eine Veränderung von bestimmten Fähigkeiten und Verhaltensweisen im hohen Alter, dem Ergebnis einer adaptiven Anpassung des Organismus an sich verändernde Umweltanforderungen entsprechen. Auch Kitwood setzt das Individuum, in seinem psycho-sozialen Modell von Demenz, zu seiner sozialen Umwelt in Wechselwirkung. Dabei definiert er das Thema Menschenwürde in Form einer Bedürfnistheorie, wobei der Erhalt der Menschenwürde unmittelbar damit verbunden ist, inwieweit die Bedürfnisse von Personen (die sich aus den Menschenrechten ergeben) befriedigt werden. Eine maligne Sozialpsychologie (oder Menschenrechtsverletzung) mindert das Personsein und somit die Würde von Menschen (mit Demenz). Eine hochwertige Demenzpflege im Sinne einer positiven Arbeit (psycho-soziale Interventionen), erkennt das Personsein von Menschen mit Demenz hingegen an und trägt dazu bei, personale und geistige Funktionen, sowie Wohlbefinden über einen langen Zeitraum hinweg zu erhalten. Es soll im Besonderen darauf verwiesen werden, dass das Einleiten solcher Interventionen als Aufgabe von Sozialer Arbeit zu verstehen ist. Abschließend soll anhand einer DCM-Evaluation (Dementia Care Mapping) in einem Tageszentrum gezeigt werden, inwieweit diese Methode sinnvolle Rückschlüsse zur Einleitung adäquater Intervention im Rahmen Sozialer Arbeit ermöglicht. Mit dem Ziel, die erlebte Lebensqualität und das subjektive Wohlbefinden von Menschen mit Demenz, möglichst langfristig zu erhalten.

2. Entwicklungen über den Verlauf der Lebensspanne

In der psychologischen Entwicklungsforschung hat sich im letzten Drittel dieses Jahrhunderts das Thema Alter(n) zunehmend durchgesetzt. Dabei umfassen traditionelle Entwicklungskonzepte vornehmlich reifungstheoretisch orientierte Konzepte. In diesen Konzepten wird das Entwicklungsgeschehen auf universelle, unidirektionale, irreversible und sequentielle Veränderungen eingeschränkt, beispielsweise die unmittelbare Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Doch diese enge Betrachtungsweise von Entwicklungsprozessen hat sich als unzureichend erwiesen, um die komplexen, altersbedingten Veränderungen im Verhalten und Erleben von Personen be- schreiben und erklären zu können.[1]

Aus diesem Grund tritt im weiteren Verlauf der Entwicklungsforschung, statt des reifungstheoretischen Entwicklungskonzepts, das Entwicklungskonzept der gesamten Lebensspanne in den Vordergrund. Der Psychoanalytiker Erikson entwickelt in seinem 1950 erschienen Werk „Kindheit und Gesellschaft“ die Theorie der psychosozialen Entwicklung und das Modell des Lebenszyklus, einem acht Phasenmodell der menschlichen Entwicklung. Erikson zufolge vollzieht sich die Entwicklung der Persönlichkeit über den gesamten Lebensverlauf und endet auch nicht im Alter (oder im Fall einer Demenzerkrankung). Im Folgenden sollen zunächst die acht Phasen von Eriksons Stufenmodell der Entwicklung, gemäß ihrer polaren Natur, tabellarisch dargestellt werden:[2]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erikson zufolge entwickelt sich das „Ich“ (die Persönlichkeit) innerhalb dieser acht Phasen nach einem epigenetischen Prinzip, ähnlich dem Wachstum des Körpers und seiner Organe, d.h. anhand einer festgelegten Reihenfolge. Dabei baut jede Entwicklungsstufe unmittelbar auf der vorherigen auf und enthält eine kritische Phase (Krise), in der sich Entscheidungen ergeben müssen (zwischen der Polarität). Diese psycho-sozialen Krisen gelten somit als Voraussetzung für Entwicklungsprozesse, da sich Entwicklung erst durch die Lösung jener Grundkonflikte vollziehen kann. Die Entwicklung der Persönlichkeit erfolgt also in Form von kritischen Schritten (Wendepunkten), bei welchen das Individuum die Möglichkeit hat, in neurotischer oder nicht-neurotischer Weise auf das Entwicklungsgeschehen zu reagieren, also eine positive oder negative Entwicklung zu vollziehen. Da diese Grundkonflikte mitunter auch von gesellschaftlichen Anforderungen und Reaktionen bedingt werden, tragen Erikson zufolge auch soziale Umwelteinflüsse zur Entwicklung der Persönlichkeit bei. Dieser Aspekt ist im Hinblick auf die Entwicklung der Persönlichkeit während einer Demenzerkrankung von besonderer Bedeutung und soll in dieser Arbeit näher untersucht werden.[3]

Wenn eine Entwicklungsstufe vom Individuum nicht vollzogen oder gelöst werden kann, können auch die nachfolgenden Stufen nicht bearbeitet oder bewältigt werden. Ein Jugendlicher, der die Erfahrungen seiner Kindheit nicht in die Möglichkeiten und Erwartungen des Erwachsenenalters zu integrieren vermag, gerät in eine psychosoziale Krise (des Kontinuitätsgefühls). Sie finden dann nicht zu ihrer persönlichen Identität, sondern erfahren eine Form der Rollenkonfusion (siehe Tabelle). Dementsprechend sind Jugendliche häufig nicht in der Lage, einer bestimmten Vorstellung von sich selbst oder ihrem Leben zu folgen. Durch diese Unsicherheit können sie auch der nachfolgenden Thematik der Intimität (im frühen Erwachsenenalter) nicht entsprechen. Denn in einer Verschmelzung zweier Persönlichkeiten würde die eigene (instabile) Identität zu stark in Gefahr geraten. Infolgedessen würde die Angst vor einem Ich-Verlust die Person dauerhaft in Isolation und Vereinsamung führen (indem Beziehungen vermieden oder nicht aufrechtgehalten werden), wenn der Entwicklungsschritt vom Individuum nicht doch noch vollzogen wird. Bei einer Nicht-bewältigung dieser Entwicklungsstufe können Menschen auch bis ins hohe Erwachsenenalter auf der Suche nach ihrer Identität und in einer neurotischen Rollenkonfusion verbleiben.[4]

Werden alle bisherigen Wendepunkte jedoch bewältigt, kann sich das Individuum der Entwicklungsaufgabe der Generativität widmen (mittleres Alter). Diese umfasst die „Fortpflanzungsfähigkeit, Produktivität und Kreativität, also die Hervorbringung neuen Lebens, neuer Produkte und Ideen, einschließlich einer Art Selbst-Zeugung, die mit der weiteren Identitätsentwicklung befasst ist“.[5] Dies geschieht beispielsweise durch die Weitergabe der eigenen (emotionalen und biografischen) Lebenserfahrung an die nächste Generation. Dadurch werden individuelle Ich-Interessen intensiviert und die Persönlichkeit bereichert (entwickelt). Wird dieser Entwicklungsschritt jedoch nicht vollzogen oder fehlen solche Erfahrungen gänzlich, droht eine Stagnation der Entwicklung und infolgedessen eine Verarmung der Persönlichkeit. Demzufolge ist die ältere Generation in gewisser Weise abhängig von den Jüngeren. Denn sie wollen gebraucht werden.

Doch infolge des zunehmenden Jugendwahns und der Individualisierung (Vereinzelung) der westlichen Gesellschaften ist heutzutage ein nachlassendes Interesse und eine mangelnde Identifikation mit den Lebenserfahrungen alternder Menschen erkennbar. Eriksons Stufenmodell zufolge könnte eine solche Tendenz mitunter für entstehende Psychosen und Neurosen im mittleren Alter verantwortlich sein. Beispielsweise können Menschen in sozialer Isolation eine Depression entwickeln und aufgrund der reizarmen Umgebung (monotonen Lebensweise) kognitive Verluste erleiden.

In der letzten Entwicklungsstufe des „Ichs“ besteht eine Polarität zwischen Ich-Integrität und Verzweiflung. Ist ein Mensch im hohen Alter fähig, die Sorge um Menschen und Materie hinter sich zu lassen, kann er in einen Zustand tiefer Zufriedenheit (Ich-Integrität) geraten, die einer „Hinnahme dieses unseres einmaligen und einzigartigen Lebensweges als etwas Notwendigem und Unersetzlichem“ entspricht.[6] Andererseits würden Individuen in einen Zustand der Verzweiflung geraten, entsprechend des Gefühls, „dass die Zeit zu kurz ist, zu kurz für den Versuch, ein anderes Leben zu beginnen und andere Wege der Integrität zu suchen“.[7] Der Mensch im hohen Erwachsenenalter hat somit das fundamentale Bedürfnis, ein Teil des größeren Ganzen (geschichtlich, gesellschaftlich und kulturell) zu sein und in seiner Einzigartigkeit und Würde anerkannt zu werden.

„Jedes Thema einer spezifischen Phase hat Vorformen, es wird aber erst aktuell und kritisch in der ihm zugedachten Altersperiode. Die Gesellschaft muss auf diese Entwicklungsschritte der Individuen eingerichtet sein und ihnen Möglichkeiten bereitstellen, ihren sozialen Radius zu erweitern und die aus diesen Veränderungen entstehenden Krisen zu bewältigen. Dafür stehen gesellschaftliche Institutionen bereit (z.B. Familie, Religion, Rechtssystem), die sicherstellen, dass in der Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt die geschilderten Lebensthemen hervortreten und dass die Auseinandersetzung der Person mit den Konflikten in der entsprechenden Lebensphase erfolgen und möglichst eine positive Richtung nehmen.“[8]

Dem Zitat folgend ist das Stufenmodell der Entwicklung in Bezug auf Menschen mit Demenz so bedeutsam, da sie aufgrund vielfältiger kognitiver, physischer, psychischer, sozialer und emotionaler Verlusterfahrungen in hohem Maße auf Unterstützung bei der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben angewiesen sind. Zudem kann die Nicht-Bewältigung einer Entwicklungsstufe auch eigenständig für demenzähnliche Zustände (Psychosen und Neurosen) verantwortlich sein, und dadurch eine Demenz in ihrem Verlauf beeinflussen oder verstärken. Auch dieser Aspekt soll in dieser Arbeit näher ausgeführt werden.

Zudem fällt es Menschen mit Demenz aufgrund einer Einschränkung des Arbeitsgedächtnisses (Kurzzeitgedächtnis) häufig schwer, ihren Lebensverlauf zeitlich real einzuordnen. Dadurch kann es mitunter geschehen, dass nach der lange verstorbenen Mutter gefragt wird, oder Betroffene denken, sie müssten noch zur Schule gehen. Solche Ereignisse legen die Vermutung nahe, dass sich Menschen mit Demenz in einer Erinnerung an die Kindheit oder Jugend befinden und für den Moment des tatsäch-lichen Erinnerns gedanklich und emotional in die verschiedenen Entwicklungsstufen Eriksons zurückfallen. Demzufolge wäre es möglich, dass sich Betroffene erneut mit der jeweiligen Entwicklungsthematik auseinandersetzen oder dass Themen zum Vorschein treten, die sie möglicherweise noch nicht bewältigt haben. Dem Stufenmodell zufolge ist es ebenso wichtig zu differenzieren, in welchem Alter eine Demenz auftritt und welche Entwicklungsstufen generell noch vollzogen werden müssen (auch während einer Demenzerkrankung). Sicher ist jedoch, dass Individuen (mit Demenz) im hohen Alter die Bedürfnisse nach „Ich-Integrität“, Würde und gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe haben.

Demzufolge sollten Betreuungspersonen im Besonderen darauf vorbereitet sein, Menschen mit Demenz bei der Bewältigung von möglichen Krisen (Grundkonflikten) zu unterstützen. Dabei sind alle Grundthemen einer positiven Entwicklung nach Erikson (Urvertrauen, Autonomie, Initiative, Leistung, Identität, Intimität, Generativität und Ich-Integrität) als wichtige Anhaltspunkte für eine qualitativ hochwertige und würdevolle Unterstützung von Menschen mit Demenz anzusehen. Eriksons Aspekte der positiven Persönlichkeitsentwicklung werden in Kitwoods person-zentriertem Ansatz in ähnlicher Weise aufgegriffen und als positive Arbeit an Personen realisiert.

2.1 Das SOK-Modell nach Baltes

Auch Baltes gilt als Vertreter der Theorie von Entwicklung über die gesamte Lebensspanne und somit auch während des Verlaufs einer Demenzerkrankung. Seine differenzielle Perspektive unterteilt, wie Erikson, die zweite Lebenshälfte eines Individuums in drei allgemeine Teilbereiche, die jeweils unterschiedliche Entwicklungsaufgaben implizieren. Das mittlere Erwachsenenalter (35-65 Jahre) gilt als Phase der Differenzierung und Expansion von Entwicklungsaufgaben, Kompetenzen und Ressourcen (beispielsweise vielfältige Karrieremöglichkeiten, Lebensweisen oder Interessen). Im höheren Erwachsenenalter (65 – 80 Jahre) erfolgt, aufgrund von biologischen Einschränkungen, eine vermehrte Konzentration auf spezifische Kräfte und Stärken (beispielsweise die Fokussierung auf Partnerschaft, Elternschaft und Beruf). Im hohen Erwachsenenalter (ab 80 Jahre) wählen Personen einige Entwicklungsbereiche ab und pflegen zunehmend verbleibende Bereiche (z.B. die Konzentration auf die Familie). Dabei gestalten sich die Übergänge dieser drei Lebensphasen kontinuierlich und implizieren jeweils unterschiedliche Anforderungen und Möglichkeiten. Grundlegend lassen sich die Entwicklungsziele im Alter drei allgemeinen Kategorien zuordnen: dem Erreichen höherer Funktionsniveaus, die Aufrechterhaltung bestehender Funktionsniveaus (auch unter erschwerten Bedingungen oder Krankheiten), sowie die Regulation von partiell irreversiblen Verlusten (durch einen adaptiven[9] Umgang). Die Gestaltung und Bewältigung des Übergangs von Expansion zu Konzentration (Verlustregulation) gilt als zentrale Entwicklungsaufgabe des höheren Erwachsenenalters.[10]

Baltes zufolge ist jegliche (positive oder negative) Veränderung in der adaptiven Kapazität eines Organismus als Entwicklung zu betrachten. Demgemäß stellt Baltes in seiner Annahme der Plastizität fest, dass Entwicklung prinzipiell während der gesamten Lebensspanne beeinflussbar (also dynamisch) sei. Außerdem beschreibt er in der Annahme der Multidimensionalität, dass sich Entwicklung in verschiedenen Bereichen der Persönlichkeit zwar gleichzeitig vollzieht, aber nicht gleichartig ist. Zuletzt stellt Baltes mit der Annahme der Multidirektionalität die These auf, dass sich Gewinne und Verluste von Erkenntnis- und Erlebnismöglichkeiten in allen Alters-stufen finden lassen.[11]

Außerdem betont Baltes in seinem SOK-Modell (1990) die Bedeutung intakter Wissensbestände zur Kompensation von altersbedingten Abbauprozessen. Die selektive Optimierung durch Kompensation (SOK) lässt sich demzufolge auf unter-schiedliche Funktionen (Kognition und Persönlichkeit), sowie auf verschiedene Analyseebenen (Ontogenese und Lernen) anwenden. Dabei gilt als eine erfolgreiche Entwicklung. die Maximierung von Gewinnen und die Minimierung von Verlusten in ausgewählten Bereichen. Entwicklungsziele können durch den Einsatz von psychischen, sozialen und materiellen Ressourcen erreicht werden. Als eine Form der Kompensation gilt das Anwenden von Bewältigungsstrategien, wie psychische Abwehrmechanismen oder Lernstrategien. Als Selektion wird die Konzentration auf ausgewählte Entwicklungsziele bezeichnet, etwa der Erhalt verbliebener Fähigkeiten. Eine Optimierung dieser Bereiche kann schließlich mithilfe sozialer Netzwerke (Institutionen), durch Zuwendung (Soziale Arbeit) oder Training (verschiedene Therapieformen) vollzogen werden. Zusammenfassend ist zu sagen, dass aufgrund des Nach-lassens der biologischen Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter, Funktionserhalt und Verlustregulation für Betroffene immer bedeutungsvoller werden.[12]

Am Beispiel eines Pianisten kann das SOK-Modell charakteristisch dargestellt werden. Der Pianist verliert mit zunehmendem Alter mitunter die Fähigkeit, besonders schnelle Stücke zu spielen. Aus diesem Grund kann er sich mit der Komposition so auseinandersetzen, dass er die langsameren Passagen noch etwas langsamer spielt, sodass die darauf folgenden schnelleren Abschnitte auch langsamer vorgetragen werden können. Aufgrund dessen wirken die Teile im Verhältnis zueinander als perfekt präsentiert. Die Kompensation der nachlassenden Geschwindigkeit des Pianisten erfolgt durch die Optimierung der Komposition (unter dem Einsatz intakter Wissensbestände), indem selektive Passagen langsamer vorgetragen werden.

In gewisser Weise lehnt sich das SOK-Modell an den Hauptsatz der Thermodynamik an, der besagt: Energie kann nicht verloren gehen oder neu entstehen, sie kann lediglich umgewandelt oder übertragen werden. Beispielsweise orientiert sich ein Mensch, der seine Sehfähigkeit verliert, stärker mithilfe seiner verbleibenden Sinne (Tasten, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken). Es ist nachweisbar, dass bei blinden Menschen der Gehör- und Tastsinn weitaus besser entwickelt ist, als dies bei sehenden Menschen der Fall ist.

Also befinden sich Individuen über die gesamte Lebensspanne hinweg in einer Auseinandersetzung mit diversen altersbedingten Anforderungen und in Anwendung von entwicklungsregulativen Prozessen. Diese beeinflussen Zielsetzungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Individuen. Eine Abnahme oder Veränderung von bestimmten Fähigkeiten oder Verhaltensweisen ist somit nicht schlichtweg mit einem irreversiblen Verlust gleichzusetzen, sondern entspricht mitunter lediglich dem Ergebnis einer adaptiven Anpassung an sich verändernde Umweltanforderungen. In einer Reihe von Studien in Altenheimen (1995/1996) zeigt Baltes in diesem Zusammenhang:

„(…) das abhängige Verhaltensmuster von Heimbewohnern reduziert werden konnten, indem das Pflegepersonal trainiert wurde, auch selbstständiges Verhalten der Bewohner positiv zu verstärken. Entscheidend dürfte hierbei der Gedanke sein, dass Menschen in allen Phasen des mittleren und höheren Erwachsenenalters in der Lage sind, ihr (Beziehungs-)Verhalten nicht nur an ihre jeweilige (Beziehungs-)Umwelt anpassen, sondern diese zugleich auch aktiv verändern zu können, um ihren Handlungsspielraum (z.B. die Zuwendung durch Pfleger) zu sichern oder zu maximieren.“[13]

Somit schließt Baltes Entwicklungszugewinne im Alter also keineswegs aus. Vielmehr sollten die der biologischen Alterung geschuldeten Verluste Anlass zur Suche nach Verhaltensweisen, Lernstrategien und sozialen Strukturen sein, die Individuen dabei unterstützen, trotz nachlassender personaler Ressourcen, in ausgewählten Bereichen Gewinn und Erhalt (bis ins hohe Alter hinein) zu ermöglichen. Baltes zufolge ist es zudem unmöglich, Alterskompetenzen im kognitiven Bereich unabhängig von Persönlichkeitsmerkmalen zu erfassen. Denn er behauptet, dass es nicht die eine Alterspersönlichkeit geben kann, sondern dass die individuellen Differenzen zwischen Personen mit dem Alter wahrscheinlich sogar zunehmen (aufgrund der Vielfalt von Regulationsmöglichkeiten).[14]

2.2 Die Sozio-emotionale Selektivitätstheorie nach Carstensen

Auch die von Carstensen entwickelte Sozio-emotionale Selektivitätstheorie entspricht der Theorie einer Lebensspannenperspektive. Im Besonderen wird hierbei die Auswirkung einer altersabhängigen Veränderung der Zukunftsperspektive auf die soziale Motivation und die Beziehungsqualität betrachtet. Carstensen zufolge werden Individuen über den gesamten Lebensverlauf hinweg von einer komplexen Dynamik verschiedener sozialer Beziehungen begleitet. Dementsprechend erfahren Personen im Verlauf ihres Lebens zahlreiche Veränderungen an sich selbst, an anderen Personen und an den Beziehungen zu anderen Personen. Carstensen argumentiert, dass sich Menschen mit zunehmendem Alter stärker der Begrenztheit der ihnen verbleibenden Lebenszeit bewusst werden. Dadurch versuchen sie die verbleibende Zeit möglichst effektiv zu nutzen. Dies kommt beispielsweise in einer Veränderung der sozialen Motivation zum Ausdruck, häufig in Form einer Hinwendung zu emotional bedeutsamen Beziehungspartnern. Somit verändern sich soziale Beziehungen im Lebens-verlauf strukturell und funktional. Entwicklungsregulative Prozesse beziehen sich also vordergründig auf Gestaltung und Veränderung von sozialen Beziehungen.[15]

Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass in Erwartung einer geringen verbleibenden Lebensdauer sich auch bei jungen Erwachsenen gleiche Beziehungspräferenzen zeigen (also die Hinwendung zu bedeutsamen Beziehungspartnern). Die Prioritäten der persönlichen Zielsetzungen verändern sich folglich hin zu Emotionskontrolle, Generativität (siehe auch Erikson) und einer intensiven Beziehungsqualität. Wird die Zukunft hingegen als unbegrenzt erfahren, gelten persönliche Autonomie und soziale Anerkennung als wesentliche Ziele der Beziehungsgestaltung, auch im höheren Erwachsenenalter. Die Längsschnittuntersuchung von Lang (2000) mit 206 Erwachsenen im Alter von 70 bis 103 Jahren zeigt in diesem Zusammenhang, dass durch eine subjektive Nähe zum Tod Betroffene innerhalb eines Vier-Jahres-Intervalls die Gesamtzahl ihrer sozialen Beziehungen merklich reduzierten. Sehen sich ältere Personen hingegen von ihrem Lebensende weit entfernt, ist sogar eine Zunahme von sozialen Beziehungen nachweisbar. Die sich ändernde Zeitperspektive verändert also die emotionale Nähe und Intensität zu den Beziehungspartnern. Im Gegensatz dazu gehen Menschen mit langfristiger Lebensperspektive häufig Beziehungen zu praktischen Helfern ein.[16]

In diesem Zusammenhang zeigen entwicklungspsychologische Gedächtnisstudien, dass ältere Erwachsene bei insgesamt geringerer Gedächtnisleistung, im Vergleich zu Jüngeren, emotional-relevante Inhalte von präsentierten Texten besser erinnern können. Dies gilt als Nachweis dafür, dass sinnstiftende und emotionale Erfahrungen für Menschen im höheren Erwachsenenalter zunehmend an Bedeutung gewinnen. In Bezug auf Menschen mit Demenz wird in diesem Abschnitt erkennbar, dass sie aufgrund von nachlassenden Fähigkeiten und Ressourcen besondere Unterstützung benötigen, um eine solch hohe Beziehungsqualität oder sinnstiftende und emotionale Erfahrungen erleben zu können.[17]

2.3 Exkurs: Gedächtnisentwicklung

Oftmals wird die Demenzerkrankung profan mit einem Gedächtnisverlust gleichgesetzt. Um jedoch ein etwas präziseres Verständnis von Gedächtnisfunktionen zu erhalten, sollen sie in diesem Abschnitt etwas genauer betrachtet werden. Den Ausgangspunkt der entwicklungspsychologischen Gedächtnisforschung bildet stets die Frage nach dem absichtlichen, strategischen Lernen und entspricht somit einer psychologisch-pädagogischen Akzentsetzung. Dabei wird versucht, effektives Lernen zu identifizieren, um das Lernen per Instruktion optimieren zu können. Als Grund-annahme der entwicklungspsychologischen Gedächtnisforschung gilt, dass die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Lebens verschieden sein kann.[18]

Die traditionelle Gedächtnisforschung fokussiert im Wesentlichen auf die Aspekte des so genannten deklarativen Gedächtnisses, das ein episodisches und ein semantisches Gedächtnis umfasst. Das episodische Gedächtnis speichert Informationen über spezifische raum-zeitlich lokalisierbare Ereignisse, beispielsweise den Inhalt eines Buches, das man gelesen hat. Das semantische Gedächtnis hingegen enthält Informationen, die hochgradig strukturiert, organisiert und unabhängig von spezifischen Lernerfahrungen und –kontexten langfristig gespeichert sind, beispielsweise, dass eine längliche, gelbe, süße Frucht Banane heißt. Das deklarative Gedächtnissystem speichert also bewusst (explizit) zugängliche Informationen und wird deshalb auch als explizites Gedächtnis bezeichnet.[19]

Die Leistungsfähigkeit des deklarativen Gedächtnisses verbessert sich im Verlauf des Kindesalters kontinuierlich und schnell, erreicht im frühen Erwachsenenalter ihr Optimum und verschlechtert sich im Erwachsenenalter langsam, aber kontinuierlich. Jedoch sind die Leistungen dieses Gedächtnisses auch von Umfang und Nutzung des Welt- oder bereichspezifischen Wissens, von der Verfügbarkeit und Nutzung von Lern- und Erinnerungsstrategien und von der Nutzung gedächtnisbezogener Ressourcen (beispielsweise Intelligenz) abhängig. Diese zusätzlichen Determinanten erreichen insbesondere dann eine große Bedeutung, wenn sie zur Bewältigung einer (Entwicklungs-) Aufgabe nicht bereitstehen. „Aus dieser Charakteristik (…) lässt sich auch ableiten, dass das Leistungsniveau dieses Gedächtnisbereichs niemals festliegt. Deklarative Gedächtnisleistungen sind Ausdruck des alltäglichen Lernens, und sie variieren als Funktion von Lernen und den daraus resultierenden Lernergebnissen.“[20] Demzufolge lassen sich diese Gedächtnisleistungen durch systematische Instruktion und Trainingsprogramme lebenslang steigern oder erhalten, beispielsweise durch kognitives oder autogenes Training, eine erinnerungsgestützte Therapie oder durch Biografiearbeit (siehe SOK-Modell).

In der aktuellen Forschung der kognitiven Entwicklungspsychologie rückt hingegen ein weiteres wesentliches Gedächtnissystem zunehmend ins Zentrum der Betrachtung, das sogenannte nicht-deklarative (prozedurale) Gedächtnis. Dieses Gedächtnissystem entwickelt sich bereits mit der Geburt und verarbeitet und speichert Informationen, die nicht bewusst zugänglich sind. Dabei erfolgt die Informationsverarbeitung automatisch, implizit und sensomotorisch. In der Forschung besteht gegenwärtig noch keine Einigkeit darüber, ob das deklarative (explizite, bewusste) und das nicht-deklarative (implizite, unbewusste) Gedächtnis voneinander getrennt oder miteinander operieren.[21]

Wie erwähnt, werden implizite Gedächtnisleistungen durch eine sehr frühe Präsentation des Materials charakterisiert. Darüber hinaus unterliegt das implizite Gedächtnis einer lebenslangen Entwicklung, die sich im Verhalten von Individuen und dessen Veränderungen zum Ausdruck bringen kann. Die Präsentation des Materials erfolgt in besonderer Weise, anhand sogenannter unbewusster oder indirekter Bahnungseffekte. Solche Bahnungseffekte sind Identifikationsleistungen, die auch ohne grundsätzliches Wissen existieren. Daher wird vermutet, dass derartige Bahnungseffekte hauptsächlich auf der Verarbeitung perzeptueller[22] Informationen basieren. „Dies ist beispielsweise daran erkennbar, dass Bahnungseffekte an die Bedingung geknüpft sind, dass die oberflächlichen, perzeptiven Merkmale des Materials bei der ersten und zweiten Präsentation identisch sind (z.B. gleiche Schriftart bei Wörtern).“[23]

Einen Überblick über die lebenslange Entwicklung beider bislang dargestellter Gedächtnissysteme zeigt Mitchell (1993) in seiner entwicklungspsychologischen Untersuchung. Dabei erfasst er, unter Verwendung von Bildmaterial, vergleichend die Leistungen des impliziten und des expliziten Gedächtnisses, verschiedener Altersgruppen (von drei bis 71 Jahre). In der ersten Phase des Experimentes wird bestimmtes Bildmaterial präsentiert und in der Testphase anschließend durch unbekannte Bilder ergänzt. Implizite Identifikationsleistungen umfassen das schnelle Erkennen der Bildfragmente und verweisen somit auf Bahnungseffekte. Beim expliziten Gedächtnistest sollen Probanden im Anschluss einer Bildidentifikation beantworten, ob dieses Bild zuvor bereits präsentiert wurde (Wiedererkennen als Indikator für eine explizite Gedächtnisleistung). Der explizite Gedächtnistest Mitchells zeigt durchgängig bedeutsame Unterschiede der Gedächtnisleistungen zwischen den verschiedenen Altersgruppen. Jüngere Erwachsene erzielen bessere explizite Gedächtnisleistungen, als Kinder und ältere Erwachsene. Im Gegensatz dazu unterliegen die impliziten Gedächtnisleistungen kaum irgendwelchen Altersunterschieden. Demzufolge existiert eine Altersunabhängigkeit impliziter und der Altersvariabilität expliziter Gedächtnisleistungen.[24]

Die Gedächtnisleistungen des impliziten Gedächtnisses bleiben demzufolge über die gesamte Lebensspanne hinweg weitgehend stabil. Dieser Effekt ist selbst dann nachweisbar, wenn mit zunehmendem Alter pathologische Beeinträchtigungen auftreten. Somit reagieren explizite und implizite Gedächtnissysteme vollkommen unterschiedlich. Es wird angenommen, dass implizite Gedächtnisleistungen auf basalen[25] Gedächtnissystemen beruhen, deren Funktion im Wesentlichen darin besteht, Reize zu registrieren und einfache Reiz-Reaktions-Verbindungen aufzubauen und anschließend zu speichern. Die Verarbeitung der perzeptiven Informationen erfolgt automatisch (unbewusst).[26]

Im Zusammenhang mit verschiedenen Therapieformen für die Demenzerkrankung ist das implizite Gedächtnis folglich von besonderer Bedeutung, da es weitgehend stabil bleibt. Außerdem können implizite kognitive Gedächtnisleistungen, aufgrund ihrer basalen, perzeptuellen und sensomotorischen Natur, vielfältig aktiviert und stimuliert werden, beispielsweise durch eine tiergestützte Therapie, Kunsttherapie, durch Massagen, Musik- und Rhythmustherapie, Milieugestaltung usw. Doch auch im Hinblick auf das explizite Gedächtnis ist zu sagen, dass durch Anwendung und Training die Gedächtnisinhalte länger erhalten werden können, beispielsweise durch Erinner-ungs- oder Konzentrationsübungen.

3. Eine kurze Beschreibung von Demenz

Der Begriff Demenz lässt sich aus dem lateinischen herleiten und bedeutet: de = weg und mens = Geist, Verstand.[27] Er wurde erstmals von den französischen Forschern Pinel und Esquirol verwendet und beschreibt eine von Hirnschäden hervorgerufene mentale Beeinträchtigungen und Idiotie.[28] Eine international anerkannte Definition wurde 1984 von einer Arbeitsgruppe von Neurowissenschaftlern und Ärzten in den USA ausgearbeitet:

„Demenz ist das Nachlassen des Gedächtnisses und anderer kognitiver Funktionen im Vergleich zu früheren Funktionsniveaus des Patienten, bestimmt durch eine Anamnese nachlassender Leistung und durch Anomalien, die anhand der klinischen Untersuchung und neuropsychologischer Tests festgestellt werden.

Die Diagnose Demenz kann nicht gestellt werden, wenn das Bewusstsein beeinträchtigt ist oder wenn andere klinische Anomalien eine adäquate Beurteilung des Geisteszustandes verhindern. Demenz ist eine auf Verhalten beruhende Diagnose und kann nicht durch einen Gehirn-Scan, ein EEG oder andere Laborinstrumente bestimmt werden, obwohl sich durch diese Mittel spezielle Ursachen der Demenz identifizieren lassen.“[29]

Demzufolge bezeichnet der Begriff Demenz eine Reihe von Krankheitsbildern mit verschiedener Ursache und unterschiedlichem Verlauf. „Wenn die Veränderungen eine Verschlechterung des gewohnten Leistungsniveaus des Betroffenen bewirken und den beruflichen und sozialen Alltag beinträchtigen, spricht man von einem Demenzsyndrom. Ausgehend von diesem Syndrom versucht man, die Ursache näher zu ergründen.“[30]

Somit wird die Begrifflichkeit Demenz vornehmlich auf eine weit gefasste, deskriptive Art verwendet. Dennoch findet eine grobe Aufteilung in zwei Hauptgruppen statt, die primären und die sekundären Demenzen. Primäre Demenzen werden von einer direkten Hirnschädigung verursacht. Dazu gehören die degenerative[31] Demenz (Alzheimererkrankung, 50% - 60% aller Demenzen), die vaskuläre[32] Demenz (die Multiinfarktdemenz, 15%), sowie verschiedene Mischformen (25%). Primäre Demenzen können außerdem in Zusammenhang mit anderen Krankheiten auftreten, beispielsweise der Pick-Krankheit, der Creuzfeld-Jakob-Krankheit, Chorea Huntington oder der Parkinson-Krankheit. Dabei wird zwischen einem leichten, mittleren und schweren Grad einer Demenzerkrankung unterschieden. Eine schwere Demenz liegt dann vor, wenn eine Person permanent Hilfe und Unterstützung bei der Alltags-bewältigung benötigt. In der Regel tritt eine solche Form der Demenzerkrankung nach dem 65. Lebensjahr auf, jedoch sind 10% der Erkrankten jünger als 60 Jahre. Diese Demenzform gilt (gegenwärtig) als irreversibel. Obwohl es möglicherweise weiterer Ausdifferenzierungen bedarf, z.B. darüber, wie groß der Einfluss der Begleit-erkrankungen auf die symptomatischen Auswirkungen einer primären Demenz ist.[33]

Die Alzheimerdemenz ist jedoch sicher auf biochemische Veränderungen zurückzuführen, die eine nachlassende Produktion der so genannten Überträgersubstanzen Acetylcholin und Serotonin auslöst. Diese sind dafür verantwortlich, dass kognitive Informationen innerhalb der Nervenzellen übertragen werden. Durch die nachlassende Produktion dieser Trägerstoffe kann es zu einer zunehmend schlechten Übertragung von Informationen oder zu Verlusten von Gedächtnisinhalten führen. Davon sind hauptsächlich die Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses und später auch die des Langzeitgedächtnisses betroffen.[34]

Sekundäre Demenzen werden hingegen als Folgedemenzen bezeichnet, da sie als direkte Folge einer anderen Erkrankung auftreten, beispielsweise infolge von Epilepsie, Intoxikation, Kohlenmonoxidvergiftung, Multipler Sklerose, hohem Blutdruck oder Vitamin-B12-Mangel. Bei sekundären Demenzen kann die Behandlung der ursächlichen Erkrankung eine Rückbildung der Beschwerden ermöglichen. Sekundäre Demenzen werden aus diesem Grund auch reversible Demenzen genannt, d.h. rückbildungsfähige Demenzerkrankungen. Sekundären Demenzen entsprechen 10% aller Demenzen im höheren Lebensalter. Demnach könnte jeder 10. dementiell erkrankte Mensch medizinisch ursächlich behandelt werden.[35]

Es wird also deutlich, dass Demenzerkrankungen in der Regel komplexe Ursachen haben. Um eine Diagnose sicherstellen zu können, muss grundlegend zwischen einer syndromalen (z.B. Gedächtnisverlust oder Intelligenzverlust) und einer ätiologischen (ursächlichen) Diagnose unterschieden werden. Das Demenz-Syndrom (kognitive Leistungseinbußen) wird in der Regel anhand von psychometrischen Testverfahren auf Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein geprüft. Doch erst eine umfassende, ganzheitliche Untersuchung der Erkrankung und ihrer Symptome kann die Fragen klären, um welche Art von Demenz es sich handelt, welche Ursachen der Demenz zugrunde liegen und welche Begleiterkrankungen möglicherweise vorliegen (z.B. Depressionen). „Heute werden mehr als 100 verschiedene Ursachen diskutiert, von denen die häufigste die vom Alzheimer Typ ist.“[36] Doch selbst bei einer diagnostischen Feststellung einer Alzheimerdemenz treten mögliche Ursachen und Symptome mitunter gemeinsam auf oder bedingen einander. Bei 15% aller auftretenden Demenzen liegen sowohl die für den Alzheimer Typ, als auch für die vaskuläre Demenz typischen symptomatischen Veränderungen vor. Somit ist der tatsächliche neurologische Zustand einer Person nicht immer von den Symptomen abzuleiten. Im folgenden Abschnitt sollen mögliche symptomatische Auswirkungen einer Demenz nun genauer betrachtet werden.

3.1 Die Symptome einer Demenzerkrankung

Neben der groben Aufteilung in verschiedene Demenzformen ist es für ein vollständigeres Verständnis der Erkrankung notwendig, die unterschiedlichen symptomatischen Auswirkungen näher zu betrachten. Falk zufolge umfassen solche Symptome kognitive Hirnleistungsstörungen, Verhaltensstörungen und Persönlichkeitsveränderungen. Kognitive Hirnleistungsstörungen beziehen sich, wie gesehen, zu Beginn der Erkrank-ung noch vornehmlich auf das Kurzzeitgedächtnis, im weiteren Verlauf jedoch auch auf das Langzeitgedächtnis. Dadurch wird die Informationsverarbeitung beeinträchtigt und gelernte oder erinnerte Gedächtnisinhalte können verloren gehen. Damit einhergehend sind Beeinträchtigungen des Ideenflusses und der Aufmerksamkeitsspanne erkennbar. Beginnend mit einzelnen Wortfindungsstörungen kann sich zudem eine sprachliche Verarmung (Aphasie) entwickeln, obwohl möglicherweise gleichzeitig ein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis besteht. Dies kann sich bis zu diversen oralen Automatismen oder Zwangsschreien steigern (globale Aphasie). Im Verlauf einer Demenzerkrankung werden auch Urteils- und Reflexionsfähigkeiten beeinträchtigt. Dadurch vermindert sich mitunter auch die zeitliche und örtliche Orientierungsfähigkeit einer Person. Mit weiterem Fortschreiten der Krankheit verliert die Person mitunter sogar die Orientierung zur eigenen Person. Schließlich erlischt sogar das Bewusstsein über das eigene Selbst, beispielsweise dem Spiegelbild. Diese Desorientierung geht mit einer steigenden Unfähigkeit einher, Gegenstände trotz vorhandenerer Sensorischer Fähigkeiten zu erkennen (Agnosie). In ähnlicher Weise verhält sich eine zunehmende Störung der Handlungsabläufe (motorische Aktivitäten), die, ungeachtet intakter Motorik, (kognitiv) nicht durchgeführt werden können (Apraxie). Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann sich auch das Bewegungsvermögen bis auf wenige stereotype Bewegungsautomatismen reduzieren. Oftmals erfahren Personen diese zunehmenden kognitiven Einschränkungen als schmerzlichen Beziehungsabbruch zu den Menschen und zu ihrer Umgebung.[37]

Im Folgenden beschreibt Arno Geiger sehr anschaulich den Zustand seines an Demenz erkrankten Vaters:

„Ich stelle mir Demenz in der mittleren Phase, in der sich mein Vater momentan befindet, ungefähr so vor: Als wäre man aus dem Schlaf gerissen, man weiß nicht, wo man ist, die Dinge kreisen um einen her, Länder, Jahre, Menschen. Man versucht sich zu orientieren, aber es gelingt nicht. Die Dinge kreisen weiter, Tote, Lebende, Erinnerungen, traumartige Halluzinationen, Satzfetzen, die einem nichts sagen – und dieser Zustand ändert sich nicht mehr für den Rest des Tages.“[38]

Im Verlauf einer Demenz treten auch Verhaltensstörungen und Persönlichkeitsveränderungen zum Vorschein, beispielsweise Störungen von Motivation und Antrieb. Dabei gilt der Antrieb als „eine vom Willen weitgehend unabhängige seelische Kraft, die alle Leistungen hinsichtlich Tempo, Intensität und Ausdauer steuert.“[39] Durch verminderten Antrieb und Motivation verlangsamt sich also das psychische Tempo. Betroffene sind mitunter schnell überfordert, bis hin zu Teilnahmslosigkeit. Solche Störungen können sich jedoch auch in motorischer Unruhe zum Ausdruck bringen, beispielsweise einem ziellosen Herumlaufen oder einem permanenten reiben der Hände. Zudem reagieren Personen auf die Auswirkungen einer Demenz häufig depressiv, ängstlich, misstrauisch oder frustriert. Solche depressiven Symptome treten entweder aufgrund von organischen Veränderungen auf (organische Demenz), oder weil die psychische Verarbeitung aufgrund zunehmender kognitiver Leistungseinbußen nachlässt (reaktiv depressive Störung). Es können außerdem illusionäre Verkennungen, Wahrnehmungsstörungen und Halluzinationen auftreten (häufig bei schlechter Beleuchtung). Somit sind bestimmte Verhaltensveränderungen kennzeichnend für akute Verwirrtheitszustände einer beginnenden oder fortgeschrittenen Demenzerkrankung.[40]

Es muss jedoch unterschieden werden, ob wahrnehmbare Symptome aufgrund einer primären Demenzerkrankung auftreten, oder ob sie verständliche (normale) Reaktionen darstellen. „So finden sich mehrheitlich beim Auftreten von verbaler oder körperlicher Aggressivität erklärbare Auslösesituationen, in denen es dem Betroffenen fast nicht anders möglich war, als in dieser Weise zu reagieren.“[41] Beispielsweise kann der gutmütig gemeinte Versuch einen Menschen mit Demenz zu duschen, von Betroffenen als aggressiver oder sexueller Akt verstanden werden, aufgrund dessen sie eine natürliche Abwehrreaktion zeigen. Es ist also vor jeder therapeutischen oder medikamentösen Intervention notwendig zu klären, ob beobachtbare Verhaltens-änderungen kognitiv bedingt oder auf andere Ursachen zurückzuführen sind.

Das Phänomen der Unruhe, in Form von ziellosem Umherlaufen, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Rufen oder Schreien, An- und Ausziehen, Sammeln und Verstecken, sexuelle Enthemmung oder Agitiertheit[42], führt beispielsweise häufig zu medikamentösen Therapieversuchen. Jedoch vermindern solche Therapieversuche die Symptome der Unruhe oftmals nur unzureichend oder führen Personen sogar zu einem apathischen Zustand (z.B. aufgrund von Beruhigungsmitteln). Um eine individuelle Therapie bzw. Umgangsform mit diesem Störungsbild zu finden, ist folglich eine detaillierte Betrachtung des Phänomens unerlässlich. Ein bedeutsames Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Einfluss des sogenannten Sonnenuntergangs-phänomens (engl. Sun-Downing). Es beschreibt eine „zunehmende Unruhe und eine Steigerung von Verhaltensauffälligkeiten von gerontopsychiatrisch Erkrankten gegen Abend.“[43] Besonders Menschen mit Demenz zeigen dann eine zunehmende Des-orientierung oder Agitiertheit, deren Verursachung nicht eindeutig erklärbar scheint. Es wird jedoch angenommen, dass solche Symptome vermutlich „in hormonellen Veränderungen, die einer Tagesrhythmik unterworfen oder in der zunehmenden Ermüdung begründet sind. Daneben dürften aber auch eine reduzierte körperliche Aktivität, eine geringere Lichtexposition und mangelnde Strukturierung durch fehlende Sozialkontakte am Abend eine Rolle spielen.“[44] Ursachen und Symptome von Un-ruhezuständen (oder anderen Verhaltensänderungen) sind somit nicht lediglich auf bestimmte kognitive Einschränkungen zurückzuführen. Darüber hinaus existieren Zustände und Symptome, die denen einer Demenzerkrankung entsprechen oder die den Verlauf einer Demenz mitunter verstärken können, die mit der Erkrankung aber nur indirekt zusammenhängen. Deren Bedeutung soll nun im folgenden Abschnitt genauer betrachtet werden.

3.2 Depression und andere Zustände, die eine Demenz verstärken

Werden sich Menschen mit Demenz des Verlustes ihrer kognitiven und psychischen Ressourcen im Verlauf der Erkrankung bewusst, treten häufig Trauerreaktionen auf. Beispielsweise wenn Betroffene versuchen, sich an einen Namen, eine Stadt oder eine Jahreszahl zu erinnern, und ihnen dieses einfach nicht mehr gelingt. Solche Trauer-reaktionen verweisen auf die enge Verbindung zwischen den Erkrankungen Demenz und Depression. Denn auftretende Verhaltensauffälligkeiten, Konzentrations- und Gedächtnisschwächen können gleichermaßen auch Begleitsymptome einer eigen-ständigen, depressiven Veränderung (psychischen Störung) sein. Weitere gemeinsame Symptome einer Depression und einer Demenz sind: gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Verminderung des Antriebs, Aktivitätseinschränkung, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, pessimistische Zukunftsperspektiven, Schlafstörungen, Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid, verminderter Appetit usw. Zuletzt werden auch die Depressionen in leichten, mittleren und schweren Ausprägungsgraden differenziert.[45]

Darüber hinaus können beide Erkrankungen, Demenz und Depression, auch gemeinsam auftreten. Kitwood spricht in diesem Zusammenhang von einer „Pseudo-demenz“[46], eine Depression mit kognitiven Störungen. „Unter denen, die lange Zeit in einer Einrichtung verbracht haben und mit dem Label Demenz versehen wurden, ist unter Umständen eine beträchtliche Anzahl, deren Ausgangsschwierigkeiten von einer Depression herrühren, die niemals erkannt oder behandelt wurde.“[47]

Demnach stellt es stets eine schwierige Aufgabe dar, in einem individuellen Fall die Diagnose Demenz zu stellen und zugleich eine genaue Vorstellung von der damit einhergehenden Pathologie zu haben. Denn viele psychologische Methoden bieten lediglich eine grobe Einschätzung des kognitiven Leistungsvermögens zu einem bestimmten Zeitpunkt. Frühere kognitive Niveaus einer Person werden dabei häufig nicht berücksichtigt. Demnach kann auch nicht sicher festgestellt werden, wie groß der kognitive Verlust im Vergleich zu früheren Niveaus einer Person tatsächlich ist. Profan ausgedrückt, scheint es bei solchen Tests irrelevant zu sein, ob der Mensch mit Demenz früher ein Professor war, der beständig hohe kognitive Leistungen erbringt, oder ein Handwerker, der im Lebensverlauf vornehmlich seine physischen Fähig-keiten gebraucht. Wie im Abschnitt Gedächtnisentwicklung außerdem gezeigt wurde, können sich die kognitiven Fähigkeiten einer Person im Verlauf des Lebens generell verändern.[48]

Aus diesem Grund geht Kitwood davon aus, dass mit einem fortschreitenden Wissen über die Demenzerkrankung, auch die medizinische Wissenschaft nach feiner unterteilten und subtileren Formen der Klassifikation suchen müsse. Denn bisherige Standardtests erfassen ausschließlich die kognitiven Beeinträchtigungen einer Demenz. Dabei verlaufen die psychischen Symptome einer Demenz nicht notwendigerweise proportional zu den kognitiven Symptomen. Sie können sich eigenständig über längere Phasen hinweg zurückbilden, verstärken oder verändern.

„So kann sich ein Betroffener über Monate hinweg ängstlich oder deprimiert zeigen, im weit-eren Verlauf aber eine durchgängig ausgeglichene Stimmung präsentieren, unabhängig vom Einsatz etwaiger Medikamente. Die Schwierigkeit besteht darin, die zu beobachtenden Symptome von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen. In der Regel gelingt dies nur in der genauen Beobachtung und Dokumentation der Dauer, des Verlaufs, der Auslöse-situation und unter Berücksichtigung der Biografie des Betroffenen.“[49]

Kitwoods weiterer Ausführung zufolge gibt es auch ein breites Spektrum an phy-sischen Zuständen, die eine demenz-ähnliche Verwirrtheit hervorrufen können oder die das Potenzial besitzen, die Symptome einer primären Demenz zu verstärken. Beispielsweise können sensorische Beeinträchtigungen (wie Taubheit oder Blindheit) Personen radikal von der (sozialen) Umgebung ausgrenzen. Ebenso kann eine Phase anhaltenden körperlichen Schmerzes für Personen, beim Versuch diese zu bewältigen, zu einer Hauptbeschäftigung werden. Ein medikamentös bedingter, chronischer Verwirrtheitszustand kann durch eine Überdosierung oder Wechselwirkungen von Medikamenten ausgelöst werden, beispielsweise infolge von Wiederholungsrezepten, ohne das die Medikation als Ganzes neu überprüft wird. Folglich könnte es zu Fehleinschätzungen der tatsächlichen Beeinträchtigung von Personen kommen. Eine Diagnose sollte daher so lange als vorläufig betrachtet werden, bis alle psychischen und physischen Probleme erkannt und, soweit möglich, ursächlich behandelt werden.[50]

Aufgrund eines Arbeitsauftrags des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung, führten Hirsch und Kastner eine Stichtagserhebung von 3107 Heimbewohnern an 33 Altenpflegeheimen aus sechs Regionen Deutschlands durch. Die Untersuchung galt dem Versuch, gerontopsychiatrische Krankheitsbilder anhand des ICD10 Klassifikationsverfahrens und in Ergänzung von Leitsymptomatik und therapeutischen Interventionen zu erfassen. Dabei wurde festgestellt, dass bei 65% der Bewohner eine psychische Erkrankung diagnostiziert werden kann. Davon entsprechen 69% organischen psychischen Störungen (Demenzerkrankung), 14% affektiven Störungen (Depressionen) und 11% schizophrenen Störungen (Psychosen). Von der Gesamtzahl der psychisch Erkrankten Heimbewohner sind über 20 % von zwei oder mehr psychischen Erkrankungen und 73% von mindestens einer weiteren körperlichen Erkrankung betroffen. Es wird also deutlich, dass sowohl physische, psychische, emotionale, als auch kognitive Aspekte von Personen in eine ganzheitliche Betrachtung der Demenzerkrankung einzubeziehen sind.[51]

3.3 Das Standardparadigma von Demenz nach Kitwood

Kitwood versteht die wahre Natur von Demenz als ein fortlaufendes Wechselspiel (Dialektik) zwischen den neuropathologischen und sozialpsychologischen Faktoren. Er kritisiert in diesem Zusammenhang, dass das Studium der Demenz bislang vornehmlich von Forschungsarbeiten in Disziplinen der Anatomie, Physiologie, Biochemie, Pathologie oder der Genetik dominiert wurden. Denn solche neuropatho-logischen Beschreibungen tendieren dazu, sich auf die organische Grundlage einer Demenz zu reduzieren (medizinisches Modell der Demenz). Infolgedessen erzeugen sie vereinfachte, unvollkommene Beschreibungen der komplexen Demenz-erkrankung, die Kitwood, wie oben gesehen, als Pseudodemenzen bezeichnet.

Der Begriff des Standardparadigmas bezieht sich demnach auf die gängige Hypothese des medizinischen Modells von Demenz, dass ein Faktor oder Faktoren X zu neuropathischen Veränderungen und diese zu Demenz führen (Theorie der Verursachung). Alle geistigen und emotionalen Symptome wären demnach das direkte Ergebnis einer Reihe katastrophaler Veränderungen im Gehirn, welche unausweichlich zum Ab-sterben von Hirnzellen führen. Solche Degenerationen gelten als irreversibel und verursachen ausschließlich eine Verschlechterung des gesamten Zustandes einer Person. Kitwood kritisiert: „Diese Standardisierung und die damit einhergehende Einengung der Variationsbreite tragen letztlich zur Ausschaltung derjenigen Störgrößen bei, welche eher im persönlich individuellen Bereich anzusiedeln wären.“[52] Das Standard-paradigma einspricht folglich einem schlichten Reduktionismus, der den Einfluss der (sozialen) Umgebung auf Personen vollends ignoriert.

Kitwoods dialektisches Modell von Demenz umfasst auch epigenetische Aspekte von Entwicklung. Demzufolge gibt es aufgrund von Lernen und Erfahrung individuell große Unterschiede im Entwicklungsgrad der Nervenstruktur von Personen. Somit gilt das Gehirn als entwicklungsbedingtes plastisches Organ, das keiner statischen Verschlechterung unterworfen sein kann. Folglich kann es auch keine monokausale Theorie geben, die den zukünftigen Zustand einer Person (mit Demenz) sicher voraussagen könnte.[53]

„Weder seitens des Standardparadigmas noch seitens der begleiteten Forschung erhalten wir irgendeine Empfindung für die realen Personen in der Vielfalt ihres jeweiligen Hintergrunds, ihrer Persönlichkeit und ihres Alltags (…) Es lässt den Pflegeprozess vage, undurchsichtig und ohne theoretischen Hintergrund und besagt damit auch, dass keine besondere Verbesserung eintritt, solange es nicht zu einem medizinischen Durchbruch kommt. Implizit nährt das Standardparadigma damit eine extrem negative und deterministische Sichtweise, die sich in dem gängigen Image des ‚Tods, der den Körper zurücklässt’ und in der Überschrift eines Artikels in einer Publikumszeitschrift – ‚Alzheimer – keine Heilung, keine Hilfe, keine Hoffnung’ – zusammenfassen lässt.“[54]

In diesem Zusammenhang verweisen auch einige Beiträge im Journal of Dementia Care auf den dialektischen Prozess von Demenz und auf die positiven Auswirkungen einer person-zentrierten Pflege. Es wird gezeigt, dass ungeachtet von kognitiven Beeinträchtigungen sich verschlechternde Situationen ins Gegenteil kehren und Wohl-befinden von Personen erhalten werden kann. Dabei gilt die Bewahrung des Personseins als zentrale Aufgabe der Demenzpflege. Es bedarf also eines Bezugsrahmens, der persönliches Erleben, Sozialpsychologie und damit einhergehend auch die Hirnfunktionen in sich aufzunehmen vermag.[55]

4. Der Person-zentrierte Ansatz Kitwoods

Um ein genaueres Verständnis für das Verhalten von Personen (während des Verlaufs einer Demenzerkrankung) erhalten zu können, muss zunächst betrachtet werden, was Personsein eigentlich bedeutet. In seinen Ausführungen beschreibt Kitwood Personsein als einen „Stand oder Status, der dem einzelnen Menschen im Kontext von Beziehungen und sozialem Sein, von anderen verliehen wird. Er impliziert Anerkennung, Respekt und Vertrauen.“[56] Personsein gilt demzufolge als zugeschriebener Status, ob Personsein anerkannt wird oder nicht, hat (empirisch) überprüfbare Folgen, beispielsweise in seinen Auswirkungen auf das Wohlbefinden.[57]

Häufig spricht die soziale Umgebung, Angehörige und Freunde von einer Persönlichkeitsveränderung bei Menschen mit Demenz. Viele behaupten sogar, dass es die Person, die sie einst kannten und liebten, nicht mehr gibt. Die soziale Umgebung beginnt infolge einer solchen Betrachtungsweise, Betroffenen eine abweichende Identität zuzuschreiben. In Anlehnung an den Etikettierungsansatz wird dabei deutlich, dass das Phänomen der Abweichung, zu dem in dieser Arbeit auch die Demenz zu zählen ist, nicht allein aus dem Abweichen von bestimmten Normen resultiert (z.B. normales Altern). Vielmehr beruht dieses Phänomen auf Prozessen sozialer Definitionen. Genauer betrachtet gilt eine Abweichung somit nicht als einem bestimmten Verhalten innewohnendes Merkmal, sondern als Merkmal, welches diesem Verhalten durch die Interaktionspartner zugeschrieben wird. Dementsprechend gelten die Interaktionspartner als entscheidende Variable für das Auftreten einer Abweichung und nicht der abweichend Handelnde selbst.[58]

Eine wesentliche Konsequenz der Zuschreibung einer abweichenden Identität besteht darin, dass Betroffene von ihrer abweichenden Rolle „erdrückt“ werden. Dadurch können sich personale Identität (das Selbstbild) und Verhalten zunehmend um diese Rolle herum organisieren. Betrachtet schließlich das gesamte soziale Umfeld den Menschen mit Demenz ausschließlich als Kranken, von dessen ursprünglicher Persönlichkeit nicht viel erhalten geblieben ist, erleben Betroffene dies häufig als tragischen Beziehungsabbruch (auch zur eigenen Person). Wie gesehen, können sich dadurch mitunter die Symptome einer Demenz verstärken. Der „Rollen-Druck“ ist somit Ausdruck für die sozial-psychologische Wirkung von sozialen Definitionen oder Reaktionen auf Menschen (mit Demenz).[59]

Doch was Menschen mit Demenz mitunter wirklich empfinden, zeigt das folgende Beispiel von McGowing sehr treffend:

„Wenn ich nicht länger eine Frau bin, warum fühle ich mich dann noch immer so? Wenn ich nicht mehr wert bin, gehalten zu werden, warum sehne ich mich danach? Wenn ich nicht länger empfindsam bin, warum freue ich mich an der Weichheit von Seide auf meiner Haut? Wenn ich nicht länger sensibel bin, warum lassen bewegende lyrische Lieder eine Saite in mir erklingen? Jedes Molekül in mir scheint zu schreien, dass es mich wirklich gibt, und dass diese Existenz von irgendjemandem gewürdigt werden muß! Wie kann ich den Rest dieser Reise ins Unbekannte ertragen ohne jemanden, der dieses Labyrinth an meiner Seite durchwandert, ohne die Berührung eines Mitreisenden, der mein Bedürfnis nach Selbstwert versteht?“[60]

In diesem Zusammenhang bezieht sich Kitwood auf die erfahrungsorientierte Herangehensweise des österreichisch-israelischen Religionsphilosophen Buber. Dieser kreist in seinem Werk Ich und Du (1922) um den Kontrast zwischen zwei Formen des In-der-Welt-Seins und des In-Beziehung-Lebens, wobei er die erste Form mit Ich-Es und die zweite mit Ich-‚Du’[61] bezeichnet. Eine Beziehung im so genannten Ich-Es-Modus impliziert Kühle, Distanz und Instrumentalität. „Es“ bedeutet, dass die andere Person vornehmlich als Objekt betrachtet wird, anstatt als vollwertige Person. Somit treten diese Personen, während ihrer Interaktion nicht wirklich in Beziehung miteinander. Der Ich-Du-Modus hingegen impliziert das Auf-den-anderen-Zugehen, das Sich-Öffnen, Zärtlichkeit, Präsenz, Spontaneität und Bewusstheit in einer Begegnung. Eine solche Begegnung soll frei davon sein, einem Zweck zu dienen oder einen Plan zu verfolgen. Sie gilt als einzig wahre Begegnung, als eine Reise in unerschlossenes Gebiet, als Weg zu Erfüllung und Freude. Einer seiner berühmtesten Aussprüche in diesem Zusammenhang lautet: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“[62] Mit einem solchen „Du“ angesprochen und als ein „Du“ behandelt zu werden, gilt als notwendige Vorraussetzung für Personsein. Dementsprechend ist Personsein nicht lediglich auf ein kognitives Vermögen zurückzuführen, sondern kann im Sinne von Beziehungen verstanden werden. Dabei gilt, dass auch bei schwerer kognitiver Beeinträchtigung eine Ich-Du-Form der Begegnung und des In-Beziehung-Tretens möglich ist.[63]

In diesem Zusammenhang behauptet der person-zentrierte Ansatz, dass in einem optimalen Kontext von Pflege und Fürsorge jedes Fortschreiten der neurologischen Beeinträchtigung (NB), das bei einer nicht-unterstützenden (maligne) Sozialpsychologie potenziell schädigend sein kann, durch positive Arbeit an der Person (PAP) kompensiert werden könnte. Es gilt, dass analog zum Fortschreiten von neurologischen Beeinträchtigungen mehr positive Arbeit geleistet werden muss. Die positive Arbeit besteht aus verschiedenen Interaktionen, die unterschiedliche psychische Grundbedürfnisse befriedigen. „Die Erinnerung ist unter Umständen verblasst, aber etwas von der Vergangenheit wird noch gewusst. Die Identität bleibt intakt, weil andere sie festhalten. Gedanken sind unter Umständen verschwunden, aber noch immer gibt es zwischenmenschliche Prozesse.“[64] Person-zentrierte Pflege eröffnet somit die Möglichkeit Personsein, und damit einhergehend hohe Grade des relativen Wohlbefindens, über den gesamten Verlauf einer Demenzerkrankung hinweg erhalten zu können.

4.1 Die Bedürfnisse von Personen (mit Demenz)

Im Zusammenhang mit der von Kitwood oftmals geforderten Entpathologisierung[65] der Demenz, werden Erlebnis- und Verhaltensweisen von Betroffenen nicht länger ausschließlich als Ausdruck einer Krankheit, sondern auch als Ausdruck von individuellen Bedürfnissen und Entwicklungen verstanden. Kitwood verwendet die Begrifflichkeit Bedürfnis wie folgt: „das ein Mensch ohne dessen Befriedigung nicht einmal minimal als Person funktionieren kann.“[66] Denn Bedürfnisse gründen in der evolutionären Vergangenheit des Menschen und werden innerhalb eines spezifischen kulturellen Rahmens ausgedrückt und als Verlangen erlebt. Dabei gelten die unterschiedlichen menschlichen Bedürfnisse als gleichbedeutend untereinander und in enger Verbindung miteinander.

Das universelle Bedürfnis nach Liebe bildet die Basis aller Bedürfnisse. In diesem Zusammenhang versteht Frena Gray-Davidson unter Liebe ein verzeihendes, erwartungsfreies und bedingungsloses emotionales Geben, und erklärt: ohne Liebe „können wir nicht mit der Alzheimerkrankheit leben.“[67] Zudem stellt Kitwood fünf psychische Grundbedürfnisse von Personen vor, die im zentralen Bedürfnis nach Liebe gründen: Trost, Primäre Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität. Da die Grenzen zwischen den einzelnen Bedürfnissen verschwimmen, wirkt sich die Erfüllung eines Bedürfnisses auch zugleich positiv auf die Anderen aus. Da Menschen mit Demenz oftmals nicht die notwendigen Initiativen ergreifen können, um sich ihre Bedürfnisse selbstständig zu erfüllen, steigt mit fortschreitender kognitiver Beeinträchtigung auch die Intensität (Verlangen) eines (unbefriedigten) Bedürfnisses. Im Folgenden sollen die Grundbedürfnisse von Personen nun näher erläutert werden.[68]

Menschen empfinden das Bedürfnis nach Trost und somit nach Zärtlichkeit, Sicherheit, Wärme, Nähe und nach Linderung von Schmerzen. „Bei Demenz dürfte das Bedürfnis nach Trost wohl besonders groß sein, wenn eine Person mit einem Gefühl von Verlust ringt, ganz gleich, ob es durch den Tod eines geliebten Menschen, das Versagen von Fähigkeiten oder das Ende eines lang gehegten Lebensstils ausgelöst wird.“[69] In den ersten Lebensjahren eines Menschen, in denen die Welt mit Unsicherheit und Ängsten erlebt wird, bilden primäre Bindungen ein notwendiges Sicherheitsnetz, etwa die Mutter-Kind-Bindung. „Der Verlust einer primären Bindung untergräbt das Gefühl von Sicherheit, und wenn innerhalb kurzer Zeit mehrere Bande reißen, kann dies verheerende Auswirkungen haben.“[70] Wie gesehen, können vielfältige psychische, physische, emotionale und kognitive Verlusterfahrungen im Verlauf einer Demenzerkrankung, Betroffenen das Gefühl eines Beziehungsabruchs zu sich selbst und zu ihrer (sozialen) Umgebung vermitteln. Infolgedessen kann das Bedürfnis nach primär-er Bindung sogar ähnlich intensiv ausgeprägt sein, wie in der Kindheit. Das Ver-langen nach einer solchen Bindung entspricht einer Art evolutionären Überlebenstriebs.

[...]


[1] Vgl. Hasselhorn, M., Alter und Altern, 1998, S.424

[2] Vgl. Faltermaier, T., Mayring, P., Saup, W. und Strehmel, P., Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters, 2004, S.45

[3] Vgl. Faltermaier, T., Mayring, P., Saup, W. und Strehmel, P., a.a.O., 2004, S.44f

[4] Vgl. Faltermaier, T., Mayring, P., Saup, W. und Strehmel, P., a.a.O., 2004, S.47

[5] Erikson, E.H., Kindheit und Gesellschaft, 1988, S.86f

[6] Erikson, E.H., a.a.O. , 1988, S.263

[7] Erikson, E.H., a.a.O. , 1988, S.263

[8] Faltermaier, T., Mayring, P., Saup, W. und Strehmel, P., a.a.O., S.47

[9] Adaption = Anpassung

[10] Vgl. Lindenberger, U., Erwachsenenalter und Alter, 2001, S.350

[11] Vgl. Hasselhorn, M., a.a.O. , 1998, S.424

[12] Vgl Linderberger, U., a.a.O., 2001, S. 353f

[13] Lang, F.R., Neyer, F.J. und Asendorpf, J.B., Entwicklung und Gestaltung sozialer Beziehungen, in: Tier und Staudinger, Entwicklungspsychologie des mittleren und höheren Erwachsenenalters, 2005, S.388

[14] Vgl Linderberger, a.a.O., 2001, S.353f

[15] Lang, F.R., Neyer, F.J. und Asendorpf, J.B., a.a.O., 2005, S.388f

[16] Lang, F.R., Neyer, F.J. und Asendorpf, J.B., a.a.O., 2005, S.400

[17] Lang, F.R., Neyer, F.J. und Asendorpf, J.B., a.a.O., 2005, S.390

[18] Vgl. Knopf, M., Gedächtnisentwicklung im Verlauf der Lebensspanne, 1998, S.520

[19] Vgl. Knopf, M., a.a.O., 1998, S.519f

[20] Knopf, M., a.a.O., 1998, S.542

[21] Vgl. Knopf, M., a.a.O., 1998, S.519-524

[22] Der Begriff Perzeption umfasst Vorgänge des Auffassens, Erkennens und Beurteilens, also die gedankliche Verarbeitung des Wahrgenommenen. Hierzu gehört eine willentliche Zuwendung der Aufmerksamkeit. Die Perzeption im weiteren Sinne umfasst dagegen auch unbewusste und emotionale Vorgänge des Empfindens. Der Begriff wurde in der Stoa zur Kennzeichnung einer klaren und unfehlbaren Wahrnehmung verwendet.

[23] Knopf, M., a.a.O., 1998, S.539

[24] Vgl. Knopf, M., a.a.O., 1998, S.540

[25] Von lat. basal = grundlegend und voraussetzungslos. Es umfasst Wahrnehmungsbereiche, primäre Körper- und Bewegungserfahrungen sowie Herausbildung einer individuellen non-verbalen Mitteilungsform (Kommunikation).

[26] Vgl. Knopf, M., a.a.O., 1998, S.540f

[27] Falk, J., Basiswissen Demenz, 2004, S.32

[28] Feil, N. und Klerk-Rubin, V., Validation. Ein Weg zum Verständnis verwirrter alter Menschen, 2010, S.45

[29] McKhann G., Drachmann, D., und Folstein, M., Clinical diagnosis of Alzheimer`disease: report for NINCDS-ADRDA work group, Neurology , 34, 1984, S. 939-944

[30] Kastner, U. und Löbach, R., Handbuch Demenz, 2010, S.9

[31] Bedeutet eine in der Regel unumkehrbare Rückbildung von Gewebe und Organen - eine langsam oder in Schüben verlaufende Zersetzung von Hirnstrukturen. Kitwood deutet diesen Begriff in sozialpsychologischer Hinsicht um: als bösartige, entwürdigende Umgangsweise (maligne Sozialpsychologie) eines Umfelds mit Menschen mit Demenz, die dazu beiträgt, deren Würde zu beeinträchtigen, sodass sich betroffene Personen zunehmend zurückziehen, sich nichts zutrauen und erst dadurch ihre Ressourcen und Fähigkeiten verlieren.

[32] gefäßbedingte Demenz

[33] Vgl. Falk, J., a.a.O., 2004, S.37f

[34] Vgl. Kruse, A. und Wahl, H-W., Zukunft Altern. Individuelle und gesellschaftliche Weichenstellungen, 2009, S.102

[35] Vgl. Falk, J, a.a.O., 2004, S.39

[36] Kitwood, T., Demenz: Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit Verwirrten Menschen, 2008, S.229

[37] Vgl. Falk, J., a.a.O., 2004, S.34f

[38] Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil, 2011, S.8f

[39] Falk, J., a.a.O., 2004, S.35

[40] Vgl. Kastner, U. und Löbach, R., a.a.O., 2010, S.14f

[41] Kastner, U. und Löbach, R., a.a.O., 2010, S.16

[42] Eines der wichtigsten sekundären Symptome einer Demenzerkrankung, neben Depression und Aphatie. Bedeutet eine getriebene Unruhe und Erregtheit, welche eine Person nicht zur Ruhe kommen lässt. Typische Symptome sind: Aufstehen und Gehen, beständiges Fragen und Suchen, sowie Kramen und Räumen.

[43] Kastner, U. und Löbach, R., a.a.O., 2010, S.17

[44] Kastner, U. und Löbach, R., a.a.O., 2010, S.17

[45] Vgl. Falk, J., a.a.O., 2004, S.28-30

[46] Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.48

[47] Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.49

[48] Vgl. Kitwood, T., a.a.O, 2008, S.49-54

[49] Vgl. Kastner, U. und Löbach, R., a.a.O., 2010, S.13f

[50] Vgl. Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.58-60

[51] Vgl. Kastner, U. und Löbach, R., a.a.O., 2010, S.5f

[52] Voss, F., Pflegerisch-medizinische Arbeit im formal organisierten Sozialsystem des Krankenhauses, 1993, S. 107

[53] Vgl. Kitwood, T., a.a.O., S.39-40, 2008, 60-82

[54] Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.63

[55] Vgl. Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.91-94

[56] Vgl. Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.27

[57] Vgl. Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.55

[58] Vgl. Erikson, K.T., Notes on the Sociology of Deviance, 1962, S.308

[59] Vgl. Schur, E.M. Abweichendes Verhalten und soziale Kontrolle – Etikettierung und gesellschaftliche Reaktionen., 1974, S.67-69

[60] McGowin, D.E., Living in the Labyrinth, 1993, S.123-124

[61] Gemeint ist hier und im folgenden das altertümliche, wesentlich person-bezogenere „Thou“, nicht das heute übliche, anonymere „you“; Anm. d. Ü.

[62] Buber, M., Ich und Du, 1999, S.12

[63] Vgl. Buber, M., a.a.O., 1999, S.9-12

[64] Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.103

[65] Exemplarisch für die Entpathologisierung steht die Homosexualität, die erst als Verbrechen, dann als Krankheit und heute als „normal“ anzusehen ist.

[66] Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.121

[67] Gray-Davidson, E., The Alzheimer Sourcebook for Caregivers, 1993, S.161

[68] Vgl. Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.121f

[69] Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.123

[70] Kitwood, T., a.a.O., 2008, S.123

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Titel: Die Bedeutung Sozialer Arbeit für Menschen mit Demenz