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Kann man von einer Entdämonisierung der Melusinengestalt sprechen?

Hausarbeit 2012 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eigenschaften von Feen
2.1 Melusine als Fee

3. Melusine und ihre Ehe

4. Melusine und ihre Söhne

5. Schlusswort: Entdämonisierung

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Thüring von Ringoltingens „Melusine“ handelt von einer mythische Sagengestalt des Spätmittelalters. Es handelt davon, dass Melusine einen Ritter unter der Bedingung eines speziellen Tabus heiratet. Laut dem Tabu darf er sie an einem bestimmten Tag, hier am Samstag, in ihrer wahren Gestalt nicht sehen, doch den Ritter überkommt seiner Neugier und bricht das Tabu. Im Gesamtverlauf der Sage präsentiert sich Melusine erfüllt vom Drang, in der sterblichen Welt zu leben, obwohl sie fast alle ihre dämonischen Wesensmerkmale besitzt und diese in ihrer Beziehung und Ehe mit Raimund zur Geltung bringt.

In dieser Arbeit möchte ich mich auf die Frage konzentrieren, ob man im Bezug auf den Drang von Melusine, ihrer Ehe mit dem Ritter und dem Gesamtverlauf ihrer Beziehungen, von einer Entdämonisierung der Melusinengestalt sprechen kann.

Dafür möchte ich zuerst eine allgemeine Einführung in die Welt der Wasserfrauen und dämonischen Gestalten ausführen. Anschließend soll Melusine mit ihren Merkmalen als Wasserfrau bzw. Dämon diskutiert werden. Hierzu werde ich verschiedene Stellen aus Thüring v. Ringoltingens Melusine zitieren und versuchen in allen Einzelheiten zu untersuchen, um der Beantwortung meiner Fragestellung nahe zu kommen.

2. Eigenschaften von Feen

In der Antike finden sich verschiedene Typen von Sagengestalten, insbesondere weibliche Gestalten, die in enger Verbindung mit dem Wasser stehen, sogenannte Wasserfrauen, die Beate Otto „große Mütter“ nennt.[1] Diese sind z.B. die Nymphen und die Sirenen. Sirenen stehen mit ihren todbringenden Verlockungskünsten für die negativen Eigenschaften. Sie galten mit ihrer äußeren Erscheinung als abscheulich, bekamen aber später durch einen Wesenswandel sexuelle Elemente zugeschrieben, wie z.B. einen attraktiven Oberkörper und wurden bewundert.[2] Das gefällige Gegenteil dazu stellen Nymphen dar. Außer ihrer Eigenschaft in die Zukunft sehen zu können, welches eine Gemeinsamkeit mit den Sirenen ist, wurden sie als Geberinnen der Fruchtbarkeit akzeptiert.[3] Die Nymphen wurden im Laufe der Jahrhunderte im deutschen Sprachraum zur Nixe und verloren die meisten ihrer positiven Attribute. Wichtig erscheint noch, dass Sirenen und Nixen keine Namen besaßen und nicht gesonderte Charaktere hatten, daraus ist zu verstehen, dass sie sich alle in vielen Eigenschaften ähnelten. Die Beziehungen zwischen diesen Gestalten und Männern waren fast immer durch eine Bedingung oder einem Verbot gekennzeichnet. Sie endeten fast ausnahmslos mit einer Bestrafung des männlichen Charakters, welches meist eine Kastration, der Tod war oder in Form einer Erblindung durchgeführt wurde. Wir finden eine ganze Reihe von solchen gewaltigen Bestrafungen in der Literatur und Geschichte. Beispielsweise: die Bedrohung des Hirten Anchises durch Aphrodite mit dem Wetterstrahl des Zeus, die tötende Artemis, die Göttin Kybele, wegen der Attis, der Sohn der Flussnymphe Nana, für immer ein Knabe blieb und viele weitere ähnliche Bußen.[4]

Melusine gehört zu den namenlosen Wasserfrauen der Antike, die ihre Namen, genauso wie die Undinen, später erhielt. Diese schlangengeschwänzte Frau, die immer nur temporär die Form einer sterblichen Figur annimmt, ist eine Mischung aus einer Meerfee und einem fliegenden Drachen. In ihrem natürlichen Aussehen als Drache, Schlange oder Fischfrau wirkt Melusine beängstigend auf Männer. Es stellt sich hiermit heraus, dass Melusine eine gemischte Erscheinung ist, in der sich unterschiedliche Ansichten gesammelt haben. Der Kern dieser Unterschiede ist nach Inge Stephan „das Wunsch–und Schreckbild einer elementaren Weiblichkeit“[5]

Zu den wichtigen und aussagekräftigen Eigenschaften zählt die Kombination von einem Schlangenschwanz mit der Frau, wie man sie bei Melusine antrifft. Diese Kombination galt als Zeichen für die Sünde des ersten Menschenpaares und verkörpert durch den Schwanz des Tieres die Angst des Mannes vor der Liebeskunst der Frau.[6] Eine weitere Zusammensetzung ist die Verbindung von Frau und Fischen. Der Fisch steht für die menschliche – christliche Seele, dass durch die Wasserfrauen, aus Weltlust, vernichtet werden soll.[7] Später änderte sich das Bild der Wasserfrauen in Positive. Dieses Thema möchte ich aber nicht weiter ausführen.

2.1 Melusine als Fee

In der Melusinen-Figur, deren Berühmtheit von Beate Otto mit der Figur der Venus verglichen wird, finden wir fast alle oben beschriebenen Merkmale von Wasserfrauen.[8] Melusine ist ein Dämon und eine Erlöserin, aber möchte sie gleichzeitig, wenn man ihr Verlangen nach der menschlichen Welt berücksichtigt, von ihren Merkmalen befreit werden? Schon mit der Begegnung mit ihrem Gatten, treten ihre Eigenschaften als Wasserfrau hervor. Sie übernimmt ähnlich wie alle Wasserfrauen die handelnde Rolle bei dem Zusammentreffen und spricht den Mann an: „Reymund/ lieber Freund/ dein not und klag ist mir leid in trewen“.[9] Hier ist, als eine weitere Besonderheit, darauf aufmerksam zu machen, dass Melusine bereits den Namen „Reymund“, durch ihre dämonische Eigenschaft kennt. Als er sie in seinem Kummer nicht wahrnimmt, packt sie ihn sogar an seinen Riemen und weist ihn zurecht: „Sicher du beweisest gar nicht/ das du von dem hochgelobten Adel geborn seyest/ das du also stillschweigend fUͤrreiten wollest“, was gar nicht typisch für eine adelige Frau der Zeit war.[10] Dieses Verhalten sagt aus, dass Melusine keine gewöhnliche Frau ist. Bei der Begegnung am Brunnen spricht Melusine ihm eine beneidenswerte Zukunft, in der all seine Wünsche Erfüllung finden werden, zu. Reymund überlässt sich bedingungslos ihren Händen. Auch wenn er vorerst, wegen seinem Kummer Melusine nicht bemerkt, weil er sich kurz nach dem Tod seines Onkels befindet, den er versehentlich während einer Jagd getötet hat, bleibt er nicht tat los gegenüber der Kenntnisse Melusines. Jedoch lässt er sich schnell von ihren vielversprechenden Aussagen und Schwüren ablenken. Obwohl er seine Frage, woher Melusine seinen Namen kenne, zwei Mal wiederholt, ist er letztlich so beeindruckt von ihr, dass er ihr verspricht: „Allerliebste schoene unnd Adeliche Frauw/ ich bin bereit alles das/ das ir mir rahten/ zu thun und zu erfuellen nach gantzer lieb und gutem vermoegen“.[11] Daraufhin nutzt Melusine den günstigen Zeitpunkt aus und spricht:

[...]


[1] Otto, Beate: Unterwasser-Literatur: von Wasserfrauen und Wassermännern. Würzburg: Königs-

hausen & Neumann, 2001, S. 26.

[2] vgl. Otto, Beate 2001, S. 29.

[3] Gutierrez Köster, Isabel: „Ich geh nun unter in dem Reich der Kühle, daraus ich geboren war…“

zum Motiv der Wasserfrau im 19. Jahrhundert. Berlin: Logos-Verlag., 2001, S. 45.

[4] vgl. Gutierrez Köster, Isabel 2001, S. 46-47.

[5] Stephan, Inge: Inszenierte Weiblichkeit: Codierung der Geschlechter in der Literatur des 18.

Jahrhunderts. Köln, 2004, S. 220.

[6] vgl. Gutierrez Köster, Isabel 2001, S. 28.

[7] vgl. Otto, Beate 2001, S. 33.

[8] vgl. Otto, Beate 2001, S. 29.

[9] Thüring von Ringoltingen: Melusine. In: In der Fassung des Buchs der Liebe (1587). Mit 22

Holzschnitten. Hrsg. von Hans-Gert Roloff. Stuttgart: Reclam 1991, S. 12.

[10] vgl. Thüring von Ringoltingen 1587, S. 11.

[11] Thüring von Ringoltingen 1587, S. 14.

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656363729
ISBN (Buch)
9783656364610
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208795
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Deutsche und niederländische Philologie
Note
2,0
Schlagworte
kann entdämonisierung melusinengestalt

Autor

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