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Der deutsche Idealismus

Zentrale Fragen, deren Beantwortung durch die Idealisten und ihre Staatstheorien

Essay 2012 9 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Der Deutsche Idealismus

Zentrale Fragen, deren Beantwortung durch die Idealisten und ihre Staatstheorien

„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“, schreibt Georg Friedrich Wilhelm Hegel in „Phänomenologie des Geistes“[1]. Und so setzt er in seinen Denksystemen, wie andere Philosophen des Deutschen Idealismus' auch, so wenig wie möglich als bekannt voraus und fragt nach der „Universalität des Logos“[2]. Sie hinterfragen die Wahrnehmung und dadurch die gegenständliche Welt selbst.

Zum Deutschen Idealismus zählt man den zitierten Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Johann Gottlieb Fichte. Strittig ist die Zuordnung Immanuel Kants. Einige Interpreten wie Rüdiger Bubner und Hans Jörg Sandkühler sehen auch Kant durch eine ähnliche Auswahl an bearbeiteten Themen als deutschen Idealisten. Ich würde mich aber dem Standpunkt von Gerhard Gamm anschließen und Kant lediglich als Ausgangs- und Anknüpfungspunkt der Deutschen Idealisten sehen.[3] Die drei unstrittigen Denker beziehen sich zwar immer wieder auf Kant, führen sein Denken aber weiter.

Ein weiteres Argument gegen die Zuordnung Kants zu dieser Strömung ist der fehlende Austausch. Schelling und Fichte hatten zur gleichen Zeit einen Lehrstuhl an der Universität in Jena, den beide wegen des Vorwurfs der Verbreitung atheistischer Gedanken verloren. Die anschließende gemeinsame Arbeit von Schelling mit Hegel, während der sie in regem Briefkontakt mit Fichte standen, manifestiert sich in der gemeinsam herausgegebenen Zeitschrift „Kritisches Journal der Philosophie“ (1802-1803).

Zwischen Hegel, Schelling und Fichte gibt es Bezüge und Rückbezüge, ihre Theorien weisen parallele Argumentationsgänge auf. Trotzdem führen diese nicht selten zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen und Ansichten. Ich werde diese im folgenden Essay gegenüberstellen.

Konzentrieren werde ich mich auf die Rolle des Absoluten.

Anschließen werde ich mit einem Vergleich der Vorstellungen des idealen Staats von Hegel, Fichte und Schelling. Abschließen werde ich mit der Rezeption.

Beginnen möchte ich aber mit der Begriffserklärung des „Deutschen Idealismus“.

Wie viele Epochen- oder Strömungsnamen ist der Begriff „Deutscher Idealismus“ keine Selbstbezeichnung sondern eine nachträgliche Benennung. Namensgeber sind Karl Marx und Friedrich Engels in „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik“, veröffentlicht 1845.

Ontologisch geht der Begriff „Idealismus“ von der Existenz rein geistlicher Instanzen aus, die sich nicht auf rein materialistische Strukturen zurückführen lassen. Des Weiteren behauptet der bloße Begriff erkenntnistheoretisch die Abhängigkeit der gegenständlichen Welt von der Wahrnehmung und Vorstellung eines Subjekts, eines Ichs.

Außerdem ist „Idealismus“ in der Dichotomie mit „Materialismus“ zu verstehen, die Christian Wolff 1740 einführte.[4] Für Wolff zeichnet sich der Idealismus durch die Leugnung der Existenz realer Körper und der Welt aus.

Zentrale Frage im Deutschen Idealismus ist die nach dem Absoluten, das die Idealisten als den Gegenstand philosophischer Erkenntnis betrachteten. Es ist das Gesamte der Welt; das, was Endliches und Unendliches verbindet und letztendlich der Grund für alle Einheit. Den Weg zum Absoluten oder dessen Manifestation sehen Hegel, Fichte und Schelling unterschiedlich.

Fichte stellt in „Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre“ (1794) heraus, dass wir Menschen das „Absolute wohl nie erfassen werden, wenn wir es nicht leben und treiben“.[5] Das Absolute ist also nichts, das theoretisch greifbar ist, sondern sich in einem Tätig-sein offenbart. Und dieses ist für Fichte das „ursprünglich schlechthin sein eigenes Ich setzen“[6] des Ichs, des endlichen Menschen. Erst in der Unterscheidung von einem Nicht-Ich, das sich das Ich selbst entgegensetzt, kann sich das Ich auf sich selbst beziehen. In dieser Relation konstituiert das Ich also das Nicht-Ich und bestimmt durch seine Einordnung und Wahrnehmung die Welt um sich herum. Somit liegt das Absolute im Individuum und in dessen Handlung des Setzens. Das Ich ist die erste und letzte Instanz mit seiner subjektiven Wahrnehmung. Wennjedes Ich seine Welt konstituiert kann es kein faktisches Wissen geben.

In einer Überarbeitung der Wissenschaftslehre von 1801 relativiert Fichte das Wissen des Ichs als Reflexion eines göttlichen Absoluten, verortet das Absolute also nicht im Ich sondern transzendental. Das Absolute unterscheidet sich in dessen Wesen und seinem Abbild, wobei sich das Wesen aus dem Abbild, dem Urbild, formt. Er bleibt also der Manifestation des Absoluten im Tätig­sein treu, in dem sich das Absolute in seiner Reflexion offenbart, „als ein Sicherscheinen im faktischen Wissen.“[7]

Die Suche nach dem Absoluten ist für Schelling die nach etwas Unbedingtem, das nicht verdinglicht werden kann. Es ist nicht durch Objekte bedingt, sondern durch Freiheit gesetzt.[8] Dieses Unbedingte sieht er im absoluten Ich und dessen „jederzeit aktualisierbare Möglichkeit (...), sich auf sich selbst verhalten zu können.“[9] Das Ich bringt sich „durch sein Denken selbst - aus absoluter Kausalität - hervor.“[10] Die Unendlichkeit des absoluten Ichs (der Geist) wird eingeschränkt durch das irdische Dasein, die Natur. Deren Struktur ist nicht, wie bei Fichte, Produkt der Setzung als Nicht-Ich, sondern objektiv. Schelling sieht Ich und Natur als gleichwertige Gegenüber, deren absolute Identität die absolute Vernunft („Identität der Identität“) bestimmt.

Diese Anschauung ist an den Spinozismus angelehnt, der besagt, dass Materie und Geist nicht getrennt voneinander zu betrachten sind, sondern als Teil einer gemeinsamen Substanz.[11] Für den Namensgeber dieses Weltbilds, Baruch de Spinoza (1632-1677), ist diese Substanz, die alles in sich vereint und neben der nichts existiert Gott oder die Natur.

Problematisch an dieser Weltanschauung für Schelling ist die Rolle der menschlichen Freiheit. Für ihn schafft der Mensch sich die Freiheit im Streben nach Unbedingtheit und unveränderlicher Selbstsein als eine „unendliche Aufgabe“.[12] Es geht für Schelling also nicht um das Absolute im individuellen Menschen, sondern um das Unbedingte, das Absolute der Existenz der Menschheit: die Freiheit.

Hegel verbindet die Dualismus-Vorstellung Kants mit der Subjektivität Fichtes. Er sieht das Subjekt in der Anschauung der Substanz (der Welt) in einem Prozess, in dem sich beide einander annähern und verändern.[13]

[...]


[1] G.W.F. Hegel: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt/M 1970. S. 28

[2] Gerhard Gamm, Der Deutsche Idealismus, Eine Einführung in die Philosophie von Fichte, Hegel, Schelling,

Stuttgart 1997, S.11

„Kants Philosophie rechnet man in der Regel nicht zum Deutschen Idealismus.“ aus: Gerhard Gamm, Der Deutsche Idealismus, Eine Einführung in die Philosophie von Fichte, Hegel, Schelling, Stuttgart, 1997, S.11

[4] Christian Wolff, Jus naturae methodo scientifica pertractatum, Band 2, S. 449

[5] I.H. Fichte (Hrsg.), Fichtes Werk, Band 6, Die Wissenschaftslehre, Vorgetragen 1804, Berlin 1965, S.305

[6] ebd. Band 1, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre als Handschrift für seine Zuhörer (1795), S. 98

[7] Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.), Handbuch Deutscher Idealismus, Stuttgart/Weimar 2005, S.11

[8] J. Hoffmeister (Hrsg.), Briefe von und an Hegel, Hamburg 1969, S. 22

[9] Gerhard Gamm, Der Deutsche Idealismus, Eine Einführung in die Philosophie von Fichte, Hegel, Schelling, Stuttgart, 1997, S. 183

[10] F.W.J. Schelling, Ausgewählte Werke, Vom ich als Prinzip der Philosophie oder über das Unbedingte im menschlichen Wesen (1795), Darmstadt 1966, S. 47

[11] Baruch de Spinoza, Die Ethik, Stuttgart 1986

[12] Gerhard Gamm, Der Deutsche Idealismus, Eine Einführung in die Philosophie von Fichte, Hegel, Schelling, Stuttgart, 1997, S. 185.

[13] ebd. S. 89.

Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656361862
ISBN (Buch)
9783656362401
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208759
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie
Note
Schlagworte
idealismus zentrale fragen beantwortung idealisten staatstheorien

Autor

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