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Die Außenwirtschaftsbeziehungen Kubas zwischen Globalisierung und Transformation unter besonderer Berücksichtigung des US-Embargos

Diplomarbeit 2003 87 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Gliederung

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Kartenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sozioökonomische Daten und Rahmenbedingungen
2.1 Bevölkerung und Bruttoinlandsprodukt
2.2 Ökonomische Bedeutung einzelner Wirtschaftssektoren
2.2.1 Tourismus
2.2.2 Zuckerindustrie
2.2.3 Sonstige Wirtschaftszweige (Übertragungen, Nickel, Tabak)
2.3 Position im karibischen Wirtschaftsraum
2.3.1 Strukturelle Abhängigkeit der Karibik
2.3.2 Vergleich der karibischen Staaten
2.3.2.1 Dominikanische Republik
2.3.2.2 Haiti
2.3.2.3 Jamaika

3 Wandel und Entwicklung der ökonomischen Strukturen Kubas aus theoretischer Sicht
3.1 Politische und ökonomische Entwicklung im regulationstheoretischen Zusammenhang
3.1.1 Allgemeine Grundlagen der Regulationstheorie
3.1.1.1 Akkumulationsregime (Wachstumsstruktur)
3.1.1.2 Regulationsweise (Koordinationsmechanismus)
3.1.1.3 Anwendbarkeit der Regulationstheorie
3.1.2 Außenwirtschaftliche Entwicklungsphasen und Stationen der Regulation
3.1.2.1 Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg
3.1.2.2 Abkoppelung von den USA nach 1959 und Anlehnung an die UdSSR
3.1.2.3 Postsozialistische Ära nach 1989
3.2 Transformationstheoretische Zusammenhänge
3.2.1 Begriff der Transformation
3.2.2 Transformation der kubanischen Wirtschaft

4 Motive und Auswirkungen des US-Embargos
4.1 Grundlagen des Embargos
4.1.1 Erläuterung und Abgrenzung des Embargos
4.1.2 Embargoarten
4.2 Embargomaßnahmen der USA
4.2.1 Ziele und Entwicklung des US-Embargos
4.2.2 Handels-, Investitions- und Dienstleistungsblockade
4.2.3 Reaktionen von Drittstaaten auf das Embargo
4.2.4 Harmonisierung der Handelsbeziehungen mit den USA
4.3 Wirkung und Bewertung des Embargos

5 Kuba im Transformations- und Globalisierungsprozess
5.1 Ursachen und Folgen der Globalisierung
5.1.1 Entwicklung des Außenhandels
5.1.2 Entwicklung der Direktinvestitionsströme
5.2 Maßnahmen der Transformation
5.2.1 Investitionsförderungen auf Kuba
5.2.2 Reformen im Tabak- und Tourismussektor

6 Fazit

Literaturverzeichnis:

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Vergleich der karibischen Staaten

Tab. 2: Ökonomische Krisen und Transformation Kubas (1986-2000)

Tab. 3: Struktur der kubanischen Importe und Exporte in Prozent

Tab. 4: Zusammensetzung der Importe in Prozent 1990-2001

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Entwicklung des Tourismus auf Kuba

Abb. 2: Entwicklung der Zuckerernte auf Kuba

Abb. 3: Regulationstheoretische Grundstruktur

Abb. 4: Anwendung der Regulationstheorie auf das Beispiel Kuba

Abb. 5: US-Investitionen und Gewinne in Kuba 1945 bis 1959

Abb. 6: Transformation der Wirtschaft

Abb. 7: Außenhandelsstruktur Kubas in Prozent 1989 und 2002

Abb. 8: Exportstruktur Kubas nach Güterklassen in Prozent (1958-2001)

Abb. 9: Anstieg der direkten Auslandsinvestitionen (1973-2000)

Abb. 10: Direktinvestitionen in Kuba 1993-2002

Abb. 11: Länderanteile der ausländischen Direktinvestitionen (1993-2002)

Abb. 12: Investitionen nach Wirtschaftssektoren in Prozent (1993-2002)

Kartenverzeichnis

Karte 1: Regionale Entwicklung des Tourismus in Kuba (1990-2000)

Karte 2: Der karibische Raum

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Kuba ist wieder häufiger Thema in den weltweiten Medien seit der Hinrichtung von Dissidenten im Frühjahr des Jahres 2003. Auch die internationale Politik beschäftigt sich mit diesen Menschenrechtsverletzungen. Die amerikanische Regierung verfolgt solche Aktionen mit großer Aufmerksamkeit und sieht sie als Anlass, das seit über 40 Jahren bestehende Embargo gegen Kuba aufrecht zu erhalten. Deshalb stimmte der amerikanische Senat im September 2003 gegen eine Lockerung der Reisebeschränkungen nach Kuba, wodurch eine Harmonisierung der Beziehungen der verfeindeten Staaten weiterhin nicht abzusehen ist.

Diese schlechten politischen und insbesondere wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen den beiden Ländern stehen ganz im Gegensatz zu den Globalisierungstendenzen, die seit Anfang der 90er Jahre zu beobachten sind und durch die sich die Beziehungen zwischen früher gegnerischen Staaten erheblich verbessert haben. Durch den Zusammenbruch des Ostblocks und den Niedergang des Sozialismus in den osteuropäischen Staaten übernahmen diese Länder die westlichen Wirtschaftssysteme und schlossen sich der internationalen Gemeinschaft an. Kuba hingegen hält als einziges Land der westlichen Hemisphäre an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen des Sozialismus fest.

Ziel dieser Diplomarbeit ist es, darzulegen, welche Transformationen in Kuba in den vergangenen Jahren stattgefunden haben und wie sich Kubas Außenwirtschaftsbeziehungen nach dem Wegfall der kommunistischen Hauptabsatzmärkte verändert haben. Dabei ist das US-Embargo von besonderem Interesse, das Kubas wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten erheblich behindert und die Reintegration des Landes in die Weltwirtschaft vermeiden soll. Weiter wird untersucht, wie Kuba trotz dieser schwierigen externen Bedingungen und dem Festhalten am sozialistischen System, an den Globalisierungstendenzen teilhaben kann. Der Sozialismus ist bis heute auf der Karibikinsel die politische Staatsform; er wurde aber durch die globalen Veränderungen zu wirtschaftlichen Reformen gezwungen, um den Anforderungen der Weltwirtschaft zu genügen und weiter bestehen zu können.

In Kapitel 2 wird ein Überblick über das Land und die wichtigsten Wirtschaftssektoren gegeben und die wirtschaftliche Situation mit den Nachbarinseln verglichen, die ähnliche Grundvoraussetzungen haben, allerdings sehr unterschiedlichen ökonomische Entwicklungen aufweisen. Kapitel 3 erläutert die allgemeinen Grundlagen der Regulationstheorie, die dann auf Kuba übertragen werden. Im Detail folgen die außenwirtschaftlichen Entwicklungsphasen und Stationen der Regulation nach dem Zweiten Weltkrieg, an denen ersichtlich wird, dass Kuba zwei Mal in seiner jüngeren Geschichte eine komplette Umgestaltung der Außenwirtschaftsbeziehungen vollzog und positiv bewältigte. Kapitel 4 beschäftigt sich mit dem US-Embargo und dem Einfluss, den diese Wirtschaftssanktionen seit 43 Jahren auf Kuba ausüben. Besondere Bedeutung gewann das Embargo nach dem Zerfall der Sowjetunion, die mit großem Abstand wichtigster Handelspartner Kubas war und das Land umfangreich finanziell unterstützte. So entfalteten die amerikanischen Wirtschaftssanktionen erst 30 Jahre, nachdem sie verhängt wurden, ihre ganze Wirkung. Der drohende wirtschaftliche Kollaps zwang die kubanische Regierung, Wirtschaftsreformen durchzuführen und den Inselstaat gegenüber dem kapitalistischen Westen zu öffnen. Es erfolgte eine eingeschränkte Transformation, bei der nur Teilbereiche der Volkswirtschaft an den internationalen Wettbewerb angepasst wurden. Kapitel 5 stellt die weltweiten Veränderungen durch die Globalisierung dar und zeigt, dass Kubas Wirtschaft sich in Teilbereichen trotz des US-Embargos öffnet und den Ansprüchen der Globalisierung gerecht wird. Erfolgreich akquiriert das Land Direktinvestitionen und baut seine Wirtschaftsbeziehungen zur westlichen Welt aus.

2 Sozioökonomische Daten und Rahmenbedingungen

Im Folgendem wird ein Einblick in die sozioökonomische Entwicklung Kubas gegeben, bevor im Anschluss die Bedeutung einzelner Wirtschaftszweige für die kubanische Volkswirtschaft und deren Veränderungen erarbeitet werden. Im weiteren Verlauf folgt eine ökonomische Abgrenzung Kubas zu drei ausgewählten karibischen Nachbarstaaten, bei denen eine sehr ähnliche gemeinsame koloniale Vergangenheit zu unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen führte.

2.1 Bevölkerung und Bruttoinlandsprodukt

Kuba ist mit 110.860 km² die größte und mit 11,2 Mio. Einwohnern zugleich die bevölkerungsreichste Insel der Karibik (vgl. Auswärtiges Amt 2003a). Die Bevölkerung setzt sich zusammen aus 51% Mulatten, 37% Weißen und 11% Schwarzen (vgl. Der Fischer Weltalmanach 2003, S. 521). Nach der Revolution im Jahre 1959 erfolgten umfangreiche Veränderungen in der Regional- und Bevölkerungsstruktur durch die Verringerung der klassenspezifischen und gesellschaftlichen Unterschiede. Ziel war die Reduzierung der räumlichen Disparitäten zwischen den ländlichen Gebieten und den Städten (vgl. Klopfer/Mertins 2001, S. 270). So wurden die großen regionalen Ungleichheiten zwischen der Hauptstadt Havanna und den ländlichen Gegenden abgebaut und die Infrastruktur des ländlichen Raumes an die der bevölkerungsreicheren Städte angepasst. Gleichzeitig wurde die medizinische Versorgung auf dem Land verbessert (vgl. Bähr/Mertins 1989, S. 4ff.).

Nach 1970 forcierte die sozialistische Regierung eine Angleichung der Lohn- und Einkommensverhältnisse. Anfang der 80er Jahre erfolgten umfangreiche Maßnahmen zur regionalen Wirtschaftsförderung und zur Urbanisierung des ländlichen Raumes. Des Weiteren gelang im Verlauf der 70er Jahre eine Angleichung der medizinischen Standards auf Kuba. Die Kindersterblichkeit betrug im Jahr 2001 0,9% und gehörte zu den niedrigsten der Welt (vgl. Der Fischer Weltalmanach 2003, S. 521). Diese Zahl ist für ein Land mit dem Entwicklungsstandard Kubas herausragend und ist mit den führenden Industrienationen vergleichbar. Kein anderes Land im karibischen Raum und in Lateinamerika erreicht ähnliche Werte. Die Steigerung der Lebenserwartung um zehn Jahre auf 76 Jahre belegt die Leistungsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Sie liegt 10 Jahre höher als die Lebenserwartung im lateinamerikanischen Durchschnitt (vgl. Burchardt 2001, S. 313). Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug in den vergangenen 15 Jahren durchschnittlich 0,7%. Die schwierigen ökonomischen Bedingungen haben dazu beigetragen, dass die Lebendgeburten pro Frau von 4,6 im Jahr 1963 auf 1,6 Geburten (2001) zurückgingen. Die Bruttoreproduktionsrate der Bevölkerung liegt seit den 70er Jahren unter eins. Dieses Schicksal teilt Kuba mit den meisten europäischen Staaten und mit den westlichen Industrienationen (vgl. Mertins 2001, S. 31).

In der Hauptstadt Havanna leben ca. 20% der kubanischen Bevölkerung. Sie ist das wichtigste innerkubanische Wanderungsziel. Obwohl in der Vergangenheit die Infrastruktur des ländlichen Raumes erheblich verbessert wurde, ziehen die Verdienstmöglichkeiten und der höhere Lebensstandard die Menschen in die Metropole (vgl. Klopfer/Mertins 2001, S. 270). Über 60% der 1,2 Mio. kubanischen Auswanderer in der Zeit von 1960 bis 2002 kamen aus Havanna. Viele der Flüchtlinge benutzten die Hauptstadt als Sprungbrett für die Emigration aus Kuba in die USA, weshalb die Bevölkerungsentwicklung in den letzten Jahrzehnten sehr von Auswanderungen geprägt ist (vgl. Mertins 2001, S. 40). Die meisten Exilkubaner, die in den vergangenen 44 Jahren das Land in Richtung USA verlassen haben, gehörten zur Bildungselite der Republik. Die Mehrheit dieser Gruppe ließ sich in Miami, Florida, nieder. Im Unterschied zu allen anderen Migrationsbewegungen in Latein- und Mittelamerika war es auf Kuba die reiche Ober- und Mittelschicht, die das Land verließ (vgl. Perez 1988, S. 344). Heute helfen diese Emigranten den zurückgebliebenden Verwandten und Freunden durch Übertragungen von Devisen. Auf die Bedeutung der Überweisungen von den über eine Million Flüchtlingen wird im nächsten Abschnitt eingegangen. Da hauptsächlich weiße Flüchtlinge den Inselstaat verließen, profitieren heute von den Geldtransfers die weißen Angehörigen. In der jüngeren Vergangenheit führte dies zu größer werdenden sozialen Unterschieden zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen (vgl. Hoffmann 2002, S. 99f.).

Nach dem Zusammenbruch der osteuropäischen Planwirtschaften erlitt die kubanische Wirtschaft einen Schock. Das Bruttosozialprodukt (BIP) schrumpfte in den Jahren 1990 bis 1993 um ca. 35%. Die Exporte verringerten sich in diesem Zeitraum um 80%, die Öleinfuhren fielen um die Hälfte. Wegen des Energie- und Rohstoffmangels reduzierte sich die Auslastung der Industriekapazität auf nur noch 10-20%. Die Bruttoinvestitionen gingen um 60%, die Bautätigkeit um 80%, die Transportleistung um 75% zurück. Der freie Fall der kubanischen Wirtschaft konnte mit den von der Regierung eingeleiteten Hilfs- und Reformmaßnahmen erstmals 1994 mit einem leichten Wirtschaftsanstieg von 0,75% gestoppt werden (vgl. Burchardt 1999, S. 20f.). Dieser Aufwärtstrend hielt 1995 mit einem Wachstum von 2,5% an und setzte sich 1996 mit einer Wachstumsrate von 7,8% fort. In den Jahren 1997 und 1998 konnte sich das Wachstum von 1996 aufgrund eines starken Einbruchs in der Zuckerindustrie (vgl. Abb. 2) nicht mehr fortsetzten. Dennoch blieb die kubanische Wirtschaft in den vergangenen Jahren, trotz zunehmender internationaler Krisen und einer sich abkühlenden weltwirtschaftlichen Dynamik, auf einem Wachstumskurs. Der Aufschwung wird durch die wiederentdeckte Stärke des Tourismussektors getragen, der Bereich weist zweistellige, jährliche Wachstumsraten auf. Deshalb erreichte das BIP 1999 und 2000 Steigerungsraten von 6,3% und 6,1%. In den letzten beiden Jahren ist das BIP um ca. 3% gewachsen und betrug 29,4 Milliarden Dollar (vgl. Bfai 2003, S. 5ff.). Das BIP pro Kopf beträgt 2.976 US-Dollar (vgl. Auswärtiges Amt 2003a).

Insgesamt erscheint die wirtschaftliche Krise überwunden, in die das Land durch den Zusammenbruch des Ostblocks und die Auflösung der Sowjetunion nach 1989 gerissen wurde. Die Wirtschaft stabilisierte sich, wenn auch auf einem niedrigem Niveau. Trotz des Festhaltens der Regierung an dem zentral gelenkten Wirtschaftssystem erzielt Kuba seit 1995 ein konstantes Wirtschaftswachstum. Die wichtigsten Wachstumsimpulse haben ihren Ursprung in der Legalisierung des US-Dollars und der selektiven Öffnung von Tourismus und Bergbau (vgl. Hoffmann 2002, S. 116).

2.2 Ökonomische Bedeutung einzelner Wirtschaftssektoren

Die Tourismuswirtschaft und die Zuckerindustrie sind die tragenden Säulen der kubanischen Ökonomie. In diesen Bereichen fanden nach den Transformationsbrüchen 1959 und 1989 umfangreiche Veränderungen statt, die im Anschluss näher erklärt werden. Einzelne Sektoren erlebten große Bedeutungsschwankungen, die eng mit dem wirtschaftlichen Befinden des Landes zusammenhängen.

2.2.1 Tourismus

Kubas Tourismuswirtschaft wies in den letzten 14 Jahren sehr große Zuwachsraten im internationalen Fremdenverkehr auf. 2003 wird dieser Wirtschaftszweig trotz der stagnierenden Weltwirtschaft und des Irakkrieges, durch den es zu erheblichen Buchungsrückgängen beim Flugverkehr kam, um ca. 16% wachsen. Dies hängt mit dem sehr niedrigem Ausgangsniveau von 1990 und einer gezielten staatlichen Tourismusförderung zusammen. Die Regierung forcierte den Ausbau der internationalen Flughäfen (Havanna, Varadero, Holguin) und investierte in die Infrastruktur durch den Neubau von Straßen und Hotelanlagen in den Touristenregionen (vgl. Bürgi 1994, S. 49ff.). So entstanden Enklaven, in denen der Tourismus konzentriert wird und zu denen nur autorisiertes Personal Zugang hat. Bekanntestes Beispiel hierfür ist der Badeort Varadero, in dem sich der Massentourismus auf Luxushotels konzentriert (vgl. Ibero-Amerika-Vereien 2003, S. 3ff.). Zusammen mit der Hauptstadt Havanna und den östlich davon gelegenen Stränden „Playas del Este“ kommen ca. 70 bis 80% der internationalen Touristen in diese Region (vgl. Beier 2001, S. 377). In den letzten Jahren verstärkte die Regierung ihre Bemühungen, weitere Gebiete für den internationalen Tourismus zu erschließen (vgl. Karte 1). Neue Stranddestinationen entstanden vor allem an der Nordküste und auf kleinen, der Küste vorgelagerten Inseln, wie z.B. Cayo Guillermo und Cayo Coco. Städtetourismus soll in der Hauptstadt des Ostens, Santiago de Cuba, etabliert und in der kulturhistorisch einmaligen Stadt Trinidad an der Südküste erweitert werden. Landschaftlich herausragend ist die westliche Provinz Pinar del Rio, wo umfangreiche Investitionen in neue Hotelanlagen fließen (vgl. Beier 2001, S. 377f.). Die nachfolgende Karte gibt einen Überblick über die Entwicklung des Tourismus seit 1990 und belegt die Dominanz der Region Havanna und Varadero, zeigt aber auch deutlich den Touristenzuwachs in anderen Regionen.

Karte 1 : Regionale Entwicklung des Tourismus in Kuba (1990-2000)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Wehrhahn/Widderich 2000, S. 97

Insgesamt verfügt das Land über 40.000 moderne Zimmer in Einrichtungen der 4- und 5-Sterne-Kategorie. Der Tourismus ist in kurzer Zeit damit zu einer der wichtigsten Devisenquellen des Landes aufgestiegen und wird weiter stark wachsen, was auf die optimalen geographischen Bedingungen und die prognostizierten Wachstumsraten des Ferntourismus zurückzuführen ist (vgl. Stanley 2000, S. 49f.).

Die Entwicklung des Tourismus kann in drei Phasen unterteilt werden: Bis zur Revolution 1959 diente Kuba als Urlaubsort vor allem für US-Bürger und reiche Einheimische. Für die USA war Kuba das beliebteste Reiseziel der Karibik, 1955 kamen mehr als eine Millionen Besucher in das Land (vgl. Hoffmann 2002, S. 108). Diese Vormachtsstellung innerhalb der Karibik verlor Kuba 1958 an die Bahamas und Puerto Rico, die erstmals mehr Touristen beherbergten (vgl. Wehrhahn/Widderich 2000, S. 94). Nach der Revolution 1959 und der Kubakrise 1962 brach der internationale Tourismus völlig zusammen. Statt dessen führte die Regierung einen nationalen Tourismus ein, der durch umfangreiche staatliche Kontrolle geprägt war. In dieser Zeit gehörte der Strand dem Volk. Einfache Arbeiter, Hochzeitspaare und Personen, die durch besondere staatliche Verdienste auffielen, konnten Hotelgutscheine erhalten, durch die ein Urlaub am Meer möglich wurde. In dieser Zeit gab es keine Pauschaltouristen, sondern nur Besuche von Delegationen (vgl. Exenberger 2002, S. 39f.). Ausländische Touristen kamen erst wieder in geringer Anzahl ab Mitte der 80er Jahre. Seit dem gewinnt der Tourismus kontinuierlich an Bedeutung.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Wegfall der wichtigsten Handelspartner veränderte sich die Einstellung gegenüber der Tourismuswirtschaft. Ihr wurde nach 1989 eine bedeutende Rolle für das wirtschaftliche Wiedererstarken Kubas zugewiesen. Die gezielte Förderung dieses Wirtschaftszweiges verursachte einen sprunghaften Anstieg der Besucherzahlen. Der Tourismus erhob sich zum Kernstück der Reintegration Kubas in die Weltwirtschaft, und ermöglichte die dringend benötigten Deviseneinnahmen, was das wirtschaftliche Überleben des Landes sicherte (vgl. Beier 2001, S. 371). Von nur 160.000 Touristen im Jahr 1970 stieg die Zahl bis heute auf 1.8 Millionen rasant an (vgl. Der Fischer Weltalmanach 2003, S. 522). Zwischen 1990- und 1996 lag das Wachstum bei über 20%. 1996 wurden zum ersten Mal mehr als eine Millionen Besucher registriert (vgl. Beier 2001, S. 372ff.). Abb. 1 zeigt die Touristenzahlen und verdeutlicht die großen Schwankungen der Besucherzahlen seit 1927.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Entwicklung des Tourismus auf Kuba

Quelle: Beier 2001, S. 372 u. Wehrhahn/Widderich 2000, S. 94

Der Tourismusboom basiert wesentlich auf dem Anstieg der Urlauber aus Westeuropa, die mittlerweile 56% der Besucher ausmachen. Insbesondere Italiener (17%) und Spanier (11%) bevorzugen die karibische Insel noch vor den Deutschen (7%), die bis 1994 das größte Touristenkontingent stellten. Die zweitgrößte Gruppe kommt mit 15% aus Kanada (vgl. Beier 2001, S. 373). Aus Lateinamerika reisen vor allem Mexikaner und seit der wirtschaftlichen Stabilisierung und der Bindung des argentinischen Peso an den US-Dollar vermehrt Argentinier nach Kuba. Die Gruppe der lateinamerikanischen Touristen macht ca. 20% der Besucher aus. Aus den USA, die in der Karibik das größte Kontingent stellen, kommen nur illegal Besucher über Drittländer (z.B. Mexiko, Dominikanische Republik und Kanada) nach Kuba (vgl. Garcia Jimenez 1999, S. 219). Dies liegt an den Ausreisebestimmungen der USA in Verbindung mit dem Embargo (vgl. 4.2.2). US-Amerikanern wird die offizielle Einreise nach Kuba untersagt, worüber sich 2002 ca. 160.000 meist kubanisch stämmige US-Bürger hinwegsetzten (vgl. Süddeutsche Zeitung 2003b).

In den vergangenen 14 Jahren wuchs die Bedeutung dieses expandierenden Sektors. Der Tourismus erwirtschaftet mittlerweile über 10% der Exporteinnahmen (vgl. Beier 2001, S. 373) und ca. 15% des BIPs (vgl. Ibero-Amerika-Verein 2003). In weniger als einem Jahrzehnt wurden mehr als 70.000 direkte Arbeitsplätze[1] geschaffen. Allerdings wuchs damit auch die Abhängigkeit von diesem Sektor (vgl. Kubanische Botschaft 2003a). So trafen Rückgänge des internationalen Tourismus durch Ereignisse wie die Terrorangriffe vom 11. September 2001, Naturkatastrophen (z.B. die Wirbelstürme „Lili“ und „Isidore“ im Oktober 2002) und die weltweite ökonomische Rezession die kubanische Wirtschaft besonders hart (vgl. Auswärtiges Amt 2003a). Heute ist der Tourismus neben den Erlösen aus dem Export von Zucker und den Überweisungen der Exilkubaner eine der drei zentralen Devisenquellen für das Land. Dabei beträgt der Nettoertrag des Tourismus aber nur ca. 70% der Einnahmen. Der Abfluss der Devisen ist durch die Gewinntransfers der betreibenden Hotelketten und die Importe für den Touristenkonsum, die zur Ausstattung der Destinationen nach westlichen Vorbild nötig sind, bedingt (vgl. Hoffmann 2002, S. 109).

In den nächsten zehn Jahre sind weitere umfangreiche Investitionen für den Ausbau der Reisebranche geplant. Bis zum Jahr 2010 sollen jedes Jahr sieben Millionen Urlauber, untergebracht in 70.000 Zimmern, das Land besuchen (vgl. Kubanische Botschaft 2003a).

Der stark angewachsene Tourismus hat umfangreiche soziale Konsequenzen. Auf der einen Seite steht die kubanische Bevölkerung, deren Alltag von Versorgungsengpässen in allen Bereichen des täglichen Lebens bestimmt ist, auf der anderen Seite existiert die „Dollar-Welt“ in den Touristenenklaven, in denen gegen Devisen jeglicher Luxus erworben werden kann (vgl. Hoffmann 2002, S. 107f.). Von den zunehmenden räumlichen Disparitäten sind vor allem Personen und Haushalte in peripheren Regionen betroffen, die keinen oder nur in geringem Umfang Zugang zu Devisen haben. Deutliche Indikatoren sind Unterbeschäftigung, Arbeitslosigkeit, eine geringere Entlohnung (als in den wirtschaftlich attraktiven Regionen Varadero und Havanna) und eine unterdurchschnittliche Versorgung mit allen grundlegenden Gütern (vgl. Klopfer/Mertins 2001, S. 270).

2.2.2 Zuckerindustrie

Kubas Landwirtschaft besitzt schon seit der Kolonialzeit eine große ökonomische Bedeutung und ist neben dem Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Zucker ist mit großem Abstand vor Nickel und Tabak das bedeutendste Exportprodukt (vgl. Niess 1991, S. 139). Bis 1993 war Kuba größter Zuckerexporteur der Welt und gehört bis heute zu den führenden Zuckerproduzenten. Hauptabnehmer des Rohstoffes sind Japan, Großbritannien, China und Russland (vgl. Der Fischer Weltalmanach 2003, S. 1204).

Heute arbeiten in der Zuckerwirtschaft 450.000 Menschen[2], die im letzten Jahr 2,2 Millionen Tonnen Zucker herstellten, wofür ca. 50% der landwirtschaftlichen Nutzfläche gebraucht wurde. Die Zuckerindustrie verkoppelt, wie kein anderer Wirtschaftszweig, den Außenhandel mit der Binnenwirtschaft (vgl. Burchardt 1999, S. 50). Dabei erhält sie die wichtigsten Kapitalinputs, wie z.B. Düngemittel, Pestizide und Treibstoff aus Importen und produziert hauptsächlich für den Export. Die Bedeutung des Zuckers an den Gesamtexporten hat in der Vergangenheit von über 80% im Jahr 1958 stetig auf jetzt 30% abgenommen (vgl. Kap. 5.1.1) (vgl. Burchardt 2001, S. 337ff.).

Die Zuckerindustrie traf der Zusammenbruch des Ostblocks am stärksten. Sie verlor mit der UdSSR ihren wichtigsten Absatzmarkt und musste Einsatzfaktoren (z.B. Ersatzteile, Maschinen, Dünger) zu Weltmarktpreisen kaufen. Statt der durch die RGW-Staaten[3] gezahlten Vorzugspreise verkaufte Kuba den Zucker zu Dumpingpreisen auf dem Weltmarkt. (vgl. Burchardt 1999, S. 53)

Die Zuckerindustrie leidet bis heute unter großen Effizienzproblemen. Es fehlte bis zuletzt der Wille, grundlegende Reformen zur Effizienzsteigerung, wie z.B. Dezentralisierung, Rationalisierung, durch den effektiveren Einsatz von Produktionsfaktoren (z.B. Pestizide und Düngemittel), zur Senkung der Produktionskosten durchzuführen (vgl. Burchardt 2002, S. 69). Abb. 2 verdeutlicht den Rückgang der Zuckerernte auf Grund der verschlechterten Produktionsbedingungen seit 1989. Bis heute reduzierte sich die Produktion um knapp 70%.

Abb. 2: Entwicklung der Zuckerernte auf Kuba

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Burchardt 1999, S. 53 u. Ibero-Amerika-Verein 2003

Die kontinuierlich schlechten Produktionsergebnisse der zafra (Zuckerernte) bremsen die weitere wirtschaftliche Erholung des Landes. So fehlen Kuba zwei Milliarden Dollar Deviseneinnahmen, wenn vom Durchschnitt der früheren Ernten und den damaligen Zuckerpreisen ausgegangen wird. Da der Zucker eine Schlüsselindustrie des Landes ist, kann für die Zukunft nur durch die Verbesserung der Effizienz dieses Industriezweiges das gesamtwirtschaftliche Umfeld verbessert werden (vgl. Burchardt 2001, S. 340). Problematisch für das Wiedererstarken der Zuckerindustrie ist der harte internationale Wettbewerb unter den Anbietern, der stagnierende Verbrauch und die Überkapazitäten auf dem Weltmarkt. Daneben ist Zucker der weltweit einzige homogene Rohstoff mit minimalen Qualitätsunterschieden zwischen Zuckerrohr und Zuckerrüben. Der Absatz wird einzig und allein über den Preis entschieden, der sich von 60 US-Cent 1970 auf heute 7-8 US-Cent pro Pfund verbilligte (vgl. Der Fischer Weltalmanach 2003, S. 1204). Länder wie z.B. Brasilien und Australien verfügen über absolute Kostenvorteile gegenüber Kuba bei der Zuckerproduktion; wegen des hohen Automatisierungsgrades der Landwirtschaft können sie den Rohstoff viel günstiger herstellen. So zwang der niedrige Weltmarktpreis die kubanische Regierung große Teile (ca. 30%) der nicht effektiv bewirtschafteten Monokultur (vgl. Sperberg 2001, S. 60f.) und die Hälfte der Zuckerfabriken stillzulegen (vgl. Rheinischer Merkur 2003). Hiervon sind insbesondere Arbeiter in den ländlichen Regionen betroffen, in denen es außer der Zuckerwirtschaft keine anderen Arbeitsmöglichkeiten gibt, was den regionalen Verdienstunterschied zwischen Stadt und Land bzw. Touristenregion und Zuckeranbauregion weiter verstärkt (vgl. Nuhn 2001, S. 45). Um die Zuckerindustrie dennoch zu stabilisieren, suchte die Regierung nach anderen Verwendungsmöglichkeiten für Zucker und stimulierte die traditionsreiche Produktion von Rum aus Zuckerrohr. Dieser Bereich erwirtschaftete in den letzten Jahren 0,3% der Exporterlöse, gewinnt aber nur langsam an Bedeutung und ist eher als Nische zu betrachten (vgl. Beier 2001, S. 374). Bei der weiteren Suche nach Verwendungsmöglichkeiten für Zuckerrohr förderte die kubanische Regierung die Forschung im Bereich der Zuckerderivate. Auf Basis des Zuckerrohrs wurden verschiedene Wachse, Enzyme, Hefen, biologisches Waschmittel, Viehfutter und Spanplatten hergestellt, die allerdings nie in großem Stil produziert wurden, weil die Produktionskosten zu hoch waren. Erfolgversprechender ist die Papiergewinnung aus Zuckerrohrstroh und die Energiegewinnung aus Bagasse[4]. Beide Verfahren sind allerdings noch nicht Marktreif und deshalb eher als Zukunftsvisionen zu verstehen (vgl. Henkel 2001, S. 362f.).

Neben den internen Effizienzproblemen erschüttert der Agrarprotektionismus der Europäischen Union und das Handelsembargo der USA (vgl. Kap. 4) die Zuckerwirtschaft Kubas. Zirka 70% des weltweit produzierten Zuckers werden aus Zuckerrohr hergestellt, das vornehmlich aus ärmeren Ländern der südlichen Halbkugel stammt (vgl. Cuba-Si 2003). Aber die EU schottet zum Schutz der heimischen Zuckerproduktion ihre Märkte vor billigen Rohzuckerimporten ab. Daneben exportiert die EU unterstützt durch Subventionen ihre Überschüsse an Rübenzucker auf den Weltmarkt und verursacht dadurch einen Preisverfall, was starke Einnahmeverluste für Kuba bedeutet. In diesem Zusammenhang bemühte sich Kuba, dem im Jahr 2000 neu zu verhandelnden Lomé-Nachfolgeabkommen[5] beizutreten über den die AKP-Staaten[6] mit der EU assoziiert sind (vgl. Gratius 2001, S. 196f.). Dieses fand bei den karibischen Staaten und der EU Unterstützung und hätte eine Erleichterung des Absatzes von Zucker in der EU für Kuba bedeutet. Allerdings zog die kubanische Regierung im letzten Moment den Beitrittsgesuch zurück, weil sie für die bevorzugten Absatzmöglichkeiten des Zuckers in die EU Einmischungen in seine inneren Angelegenheiten[7] nicht hinnehmen wollte (vgl. Hoffmann 2001, S. 182).

2.2.3 Sonstige Wirtschaftszweige (Übertragungen, Nickel, Tabak)

Bis zum 26. Juli 1993 war der Besitz der US-Währung per Gesetz verboten. Seither gab es umfangreiche Veränderungen des kubanischen Wirtschaftssystems. Angesichts des Wertverlusts des kubanischen Pesos bedeutet die Freigabe des US-Dollars nicht das Zulassen einer Zweitwährung, sondern die Akzeptanz des US-Dollars als einzige harte Landeswährung (vgl. Zeuske 2000, S. 161). Kuba erschloss sich durch die Legalisierung des US-Dollars eine neue Devisenquelle, die mittlerweile wichtiger als die Einnahmen aus dem Zucker und den Nettoeinnahmen des Tourismus geworden ist, nämlich die Geldüberweisungen[8] der Exilkubaner aus dem Ausland. Dieses Geld kann in staatlichen Dollar-Geschäften ausgegeben werden, in denen fast ausschließlich importierte Waren und Nahrungsmittel angeboten werden. Die erwirtschafteten Gewinne fließen in die Staatskasse, wodurch die Devisenausstattung des Landes erheblich verbessert wurde. Insgesamt belaufen sich die Einnahmen aus den Überweisungen auf 600-1.200 Millionen Dollar pro Jahr (vgl. Mesa-Lago 1996, S. 72ff.).

Zu einem weiteren wichtigen Exportgut und Devisenbringer entwickelte sich Nickel. Zirka 37% der weltweiten Nickelreserven befinden sich auf Kuba (vgl. Valdes 1996, S. 20). Technologisch rückständige Produktionsanlagen konnten in den letzten Jahren mit Hilfe von ausländischem Kapital modernisiert werden und ließen die Produktion auf 80.000 Tonnen ansteigen (vgl. Nuhn 2001, S. 50).

Durch den Bedeutungsverlust des Zuckers gewinnen auch andere Agrarerzeugnisse wie z.B. Tabak, Zitrusfrüchte und Kaffee an Bedeutung für die kubanische Volkswirtschaft. Die klimatischen und geographischen Bedingungen für diese Produkte sind optimal. Umfangreiche Investitionen sind in der Vergangenheit insbesondere in die Tabakindustrie geflossen, um die Exporterlöse durch die berühmten Havanna-Zigarren weiter zu steigern (vgl. Arlt 2001, S. 241f.).

In jüngster Zeit verbesserte sich wegen der erhöhten Nachfrage nach Langusten und Garnelen auf dem Weltmarkt auch der Export von Fischereiprodukten (vgl. Nuhn 2001, S. 51), so dass der exportorientierte Fischfang nach 1989 starke Zuwächse verzeichnete. Mittlerweile stellt Kuba 20% der Weltproduktion dieser Schalentiere und ist nach Australien zum wichtigsten Exporteur aufgestiegen (vgl. Auswärtiges Amt 2003a).

Als neue Exportprodukt gewann die Biotechnologie und die pharmazeutische Industrie in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung. Der Aufbau von Forschungs- und Produktionskomplexen wird vorangetrieben – ein Bereich in dem Kuba erhebliches Potential eingeräumt wird. Dieses liegt an den besonders guten Vorausetzungen, die das Gesundheitssystem mit den hervorragend ausgebildeten Fachkräften bietet (vgl. Nuhn 2003, S. 122).

2.3 Position im karibischen Wirtschaftsraum

Der karibische Wirtschaftsraum wird im Jahr 2003 voraussichtlich um 1,5% wachsen. Die verschlechterten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und vor allem die lahmende Konjunktur der USA treffen diese Region besonders, die durch die geographische Nähe zu den USA geprägt ist (vgl. United Nations 2003, S. 3).

In einer vergleichenden weltweiten Betrachtung des internationalen Entwicklungsstandards sind die karibischen Staaten als Schwellenländer anzusehen. Haiti ist dabei die große Ausnahme (vgl. Hicks 2002, S. 15). Karte 2 dient der geographischen Einordnung der Region und zeigt die Nähe Kubas zum amerikanischen Festland, das nur knapp 200 Kilometer entfernt ist. Kuba ist die größte Karibikinsel und erstreckt sich über 1.200 Kilometer Länge und 200 Kilometer Breite (vgl. Hoffmann 2001, S. 186). Neben der Hauptinsel gehören zum Staatsgebiet ca. 1.600 kleine und kleinste Insel, die überwiegend unbewohnt sind. Direkte Nachbarinseln sind Jamaika und Hispaniola, auf der die Staaten Dominikanische Republik und Haiti liegen, die alle zusammen zu den Großen Antillen gehören (vgl. Intemann et al. 1999, S. 443).

Karte 2 : Der karibische Raum

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Institut für Wirtschaftsgeographie Lmu München 2003: Grundkarte

2.3.1 Strukturelle Abhängigkeit der Karibik

Nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus im Jahr 1492 entwickelten sich die ersten Interessen der Spanier, Engländer, Franzosen und Holländer an der Karibik. Die Kolonialherren führten als neue Wirtschaftsform die Plantagenwirtschaft ein. Die Kolonien belieferten die europäischen Mutterländer mit Agrarprodukten wie z.B. Zuckerrohr, Kaffee und tropischen Früchten, und dienten ausschließlich dem wirtschaftlichen Nutzen der Kolonialherren. Die einzelnen Kolonien pflegten keine Kontakte und Außenwirtschaftsbeziehungen untereinander, da dies keine Vorteile für die Mutterländer mit sich brachte. So entstand eine starke wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen den Kolonien und ihren europäischen Besitzern (vgl. Fleischmann 1994, S. 16ff.).

Im 19. Jahrhundert veränderten sich die Machtverhältnisse in der Region. Die USA entwickelten als aufstrebende Großmacht Interesse am karibische Raum. Als ersten Schritt annektierte die amerikanische Regierung Puerto Rico. Kuba erhielt den offiziellen Status der Unabhängigkeit, doch behielten sich die USA das Recht auf militärische Interventionen vor, womit die kubanische Unabhängigkeit eher den Charakter eines US-Protektorates bekam. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bauen die USA ihre Macht in der Region konsequent aus. England, Spanien, Holland und Frankreich verloren dagegen an Einfluss (vgl. Haas et al. 1985, S. 9f.).

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges brach eine neue Epoche für die karibischen Inselstaaten an. Der Kolonialismus ging zu Ende, und Großbritannien und andere Kolonialmächte entließen einen Großteil des Kolonialbesitzes in die Unabhängigkeit. Jamaika wurde 1962 innerhalb des Commonwealth eine parlamentarische Monarchie. Andere Staaten folgten diesem Beispiel (vgl. Friedel 1989, S. 137f.).

Die strukturelle Abhängigkeit der karibischen Staaten und die daraus resultierende Unterentwicklung sind zu einem Großteil eine Folge ihrer wirtschaftlichen und politischen Geschichte. Die 400-jährige koloniale Vergangenheit hinterließ politische und soziale Strukturen, die zum einen nur ausreichend die Grundbedürfnisse der Bevölkerung befriedigten und zum anderen nicht den Anforderungen des Weltwirtschaftssystems entsprachen. Durch die einseitige Spezialisierung bei der Produktion von Agrarprodukten entstand eine Außenabhängigkeit. Diese wurde durch die Konzentration auf den Export, der sich auf die Ausfuhr von oftmals nur einem einzigen Produkt (Zucker) konzentrierte, verstärkt (vgl. Haas et al. 1985, S. 16f.). In diesem Bereich dominierten hauptsächlich multinationale Konzerne aus den USA und Europa, welche die billigen Arbeitskräfte, Steuervorteile und Gewinntransfermöglichkeiten nutzten, sich aber nicht um die Reduzierung der strukturellen Abhängigkeit kümmerten (vgl. Sagawe 1997, S. 634f.). Die bestehenden Merkmale und Unterschiede zwischen ausgewählten Karibikstaaten folgen im nächsten Kapitel.

[...]


[1] Diese Arbeitsplätze entstanden z.B. in Hotelanlagen und bei Tourismusunternehmen, die Ausflüge betreuen, Führungen leiten und in Restaurants und Geschäften arbeiten. Die Anzahl der indirekt geschaffenen Arbeitsplätze ist unbekannt, weil sie hauptsächlich in Bereichen der Industrie (Zementfabriken, Holzverarbeitung etc.) entstanden, die beim Aufbau der Infrastruktur mithalfen.

[2] Das ist ca. ein Zehntel der erwerbstätigen Bevölkerung (vgl. Burchardt 1999, S. 50).

[3] RGW: Der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (auch COMECON genannt) war eine internationale Wirtschaftsorganisation kommunistischer Staaten zur wirtschaftlichen Integration der Mitgliedsländer auf der Basis der Koordination der nationalen Volkswirtschaftspläne und der Spezialisierung und Kooperation der Produktion im Rahmen einer internationalen Arbeitsteilung der beteiligten Volkswirtschaften (vgl. Brockhaus 1988, S. 76).

[4] Bagasse ist ein in großer Menge anfallendes Abfallprodukt der Zuckerindustrie. Es wird getrocknet und gepresst als Brennstoff zur Energiegewinnung genutzt. Die aufwändige Technik der Verbrennungsöfen ist sehr teuer und muss importiert werden, weshalb nur wenige Anlagen auf Kuba installiert wurden (vgl. Henkel 2001, S. 364).

[5] Das Lomé-Abkommen ist die formale Basis der besonderen Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und den AKP-Staaten nach der die europäischen Länder verpflichtet sind, diese außereuropäischen Länder wirtschaftlich zu fördern (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon 2000, S. 2023).

[6] Afrikanisch-Karibisch-Pazifische-Staaten; die EU unterhält seit 1975 mit 77 Ländern aus den genannten Regionen Vertragsbeziehungen über Handel, wirtschaftliche Kooperation und Finanzhilfen (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon 2000, S. 70).

[7] Die EU verurteilte einstimmig die kubanische Regierung wegen Menschenrechtsverletzungen innerhalb der UN-Menschenrechtskommission (vgl. Gratius 2001, S. 198).

[8] US-Bürger dürfen 1.200 US-$ im Jahr an Privatpersonen oder staatsunabhängige Einrichtungen in Kuba senden.

Details

Seiten
87
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638246507
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20891
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Wirtschaftsgeographie
Note
1,3
Schlagworte
Außenwirtschaftsbeziehungen Kubas Globalisierung Transformation Berücksichtigung US-Embargos

Autor

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Titel: Die Außenwirtschaftsbeziehungen Kubas zwischen Globalisierung und Transformation unter besonderer Berücksichtigung des US-Embargos