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Der fremde Freund

Zwischen dem Unwillen zu erinnern und der Unfähigkeit zu vergessen

Forschungsarbeit 2010 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Unwille und Unmöglichkeit
2.1 Unwille zu erinnern
2.2 Unmöglichkeit zu vergessen

3 Enttäuschung, Schuld und Verrat
3.1 Vergegenwärtigte Vergangenheit
3.2 Enttäuschung und der Wunsch nach Infantilität
3.3 Schuld und Onkel Gerhard
3.4 Verrat und Katharina

4 Drachenhaut und Selbstentfremdung
4.1 Drachenblut statt Aufarbeitung
4.2 Selbstentfremdung statt Identität

5 Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1) Einleitung

„Ich habe im Drachenblut gebadet (…). In meiner unverletzbaren Hülle werde ich krepieren an meiner Sehnsucht nach Katharina.“ – das waren die Worte von Claudia, der Hauptfigur aus Christoph Heins Novelle „Der fremde Freund“, die mir schon vom ersten Lesen an in Erinnerung geblieben sind.

Es wird in dieser Hausarbeit vor allem um die Frage gehen, warum Claudia – wie sie es selbst benennt – im Drachenblut badete und welche Folgen das für sie hatte. Ein Ausgangspunkt soll jene Pattsituation sein, die schon im Titel der Arbeit formuliert ist – das Hin- und Hergezogensein zwischen dem Unwillen zu erinnern und der Unmöglichkeit zu vergessen. Es wird zunächst diese Widersprüchlichkeit als Ausgangslage präzisiert werden, bevor nach Gründen für die entstandene Drachenhaut gesucht wird. Ich gehe davon aus, dass nicht ein singuläres Ereignis für die (Zer-)Störung von Claudias Persönlichkeit verantwortlich ist. Viel mehr sehe ich in einer Akkumulation von Erlebnissen, vor allem aus ihrer Kindheit, diese Ursache. Daher wird ein Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Analyse des neunten Kapitels und damit auf ihren Kindheitserinnerungen liegen. Drei Komponenten sollen diesbezüglich untersucht werden – Enttäuschung, Schuld und Verrat. Nach meiner Hypothese sind es diese Verlusterfahrungen die schließlich zur sozialisierten Selbstentfremdung Claudias führten. Im vierten Punkt dieser Arbeit soll es dann um die Analyse dieser Selbstentfremdung, als Folge des Bads im Drachenblut, gehen.

Im Wesentlichen widmet sich diese Arbeit also dem Versuch zu verstehen, warum es zum Aufbau jener Schutzhülle kam und warum Claudia selbst meint, darin zu krepieren.

2) Unwille und Unmöglichkeit

2.1 Der Unwille zu erinnern

Mutet diese Formulierung zunächst vielleicht etwas seltsam an, so ist es doch sinnvoll sich diesem Gedanken sukzessive zu nähern. Zunächst erscheint ein Unwille zur Erinnerung für die Novelle selbst nicht passend, da „Der fremde Freund“ doch im Wesentlichen ein Erinnerungsvorgang ist. Am Tag von Henrys Beerdigung beginnt Claudia zu realisieren, dass sie sich „seiner erinnern sollte“. Retrospektiv erzählt sie von der gemeinsamen Zeit, die es einmal durch die vier Jahreszeiten geschafft hat, bevor Henry getötet wurde. Sie ist Ärztin, geschieden und lebt allein in einem Apartment in einem Ostberliner Hochhaus. Durch ein fast protokollarisches und bemüht unbeteiligt wirkendes Selbsterzählen wird dem Leser verdeutlicht, dass dieser Text auf mehreren Ebenen entschlüsselt werden kann[1].

Ausgehend von der ersten Textebene bietet die Novelle ausreichend Anlass, Claudias Persönlichkeit tiefer gehend zu analysieren. Der Terminus „Unwille“ bezeichnet in diesem Zusammenhang die zwar theoretische Möglichkeit, dass sich Claudia erinnert, gleichzeitig fehlt aber die emotionale Bereitschaft, sich auf diesen Vorgang tatsächlich einzulassen. „Erinnern“ kann hier als durchaus komplexer Begriff betrachtet werden, der eben keine Rekonstruktion der tatsächlichen Geschehnisse[2] beschreibt. Viel mehr bezeichnet der Begriff an dieser Stelle „das Wirksamwerden-Lassen unseres Wissens auf uns selbst“[3]. Unter dieser Prämisse gewinnt der Unwille zu erinnern in Bezug auf Claudia an Bedeutung. So ist doch ihre gesamte Existenz darauf ausgerichtet, Distanz zu wahren – Distanz zu anderen Menschen, Distanz zur eigenen Geschichte. Sie ist bemüht, die Erinnerungen an ihrer Kindheit, an ihre Ehe mit Hinner und schließlich auch an die gemeinsame Zeit mit Henry nicht wirksam werden zu lassen. Die Bilder, Ereignisse und Handlungen sind zwar durchaus in ihrem Gedächtnis und somit zu jeder Zeit abrufbar, aber durch ein „jahrelanges Bad im Drachenblut“ verlieren sie für Claudia scheinbar an Intensität. Erst durch Kapitel neun wird dem Leser überdeutlich, dass Claudias Vergangenheit sich dagegen sperrt zu vergehen.

Analysiert man Claudias Fotografie, so kann man damit durchaus Belege für diese These finden. Sie fotografiert Landschaften, entwickelt die Bilder auch selbst, verbannt dann aber die geschaffenen Erinnerungen in eine Schublade und sieht sie nie wieder an, bis sie sich schließlich sogar vor ihren eigenen Fotografien fürchtet[4]. Gemeinsam mit den Fotos sperrt sie ihre Erinnerungen weg, aufgrund ihrer Angst die Kontrolle zu verlieren. Womöglich aber auch, weil eine Auseinandersetzung mit ihrer Fotografie, mit den gewählten Motiven eine Reflexion des eigenen Lebenszustandes mit sich bringen würde. Für Claudia kann die eigene Kunst nicht als Therapie fungieren, viel mehr ist sie ein weiteres Puzzleteil für ihre „fanatisch-rational abgeschottete Diesseitigkeit“[5]. Auch durch ihren Beruf hat sie es gelernt, sich auf ihre Vernunft zu verlassen und somit Symptome bekämpfen zu können. Claudia gilt nicht als besonders warmherzige Ärztin[6], sie verschreibt Medikamente und geht Beschwerden nicht weiter nach. Sie ist bemüht, diese klinische Sterilität auch in ihrem Leben aufrecht halten zu können und wohl auch deshalb zeiht die Gegenwart nur „alltägliche Abziehbilder (…) darüber, bunt, laut, vergesslich. Heilsam.“[7]

2.2 Die Unmöglichkeit zu vergessen

Dem beschriebenen Unwillen zu erinnern, steht die Unmöglichkeit zu vergessen gegenüber. Eben diese „Pattsituation“ ist für die Hauptfigur Claudia konstitutiv.

Die gesamte Novelle durchzieht ein antagonistisches Prinzip. Kennzeichnend sind der Konflikt zwischen der eigenen Vergangenheit, die Claudia bisweilen überfällt[8] und dem Vergessen-Wollen, die Widersprüchlichkeit des Darstellens und des Nicht-Darstellen-Wollens und der Gegensatz zwischen Anders-Sein-Wollen, aber nicht Können. Trotz des durchgehend Monologs wird dem Leser ein tatsächlicher Einblick in die Innenwelt der Hauptfigur verweigert. Wesentliche Ursache für den Spannungsaufbau der Novelle ist demnach die Dichotomie zwischen Text und Subtext[9]. Claudia kommuniziert eben nicht nur das tatsächlich Gesagte, sondern immer das Außerdem-Gemeinte[10] und ihr selbst Fremde. Einzig wenn sie von Katharina spricht entstehen in dem „Sprachpanzer“ Lücken der Ehrlichkeit (siehe Kapitel 8). Es gibt aber durchaus Standpunkte in der Literaturwissenschaft, nach denen die Erzähltechnik Heins den Blick auf die Welt künstlich verengt. Extremer Fatalismus verhindert demnach womöglich die erhoffte Nähe zur Realität. Viel beweiskräftiger erscheint mir aber eine, durch eben jene Erzähltechnik hervorgerufene, Intensitätssteigerung[11]. Das „Geworfensein“ des Menschen Claudia wird so konsequent skizziert.

Die Lesbarkeit dieser Erzähltechnik wird ermöglicht unter anderem durch das Wissen um die Permanenz der Vergangenheit. Sie ist nach Hein selbst der unveränderbare Teil unserer Gegenwart, aber gleichzeitig auch „durch die Unmöglichkeit jeder nachträglichen Korrektur beunruhigenste und verstörendste Teil unserer Gegenwart.[12]“. Dieser Standpunkt wehrt sich demzufolge gegen die Alliteration Vergangenheitvergehen. Im Gegenteil: Erlebtes, Getanes, Gesehenes und auch Gesagtes sind unvergänglich. Die Gegenwart hingegen bietet uns zumindest für einen Augenblick die Chance für einen großen, einen einmaligen Auftritt[13]. Vielleicht wirkt die Gegenwart aus diesem Grund für die meisten Menschen weniger bedrohlich, als diese unkorrigierbare Vergangenheit. Der Stolz wird es sein, der hier zur Vorsicht mahnt. Nur weil die Zeit vergeht, wird es nicht leichter sich einzugestehen, etwas getan zu haben. Es scheint ein Merkmal beider deutscher Staaten gewesen zu sein, sich zu schnell von der (faschistischen) Vergangenheit zu lösen oder eben auf beliebte Art und Weise darauf zu hoffen, dass sie vielleicht doch irgendwann vergeht. Die DDR versuchte dies mittels „Entgegensetzung“. So wurden einige als progressiv eingestufte Personen und Bewegungen in das kulturelle Erbe mit auf genommen, bei anderen wurde dies jedoch bewusst vermieden (siehe dazu im Vgl. Kapitel 3.2: Die Schuld von Onkel Gerhard). Aber die eigene politische und gesellschaftliche Geschichte zu leugnen, zu verdrängen ist genauso unmöglich wie es mit der persönlichen zu versuchen. Es ist also fahrlässig anzunehmen, dass die Vergangenheit einfach vergehen wird, schon gar nicht wenn sie unbewältigt ist. Das liegt nicht in ihrer Natur. Im Gegenteil: es besteht durchaus die Möglichkeit einer Rückkehr[14].

[...]


[1] Dümmel, Karsten.: Identitätsprobleme in der DDR-Literatur der siebziger und achtziger Jahre. Frankfurt/Main 1997S. 168

[2] Albrecht, Terrance: Rezeption und Zeitlichkeit des Werkes Christoph Heins. Frankfurt/Main 2000.

[3] Albrecht, T.: S. 142

[4] Hein, Christoph: Der fremde Freund / Drachenblut. Frankfurt / Main: 2002. S.176

[5] Fischer, B.: Christoph Hein: Drama und Prosa im letzten Jahrzehnt der DDR. S. 68

[6] Hein, Chr.: DfF. S. 173.

[7] Hein, Christoph: Der fremde Freund / Drachenblut. Frankfurt / Main: 2002. S.11

[8] Hein, Chr.: DfF. S.157

[9] Dümmel, K.: S. 170.

[10] Albrecht, T.: S. 139.

[11] Fischer, B.: S. 63.

[12] Hein, Christoph: Die Zeit, die nicht vergehen kann oder Das Dilemma des Chronisten. In: Hein, Christoph: Als Kind habe ich Stalin gesehen. Essais und Reden. Frankfurt/ Main 2004.

[13] Ebd. 107

[14] Ebd.124ff

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656365921
ISBN (Buch)
9783656366874
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v208811
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
freund zwischen unwillen unfähigkeit

Autor

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Titel: Der fremde Freund