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Vom Ehrenamt zur Selbsthilfegruppe

Hausarbeit 1997 15 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Merkmale und historische Entwicklung des sozialen Ehrenamts

III Rückgang traditioneller sozialer Hilfeleistung und ehrenamtlicher Tätigkeit

IV Zunehmender Bedarf an Lebenshilfen

V "Neues" soziales Engagement

VI Soziale Selbsthilfegruppen
a) Bestimmungselemente
b) Arbeitsweise
c) Motivation am Beispiel der Gruppenselbstbehandlung

VII Vom freiwilligen Ehrenamt zum solidarischen Handeln. Neue Begriffe für neue Formen freiwilligen sozialen Engagements

VIII Fußnoten

IX Literaturverzeichnis

I Einleitung

Das Vorhandensein einer grundsätzlichen Bereitschaft zum sozialen Engagement wird über­wie­gend an der Resonanz auf die traditionellen Angebote gemessen, wie zum Bei­spiel dem freiwil­ligen sozialen Ehrenamt. Kommt durch die Individuali­sierung der Bürger die nachlassende Bereitschaft dazu ersatzlos zum Erliegen?

Neben den hier nicht berücksichtigten Formen der herkömmlichen individuellen und fa­mi­lialen Selbsthilfe haben sich neue kulturelle Muster wechselseitiger Hilfe heraus­gebildet, wie sie sich u. a. in sozialen Selbst­hilfegruppen finden. Traditio­nelle Wer­te von sozialem Engagement sind auf Anhieb in einer Selbsthilfegrup­pe nur schwer er­kennbar; Aufopfe­rung, zeitliche Unbegrenztheit, Zurückstellen der eigenen Person und Inter­essen bis hin zum Altruismus, wie sie sich in der ehren­amtlichen sozialen Tä­tigkeit zeigen, haben hier keine Anwendung.

Der Rückgang traditioneller Normen als Triebfeder sozialen Engage­ments, der in den ersten beiden Teilen der vorliegenden Arbeit nachgezeichnet werden soll, muß al­ler­dings nicht be­deu­ten, daß das Enga­ge­ment in einer Selbst­hil­fe­grup­pe nichts mehr mit frei­wil­ligem sozia­len Eh­renamt zu tun hat. In der folgen­den Ar­beit soll viel­mehr nach­gewie­sen werden, daß durch die Selbst­hilfe­grup­pen neue For­men frei­wil­ligen sozialen Enga­ge­ments entstanden sind, die sich vom tradi­tionel­len Eh­renamt in Moti­ven und Strukturen grundle­gend unter­schei­den.

II Merkmale und historische Entwicklung des sozialen Ehrenamtes

Durch das "Elberfelder Modell" um 1850 wurde Armenfürsorge von einer kirch­lichen zur kommunalen Auf­gabe. Die Kommune setzte Armenpfleger ein. Mit Hausbesuchen über­prüften sie die Bedürftigkeit der An­tragsteller und Bezieher von Armenfürsorge und ge­währten Lebensunterhalt. Zudem kontrollierten sie den Lebens­wandel der Armen und ga­ben Unterstützung zur Beseitigung der Notlage. Organisiert wurde das ganze von der Ar­mendirektion (heute Sozialamt). 1) Die Armenpfleger waren ursprünglich rein ehrenamtlich tätige Bürger. Ein ehren­haftes Le­ben, das sich auf Prinzipien wie "Verdienst" und "Leistung" gründete, war die Vorausset­zung für die Vergabe eines solchen Amtes. 2)

Parallel dazu entstand die freie Wohlfahrtspflege wie "Innere Mission" und "Rotes Kreuz", denen gegen Ende des Jahrhunderts die "Katholische Caritas" und der "Paritäti­sche Wohl­fahrtsverband" folgten. Auch hier wurde und wird ebenso heute noch ein Teil der Ar­beit ehrenamtlich geleistet.

Religiöse Motivation, Mitverantwortung für den Nächsten und die Gemeinschaft, sowie - oft von Familien­angehörigen - übernommene Auffassung von der sozialen Betätigung als ethische Pflicht sind überwiegende Beweggründe für die Tätigkeit der Ehrenbeamten. 3) Das Engagement ist institutionell eingebunden und mehr oder weniger von Be­dürfnissen und Strukturen der jeweiligen Organisation ge­prägt, aber nicht mit einer Entlohnung ver­bunden. Ehrenamtliche Hilfe ist eine Form der Fremdhilfe, die sich jenseits von Ver­pflich­tungen aufgrund familialer oder verwandt­schaftli­cher Beziehungen vollzieht. Heute findet sie sich in der Er­bringung unmittel­barer persönlicher Dienstleistungen (inner­halb des orga­nisierten Rahmens), in der Über­nahme von Vormundschaften und Pfleg­schaften, umfaßt Tätigkeiten in sozialen Vorständen und Ausschüssen, als Bewährungs­helfer und in Kir­chen­gemeinden.

Mit dem Begriff ehrenamtliches soziales Engagement wird heute die Vielzahl persönli­cher Hilfen bezeichnet, die ehrenamtliche Mitarbeiter/innen zur Bewälti­gung der Fol­gen von Krankheit, Behinderung und Pflegebe­dürfigkeit sowie zur Bearbei­tung sozialer Probleme leisten. Der/Die Ehrenamtliche übernimmt eine in der Organisation des Trägers in der Regel fest "verplante" Funk­tion, die er/sie selber nur begrenzt gestalten und den eigenen Be­dürfnissen anpassen kann.

III Rückgang traditioneller sozialer Hilfeleistung und ehrenamtlicher Tä­tig­keit

Wie eingangs festgestellt, wird das Vorhandensein einer grundsätzlichen Bereit­schaft zum sozialen Ehrenamt an der Resonanz der Bürger auf die traditionellen Angebote ge­messen. Aus Sicht der Wohlfahrtsverbände hat die Bereitschaft zu kontinuierlicher ehrenamtlicher Tätigkeit in den vergangenen Jahrzehnten abge­nommen. Der Rück­gang der Zahl ehren­amtlich Tätiger basiert aber nicht auf em­pirischen Erhebungen, sondern ist aus den Äuße­rungen von Verbandsvertretern ersichtlich. Geschätzt wird sie auf etwa 1,5 Millionen; ein Drit­tel davon sind Män­ner, zwei Drittel Frauen. 4) Die Mitarbeiter der freien Wohl­fahrtspflege müssen immer häufiger feststellen, daß sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter aus den Ein­richtungen und Diensten zurückzie­hen. Hinter den nicht genau festzuma­chen­den quantitativen Verlusten des Ehren­amtes steht auch ein qualita­tiver Schwund. Kon­sta­tiert wird eine nachlassende Bereitschaft, sich auf zeitlich und inhaltlich um­fangreiche und ver­pflichtende Tätig­keiten einzulas­sen ( vgl. Bilanz Zwischenbe­richt BAG 1985).

Freiwillige Hilfsbereitschaft ist scheinbar zurückgegangen. Sicherheit, Zusammen­halt und Versorgung durch die Familie ist größtenteils zerfallen. 5) Traditionelle Ver­wurzelungen und deren soziale Bindungen (Freunde, Nachbarn) werden auch durch die Mobilität, die der Arbeitsmarkt erzwingt, aufgelöst. Frauen nehmen am Ar­beitsmarkt teil und leisten nicht mehr selbstverständliche Hilfe in Familie, Nachbar­schaft oder ehrenamtlich in Verbänden und Kirchen. Letztere sind zudem oft als Sinnvermittler durch freiwillige soziale Arbeit in Fra­ge gestellt. "Es wächst die Neigung, Freizeit ohne Einschränkung zu genießen. Soziale Verantwortung wird weniger übernommen, man macht sich von gegenseitiger Hilfeleistung un­abhängig durch bezahlte Dienstlei­stun­gen." 5)

Als Parallele dazu wurde zu lange der Staat als verantwortlich für die soziale Versorgung diskutiert. "Soziale Verpflichtungen werden wegindividualisiert, da durch sie der Freizeit­spaß aufhört ." 6) Der private Vorteil gilt als Grundgesetz, Gemein­sinn dagegen als "Blödheit". Und gar Hans Küng mit seiner Aussage: "Die antiauto­ritäre Erziehung/Nicht­erzie­hung hat auch nach der Auffassung mancher ihrer Ver­treter ihr Ziel kaum erreicht: We­niger eine mündige, sozial und ökolo­gisch engagier­te, politisch hochmotivierte Ju­gend ließ man da 'heranwachsen', als eine zuallererst egozen­trische, konsum­orientierte und im schlimm­sten Fall gewalt­tätige und fremden­feindliche Generation (...)" 7)

Lust an der ehrenamtlichen Tätigkeit in Verein, Kirche, Partei oder Gewerkschaft haben eigentlich nur noch die Rentner (9%) und die ältere Generation von 50 - 64 Jah­ren (8%) sowie Mitglieder der Vier-Personen­haushalte (8%). 8) Solches Enga­ge­ment findet als Freizeitaktivität bei den übrigen Bevölkerungsgruppen deutlich weni­ger Interesse. Die Zen­tralwerte des herkömmlichen Ehrenamtes wie christli­che Nächstenliebe, Klassensolidarität und Humanität verlieren an Bedeu­tung.

IV Zunehmender Bedarf an Lebenshilfen

Das gegenwärtige System der sozialstaatlichen Absicherung und Bewältigung sozialer und gesundheitlicher Problemlagen ist den gesellschaftlichen Veränderun­gen nur noch teilweise gewachsen. Demographischer Wandel, chronisch degenera­tive Krankheiten und die Verän­derung sozialer Netze bilden dazu die Herausfor­derung. Wenn informelle Netzwerke wie die Familie ebenso wie traditionelle Milieus, Nachbarschaften etc. an Kraft verlieren, wird der Sinnvermittlungsbedarf in der Privatsphäre größer. Zu­nehmende Krisenhaftigkeit von Identitätsbildung und Isolation sind Begleiterscheinun­gen. Pluralisierung bringt auf den ver­schiedenen Ebenen der Persönlichkeit Instabi­lität hervor - im Extremfall auch in einem psych­iatrisch relevanten Sinn.

So werden Schuldnerberatungsstellen von immer mehr Menschen aufgesucht, die in der Familie oder anderen traditionellen Solidargemeinschaften keine finanzielle Rü­kende­kung mehr erhalten. Ein weiteres Beispiel sind Menschen, denen die grundle­genden Wandlungen im Ge­schlech­terverhältnis feste Orientierungen für Sexualität und Partnerschaft entzo­gen haben. Diese Gruppe braucht in zunehmen­dem Ma­ße Entscheidungs­hilfen im Bereich Sexual-, Schwan­gerschafts- und Ehe/­Lebensberatung. Lösen sich traditionelle Familienbindungen auf, geht Kindern vielfach die Orien­tie­rung am elterlichen Vor­bild verloren; sie benötigen dann Rat und Unterstützung in einem anderen Kontext.

Menschen, die nicht in der Lage sind, immer neu pro­blemadäquate soziale Bezie­hungen aufzubauen, müssen dabei Hilfestellung erhal­ten - etwa in Form von Selbst­hilfegruppen Betroffener.

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Details

Seiten
15
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638246583
ISBN (Buch)
9783638747431
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v20899
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Sozialarbeitswissenschaften
Note
sehr gut
Schlagworte
Ehrenamt Selbsthilfegruppe

Autor

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Titel: Vom Ehrenamt zur Selbsthilfegruppe